Der Auferstehungsmann - Connie Schneider - E-Book

Der Auferstehungsmann E-Book

Connie Schneider

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Beschreibung

Die Erzählung beginnt damit, dass der Wissenschaftler Kaspar Dorfmann einen Vortrag für eine Tagung zum Thema "Die alternde Gesellschaft" vorbereitet. Er sucht eine neue, eine wahrhaftige Antwort. Parallel dazu verläuft die eigentliche Handlung. Sie beginnt mit einem Anruf. Der Tod seines Vaters gibt Kaspar Dorfmann endlich die Möglichkeit, das Rätsel seiner Vergangenheit und seiner allzu großen Verschlossenheit aufzuklären. Er vermutet eine brutale Verfehlung im Dritten Reich, eine Schuld ungeheuren Ausmaßes. Seine Nachforschungen offenbaren eine beunruhigende Geschichte, aber schließlich kommt er seinem eigenen Unvermögen auf die Spur. "Der Auferstehungsmann" erzählt die berührende Geschichte von vier Menschen. Wie eine Kette von Dominosteinen beginnen die davon Betroffenen zu fallen, ergibt sich der tragische Plot. Bald schon steht die Frage im Raum, wie sich der Held der Geschichte von dieser Dynamik emanzipieren kann.

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Seitenzahl: 262

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Connie Schneider

Der Auferstehungsmann

Novelle

© 2017 Connie Schneider

Verlag: tredition GmbH, Hamburg

ISBN

Paperback:

978-3-7439-2235-8

e-Book:

978-3-7439-2236-5

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Für Elsa

Eine Vorbotin

Ich war 19, da schenkte mir eine Mitschülerin ein Buch. Als Dankeschön für meine Nachhilfe in Latein. Na ja, ob Nachhilfe dafür das richtige Wort war? Vielleicht doch eher Beihilfe. Das Buch jedenfalls muss teuer gewesen sein. Kein Paperback. 762 Seiten, klein gedruckt. Sehr klein gedruckt.

Irgendwann war sie an unsere Schule gekommen. Woher sie kam? Keine Ahnung. Und was aus ihr geworden ist, weiß ich auch nicht. Nach der gemeinsamen Abiturfeier hatte ich sie ein letztes Mal gesehen. Sie lief nach unten, Richtung Ausgang. Als sie mich traf, blieb sie kurz stehen, nickte mit dem Kopf, fast unmerklich. Danach begegnete ich ihr nie wieder und niemand, den ich kannte, hatte auch nur die geringste Ahnung, wohin sie von dort aus gegangen war.

Sie wolle sich auf ihre mündliche Lateinprüfung vorbereiten. „Optimal“, sagte sie. Deshalb sei sie zu mir gekommen, denn ich sei der Beste. Sie erwarte von mir, dass ich sie bei den Vorkehrungen, die sie dazu getroffen habe, fachlich begleite. Und das hieße: Vokabeln abfragen auf jene Weise, die sicherstelle, dass sie auch wirklich jedes Wort kenne. Komplizierte Sätze ausfindig machen in diversen Lehrbüchern, die sie sich schon aus verschiedenen Bibliotheken besorgt hatte. Deren Übersetzung akribisch verfolgen und notfalls sollte ich bei Herrn Schulze um Rat ersuchen.

Ich muss zugeben, ich fand ihr Anliegen wie auch sie selbst vollkommen abgedreht. Wir alle fanden sie außerordentlich seltsam. Wie sie sich kleidete, wie sie ihre Haare drapierte, mit welchem Ernst und ungeheurem Eifer sie den Unterricht verfolgte. Das provozierte, verlangte nach Genugtuung. Aber jeder Versuch, sie zum Gespött der Klasse zu machen, schlug fehl. Jegliche Anmache, ob böswillig oder ironisch, schmetterte sie mit einer beiläufigen Bemerkung, manchmal sogar allein mit einer nichtigen Bewegung ab, dass deren Verursacher kein zweites Mal versuchten, ihr ans Bein zu pissen. Sie kriegten alle eins aufs Maul.

Wenn ich es mir recht überlege, war ich nicht nur von dem leicht zu verdienenden Geld beeindruckt. Als sie mich fragte, ob ich ihr in Latein helfen wolle, schien es mir gar nicht, als hätte ich die Wahl und könnte auch ablehnen. Vielmehr fügte ich mich.Sie war ziemlich groß.Schließlich hatte ich doch nichts weiter zu tun, als Grammatik und Vokabeln zu prüfen und ihr zu jeder Stunde drei schwierige Sätze auszusuchen und deren Übersetzung zu überprüfen. Sie machte so gut wie keine Fehler. Und Herr Schulze, der meine Arbeit im Vorhinein korrigierte,und er korrigierte sie immer, war tief beeindruckt von unserer Beflissenheit.

Das Ganze dauerte ungefähr vier Monate. Dann war es vorbei. Sie kam einfach zur verabredeten Zeit, legte das Buch, unverpackt und ohne Widmung,ich war tatsächlich enttäuscht darüber, worüber ich wiederum erstaunt war, vor mich auf den Tisch.

„Ich dachte, für die letzte Stunde, zahle ich damit, Kaspar Dorfmann.“

Sie hielt mich fest im Blick mit ihren meeresgrünen Augen, als sie sich verneigte, nur ein wenig, und schließlich ging, als verließ sie eine Bühne.

Sie hieß Margret. Margret! Und das Buch, das sie mir schenkte, enthielt die „Gesammelten Dramen“ Jean-Paul Sartres. Nicht, dass ich besonders erpicht auf diese Literatur gewesen wäre. Überhaupt las ich zumeist nur das, was ich für den Unterricht lesen musste. Allerdings hatte ich festgestellt, dass mir Dramen ganz gut gefielen. Es ging immer gleich zur Sache. Und selten war einer allein. Noch bevor die Sommerferien zu Ende waren, hatte ich alle Stücke gelesen.

„Du bist jung, Kaspar. Wer jung ist und noch keine Zeit hatte, Böses zu tun, hat leicht richten. Aber gedulde dich. Eines Tages wirst du ein nicht wieder gutzumachendes Verbrechen hinter dir herschleppen. Bei jedem Schritt wirst du glauben, von ihm wegzukommen, und doch wird es immer gleich schwer an dir hängen. Du wirst dich umwenden, und du wirst es hinter dir sehen, außer Greifweite, dunkel und klar wie ein schwarzer Kristall. Und du wirst es nicht einmal begreifen und sagen: ‚Nicht ich habe es getan.’ Aber es wird da sein, hundertmal verleugnet, unabänderlich da, um dich rückwärts zu ziehen. Und so wirst du endlich wissen, dass du dein Leben auf einen einzigen Wurf gesetzt hast, ein für alle Mal, und dass dir nichts anderes übrigbleibt, als dein Verbrechen bis zu deinem Tode hinter dir herzuschleppen (...)“

Diese Zeilen beeindruckten mich ungemein und es machte mir Spaß, Elektras Namen gegen meinen auszutauschen. Gewichtige Worte richteten sich an mich und verwandelten mein Leben in ein anderes. Sie machten mich zur Figur einer Handlung, die ich mit vorantrieb, wenn auch bloß fiktiv.

Weit entfernt wähnte ich mich damals von einer Welt, in der mir je etwas zustoßen könnte, das mich auch nur im Geringsten zu einem Schuldigen werden ließ. Es war mir eigentlich auch nichts zugestoßen. Nichts, was irgendwie bemerkenswert gewesen wäre. Was im Vergleich zu den Leben der anderen Menschen um mich herum, mich zu einem Gezeichneten gemacht hätte. Und doch: Es kam der Tag, das ist noch gar nicht so lange her, da beschlich mich das Gefühl, eine Schuld auf mich geladen zu haben. Und dieses Gefühl wurde Tag für Tag stärker. Es veranlasste mich Nachforschungen anzustellen, um mich meiner eigenen Vorwürfe zu entledigen. Aber das Gegenteil geschah.

1

Wendepunkt

„Das 20. Jahrhundert hat uns mit dem Glauben versehen, dass wir unsere Gegenwart verändern können, wenn wir uns mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen. (Zentrale Aussage! Pause machen und wirken lassen!) Wie viele von uns sind aber auf dem Weg in diese Abgründe schon verloren gegangen? Verirren sich ausweglos in ihren frühen Jahren. Winden sich in Vorstellungen einer schmerzhaften Zeit, die nur schemenhaft chronologisch und vor allem von Gefühlen zerrissen ist. (Von wem rede ich da überhaupt? Auf alle Fälle: Pause machen und wirken lassen!) Wie erkennen, wie entscheiden, welches die tatsächlich auslösenden Konstituenten sind? Wie die einzelnen Begebenheiten gewichten? Wie sie miteinander verbinden und in die richtige Reihenfolge bringen? Wie überhaupt entscheiden, was wichtig war, wenn das gesuchte Ereignis kein konkreter Vorfall ist, sondern ein diffuses Etwas, das nicht benennbar scheint? Wir verlieren uns in der endlosen Suche nach persönlichen Kontinuitäten in einer Geschichte, die unsere Vorfahren erlebt und an uns weitergegeben haben. Und am Ende wollen wir gar damit brechen. Als hätten wir eine Chance, diesen unzähligen Leben und Toden auszuweichen. Als könnten wir uns losreißen und ein Dasein führen, welches sich allein im Hier und Jetzt ergeht und immer wieder in einem neuen Morgen.

Meine Damen und Herren, ich möchte Ihnen nicht zu nahe treten. (Nein, das ist wirklich nicht meine Absicht!) Ich bekenne gern, dass ich ein begeisterter Leser Sigmund Freuds bin. Und beteuere, dass ich keineswegs denke, dass Psychotherapien per se nutzlos seien. (Lügner!) Oh nein! Aber erlauben Sie mir doch bitte, meine Damen und Herren, meinen Unmut zu formulieren, der sich in den vergangenen Jahren in mir angesammelt hat. Er hat nicht nur etwas mit diesem individuellen Abtauchen in eine vermeintlich private Sphäre zu tun, die gerade unsereins so außerordentlich kultiviert. Dieser Unmut hat auch etwas damit zu tun, dass sich unser wissenschaftliches Arbeiten, liebe Kolleginnen und Kollegen, und darum geht es mir vornehmlich, ähnlich beschreiben lässt. Hier wie dort ist das Forschungsinteresse individuell gesetzt, eine gesellschaftliche Relevanz fehlt häufig selbst da, wo sie anzunehmen wäre. Die methodische Richtlinie bleibt in der Regel diffus oder ist gar nicht vorhanden. Entsprechend verlieren wir uns in subjektiven Rekonstruktionen von vermeintlicher Wirklichkeit. Als Ergebnis präsentiert sich das, was schon vor jeglichen Nachforschungen nahe lag. Notwendige Veränderungen stellen sich auf diese Weise nicht ein, sondern die Wiederholung des bislang Bewährten bleibt die Regel. Allenfalls die Hülle wechselt ihre Farbe. Und hier wie dort bezahlt die Gemeinschaft für eine mehr, mal weniger dilettantische Suche nach Wahrheit oder zumindest Wirklichkeit (…, die wenigstens die Suchenden ein Arbeitsleben lang beschäftigt.) Von der Lösung konkreter Probleme - ob bei sich selbst oder jenen unserer Gesellschaft – bleiben wir natürlich verschont. Wer will denn Neuerungen herbeiführen, wo wir es uns in der gegenwärtigen Situation doch so übersichtlich eingerichtet haben?“

Philine lachte nachsichtig.

„Sie werden etwas verstört sein, deine Zuhörer, meinst du nicht?“ Ich sah sie an. „Sollen sie doch“, dachte ich dabei. Ohne auf eine Antwort zu warten, stand sie auf, zog den Bademantel enger und lief gemächlich in den Flur, suchte etwas in ihrer Handtasche und verschwand im Badezimmer. Es würde mindestens eine Stunde dauern, bis sie wieder rauskommen würde. Resignation war derweil in meiner Brust hervorgekrochen, wo sie ganz behutsam jeden meiner Atemzüge unendlich tief ins Zentrum meines Körpers hineinpresste.

Zurück am Schreibtisch formulierte ich die fünfte Version des Eröffnungsvortrages für eine Wochenendtagung unseres Instituts. Mehr als eine Seite schaffte ich auch dieses Mal nicht. Wieder überlegte ich mir eine Strategie, mit der ich mich zur Wehr setzen wollte. Eigentlich lächerlich. Ich, der wie kein anderer an diesem Institut ganz nach eigenen Vorstellungen lehren und forschen konnte, wollte jetzt (nein eigentlich schon immer, von Anfang an) den anderen ihre Unzulänglichkeiten an den Kopf werfen. Es brodelte in mir. Aber es schwappte nicht über. Wie auch, ich war wohl zu dankbar. Dankbar dafür, dass mir nie jemand reinredete. Dankbar dafür, dass mich alle für einen Genius hielten (eine leider übertriebene Einschätzung), ein Gewinn für das Institut (daswar ich allerdings tatsächlich). Dankbar für ihre tagtäglich erbrachte, außerordentliche Freundlichkeit und Hochachtung.„Aufbruch in ein neues Altern. Die Entwicklung neuer Identitäten und Lebensstile alternder Generationen im sozialwissenschaftlichen Diskurs.“

Sie waren alle Papageien.

„Meine sehr verehrten Kolleginnen und Kollegen, wir alle sind es aufgrund unserer vielfältigen Teilnahmen an Tagungen und Kongressen gewohnt, von unseren Gastgebern zunächst einmal herzlich in Empfang genommen zu werden. Eine Eigenschaft, welche man Höflichkeit nennt, gebietet uns ein solches Verhalten anzunehmen, respektive es zu erwidern. Und leugnen wir es nicht, dieses Verhalten verhilft uns allen zu einem freundlichen Start in die anstehenden Diskussionen und ist die Garantie für ein geruhsames Miteinander. Es ist sozusagen die Basis für unser manifestes Handeln. Und das Netz, in welchem wir alle landen, wenn wir uns allzu sehr aus dem Fenster hängen. Angenehm. Äußerst angenehm. Sie zweifeln daran? Aber wieso? Was sollte an dieser Plattform Höflichkeit denn zweifelhaft sein? Sie ahnen es? Aber wissen wollen Sie es eigentlich nicht! Wir sollen jetzt endlich anfangen? Die Zeit wird knapp. Genau das ist es ja, weshalb ich mit Ihnen darüber reden möchte: Die Zeit wird knapp und zwar so knapp, dass wir es uns gar nicht mehr leisten können, nicht darüber zu reden, wie uns diese spezifische Höflichkeit daran hindert, unsere Arbeit gut zu machen. Anstatt uns weiterhin gegenseitig unsere Unzulänglichkeiten zuzugestehen, sollten wir damit anfangen, uns auf Defizite aufmerksam zu machen.

Was ist das für eine Wissenschaft, die kaum Ahnung von Methode hat? Was ist das für eine Wissenschaft, die sich vornehmlich über das Auftürmen von Referenzen definiert und sich im ewigen Wiederkäuen bedeutender Theorien ergeht, die leider andere vor uns schon trefflich beschrieben haben? Was ist das für eine Wissenschaft, deren maßgebliche Vertreter und Vertreterinnen Drohnen und ihre Zuarbeiter respektive Zuarbeiterinnen allenfalls fleißige Bienen sind? (Wie komme ich jetzt auf das eigentliche Thema zu sprechen?) Vergeben Sie mir meine deutlichen Worte. Auch ich gehöre ja dieser wissenschaftlichen Gemeinschaft an. Auch ich beteilige mich an diesen Ritualen, profitiere davon. Aber die Beschäftigung mit unserem neuen Studienprojekt hat mich zu der Einsicht gebracht, dass hier mehr Engagement gefordert ist. Mehr Engagement wäre zweifelsohne schon immer förderlich gewesen. Bereits 1870 sah Wilhelm Scherer die Geisteswissenschaften an den ‚Siegeswagen gefesselt’, auf dem die ‚Naturwissenschaften als Triumphator einher ziehen.’ Da hätte man mittlerweile längst was unternehmen müssen! Mehr Engagement? Ja! Denn das, was wir erforschen, geschieht auch mit uns. Mit Ihnen, mit mir. Und es hat schon angefangen.

Der Prozess des Alterns beginnt nämlich mit der Geburt und endet allein mit dem Tod. Allerdings schenken wir lange Zeit diesem Geschehen keine Beachtung. Wir sehnen uns geradezu danach, älter zu werden, solange wir Kinder sind. Und wenn wir dann einen Begriff davon haben, was es heißt, älter zu sein, setzen wir uns mit aller Kraft dafür ein, unser vermeintliches Jungsein zu kultivieren und glauben mehr oder weniger fest daran, dass das noch lange so weitergehen wird. Wir übersehen dabei gerne, dass sich mit jedem Jahr, das wir überleben, alles an uns und um uns herum ein bisschen verändert. Und schließlich kommt jener Tag, an dem wir, oft fassungslos, feststellen, was die Zeit aus uns hat werden lassen. Erst dann fangen wir langsam an zu begreifen, dass auch uns bevorsteht, was wir an anderen, aus der Distanz, schon längst und nicht selten teilnahmslos beobachtet haben:

‚Die Haare werden weiß und schütter, die Haut faltig, Zähne fallen aus (Früher! Heute gibt es zumindest für einige Implantate). Die Oberlippe wird schmaler, das Ohrläppchen wächst. Das Skelett verändert sich dergestalt, dass sich unser Oberkörper um 10-15 cm verkürzt. Die Schultern werden schmaler, das Becken verbreitert sich. Das Herz arbeitet schlechter. Man muss es schonen. Der Blutkreislauf wird in Mitleidenschaft gezogen und auf jeden Fall wird die Durchblutung des Gehirns schwächer. Die Adern verlieren ihre Elastizität, die Herzleistung nimmt ab, die Zirkulationsgeschwindigkeit verringert sich, der Blutdruck steigt.’

Und das ist nur eine Kurzfassung von dem, was uns bevorsteht. Einen ausführlichen Bericht können sie übrigens bei Simone de Beauvoir nachlesen, ganz vorne, in ihrer Einleitung.

Die Wahrscheinlichkeit, dass so auch unsere Zukunft aussehen wird, ist ziemlich groß, denn nur 9% der deutschen Bevölkerung stirbt vor ihrem 50. Geburtstag. Also hoffen Sie nicht allzu sehr auf einen frühen Tod. Zwei Drittel von uns werden erst jenseits ihres 70. Lebensjahres dahinscheiden. Und die Wahrscheinlichkeit 80, 90 Jahre alt zu werden, steigt weiter an. Allerdings verdoppelt sich auch die Selbstmordrate im Alter von 65 bis 75 Jahren, jedoch nur von 0,2 auf 0,4 Prozent.“

Es hatte keinen Sinn. Ich wusste noch immer nicht, um was es mir eigentlich ging. Von welcher Seite aus wollte ich mein Publikum überhaupt einkreisen? Bis es wehrlos genug war, um dann überraschend: was zu tun? Loszuschlagen? Womit denn? Auch der nächste Entwurf würde meine Gedanken aufs Neue von hier nach da verlaufen lassen und schließlich in einem Nirgendwo versickern.

„Warum schreibst du keinen gewöhnlichen Eröffnungsvortrag? Ein Referat quasi zum Titel eures Tagungsthemas?“

Typisch Philine. Für sie bestand die Lösung eines Problems darin, dass man sich an die jeweiligen Spielregeln hielt. Sie war eine Meisterin im Beugen von Substantiven, Adjektiven, Pronomen, Numeralien und natürlich von Verben. Sie wusste immer von welcher Stelle aus das Spiel begann und in welche Richtungen man ausschwärmen durfte. Seltene Ausnahmen behandelte sie dabei wie geläufige Entwürfe. Entscheidend war allein, dass sich alles zu einem großen Ganzen fügte. Immerzu war Philine freundlich. Versuchte ihren schlechten Schülern gerecht zu werden (dabei waren diese zumeist schlicht und ergreifend dumm) und ihre wenig arbeitsamen Kollegen dennoch zu respektieren (auch hier handelte es sich nicht selten um Dummheit, häufiger, das bleibt zu hoffen, wenn auch nicht zu heilen, bloß um Faulheit). Gemeinen Anfeindungen ihrer Mitmenschen antwortete sie mit Gelassenheit. Sieüberhörte, ignorierte, belächelte Standpunkte, die sich gegen sie richteten. Akribisch hielt sie sich an Regeln, welche andere wieder und wieder brachen. Sie notierte Fehler, obwohl sie wusste, dass sie diese niemals korrigieren konnte. Nein, sie war keine Opportunistin. Nicht weil sie sich nicht traute aufzutrumpfen, fügte sie sich. Und Vorteile versprach sie sich von ihrer Zurückhaltung auch nicht. Philine passte sich an, weil sie alle im gleichen Spiel gefangen sah. Ein jeder mit einem andern Part betraut. Und aussteigen konnte man nur auf eine einzige Weise.

Ich sah Philine nach, wie sie das Zimmer verließ. 51 war sie geworden, vergangenen März. In den zehn Jahren, die wir uns kannten, hatte sie sich kaum verändert. Ihre roten Haare trug sie jetzt selten offen. Aber immer noch waren sie viel zu lang.

„Wenn Menschen niemals so unterschiedlich sind, körperlich betrachtet wie auch in psychischer und intellektueller Hinsicht, wie in den vorangeschrittenen Lebensjahren (ach was, schon mit Mitte dreißig sind die Unterschiede deutlich zu erkennen), dann können wir auch nicht von einer fest definierten Lebensphase ‚Alter’ ab dem Jahre X sprechen. Dann müssen wir anfangen, flexibler zu denken und toleranter anderen und uns selbst gegenüber sein. Schließlich ist die Wahrscheinlichkeit, alt zu werden, für uns alle erschreckend hoch. Und wer will schon über die Hälfte seines ganzen Lebens als ‚alt’ diskriminiert werden. Sie vielleicht?“ (Jetzt nur nicht auf jemand Bestimmtes gucken).

Also ich jedenfalls nicht. Selbstverständlich versuchte ich mich so wenig wie möglich beeinflussen zu lassen, demonstrierte öffentlich Gelassenheit und ein wenig Demut vor dem Lauf der Zeit. Niemand sollte allerdings glauben, dass er auf diese Weise seinem eigenen Verfall entginge. In den letzten Monaten wich ich nicht selten vor meinem eigenen Spiegelbild zurück. Stellte fest, dass sich meine Trägheit sehr bald negativ auf Aussehen und körperliches Wohlbefinden auswirken würde. Es war zweifelsohne der Zeitpunkt gekommen, da der Faktor Abstinenz, dem ich bislang höchste Priorität einräumte, meine physische und psychische Balance nicht mehr gewährleisten konnte. In der Tat ein Horrorszenario für einen durchweg passiven Menschen. Es musste etwas getan werden. Aber was? Und welchen Sinn hatte das überhaupt, wenn man sowieso nichts, weder das Altern noch das Sterben und schon gar nicht den Tod, verhindern konnte? Mein Vater, beispielsweise, ist erst einmal sitzen geblieben. Jahrelang saß er einfach an seinem Schreibtisch - zuletzt nicht mehr in seinem Büro, sondern nur noch an seinem Schreibtisch zu Hause und las weiterhin Buch um Buch, bis er schließlich nicht mehr sitzen konnte. Jedenfalls nicht mehr so lange, um ein Buch dabei zu lesen. Das Liegen hat ihm indessen auch nicht viel gebracht. Denn das Wasser in seinem Körper schwappte hoch, hinderte ihn am Atmen. Und Atmen konnte er ohnehin kaum. Alles vollgequalmt in beinahe 80 Jahren. Wenn er allerdings stand oder vielmehr über seiner stabilen Gehhilfe hing, staute sich wiederum alles in Füßen und Beinen.

„Liebe Kolleginnen und Kollegen, monatelang habe ich recherchiert, habe darüber nachgedacht, was es heißen könnte: ‚Aufbruch in ein neues Altern?’ Und darüber, wie neue Identitäten und Lebensstile in den alternden Generationen zu gestalten wären? Zunächst einmal (d.h. darüber war ich bis dato nicht hinausgekommen) galt es zu klären, von wo wir überhaupt aufbrechen? Und wo es von dort aus hingehen sollte? (Ich, beispielsweise, war gar nicht bereit für diese Expedition. Bis man die Stiche der Moskitos nicht mehr spürt, muss man schon ziemlich lange leiden. Noch dazu, wo wir nicht einmal auf dem Weg zum Orinoko waren.) Dabei drängte sich immer wieder dieselbe Frage dazwischen: Weshalb akzeptieren wir nicht, dass wir alt werden? Wo wir doch wissen, dass sich daran nichts ändern lässt. Sind die Gründe dafür nicht immer dieselben? Dass wir es einfach nicht ertragen wollen, alt zu sein, weil es uns zutiefst kränkt, wie anders wir dann aussehen? So, eben wie es Jean Améry in seinem BuchÜber das Alternbereits 1968 beschrieb:

‚ ... diese Selbstentfremdung, diese Unstimmigkeit von dem durch die Jahre mitgebrachten jungen ICH und dem (alternden) ICH‘, dem wir im Spiegel nun mit Entsetzen entgegensehen? Weil es sich partout nicht mehr verbergen lässt, dass wir die vorletzte Station vor unserem ewigen Abgang in ein Jenseits bereits erreicht haben. Weil es beim besten Willen nicht mehr so schnell die Treppen rauf geht und in zwei, drei Schritten wieder runter. Und wir Fettpölsterchen ansetzen, ohne mehr zu essen (Sicherlich eine seltene Variante von Gewichtszunahme im Alter). Weil wir von Jüngeren ignoriert werden, obwohl wir doch gestern noch dazu gehört haben. Weil wir nicht zu jenen gerechnet werden wollen, die nichts anderes mehr im Sinn haben als ihr Geld auszugeben für Treppenlifte, Essen auf Rädern und möglicherweise Windeln. Weil wir einfach größte Angst davor haben, zu Amérys Geschöpf ohne Potentialität zu werden? Ich frage Sie also: Zu dieser elementaren Erfahrung, die sich einem jeden von uns offenbart, was soll man dazu Wichtiges sagen, was nicht schon längst ausgesprochen worden ist? Was ist hierzu noch vorzubringen, worüber Sie zwei Tage lang nachdenken und debattieren könnten? Ernsthaft natürlich und nicht so, als hätte all das nichts mit ihnen selbst zu tun, sondern lediglich mit 1000 Leuten, die auf einer kleinen Insel weit entfernt im Indischen Ozean leben.“

Das Telefon klingelte.

„Hallo Kaspar? Ich bin’s, Marietta!“

Von allen Menschen, die ich kannte, würde sie immer der letzte Mensch bleiben, mit dem ich reden wollte.

„Ich muss dich unbedingt noch einmal daran erinnern, dass du meine Gedanken in deiner Begrüßungsrede auf keinen Fall außer Acht lässt, ja? Kaspar? Bist du noch da? Hallo?“

Ich räusperte mich.

„Ich bin so unglaublich wütend!“

Einen klitzekleinen Moment verstummte sie.

„Vielleicht kannst du mir sagen, wie es möglich ist, dass man sich freiwillig in den Mittelpunkt täglichen Geschreis, Gezänke und ständiger Verantwortung für andere katapultiert? Wie man sich aus einem mit sich selbst zufriedenen Menschen zum Kontrolleur für unmündige Geister entwickelt, die Tag und Nacht über die Befindlichkeit aller mit ihnen Lebenden entscheiden? Fast alle Eltern, die ich kenne, mutieren nach und nach zu Monstern ...“

„Kaspar?“

„Ja?“

„Tut mir leid.“

Marietta Weiss verfügte über die ungeheure Gabe, ihre Mitmenschen in vielerlei Hinsicht in die Erledigung ihrer eigenen Aufgaben einzubinden. Sie hatte keine Probleme, sich an die erste Stelle für eine Tagungsreise oder eine neue Projektleitung zu katapultieren, indem sie mit Vehemenz darauf verwies, dass sie diesen Aufgaben besser gewachsen wäre als Kollege John oder Kollegin Merten. Ihre Qualifikation als Wissenschaftlerin, zementiert durch die Faktoren Geschlecht und Mutterschaft, war aus ihrer Sicht unanfechtbar. Und sie auch nur ein ganz kleines bisschen in Frage zu stellen, das schaffte auch keiner. Denn bevor man den Mund aufmachen konnte, hatte Marietta ihre weiblichen wie männlichen Widersacher bereits in Grund und Boden argumentiert. War man nicht durch ihr pausenloses Gerede paralysiert, stellten sich die eigenen Argumente, weil eben kinderlos und männlich, immerzu als nicht ausreichend heraus, so dass man bald freiwillig darauf verzichtete, sie vorzubringen, wie sehr Marietta einen am Ende ihres Wortgefechts auch um deren Offenbarung bitten mochte.

„Gibt’s noch was? Wenn nicht...“

„Du hast keine Vorstellung, wie wütend ich bin... Ja, ich sollte mich nicht so aufregen. Bestimmt hast du Recht. Doch nur, weil du alles aus tausend Meter Entfernung betrachtest“.

„Hm“.

„Arthur hat Dienst. Wahrscheinlich trägt er sich freiwillig fürs Wochenende ein. Nicht, dass ich mich allein gelassen fühle. Es ist ja auch für alle, die sich nur um sich selbst kümmern müssen, wirklich schwer vorstellbar, auf welche Ideen diese Kids kommen können in den paar Minuten, die man braucht, um sich in Windeseile zu duschen. Aber vergessen wir’s. Wir sehen uns morgen.“

Noch bevor ich an irgendwelche Abschiedsworte auch nur denken konnte, war die Verbindung abgebrochen.

Den Vortrag konnte ich jetzt vergessen. Was auch immer ich in diesem Leben zu tun hatte, war in jenem Moment ohne Bedeutung. Gespräche dieser Art beeinflussten meine eingeübten Rituale für gewöhnlich nicht. Aber in diesem Augenblick verschärften sie mein tagtäglich zu erstickendes Unwohlsein aufs Äußerste. Wieder klingelte das Telefon.

Dieses Mal würde sie auf den Anrufbeantworter sprechen müssen, denn Philine war bereits unterwegs zu ihrem sonntäglichen Treffen mit einer Freundin. Frühstück mit Kulturprogramm. Sie konnte also nicht von einem der anderen Apparate das Gespräch entgegennehmen.

Glücklicherweise verschonte mich Philine mit ihren Wochenend-Ritualen. Sie tat zumeist so als mache es ihr wenig aus, dass unsere Beziehung auf unser Zusammenleben und höchstens zwei Ereignisse im Jahr reduziert war, bei denen wir uns als Paar präsentierten. In schlechten Zeiten interpretierte sie dies als Fortbestand ihres ganz persönlichen Schicksals. Uneheliches Kind, das von seinen Großeltern und der schleunigst verheirateten Mutter von einem schwäbischen Bauernhof weg in die Obhut eines katholischen Internates übergeben worden war. Dort, wie auch hier, beschränkten sich Beziehungen auf das Notwendigste. Geblieben war das Gefühl, nicht vorzeigbar zu sein. Was nicht stimmte, soweit es mich betraf. Allerdings hatte ich mich nie bemüht, sie über meine Motive aufzuklären. Darüber, warum ich Zeit meines Lebens alleine unterwegs sein wollte. Darüber also, dass man sich ausschließlich um mein körperliches und geistiges Wohlergehen gesorgt hatte. Dass gemeinsame Unternehmungen nie vorkamen. Niemandem, der meine Eltern und mich sah, war bekannt, dass wir zusammen gehörten. Ja selbst unsere Wohnung war weitläufig genug, dass man sich auf keinen Fall begegnen musste – auch dann nicht, wenn jemand zu Besuch gekommen wäre, was allerdings nie geschah.

Der Anrufbeantworter schaltete sich an. Philine hatte ihn besprochen.

„Guten Tag, Sie können für Kaspar Dorfmann oder für Philine Lauter eine Nachricht hinterlassen. Vielen Dank!“

Auf dem Aufnahmegerät klang ihre Stimme heller, beinahe kindlich. Menschen mit einer schmerzhaften Vergangenheit bewahrten ihre Kindheit auf eigenartige Weise. Wohl weil sie permanent von ihrer Geschichte aufgehalten werden.

„Schwester Ann-Katrin vom Pflegeheim Bennwitz. Eine Nachricht für Herrn Dr. Dorfmann. Bitte, rufen Sie uns umgehend zurück!“

Auch noch Schwierigkeiten mit dem alten Mann! Wahrscheinlich weigerte er sich wieder zu essen. Oder er war nicht behilflich, wenn ihm nicht der Pfleger, sondern eine Schwester den Hintern abwusch. Es war paradox: Dieser über die Maßen pflichtbewusste Mensch, der in unserer Wohnung lediglich ein kleines Zimmer bezogen hatte, aus dem er nur den Weg ins Badezimmer oder selten in die Küche fand, wurde jetzt im Alter von 80 Jahren delinquent. Obwohl, Widerstand war schon verständlich.

Als meine Mutter noch lebte, sorgte sie für eine gesunde Lebensweise. Nach ihrem Tod hielt sich mein Vater akribisch an ihren Vorgaben fest. In den letzten beiden Jahren, bevor er ins Pflegeheim kam und sein körperlicher Zustand zunehmend gebrechlicher wurde, übernahm eine Nachbarin diese Aufgabe. Aber jetzt, im Pflegeheim war alles anders. Nudeln, Reis, Kohl, Bohnen, Erbsen und selbstverständlich auch Fleisch und Wurst quasi breiig gekocht. Schluckbereit. Damit sparte man die Zeit des Kauens. Die anderen Pflegebedürftigen, falls sie gefüttert werden mussten, kamen schneller an die Reihe. Und alle weiteren Arbeiten, die in einer Pflegeschicht anfallen, konnten auf diese Weise im vorgegebenen Zeitlimit erfüllt werden.

Aber mein Vater, der seine Speisen noch mit seinen eigenen Zähnen zermalmen konnte, nur eben nicht so schnell wie es der Bennwitzer Zeitplan forderte, wollte sich einfach nicht an diese Abspeisung gewöhnen. Außerdem hatte er ein ausgesprochen sensibles Intimleben. Nie sah ich ihn unbekleidet. Höchstens im langärmeligen Schlafanzug, der bis zum Hals zugeknöpft war und äußerst lässig an seinem großen hageren Körper herabfiel. Selbst seine nackten Füße steckten immer in hochgeschlossenen Puschen. Wahrscheinlich hatte er sich im Spiegel erst angeschaut, wenn er sich die Krawatte umband. Undenkbar also, dass irgendein anderer Mensch und ganz und gar ausgeschlossen eine Frau, irgendeine Frau, mit Waschlappen und Handtuch an seinem Körper herumwischen sollte und ihm einmal am Tag die Scheiße aus der Po-Ritze entfernte.

Keine Stunde meines Lebens wollte ich in seiner Haut stecken. Obwohl ich Schuld daran war, dass es so kam. Aber ich hatte keine Wahl. Wenn er vielleicht Auto gefahren wäre? Ich fuhr häufig mit dem Auto. Überall hin. Nicht zuletzt in der Hoffnung, dass es einmal meine letzte Fahrt sein würde.

Mein Vater dagegen hatte sich auf meine Mutter verlassen. Schließlich war sie zehn Jahre jünger als er. Wer konnte auch ahnen, dass diese agile Frau zwanzig Jahre vor ihm sterben sollte? Ich war 25 und sie gerade 50. Es dauerte nur drei Monate. Danach zog ich von zu Hause aus und mein Vater lebte allein in der riesigen Wohnung. Ich besuchte ihn kaum. Wozu auch? Um mit ihm zu reden? Wir hatten so gut wie nie miteinander gesprochen. Nicht früher und noch weniger heute. Die meisten Worte zwischen uns fielen, als es um seinen Einzug ins Pflegeheim ging. Keine gute Gelegenheit.

Ich konnte auf keinen Fall zurückrufen. Sie würden mich bitten, möglichst bald nach Bennwitz zu kommen. Das wäre unerträglich. Dann müsste ich ihn angucken. Er sieht schon jetzt aus wie eine Leiche, eingefallen und wächsern. Wenn ich morgen früh zurückrief, konnte ich den Besuch auf kommenden Freitag verschieben. Das hieße nachmittags vom Institut aus losfahren und spätabends zurück nach Berlin. Bliebe das Wochenende zur Erholung. Dagegen sprach allerdings, dass ich mir so die kommende Woche und das Wochenende mit Bennwitz vergällen würde. Montag bis Freitagnachmittag immerzu daran denken, dass ich zu meinem Vater fahren musste. Stimmungsprognose: Zunehmend frustrierend bis hochgradig depressiv. Möglicherweise war es besser, einfach loszufahren und es hinter mich bringen.

Ich zog mich um. Ich nahm die Autoschlüssel von der Kommode, kritzelte noch einen kleinen Hinweis für Philine auf ihre Tafel im Flur, die sie gleich gegenüber der Eingangstür aufgehängt hatte, und verließ die Wohnung.

2

Der Vater

Nach Bennwitz zu fahren, war mit einem einzigen Vorteil verbunden: Außerhalb der Stadt konnte man ziemlich zügig dahinbrausen und sich an der wildwüchsigen brandenburgischen Landschaft erfreuen. Allerdings durfte man die Alleen nicht aus dem Visier verlieren. Eine solche Nachlässigkeit konnte einem schon mal das Leben kosten. (Möglicher Tatort?) Als ich zum ersten Mal einen Blick auf die hohe Unfallrate der brandenburgischen Verkehrsstatistik warf, dachte ich natürlich, das habe etwas mit der sozialisierten Unfähigkeit der Ossis zu tun, ein schnelles, komfortables Westauto zu fahren. Ich meine, was nützt einem ein Führerschein, wenn man damit 40 Jahre lang nur stabilisierte Pappe mit höchstens 90km/h antreiben darf? (Oder waren es 100km/h?) Als sich in den 90er Jahren viele Ostdeutsche endlich mit westeuropäischen Automarken versorgten, konnten sie ja noch nicht wissen, dass die ersten blühenden Landschaften, auf die viele von ihnen treffen sollten, austreibende Alleen waren. Nicht gerade wenige, die ihren Einzug in das vereinte Deutschland mit ihrem Leben bezahlen sollten. Sie waren auf dieses Land einfach nicht vorbereitet wie unsereins. Sahen nicht genau hin, was sie sich da angeschafft hatten. Zu lange blieb ihnen verborgen, dass man in der Bundesrepublik Deutschland aus einer anderen Kraftquelle schöpfte. Diese war nicht nur dynamischer, sie ging auch mit einem großen Verschleiß einher.

Fast alles, was ich über die DDR lernen musste, über deren Ent- und Bestehen, ihren Nieder- und schließlich Untergang und ihren andauernden Übergang (Transformation!) im Gewand neuer Bundesländer in die Bundesrepublik Deutschland, hatte ich (obwohl ich es wirklich nicht wollte) Marina Saarow zu verdanken. Als westdeutscher Bürger war ich damals davon überzeugt, dass es insbesondere an meiner Sichtweise auf die beiden deutschen Gesellschaftssysteme und generell auf die politischen Ereignisse, nichts zu verändern gäbe - was ja empirisch eindeutig bewiesen schien. Die tägliche Berichterstattung in den Medien unterstützte diese Art der Selbstgefälligkeit. Sie antizipierte auch äußerst selten ihre Auswirkung auf die neuen Mitbürger, die – ohne auszureisen, emigrieren mussten, und ohne ihr Land zu verlassen nie mehr in dieses zurückkehren konnten. Wer sich in dieser Zeit auf schnelle Verurteilungen und Vergleiche einließ, wurde nicht selten allein per Zuordnung zu einer Himmelsrichtung zum widerständigen Demokraten und Weltbürger stilisiert oder eben zu seinem Gegenteil. Um Tatsachen oder gar um die Wahrheit ging es selten. Und allzu häufig füllt ohnehin ein jeder selbst die vielen Leerstellen drum herum mit allerlei Fiktion. Solange uns dieserart Kunstwerke jedoch nicht persönlich betreffen, gelten sie allemal als äußerst interessante Lektüre.

Marina Saarow jedoch war unerbittlich. Sie erlaubte keine Fehlurteile. Mir nicht und schon gar nicht Thomas, dessen damalige Freundin sie war. Er achtete in besonderem Maße darauf, diplomatisch zu bleiben.