Der Arzt im Dschungel - Volker Schoßwald - E-Book

Der Arzt im Dschungel E-Book

Volker Schoßwald

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Beschreibung

Ein angesehener Universitätsprofessor ändert sein Leben radikal und geht in den Urwald, um dort Menschen, für die sich nie-mand interessiert als Arzt zu helfen. Das ist Abenteuer pur und zugleich ein Akt der Menschenliebe. Albert Schweitzer als Wegweiser zu einem Leben, das leben will umgeben von Leben, das ebenfalls leben will. Volker Schoßwald, Autor von ^Albert Schweitzer, Antizipationen des Reiches Gottes Theologe, Arzt und Menschenfreund^ legt hier ein profundes, unterhaltsames Geschichtenbuch für alle Generationen vor.

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Gewidmet den Kindern dieser Welt,

dass sie Liebe erfahren,

um Liebe zum Leben

und zu den lebendigen Wesen

spüren zu können.

Blume des Lebens im Urwald

Ich bin Leben, das leben will inmitten von Leben, das leben will.

Inhaltsverzeichnis

Ein Start „Dritter Klasse“

Auf schwankendem Schiff

Flussfahrt durch den Dschungel

Lambarene

Das Freiluft-Spital

Zuflucht im Hühnerstall

Der vielseitige Koch

Tiere des Dschungels

Bambus und Wellblech

„Sie sind verhaftet, Doktor!“

Ein Gang durchs Spitaldorf

Ein Kind weint

Gefangen im Kloster

Traurige Heimat

Alter Hut und neue Kraft

Auf dem Fluss

Der „Neger von Colmar“

Der Ruf in den Urwald

Der große Tausch: Stadt gegen Urwald

Ein Briefkasten in Paris

Kind im kalten Winter

Umzug mit dem Pferdewagen

Tod und Teufel

„Das Herrenbüble...“

Der freundliche Mausche

Die Vogeljagd

Ankunft in Lambarene

Onkel Albert

Albert und der Friedensnobelpreis

Bisher erschienen von Volker Schoßwald:

1 Ein Start „Dritter Klasse“

Albert stand am Bahnhof. Die Dampflock schnaubte. Aus dem Dorf hörte er die Kirchenglocken. Todesstunde Jesu, heute war Karfreitag. Über dem Kalenderblatt stand der 21. März, die Tag- und Nachgleiche im Jahr 1913. Karfreitag. Damals war Jesus jünger gewesen als er selbst heute. Mit 38 Jahren begann er ein neues Leben. Was erwartete ihn alles?! Er liebte die Spannung.

„Unser Abenteuer beginnt!“ lächelte Albert seine Frau an.

Helene nickte: „Da kann man schon ein bisschen aufgeregt sein.“

Viele Menschen hatten sich zum Abschied eingefunden. Tagelang hatten fleißige Helfer das große Gepäck in Überseekisten verstaut und dann nach Bordeaux vorausgeschickt. Nun folgte als kleines Gepäck das Ehepaar. Helene und Albert. Die beiden standen hinten auf der Plattform des letzten Wagens und winkten ihren Freunden und Verwandten ein letztes Mal zu. Wie würden sie sich wieder sehen? Afrika war weit, Afrika war gefährlich…

Albert ahnte vielleicht, dass seine Mutter mit rotgeweinten Augen zuhause sitzen würde. Gerade noch hatte das Pfarrhaus vor Leben pulsiert. Nun herrschte Stille in den Zimmern.

Der Zug tuckerte durch das schöne elsässische Tal bis zur großen Stadt am Rhein, bis Straßburg. Dort machten sie bei sich zu Hause Station. Mit den Freunden feierten sie noch einmal einen Abschied. Am Sonntagmorgen standen sie am Bahnhof.

„Auf nach Bordeaux“, aus Alberts Mund klang es wie „Porto“ – und das hätte gestimmt, denn bei der Stadt lag der große Hafen für die Ozeandampfer.

Als sie Straßburg verließen, sahen sie von der hinteren Plattform der Eisenbahn, wie der Turm des Münsters langsam in der Ferne verschwand. Ein Turm, für den zweiten hatte das Geld nicht mehr gereicht. Reichte das Geld, das Albert zusammengebettelt hatte, für sein Vorhaben? Und wenn etwas dazwischen kam: Reichte es für einen zweiten Versuch?

Der Eifelturm grüßte in Paris, das Zeichen der Weltausstellung vierzehn Jahre zuvor. Heute am Ostersonntag spielte ihnen zu Ehren sein Lehrer, der große Organist Charles Widor auf der Orgel von St. Sulpice eines seiner neuen Stücke.

Aus dem Bahnhof des Quai d’Orsay unter Paris fuhr ihr Zug Richtung Bordeaux. Der Weg war weit, der Zug zuckelte gemütlich, sie passierten Städte und Dörfer.

„Ist es nicht herrlich, wie schön sich die Menschen heute herausgeputzt haben?“ fragte Helene, als sie wieder ein Dorf hinter sich gelassen hatten.

Ihr Mann nickte: „Ostern! Ein besonderes Fest. Da denken wir an die Auferstehung des Herrn Jesus.“

Am Montag in Bordeaux begab sich Albert zum Zoll, um sein Gepäck für die Überfahrt zu holen.

„Heute?“ Der Wärter am Eingang lachte, „Heute ist Ostermontag. Da ist alles zu. Da ist alles geschlossen. Da kommen sie nicht mal in den Louvre hinein!“

„Aber wir brauchen unser Gepäck. Wir fahren nach Afrika. Das geht nicht alle Tage. Wir brauchen unsere Fracht ganz dringend.“

„Afrika? Wer will denn schon nach Afrika?“ Der Wärter lachte. „Das kann noch bis morgen warten. Wir wissen doch, wie die Afrikaner sind, da heißt es auch immer nur: morgen, morgen…“

„Sind wir hier in Afrika? Nein, wir sind hier im zivilisierten Frankreich. Wir wollen Hilfe für die Armen bringen. Soll das etwa am Ostermontag scheitern? Was würde denn Jesus sagen, wenn wir erklärten: An Ostern denken wir an dich und arbeiten nicht. Da können wir den Armen auch nicht helfen.“

Der Beamte blickte betroffen: „Ja, ich kenne die Geschichte. Jesus sagt: Wenn eine Not drückt, dann spielt der Feiertag keine Rolle. Also gut, ich nehme die Verantwortung auf mich. Sie bekommen ihr Gepäck.“

Er sorgte dafür, dass die Fracht für das Schiff freikam. Dann knuffte er Albert in die Seite und murmelte vertraulich. „Irgendwie, Monsieur le Docteur, bewundere ich Sie auch.“

„Albert! Es wird zu spät! Schau mal auf die Uhr!“ Helene war verzweifelt. Zum Schiff mussten sie mit dem Zug vom Seebahnhof.

„Du hast Recht, Helene. Die Lokomotive dampft bestimmt schon. Und der Weg vom Zoll zum Bahnhof ist weit.“

„Albert, dort sind doch zwei große Automobile. Vielleicht können wir die mieten?“

Albert ging auf die Chauffeure zu: „Meine Herren, entschuldigen Sie, aber es ist ein Notfall. Wir sind hier am Zoll aufgehalten worden und müssen dringend zum Zug, der in Kürze abfährt. Sonst verpassen wir unser Schiff nach Afrika.“

Die Chauffeure schauten sich verwundert an. Doch dann machte es „Klick!“ und sie nickten eifrig: „Selbstverständlich! Natürlich helfen wir, wenn die Sache so drängt.“

Schnell hievten sie die schweren Sachen in die beiden Fahrzeuge, dann klemmten sie sich dazwischen und die beiden Chauffeure lieferten ihnen eine Wettfahrt über die holprigen Lehmstraßen.

Albert musste sich manchmal ganz stark am Seitengriff festhalten, wenn es um eine scharfe Kurve ging oder der Wagen ein paar Zentimeter nach oben flog, weil er wieder einmal über einen Lehmhüppel düste.

„Hier sind wir!“ rief der eine Fahrer. Sie bremsten und hörten das Pfeifen des Zuges. Das klang schon nach „alles einsteigen. Türen schließen. Wir fahren ab.“

Einer der Männer rannte zum Bahnsteig und vor bis zur Lok, aus der ein rußiger Heizer blickte.

„Monsieur, eine Sekunde noch. Wir haben noch zwei Passagiere für das Schiff nach Afrika und müssen das Gepäck aufladen.“

Der Heizer blickte etwas verärgert, denn Verspätung bei seiner Bahn, das wollte er gar nicht. Dann schaute er nach hinten zum Lokführer. Der nickte: „Selbstverständlich, die paar Minuten warten wir noch. Dann legen wir eben eine Schippe Kohle mehr nach.“

Der rußgeschwärzte Heizer lachte breit: „Volldampf!“ Das belustigte ihn.

Jetzt packten auch ein paar herumstehende Männer mit an. Das große Gepäck der Schweitzers wurde im Gepäckwagen verstaut, das Ehepaar selbst setzte sich in die dritte Klasse. Dann pfiff der Schaffner und hob die Kelle. Abfahrt! Auch die Lokomotive ließ einen lauten Pfiff erklingen und ruckelte an.

„Puh! Das war knapp! Dabei ist es noch weit bis Afrika!“ Albert seufzte erleichtert. Er blickte sich um. Die Leute im Abteil starrten zu ihm. Nach Afrika fährt er? Mit seiner jungen Frau? Wahrscheinlich hätten sie gerne die Geschichte dazu gehört. Albert und Helene aber ließen erst einmal alle Steine von ihren Herzen plumpsen, so erleichtert waren sie, es doch noch geschafft zu haben. Jetzt saßen sie hier, bei den einfachen Leuten, die ebenfalls Dritter Klasse reisten. Nicht bei den Vornehmen, die es sich in der ersten Klasse bequem machten oder bei den Bürgern, die sich in der zweiten Klasse von den einfachen Leuten abhoben.

Dritte Klasse? Die Menschen sprachen hier von der „Holzklasse“. Das waren die Wagen für die einfachen Leute, die nicht so viel bezahlen konnten. Die Sitze waren nicht gepolstert, sondern aus einfachem Holz gezimmert. Da saß nun der Herr Doktor, der Herr Professor mit seiner Frau. Er grinste, als er an einen Journalisten dachte, der ihn fragte: „Herr Dr. Schweitzer, Sie sind doch ein bedeutender Mann. Weshalb fahren Sie in der dritten Klasse?“

Albert hatte ruhig geantwortet: „Weil es keine vierte gibt!“ Er würde immer das einfachste nehmen. Das war ihm klar, denn sein Vorbild war Jesus und der wollte auch nicht zu den Reichen und Bequemen gehören, sondern zu den einfachen Menschen.

„Tärätärä!“

Was hatten sie gehört? „Elefanten?“ grinste Albert. Nein, Trompeten. Eine Gruppe von Soldaten hatte den Wagen nebenan bestiegen. Mit Trompeten signalisierten sie: „Setzen!“

„Die fahren bestimmt auch nach Afrika“, brummte Albert zu seiner Helene.

„So wirkt es. Die sehen aus wie Kolonialsoldaten.“

Drei Wochen sollte die Fahrt dauern. Man konnte es sich kaum vorstellen, wenn man es auf der Landkarte anschaute, dass man nicht schon in ein paar Tagen ankam. Ihre Kabine lag vorne im Schiff und da die Maschinen hinten im Schiff untergebracht waren, hatten sie es relativ ruhig.

Das Schiff fuhr noch ziemlich gemächlich, da es erst einmal den Fluss Gironde hinaus zum Atlantik gondeln musste.

2 Auf schwankendem Schiff

„Hei!“ Albert schwankte und rief zu seiner Gattin. Aber die musste sich auch schnell am Bett festklammern, um nicht auf den schaukelnden Boden zu rutschen.

„Sind wir in einen Sturm geraten?“

Es fühlte sich an wie ein Erdbeben, aber sie waren ja auf dem Meer.

„Pass auf!“ Ein großer Koffer fuhr auf Albert zu. Er wollte ihn stoppen, aber der Koffer war schwer. Schnell drehte er sich zur Seite. Keine Sekunde zu früh, sonst hätte das Ding ihm den Fuß zerquetscht.

„Aua!“ Helene wurde von ihrer Hutschachtel getroffen. Die segelte durch den Raum, gefüllt mit Tropenhelmen. So flohen die beiden Reisenden auf ihre Betten.

Zwischendurch wurde es einmal ein bisschen ruhiger und sie wagten sich auf den Gang, wo sie bald auf andere Passagiere trafen.

„Sehen Sie sich vor!“ die Stewards unterwiesen die Neulinge in richtigem Verhalten bei schwerem Seegang. Das Unwetter dauerte drei Tage lang. Nur ein ganz starkes Schlafbedürfnis brachte für ein paar Stunden Ruhe, dann ging es weiter mit der ewigen Unsicherheit.

„Hätten wir uns doch nie auf den Weg gemacht!“ ächzte Helene. Albert stimmte ihr zu und widersprach zugleich: „Auf dem Landweg gibt es endlose Gefahren. Und in den Urwald führen keine Straßen, wo wir unser Gepäck transportieren könnten.“

Es half auch nichts. Sie waren unterwegs und dabei blieb es.

Doch dann wurde der Himmel klar. Und im blauen Meer entdeckten sie eine herrliche Insel: Teneriffa. Kaum zu glauben, dass sie hier, gegenüber von Afrika, einen Berg mit Schnee sehen konnten.

Dann ging es weiter, an der afrikanischen Küste entlang.

„Sie sind Arzt?“ fragte ihn ein Militär.

„Ja, ich bin Arzt und möchte in der Kolonie wirken.“

„Ausgezeichnet. Ich darf mich vorstellen, ich bin Militärarzt. Vielleicht können wir uns ein wenig austauschen. „

Albert jubelte innerlich und stimmte natürlich sofort zu. So konnte er sich mit einem erfahrenen Mann in die Tropenmedizin vertiefen.

„Passen Sie nur auf, Herr Kollege, es ist unglaublich, welche Gefahren hier drohen. Sie ahnen es nicht, aber wenn Sie mal einige Zeit ihren Tropenhelm nicht tragen, dann kippen Sie mit Sonnenstich um. Die Sonne ist ein arger Feind.“

„Aber jetzt doch nicht. Sie ist doch mild, gerade am Morgen und an Abend.“

„Das täuscht. Sie ist unglaublich stark, auch wenn sie es nicht so spüren, gerade hier auf dem Meer, wo oft eine kühle Brise weht, wird die Sonnenkraft gerne unterschätzt. Und so ein Sonnenstich macht Ihnen nicht nur übel, er kann sogar lebensgefährlich sein.“

„Lebensgefährlich?“