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An einem regnerischen Wiener Frühlingstag des Jahres 2011 drückt Vera Beacher, genannt Beachy, halb versehentlich auf ein obskures Klingelschild – und gerät in eine monarchistische Geheimloge. Das kommt der jungen Frau gerade recht, denn der «Legitimistische Club», der gern den greisen Otto von Habsburg als Kaiser inthronisieren würde, lenkt sie von diversen Sorgen und einer überhaupt vollumfänglichen Daseinsunsicherheit ab – einem möglicherweise gebrochenen Knöchel, der atmosphärisch unguten Konstellation im Büro, einem bevorstehenden Junggesellinnenabschied und ihrem etwas kühlen Liebhaber Robert. Vera findet Gefallen an den eigensinnigen Legitimisten und ihrem festen Weltbild, nicht zuletzt auch am feschen jungen Herrn Blawicz. Bald gerät sie immer tiefer in den Kreis. Beflügelt und inspiriert von der Anwesenheit Veras, erwägt man dort durchaus radikale Aktionen, um die Weltordnung wieder ins Lot zu putschen … Michael Ziegelwagners erster Roman erzählt mit zärtlicher Ironie und hochliterarischem Hintersinn von Veras Nöten, ihren monarchistischen Anwandlungen und den trügerischen Sehnsüchten, die uns alle gelegentlich befallen. Ein originelles, außergewöhnliches Romandebüt.
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2014
Michael Ziegelwagner
Roman
An einem regnerischen Wiener Frühlingstag des Jahres 2011 drückt Vera Beacher, genannt Beachy, halb versehentlich auf ein obskures Klingelschild – und gerät in eine monarchistische Geheimloge. Das kommt der jungen Frau gerade recht, denn der «Legitimistische Club», der gern den greisen Otto von Habsburg als Kaiser inthronisieren würde, lenkt sie von diversen Sorgen und einer überhaupt vollumfänglichen Daseinsunsicherheit ab – einem möglicherweise gebrochenen Knöchel, der atmosphärisch unguten Konstellation im Büro, einem bevorstehenden Junggesellinnenabschied und ihrem etwas kühlen Liebhaber Robert. Vera findet Gefallen an den eigensinnigen Legitimisten und ihrem festen Weltbild, nicht zuletzt auch am feschen jungen Herrn Blawicz. Bald gerät sie immer tiefer in den Kreis. Beflügelt und inspiriert von der Anwesenheit Veras, erwägt man dort durchaus radikale Aktionen, um die Weltordnung wieder ins Lot zu putschen …
Michael Ziegelwagners erster Roman erzählt mit zärtlicher Ironie und hochliterarischem Hintersinn von Veras Nöten, ihren monarchistischen Anwandlungen und den trügerischen Sehnsüchten, die uns alle gelegentlich befallen. Ein originelles, außergewöhnliches Romandebüt.
Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Reinbek bei Hamburg, März 2014
Copyright © 2014 by Rowohlt · Berlin Verlag GmbH, Berlin
Umschlaggestaltung Anzinger | Wüschner | Rasp, München
(Illustration: Jonathan Burton)
ISBN 978-3-644-11501-9
Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation
Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp
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Erstes Kapitel Der Sturz
Zweites Kapitel Bei den Monarchisten
Drittes Kapitel Frühstück. Ein Ohrwurm
Viertes Kapitel Per Arschloch. Das Trottelsackerl platzt
Fünftes Kapitel Am Schöpfl
Sechstes Kapitel Waldrada im Café Semmerl
Siebtes Kapitel Im Hundshirn
Achtes Kapitel Die monarchistische Infiltration einer Kundgebung gegen die Wiener Verkehrspolitik
Neuntes Kapitel Vranitzkymarsch
Zehntes Kapitel Der Aufprall. Ein Telefonat
Elftes Kapitel Finally: Elisabeth
Auflösungen
Dank
Jedes Leben fängt irgendwann an, einem über den Kopf zu wachsen; das ergibt sich so. In klaren Momenten – so würde das Doktor Felderer später ausdrücken – bemerkt man, sich über sein tägliches Verhalten nur noch sehr schwer Rechenschaft ablegen zu können, und man überlegt, wann das begonnen hat. Man sitzt in einem schottischen Striplokal, in dem es einem nicht gefällt, um eine Freundin zu begleiten, von der man bei genauem Nachdenken nicht mehr weiß, warum man sie mag; nimmt als verdeckte monarchistische Agitatorin an einer Kundgebung gegen die Wiener Parkplatzpolitik teil oder fühlt eine merkwürdige Zufriedenheit dabei, in der Badewanne auszurutschen. «Es hat sich so ergeben» – aber wie? Man müsste einmal scharf über alles nachdenken, fand Vera Beacher und presste die Augen zu, dass es wehtat.
Noch während sie stürzte, hatte sie gedacht: «Das habe ich wenigstens hinter mir», und jetzt, auf dem Boden der Badewanne angekommen, konnte sie den Gedanken auseinanderfalten: Sie fühlte sich, als hätte sie etwas absolviert, das andere Menschen erst in viel höherem Alter hinter sich brachten. Kam daher ihre merkwürdige Zufriedenheit?
Der stärkste Schmerz war im rechten Fuß, der zweitstärkste im Kopf. Vorsichtig bewegte sie die Zehen, alle funktionierten. Jetzt schien der Kopfschmerz stärker zu werden, schwoll an, übertraf den Fußschmerz. Sie bemerkte, dass sie diesen Hauptschmerz lenken konnte, und ließ ihn ein paar Mal zwischen Kopf und Fuß hin- und herspringen, dann behielt sie ihn oben: Mit Kopfschmerz konnte sie umgehen. Ihr war, als würde der Kopf dabei kompakt, zusammengepresst, die einzelnen Gedanken liefen eng nebeneinander durch die Hirnwindungen, die Gedankenwege wurden kürzer in einem kleinen, zusammengepressten Gehirn. Kopfweh stärkte ihr Denken. Kopfweh und Betrunkenheit: Denn auch in dieser liefen ihre Gedanken konzentriert und ohne Ablenkung eine einzige, glatte Bahn entlang, die sie mühelos bis ans Ende verfolgen konnte. Betrunkenheit und Kopfweh, dachte sie zahnknirschend: Sollte ich je betrunken mit dem Auto fahren und in eine Polizeikontrolle geraten, dann werde ich die weiße Linie viel sturer und konzentrierter entlanggehen können als im nüchternen Zustand.
Ungefähr sieben Atemzüge waren vergangen, seit sie gestürzt war. Sie rutschte mit dem Gesäß vorwärts und zurück, was quietschte und wehtat, aber die Zufriedenheit blieb. Es war, ging es ihr jetzt durch den schmerzenden Kopf, die Zufriedenheit darüber, ausgeschieden zu sein. Sie würde daheimbleiben können. Das Büro würde schon ohne sie zurechtkommen. Ihre Schwester würde allein den Haushalt führen. Ihre Eltern würden unbesucht bleiben, die Arbeit ungetan, Robert unbefriedigt – und sie würde sich im Krankenbett ausruhen oder sogar im Rollstuhl (und auf eine sparbuchreligiöse Weise glaubte sie, jene Tage, die sie als Sechsundzwanzigjährige im Rollstuhl absitzen müsste, würden ihr gerechterweise im Alter angerechnet und ihre endgültige Bettlägerigkeit um exakt dieselbe Tageszahl hinauszögern).
Diese Gedanken freuten sie, und sie begann, das Badezimmer auf seine Behindertentauglichkeit zu prüfen. Die Tür war breit genug für einen Rollstuhl, gut. Um in die Badewanne zu klettern, würde sie sich am Waschbecken festhalten müssen. Vorher müsste sie noch den Duschkopf aus seiner fest verschraubten Halterung nehmen, denn wenn sie einmal in der Wanne säße, wäre er unerreichbar. Sie müsste den Rollstuhl aus dem Badezimmer stoßen, damit er beim Duschen nicht nass würde – stopp, sie konnte einfach den Vorhang zumachen. Und wo zog sie sich aus? Sie würde nackt ins Badezimmer rollen müssen. Nein: Sie konnte ihre Kleidung in der Wanne ausziehen und sie dann auf den Rollstuhl legen. Aber wäre es nicht einfacher, sich schon im Schlafzimmer auszuziehen? In der Wanne konnte sie kaum die Hüften heben, wie sollte sie da ihre Hose herunterbekommen?
Aber das würden andere entscheiden. Ein Rollstuhlfahrer muss nicht funktionieren, dachte sie, und wenn er zu funktionieren versucht – wenn er auch nur davon spricht, es zu versuchen! –, wird er bewundert und bestaunt. Wie sie sich als Rollstuhlfahrerin auch verhielte, ob sie schlecht gelaunt in einer Ecke saß oder lebensfroh ihre Invalidität genoss: Sie würde es richtig machen. Würde von ihr erwartet werden, sich am Haushalt zu beteiligen? Kaum. Konnte sie nicht wenigstens das Geschirr abwaschen, da sie doch zwei gesunde Hände hatte? Nein, mit diesen ihren Händen musste sie ja den ganzen Tag den Rollstuhl voranbringen, da konnte man nicht verlangen, dass sie mit ihnen abends noch das Geschirr spülte – selbst, wenn sie es anbieten würde. Der Meinung ihrer Schwester nach machte sie das ohnehin zu nachlässig, dachte sie, selbst in gesundem Zustand: Edith spülte immer ein zweites Mal, wenn Vera dran gewesen war. Genauso machte sie es im Badezimmer: Edith war besessen von «Schmutzrändern», die ihre jüngere Schwester angeblich «absichtlich übersah» und sich dann «darauf rausredete», dass «das Licht im Bad so schlecht» sei – ein Argument, das Vera noch nie benutzt hatte –, weshalb Edith einmal in der Woche mit einer Stirnlampe in der Badewanne kniete, um die Schmutzränder zu beleuchten und abzuschrubben. Kein Wunder, dass man ausrutschte, wenn alles derart spiegelglatt poliert war. Künftig würde Edith bei dieser Arbeit nicht mehr gestört werden von ihrer unfähigen Schwester, sie würde alles allein putzen können (was sie, wenn man ehrlich war, schon seit Jahren tat, denn Vera Beacher, da sie es Edith eh nicht recht machen konnte, reinigte das Badezimmer inzwischen nur noch mit einem abgeschleckten Papiertaschentuch, was höchstens eine Minute dauerte).
Es war kalt geworden. Nackt und nass lag sie da, der im Fallen mitgerissene Duschvorhang bedeckte sie. Ein Wassertropfen löste sich vom Duschkopf und fiel ihrem Gesicht entgegen. Sie schloss die Augen, spürte ihn aber nicht auftreffen, und blind erwog sie, sich am Badewannenrand hochzuziehen. Auch der Gedanke gefiel ihr. «Ich versuche, mich hochzuziehen. Allein der Versuch hat Respekt verdient!» Sie stellte sich vor, im Spital zu liegen. Neben der Wanne stand die Krankenschwester. Sie hatte ein Duldergesicht, und ihre Stimme war erschöpft, aber sogar sie sagte: «Sehr gut machen Sie das, Frau Beacher! Schön langsam!», und sie hielt ihr die Hände hilfsbereit, wenn auch etwas schlaff entgegen. Das tapfere Lächeln der Patientin zwang die Schwester zum Zurücklächeln. Wie sollte sie auch anders, wenn sogar die Frau Beacher lächelte: invalid, unbekleidet und viel zu jung für einen Oberschenkelhalsbruch!
«Was ist denn hier passiert?», fragte die Schwester. Jetzt war es die echte, Edith. Sie stand in der Badezimmertür wie ein Militär vor dem Schlachtfeld und verschaffte sich Überblick. «Mein Gott, du Arme! Was war denn los? Beim Duschen umgekippt?»
«In der Badewanne ausgerutscht.»
«Sie war aber nicht schmutzig, oder? Nein, kann nicht sein, ich habe ja gestern noch einmal drübergeputzt. Ein Glück – stell dir vor, du hättest irgendwo eine offene Wunde, mit der du jetzt auf einen Schmutzrand gefallen wärst –»
«Schwachsinn, Schwachsinn!» Die jüngere Beacher stützte sich auf einen Ellbogen, der Ärger trieb sie hoch. «Wie soll ich denn auf einem Schmutzrand liegenbleiben können?»
«Wieso nicht?»
«Weil sich ein Schmutzrand, wie es das Wort schon sagt, am Rand der Badewanne befindet. An den Wänden! Die sind abschüssig, senkrecht, auf denen kann man nicht liegenbleiben, man rutscht immer in die Mitte der Wanne.»
Edith verschränkte die Arme. «Ach. Auf einem Schmutzrand kann man nicht liegen …»
«Nein!»
«… der Rand in dem Wort Schmutzrand bezieht sich auf die Badewanne?»
«Worauf denn sonst?»
«Auf sich selber natürlich! Ein Schmutzrand ist ein Rand, der aus Schmutz besteht.»
«Hä? Nein! Ein Rand ist immer eine Begrenzung von etwas! Ein Schmutzrand kann nicht die Begrenzung seiner selbst sein. Er kann nicht nur als Rand existieren, sonst wäre er nichts als sein eigener Übergang. Klar? Und zwar nach oben und nach unten gleichzeitig, also wäre ein Schmutzrand eigentlich zwei Ränder –»
Ediths Miene ging so: In die Stirn rollende Augäpfel, der Mund bildete ein Schnoferl. Bedeuten sollte das: Überflüssige Diskussion, aber wenn’s dich glücklich macht …
Doch sagen tat sie: «Am besten wird sein, wir holen dich da einmal heraus, Schatzi.»
Es war neun Uhr, sie würde mindestens eine halbe Stunde zu spät kommen. Auf Ediths Regenschirm gestützt, kam sie Stufe für Stufe die zwei Stockwerke aus ihrer Wohnung herunter. Edith hatte ihr beim Anziehen helfen müssen. Es ging jetzt wieder, der Fuß war nicht gebrochen, nur verstaucht. Sie würde nicht zur Rollstuhlfahrerin werden, sie würde nicht wochenlang mit einer Schenkelhalsfraktur im Spitalsbett liegen, schade drum; aber ein paar Rechte hatte sie doch gewonnen: Sie durfte heute später kommen, früher gehen und länger Mittagspause machen. Die Zufriedenheit war geblieben, sie mahlte stumm mit den Kiefern und freute sich darauf, im langsamen Lauf des Tages immer mehr dieser neuen Rechte zu entdecken. Sie würde weniger Mitleid bekommen, als wenn sie im Rollstuhl säße, schon, ja; aber pausenloses Mitleid, überlegte sie, war auch etwas Lästiges. Als Verstauchte konnte sie selbst entscheiden, wann sie Mitleid wollte.
Als sie noch fünf Stufen bis zum Erdgeschoss hatte, trat die Hausmeisterin aus ihrer Wohnung, stellte ihren rechten Fuß auf ein Eck ihrer Fußmatte und schob es langsam von sich. Sie drehte die Matte um neunzig Grad, bis deren Längskanten nicht mehr parallel zur Türschwelle lagen, sondern von ihr wegführten. Die Fußmatte sah nun einladend aus, wie eine Rampe, eine kleine Brücke oder ein roter Teppich, der in die Wohnung geleiten sollte.
«Guten Morgen!», sagte Vera. Die Hausmeisterin hörte es nicht, sie war schon wieder in ihrer Wohnung verschwunden. Noch während sie die Tür schloss, erriet die Beacher, warum sie den Fußabstreifer gedreht hatte (und es erstaunte sie, wie mühelos es zu erraten war): Stand man auf einer derart gewendeten Fußmatte, dann ließen sich die Schuhe viel besser abstreifen. Man konnte einen Viertelschritt nach vorne machen, ansetzen und bis weit nach hinten wischen; der Bremsweg für die Schuhe, sozusagen der Abstreifweg oder Reibeweg, wurde um ein Mehrfaches verlängert.
Sie trat auf die unterste Stufe und überlegte, ob sie behaupten konnte, die Hausmeisterin gut zu kennen. Nein, befand sie. Aber es musste sich um eine intelligente, findige Frau handeln, der Einfall mit der Fußmatte war gut.
Dann schämte sie sich für den Gedanken. Wenn sie selbst auf die Idee gekommen wäre, ihre Fußmatte zu drehen, um die Schuhe besser abstreifen zu können, und jemand hätte sie dabei beobachtet – wäre es ihr recht gewesen, dass aus dieser Beobachtung gleich auf ihre Intelligenz geschlossen wurde? Fände sie das nicht entsetzlich herablassend? Und doch hatte sie die Hausmeisterin sofort «findig» genannt, ja: «findig», das war ihr Begriff gewesen. Vielleicht ist sie absolut unfindig, dachte die Beacher, und das einmalige Verschieben der Fußmatte wiegt überhaupt nichts gegen fünfzig dumpf dahingelebte Vorjahre. Sie fragte sich, woher ihr Hang kam, fremde Menschen als kompakte, fugenlose Einheit zu sehen statt als zerfahrenes, kaum zusammenhängendes Identitätsgewaber, das ja zweifellos jeder von ihnen war. Für die Beacher endete die Hausmeisterin an ihrer Oberfläche. Was der Schmutzrand für Edith, war die Hausmeisterin für Vera: nicht mehr als ihre eigene Grenze. Sie zu sein, schien nichts anderes zu bedeuten, als sich auf der anderen Seite dieser Grenze zu befinden, innerhalb ihrer Hirnschale. Es war schwer zu begreifen, dass sie, genau wie die Beacher selbst, denkend aus sich selbst herausragte. Irgendjemand, der sich das nicht ausgesucht hatte, war dazu gezwungen, die Hausmeisterin zu sein. Irgendjemand ging mit diesem Körper herum, kratzte mit der Hand der Hausmeisterin die Nase der Hausmeisterin. Dieser Jemand nannte die Hausmeisterin vermutlich nicht beim Namen, wenn er an sie dachte. Dieser Jemand war für die Beacher ungreifbar, nicht zu erwischen, selbst wenn sie die Hausmeisterin in der Mitte auseinandergebrochen hätte. Ihr kam der Gedanke, dass die Hausmeisterin diesen Jemand vielleicht auch nicht mehr erwischen konnte – weil der Jemand in den letzten fünfzig Jahren mit dem Körper dieser Frau rettungslos verwachsen war. Das beruhigte sie wieder, denn es bedeutete, dass die Hausmeisterin vielleicht doch nicht denkend aus ihrem Körper herausragte; nicht mehr. Vielleicht machte wenigstens das Alter die Menschen zu kompakten, fugenlosen Einheiten. Es musste doch schön sein, sich in sich selbst auszukennen. Genau zu wissen, was wo war, wie die Launen funktionierten, die Erinnerungen chronologisch geordnet zu haben und ein paar Spleens und Wunderlichkeiten stolz in der Auslage …
Die Straße war nass. An der Straßenbahnstation wartete ein alter Mann mit Filzhut und einem Backenbart, der links und rechts in steifen Strähnen vom Gesicht abstand. Sein Blick folgte den Autos, die an ihm vorbeifuhren. Er schien sie zu zählen. Kurz bevor Vera die Station erreicht hatte, piepste ihr Handy in der Jackentasche. Sie griff hinein und zog es mit jedem Schritt ein Stück weiter heraus, nach vier Schritten hielt sie es in der Hand. Es war eine Textnachricht: «hey beachy!halt dich fest,es wird geheiratet!thomas hat mir gestern –», da kam ihre Bim. Sie steckte das Handy wieder weg und ging schneller, um sie noch zu erwischen.
Jemand half ihr beim Einsteigen. Viertel zehn, viele Plätze waren frei, trotzdem blieb sie stehen. Der alte Mann setzte sich vorne hin und zählte weiter. Die einen Autofahrer wollen aus das Stadt raus, dachte sie jetzt, die anderen wollen in die Stadt rein, zur selben Uhrzeit. Wie wär’s, wenn die, die rauswollen, drinbleiben und ihr Tagesgeschäft mit denen tauschten, die reinwollen? Ihre Gedanken waren klar, der Kopfschmerz klopfte vertraut. Die Zufriedenheit, die ihr der Sturz verschafft hatte, war immer noch da. Sie fühlte sich, als müsste sie balancieren, um nichts davon zu verschütten. Sie hob den verstauchten Fuß. Ein bisschen Zufriedenheit schien bereits abgeflossen zu sein – abgeflossen, aber nicht versickert. Wohin?
Sie spürte es in ihrer Jackentasche schwappen. Genau, die Nachricht, dachte sie, nach dem Handy fingernd, die frohe Botschaft von Zecki – Elisabeth Zeckbauer, bald verehelichte Frau Thomas Braunreiter …
«hey beachy!halt dich fest,es wird geheiratet!thomas –»
Aber Beachy hielt sich nicht fest.
Die Straßenbahn machte eine Vollbremsung.[a]
Als sie sich vom Boden hochgekämpft hatte, standen ihr Tränen des Ärgers in den Augen. Ich bin die dümmste Nuss von Wien, beschimpfte sie sich, krallte beide Händen um einen Fahrscheinentwerter, und ihre Lippen bewegten sich stumm schimpfend. Der alte Mann mit dem Filzhut hatte sich bei ihrem Sturz umgedreht, sah jetzt ihr wütendes Gesicht und bekam Angst. Er stand auf und drückte den Knopf «Haltewunsch». Ich habe jedes Recht, mich hinzusetzen, schimpfte sie für sich weiter, und dann schaffe ich es, in der Bim aufs Maul zu fallen. Dumme Nuss, dumme Nüssin! Offensichtlich bin ich so blöd zu vergessen, dass mir der Fuß wehtut. Die Scheißbim ist viel zu bequem für mich; Bim, was soll das überhaupt heißen, als wäre den blöden Wienern das Wort «Straßenbahn» zu kompliziert und das korrekte Geräusch «Bim-Bim» als Bezeichnung zu kindisch; kein Wunder, dass man in die kollektive Regression abrutscht, wenn man in so einer Kinderbimmelbahn fährt, anstatt ordentlich zu Fuß zu gehen wie eine Erwachsene; ich muss raus, gleich bei der nächsten Gelegenheit, der alte Mann hat ja schon gedrückt, sehr gut.
An der Station Johnstraße stieg sie hinter ihm aus. Absichtlich machte sie viele kleine Schritte, die viele kleine Schmerzen erzeugten und viel Zeit brauchten, sie wollte jetzt möglichst spät ins Büro kommen. Je später sie kam, je ausführlicher würde sie sich bei Herrn Fronleitner entschuldigen müssen, und je mehr sie sich entschuldigen musste, je lehrreicher war ihre Selbstbestrafung.
Links, auf der anderen Straßenseite, erhoben sich Gründerzeithäuser, mit kleinen Geschäften in den Erdgeschossen: «Joker’s», «Sport-Tip», «Sexshopp No. 1», «Erdem’s Internet Store», «Snack’s». Sie hatte die Hütteldorfer Straße an dieser Stelle nie gemocht und ihre Abneigung immer auf diese Sexshops und Glücksspielläden geschoben. Dabei hatte sie gar nichts gegen Sexshops. In ihrem Ärger über den Sturz herumgrundelnd, blieb sie stehen, um ein für alle Mal festzustellen, woher der Ärger über die Hütteldorfer Straße kam. Sie belastete den Schmerzfuß. Störte es sie vielleicht, dass sich die Sexshops gerade in Gründerzeithäusern festsetzten? Ja, ein bisschen. Aber das war nicht alles, sie spürte da noch einen unerklärten Restärger und ließ ihren Blick über die Fassaden schweifen: umschnörkelte Fenster, Säulchen unter den Fenstersimsen, Steingirlanden, Wappen, Karyatiden und rund ausschwingende kleine Zierbalkons, alles in den oberen Stockwerken. Die Sexshops waren im Erdgeschoss, sozusagen unter der Gürtellinie der Gründerzeithäuser. Sie sah hinauf und hinunter, legte den Kopf schräg. Und da sprang ihr ins Gesicht, was sie störte: dass in diesen Gebäuden die Zeitalter untrennbar ineinandersteckten. Wie die Gründerzeithäuser von den Sexshops durchdrungen wurden, ohne sie abzustoßen, wie sich die Sexshops in den Gründerzeithäusern breitmachten, ohne diese zu vernichten – es war ein korruptes, unentschiedenes Durcheinander aus längst Unmodernem und zweckmäßig Zeitgenössischem. Ein Gründerzeithaus gehört nicht in die Gegenwart und ein Sexshop nicht in ein Gründerzeithaus, entschied sie. Aber statt das Gründerzeithaus abzureißen und einen Sexshop hinzubauen, lässt man es stehen; statt den Sexshop zu verbieten, um das Gründerzeithaus zu erhalten, stellt man beide ineinander. Ganz Wien schien ihr plötzlich derart zusammengeschachtelt zu sein, und einen Gedankensprung später die ganze Welt.
Nehmen wir, dachte sie, den alten Mann mit Filzhut, der mit mir ausgestiegen ist und jetzt vor der Auslage des «Sexshopp No. 1» steht, weil er sich die Schuhe binden muss. Sein Körper war fünfundsiebzig. Seine Falten waren etwas jünger. Der Filzhut stammte aus den Sechzigern, das Sakko war neu. Sein Backenbart, der ihm links und rechts in steifen Strähnen wegstand: Der konnte selbst in seiner frühen Jugend nicht modern gewesen sein, den hatte er sich wahrscheinlich in den Fünfzigerjahren wachsen lassen, um älter zu wirken; abgeschaut von den damals fünfundsiebzigjährigen Herren, die um 1880 geboren waren und ihre Backenbärte aus der Zeit um 1910 herübergerettet hatten.
Diese alten Herren waren seine Zeitgenossen gewesen, und nun war der Herr mit dem Filzhut Vera Beachers Zeitgenosse. Unter seiner derzeitigen Hülle schleppte er noch all seine früheren Existenzen mit sich herum, eine ganze Mannschaft jüngerer und immer noch jüngerer Herren, alle mit verschiedenen Erfahrungen und Gewohnheiten und Ansichten, angeführt von dem alten Herrn, der aktuellen Version. Ein Durcheinander, nicht zu restaurieren. Man konnte ihn nicht einmal abreißen und stattdessen einen Sexshop hinstellen …
Als hätte er ihre Gedanken gelesen, ließ der alte Herr von seinen Schuhen ab und folgte der Hütteldorfer Straße Richtung Gürtel. Sie bekam Lust, ihm nachzugehen, doch die Autos wollten sie nicht über die Straße lassen. Wenn einer bremsen würde, um mich rüberzulassen, dachte sie, dann sehen die anderen gleich, dass ich schlecht zu Fuß bin, und lassen mich ebenfalls rüber. Aber keiner fing damit an, sie rüberzulassen. Also ging sie der Fußgängerampel entgegen.
Als sie endlich auf der anderen Straßenseite stand, war der alte Herr mit dem Filzhut verschwunden. Sie ging ein paar Schritte in die nächste Gasse, stützte sich dann auf den Regenschirm und schöpfte Atem.
Ein Hund schaute sie an und kam näher.
«Und?», fragte sie.
Der Hund war groß und golden. Er hatte lange und schmale Vorderpfoten, wie Hände, und er setzte sie sehr sanft auf, als wäre er nicht gewöhnt, auf vier Beinen zu gehen. Sein ausgeprägtes Hinterteil stand rund in die Höhe. Das Fell passte ihm nicht, es hing an ihm, als würde es einem noch größeren Hund gehören. Er sah aus wie ein verkleideter Mensch. Die beiden betrachteten einander, dann wedelte er, und sie wandte sich ab und tat so, als würde sie an der nächstgelegenen Haustür nach einem Namen suchen.
Praxis Dr. Felderer
Th. Speyrer
Deutschkewicz
Brunnerl
K. Speyrer
Hausmeister
Adelay
Naßmann
Sürücü
Leg. Club
Bielenzmeyer
Gül
stand auf den Klingelschildern.
Der Hund sah ein Schaufenster an. Er wirkte nicht, als ob er sich bald entfernen wollte. Also wartete die Beacher, drückte einen der Knöpfe: «Leg. Club», nichts rührte sich. Dafür fiel ihr links, am Briefkasten des «Leg. Club», ein Zettel auf.
Der Legitimistische Club ist umgezogen. Neuer Treffpunkt: Böhm-Ermolli-Straße 9. Bei Blawicz klingeln. Neuer Jour fixe: Mittwoch, 20 Uhr. Gäste willkommen, wofern sie die Legitimität des Erzhauses Habsburg befürworten.
Nun war der Hund weg. Auf ihren Schirm gestützt, verließ sie die Gasse und erwischte ihre Straßenbahn in der Station Huglgasse. Es war halb zehn.
«Oje, oje», sagte Herr Fronleitner, als sie im Büro angekommen war und ihre Verspätung erklärt hatte, «ich kann mir das gut vorstellen, Frau Magister Beacher. Meiner Schwiegermutter ist so was auch passiert vor ein paar Jahren. In der Badewanne auszurutschen ist ja keine Altersfrage, gell …»
Zwischen ihm und der Beacher war sein Schreibtisch, und auf ihrer Seite standen kleine Plastikflusspferde, eine ganze Reihe. Man konnte sich als Besucher nicht auf den Schreibtisch stützen, ohne sie umzuwerfen.
«Wie alt sind Sie denn jetzt, Frau Magister?»
«Sechsundzwanzig.»
Herr Fronleitner schrieb etwas auf einen Zettel. Dann sah er seine Mitarbeiterin prüfend an. Zu einem kleinen Mädchen, dachte die Beacher, hätte er an dieser Stelle gesagt: «Bis du heiratest, ist es wieder gut.» Und er fragte sich wohl tatsächlich, ob sie verheiratet war. Sekunden vergingen, ohne dass Herr Fronleitner den Satz sagte. Dann lehnte er sich in seinem Sessel zurück, die Hände auf den Jeansknien.
«Das Leben ist wie eine Ziehharmonika, Frau Magister. Die kann man zusammenpressen, man kann sie aber auch auseinanderziehen. Manchmal befinden wir uns zwischen zwei dieser auseinandergezogenen Falten, dann kommt uns der Abstand zur nächsten Falte sehr weit vor, verstehen Sie, der Moment scheint uns dann sehr lang und intensiv zu sein … aber später, wenn wir uns dran erinnern, ist die Ziehharmonika zusammengequetscht, und wir wissen kaum mehr, zwischen welchen beiden Falten wir damals gesteckt haben. Obwohl uns der Abstand seinerzeit so-ho weit vorgekommen ist.» Er blickte zur Decke und ließ das Bild noch einmal durch seinen Kopf ziehen, dann schlug er auf den Tisch. Eines der Plastikflusspferde fiel um. Die Beacher stellte es wieder auf.
Ihr Büro war leer. Der junge Kollege, mit dem sie sich seit Jahresanfang das Zimmer teilte, saß nicht an seinem Schreibtisch. Seit Jahresanfang – das waren dreieinhalb Monate ungefähr, und sie hatte sich immer noch nicht an ihn gewöhnt. Sie nannte ihn Trottel, der Name ging auf Zecki zurück, die sie im Büro besucht hatte. Damals war der junge Kollege am Fenster gesessen und hatte auf dem Fensterbrett seinen Filterkaffee und seine Jause aufgebaut: zwei durchgeschnittene Sandwiches, eine Knackwurst und ein hartgekochtes Ei. Von Zecki stammte auch der nachsichtig-liebevolle Tonfall, mit dem «Trottel» ausgesprochen wurde. Manchmal redete er mit sich selbst. Wenn er einen Absatz fertig geschrieben hatte, schlug er mit dem Ausruf «Zwosch!» auf die Punkt-Taste; wenn die Beacher ihm etwas sagte, wiederholte er es mit Ehrfurcht. Er war vier Jahre jünger als sie.
Der Gedanke an Zecki erinnerte sie wieder an die SMS, sie rollte auf dem Bürosessel zu ihrer Jacke und suchte nach dem Handy. Verehelichte Frau Thomas Braunreiter!, dachte sie und murmelte stumm, ist das zu fassen?
«hey beachy!halt dich fest,es –»
«Aaattsch!»
Vor dem Büro hatte jemand geniest. Das rechte Handgelenk an die Nase gepresst, mit der Linken ein Taschentuch aus der Brusttasche zupfend, trat der Trottel zur Tür herein. Er schüttelte das Tuch, um es zu entfalten, blieb stehen, verharrte einige Sekunden und nieste dann noch einmal – in die rechte Hand. Das Taschentuch hielt er in der ausgestreckten Linken. Die Beacher wurde Zeugin, wie er das Tuch ansah und überlegte, warum er nicht hineingeniest hatte.
«Guten Morgen», sagte sie.
Er sah auf. «Schau», sagte er und hielt ihr das Taschentuch entgegen, «ein selbstgemachtes Erfrischungstuch.» Auf dem Taschentuch waren hellbraune Flecken. «Ich hab in der Früh Kaffee auf dem Schreibtisch verschüttet und ihn damit aufgewischt. Das hat jetzt einen total angenehmen Geruch, wenn man sich reinschneuzt.»
Er schneuzte sich, steckte das Tuch in die Brusttasche zurück und ging erst danach an seinen Platz. «Der Herr Fronleitner sagt, ich niese so komisch.»
«Wieso, wie denn?»
«Kann ich nicht genau nachmachen, irgendwie so: Ee-iff. Findest du das auch komisch?»
«Ee-iff? Nein, du niest eher: A-atsch!»
«Nein, das ist neu. Ich hab es mir angewöhnt, weil der Herr Fronleitner das alte Niesen so komisch findet. Es ist überhaupt nicht schwer, sein Niesen umzustellen.»
«Ach so?»
«Hab ich auch nicht geglaubt! Aber es geht, wirklich. Und es ist auch sehr einfach, daran zu denken, weil man, wenn man niesen muss, sowieso aus allen anderen Gedanken gerissen wird. In den Sekunden davor, in dieser Ausnahmesituation, fällt es einem ganz leicht, sich an sein neues Niesgeräusch zu erinnern.»
Sie fand den Trottel heute sehr eifrig. Es schien ihm Selbstbewusstsein zu verleihen, ihr etwas beibringen zu können, anstatt, wie sonst, von ihr zu lernen. Er strahlte, und sie merkte, dass sie ihn versonnener angesehen hatte als beabsichtigt. Vorsichtig stand sie auf, um sich einen Kaffee zu machen. Für die paar Schritte ließ sie den Regenschirm stehen, das Handy steckte sie in die Hosentasche.
In der Kaffeeküche platzte ihr die Milch. Sie hatten keine Literpackung im Kühlschrank, nur kleine, aneinandergeschweißte braune Plastikbecherchen, die man voneinander abbrechen musste. Dabei drückte sie einen der Deckel ein, es tropfte auf den Boden, und sie überlegte, ob sie für die verspritzte Milch den Trottel um sein selbstgemachtes Erfrischungstuch bitten sollte. Dann wischte sie mit der Schuhspitze darüber, schaltete die Kaffeemaschine ein und wählte Zeckis Nummer.
«Hallo, Beachy!»
«Hallo Braut! Ich habe deine Nachricht bekommen. Sag mal, da zieht ihr um, wochenlang hört man nichts von euch beiden, und dann gleich so etwas. Gratuliere dir!»
«Danke! Ich finde es super, dass du so positiv reagierst.»
«Natürlich! He, ich finde das alles wunderbar!»
«Du bist also dabei? Darf ich das dahingehend interpretieren?»
«Ja aber sicher, selbstverständlich! Keine Frage! Wann ist es denn?»
«Am 16. September. Wahrscheinlich im Waldviertel. Ich hab auch schon eine erste Besprechung koordiniert, für den 1. Mai, ein Sonntag. Geht das für dich?»
«Für mich? Ja sicher, warum nicht?»
Sie nahm einen Stift und notierte das Datum sowie ein paar weibliche Namen samt Telefonnummern, die ihr von Zecki diktiert wurden, auf einem der papierenen Kaffeefilter.
«Meine Besetzung für den Polterabend …»
«Was wird denn da überhaupt besprochen, am Ersten?»
«Ja, der grobe Ablauf eben, für den Junggesellinnenabschied. Such dir einfach ein Lokal aus, du bist ja, also, die Chefin und Hauptperson. Du, ich muss hier weitermachen. Supersuper, dass du mitmachst. Ich bin froh, dass ich dich gefragt habe. Bis dann!»
«Tschüs! Gut, bis zum 1. Mai!»
Zecki lachte ausdauernd: «Da bin ich natürlich nicht dabei, du Dussel!»
«Nein, natürlich nicht», sagte die Beacher milde, als hätte sie einen Spaß gemacht, «okay, Gratulation und alles Gute noch einmal!»
Sie legte auf, goss sich einen Kaffee ein und sah im Gehen die Liste durch. An zwei der Frauen erinnerte sie sich aus der gemeinsamen Schulzeit, die drei anderen waren ihr unbekannt. Aber die Hauptperson war ohnehin Beachy selbst, wie Zecki gesagt hatte … was immer das bedeutete, offenbar eine kleine Schmeichelei.
Als sie wieder ins Büro kam, saß der Trottel zurückgelehnt in seinem Sessel und hörte mit geschlossenen Augen Musik. Sie blieb stehen. Über den Ohren hatte er Kopfhörer, groß wie Tassen. Als sie genau hinhörte, erkannte sie «Eight Days a Week». Sich auf den Schreibtisch stützend ging sie zu ihrem Sessel und schob den Kaffeefilter mit den Telefonnummern in die Schublade.
In Gedanken legte sie sich einen Vortrag an den Trottel zurecht: «Weißt du, mein sechzigjähriger Vater hat auch solche Kopfhörer. Er hat mir erzählt, er ist als Schüler einmal in den Sommerferien nach England gefahren, um dort die Beatles zu sehen. Wenn du sechzig bist, kannst du deiner Tochter erzählen, dass du 2011 als Zweiundzwanzigjähriger mit uralten Kopfhörern Musik von 1960 gehört hast.» Sie überlegte, ob sie ihm diesen Vortrag halten sollte, und entschied sich dagegen. Die Geschichte wäre eh erfunden gewesen, ihr Vater war fünfundvierzig.
