Der Anfang der Geschichte - Frank Gruber - E-Book

Der Anfang der Geschichte E-Book

Frank Gruber

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Beschreibung

In erschreckend einprägsamen Bildern zeichnet der Roman die Bedingungen einer Zeitenwende nach. Von seinem krankhaften Arbeitseifer angetrieben, verliert sich Roberto in den Wirrnissen einer für zeitlos erachteten Epoche. Was so schön nach Freiheit glänzt, das entpuppt sich immer nur als ein weiteres uneinlösbares Versprechen. Als gäbe es dahinter noch eine andere, unangenehme Wahrheit. 2010 erschien von Frank Gruber der kritische Essay „Dauerstress im göttlichen Apfelgarten“, in dem er erstaunliche Parallelen zwischen der Wirtschaftskrise von 2008 und Richard Wagners Oper „Rheingold“ aufdeckt. Seit 2018 stellt er seine Werke unter dem Label „édition littoral“ einer breiteren Öffentlichkeit vor. Es sind dies Prosatexte, Lyrik, Journale, Zeichnungen und Fotografien.

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Seitenzahl: 245

Veröffentlichungsjahr: 2018

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»Der Anfang der Geschichte« ist eine mitreißende Begegnung mit Brennpunkten der jüngeren europäischen Geschichte. Nicht zufällig nimmt der Titel des Buches Bezug auf jenes Buch, das Anfang der 1990er Jahre den Ton der kommenden Jahrzehnte angeben sollte: Francis Fukuyamas »The End of History and the Last Man«. So viel ist klar: Heute wird wieder Geschichte geschrieben! Oder anders gesagt: Heute sind es wieder die Mythen der Völker und Nationen, welche dem Vormarsch universeller Wertevorstellungen einen Riegel vorschieben wollen.

Frank Gruber, geboren 1975, studierte Politikwissenschaft, Zeitgeschichte und Medienkunde an der Leopold-Franzens-Universität Innsbruck. In dieser Zeit wird sein Interesse an den Schriften Nietzsches, Freuds und der griechischen Tragödiendichter geweckt, welche sein Schreiben in der Folge nachhaltig beeinflussen. Der Autor lebt in Kufstein und Innsbruck.

Für Adalbert Stifter

»… und was wir gewesen oder noch sind,

morgen sind wir’s nicht mehr.«

Ovid, Metamorphosen

Inhaltsverzeichnis

Das Ende

Der Anfang der Geschichte

Robertos Freilassung

Das Ende

1

»Wie ist es, wenn ich an dieser Stelle drücke?«

Schon bei der ersten Berührung sauste etwas wie Strom durch Robertos Körper.

»Nicht gut«, antwortete er.

»Beschreiben Sie es. Wie fühlt es sich an?«

»Unter ihrem Daumen, ein Schraubenzieher. Weiter unten ist es anders. Brennender. Ein Seziermesser vielleicht.«

»Und hier? Stärker oder schwächer?«

Der Arzt untersuchte Robertos Rücken gründlich, indem er abwechselnd mit Daumen oder Knöchel in das sehnige Fleisch bohrte. Doch war die erste Stelle diejenige, welche ihn in die Praxis von Doktor Falk hatte loseilen lassen.

»Können Sie schon etwas sagen, Herr Doktor?«

Einmal noch drückte er seine Fingerkuppe unsanft in den empfindlichen Herd, um ihn damit erneut auf die Probe zu stellen. Und siehe da, ganz so, wie er es von dem Wenigen, das er über Roberto wusste, erwartet hatte, hockte sein Patient tapfer wie ein angeschossener Indianer vor ihm auf der Untersuchungsbahre. Nicht die Spur eines Zuckens oder Zusammenfahrens oder Aufjaulens. Stattdessen manifestierte sich das wohl beträchtliche Ausmaß des Schmerzes in einer fest geronnenen Pose, so als hätte sich sein Oberkörper immer weiter in ein Schneckenhaus verkrochen, aus dem am Ende nur noch das Kinn sichtbar in die Höhe stach. Dabei im Blick den Ort, von dessen Schönheit er einmal gehört und von dem er sich jetzt vorstellte, was doch in seinem Zustande ganz unmöglich wäre, wie er nämlich den letzten Schritt des schweren Anstiegs auf die Große Schanze setzte. Im Sinne den kurzen Augenblick, bevor er ganz allein bliebe mit dem Wind und dem Ausblick, von dem Worte nichts zu sagen wüssten.

»Haben Sie schon einen Verdacht, Herr Doktor, was es sein könnte?«, wiederholte Roberto seine Frage. Aber entgegen einer Diagnose suchte der Doktor nur nach weiteren Schmerzstellen, zu seinem Erstaunen auch abseits des lädierten Kreuzes, welche für sein Empfinden nichts zur Sache taten.

Ohne etwas von dem gefunden zu haben, was er suchte, kehrte er für ein drittes Mal zurück an den schmalen Spalt zwischen linker Schulter und Wirbelsäule, suchte sogar einen Teil seiner Hand unter das Schulterblatt hineinzuzwängen, es dadurch gewissermaßen aus seiner Position zu hebeln. Alles in allem mochte Roberto sich jedoch nicht über die Untersuchung beklagen. Seiner Meinung nach war es richtig, nicht überstürzt für diese oder jene Ursache zu plädieren. Ja, auch bei seinen eigenen Studien unterliefen ihm regelmäßig die unverfrorensten Zusammenhänge, als ob es manches Mal zur einzig möglichen Erklärung zu gehören schien, das eine hätte mit dem anderen nur in sonst welcher Dimension etwas miteinander zu tun. Indem er Robertos Unterbauch und Hodensack abtastete, brachte der Doktor nichts anderes als das Ausschlussprinzip zur Anwendung. So redete er es sich jedenfalls ein und ließ es über sich ergehen.

Jede Berührung ließ den seines launigen Elementes über - führten Muskel, denn so viel war nun auch ohne ein Wort des Kundigen sicher zu vermelden, seine Energie bis weit hinunter in das Gesäß und von dort in die rechte Kniekehle hinein strahlen. Das konnte Roberto nun eindeutig wahrnehmen und quittierte es immer dann mit geduldigem Kopfnicken, wenn der an ihm herumfummelnde Doktor zum wiederholten Male an der nämlichen Stelle ansetzte.

Schon seit geraumer Zeit hatte er den Verdacht, dass mit seinem Rücken etwas nicht stimmte. So ergab es sich vor ungefähr einem Monat, dass Roberto nach nur ein paar Schritten im Hof Halt machen und so lange auf der nächstbesten Sitzgelegenheit verharren musste, bis die herannahende Kälte des einsetzenden Abends ihn des Weitergehens überzeugen konnte. Doch bevorzugte er seither, es erst gar nicht so weit kommen zu lassen; bei ersten Anzeichen einer Verspannung also auf dem Fuß kehrt zu machen und sich schnurstracks wieder zurück in seine Wohnung, genauer gesagt in sein Bett zu begeben. Nichts deutete jedoch darauf hin, dass die von nun an nicht mehr verklingen wollenden Schmerzen von einer nur fingernagelgroßen Zentrale am Rücken ihren Ausgang nahmen. Roberto lebte allein. Niemand hätte ihm dabei behilflich sein können, etwa durch einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter die Entdeckung zu ermöglichen. Ohnedies nie der Gelenkigste, seit er in den ersten Teenagerjahren in die Höhe geschossen seine Schulkameraden schon um einen Kopf überragte, saß der ganze Ursprung der Malaise ihm unerreichbar eine Handbreit unterhalb des siebten Halswirbels sprichwörtlich im Genick.

Endlich ließ der Arzt von seinem lieb gewonnen Spiel ab. Er begab sich an einen kleinen Tisch in der Ecke des Zimmers, welcher nicht eben danach aussah, auch nur für eine kurze Periode Unterlage all der Krankenberichte, Verordnungen und Rezepturen eines der Medizin verausgabten Lebens gewesen zu sein. Die verschmutzte, stellenweise verölte Oberfläche, welche zwischen den zwei, drei herumliegenden Akten hervorglänzte, bedeutete die Funktion eines Provisoriums, das eiligst aus irgendeiner Werkstatt hierher verfrachtet worden war.

»Es wird besser sein, ich verschreibe Ihnen nichts«, vernahm es Roberto dumpf aus der Richtung des Tisches, da er noch in dem Polo feststeckte – wie so oft hatte er den obersten Knopf zu öffnen vergessen. Derweil trug der Arzt eine Stichwortfassung seines Befundes in ein Büchlein ein, steckte es sodann wieder zurück in die Brusttasche.

»Es wird sich also mit der Zeit schon auswachsen.«

»Da bin ich anderer Meinung«, widersprach ihm der Doktor. »Angenommen Ihr Fall würde sich durch eine mir unerfindliche Maßnahme zum Besseren wenden, schon hockten deren hundert Neue in meiner Praxis. Allein in ihrem Block wären es so viele, dass, bevor es so weit kommt, ich nicht eine Sekunde zögere, das bei Ihnen vorliegende Gebrechen zur Normalität und sie hiermit offiziell für gesund zu erklären.« Sprach es und rieb seine Hände in Vorbereitung auf den nächsten Patienten mit einem Desinfektionsmittel ein.

Roberto unterdes schwankte, war aber keineswegs unzufrieden mit dem Urteil des Arztes. Irgendwo hatte er gelesen, dass der für die Versteifung zuständige Teil des Rückgrats entgegen so ziemlich jedes anderen Körperteils die Entwicklung zum Homo Erectus und seinen späteren Artgenossen nicht mitgemacht hatte und wohl deshalb immer noch einer prähistorischen Konstruktion glich. Am wenigsten geeignet jedenfalls für den aufrechten Gang eines so umtriebigen Lebewesens, zu denen sich Roberto eigentlich zählte. Wenn das stimmte, waren seine Heilungs - chancen vergleichsweise gering und Rückenscherzen ein evolutionsgeschichtliches Faktum.

»Da kann ich ja von Glück sagen, dass es mir nicht schlechter geht, Herr Doktor.«

»Na, sehen Sie. Ist doch alles zu Ihrem Besten.«

Durch einen schwach beleuchteten Korridor verließ Roberto den Gebäudetrakt, sich in der Tat um einiges gesünder fühlend – ein in der Freude übersehener Absatz im Treppenhaus holte ihn weiß Gott schnell wieder zurück in die Realität.

Als Roberto am nächsten Morgen erwachte, wollte er für nichts in der Welt die rührselige Wärme seines Bettes eintauschen. Das erste Vortasten an die kühlere Peripherie des Bettlakens bestätigte, was sich schon am Vorabend angekündigt hatte. Er kannte den Zustand, die in Säure getränkten Glieder, noch aus der Zeit, da er sich, obgleich abseits alteingesessener oder wer weiß wie zur Mode verholfener Sportarten, zu den absolut Besten seiner Disziplin hatte zählen dürfen. Nur Eingeweihte wussten um die große Leistung und die notwendigen Entbehrungen, welche Roberto für einen zweifelhaften Ruhm auf sich genommen hatte. Was er sich im Nachhinein, dem gebrechlichen Zustand, in dem er sich befand, vielleicht hätte vorwerfen lassen können, war damals das A und O seines Erfolgs gewesen. Und es hatte ihn auch jedes Mal euphorisch gemacht, wenn er sich zum nächsten Training eingefunden hatte, um seinen Körper wieder bis zur Erschöpfung auszubeuten. Dies nur übertroffen durch die eigentlichen Wettkämpfe, von denen sogar ein Wunder an Verbissenheit und Willenskraft, wie es selbst Jahre nach seinem Rücktritt noch von ihm berichtet wurde, stets wie ein zu Tode geschundener Fronarbeiter nach Hause kam und erst ein allerletzter Satz in ein unfassbar heißes Bad ihm langsam wieder auf die Beine verhalf. Bloß dass die momentane Niedergeschlagenheit von vielleicht ein paar hundert Metern rund um den Hof – denn weiter hinaus getraute er sich zu Fuß ohnedies nicht mehr – herrührte, welche er sich nach dem, wie er fand, erfreulichen Besuch bei Doktor Falk gegönnt hatte.

Am schlimmsten erwischte es naturgemäß den Rücken. Bei der kleinsten Regung brannte er lichterloh. Und säße ihm nicht der Stolz des einstigen Vorzeigeathleten in der Brust, Roberto hätte als alter Veteran die Früchte seines Gehpensums gerne noch für eine Weile ausgekostet, wäre ungeachtet der ihm plötzlich heraufdämmernden Verabredung einfach liegen geblieben. Aber der nahende Termin entlockte Roberto wie einen aus der Asche aufsteigenden Phönix, nicht anders war es zu bezeichnen, dem Nachtlager.

Und nicht nur diesem. Nach und nach wurde ihm bewusst, dass er, ob den zuletzt anhaltenden Rückenschmerzen seine Arbeit sträflich vernachlässigt hatte. Eine Arbeit, die er eigentlich wichtig nahm wie nichts sonst. In die er eine an Fanatismus grenzende Begeisterung hineinlegte, wie ein gutes Jahrzehnt zuvor für seinen Traum, einmal der Beste seiner Zunft zu sein. Allein deshalb war in dem Augenblick, da er seines wichtigen, in wenigen Stunden zu absolvierenden Treffens aufdachte, für Roberto keine Entscheidung mehr zu fällen, sich entweder für eine weitere halbe Stunde unter der Decke zu verkriechen oder den Tag doch endlich in Angriff zu nehmen. Gepackt von der kindlichen Freude über ein sehnlichst wieder aufzunehmendes Spiel, verschwand sein Kater auch schon in der Bedeutungslosigkeit.

Wie jeden Morgen trippelte Roberto auf den Gang und machte sich vor der alten Wanduhr, dem Ertrag eines vor Monaten erwiesenen Freundschaftsdienstes, ein Bild von den kommenden Minuten. Nachdem er seine Vermutung bestätigt sah, länger wie sonst geschlafen zu haben, dampfte er in gedanklicher Vorausplanung die Prozedur auf das Nötigste ein: Katzenwäsche und Mundpflege, Anziehen, Tasche packen. Das musste reichen. Für Roberto so oder so kein untypischer Morgen. Frühstück war beispielsweise, wenn es eng wurde (und eng wurde es eigentlich immer), ein chronisches Opfer des stets dicht gedrängten Tagwerks.

Roberto hatte es sich zum Ziel gesetzt, keinen Tag verstreichen zu lassen, an dem er nicht mindestens drei, besser vier Klienten unter einen Hut brächte. Dabei konnte er von Glück sagen, dass nicht erst die Akquirierung ihn so auf Trapp hielt. Sein Problem war es, dass er jeden vom Institut überstellten Auftrag auch wirklich annahm. Ohne Ausnahme jeden! Dass er seinen Klienten dann freie Hand ließ bei der Bestimmung von Zeit und Ort ihres Zusammentreffens, setzte das Übrige hinzu. Die sogenannten Könige des Kapitalismus, an Roberto hatten sie eine selten gewordene Zuflucht. Leicht konnte es passieren, dass er in dem institutseigenen blauen Mazda 626, Baujahr 1981, zu dem ersten hundert Kilometer Richtung Westen fuhr, nur um Stunden später die gleiche Strecke, also hundert plus hundert Kilometer in die Gegenrichtung fahren zu müssen, obwohl Klient Nummer drei erneut nur zwanzig Kilometer von Klient Nummer eins entfernt beheimatet war, und so fort. Oft bemerkte Roberto das katastrophale Missmanagement erst, wenn er schon im Wagen saß, mit einem Auge auf der am Beifahrersitz ausgebreiteten Landkarte nach den vereinbarten Treffpunkten spähte und danach, bis zur Ankunft am nächsten Ort, regungslos hinter dem Steuer saß.

In Bezug auf die Arbeit sprach Roberto gerne von seinen »Fällen«. Vielleicht, weil er damit die zugunsten einer sportlichen, noch unerfüllt gebliebene Saat einer juristischen Laufbahn, jetzt, als knapp Vierzigjähriger, zumindest dem Anschein nach im Aufgehen begriffen sah. Eine andere, wohl plausiblere Erklärung war das einzigartige Gepräge eines jeden Sachverhalts. Im Grunde glich keiner dem anderen, und es hatte hier nicht nur den Anschein, als widersetzten sie sich hartnäckig jeder auch nur zufälligen Übereinstimmung. So spannend ihm die Arbeit dadurch auch wurde, bedeutete es für Roberto, mit jedem neuen Fall stets wieder ganz von vorne beginnen zu müssen. Wenn er dann, über seinen Aufzeichnungen brütend, wieder einmal vergeblich nach einer belastbaren Referenz suchte, fühlte er sich je nach Lage der Dinge mal im Labyrinth der menschlichen Psyche verrannt, mal vor Unwissenheit hasardierend. Längst nagte eine sichtlich kränker werdende Gesellschaft an dem Glauben, sein feilgebotener Beistand als Heilpraktiker, Seelenklempner, Raum - energetiker, wie immer man seine Betätigung auch hätte bezeichnen wollen, sein Ratgeben also brächte irgendeine glückselige Wirkung unter die Leute. Bislang jedenfalls hatte sein Enthusiasmus darunter kaum gelitten, verfolgte er darob freilich ein gänzlich zu unterscheidendes Bedürfnis.

Jeden seiner Fälle verhandelte er mit derselben Akribie, sodass mittlerweile stattliche Türme überwiegend im Schwange befindlicher Verfahrensdokumente an den Betonwänden seines Zimmers emporwuchsen. Und obwohl es ihm von Mal zu Mal schwerer fiel, etwa für eine kurzfristig eingeschobene Therapiesitzung den passenden Akt aus den Papierstapeln hervorzuzaubern, machte ihm die Aussicht einer weiteren Vorauskasse das unübersichtliche Chaos vergessen. Dennoch: Es wäre falsch gewesen, Roberto bloße Geldgier zu unterstellen. Ja, er selbst wäre bei dergleichen Behauptungen sofort an die Decke gegangen! Nein. Er nahm für sich in Anspruch, seiner Zukunft eine feste Gestalt zu geben; und besaß dafür den nötigen, aus der Überzeugung des notorischen Optimisten geborenen Eifer.

Zum Beispiel gab es für ihn keinen Zweifel, dass ihm mit seinem »Handbuch für ein gutes Leben«, einer aus hunderten Fallbeschreibungen zusammengesetzten Chronik des Scheiterns, einst sogar der internationale Durchbruch gelingen würde, von dem er dann nichts Geringeres erwartete, als dass er ihn mit einem Schlage von aller rastlosen Pflichterfüllung befreite. Bis es allerdings so weit wäre, wusste er um die Entbehrungen, welche sein Vorhaben nach sich zog, etwa den Aufschub persönlicher Bedürfnisse, bis hin zum geregelten Schlaf, auf ein zeitlich noch unbestimmtes »Danach«. Mit der Geduld des Tüchtigen verfolgte er sein großes Ziel, einst frei über sein Leben entscheiden zu können, auf dem Terrain der unbarmherzigen Realität; von einigen kleineren Veröffentlichungen einmal abgesehen, die ihm bis zur Stunde aber nichts Zählbares eingebracht hatten.

Vom geparkten Wagen aus war die Hausnummer 13 in der Rosenstraße gut zu erkennen. Roberto blieb dadurch die obligatorisch ausbrechende Hektik erspart, wenn sich kurz vor Beginn eines Treffens der richtige Eingang in einem Innenhof oder einer uneinsichtigen Seitenstraße wie versteckt hielt. Was Herrn Professor Sonntags Fall betraf, so war es weniger Robertos vermeintliche Gabe, unter Zurechtrückung von in erster Linie Einrichtungsgegenständen die Geister der Luft und des Wassers wieder geneigter zu machen, als vielmehr die damit verbundene Gelegenheit, mit einem der angesehensten Soziologen des Landes ins Gespräch zu kommen, welcher ihn von den anderen fraglos abhob, sodass er nicht umhin kam, dem Besuch eine entscheidende Bedeutung für sein weiteres Leben beizumessen. Zum ersten Mal fühlte er sich dazu bereit, sein »Handbuch« mit jemandem zu teilen. Nach einem Jahr schlafraubender Beflissenheit blickte er nun auf das knapp tausendseitige Schriftstück als ein ihm zugehöriges Zweit-Sein außerhalb seiner selbst. Unzählige Stunden hatte es in sich eingesaugt, sodass Roberto nun eine Müdigkeit verspürte, die angesichts eindeutiger Anzeichen von Überarbeitung seine Vorbehalte, den Schritt an die Öffentlichkeit zu wagen, milderte. Die Zeit war nun reif, dachte er, und der Zufall des berühmten Professors als sein jüngster Klient, ein eindeutiger Fingerzeig, nicht mehr länger zuzuwarten.

Herr Sonntag schien wenig mit DEM Sonntag aus der medialen Berichterstattung gemein zu haben. Roberto hatte sogar den Eindruck, er stünde einem schlechten Doppelgänger oder älteren Bruder gegenüber, und der prominente Wissenschaftler ließe sich von diesem noch einen Augenblick lang vertreten. Das Gesicht des eher kleinwüchsigen Männleins war von zart plissierter Löschpapierhaut überzogen, die auf Abbildungen wohl nicht immer dem Original entsprachen. Der Kopf wirkte wie auf einen Stumpen, der den Hals darstellte, locker, um nicht zu sagen wackelig aufgesetzt. Von dort oben drohte er nämlich, mit jeder seitlichen Bewegung mal hierhin, mal dorthin zu kippen, vor dem Allerschlimmsten jedes Mal nur durch einen lebensrettenden Reflex bewahrt.

Durch den kühl eingerichteten Flur führte der Professor ihn in ein schlichtes Vorzimmer, das er wahrscheinlich für Besprechungen mit Studenten nutzte.

»Trinken Sie Bourbon? Auf Eis?«

»Nein, danke.«

»Was kann ich für Sie tun?«

»Sie könnten mir sagen, was Ihnen fehlt.«

»Ach! Jetzt erinnere ich mich. Sie sind das schlechte Gewissen! Nun, ich habe da tatsächlich ein ernsthaftes Problem. Aber bevor ich es schildere, möchte ich Ihnen noch eine Frage stellen. Finden Sie es verwerflich, vierundzwanzig Stunden eines Tages an nichts anderes zu denken, als an die Arbeit?«

»Nein«, bestärkte Roberto seinen Klienten bedenkenlos in dessen schlechten Angewohnheiten.

»Ich sehe das genauso«, erwiderte der Professor. »Wäre die Welt nicht von einem Heer selbsternannter Forscher und Schriftsteller bevölkert, von denen sich jeder, nur weil er einen Stift zur Hand nimmt und damit ein Blatt Papier vollschmiert, einbildet, an ihm könne gar ein Weber oder Stendhal verloren gehen, nur weil ich ihn nicht unverzüglich zu meinem Protegé erkläre. Andererseits darf man sich nicht die kleinste Unaufmerksamkeit erlauben. Schnell ist ein geschürfter Edelstein übersehen und man wirft ihn zusammen mit dem ganzen anderen Dreck wieder zurück in den Fluss.«

Noch bevor er richtig Platz genommen hatte, erreichte, vom Inhalt seiner Tasche ausgehend, die Ausdünstung eines verwesenden Kadavers Robertos Nase. Nichts mehr würde es werden aus seinem Vorhaben, in einem günstigen Moment auf sein eigenes Manuskript zu verweisen. Er hätte sich, nebst der gründlichen Blamage, womöglich um einen lukrativen Auftrag gebracht, wenn Sonntag, der nun wirklich in Fahrt kam, ihn vor die Tür gesetzt hätte. Zu allem Überdruss machte sich viel zu früh für den Tag ein deutliches Ziehen im Rücken bemerkbar. Daher verwarf er den ursprünglichen Plan – wollte sich nur noch um den eigentlichen Zweck seines Besuches kümmern, um keine Minute länger bei einem Mann verweilen zu müssen, dem es gelungen war, innerhalb von nur ein paar ausgetauschten Sätzen alle in ihn gelegten Hoffnungen in den Wind zu schlagen.

»Oder sind Sie womöglich auch einer von der Sorte?« Er stellte diese Frage beim Eingießen eines doppelten Elijah Craig.

»Wenn Sie den Dreck meinen …«

»Na dann geben Sie mir schon ihr Wunderwerk, Monsieur Beyle.«

Er nahm den Stoß entgegen, legte ihn aber postwendend in eine der zahlreichen Schütten. Sodann trank er das Glas in einem Zug leer, worauf der sich warm ausbreitende Alkohol ihn in ein Nichts versenkte, aus dem er sich erst dank Robertos aufbegehrenden Rücken zu befreien vermochte. Denn dieser sah sich plötzlich dazu genötigt, dem närrischen Treiben ein vorübergehendes Ende zu setzen, indem er langsam von dem ungemütlichen Stuhl auf den Boden rutschte. Roberto dachte sich nichts dabei. Dieser von einem Bein auf das andere wechselnde Kniestand war ihm, zwischen Sitzen und Stehen, wie eine dritte zusätzliche Körperhaltung zur Gewohnheit geworden. Von Zeit zu Zeit konnte er so die Vorstellung abschütteln, seine Lendenwirbel würden vom Gewicht des immer noch kantigen Ober - körpers Scheibe für Scheibe zermalmt. Denn eigentlich war für ihn nicht mehr eindeutig auszumachen, ob von dem perma - nenten Zwicken und Zerren tatsächlich etwas Ernsthaftes zu befürchten stände oder ob er mittlerweile vor einem Schreck - gespenst hergetrieben wurde. Für Letzteres sprach jedenfalls die Ungläubigkeit, wenn er sich, die chronischen Rückenschmerzen einmal wie durch ein Wunder verschwunden, früh am Morgen auf dem Sitz des Mazda in alle möglichen Richtungen bog, nur um endlich wieder darin Erleichterung zu finden, dass sich der verkrochene Schmerz langsam wieder regte! Solches ereignete sich, wenn Roberto nach den starken Medikamenten griff, weswegen er sie möglichst nicht gebrauchte. Ein probateres Mittel war da seine Arbeit. Malte er sich wieder einmal den Tag der »Freilassung«, wie er ihn nannte, aus, dann vergaß er hierauf gleich all seines, aus der schlechten körperlichen Verfassung erwachsenen Müßiggangs. Da stürzte er sich, egal wie spät es war, gleich noch in einen ganz vertrackten Fall, auf dessen Akten er nicht nur einmal eingenickt war und erst des Morgens, vom Schlaf noch ganz benommen, die Speichelreste von jener Seite entfernen musste, auf die der offen gestandene Mund sie vergossen hatte.

Herr Sonntag hingegen erschrak vor der Unterwürfigkeit, welche er anfangs in die Pose hineininterpretierte. Als Roberto, das Haupt gen Mekka niedergesenkt, ihm weiter noch einen phänomenalen Katzenbuckel präsentierte, an dessen äußerster Aufrichtung er ein leises Knacken zu vernehmen glaubte, da blies der Professor, erleichtert durch den Anflug eines Wutausbruchs hindurch, die Luft aus seinen Lungen. Dann sagte er:

»Meine Frau und ich spielen seit Längerem mit dem Gedanken …« Roberto ihn jedoch unterbrechend: »Sie müssen entschuldigen, aber es ist die reinste Wohltat!«

»Aber müsste man dazu nicht doch ein klein wenig gläubig sein?«

Roberto verstand nicht ganz, knüpfte dennoch an die Frage an.

»Sie müssen vor allem einen festen Glauben an die Zukunft haben. Verschwenden Sie keine Zeit an irgendwelche Schein - welten. Denken Sie ausschließlich an sich und Ihre eigenen Ziele. Arbeiten Sie ruhig viel, verausgaben Sie sich bis an Ihre Grenzen, aber erfüllen Sie sich dann und wann auch einen Traum.«

Den Worten Robertos unter dem Sudschud wiederum entnahm der Professor nicht mehr als ein sinnloses Genuschel, was ihn aber nicht sonderlich zu stören schien. Roberto richtete sich langsam auf und sprach weiter.

»Ihr Haus zum Beispiel. Wenn ich mir es betrachte, dann sehe ich wenig Freude. Sie arbeiten umsonst! Gönnen Sie sich hier und da etwas … zum Beispiel einen schönen Teppich. Gehen Sie zu einem Händler. Nehmen Sie sich die Zeit. Reden Sie mit ihm über Farben und natürlich über seine Kinder. Lassen Sie mindestens zehn Stück auflegen und auf sich wirken. Fahren Sie mit ihren Händen über das stramme Gewebe. Wählen Sie sorgfältig aus. Das ist wichtig!«

Dann sprach er noch eine Weile von einem Mühlrad, das niemals still stand, von der Befreiung, davon, dass sich alles irgendwann lohnen würde. Er selbst befand sich abends auf der Rückfahrt als nicht besonders gut in seiner Rolle. Meinte, Herrn Sonntag mit Weisheiten aus aller Herren Länder gelangweilt zu haben. Aber war ihm auch anders wohl schwerlich zu helfen gewesen. Sein oftmaliges Nicken, womit er Robertos Ausführungen zu untermauern vorgab, verhehlte nicht, dass er insgeheim weit entfernt von ihrer beider Gespräch auf einem kargen Mond hockte, die verschränkten Finger darum bemüht, die zittrigen Hände unter Kontrolle zu behalten. Bis in den frühen Morgen beschäftigte es ihn, warum gerade einem wie Professor Sonntag, auf dem Zenit seiner Laufbahn, alles zu entgleisen drohte.

Als Herr Sonntag aus seinem Tagtraum erwachte, war Roberto längst zu Ende mit seinen Ausführungen. Er hatte inzwischen ruhig ausgeharrt, die Zeit dann und wann mit Ertüchtigungen für seinen Rücken überbrückt. Sein Umgang mit Klienten gebot es ihm, auffällige Verhaltensweisen, so zumindest bei den Erstgesprächen, auszuklammern. Auch die besten Absichten änderten nichts daran, in den Augen der sich in der Gesundheit Wähnenden als ein über jede Kritik erhabener Besserwisser dazustehen. Ohne Not wäre so die Sitzung in einer nicht mehr beizukommenden Schieflage gelegen. Lehrer spricht mit Schüler, schlimmer noch, Vater spricht mit Sohn. Denn wer erinnerte sich nicht an so manch väterlichen Rat, nach dem, gerade weil er es gut mit einem meinte, eben NICHT gehandelt, sondern ihn vielmehr zugunsten eines dazumal stärkeren Bedürfnisses nach Erfahrungen außer Acht zu lassen. Dafür konnte er es nicht leichtfertig riskieren, die Essenz eines offenen Austauschs, nämlich das Vertrauen, von patriarchalen Reflexen desavouiert zu sehen. Robertos Vorstellung war die eines Gespräches zweier Gleichberechtigter auf Augenhöhe. So ließ er den seltsamen Anwandlungen des Professors freien Lauf, bis dieser, wie wenn er nicht eben für geraume Zeit geistig abwesend gewesen wäre, gleichsam hellwach sich zurückmeldete.

Roberto kannte diese Art Aussetzer von einem Menschen, den er zu Zeiten sentimentaler Verklärung vielleicht zu seinem einzigen Freund erklärt hätte. Vukomir, ein dem damaligen Jugoslawien entstammender Serbe, war, soviel sei vorneweg berichtet, den Genüssen eines kräftigen Šljivovica nicht abgeneigt, vertrug davon aber höchstens zwei, drei Stamperl. Und immer dann, wenn er beim Zählen nicht aufpasste, kam es vor, dass er inmitten einer lustvoll ausgeschmückten Geschichte ganz unvermutet wegknackte, um nach Minuten des Schweigens nicht nur an seine eigenen, sondern noch an die Worte des inzwischen weitergesponnenen und von ihm selber vermeintlich verschlafenen Geredes anzuknüpfen vermochte. Indem er also anfing, wie selbstverständlich von einem bösen Dämon zu berichten, der ihn daran hindere, anstelle des unansehnlichen Kunstfaserschlappens einen neuen Teppich für die Diele zu besorgen, gelang Herrn Sonntag nun selbiges Kunststück.

»Wie wäre es, wenn Sie mich dabei unterstützen würden? Sie tätigen für mich den Ankauf eines neuen Persers, und ich werde mir einmal Ihr Manuskript ansehen. Aber sehen Sie zu, dass Sie damit bis vor meinem Kollegiumstreff am Freitag auf der Matte stehen!«

Kurz darauf verließ Roberto die Rosenstraße. An diesem Tag absolvierte er noch zwei weitere Termine. Beide vielversprechend und die Fahrzeit nicht der Rede wert. Lange war er nicht mehr so früh auf dem Heimweg gewesen.

Kurz vor dem Einfahrtstor kurbelte Roberto hastig am Lenkrad. Er hatte sich dazu entschlossen, den Tag ausnahmsweise mit einem kühlen Bier ausklingen zu lassen. Von den Anrainern liebevoll »Häferl« gerufen, versprühte außer dem Namen rein gar nichts die berühmte Wiener Kaffeehausatmosphäre. Insbesondere für die vier großen Blockbauten des Viertels war es dennoch eine gern genommene Anlegestelle an zur Neige gehenden Werktagen. Roberto gehörte zu den seltenen Gästen, hatte er doch stets zu Hause noch an seinem »Handbuch« zu tun gehabt, wenn er es denn, von seinem letzten Termin zurückeilend, überhaupt noch vor Sperrstunde da zu sein schaffte.

Doch an diesem Tag war alles anders! Seit es ihn an Ort und Stelle verschlagen hatte, fühlte er sich in einer Sache oder in einer bestimmten Phase des Lebens festsitzend, und nicht eine Silbe stand über die noch ausstehenden Entbehrungen bis zum Erreichen ihres Endes geschrieben. Umso überraschter stellte er nun fest, dass ihn augenblicklich von alledem der Schuh nicht drückte. Er musste nicht zurück, um noch dies und jenes zu vervollständigen. Er musste sich auch nicht fehlgeschlagener Aufträge wegen erklären – diese waren, so die unmissverständ - liche Regel der Anstalt, mit akzeptablen Begründungen, egal zu welcher Tages- und Nachtzeit, in der Administration zu hinter - legen. Schließlich fühlte er sich entledigt von den gewöhnlichen Tätigkeiten, um nicht zu sagen unangenehm befreit, was so viel bedeutete, von einem unvorhergesehenen Zustand überrumpelt worden zu sein. Die ansonsten so verlässlichen Ausreden, warum er auch diesmal wieder nach Hause gehen sollte, bewahrten Roberto dieses Abends nicht davor, seiner Verunsicherung mit ein wenig Kurzweil im Häferl zu begegnen.

Kaum hatte er den Motor abgestellt, grinste auch schon ein mit dunklem Haar umkränzter Kopf durch das die Fahrgastzelle mit Frischluft versorgende und zu diesem Zweck immer einen Spalt breit geöffnete Türfenster.

»So früh schon hier?«

Mit ein paar schnellen Handbewegungen gab er zu erkennen, mit ihm noch einen Abstecher ins Häferl unternehmen zu wollen. Der Mann, um den es sich handelte, war besagter Vukomir Jevanoviˇc. Er war fünfundvierzig Jahre alt und nach einer von beiden stillschweigend als schicksalhaft empfundenen Zusammenkunft, in eine freundschaftliche Verbundenheit mit Roberto eingetreten.

Nicht zum ersten Mal in der Geschichte hätte allerdings der erste Eindruck eines Menschen zu falschen Schlüssen geführt. Und nicht zum letzten Mal in der Geschichte war aufgrund unglücklichster Verkettungen, Missbilligung seines Gegenübers oder gar mutwilliger Täuschung desselben ein ganzer Krieg angezettelt worden. Womit vom sogenannten »Ende der Geschichte« mit einiger Berechtigung erstmal abgesehen werden durfte. Denn funktionierte das neue Wetteifern ganz nach den alten Mustern, und die neuen Feldherren gefallen sich seit Erscheinen gleichnamigen Bestsellers auch heute noch bei der Vollstreckung des seit jeher geltenden Unverstandes. Erstaunlich die Ignoranz, mit welcher es die Entscheider als höchste Wertschätzung einer Existenz betrachten, sie für die Erzeugung oder den Erwerb ihrer Produkte (dazu nicht minder die Arbeitskraft zählend) zu drangsalieren. Wie viel mehr zählt heute der erste und oberflächlichste Eindruck von einer Ware, und wann hätte er je weniger über sie ausgesagt!

Sogar der stolze Serbe, auf den es wieder das Augenmerk zu legen gilt, war, als er für den Außendienst einer Kaffeerösterei anzuheuern suchte, in ein Gewand gezwängt, das bei flüchtiger Betrachtung einem Anzug zum Verwechseln ähnlich sah. Jemandem etwas vorzugaukeln war nun wahrlich nicht seine Art gewesen, doch wollte er die abwechselnd bekleideten Botendienste und Hilfsarbeiten in den dunklen Archiven des hiesigen Fakultätsbetriebes nur allzu gerne gegen etwas Freigang eintauschen. Erfolgreich hielt er mit Zwirn und Integrationswilligkeit den »Jugo« über die Dauer des auf die Probe-Stellens hinterm Berg. Nicht Opportunist, aber sich im Zweifel der Vernunft besinnen! Weit besser mochte die Unbekümmertheit des anderen das Klischee serbischer Heißblütigkeit verkörpern. Aber davon sollte man, wie gesagt, sich nicht gar zu früh in die Irre führen lassen.

Den größten Teil seines Lebens verbrachte Vukomir in einem Land, das nach Lage der Dinge sich unaufhaltsam in seine Bestandteile aufzulösen im Begriffe war. Von dem Gezerre der Streitparteien waren seine Grenzen gewissermaßen von der Landkarte radiert, und es stand noch in den Sternen, wann und wo sie erneut würden gezogen werden. Nicht anders wütete die Auseinandersetzung, wo er geboren und aufgewachsen, ganz im Süden der vormaligen jugoslawischen Teilrepublik Bosnien und Herzegowina. Ein Umstand, dem er sich auffällig häufig seiner anzunehmen widersetzte. Doch war es gerade die Verdrängung von Tatsachen, welche umso eindringlicher sein Mitfühlen beteuerte, dass in den Sog des Krieges auch sein Zuhause, über dessen Schönheit er dann und wann zu später Stunde ins Schwärmen geriet, mit hineingezogen wurde. Bilder vor allem des die Landschaft prägenden Dinarischen Gebirges, dem er sich schon bei den ersten Schulausflügen ehrfürchtig annäherte. Erinnerungen aber auch an die unbeschwerte Kindheit, wo es sich ebenfalls begab, dass das von den Kameraden praktizierte Abkürzen von Namen auf das allernötigste Maß ihm des friedfertigen Anteils seines eigenen Namens beraubte und das, wie er glaubte, sein Naturell nur unzureichend veräußernde, rein wölfische »Vuk …« übrig beließ.