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Ich gehe ohne Groll und Zorn, geläutert betrete ich nun ein neues Reich, entspringe meinen Fesseln und neue Zauber treten an die Stelle alter. (aus dem Abschiedsbrief)
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Seitenzahl: 101
Veröffentlichungsjahr: 2016
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„Ich gehe ohne Groll und Zorn, geläutert betrete ich nun ein neues Reich, entspringe meinen Fesseln und neue Zauber treten an die Stelle alter."
(aus dem Abschiedsbrief)
Sein Leben als „Andersseiender“ aus Sicht der langjährigen Gefährtin, Ehefrau und Mutter seiner Kinder.
1969 in Salzburg geboren,
liebt ihren Urberuf als Mutter und das Leben
Vorwort
Provokation, Outing − die Antwort?
Du und ich
Nachwort
An einem Tiefpunkt angelangt, formte sich in mir der Drang zu schreiben. Nur so konnte ich diesen Lebensabschnitt als Prozess einer Traumatherapie verarbeiten. Einzig und allein dazu dient dieses Buch und ist meine eigene Interpretation des Erlebten.
So kann ich diesem Teil meines Lebens seine Bedeutung geben, seine Besonderheit, und nun auch Abstand nehmen.
Nicht nur zum Schutz für die Beteiligten, sondern auch für meinen Mann, habe ich ein Pseudonym gewählt.
Die Autorin
„Ich warte schon lange, um darüber zu sprechen", sagt mir die Ärztin. „Wissen Sie, wie ich die beiden vorgefunden habe?" „Von der Bestatterin wurde mir gesagt, dass beide nackt, aller Kleidung entledigt, am Boden lagen und sich hielten." Dieses für mich tröstliche Bild formte sich bisher so: Zwei Menschen liegen auf dem Rücken nebeneinander, halten sich an den Händen und sind ihren letzten Weg gemeinsam gegangen. Zwei einsame Seelen, die sich gefunden haben, weil jeder für sich alleine nicht den Mut hatte für diesen endgültigen Schritt aus dem Leben, den Freitod.
„Sie waren nicht ganz nackt", erzählt mir jetzt die Ärztin. „Jeder hatte sein T-Shirt an, nur die Unterkörper waren frei. So lagen sie einander eng umschlingend in Löffelstellung* neben der Badewanne. Gibt es in der Familie Geheimnisse?", fragt mich die Ärztin nun. Ich verneine. Dass es einen Suizid großmütterlicherseits meines Mannes gab, ist für mich ja kein Geheimnis. Die Ärztin erklärt mir ihre Ansicht. „Für mich ein eindeutiges Bild. Hier handelt es sich entweder um Provokation oder ein Outing, eine bisher unterdrückte Neigung, die im Leben nicht gelebt werden konnte. So legt man sich nicht zum Sterben hin! Denn es war heiß im Badezimmer, wieso behielten die beiden dann ihre T-Shirts an? Ist das für Sie schlüssig, können Sie damit etwas anfangen?", fragt sie mich. „Ja, es ist für mich schlüssig. Ich weiß um die feminine Ader meines Mannes. Allerdings hat er diese nach außen hin stets kaschiert mit Härte zu sich und anderen." „Kann es sein, dass hierin der Vater-Sohn-Konflikt Ihres Mannes mit seinem Vater gelegen hat? Ich erzähle Ihnen das, weil es für Ihre beiden Söhne wichtig sein wird, das zu erfahren. Denn wenn Ihr Mann auch Ihren beiden Söhnen ein schwieriger Vater war und sich dann aus deren Leben vertschüsst, einfach so.“
... So einfach war es eben nie mit Dir!
Ich schreibe in diesem Moment von meinem Mann, der sich vor zwei Jahren zusammen mit einem Freund in dessen Wohnung geplant und gut vorbereitet das Leben genommen hat. Die Todesursache lautete: Kohlenstoffmonoxidvergiftung. Auf die genaueren Details will ich hier nicht näher eingehen.
* Löffelstellung
Bei der Löffelstellung liegen die Partner auf der Seite, und der aktive Partner dringt von hinten in den Anus oder die Vagina des passiven Partners ein. Der Name der Stellung rührt von der Ähnlichkeit mit zwei ineinander liegenden Löffeln her. Ein Vorteil der Stellung ist die hohe Intimität, die vom möglichen großen Körperkontakt ausgeht, da der eine Partner sich an den anderen schmiegen kann. Beide Partner können sich zusätzlich an den erogenen Zonen stimulieren, da die Arme nicht zum Abstützen gebraucht werden.
Warum ich zur Ärztin gegangen bin an diesem Tag? Mein Hausarzt war in Urlaub, meine Söhne sind bereits ihre Patienten und ich wusste, dass sie damals den Totenschein für die beiden Männer ausstellte. Sie würde mich verstehen. Ich brauchte sie jetzt, weil ich gerade dabei war, mich aufzulösen, zu verlieren ... Und ich schildere ihr, warum ich gekommen bin. Dass ich dem Druck meiner Loyalität, der Verantwortung, dem „Gefüge" der Schwiegerfamilie nicht mehr gewachsen bin. Dass ich mich morgens zwingen muss aufzustehen, dass mir schlecht ist, wenn ich in die Arbeit gehe, ich mich ständig zusammenreiße, obwohl ich jeden Moment in Tränen ausbrechen möchte, schreien möchte. Meine Tochter Sorgen um mich hat, glaubt Anzeichen von Magersucht zu erkennen. Ja, ich will mich auflösen, „verdünnisieren" und habe Angst, es auszusprechen. Dass ich mich lösen muss von Euch, von der Firma, in der mich täglich alles an meinen Mann erinnert, weil es der Familienbetrieb ist, in den ich mich eingefügt habe. Und in die Familie, die mich liebevoll aufgenommen hat, und in die ich mich vollkommen integriert habe, dass ich eine von Euch geworden bin. Daher fällt es mir so verdammt schwer, mich nun zu lösen. Ich muss! Weil ich bereits auf demselben Weg wie mein Mann bin, ich kann dem Anspruch nicht mehr gerecht werden. Ich funktioniere nur noch, rotiere nur noch, mein Leben besteht aus toten Gewohnheiten. Gewohnheiten, die mir einerseits Sicherheit geben, die mich andererseits mürbe machen, weil sie mich automatisieren, ich nicht mehr Mensch bin, mich nicht mehr fühle. Mein Körper reagiert, weil mein Innerstes sich nach außen stülpt, es wird offensichtlich. Doch der Verstand muss erst noch bezwungen werden.
Die Ärztin versteht, es ist kein Burnout, sie diagnostiziert „Anpassungsstörung nach Suizid des Gatten und schweren Familienkonflikten" und schreibt mich unbefristet krank. Eine Überweisung für eine von ihr empfohlene Psychiaterin bekomme ich gleich mit.
Haben wir denn Konflikte miteinander? Wir tragen keine offen aus. Wir reißen uns ja zusammen. Doch unterschwellig brodelt Ungesagtes, wir schweigen uns aus, haben Angst vor Worten! Wir tun einfach weiter, das Leben geht ja weiter. Für mich ist es nicht so leicht, denn wir arbeiten täglich miteinander, mein Schwiegervater und ich. Aus großem Respekt und aus Achtung vor ihm bemühe ich mich, ihn in seiner Arbeit, die er sich unerschöpflich aufbürdet, so gut es mir möglich ist zu unterstützen. Ihm loyal zur Seite zu stehen, das bin ich ihm schuldig, dazu fühle ich mich verpflichtet.
Doch mir geht die Kraft aus und ich fange an mich zu fragen, ob ich diese Schuld jemals abtragen oder abarbeiten kann. Wie lange soll das noch so weitergehen? Muss es denn weitergehen? Die Eltern meines Mannes waren immer für uns da, haben uns unterstützt, sei es in finanzieller Hinsicht oder in der Kinderbetreuung, meine Kinder lieben ihre Omi. Wenn gröbere Probleme auftauchten, war die Familie immer da. Mein Mann und ich arbeiteten beide im Betrieb mit.
Mein erster Barbesuch, eine Privatbar beim Bauern im Zuahäusl, wir Mädels auf unseren Mopeds. Ihr Jungs fahrt vor und ich frage frech: „Und wer ist jetzt wer von Euch?" Wir haben ja schon einiges gehört von unserer Schulfreundin, die bereits mehrmals diese Bar besucht hat. Ein Rudel seid Ihr, relativ jung, zwischen 16 und 18 Jahren, so wie wir halt. Und wir erfahren Eure Namen. Dann gehen wir eine steile Holztreppe hoch und betreten die Bar. Sie füllt sich langsam. Du bist der, der die Platten auflegt − es gibt gute Musik. Ich bin die, die gerne tanzt − zu guter Musik. Ab und an gehe ich zu Dir hin und habe einen Plattenwunsch. Wir Mädels amüsieren uns gut, werden eingeladen zum Trinken und beobachtet. Denn wir sind ja sozusagen frisches Blut, kommen ohne Begleitung, was heißt, wir wären zu haben. Es wird viel getrunken, doch das scheint normal zu sein in dieser Bar.
Wir begegnen uns in den kommenden Wochen nun öfter, entweder in der Bar oder ab und zu gehen wir ins Kino, immer im Rudel, wir Mädchen und Ihr Burschen. Wobei meine beste Freundin und ich bald die einzigen Mädchen werden und Ihr Jungs in der Überzahl seid. Uns gefällt es natürlich, dass um uns gebuhlt wird. Wir haben die größere Auswahl. Du bist anders, auffällig, der Rudelführer, gibst den Ton an, trägst tolle Klamotten. Du interessierst mich. Dir gefällt meine Figur, mein Gang mit den Stöckelschuhen. Wir nähern uns bereits.
Du willst mich zuhause abholen. Ein Freund, der schon den Führerschein hat, fährt Dich mit dem Auto hin. Du hast einen leichten Rausch, läutest an und fragst meine Mutter nach dem Namen meiner Schulfreundin, obwohl Du zu mir willst! Meine Schulfreundin wohnt in der nächsten Ortschaft. Das macht mich wütend. Bist Du nur nervös oder ist Dein Rausch schwerer? Ich will Abstand von Dir nehmen und erzähle Dir, dass ich mich am Wochenende mit meinem Tanzpartner aus dem Tanzkurs, den ich mit meiner Freundin nehme, zum Eislaufen verabredet habe. Das macht Dich wütend und Du tauchst mit Deinem Rudel in der Eislaufhalle auf. Mein Tanzpartner ist ziemlich gut auf den Schlittschuhen unterwegs und ich unterhalte mich harmlos mit ihm. Du bist total unsicher auf dem Eis, kannst ja nicht mal Schlittschuhfahren. Du willst nur sehen, was ich treibe. Außerdem bist Du viel zu schön angezogen, ganz klassisch diesmal. Dunkelblaue Hose, dunkelblauer Pulli und der Schal war grün, glaube ich. Mein Tanzpartner verabschiedet sich von mir. Und so machen sich meine Freundin und ich mit Euch gemeinsam zu Fuß auf den Weg zum Bahnhof, wir fahren ja mit dem gleichen Bus nach Hause. Dabei werde ich Dich immer wieder am Schal ziehen und necken.
Einmal bringst Du mich abends mit Deinem Moped zu mir heim, ich steige ab, Du drehst Dich um und sagst: „Dafür bekomme ich jetzt aber schon ein Bussi?" Ja gut, ich gebe Dir eins und gehe schnell ins Haus.
Irgendwann erzählst Du mir von einem gutaussehenden Mädchen, auf das Du stehst und bei dem Du gute Chancen hast. Da Du nicht weißt, wie Du bei mir dran bist, wirst Du eben nächstens auf diese Party gehen, wo sie hinkommt. Mich packt die Eifersucht. Ich gehe auch zu dieser Party. Und da passiert es, wir sehen uns und ich küsse Dich, fresse Dich beinahe auf. Wir fallen irgendwo auf eine Matte oder Couch, Billy Idol dröhnt lautstark im Hintergrund. Wir liegen aufeinander und werden nicht müde, unsere Zungen miteinander spielen zu lassen, kriegen kaum Luft.
Es steht fest, wir gehen nun miteinander. Keiner wird sich mehr trauen, mich anzumachen. Ich bin jetzt Dein Mädchen. Dir wird das Küssen und Streicheln bald zu wenig, Du willst mehr. Mir ist es noch zu früh, wir kennen uns doch erst ein paar Monate. Du bist fordernd und ich gebe nach. Wir machen es das erste Mal. Ganz unromantisch, an einem Sonntagnachmittag in der Bar auf dem Holzfußboden auf einer Decke. Mir ist es peinlich. Du wirst mich das erste Mal ganz nackt sehen und ich weiß auch nicht, wie es geht. Ich sehe Dein Glied und kann nur sagen: „Mein Gott, ist der groß!" Es ist eher mühe- als lustvoll, fühlt sich unangenehm für mich an, doch es ist vollbracht. Das Küssen ist mir jedenfalls lieber. Doch wir werden es von jetzt an öfter „miteinander treiben" und vor allem überall und auch neben anderen.
Ich sitze wieder bei Dir hinten am Moped auf dem Weg zu mir heim und bin später dran als mir erlaubt war, viel zu spät. Mein Stiefvater erwartet mich bereits, meine Mutter schläft leider schon. Am nächsten Tag fragst Du mich, ob ich arg Schimpf bekommen habe und ich werde Dir antworten: „Es wäre mir lieber gewesen, ich hätte eine Watschn bekommen." Du sagst: „Du spinnst.“ Ich aber will es Dir nicht erklären müssen.
