Der Apfel in der Hand meiner Kindheit - Karin Will - E-Book

Der Apfel in der Hand meiner Kindheit E-Book

Karin Will

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Beschreibung

Die Geschichte beschreibt die Kindheit eines kleinen Mädchens, das von ihrer Mutter verlassen und von einer alleinstehenden Pfarrerin adoptiert wurde. Maßlose Eifersucht der Adoptivtochter und Ablehnung der im Haushalt lebenden Großmutter gegenüber dem Mädchen bestimmen ihren Alltag. Zuerst noch geistig und körperlich zurückgeblieben, wehrt sich das Kind mit ihren Mitteln. Sie weint und verweigert das Essen. Sitzt oft verstört auf der Fensterbank und wartet darauf, dass sie wieder abgeholt wird. Doch den exorzistisch anmutenden Erziehungsmethoden ihrer Adoptivmutter ist sie hilflos ausgeliefert. Erst als das Kindermädchen in die Familie kommt bessert sich die Situation für die Kleine. Sie gibt ihr Liebe und Zuversicht. Dann wird ein weiser alter Mann zu ihrem besten Freund, der sie Mut und Selbstvertrauen lehrt. So schafft er es, dass aus dem kleinen zerbrechlichen Wesen ein Mädchen wird, das die Menschen sehr kritisch betrachtet und doch bereit ist, sich auf sie einzulassen.

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Seitenzahl: 230

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Karin Will

Der Apfel

in der Hand meiner Kindheit

Roman

Ebozon Verlag

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.

2.überarbeitete und erweiterteAuflageAugust2020

Copyright © 2014by Ebozon Verlag

ein Unternehmen der CONDURIS UG (haftungsbeschränkt)

www.ebozon-verlag.com

Alle Rechte vorbehalten.

Covergestaltung:media designer 24

Coverfoto: © Melling liudmila / pixelio.de

Layout/Satz/Konvertierung: Ebozon Verlag

ISBN 978-3-95963-738-1 (PDF)

ISBN 978-3-95963-736-7 (ePUB)

ISBN 978-3-95963-737-4 (Mobipocket)

ISBN der Printausgabe 978-3-95963-739-8

Das Werk, einschließlich aller seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Autors/Verlags unzulässig. Das gilt insbesondere für Veröffentlichung, Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Unbefugte Nutzungen, wie etwa Vervielfältigung, Verbreitung, Speicherung oder Übertragung, können zivil- oder strafrechtlich verfolgt werden.

Über das Buch

Die Geschichte beschreibt die Kindheit eines kleinen Mädchens, das von ihrer Mutter verlassen und von einer alleinstehenden Pfarrerin adoptiert wurde. Maßlose Eifersucht der Adoptivtochter und Ablehnung der im Haushalt lebenden Großmutter gegenüber dem Mädchen bestimmen ihren Alltag.

Zuerst noch geistig und körperlich zurückgeblieben, wehrt sich das Kind mit ihren Mitteln. Sie weint und verweigert das Essen. Sitzt oft verstört auf der Fensterbank und wartet darauf, dass sie wieder abgeholt wird. Doch den exorzistisch anmutenden Erziehungsmethoden ihrer Adoptivmutter ist sie hilflos ausgeliefert.

Erst als das Kindermädchen in die Familie kommt bessert sich die Situation für die Kleine. Sie gibt ihr Liebe und Zuversicht. Dann wird ein weiser alter Mann zu ihrem besten Freund, der sie Mut und Selbstvertrauen lehrt. So schafft er es, dass aus dem kleinen zerbrechlichen Wesen ein Mädchen wird, das die Menschen sehr kritisch betrachtet und doch bereit ist, sich auf sie einzulassen.

Über die Autorin

Karin Will wurde im Jahre 1951 in Berlin geboren. Sie ist von Beruf Erzieherin, Heilpädagogin und arbeitet seit über 20 Jahren in einem Pflegeheim mit psychisch kranken Menschen. Die Autorin selbst hat drei eigene Kinder und vier Pflegekinder großgezogen. Inzwischen ist sie Großmutter und kümmert sich liebevoll um ihre drei Enkelkinder. »Der Apfel in der Hand meiner Kindheit« ist die erste Buchveröffentlichung der Autorin im Ebozon Verlag.

Vorwort

Wenn dein Leben eine Achterbahn ist, wird es besonders wichtig, dass du Menschen hast, die Dir Halt geben. Menschen die auch mal „Stopp“ sagen. Es sind die Menschen, die Dich lieben.

Ich habe mir oft die Frage gestellt:

Warum gibt es Menschen, die mich lieben.

Die Antwort ist ganz einfach:

Weil ich fähig bin zu lieben.

Und das, obwohl mein Start ins Leben alles andere als liebevoll war.

Eine Mutter, die mich nicht wollte, eine Pflegemutter, die mich hergeben musste und eine Adoptivmutter, die ich nicht wollte.

Und doch haben mich Menschen gefunden, die mir zeigten, wie wichtig ich für sie bin. Sie haben mich geformt ohne mich einzuengen.

Sie haben mir geholfen das Leben zu begreifen.

Auch wenn es hier manchmal nicht so scheint, schaue ich zurück, hatte ich eine sehr schöne Kindheit, nur etwas anders.

Was immer bleibt

Im Haus war es still geworden. Die Kinder waren eingeschlafen, manche von ihnen haben noch lange geweint. Weinen, das war das Einzige, womit sich eine kleine Kinderseele wehren konnte. Abgeschoben in einer Großpflegestelle. Natürlich gab es genügend zu essen und ein warmes Bett aber sonst nicht viel. Tante Hildegard bemühte sich sehr allen Kindern gerecht zu werden, doch sie wusste genau, so sehr sie sich auch mühte, es war nie genug. Nur Bienchen, die war ihr ans Herz gewachsen, und so ging sie noch einmal an das Bett der Kleinen. Große traurige Augen schauten sie an.

„Du schläfst ja noch nicht.“ Sie nahm das kleine zerbrechliche Wesen auf den Arm und ging mit ihr in die Küche. Sabine war schon fast drei Jahre, konnte aber immer noch nicht laufen. Englische Krankheit hatten die Ärzte gesagt, aber das wird schon wieder.

„Magst du einen Kakao?“ Die Kleine lächelte. „Gleich meine Süße, der Kakao ist gleich fertig!“ Liebevoll nahm sie die Kleine auf den Arm und half ihr die schwere Tasse zu halten. Tante Hildegard wiegte das Mädchen in ihren Armen, und sang: „Guter Mond du gehst so stille.“ Bald waren die kleinen Kinderaugen zugefallen, und Tante Hildegard legte das Kind sanft in ihr Bett.

Aber ihre Gedanken fanden keine Ruhe: „Was soll nur aus der Kleinen werden. Sie braucht eine Familie. Ich habe nicht genügend Zeit für Bienchen. Es wäre schön, wenn sie bei mir bleibt, aber das Jugendamt wird sie weggeben. Wenn es doch nur einen Weg gäbe. Bienchen war anders, als all die Kinder, die sie betreut hat.

Irgendwie ein besonderes Kind, stark und ungebrochen und doch so zart. Ihre Gedanken kreisten. Ich darf dieses Kind nicht lieben. Irgendwann wird sie gehen. Und dann... Sie wird sich von mir verlassen fühlen. Gott im Himmel, wie mache ich es richtig.“

Einige Wochen waren vergangen, da klingelte es an der Tür. Der Herr vom Jugendamt war wieder einmal da. Sichtlich belästigt durch die Kinder, bat er Tante Hildegard ins Nebenzimmer, um sie alleine zu sprechen.

Nachdem er ein paar dumme Höflichkeitsfloskeln von sich gegeben hatte und das übliche: „Danke, danke“ geerntet hatte, erhob er seine schläfrige Stimme erneut: „Sagen Sie mal, liebe Frau, Was ist eigentlich mit der kleinen Sabine Berndt? Sollten wir nicht mal eine Familie suchen, oder ist sie immer noch so kränklich?“

Tante Hildegard stockte der Atem. Warum fragt er nicht nach den anderen Kindern, warum Bienchen.“ Geschickt versuchte sie abzulenken. „Ja, wissen Sie den Kindern geht es gut, manchmal reicht das Geld nicht, um genug Obst und Gemüse zu kaufen, aber ich habe ja einen kleinen Garten, dort baue ich ein wenig Gemüse an. Kommen Sie, ich zeige ihnen mal den Garten. Sie haben doch auch Kinder, Ich gebe Ihnen ein paar Mohrrüben.“

„Schön, schön, das können wir später machen“, unterbrach er ungehalten. „Jetzt zu der kleinen Sabine. Diese Pastorin möchte nun ein zweites Kind adoptieren. Die Kleine bietet sich doch an, dann wären die Geschwister beisammen. Was sagen Sie, gnädige Frau?“

„Sie sollte erst laufen lernen, finden Sie nicht?“, entgegnete Hildegard leise und unsicher, wusste sie doch, dass sie keine Chance hat mit diesem Argument.

„Keine Sorge, meine Gnädigste. Die Adoptivmutter wird das schon schaffen, und Sie sind einen kleinen Fresser los. Gut so machen wir es, am 1. Advent lass ich die Kleine abholen.“

Der Beamte nahm noch die Tüte Möhren und verabschiedete sich höflich.

Tante Hildegard ging ins Kinderzimmer zurück. Sie bemühte sich um Fassung, doch es gelang ihr nicht.

„Tante aua?“, fragte der kleine Charlie, ein Besatzungskind, mit brauner Haut und schwarzen Locken. „Tante ist traurig“, erwiderte Hildegard. Bienchen hatte mit ihren wachen Augen alles beobachtet, nun begann auch sie zu weinen. Hildegard drückte die Kleine an sich.“ Was soll ich nur tun, mein kleiner Engel.“

Mit einem tiefen Seufzer sagte sie leise: „Das wirst Du mir nie verzeihen.“

Der 1. Advent

„Edelgard, lauf hier nicht umher, wie ein aufgescheuchtes Huhn. Warum musst Du Dir denn noch so ein fremdes Kind nehmen. Schlimm genug, dass die Monika hier schon ohne Vater aufwächst. Kannst Du Dir nicht einfach einen netten Mann suchen, dann hast du genug Beschäftigung und musst nicht fremde Kinder großziehen. Und dann noch so ein krankes Kind, das ist doch nicht normal, drei Jahre und kann weder laufen noch sprechen. Kannst Du das nicht mehr rückgängig machen, Edelgard ich bitte dich!“

Die alte Frau setzte sich erschöpft in den Sessel. Ihre Haut sah aus wie gegerbt. Sie hatte es nie einfach im Leben, sie war zweimal verheiratet, Aber der Krieg nahm ihr die Männer und auch einen Sohn. So musste sie sich mit vier Kindern alleine durchschlagen. Nun war sie müde vom Leben.

„Mutter, es ist Gottes Wille, dass ich das tue. Es ist meine Aufgabe diese kleinen verlorenen Seelen auf den richtigen Weg zu bringen. Du wirst sehen, sie werden auch Dir Freude bereiten.“

„Ja und deshalb musste ich mein schönes Zimmer hergeben und in dieses kleine Loch ohne Sonne einziehen. Vielleicht nehme ich mir doch eine eigene Wohnung. Das halte ich nicht mehr aus.“

„Aber Mutter das Kind ist noch nicht einmal bei uns und du machst ihm schon das Leben schwer.“

„Ich? Mit Dir werden Sie es schwer haben. Du hast doch gar keine Ahnung von Kindern. Dir ist doch nur Deine Kirche wichtig.“

„Ich habe mich gut vorbereitet, habe die neusten pädagogischen Bücher gelesen und Frl. Krebs und Frl. Gies werden mir sicher helfen, die Kinder zu beaufsichtigen. Du wirst keine Last mit ihnen haben.“

„Das ist wieder mal typisch für Dich, aber das ist keine Deiner Predigten, die Du vorbereiten kannst. Das sind kleine Menschen und jedes ist anders. Naja Ich sehe schon, du wirst wieder Deinen Dickkopf durchsetzen, ohne nach rechts und links zu schauen. So hast du es schon als Kind gemacht.“

„Mutter wir sollten nicht streiten, und vor den Kindern darf man niemals streiten. Das nimm Dir bitte gleich zu Herzen. Ich fahre jetzt los, die Kleine holen. Ich werde gegen Abend wieder hier sein. Na ich werde wohl eine Taxe nehmen, wenn die kleine Sabine nicht laufen kann.“

Es wurde eine lange Fahrt. Die Straßenbahn zuckelte durch die Straßen von Rudow und dann weiter mit der Bahn. Die Vorfreude auf ihr zweites Kind war viel zu groß um sich über die Sorgen ihrer Mutter Gedanken zu machen.

Schon nächsten Sonntag könnte sie die Kleine der Gemeinde vorstellen. Hoffentlich passt ihr eins der Kleider von Monika.

„Vielleicht sollte ich mir einen Kinderwagen besorgen, der Weg zur Kirche wäre zu weit für die Kleine.

Oder sollte ich sie besser zu Hause lassen bei Fräulein Krebs? Nein die Gemeindemitglieder sind doch schon so gespannt auf das Kind. Und in dem Buch für Adoptivkinder steht, man soll sie sofort in den Alltag einbeziehen. Ach, wir werden schon einen Weg finden.“

Die Bahn hielt Onkel- Toms- Hütte. Edelgard stieg aus und ging die Treppen hinauf. Nur noch ein paar Schritte, dann war sie endlich da.

Sie klingelte. Hinter der Tür hörte sie schlurfende Schritte. Es wurde geöffnet. Ein blasses, hageres Mädchen, so um die zwanzig, schaute durch den leicht geöffneten Türspalt und lächelte.

„Sie wollen Bienchen abholen? Schwester Hildegard geht es nicht gut. Sie hat sich hingelegt. Ich habe die Kleine schon angezogen. Kommen Sie doch rein.“

Edelgard betrat das Wohnzimmer, dort saß Sabine auf der Couch und sah sie mit großen ängstlichen Augen an. Sie kniete sich vor dem Kind hin, berührte ihre kleine Hand und lächelte.

„Na Kindchen, nun haben wir eine weite Fahrt vor uns. Aber dann bist du endlich in deiner Familie, und du siehst auch deine Schwester wieder.“

Bienchen schien zu ahnen, was jetzt passiert. Die Tränen kullerten über die Wangen, aber kein Weinen war zu hören. Sie steckte ihre kleinen Hände in die Taschen ihres abgewetzten Mantels und bewegte sich nicht.

„Könnten Sie mir bitte eine Taxe rufen, der Weg erscheint mir doch zu beschwerlich für die Kleine.“

„Natürlich Frau Pastorin, einen Moment bitte!“

Sie blätterte immer wieder im Telefonverzeichnis dann endlich hatte sie die Nummer gefunden, und rief dann an.

„Die Taxe kommt in zehn Minuten.“

„Gut dann warten wir noch hier im Warmen, wenn wir dürfen.“

Bienchen schaute immer zur Tür, die in die Küche führte. Sie würdigte ihre neue Mutter keines Blickes.

„Die Taxe ist da Frau Pastorin!“

„Gut, wir gehen dann; einen recht herzlichen Dank an Schwester Hildegard.“

Sie nahm die Kleine auf den Arm und verließ das Haus. Die Tränen kullerten Sabine unaufhörlich über ihre Wangen.

Oben am Fenster, hinter der Gardine, stand Hildegard. Auch sie weinte und wiederholte immer wieder den gleichen Satz: „Bienchen braucht abends ihren Kakao, und sie kann nicht im Dunkeln schlafen!“

Endlich zu Hause angekommen wurden schon von der Oma erwartet.

„Ohh Gott, ohh Gott, was ist das denn für ein Häufchen Elend. Das kann doch nicht Monika`s Schwester sein. Geh bloß schnell zum Arzt mit der, die bringt uns noch die Schwindsucht ins Haus. So blass und dünn, das Kind ist krank, schwerkrank.“

„Mutter hör bitte auf, die Kleine hat Rachitis“

Sie setzte das Mädchen auf einen Stuhl, um ihr die Schuhe aufzubinden.

„Kleines! Sabine! Heute ist der 1. Advent und du darfst jetzt bei uns bleiben. Diesen Tag werden wir nun immer feiern, als deinen 2. Geburtstag.“

„Was zum Teufel, ist Rachitis?“

„Mutter du sollst nicht fluchen, das ist die Englische Krankheit, die macht die Knochen weich.“

„Geht das auch ins Gehirn? Nicht sprechen, nicht laufen, das Kind hat doch einen Gehirnschaden. Gib sie zurück Edelgard, die wird nie wie ihre Schwester, und später musst du sie auf die Idiotenschule geben. Dazu hast du doch gar keine Zeit.“

„Mutter hör jetzt auf, du bringst Sabine ganz durcheinander“

„Die versteht doch gar nicht, was ich sage.“

Sabine schaute mit angstvollem Blick, auf ihre neue Oma. Dann schaute sie zur Tür, aber niemand kam sie holen.

Sie saß und saß vor dem großen Stück Kuchen ohne es anzurühren.

Dann öffnete sich die Tür und eine quirlige Fünfjährige kam herein.

Sie redete ohne Unterlass, erzählte was sie an diesem Tag erlebt hatte mit Fräulein Gies.

„Schau doch mal Monika. Das ist deine Schwester, die bleibt nun für immer bei uns“, unterbrach sie die Mutter.

Monika wandte kurz ihren Blick zu dem kleinen Mädchen, aber alles andere war ihr dann doch wichtiger.

„Ist noch Kuchen da?“

„Nein, Sabine hat das letzte Stück bekommen. Du hattest ja schon ein Stück.“

Monika wandte ihren Blick zu Sabine dann auf den Teller, sie überlegte kurz.

„Kann ich deinen Kuchen haben, du willst ihn ja gar nicht?“

Sabine reichte dem Mädchen den Teller und lächelte ein wenig.

„Wo schläft die?“, fragte Monika mit vollgestopftem Mund.

Sie bekommt das Zimmer, was Oma hatte, aber erst mal soll sie bei Dir schlafen, damit sie sich nicht so alleine fühlt, das kennt sie doch nicht.

„Und meine Spielsachen?“

„Du wirst sie sicher gerne mit Sabine teilen. Es ist doch deine Schwester!“

„Ja, natürlich“, sagte Monika sehr freundlich, aber ihr Blick verhieß nichts Gutes.

Die Großmutter schüttelte den Kopf und ging in ihr Zimmer.

„So es ist Zeit Kinder, ihr müsst ins Bett“, sagte die Mutter.

„Hilf bitte der Sabine, und zeige ihr alles.“

„Kann die laufen?“

„Ja ein paar Schritte.“

Die Mutter hob Sabine vom Stuhl und stellte sie vorsichtig auf den Boden.

Erst blieb die Kleine wie angewurzelt stehen, dann ging sie mit unbeholfenen Schritten, den Oberkörper nach vorn gebeugt zum Fenster. Sie klammerte sich an die breite Fensterbank, stellte erst den einen dann den anderen Fuß auf eine Blumenbank, zog sich mit großer Anstrengung hoch und setzte sich auf das Fensterbrett. Sie schaute hinaus auf die Straße und beobachtete das Geschehen.

„Nun komm, wir sollen schlafen gehen“, rief Monika und ging zu ihr hin.

„Du kannst doch gar nichts mehr sehen da draußen, es ist doch dunkel.“

Die Kleine fing an ganz leise zu weinen.

„Nun komm“, sagte Monika ungeduldig und zerrte an Sabine.

Die wehrte sich aber und blieb am Fenster sitzen.

Die Mutter kam herein und sagte: „Lass sie, es ist schwer für sie. Geh du ins Bett.“

Edelgard ging zu der Kleinen und versuchte sie zu trösten.

„Nicht traurig sein Sabine. Es ist doch schön hier bei uns, viel schöner als bei Tante Hildegard.“

In diesem Moment wurde das Schluchzen lauter und lauter, Sabine ließ sich nicht mehr beruhigen.

Vom Weinen aufgewacht kam die Oma ins Zimmer, um nach dem Rechten zu sehen.

„Was machst du mit dem Kind, lass sie sitzen, die beruhigt sich schon.“

Edelgard schob sich einen Stuhl ans Fenster, und nahm sich eine Zeitung.

Es war wohl mehr als eine Stunde vergangen, da schlief Sabine am Fenster ein.

Die Mutter nahm vorsichtig dieses kleine, zerbrechliche Bündel und brachte es ins Bett.

Dann ging sie selbst schlafen.

Die Wochen vergingen, aber es änderte sich wenig. Sabine blieb das kleine traurige Mädchen. Teilnahmslos saß sie den größten Teil des Tages auf der Fensterbank. Alle Versuche sie zum Essen zu bewegen scheiterten.

Nur wenn Sie Kakao bekam, huschte ein kurzes Lächeln über ihr Gesicht.

Die Oma stellte ihr eine Schüssel mit Keksen aufs Fensterbrett, die aß sie manchmal.

Tante Anna

Es war Heilig Abend, am Vormittag. Die Mutter bereitete ihre Predigt vor, Monika, Sabine und Frl. Gies saßen im Kinderzimmer. Die Oma schmückte den Baum, wie jedes Jahr. Da klingelte es. Oma ging gemächlichen Schrittes zur Tür und öffnete.

Draußen stand Frl. Krebs mit einem großen Topf.

„Guten Tag Frau, ich habe Hühnersuppe gekocht. Ich dachte, dass Frau Pastorin doch heute keine Zeit hat zum Kochen. Darf ich reinkommen?“

Frl. Krebs war eine gemütliche Frau so um die Sechzig. Sie war recht mollig. Ihre leicht fettigen Haare hatte sie streng nach hinten gekämmt und zu einem Dutt geformt. Auf der Nase rutschte eine schrecklich dicke Brille hoch und runter, und man hätte den Eindruck kriegen können, dass sie gar nichts sehen kann.

Die Oma winkte sie herein, ohne sie zu begrüßen.

Fräulein Krebs setzte sich an den Esstisch.

„Ist Frau Pastorin zu Hause?“, fragte sie ganz zurückhaltend die Oma.

„Ja, aber die will nicht gestört werden“, entgegnete diese mürrisch.

„Mutter es hat geklingelt!“, hörte man aus dem Nebenzimmer rufen.

„Ja, es ist Frl. Krebs!“

„Ach, das ist aber schön“, rief sie, übertrieben freundlich, aus dem Arbeitszimmer.

„Ich bin gleich fertig, dann habe ich ein wenig Zeit.“

Minuten später kam sie in die Küche. „Fräulein Krebs, ich grüße Sie, schön, dass sie vorbeikommen. Und wie jedes Jahr haben sie eine Suppe mitgebracht. Herzlichen Dank, wie nett von Ihnen. Dann werde ich gleich mal die Kinder rufen.“

Alle saßen am Tisch und aßen, nur Sabine nicht. Fräulein Krebs schaute zu ihr herüber zog die Stirn in Falten, dachte kurz nach und stand auf.

„Komm zu mir Kleines, das schmeckt wirklich gut. Ich kenne viele Kinder, die nicht essen wollen, aber meine Suppe essen sie alle. Es ist nämlich eine Zaubersuppe, die macht alle Kinder ganz stark. Du wirst sehen.“

Sie flüsterte einen Zauberspruch und machte noch eine geheimnisvolle Handbewegung.

Dann nahm sie Sabine auf den Schoß, die hatte kaum Platz, denn Frl. Krebs hatte einen riesig großen Busen.

Sie quetschte die Nudeln mit einer Gabel und begann Sabine zu füttern.

Dabei sang sie lustige Lieder. Manche Lieder klangen etwas fremd, denn Frl. Krebs kam aus Ostpreußen. Sabine aber gefiel es.

Und eh sie es sich versah war der Teller leer.

„Wie heißt du eigentlich, Püppchen?“

„Biene“, sagte die Kleine.

Frl. Krebs begann sofort wieder zu singen:“Sabinchen war ein Frauenzimmer…“ und schaukelte Sabine hin und her. Nun fing die Kleine an zu kichern, und hopste von sich aus auf dem Schoß, hoch und runter.

Der Bann war gebrochen. Die Mutter wusste nicht recht, wie sie mit dieser Situation umgehen sollte. Einerseits freute sie sich über Sabines Fröhlichkeit, andererseits spürte sie eine Eifersucht.

Und die Oma sagte nur: „Die kann ja sprechen!!!“

Tante Anna wollte sich gerade verabschieden, da rief Edelgard sie ins Arbeitszimmer.

„Frl. Krebs ich sehe, dass Sabine ihnen zugänglich ist, und vor allen Dingen, hat sie gegessen. Nun ja, sie sollten solche Zaubersprüche lassen. Sie wissen, das ist Teufelswerk.

Aber Sabine scheint sie zu mögen, also wäre es möglich, dass Sie nun regelmäßig zu uns kommen, wenigstens solange bis das Kind kein Heimweh mehr hat?“

„Liebe Frau Pastorin, gerne, aber sie wissen, ich gehe arbeiten. Ich habe ja keinen Mann, der mich ernährt. Aber um 14.30 könnte ich immer bei ihnen sein.“

„Gut, so machen wir es, vielen Dank für ihre Mühe.“

„Das ist keine Mühe, ich liebe Kinder und Sabine ist ganz besonders herzig.“

„Na dann bis Morgen! Ach nein warten sie, heut ist doch Heilig Abend, bleiben sie doch, sie sind doch alleine. Feiern Sie mit uns, das wäre schön.“

Tante Anna blieb und es war ein schönes Weihnachtsfest. Sabine bekam eine Puppe, von der Oma einen selbstgestrickten Schal und ein Bild mit einer großen Sonne, gemalt von ihrer Schwester.

Der Zaubertrank

Es war ein Sonntag im Februar. Alle saßen am Frühstückstisch. Aber am Sonntag gab es Rosinenbrot mit Marmelade. Das mochte Sabine sehr gern, und so aß sie ihr ganzes Brot auf.

„Es ist schön, Sabine, dass du endlich mal vernünftig isst. Warum kann das nicht jeden Tag so gehen. Es ist doch nur zu deinem Besten. Du sollst doch ein bisschen kräftiger werden. Dann klappt es auch besser mit dem Laufen. Der Doktor hat gesagt, dass du deine Krankheit noch nicht überwunden hast. Nachher nehmen wir noch den Lebertran, den der Doktor verordnet hat.“

„Der schmeckt nicht!“, protestierte die Kleine sehr leise.

„Der muss nicht schmecken. Der soll dir helfen, Sabine!“, antwortete die Mutter recht ungeduldig. Sie nahm die Flasche aus dem Wandschrank und holte einen großen Löffel. Sabine sah das, rutschte flink vom Stuhl und verschwand unter dem Esstisch.

Es klingelte und so wurde die Einnahme des Lebertrans erst einmal verschoben. Sabine setzte sich wieder auf den Stuhl und trank ihren Kakao aus.

„Ach Fräulein Krebs, schön, dass sie kommen. Ich muss ja auch los. Der Gottesdienst beginnt in einer Stunde. Sie bleiben doch bei den Kindern?“

Ohne eine Antwort abzuwarten redete sie weiter auf Tante Anna ein: „Sabine macht wieder einmal Schwierigkeiten. Sie will den Lebertran nicht nehmen. Vielleicht haben Sie ja mehr Glück. Ich geh mich mal anziehen.“

Fräulein Krebs ließ sich von der sonntäglichen Hektik nicht aus der Ruhe bringen. Sie setzte sich gemächlich an den Tisch und schmierte sich erst einmal ein Brot und trank einen Kaffee.

Eiligen Schrittes verließ die Mutter die Wohnung. Sie hatte bereits die Wohnungstür erreicht, da rief sie noch:

„Auf Wiedersehen Kinder, seid artig. Auf Wiedersehen Fräulein Krebs!“

Dann fiel die Tür ins Schloss. Die Oma verließ die Küche um ihr Vormittagsschläfchen zu machen. Bald darauf ging auch Monika in ihr Zimmer.

„So Marjellche, jetzt sind wir beide alleine. Was machen wir nun mit dem Lebertran. Ich musste ihn auch als Kind nehmen. Ich weiß er schmeckt scheußlich. Aber er ist ganz wichtig für dich. Er hilft dir, dass du besser laufen und sprechen kannst, verstehst du!“

„Meckt nicht!“, sagte Sabine, ein klein wenig bockig.

„Hmmm“,sagte Tante Anna nachdenklich. „Ich wollte das eklige Zeug auch nie nehmen, bis ich diese Geschichte hörte von meiner Oma. Hör mir mal zu:

„Damals in Königsberg gab es einen großen Zauberer. Der war mit einer wunderschönen Prinzessin verheiratet. Sie hatten einen Sohn, den Viktor. Die Eltern waren mächtig stolz auf den Kleinen, aber sie machten sich auch Sorgen. Der Junge war klein und zart und er sprach kein einziges Wort, obwohl er schon vier Jahre alt war.

Eines Tages sagte der Zauberer zu seiner Frau: „Was soll nur werden aus unserem Sohn. Wenn er nicht sprechen kann, wie soll er Zaubersprüche lernen. Also wird er nie zaubern lernen.“

Er zog die Stirn in Falten, presste die Augen zusammen und dachte nach: „Hör zu Frau, wenn ich doch Zauberer bin, werde ich auch meinem Sohn helfen können! Ich gehe jetzt in meine Zauberkammer, und komme erst wieder zurück, wenn ich einen Zaubertrank für meinen Sohn gebraut habe. Also warte nicht auf mich. Es wird einige Zeit dauern.“

So geschah es. Die Tage vergingen und es war nichts zu hören aus der Kammer. Manchmal roch es ein wenig. Aber das waren ja alle gewohnt, denn ein Zaubertrank riecht nun einmal nicht gut.

Erst nach neun Tagen verließ der Zauberer die Kammer. Er hatte eine Flasche in der Hand, die er freudestrahlend hochhielt, während er die Treppe hinab schritt.

„Frau, Frau ich habe ihn fertig. Das ist der Trunk für unseren Sohn. Gib ihm jeden Tag einen großen Löffel voll, und du wirst sehen. Alles wird gut.“

Der Junge schluckte den Zaubertrank ganz brav Tag für Tag. Er schmeckte gar nicht gut, aber zur Belohnung bekam er jedes Mal einen Keks.

Nach sechs Wochen war er schon viel kräftiger geworden und konnte auf einen kleinen Baum klettern. Nach drei Monaten sprach er seine ersten Worte. Nach einem halben Jahr, ging das Zauberkind zu seinem Vater, hob seinen Zauberstock und rief: „Sim sala bim!“

Der Vater hörte das und war so glücklich, dass er weinte.

Auch die Prinzessin war glücklich, und so sagte sie zu ihrem Mann:

„Wenn dieser Zaubertrank unserem Sohn geholfen hat, wird er auch allen anderen Kindern helfen, groß und stark zu werden. Geh Mann, zaubere so viele Flaschen wie möglich, und dann schicken wir die Boten in die ganze Welt.

„So kamen die Boten auch nach Berlin, und seither gibt es diesen Zaubertrank.“

Tante Anna lächelte, füllte den Löffel und hielt ihn Sabine hin. Die nahm den Löffel verzog das ganze Gesicht und schluckte den Lebertran herunter.

„Na dann werde ich jetzt mal einen Keks holen, Marjellche.“

Wie Tante Anna die Engel überlistet

„Sabine, ich muss jetzt gehen, bitte iss deine Suppe auf, hast du mich verstanden. Der Doktor hat gesagt, du sollst jeden Tag Haferflocken mit Milch essen, damit deine Knochen wieder stark werden. Auch wenn ich jetzt gehe, ich kann alles genau sehen. Wenn du unartig bist und nicht aufisst erzählen es mir die Engel, also sei lieb und iss!“ Sie streckte dem Mädchen drohend den erhobenen Zeigefinger entgegen und machte ein sehr ernstes Gesicht.

Bienchen nickte und schaute mit ängstlichen Augen die Mutter an.

Sie hätte es ja auch gern gegessen, aber die Haferflocken und die warme Milch hatten einen so schrecklichen Geruch, dass sie nicht einmal einen Bissen hinunter bekam.

Sie saß vor ihrem Teller und die Stunden vergingen. Die Oma kam herein, schaute auf den Teller und schüttelte den Kopf. „Willst du den ganzen Tag hier sitzen? Meinetwegen, ich habe Zeit.“

Dann drehte sie sich um und schlurfte mit ihren zerschlissenen Filzpantoffeln zurück in ihr Zimmer.

Sabine war nun wieder allein. Der Brei war längst kalt geworden.

Jemand schloss die Haustür auf und öffnete die Tür zur Küche. Es war Tante Anna. Am Freitag hatte sie immer früher Feierabend.

„Guten Tag Bienchen, geh doch spielen. Ich räume hier auf.“

Bienchen rückte sich nicht von der Stelle.

„Hmmm, was mach ich nur mit dir, du hast wieder nichts gegessen. Ich habe Brötchen, magst du eins?“

Sabine nickte, ohne den Kopf wirklich zu heben. Immer noch hatte sie den Blick auf die Haferflocken gerichtet.

Tante Anna wollte den Teller wegnehmen, aber die Kleine schrie und hielt den Teller mit beiden Händen so fest sie nur konnte.

„Nein, nein die Engel die Engel!“, schrie sie und war nicht zu beruhigen.

Die Oma schaute zur Tür herein, um nach dem Rechten zu sehen. Sie sah das Theater und sagte nur: „Sicher hat meine Tochter erzählt, dass die Engel kommen, und die Göre glaubt doch alles.“

„Ach so, jetzt versteh ich!“, sagte Tante Anna und lächelte. „Die Engel sollten wir nicht verärgern.“

Sie nahm einen Löffel führte ihn Sabine bis an den Mund und steckte ihn dann ganz schnell sich selbst in den Mund. Den leeren Löffel hielt sie nach oben und rief: „Seht ihr Engel, der Löffel ist leer. Ein braves Mädchen ist die Sabine, ganz brav.“

Das wiederholte sie solange, bis der Teller endlich leer war. Dann kochte sie einen Kakao für Sabine und gab ihr ein Brötchen mit Butter beschmiert.

Tante Anna machte ein sehr zufriedenes Gesicht, denn der Frau Pastorin konnte sie mit ruhigem Gewissen, ohne zu lügen, sagen, dass Sabine alles gegessen hatte, denn das Brötchen wurde auch aus Korn und der Kakao aus Milch gemacht.

Der fünfte Geburtstag

Die Zeit verging, Sabines fünfter Geburtstag wurde gefeiert. Es war ein Mittwoch.

Die Gemeindemitglieder kamen und jeder hatte ein kleines Geschenk.

Buntstifte, Schokolade, Bücher und vieles mehr. Von Oma bekam sie ein Kleid aus rosa Wolle gestrickt und das gleiche Kleid für ihre Puppe. Das war ihr schönstes Geschenk.