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Eine junge Seherin, die an ihrer Pflicht verzweifelt. Eine Bauerstochter, deren Seelenheil geraubt wird. Zwei Pfade, die miteinander verwoben sind. In ihren Visionen sieht Tanra Iandoo immer wieder einen Mann sterben. Sie muss den Fremden rechtzeitig finden und ihre Furcht vor dem unbekannten Mann überwinden, um ihn zu warnen und ihre Pflicht zu erfüllen. Aber wie soll sie es schaffen, sein Schicksal abzuwenden, ohne ihr eigenes Leben zu riskieren? Yolde Fröhling träumt von einem glücklichen und friedlichen Leben mit dem Bauern Tondert. Als ein dunkler Zauberer in ihr Dorf kommt und sie verflucht, zerplatzt ihr Wunsch und sie wird verstoßen. Kann sie nun völlig auf sich alleine gestellt den Fluch brechen? Der Anfang des Weges ist der Auftakt der Fantasyreihe Pflichtgebunden.
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Seitenzahl: 273
Veröffentlichungsjahr: 2017
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A. Disia
Pflichtgebunden
Band 1
Copyright© 2017 Alicja Rothe
1. Auflage Mai 2017
Homepage: www.disia.de
Covergestaltung: Alicja Rothe
unter Verwendung von Bildern von Rachael Crowe und Sylvain Guiheneuc
von der Webseite unsplash.com
Alle Rechte vorbehalten.
Inhaltsverzeichnis
Der Anfang des Weges
1. Von der Pflicht getrieben
2. Dämonenzorn
3. Donnerschlag
4. Kranke Kinder
5. Kette aus Angst
6. Hinter den Mauern
7. Unverhofftes Wiedersehen und eine Bitte
8. Die erste Weissagung
9. Harte Entscheidung
10. Zaubertricks
11. Angriff ist keine Verteidigung
12. Vergiftete Worte
13. Tag und Nacht
14. Totgeweiht
15. Das Tor
16. Eisblaue Augen
17. Zauberschwert
18. Die Merunker
19. In Einsamkeit
20. Durchbohrt
21. Ein Albtraum und eine Lüge
22. Schlagabtausch
23. Tempeltinktur
24. Suchen und Finden
25. Die Dämonenhüterin
26. Der Preis
27. Epilog
Für meine Eltern,
ihr habt mir die Welt der Bücher eröffnet,
meine Fantasie mit magischen Geschichten gefüttert
Ein Mann ging zu einem Fenster und blickte hinaus. Die Sonne stand hoch und es regnete. Er hob die Hand, um es zu öffnen. Kurz zögerte er und drehte sich um.
Eine große Narbe zog sich über sein Gesicht, von der rechten Braue über den Nasenrücken bis zum Mundwinkel. Sein Blick war finster.
Das Glas des Fensters splitterte. Die Augen des Mannes weiteten sich erstaunt. Ein Pfeil bohrte sich von hinten durch seine Brust, gerade so weit, dass man die Spitze sehen konnte.
Tanra schreckte auf und blickte sich desorientiert um. Dabei wischte sie die Karten und die kleine Kristallkugel vom Tisch. Die Kugel fiel mit einem lauten „Klonk“ zu Boden und rollte dann ein Stück davon.
„Oh, nicht schon wieder.“
Die junge Frau kniff die Augen zusammen, presste ihre Finger gegen die Nasenwurzel und schüttelte den Kopf, um die Vision zu verdrängen. Das war nun schon das dritte Mal gewesen, dass ihre Göttin ihr diese Bilder gezeigt hatte. Den Mann hatte sie bis heute noch nie gesehen.
Das Glöckchen an der Türe bimmelte hell und ließ sie zusammenfahren. Herein kam ein junger Mann. Seine Gewandung schien kostbar, aber nicht so gehoben, dass er ein Edelmann sein konnte. Er hatte keine Narbe, wie Tanra mit einem Hauch Erleichterung bemerkte.
Hastig erhob sie sich von ihrem Sitz, deutete auf den Stuhl auf der anderen Seite des kleinen Tisches und begann dann nach den Karten zu suchen.
„Ich hoffe, ich störe Euch nicht, Seherin Iandoo.“ So, wie der Mann es sagte, war es nur eine Floskel und er hätte sich sicher nicht abwimmeln lassen.
„Bitte geduldet Euch einen Augenblick.“ Sie hatte die Karten gefunden, zumindest die meisten und fischte nun nach der Kugel, die unter die Kommode gerollt war.
„Dummes Ding!“, schimpfte sie mit der Kugel. Sie war gerade außer Reichweite. Um sich nicht noch lächerlicher zu machen, erhob sie sich schließlich und setzte sich ohne Kugel an den Tisch. Die übliche Bezahlung lag bereits in der kleinen Holzschale, die dafür vorgesehen war.
Lächelnd blickte sie den Mann an. Sie fragte nicht, was er wollte, denn die meisten Kunden gingen davon aus, dass sie das irgendwie wissen musste, und erwarteten das auch von ihr. Das mochte womöglich auf eine echte Seherin zutreffen. Aber Tanra hatte Visionen und das war nun mal nicht das Gleiche.
„Ich brauche Eure Dienste.“
Das würde sie denen nur nicht auf die Nase binden. „Ich weiß.“
„Was ... habt Ihr etwas gesehen?“
„Was hofft Ihr denn, das ich gesehen hätte?“ Gegenfragen waren ziemlich sicheres Terrain.
„Meine Frau ... mein Kind. Ich hoffe, dass sie ... also das sie beide ...“
Entweder hatte er solch immense Sorgen - was meistens einen Besuch bei einem Seher erklärte - dass er nicht einmal die Frage aussprechen konnte, oder er wusste gar nicht, was er wollte. Tanra wagte es, zu raten.
„Ihr hofft auf eine sichere Geburt.“
„Ja. Ja! Das tue ich.“
Tanra atmete erleichtert aus. Dabei begann nun der wirklich schwierige Teil. Sie hatte keine Vision von diesem Mann gehabt und konnte ihm nichts Bestimmtes sagen. Sie mischte ihre Karten und verteilte sie auf dem Tisch.
„Wählt drei Karten und gebt sie mir, ohne sie anzublicken.“
Falls er den „Tod“ zog, musste er das ja nicht gleich sehen. Werdende Väter wurden durch so etwas nur unnötig beunruhigt.
Er blickte lange auf die Karten und bewegte unentschlossen seine Hand. Er hatte die Wahl. Und darauf kam es an. Sie würde ihm erzählen, was die Karten sprachen. Aber es musste trotzdem nicht sein Schicksal bedeuten. Nur eine Möglichkeit. Der Mann reichte ihr den Schalk, die Besinnung und die Waage. Sie nickte erfreut und schob die anderen Karten beiseite.
„Seht“, sie legte die Waage auf den Tisch, „noch ist das Leben Eurer Lieben in der Waage“, sie legte die Besinnung hinzu, „also besinnt Euch nun auf die Familie und kehrt rasch zu ihnen zurück.“ Sie hielt die letzte Karte zurück und betrachtete das Gesicht des Mannes, auf dem sich nun Erleichterung breitmachte.
Sie mochte positive Weissagungen. Der Schalk wurde hinzugelegt. „Der Schalk wird versuchen, Euch einen Streich zu spielen, doch lasst Euch davon nur nicht verunsichern.“
Heftig nickend erhob der Mann sich. „Ich danke Euch.“
Sie lächelte ihm wohlwollend zu und er verließ schließlich das Haus. Erschöpft ließ sie den Kopf in den Nacken fallen, kaum dass sie das Türglöckchen hatte bimmeln hören. Es war schon spät und sie hatte sogar unter Tags eine Vision gehabt. Das konnte nicht gut sein. Sie sollte den Laden für heute schließen. Womöglich konnte sie noch auf den Markt und ein paar frische Früchte kaufen, ehe die Stände abgebaut wurden. Sie seufzte und nahm das Geld aus der Schale. Drei Silbertaler. Davon konnte man zumindest ein wenig einkaufen.
Tanra warf sich einen Umhang über, zog die Türe hinter sich zu und schloss ab. Der Himmel war wolkenlos und die Sonne stand tief am Himmel. Es war warm für Anfang Sommer und Tanra genoss die Wärme.
Sie lief gemächlich durch die Winkelstraße und weiter über die Donnerbrücke ins Marktviertel. Der Marktplatz war der zentralste Punkt der Stadt. War man dort angekommen, war es bis zu jedem Ende der Stadt mindestens eine Stunde, meistens jedoch noch weiter, da die Straßen eng und häufig sehr voll waren. Direkt hinter dem Marktplatz erhob sich die Erlenburg, die mit Erlengrund den Namen teilte. Hätte die Burg südlich des Marktplatzes gelegen, hätte sie ihn die ganze Zeit des Tages in Schatten gehüllt. Doch sie lag im Norden. Dadurch erhob sie sich strahlend über die Stadt und ließ den Bürgern ein Gefühl von Eigenständigkeit und Freiheit.
Auf dem Marktplatz herrschte immer noch geschäftiges Treiben, aber der eine oder andere Stand war schon abgebaut. Nach einem kurzen Blick sah Tanra, dass „Frejas Frische Früchte“ noch stand, und bahnte sich einen Weg dorthin. Sie hatte den Stand fast erreicht, als ihr der Blick auf die Gestalt direkt vor dem Stand nicht mehr versperrt war. Es war ein großer Mann, der in dunkle Lederkleider gehüllt war. Er kam ihr merkwürdig vertraut vor, als hätte sie ihn schon häufig gesehen.
Gerade zahlte er. Die alte Freja nahm die Münzen fröhlich entgegen und schien noch mit ihm zu scherzen, oder es zumindest zu versuchen. Noch während sie zu ihm sprach, drehte er sich weg.
Als Tanra die große Narbe gewahr, die quer über sein Gesicht lief, blieb sie unwillkürlich stehen. Ihr Herzschlag pochte laut und schnell in ihren Ohren. So als hätte er ihren Blick gespürt, ruckte der Kopf des Mannes herum und er fixierte sie mit seinen Augen. Sie waren grau und kühl und Tanra bekam augenblicklich eine Gänsehaut. Wie hatte er sie bemerken können?
Ehe sie wegsehen konnte, wurde sie heftig von hinten angerempelt, strauchelte und fing sich nach zwei Schritten wieder.
Ihr Herz raste immer noch. Starr richtete sie den Blick auf Frejas Stand. Sie würde nicht zu ihm hinsehen. Sie würde nicht sehen, ob er sie noch ansah. Steif ging sie weiter.
Freja bemerkte sie bald und rief ihr schon freudig zu. Freja gehörte zu der seltenen Art Mensch, die immer gut mit anderen Menschen auskam, dachte Tanra, selbst wenn diese gar nicht mit ihr auskommen wollten. Es war bemerkenswert.
„Tanra, meine Kleine, wie geht es dir? Du siehst verschreckt aus? Darf ich dir unsere Kirschen empfehlen. Sie sind frisch und sehr süß.“
Bevor Freja weiterplappern konnte, unterbrach Tanra sie. „Ich habe schon einundzwanzig Sommer erlebt, du brauchst mich nicht mehr klein zu nennen.“
„Aber du könntest meine Tochter sein.“
Das könnte ich vermutlich auch, wenn ich einunddreißig wäre, dachte Tanra. Laut sagte sie: „Die Kirschen sehen tatsächlich lecker aus.“
Freja schmunzelte und packte ihr welche ein.
Nach ihrem Einkauf, sie hatte noch Brot und etwas Käse gekauft, ging sie ohne Umschweife über die Donnerbrücke zurück nach Hause. Das Haus war klein, wie alle Häuser im Sommerviertel.
Sie bewohnte es mit zwei anderen Familien. Ihr gehörte ein Raum im Untergeschoss, der unabhängig von den anderen beiden Wohneinheiten, eine eigene Türe hatte. Es hatte sich angeboten, da sie dadurch im vorderen Bereich ihre Wahrsagungen machen konnte. Ihr privater Bereich war durch einen Vorhang davon getrennt und bestand aus einem Bett einer kleinen Kochzeile und einem noch kleineren Schrein. Der Schrein war zusätzlich durch ein Tuch verdeckt.
Bevor sie aß, zog sie das Tuch ab, legte es sorgfältig zusammen und kniete sich vor den Schrein, um zu Okasia zu beten. Mit langsamen, bedächtigen Bewegungen entzündete sie die Kerze auf dem Schrein und gab dabei ein tiefes Summen von sich.
Tanra betete still.
Abschließend sprach sie die rituellen Worte: „Okasia, meine Göttin, ich danke dir, für die Visionen, die du mir gegeben. Ich danke dir für die Möglichkeiten, die du uns lässt. Ich danke dir, denn du hast uns vom unabwendbaren Schicksal befreit.“ Danach blieb Tanra noch einen Augenblick sitzen.
Ein jeder, der zu ihr kam und um ihren Rat fragte, erwartete wohl, dass sie zu Sahl, dem Schicksalsgott betete. Doch das tat sie nicht. Sie betete zu der, die sich Sahl entgegengestellt hatte, um den Menschen wieder eine Chance zu geben, der Göttin der Möglichkeiten und der Veränderung.
Und jeden Tag, wenn sie jemand nach einer Weissagung fragte, musste sie lügen. Ihre Visionen machten es nur noch schlimmer. Denn die Leute glaubten, was sie ihnen erzählte, sei fest und unverrückbar. Wäre sie eine echte Seherin, wäre dem auch so gewesen. Und nun hatte sie diese Visionen von dem Narbengesicht. Was sollte sie ihm sagen? Es war ihre Pflicht, ihm mitzuteilen, was sie gesehen hatte. Ihre Pflicht als Geweihte.
Dennoch hatte sie ihn nicht angesprochen. Und falls er morgen in den Laden käme, was würde er wohl sagen? Was würde er wohl tun?
Tanra erschauderte. „Was soll ich tun, Okasia?“ Aber ihre Göttin blieb stumm und ließ ihr still die Wahl. Tanra löschte die Kerze und erhob sich. Nach kurzem Zögern musste sie ihrem Unmut Luft machen und schlug sie mit der flachen Hand gegen die Wand. „Ich sollte den ganzen Seher-Mist hinschmeißen!“
Frustriert, weil sie doch nur ihrer Göttin dienen wollte, weil sie trotzdem lügen musste und weil sie Angst vor dem Narbengesicht hatte, stapfte sie zur Küche und machte sich eine Scheibe Brot.
Sie würde natürlich weiterhin „Seherin“ bleiben. Immerhin kamen die Leute so zu ihr und hörten ihr auch zu. Außerdem müsste sie sonst wohl die Stadt verlassen. Einmal Seher immer Seher. Man konnte nicht einfach eine andere Profession wählen.
Morgen würde das Narbengesicht sicher hereinkommen und danach würde sie zumindest nicht mehr diese schreckliche Vision haben. So sprach sie sich zu.
Das Narbengesicht kam nicht. Den ganzen Tag nicht. Tatsächlich kamen nur drei Kunden und jedes Mal schreckte Tanra auf, als das Glöckchen bimmelte. Am Abend war sie unruhig und unausgeglichen und unsicher, was sie tun sollte. Er war nicht gekommen und es war ihre Pflicht, ihre Vision kundzutun. Am besten, bevor er von einem Pfeil durchbohrt wurde.
Ruhelos lief sie auf und ab. Sie hatte ihn gesehen. Er war hier in der Stadt ... irgendwo. Wenn sie ihn also ausfindig machen konnte, konnte sie ... mit ihm sprechen und hoffen, dass er es gut aufnahm. Entschlossen lief sie zur Türe und griff ihren Umhang. In der geöffneten Türe hielt sie inne. Die Sonne versank fast hinter den Häusern und bald wäre es dunkel. Zudem regnete es gar nicht. Heute würde die Vision nicht eintreffen. Sie konnte sich noch Zeit lassen.
Erleichtert schloss sie die Türe wieder, legte den Mantel ab, betete zu ihrer Göttin, nahm ihre Mahlzeit zu sich und legte sich schließlich mit schlechtem Gewissen zur Ruhe.
Yolde Fröhling stand mit erhobenem Haupt auf dem abgeernteten Feld und streckte stolz die Brust heraus. Ihr Gesicht war von der anstrengenden Arbeit stark gerötet und einige blonde Strähnen hatten sich aus ihrem Zopf gelöst und wehten leicht im Wind. Sie hatten die gesamte Ernte eingebracht. Im Stillen dankte Yolde den fünfzehn Göttlichen, dass sie sie so lange mit Regen verschont hatten und die Ernte nicht verdorben war. Sie dankte Hereb, dem Erschaffer, Torim, dem Leuchtenden, ... und naja, den restlichen dreizehn.
„Yolde.“ Ihre Mutter trat auf sie zu und scheuchte sie mit hektischen Bewegungen los. „Nun beeil dich aber, du willst Tondert doch nicht warten lassen.“
„Ich bin schon unterwegs, Mutter“, verkündete Yolde und lief los. Sie wurde schließlich nicht häufig von ihren Pflichten entbunden. Aber wenn es darum ging, Tondert, ihren Zukünftigen zu treffen, drückte ihre Mutter beide Augen zu und jagte sie davon. Yolde war schließlich schon siebzehn und damit im besten Heiratsalter.
Auf dem Weg über die Felder malte sie sich ihre Zukunft aus. Tondert war nur ein Jahr älter als sie, groß, stark und grobschlächtig. Er war nicht schön. Das passte gut, fand Yolde, denn sie selbst war auch groß und das Wort grazil, fiele bei ihrem Anblick wohl niemandem ein. Er hatte schwarzes Haar, ihres war strohblond. Gewisse Unterschiede musste es schließlich auch geben. Es würde sicherlich eine Umstellung für sie sein, vom Ackerbau auf die Schweinezucht umzusteigen, gleichwohl freute sie sich schon auf die Herausforderung. Schweine hatten zwar einen strengen Geruch, aber das hatte alles hier. Und wenn sie erst einmal verheiratet waren, würde sie ihm viele starke und gesunde Kinder gebären und ihrer Familie Ehre machen. Sie hatte das Ende der Felder erreicht und lief beschwingt durch die Straße auf Tonderts Hof zu. Das würde bald auch ihr Hof sein. Welch glückliches Leben doch vor ihr lag. Tondert kam gerade um die Ecke aus dem Stall, als sie den Hof erreichte.
„Da bist du ja schon“, rief er erfreut und trat auf sie zu.
Yolde grinste breit. „Da bin ich“, bestätigte sie ein wenig dümmlich.
Er lachte und sie gingen los in Richtung der großen Linde. Es gab nicht viel Privatsphäre in Grünacker und so war der Baum das einzige Ziel, das sie je auf ihren mittlerweile vier Spaziergängen angestrebt hatten.
„Wir werden wohl heute noch Besuch bekommen“, begann Tondert das Gespräch.
„Wie kommst du darauf?“
„Mein Vater hat vorhin eine Person über die lange Straße kommen sehen. Wer auch immer es ist, wird wohl vor Abend hier eintreffen, aber es würde mich wundern, würde er über die Nacht weiter ziehen.“
Yolde nickte verstehend. Fremde kamen ab und an über die lange Straße, um nach Norden nach Geißruh oder weiter nach Erlengrund zu ziehen. Aber es war keine der viel begangenen Handelsstraßen.
Als sie den Baum erreichten, setzten sie sich nebeneinander auf die alte Bank, die davor stand. Sie sagten lange nichts. Es war für Yolde nicht so, dass sie nicht gesprächig wäre. Aber Tondert überließ ihr meist das Gespräch ganz alleine und so hatte sie gelernt, die Stille zwischen ihnen zu schätzen.
Der lange Weg schlängelte sich träge durch das Tal und war von der Bank unter dem Baum kaum zu sehen. Tatsächlich, so stellte Yolde fest, kam ein Wanderer den Weg entlang. Zuerst dachte sie, er wäre ganz in Schwarz gehüllt, aber dann schien es ihr, als würde schwarzer Nebel von ihm aufsteigen.
Erstaunt und beunruhigt stieß sie Tondert an. „Siehst du das?“
„Was? Oh ja, das ist wohl der Wanderer, den mein Vater meinte.“
„Aber dieser Nebel, dieser Rauch ...“
Tondert sah sich hektisch um, als erwartete er, irgendwo einen Brand zu sehen.
Yolde wedelte hektisch in Richtung des Mannes. „Der Mann brennt, Tondert!“
„Nein, sicher nicht. Das bildest du dir ein. Das ist bestimmt die Abendsonne.“
Yolde sprang auf und hörte gar nicht genauer hin. Es war falsch. Menschen brannten nicht. Menschen rauchten nicht. Sie lief zurück zum Dorf.
Wenn dieser Wanderer eine Bedrohung war ... sie würde sich von ihm nicht ihre vollkommene Zukunft zerstören lassen.
Hinter sich hörte sie Tondert schnaufen. Wenn sie so weiter lief, würden der Fremde und sie zeitgleich am Dorfzugang anlangen. Sie warf immer wieder Blicke zu ihm hinüber. Je näher sie sich kamen, desto besser konnte sie den Nebel erkennen. Es waren Gesichter darin. Merkwürdige Fratzen. Eine erwiderte ihren Blick und riss ihr düsteres Maul auf.
Yolde stolperte vor Schreck über ihre eigenen Füße. Der erdige Boden fing sie mit Freuden auf und hinterließ seine schmutzigen Spuren.
„Yolde“, Tondert faste ihren Arm und half ihr auf. „Was ist denn los?“ Sie hörte in seiner Stimme, dass er ihr Verhalten befremdlich fand.
„Er ... Das ...“ Sie wusste es selbst nicht so genau. Natürlich wusste sie, dass es Zauberer gab, Geister und Dämonen. Aber etwas zu wissen und etwas zu sehen, schien ihr plötzlich weltenverschieden.
„Ich glaube, es sind böse Geister.“ Nachdem sie ihre eigenen Worte verarbeitet hatte, stieß sie aus: „Er darf nicht in unser Dorf!“
Falls Tondert etwas sagte, so hörte sie es nicht. Mit einem Mal galt ihre einzige Aufmerksamkeit dem Mann. Er trug tatsächlich einen langen dunklen Mantel, zusätzlich zu den Schatten, aber er war nicht schwarz, sondern von einem dunklen Rot, wie sie nun bemerkte. Auf den Straßen waren einige Menschen und betrachteten neugierig den Fremden. Auch ihr Vater war dort.
Schlitternd kam sie vor dem Wanderer zum Stehen und hielt die Hände vor sich, wie um ihn aufzuhalten. „Ihr seid hier unerwünscht. Verlasst diesen Ort.“
Der Mann hob das Kinn und musterte sie von oben bis unten. „Welch unhöflicher Empfang.“ Er machte Anstalten, einfach weiter zu laufen, also erhob Yolde die Stimme: „Ich sehe Eure bösen Geister. Nehmt sie mit Euch. Und verlasst diesen Ort!“
Ein Raunen ging durch die Leute und Yolde hörte, wie einige Frauen die Kinder in die Häuser brachten. Türen wurden krachend zugeschlagen. Auf der Stirn des Mannes zeichnete sich eine tiefe Falte ab. Die Schattengestalten schienen Yolde mit einem Mal noch größer.
„Lügnerisches Biest. Geh mir aus dem Weg.“
Yolde blieb entschlossen stehen. Hinter sich hörte sie die alte Leppe rufen: „Verschwindet!“ Einige andere fielen mit ein: „Wir wollen Euch hier nicht.“
Die Augen des Mannes verengten sich zu dünnen Schlitzen. „Ich das euer letztes Wort?“ Yolde trat entschlossen einen Schritt auf ihn zu. „Ja, und nun lasst uns in Frieden.“
Zornig zog der Mann die Luft ein und fletschte seine Zähne. Dann hob er die Hand und deutete mit dem Finger auf sie. „Unglückseliges Weibsbild.“ Sein Mantel hob sich von einem unwirklichen Wind. „Ich verfluche dich. Nie sollst du an der Tafel deiner Ahnen speisen. Die Abgründe der Dämonen sollen deine Zukunft sein.“ Einer seiner bösen Geister löste sich von ihm und schoss auf Yolde zu. Erschrocken schrie sie auf, schützte ihren Kopf mit ihren Armen und lies sich zu Boden fallen. Sie spürte den Boden hart gegen ihre Knie schlagen und der Geist fuhr wie ein kühler Wind über sie. Doch sonst geschah nichts. Unsicher hob sie den Blick.
Der Mann bedachte sie mit überheblichem Blick und setzte seinen Weg fort, mitten durch das Dorf und weiter. Die Menschen gingen ihm aus dem Weg und sahen ihm ängstlich hinterher.
Kurz darauf war Yoldes Vater bei ihr. „Mein Kind, mein armes Mädchen.“ Er machte Anstalten, sie zu umarmen und hielt sich dann doch zurück.
„Vater?“
Er trat einen Schritt zurück. Bekümmert sah er sie an. „Er hat dich verflucht. Er hat dir dein Seelenheil genommen.“
Yolde erhob sich. „Aber Vater -“
„Mein Kiiiiind!“ Ihre Mutter rauschte heran und warf sich weinend in die Arme ihres Mannes. „Meine gute, tüchtige Yolde, einfach so von uns genommen.“
Yolde stand wie erstarrt. Der Abend schien plötzlich viel kälter. Warum stand sie hier allein? Warum behandelte ihre Mutter sie, als sei sie schon verstorben? Der Mann hatte sie doch nur ...
Nur langsam tröpfelte die Erkenntnis zu ihr durch. Der Mann hatte sie verflucht. Und er hatte nicht irgendeinen Fluch gewählt. Er hatte ihre Seele verflucht.
Sie hatte es gespürt, oder nicht? Langsam drehte sie sich um sich selbst. Keiner kam ihr nahe. Tondert stand abseits und sah bedauernd an ihr vorbei. Sie war tot. Für alle, die sie kannte, war sie gestorben.
„Nein“, sie stampfte mit dem Fuß auf. „Nein, das akzeptiere ich nicht!“
Noch immer erwiderte niemand ihren Blick außer ihrem Vater. Sein Gesicht war schrecklich verzerrt, von dem Versuch zu lächeln.
„Mein tapferes Kind.“ Er löste sich aus der Umklammerung ihrer Mutter und trat ganz nah an Yolde heran. „Heute Nacht kannst du noch einmal bei uns bleiben. Danach musst du jedoch gehen. Wir können nicht ...“ Seine Stimme verlor sich.
Yolde sprach für ihn weiter. „Ihr könnt nicht riskieren, dass sich mein Fluch auf euch überträgt.“ Sie nickte.
Ein unzufriedenes Raunen war von den anderen Leuten zu hören. Yoldes Vater schaute sich zornig um. „Sie ist meine Tochter, ihr werdet mir das nicht verwehren!“
Yolde wollte weinen und sich in seiner behütenden Umarmung verkriechen. Aber sie blieb steif stehen und beherrschte sich. Sie wusste nicht, was der nächste Tag bringen würde. Sie wusste nur, dass sie ihr Nachleben nicht in den Abgründen der Dämonen verbringen würde. Sie musste eine Lösung finden.
Der nächste Tag brachte Regen. Yolde wachte schon früh auf und hörte das Prasseln auf dem Dach. Sie blickte stumm die Decke an. Einen Moment lang versuchte sie sich vorzumachen, dass sie den Fluch geträumt hatte. Dass alles noch normal wäre und sie heute einfach auf die Felder gehen würde.
Dann schalt sie sich eine Jammerliese und schwang die Beine aus dem Bett. Wenn es einen Ausweg gab, würde sie ihn finden. Wenn es keinen gab, würde sie ihn sich bauen. So einfach war das.
Ihre Eltern waren ebenfalls schon wach, wie sie kurz darauf bemerkte. Sie hatten ihr ein kleines Päckchen zusammengestellt und ihr Vater gab es ihr. Ihre Mutter sah sie immer noch nicht an. Yolde versuchte, das zu übergehen.
„Ich würde mich gerne noch verabschieden.“
Ihr Vater nickte kurz und ging, ihre Geschwister aufwecken. Es schien ihr, als wäre er über die Nacht um Jahre gealtert.
Als alle da waren, ging sie mit einem Kloß im Hals von einem zum anderen und verabschiedete sich.
„Leb wohl, Mutter.“
Ihre Mutter nickte nur und sah an ihr vorbei.
Yolde ging weiter. „Leb wohl, Nareg.“
Ihr ältester Bruder wirkte gefasst. „Ich wünsche dir Erfolg.“
Yolde nickte dankbar.
„Tiri, Merud, macht keinen Unsinn, wenn ich weg bin.“
Die beiden Mädchen hatten Tränen in den Augen. Merud zog die Nase hoch. „Ich will nicht, dass du gehst.“
„Es geht leider nicht anders.“
„Ich will es trotzdem nicht.“
Dann kam Yolde zum jüngsten Mitglied der Familie und sie konnte ihre Tränen kaum mehr zurückhalten. „Ich wünschte, ich hätte dich aufwachsen sehen können“, murmelte sie leise dem zwei Jahre alten Uri zu.
Sie drehte sich rasch um, ehe sie die Beherrschung verlor. Ihr Vater begleitete sie mit hinaus und noch ein kurzes Stück des Weges.
„Gib nicht auf, Yolde, so wie auch ich dich nicht aufgebe. Suche dir Hilfe, dann wirst du diesen Fluch brechen können.“ Sie wusste nicht, ob er es sagte, um selbst daran glauben zu können, oder ob er tatsächlich glaubte, sie könne den Fluch brechen. Er reichte ihr einen kleinen Beutel mit Münzen. „Nimm die. Deine Mutter wollte nicht, dass ich sie dir gebe, aber ... wir sind schließlich nicht immer einer Meinung. Sie ... du musst ihr verzeihen. Sie hatte so große Hoffnungen in dich gesetzt und dein Verlust kam so plötzlich.“
Yolde wusste nicht, ob sie ihrer Mutter verzeihen konnte, nickte aber, um ihren Vater nicht zu sorgen. Der Regen rann über ihren Mantel und sie wusste schon jetzt, dass sie durchnässt sein würde, ehe sie das nächste Dorf erreicht hatte.
Sie hatten den Rand des Dorfes erreicht und ihr Vater blieb stehen. In einem Anflug von Trotz presste Yolde hervor: „Ich würde es wieder tun. Den Wanderer fortschicken, meine ich.“
„Wegen der bösen Geister?“
„Genau.“
„Ich fürchte, ich habe diese Geister nicht gesehen.“
„Ich glaube, niemand hat sie außer mir gesehen!“ Es machte sie zornig.
„Du hattest schon immer außerordentlich gute Sinne.“
„Ha!“ Yolde lachte bitter auf. „Was hat es genützt.“
„Sei nicht verbittert, meine Tochter. Du wirst die Welt sehen. Und sicherlich irgendwann zurückkehren.“ Er versuchte, sie aufmunternd anzulächeln. Jetzt wusste sie, dass ihr Vater nur versuchte, sich selbst Mut zu machen.
„Leb wohl, lieber Vater.“
Tanra schlief lange und friedlich. Bis sie von dem Hämmern an ihrer Türe geweckt wurde. Etwas orientierungslos blickte sie sich um, bis sie verstand, wo das Klopfen herkam.
„Moment, Moment“, murmelte sie und wälzte sich aus dem Bett, verfing sich in der Decke und fiel mit lautem Poltern zu Boden.
„Aua!“ Verärgert rieb sie sich den Ellenbogen, rappelte sich auf und warf ihr Kleid über. Wer wagte es, sie derart früh zu wecken?!
Sie riss die Türe auf und funkelte ihr Gegenüber böse an. Zumindest wollte sie das, musste dann aber mehrmals blinzeln, weil sie die Sonne blendete. Sie hatte in den Tag hinein geschlafen! Verwirrt trat sie einen Schritt zurück. Ihr Gegenüber, ein kleiner, hässlicher Mann, nahm das als Aufforderung auf und trat hinein.
„Ich hoffe, ich habe Euch nicht bei etwas Wichtigem gestört. Das passiert mir manchmal.“ Er grinste sie an und entblößte dabei eine Zahnlücke.
Sie wünschte sich sofort, er würde aufhören zu grinsen.
„Heute ist geschlossen.“ Tanra wollte ihn abwimmeln. Schließlich musste sie immer noch das Narbengesicht finden, wie ihr ihr schlechtes Gewissen lautstark mitteilte.
„Oh.“ Das hässliche Männchen machte ein Gesicht, als wäre er geschlagen worden. „Nicht einmal eine kleine Wahrsagung? Ich bitte euch.“
„Ich sagte nein.“
„Genau genommen sagtet Ihr, es sei geschlossen. Aber da ich schon mal hier bin ...“
„Was?“ Tanra sah ihn entgeistert an. War das Dreistigkeit oder schlichte Dummheit?
„Also ich wollte Euch fragen, ob ich denn in Zukunft Glück mit ...“, er druckste kurz herum, aber ehe Tanra ihn aus der Türe schieben konnte, fuhr er fort, „mit einer Frau haben werde?“
„Was für eine Frau sollte das denn sein?“
„Naja, irgendeine.“
Tanra musterte ihn und konnte sich keine Frau vorstellen, die freiwillig bei dem Mann bleiben würde. Er war ungewaschen, unrasiert, klein und, naja, hässlich.
„Wenn ihr eine Frau halten wollt, müsst ihr sie schon erpressen“, sagte sie leichthin. „Und jetzt hinaus.“
„Erpressen?“ Das Männchen machte ein entsetztes Gesicht, ließ sich aber aus der Türe schieben und drückte ihr sogar noch zwei Heller in die Hand. Mehr hatte er wohl nicht.
Tanra schloss die Türe ab und lehnte sich dagegen. Sofort taten ihr ihre Worte leid. Hätte das Kerlchen sie nur nicht geweckt. Sie war wirklich nicht gut aufgelegt, wenn sie aus dem Schlaf gerissen wurde.
„Ich bin ein schrecklicher Mensch“, seufzte sie und begann sich für den Tag herzurichten. Am Schluss flocht sie ihr braunes Haar zu einem Zopf und steckte ihn hoch.
Das Narbengesicht war nicht zu ihr gekommen, also musste sie wohl zu ihm finden. Eine Vision könnte jetzt wirklich hilfreich sein, dachte sie sich. Augenblicklich nahm sie den Gedanken zurück. Visionen mochten zwar eine heilige Gabe sein und sie würde ihre Aufgabe immer erfüllen, aber zu viele Visionen machten nur das Leben schwer.
Sich selbst gut zusprechend verließ sie das Haus.
Ihr Weg führte sie wieder über die Donnerbrücke, die die breite und träge dahinfließende Fogge überspannte, ins Marktviertel. Frejas Stand war ihr Anlaufort. Die alte Frau war glücklicherweise wieder da und Tanra sprach sie auch sogleich an.
„Dieser Mann mit der großen Narbe, ja an den erinnere ich mich. Merkwürdiger Kerl. Er hatte mich gefragt, wo man gut und sicher unterkommen könnte. Ich hatte mich noch gewundert, was er mit sicher meinte. Vermutlich fürchtete er, ausgeraubt zu werden.“
Tanra schüttelte innerlich den Kopf. Wer versuchte, den auszurauben, war lebensmüde. Freja setzte ihren Redeschwall fort: „Naja, ich hatte ihm also den Schwarzen Raben empfohlen. Natürlich habe ich gesagt, dass es dort teuer ist. Mein Herr, habe ich gesagt, das ist eine sehr teure Unterkunft. Der Bunte Hund wäre vielleicht günstiger. Und dann hat er gezahlt und sich einfach umgedreht, ohne mir zu danken. Ich musste ihm auch kein Rückgeld geben, immerhin, aber danke hätte er schon sagen können.“
Das schien der geeignete Moment, um etwas zu äußern. „Danke Freja,“ warf Tanra ein und drehte sich um, um zum Schwarzen Raben zu gehen.
„Willst du denn gar nichts kaufen?“
„Morgen wieder“, rief sie über die Schulter.
Das Glück ist mir hold. So rasch einen Erfolg verzeichnet, beglückwünschte sich Tanra selbst. Sie hätte allerdings keine Ahnung gehabt, wen sie sonst hätte fragen können, wenn Freja nichts gewusst hätte.
Zum Schwarzen Raben war es nicht weit. Tanra musste nur ein Stück nach Westen, das Gasthaus lag direkt zwischen dem Markviertel und dem Goldenen Viertel, in dem die wohlhabenderen Bürger, vor allem Händler aber auch noch ein paar Adlige ihre Behausungen hatten.
Vor der Türe hielt Tanra noch einmal inne. Sie konnte noch umkehren. Nein, korrigierte sie sich, sie wollte umkehren, aber sie kannte ihre Pflicht. Also straffte sie die Schultern, durchschritt die Türe und hoffte, nicht gleich aufgrund ihres einfachen Kleides hinausgeworfen zu werden.
Der Innenraum war sauber und schön hergerichtet. Obwohl die Räumlichkeit nicht übermäßig viel Platz bot, schien der Raum groß und irgendwie weit. Tanra war noch nie in dem Gasthaus gewesen und sah sich neugierig um. An den Wänden hingen sogar ein paar Trophäen und das Holz war mit kunstvollen Schnitzereien verziert.
Es war fast Mittag und so hatten sich schon einige Leute an den Tischen eingefunden, um zu speisen. Der Mann mit der Narbe war nicht unter ihnen. Langsam lief Tanra zum Tresen. Vielleicht war der Mann gar nicht hier abgestiegen, bangte sie. Oder aber er war schon weitergezogen.
Die Frau hinter dem Tresen hatte dunkle Haut, genau wie sie selbst. Tanra fragte sich unwillkürlich, ob sie wohl auch gebürtig aus dem Süden kam oder hier in der Stadt geboren war. Aber das interessierte jetzt ja gar nicht.
Tanra war unsicher, was sie tun sollte. Sie konnte dreist nach dem Narbengesicht fragen. Wenn die Dame ihr aber keine Auskunft geben wollte, wäre sie danach misstrauisch und alle weiteren Versuche zu den Gästezimmern zu gelangen, wären vereitelt. Sie könnte auch einfach ein Zimmer nehmen. Wenn sie das Geld besäße. Sich als Arbeitssuchende auszugeben schien ihr ebenfalls kaum vielversprechend.
Ach, bei allen fünfzehn Göttlichen, ich werde mich selbst verfluchen, wenn ich nicht den leichten Weg versuche und er hätte klappen können. Was sollte schon schief gehen? Zur Not konnte sie immer noch warten, bis der Mann wieder hinausging.
Ihr schlechtes Gewissen meldete sich abrupt: Falls er dann noch lebte.
Sie musste wohl darauf hoffen.
„Ich grüße Euch, werte Dame.“
Die Frau hinter dem Tresen musterte Tanra und lächelte gemütlich. „Diesen Dialekt habe ich schon lange nicht mehr gehört. Ihr kommt sicherlich aus Feyenden. Das muss eine beschwerliche Reise gewesen sein, vor allem da ihr noch so jung seid. Was kann ich für Euch tun.“
„Äh, ja. Genau“, stotterte sie etwas aus dem Konzept gebracht. „Also ich wollte ein Zimmer nehmen. Dieses Gasthaus genießt einen guten Ruf.«
„Oh, das höre ich aber gerne. Wir bieten auch ein paar außerregionale Speisen, wenn ihr versteht.“
Die Frau zwinkerte und Tanra lächelte freundlich. Das lief doch ganz gut, lobte sie sich.
„Ich bin mit einem Bekannten hier verabredet. Sagt, ist er womöglich schon eingetroffen. Er teilt aber nicht unsere Herkunft und ist weiß. Und er hat eine große Narbe, so, quer über das Gesicht.“
Die Frau wurde plötzlich sehr ernst. Dann schien sie sich wieder gefangen zu haben. „Aber ja, der Herr nächtigt bereits bei uns. Er ist auf dem Zimmer, soweit ich weiß.“
Tanra behielt ihr Lächeln aufgesetzt. „Das freut mich. Welches Zimmer ist es denn?“
„Im zweiten Stock“, die Frau deutete nach rechts zur Treppe, „die dritte Türe zur rechten Seite.“
„Habt dank“, erwiderte Tanra und wandte sich ab, ehe die Frau noch bemerken konnte, dass sie selbst nun kein Zimmer genommen hatte.
„Aber ihr seid doch noch so jung.“
Verwirrt hob Tanra die Augenbrauen. „Ganz so jung dann auch nicht.“ Sie sah zurück zu der Frau, als sie das sagte, und bemerkte, wie sich deren Augen für einen Augenblick vor Schreck weiteten.
