Der Augenjäger - Sebastian Fitzek - E-Book

Der Augenjäger E-Book

Sebastian Fitzek

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Beschreibung

Dr. Suker ist einer der besten Augenchirurgen der Welt. Und Psychopath. Tagsüber führt er die kompliziertesten Operationen am menschlichen Auge durch. Nachts widmet er sich besonderen Patientinnen: Frauen, denen er im wahrsten Sinne des Wortes die Augen öffnet. Denn bevor er sie vergewaltigt, entfernt er ihnen sorgfältig die Augenlider. Bisher haben alle Opfer kurz danach Selbstmord begangen. Aus Mangel an Zeugen und Beweisen bittet die Polizei Alina Gregoriev um Mithilfe. Die blinde Physiotherapeutin, die seit dem Fall des Augensammlers als Medium gilt, soll Hinweise auf Sukers nächste „Patientin“ geben. Zögernd lässt sich Alina darauf ein - und wird von dieser Sekunde an in einen Strudel aus Wahn und Gewalt gerissen ...

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EPUB
MOBI

Seitenzahl: 465




Sebastian Fitzek

Der Augenjäger

Psychothriller

Knaur e-books

Über dieses Buch

Dr. Suker ist einer der besten Augenchirurgen der Welt. Und Psychopath. Tagsüber führt er die kompliziertesten Operationen am menschlichen Auge durch. Nachts widmet er sich besonderen Patientinnen: Frauen, denen er im wahrsten Sinne des Wortes die Augen öffnet. Denn bevor er sie vergewaltigt, entfernt er ihnen sorgfältig die Augenlider. Bisher haben alle Opfer kurz danach Selbstmord begangen. Aus Mangel an Zeugen und Beweisen bittet die Polizei Alina Gregoriev um Mithilfe. Die blinde Physiotherapeutin, die seit dem Fall des Augensammlers als Medium gilt, soll Hinweise auf Sukers nächste „Patientin“ geben. Zögernd lässt sich Alina darauf ein - und wird von dieser Sekunde an in einen Strudel aus Wahn und Gewalt gerissen ...

Inhaltsübersicht

WidmungWarnungErschütternde Wende im Fall des AugensammlersMottoJohanna Strom1. KapitelFünf Monate später.Jetzt.2. Kapitel3. Kapitel4. KapitelSieben Wochen später5. Kapitel6. Kapitel7. Kapitel8. Kapitel9. Kapitel10. Kapitel11. Kapitel12. Kapitel13. Kapitel14. Kapitel15. Kapitel16. Kapitel17. Kapitel18. Kapitel19. Kapitel20. Kapitel21. Kapitel22. Kapitel23. KapitelHat er aber gemordet, [...]24. Kapitel25. Kapitel26. Kapitel27. Kapitel28. Kapitel29. Kapitel30. Kapitel31. Kapitel32. Kapitel33. Kapitel34. Kapitel35. Kapitel36. Kapitel37. Kapitel38. Kapitel39. Kapitel40. Kapitel41. Kapitel42. Kapitel43. Kapitel44. Kapitel45. Kapitel46. Kapitel47. Kapitel48. Kapitel49. Kapitel50. Kapitel51. Kapitel52. Kapitel53. Kapitel54. Kapitel55. Kapitel56. Kapitel57. Kapitel58. KapitelUnsere Generation wird nicht [...]59. Kapitel60. Kapitel61. Kapitel62. Kapitel63. Kapitel64. Kapitel65. Kapitel66. Kapitel67. Kapitel68. Kapitel69. Kapitel70. Kapitel71. Kapitel72. KapitelLetztes KapitelDanksagungLeseprobe »DAS GESCHENK«
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Für meinen Vater Freimut.

Wir sehen uns nächsten Sonntag um 10.00 Uhr,wie immer.

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Warnung

Eine vorangestellte Warnung? Nanu? Hat der Fitzek doch noch nie gemacht?

Richtig, und keine Sorge. Ich weiß, dass einige Leser bereits Prologe stören, da will ich Sie jetzt nicht auch noch mit langen Vorreden nerven.

Aber einige Zeilen sind doch notwendig, und das Wort »Warnung« steht nicht allein deshalb in der Überschrift, um Ihre Neugierde zu wecken, sondern auch, weil es mir ein dringendes Bedürfnis ist, Sie vor der Lektüre von einem wichtigen Umstand in Kenntnis zu setzen: Der Augenjäger ist der zweite Roman in einer Reihe (von der ich selbst noch nicht weiß, wie lang sie einmal werden wird).

Das bedeutet nicht, dass Sie unbedingt Der Augensammler gelesen haben müssen, um zu verstehen, worum es hier geht. Dieser Thriller ist eine eigenständige Geschichte und erfordert keinerlei Vorwissen.

Aber natürlich nimmt der zweite Band häufig und intensiv auf den ersten Bezug. Alles andere wäre auch unnatürlich, denn die Erlebnisse im Fall des Augensammlers haben die Protagonisten Alina und Zorbach verständlicherweise sehr mitgenommen und ihr Leben stark geprägt, wenn nicht gar … Nein, ich will nicht mehr verraten. Nur so viel: Wenn Sie mit dem Augenjäger beginnen, wird der Augensammler danach nicht mehr ganz so spannend sein. Das ließ sich leider nicht vermeiden.

So, und jetzt sehen Sie mir sicher auch nach, dass ich das gleich mal vorneweg »geposted« habe, wie es auf Neudeutsch ja mittlerweile heißt. Das soll jetzt aber um Himmels willen keine Werbung zum Kauf weiterer Bücher von mir sein. Allen, denen es vollkommen gleichgültig ist, was im ersten Teil passierte, sei noch einmal gesagt: Das darf es auch. Dieses Buch steht für sich, mit einer eigenständigen Geschichte. Ich will nur später keine Mails bekommen mit dem Betreff: »Warum haben Sie mich nicht gewarnt?« Das habe ich hiermit, und zwar rechtzeitig. Noch ist es nicht zu spät. Noch können Sie den Thriller zuklappen, ihn wieder ins Regal stellen oder zurückschicken.

Dann allerdings würden Sie verpassen, was auf den folgenden Seiten geschieht. Und wollen Sie das wirklich?

 

Alles Liebe und auf Wiederlesen

Ihr

Sebastian Fitzek

Berlin, im April 2011

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Erschütternde Wende im Fall des Augensammlers Kinder befreit. Täter gesteht.Aber das Morden geht weiter.

In den letzten Monaten hat er ein tödliches Versteckspiel gespielt, nun ist die Identität des »Augensammlers« geklärt: Frank Lahmann, ein dreiundzwanzigjähriger Volontär einer großen Berliner Tageszeitung, hat die bestialischen Morde an insgesamt vier Frauen und drei Kindern gestanden.

Bei seinen Taten hielt sich Lahmann an einen ebenso widerwärtigen wie akribischen Ablauf: Erst tötete er die Mutter, dann verschleppte er das Kind und gab dem Vater ein Ultimatum von fünfundvierzig Stunden und sieben Minuten, um das Versteck zu finden. Nach Ablauf dieser Frist erstickten die Opfer automatisch in ihrem Verlies. Seinen schrecklichen Namen erhielt der Augensammler, weil den später aufgefundenen Kinderleichen jeweils das linke Auge fehlte.

Kriminalpsychologen sind der Meinung, dass – wie so häufig – auch im Falle des Augensammlers die Ursache seines krankhaften Verhaltens in der Kindheit zu suchen ist. Erste Recherchen ergaben, dass Lahmann unter schwierigsten Verhältnissen aufwuchs. Die Mutter verließ die Familie, und der Vater empfand seine Kinder nur noch als Last, allen voran Lahmanns krebskranken Bruder, dem ein Tumor das linke Auge zerstört hatte.

Eines Tages versteckten sich die beiden Brüder in einer ausrangierten Kühltruhe, im Vertrauen darauf, dass ihr Vater sich Sorgen um sie machen und sie suchen würde. Doch der so erhoffte Liebesbeweis blieb aus. Während der Vater nichtsahnend durch die Kneipen zog, kämpften die Brüder, die sich mit eigener Kraft nicht mehr befreien konnten, mit dem Erstickungstod in der Kühltruhe. Nur durch Zufall wurden sie von einem Waldarbeiter gefunden, jedoch zu spät. Nach fünfundvierzig Stunden und sieben Minuten war Frank Lahmanns jüngerer Bruder bereits tot.

Psychologen sehen in diesem Trauma den Auslöser seiner späteren Morde. Lahmann selbst schrieb in einem E-Mail-Geständnis an die Chefredaktion seines Arbeitgebers: »Natürlich, das gebe ich gerne zu, ist es verhaltensauffällig, dass ich (mit meinen Taten, Anm. d. Red.) stets die Rahmenbedingungen herstelle, die mir und meinem Bruder damals gegeben waren. Eine Mutter, die für uns gestorben war und die ich deshalb von Anfang an vom Spielfeld verbannen muss. Ein Vater, der sein Kind vernachlässigte. Ein Versteck, dessen Luft fünfundvierzig Stunden und sieben Minuten vorhält, und eine Leiche, der wie meinem Bruder das linke Auge fehlt.«

Nur durch den Einsatz des Polizeireporters Alexander Zorbach war es gestern in sprichwörtlich letzter Sekunde gelungen, die vierte »Spielrunde« des Augensammlers zu vereiteln. Dank Zorbachs Recherchearbeit konnte das Versteck der zuletzt entführten Zwillingskinder gefunden werden. Aber der Journalist musste einen hohen Preis für ihre Rettung bezahlen. Noch während er das Mädchen und den Jungen aus einem Fahrstuhlschacht befreite, hatte sich Frank Lahmann bereits ein neues Opfer gesucht: Zorbachs Sohn Julian, den er verschleppte, nachdem er zuvor bereits dessen Mutter Nicci Zorbach ermordet hatte.

Von Frank Lahmann fehlt seitdem jede Spur. Und das neue Ultimatum, gegen das Alexander Zorbach nun ankämpfen muss, wenn er seinen Sohn lebend wiedersehen will, läuft in wenigen Stunden aus …

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Wenn aber Schaden geschieht, so sollst du geben Leben für Leben, Auge für Auge, Zahn für Zahn, Hand für Hand, Fuß für Fuß, Brandmal für Brandmal, Wunde für Wunde, Strieme für Strieme.

Exodus 21, 23–25

 

 

 

Ihr habt gehört, dass den Alten gesagt ist: »Auge um Auge, Zahn um Zahn«. Ich aber sage euch: Leistet dem, der euch etwas Böses antut, keinen Widerstand, sondern wenn dich einer auf die rechte Wange schlägt, dann halt ihm auch die andere hin.

Matthäus 5, 38 f.

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Johanna Strom

1. Kapitel

Milde dreizehn Grad, leicht bewölkter Himmel, ein sanfter Septemberwind. Johanna Strom liebte dieses Wetter. Genau das Richtige, um zu sterben.

Der Mann auf der Parkbank neben ihr schien ihren geheimen Wunsch zu spüren, auch wenn er heute noch kein Wort mit ihr gewechselt hatte. Er war auch sonst nicht gesprächig. Einmal am Tag, zwei Stunden nach dem Mittagessen, durfte sie in den umzäunten Park der bei Hamburg gelegenen Klinik, um sich »die Beine zu vertreten«, wie die Oberschwester es nannte. In der Tat musste man auf den holprigen Pfaden, die sich durch den alten Baumbestand der psychiatrischen Anstalt schlängelten, höllisch aufpassen, wo man hintrat. Erst gestern war der alte Wischnewski über eine vom ersten Herbstlaub verdeckte Wurzel gestolpert und hatte sich die Hüfte geprellt. »Wär er mal lieber auf den Kopf geschlagen«, hatte sie die Pfleger über den Demenzkranken spotten hören. »Wär nicht weiter aufgefallen.«

Wie fast jeder Patient hier in der Klinik Sankt Pfarrenhopp (von den Anwohnern der Gegend nur »Sankt Pfeil im Kopp« genannt), fühlte sie sich völlig deplaziert. Nicht weil sie gesund gewesen wäre, oh nein, weiß Gott, das war sie nicht, sondern weil sie keinen Wert auf Heilung legte. Wäre es nur der Alkoholismus gewesen, der zuerst ihre Würde und schließlich ihre Gesundheit zerstörte, hätte sie sich eines Tages möglicherweise sogar aufgerappelt und den Dämonen gestellt, die sie mit dem Fusel aus den Tetrapaks von der Tankstelle zu ertränken versuchte. Vielleicht hätte sie, falls sie professionelle Hilfe gehabt hätte, sogar zurückgeschlagen, wenn ihr Mann sie wieder hätte fesseln wollen, um ihre »devote Ader zu bedienen«, wie er es nannte. Zu Beginn ihrer Beziehung hatte sie es noch für eine Art Spiel gehalten, auf das man eingehen konnte, wenn es den Partner denn erfreute.

Sie hatte sich im Bett als Dreilochstute, Ehehure und notgeile Drecksfotze beschimpfen lassen, und anfangs, so musste sie sich verschämt eingestehen, hatte sie eine gewisse Erregung tatsächlich nicht leugnen können, wenn er sie etwas gröber anfasste. Ein Klaps auf den Hintern, die Hand an der Gurgel, so weit, so gut. Sie sah, dass es ihn erregte, und das hatte auch eine Wirkung auf sie selbst; und da sie wusste, wie wütend er werden konnte, wenn sie es einmal ablehnte, sich kurz vor seinem Orgasmus vor ihm hinzuknien, ging sie darauf ein. Sollte er doch seine Träume erfüllt bekommen, die er aus Pornofilmen kannte. War ja nichts dabei.

Hinten, ganz tief unten in einer entfernt liegenden Abstellkammer ihres Bewusstseins, dämmerte ihr der Gedanke, dass es womöglich schon zu spät war. Dass sie die letzte Abzweigung auf der Straße ihres Lebens verpasst hatte, an der es ihr noch möglich gewesen wäre, die Dinge zu korrigieren, bevor sie vollends aus dem Ruder liefen. Sie hatte sich einmal zu oft erniedrigen lassen, hatte einmal zu wenig protestiert. Christian nach all den Ehejahren plötzlich zu gestehen, bestimmte seiner Vorlieben noch nie geteilt zu haben, hätte sie als Lügnerin entlarvt und ihn (zu Recht, wie sie fand) empfindlich verletzt. So schwieg sie weiter und machte sich lange Zeit vor, die Dinge im Griff zu haben.

Diese Hoffnung starb an einem schwülen Sommertag im August, als sie durchgeschwitzt mit den Wochenendeinkäufen nach Hause kam. Ihre Tochter Nicola war auf Klassenfahrt an der Ostsee, sie hatte sich auf einen ruhigen Freitagabend mit Pizza und einer DVD gefreut (Angel Heart mit Mickey Rourke, den ihr Mann noch nicht kannte und den sie auf dem Grabbeltisch für drei Euro mitgenommen hatte) und war enttäuscht angesichts der unangekündigten Gäste im Wohnzimmer. Christian fläzte sich mit zweien seiner Kanzleifreunde auf der Couch. Offensichtlich hatten sie schon einige Flaschen Wein geleert. Johanna erwartete keinen Begrüßungskuss, das hatte Christian schon früher nur ungern getan. Meist gab er ihr einen flüchtigen Klaps auf den Po oder zwickte ihr seit neuestem sanft in die Brustwarze, wenn sie nach Hause kam. An diesem Tag war er noch einen Schritt weitergegangen.

Sie konnte sich nicht mehr an alle Ereignisse jenes Abends erinnern, vieles davon hielt ihr Unterbewusstsein gnädigerweise unter Verschluss, aber das, was ihr im Gedächtnis geblieben war, reichte aus, um sie auch heute noch schreiend aufwachen zu lassen.

Christian war aufgestanden und hatte ihr ohne Vorwarnung mit der flachen Hand ins Gesicht geschlagen.

»Du hast uns warten lassen, du kleine Drecksau«, sagte er gespielt vorwurfsvoll und drehte sich zu seinen Freunden um.

»Was meint ihr, wie sollten wir meine Ehehure dafür bestrafen?«

Johanna verzog das Gesicht in dem sinnlosen Versuch, den Gewaltausbruch ihres Mannes mit einem Lächeln als harmlosen Scherz herunterzuspielen. Seine Anwaltsfreunde (beide gut gekleidet in Anzug, Schlips und Einstecktuch; beide mit Ehering) lachten anzüglich. Erst jetzt bemerkte sie den Porno, der tonlos im Fernsehen lief. Gerade wurde einer nackten Frau eine Lederkapuze über den Kopf gezogen.

»Soll ich euch noch etwas bringen?«, fragte Johanna zitternd, und bis heute ist sie sich nicht sicher, ob das ein Fehler gewesen war. Ob Christian das als Einwilligung zum Rollenspiel verstanden hatte, sie seinen Freunden vorzuführen.

Vorführung. Christians Synonym für häusliche Gewalt. Wie oft hatte er ihr im Bett seine Vergewaltigungsphantasien ins Ohr geflüstert: wie er sie im Wald nackt an einen Baum binden wollte, zufällig vorbeikommenden Joggern wie Freiwild ausgeliefert. Seine Phantasien waren teilweise so lächerlich gewesen (einmal wollte er sie tatsächlich in einem Bordell als Hure arbeiten lassen), dass sie sich nie ernsthaft Sorgen gemacht hatte, er könnte sie in die Tat umsetzen. An jenem Sommerabend im August erkannte sie ihren Irrtum.

Am nächsten Tag begann sie zu trinken. Um sich zu betäuben. Um zu vergessen. Den Tag ihrer bislang größten Schmerzen, der den Grundstein für ihre spätere Einweisung in Sankt Pfarrenhopp legte – vier Jahre später, als sie bereits ihren Beruf, sämtliche Sozialkontakte und einen guten Teil ihres Lebenswillens verloren hatte und Christian ihr am Küchentisch eröffnete, dass er sich scheiden lassen würde. Er hatte sich in eine jüngere, hübschere und intelligentere Frau verliebt, eine Studentin, die sich nicht so gehen lasse wie sie. Und selbstverständlich würde er Nicola mitnehmen, ihre pubertierende Tochter, die man ja wohl kaum bei einer verwahrlosten Trinkerin zurücklassen könnte, die sich jedem x-beliebigen Mann wie ein billiges Flittchen an den Hals warf.

Ihr waren die Tränen heruntergelaufen, und ausnahmsweise zitterten ihre Hände einmal nicht wegen ihres sinkenden Alkoholpegels. »Das kannst du nicht tun«, hatte sie ihn anschreien wollen. »Du kannst mich nicht wie einen zerfetzten Schuhabtreter entsorgen und mir meine Tochter rauben.« Doch alles, was sie hervorbrachte, war ein gequälter Schrei.

Christian schüttelte abfällig den Kopf, in seinen Augen lag nichts als Verachtung. Er wusste, er hatte die Schlacht gewonnen, bevor sie begonnen hatte. Er war Anwalt, sie eine psychisch gebrochene Säuferin. Allein die Videos, die er gefilmt hatte, während sie Freunden, Bekannten und wildfremden Männern zur Verfügung hatte stehen müssen, hätten jede noch so emanzipierte Familienrichterin auf die Seite des Mannes geschlagen. Videos, auf denen Johanna die Einzige war, die keine Maske tragen durfte.

Zwei Monate nach dem Auszug von Nicola und Christian, kurz nachdem ihre Tochter spurlos verschwunden war, versuchte sie zum ersten Mal, sich das Leben zu nehmen. Nach dem dritten Fehlschlag, am Tag, als die Polizei die Suche nach Nicola einstellte, wurde sie eingeliefert.

Jetzt war sie schon ein halbes Jahr hier, und dank des Entzugs ging es zumindest ihrem Körper langsam etwas besser. Die Zähne waren ruiniert, die Leberwerte noch immer eine Katastrophe, aber die Schmerzen beim Wasserlassen wurden Tag für Tag erträglicher. Sie schwitzte nicht mehr so stark, und seitdem die Bürste wieder leichter durch die Haare ging, traute sie sich auch nach draußen. Ihre Psyche jedoch war unverändert zerrissen, sie fühlte sich weiterhin wie Abschaum.

Ein Abschaum im Morgenmantel, der allein durch den Klinikpark schleicht.

Der ältere Mann auf der Bank, der ihr stets freundlich zunickte und sie stumm aufforderte, sich zu ihm zu setzen, schien sich an ihrem verlebten Äußeren nicht zu stören. Dank ihres langen Aufenthalts fühlte sich Johanna fast schon zum Inventar der Klinik gehörig.

Sie kannte die meisten ihrer Mitinsassen wenigstens mit Nachnamen, doch bislang hatte sie nicht herausgefunden, aus welchem Grund ihr schweigsamer Sitznachbar hier eingewiesen worden war. Noch nie hatte sie ihn innerhalb des Klinikgebäudes gesehen, weder zufällig auf den Gängen noch mit den anderen im Speisesaal zur Essensausgabe. Doch wann immer sie sich die Beine im Park vertrat, war der altmodisch wirkende Mann zur Stelle. In kerzengerader Haltung, mit korrekt geschnittenem lichten Haar, den Scheitel so scharf gezogen wie die Bundfalte seiner grauen Flanellhosen, verteilte er Brotkrumen unter den Tauben, Meisen, Staren und Spatzen, die sich zu seinen Füßen tummelten. Hin und wieder schenkte er Johanna ein verschmitztes Lächeln und steckte sich selbst eine Krume in den Mund.

In diesen wenigen Momenten ihrer stummen Kommunikation konnte sie sich kaum von seinen Augen lösen, die um so viel jünger, wacher und geheimnisvoller wirkten als der Mann selbst, dessen Alter sie nur schwer einschätzen konnte, irgendetwas in den späten Fünfzigern.

Heute sprach sie ihn an, nachdem sie eine Weile wie gewohnt still nebeneinandergesessen und dem entfernten Rauschen der Stadtautobahn gelauscht hatten.

»Darf ich Sie etwas fragen?«

»Selbstverständlich.«

Seine Stimme klang freundlich und erinnerte sie an ihren längst verstorbenen Mathematiknachhilfelehrer, der die Geduld mit ihr auch bei der zwanzigsten Wiederholung nicht verloren hatte.

»Weswegen sind Sie hier?«

Er drehte sich zu ihr, seine außergewöhnlichen Augen sahen sie direkt an. »Ihretwegen.«

Sie lachte auf und erwartete, dass er seine Bemerkung gleich zurücknehmen und damit als Scherz entlarven würde. Aber der Mann blieb ernst.

»Wie darf ich das verstehen?«

»Ich bin kein Patient. Ich bin ein Besucher.«

»Und Sie besuchen …« Sie zögerte. »Sie besuchen mich?«

»In der Tat.«

»Weswegen?«

»Um Ihnen etwas zu zeigen.«

»Was?«

»Den Beweis dafür, dass das Leben es bislang sehr gut mit Ihnen meinte.«

Der Mann klang auf einmal gar nicht mehr freundlich. Er sah auch nicht mehr aus wie ein Frührentner, der im Park die Tauben füttert, weil er mit seinem Tag nichts Besseres anzufangen weiß.

»Sehen Sie sich das hier gut an.«

Er reichte ihr ein Foto. Johannas Pupillen weiteten sich, als ihr Blick auf die gestochen scharfe Aufnahme eines jungen Mädchens fiel.

Es dauerte eine Schrecksekunde, die Grausamkeit und Brutalität des Bildes in seiner Gesamtheit zu begreifen, da sich Johannas Gehirn in einer Art Selbstschutz weigern wollte, das Unvorstellbare zu erkennen.

»Sie können es behalten«, sagte der Alte und drückte ihr das Polaroid in die Hand. »Betrachten Sie es als Ihre Strafe für die Schuld, die Sie auf sich geladen haben.«

Er stand auf, richtete sein Jackett und prüfte den Reißverschluss seiner Flanellhose.

»Wenn Sie mich jetzt entschuldigen wollen, die Pflicht ruft. Wie Sie selbst gesehen haben, bin ich mit Ihrer Tochter noch nicht fertig.«

Dann, kurz bevor Johanna schreiend zusammenbrach, schritt der Besucher von dannen. Sein Gang war leicht, federnd und beschwingt. Wie der eines glücklichen und zufriedenen Mannes, der mit sich selbst und seiner Welt im Reinen war.

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Fünf Monate später.Jetzt.

2. Kapitel

Alexander Zorbach (Ich)

Unerwünschte Wachheit. Der schlimmste Horror trägt oft einen harmlosen Namen. Vor langer Zeit, als ich noch so etwas wie ein Leben hatte, führte ich einmal ein Interview mit einer völlig traumatisierten Frau. Obwohl das, was ihr zugestoßen war – ihre unerwünschte Wachheit – schon Jahre zurücklag, litt sie noch immer unter Panikattacken. Hatte Lara Weitzmann davor kein Problem mit kleinen Räumen gehabt, hielt sie es danach selbst im Großraumbüro meiner Zeitung nicht mehr aus. Nach zwei erfolglosen Interviewanläufen, in denen wir nicht über die erste Frage nach ihren unvorstellbaren Schmerzen hinausgekommen waren, mussten wir abbrechen und das Gespräch an einen weitläufigeren Ort verlegen. So kam es, dass ich im strahlenden Sonnenschein im Tiergarten den alptraumhaften Schilderungen einer jungen Frau lauschte.

»Es war nur eine Zyste im Unterleib«, begann Lara Weitzmann leise, und noch immer fröstele ich, wenn ich mich an ihre brüchige Stimme auf dem Band meines Diktiergeräts erinnere. Eine Stimme, die so gut zu Laras äußerer Erscheinung passte, als hätte ein Regisseur sie exakt für diesen schwachen Körper ausgesucht. Das Trauma hatte schwere Löcher in ihre Psyche gerissen, und bei näherem Hinsehen konnte man die sogar erkennen. Lara war so dünn, ihre Haut so hell und pergamentartig, dass man befürchten musste, die Sonnenstrahlen würden direkt durch ihren Körper hindurchfallen, sobald sie sich ins Licht stellte.

»Ich wusste nicht, dass es so etwas gibt«, sagte Lara und schüttelte den Kopf, als könne sie es immer noch nicht glauben.

Ihr Chirurg hatte schon Tausende solcher Routineeingriffe hinter sich, und auch bei ihr gab es zunächst keine nennenswerten Komplikationen. Zumindest keine, die die Entfernung ihrer Zyste betrafen.

Alles geschah so wie bei unzähligen Operationen zuvor. Mit nur einem Unterschied: Lara Weitzmann war nicht bewusstlos. Bis heute weiß man nicht, ob das Narkosemittel falsch dosiert worden war oder ob sie an einer seltenen Anomalie litt, bei der der Körper generell auf eine Anästhesie nicht anspricht. Die Medikamente hatten lediglich ihre motorischen Fähigkeiten gelähmt. Lara war wach, konnte sich aber nicht bemerkbar machen. Konnte nicht zeigen, dass sie alles spürte: Das Skalpell, das ihre Bauchdecke auftrennte. Die Stahlklammern, die in ihren Körper eingeführt wurden, um die Operationswunde offen zu halten. Und auch nicht die Nadelstiche, mit denen die Wunde nach knapp einer Stunde wieder vernäht wurde. Sie hatte ihren Schmerz den Ärzten und Schwestern entgegenbrüllen wollen, die sich während des Eingriffs über die Schwierigkeiten ausgetauscht hatten, heutzutage einen ausländerfreien Kindergarten in Berlin zu finden. Vergeblich. Niemand konnte ihre innerlichen Schreie hören, die noch heute in ihr tobten.

Unerwünschte Wachheit. Patienten, die während der Operation mit vollem Schmerzbewusstsein aufwachen und sich nicht bemerkbar machen können.

Statistisch gesehen geschieht das so selten, dass wir eine Zahl mit Nullen vor und hinter dem Komma brauchen, um es darzustellen. 0,03 Prozent. So unwahrscheinlich wie ein Blitzeinschlag bei Sonnenschein. Das klingt beruhigend, zumindest, solange man nicht darüber nachdenkt, dass man auch drei von zehntausend sagen könnte. Dreißig Menschen im ausverkauften Olympiastadion. Selten, aber nicht unvorstellbar.

Seit ich zum Spielball des Augensammlers geworden bin, des Mannes, der meine Frau umgebracht und meinen Sohn verschleppt hat, weiß ich, wie Lara Weitzmann sich damals auf dem OP-Tisch gefühlt haben muss. Als sie bei lebendigem Leib aufgeschnitten wurde und die verabreichten Schmerzmittel so wirksam waren wie ein Pflaster auf einem gebrochenen Rücken.

Wir können noch so oft versuchen, uns mit Statistiken einzulullen, die das Lebensrisiko herunterspielen. Irgendjemand ist immer der traurige Fall, der für das Komma hinter der Null verantwortlich ist. Und manchmal ist man es eben selbst. Dann sieht man mit eigenen Augen, wie der Blitz einschlägt, obwohl die Sonne scheint, so wie heute an diesem bitterkalten Dezembertag, als ich endlich vor dem Versteck stehe, in das der Augensammler meinen Sohn verschleppt hat. Er gab mir fünfundvierzig Stunden und sieben Minuten Zeit, um ihn zu finden. Sollte ich zu spät kommen, nur eine einzige Minute, würde Julian automatisch in seinem Verlies ersticken. So sind die Spielregeln. Genauso pervers wie unabänderlich. Ich weiß daher, was mich erwartet, als ich das Schott öffne und in die Dunkelheit trete.

Sieben Minuten nach Ablauf des Ultimatums.

3. Kapitel

Scheiße«, sagt der Mann hinter mir, der die Taschenlampe hält. Für einen kurzen Moment spüre ich das Verlangen, mich umzudrehen und ihm mit voller Wucht die Faust ins Gesicht zu rammen. Ich will meine Verzweiflung nicht länger in mich hineinfressen, und Stoya scheint mir trotz der Schusswaffe in seiner rechten Hand ein geeigneter Blitzableiter zu sein. Wenigstens für einen Augenblick, nicht länger als ein Wimpernschlag, dann streift der Lichtkegel der Taschenlampe in seiner Linken eine kleine Box auf dem Metallfußboden. Alle meine Bewegungen frieren ein.

»Rückzug«, höre ich den Kommissar in sein Funkgerät sprechen. »Und schickt ein Räumkommando. Hier liegt was.«

Ja, hier liegt was. Und es ist nicht mein Sohn.

Ich knie mich auf den Boden und stütze mich mit den Händen auf einem Lattenrost ab, während ich hinter mir die Stiefel des Spezialeinsatzkommandos über die Stahltreppe nach oben poltern höre.

Den Tipp, hier auf diesem ausrangierten Gastanker nach Julian zu suchen, haben wir von einem Wachmann der Hamburger Werft bekommen. Der Frühpensionär sollte verhindern, dass der stillgelegte Kahn auf dem Trockendock von Altmetallsammlern geplündert wird. Auf seinem Rundgang durch die Frachträume meinte er, ein Kind weinen gehört zu haben, und meldete das seinen Vorgesetzten.

Ich sauge die Luft ein.

Hier, tief im Bauch des alten Schiffes, riecht es nach Öl, Schmiermittel und Schweiß. Nach Staub, Pisse und Angst. Das Schlimmste aber ist: Es riecht nach Julian.

Nach seiner warmen Haut und nach den nassen Haaren, die ihm immer an der Stirn kleben, wenn er atemlos im Hausflur steht, weil er mal wieder die Zeit vergessen hat und den ganzen Weg vom Fußballplatz nach Hause gerannt ist, um nicht zu spät zum Abendessen zu kommen. Diesen süßlich kernigen Eigengeruch eines Zehnjährigen, den man an seinem eigenen Nachwuchs so liebt, bei fremden Kindern aber schnell unerträglich findet, wenn man ihm in geballter Form ausgesetzt ist, etwa nach dem Sport in der Umkleidekabine einer fünften Klasse.

»Hören Sie schlecht?«, fragt Stoya neben mir. Er wirkt gespenstisch in dem fahlen Licht, das von den Metallwänden reflektiert wird. Man sieht ihm den Schlafentzug an, sein eingefallenes Gesicht scheint nur noch aus Sorgenfalten und Tränensäcken zu bestehen und ist meinem damit vermutlich sehr ähnlich.

»Hier unten ist nichts außer diesem Kasten da. Vielleicht eine Bombe. Die kann uns gleich um die Ohren fliegen.«

Ich atme tief ein, ventiliere die Luft durch die Nase und spüre es: Zwischen den Ausdünstungen der Angst und des Schmerzes, die es hier in diesem dunklen Versteck ebenso gibt wie die chemischen Gerüche nach Lack, Reinigungsmitteln und altem Diesel, hängt eine schwache, aber dennoch unverkennbare Essenz von Julian in der Luft. Ich weiß, mein Sohn war hier. Hat hier, in dem Frachtraum des Schiffes, die letzten fünfundvierzig Stunden auf seinen Vater gewartet, in den Fängen eines Monsters, das bereits seine Mutter getötet hat. Er hat die linke hintere Ecke, dort, wo ein zerfasertes Ankertau liegt, als Stelle für seine Notdurft gewählt. Hat sich vermutlich die Fingernägel in der Dunkelheit an den Metallwänden stumpfgekratzt, um einen Ausweg aus diesem Verlies zu finden.

»Okay, okay. Ich geh ja schon«, sage ich und hebe die Hände. »Bin ja nicht lebensmüde«, lüge ich weiter.

Stoya nickt zufrieden und macht einen schwerwiegenden Fehler. Er legt etwas linkisch den Arm um meine Schulter, um mir sein Mitgefühl zu zeigen. Auf der Fahrt nach Hamburg hat er mir von seiner eigenen Verwandtschaft erzählt. Von seiner anderthalbjährigen Nichte, die immer Bau statt Baum sagt, obwohl ihr das M bei Mami eigentlich ganz flüssig über die Lippen geht.

Stoya will mir damit zu verstehen geben, selbst ein Familienmensch zu sein und nicht nur der Chef der Mordkommission. Dass er es nachvollziehen kann, wie ich mich fühle. Vielleicht kann er das sogar tatsächlich, wer weiß? Doch er irrt sich, wenn er denkt, die Angst vor einer Bombe könnte mich auch nur einen Millimeter weit zurückdrängen. Ich bin angekommen. Hier, an dem letzten Ort, den mein Sohn gesehen hat. Und ich bin, in jedem Sinne des Wortes, am Ziel meiner Alpträume. Es gibt nichts mehr auf der Welt, wohin ich gehen kann. Ich befinde mich in einem ähnlichen Zustand wie Lara Weitzmann. Mein Narkosemittel ist der Schock, der nicht stark genug ist, um mir völlig das Bewusstsein zu nehmen, aber doch ausreichend stark, dass ich mich gegen die Gewalt des Augensammlers nicht länger zur Wehr setzen kann. Ich leide unter unerwünschter Wachheit. Nur dass bei mir, im Unterschied zu Lara Weitzmann, die Operation ewig andauern wird.

All das kann Stoya nicht verstehen, nicht einmal erahnen. Daher ist er nicht darauf vorbereitet, als ich etwas in die Knie gehe, um den Kopf von unten gegen sein Kinn zu rammen. Er stöhnt auf, strauchelt, fällt aber erst durch die geöffnete Stahltür nach draußen, nachdem ich ihm die Taschenlampe aus den Händen gerissen und ihm einen Fußtritt in den Magen verpasst habe.

Es dauert keine drei Sekunden, da habe ich das Schott von innen geschlossen und den Polizisten ausgesperrt.

In diesem Moment klingelt mein Handy.

4. Kapitel

Das Display zeigt hier unten kaum Empfang, dafür umso deutlicher den Namen des Monsters, das für all meine Qualen verantwortlich ist: Frank Lahmann. Der Augensammler, der seinen Namen der Tatsache verdankt, dass er all seinen Entführungsopfern nach ihrem Tod das linke Auge entfernt.

Ich drücke auf die Sprechtaste und presse mir das Handy ans Ohr.

»Hallo, Alex«, sagt Frank. So hat er mich tausendmal am Telefon und in der Redaktion begrüßt. Seine Stimme klingt neutral, emotionslos und sachlich. Als wären wir nichts als Zeitungskollegen, die einen gemeinsam recherchierten Artikel zu besprechen haben, der in einer Stunde in den Druck muss. Als hätte er nicht meiner Frau das Genick gebrochen und meinen Sohn entführt.

»Ich werde dich finden!«, will ich brüllen. »Ich werde dich finden, und wenn es den Rest meines Lebens dauert. Wobei du dir besser wünschen solltest, dass es eher früher geschieht als später. Denn je länger ich dich suche, umso mehr Zeit habe ich, über die Foltermethode nachzudenken, mit der ich dich töte.«

Doch so viel Durchsetzungskraft lässt der Zustand meiner unerwünschten Wachheit nicht zu, also krächze ich nur ein einziges Wort in den Hörer: »Wo?«

Wo ist Julian? Wo hast du seine Leiche hingebracht?

Es ist ein weiteres Merkmal seines Modus Operandi, dass der Augensammler die Leichen niemals in ihren Verstecken zurücklässt, sondern im Freien aussetzt. In einer ähnlich bewaldeten Umgebung wie der, in der damals auch die Kühltruhe gestanden hatte.

»Du kommst zu spät«, sagt er. Stoya hämmert hinter mir wie ein Verrückter gegen die verschlossene Stahltür, weshalb ich Frank kaum verstehen kann. »Aber ich verzeihe dir.«

»Du verzeihst mir?«

»Ja. Obwohl du alle Zeichen falsch gedeutet hast, Alex. Obwohl du deine Zeit damit verschwendet hast, mich zu jagen und eine Zeitungsstory nach der anderen über mich zu schreiben, anstatt den elften Geburtstag deines Sohnes zu feiern. Obwohl du nicht besser bist als all die anderen Väter, die ihr Leben mit Arbeit vergeuden, anstatt sich ihren Kindern zu widmen, erkenne ich die besondere Bindung zwischen uns an.«

Besondere Bindung. Mir wird so übel, dass mir die Luft wegbleibt. Frank ist mein Volontär gewesen. Ich habe ihn bei dem Sensationsblatt, für das ich arbeitete, ausgebildet. Habe ihn eingestellt und mich immer wieder bei der Chefredaktion für ihn eingesetzt, weil ich in seinem vorlauten Wesen und seinem Arbeitseifer einen Teil von mir selbst wiederzuerkennen glaubte. Ich weiß, dass der Gedanke, den Mörder meiner Familie eigenhändig ausgesucht und gefördert zu haben, mich irgendwann, wenn das alles vorbei ist, in den Wahnsinn treiben wird.

»Ich wollte nie, dass wir zu Gegnern werden, Alex. Ich habe in dir wirklich ein Vorbild gesehen. Deshalb habe ich alles getan, damit du dich von meinem Spielfeld fernhältst. Doch du wolltest ja nicht hören. Aber wie gesagt, ich bin kein Unmensch. Ich hab dich wirklich gern. Vielleicht ist es eine dumme Sentimentalität, wenn ich dir in Anerkennung unserer Vergangenheit eine zweite Chance geben will, Julian zu retten.«

Zu retten?

In dieser Sekunde begreife ich, weshalb Menschen gläubig werden. Ich bete zu jedem mir bekannten Gott, dass Franks Sadismus nicht so weit geht, mir unbegründete Hoffnung zu machen.

»Julian lebt?«

»Ja. Aber dieser Zustand ist veränderlich, wie du weißt.«

»Was muss ich tun?«, frage ich und versuche die Rufe hinter der Stahltür zu ignorieren. Stoya ist jetzt nicht mehr alleine und droht, das Schiff evakuieren und mich hier zurückzulassen, wenn ich nicht sofort herauskomme.

In meinem aufgewühlten Zustand bin ich mir plötzlich nicht mehr sicher, ob ich die letzte Frage überhaupt gestellt oder nur gedacht habe, also frage ich noch einmal: »Was muss ich tun, damit du ihn freilässt?«

Franks Antwort ist ebenso knapp wie unverständlich. »Dreizehn. Zehn. Einundsiebzig.«

»Was ist das?«

»Eine Zahl.«

»Wofür brauche ich sie?«

»Um die Kiste zu öffnen.«

Es kostet mich eine unglaubliche Kraftanstrengung, den linken Arm zu heben. Endlich habe ich es geschafft, und der Lichtkegel der Taschenlampe erfasst den Gegenstand, der exakt in der Mitte des quadratförmigen Frachtraums zu meinen Füßen steht.

Die hölzerne Box mit den angelaufenen Messingbeschlägen erinnert an eine in die Jahre gekommene Schmuckschatulle. Nicci besaß ein ähnliches, wenn auch kleineres Modell, das heute noch auf der Ablage am Kopfende unseres Ehebetts steht, ohne jemals ein einziges Schmuckstück enthalten zu haben. Meine Frau hatte die bauchige, mit rotem Samt ausgeschlagene Schatulle auf dem Flohmarkt an der Straße des 17. Juni entdeckt und wie so viele andere sinnlose Gegenstände in unser Haus am Rudower Dörferblick geschleppt. Allein die Erinnerungen, die diese Box jetzt in mir auslöst, treiben mir die Tränen in die Augen. Was würde ich darum geben, mich ein letztes Mal mit Nicci über die unnützen Staubfänger in unserem Schlafzimmer streiten zu können. Doch diese Möglichkeit hat mir Frank für immer genommen. »Kennst du die Redewendung ›Ich liebe dich mehr als mein Leben‹?«, höre ich ihn fragen. Mein Ohr, gegen das ich das Handy presse, brennt wie Feuer. Ich knie mich nieder und greife nach dem Nummernschloss, mit dem die Box gesichert ist.

»Ich kann dich nicht hören, Alex.«

»Ja. Ja, ich kenne die Redewendung«, antworte ich, während ich die schwergängigen Zahlenräder drehe.

Dreizehn. Zehn. Einundsiebzig.

»Und? Tust du es?«

»Was?«

Die letzte Ziffer rastet ein, und das Schloss springt mit unerwarteter Kraft auf, löst sich von dem Riegel und fällt zu Boden. Ich öffne die Kiste und finde darin exakt das, was ich erwartet habe.

»Liebst du Julian mehr als dein Leben?«

»Ja.«

»Dann beweise es.«

»Ich soll mich erschießen?«, frage ich und nehme die Pistole aus der Schatulle. Sie fühlt sich leicht an wie eine Spielzeugwaffe, doch aus meinem längst vergangenen Leben als Polizist weiß ich, welch verheerende Wirkung ein gezielter Schuss damit erzielen kann. Das Modell in meiner Hand ist das gleiche, mit dem ich vor Jahren eine psychisch gestörte Frau erschossen habe, die ein Baby ermorden wollte.

»Ja. Aber du musst es richtig machen.«

Richtig?

»Was heißt das?«

»Hörst du dieses Geräusch hier?«

Ich presse das Handy noch dichter ans Ohr, und das Ticken einer Stoppuhr wird lauter. Ich muss mich beherrschen, um Frank nicht anzubrüllen.

Lass deine kranken Spielchen. Gib mir Julian zurück. Und dann versteck dich besser als jedes deiner Opfer. Denn sollte ich oder irgendjemand anderes dich finden, wirst du …

»Du hast noch vier Minuten und sechs Sekunden«, sagt Frank, und das Ticken der Uhr wird leiser. »Setz den Lauf der Waffe auf dein linkes Auge und drück ab. Sobald ich deine Leiche in den Nachrichten sehe, lasse ich Julian frei. Solltest du aber zu lange zögern, hast du deinen Joker verspielt, und ich werde Julian ersticken und ihm das linke Auge entfernen.«

So wie all den anderen Kindern zuvor.

»Ach, und noch was: Sollte ich auch nur das geringste Gefühl haben, dass du bluffst …« Frank macht eine kurze Pause, »… sollte ich aus irgendeinem Grund Zweifel an deinem Tod haben, werde ich Julian hinrichten, und du wirst seine Leiche niemals finden. Dann wirst du nicht deinen Sohn, sondern nur noch seine seelenlose Hülle suchen, und es wird nichts geben, was du begraben kannst. Noch zappelt der Fisch in meinem Netz. Noch kann ich der Polizei Hinweise geben, wie sie Julian finden. Hinweise, die sein Leben retten. Hast du mich verstanden?«

»Ja«, krächze ich.

»Und weshalb höre ich dann immer noch deine Stimme? Ich an deiner Stelle würde endlich die verdammte Waffe ansetzen, so wie ich es dir gesagt habe! Die Zeit rennt dir davon!«

Ich knie immer noch vor der Schatulle. Die Taschenlampe habe ich auf den Boden gelegt, um in der einen Hand das Telefon und in der anderen die Waffe halten zu können. Jetzt stehe ich langsam wieder auf. Hinter der Stahltür ist es still geworden, was darauf schließen lässt, dass Stoya seine Drohung wahr gemacht hat und abgezogen ist.

»Ich will ihn sprechen«, sage ich mit erstaunlich fester Stimme, während mir kalter Schweiß zwischen den Schulterblättern herabrinnt. Mein Atem geht schwer. »Meinen Sohn. Gib ihn mir.«

»Das kränkt mich, Alex. Hast du denn gar kein Vertrauen mehr in mich? So oft, wie ich dir meine Fairness bewiesen habe?«

Es brummt in der Leitung, und ein Störgeräusch überlagert seine letzten Worte. Es klingt, als hätte er einen Rasierapparat eingeschaltet. Vermutlich aber hat Frank nur seinen Standpunkt gewechselt und ist in die Nähe eines technischen Geräts gekommen. Ich nutze die Pause, um mich mit einem Blick auf mein Handy zu vergewissern, dass ich die Aufnahmefunktion eingeschaltet habe und unser Gespräch aufgezeichnet wird.

»Wer hat dir denn die entscheidenden Hinweise gegeben, die zur Rettung der Zwillinge führten?«, fragt er weiter. »Ich hätte die Kinder früher aus dem Versteck führen können, bevor du sie findest, stattdessen habe ich mich an meine Spielregeln gehalten.«

»Ich. Will. Julian. Sprechen«, presse ich hervor. Mit jedem Atemzug, den ich tätige, scheint der Druck auf meine Lungen größer zu werden. Ich weiß, meine wachsende Panik lässt mir kaum noch Zeit. Bald werde ich anfangen zu hyperventilieren.

Eine Zeitlang geschieht gar nichts, nur das Störgeräusch am anderen Ende der Leitung wird lauter. Dann knackt es, und Frank seufzt.

»Also gut, weil du es bist, Alex. Aber mach’s kurz. Noch vierzig Sekunden.«

Das Brummen hört auf, und für einen kurzen Moment befürchte ich schon, die Verbindung ist abgerissen, doch dann höre ich ein einziges, geflüstertes Wort, das mir die Tränen in die Augen treibt.

»Papa?«

»Oh Gott, Julian.«

Die Stimme meines Sohnes, die viel kindlicher klingt, als ich sie in Erinnerung habe, ist zugleich Salz und Balsam auf den seelischen Wunden, die Frank aufgerissen hat.

Ich schwanke und knie mich wieder hin, bevor ich das Gleichgewicht verliere. In den letzten Tagen habe ich keine Stunde geschlafen, wurde gefoltert und wäre bei der Rettung zweier Kinder beinahe ertrunken. Ich habe meine ermordete Frau in den Armen gehalten und bin diesem Psychopathen überallhin gefolgt – aber ich bin nicht am Ende. Ich bin am Anfang. Nach all den Strapazen, nach Ablauf aller Ultimaten, die mir gestellt wurden, habe ich es schließlich doch geschafft. Ich stehe kurz davor, Julians elfjähriges Leben zu retten. Den Tausch, den Frank mir anbietet, empfinde ich in dieser Sekunde als erlösendes Geschenk.

»Wann kommst du?«, fragt Julian. Er klingt müde und ängstlich, so wie früher, wenn er an unsere Schlafzimmertür klopfte, weil ihn ein Gewitter aus dem Schlaf gerissen hatte.

»Ich weiß es nicht, mein Schatz«, flüstere ich und setze die Waffe an.

»Noch zehn Sekunden«, höre ich den Psychopathen im Hintergrund rufen. Julian beginnt zu weinen.

»Ich liebe dich, Papa.«

»Ich dich auch.«

Für immer.

Ich atme tief durch und halte die Luft an. Dabei presse ich den Lauf der Pistole auf mein geschlossenes linkes Auge. Als der Atemreflex wieder einsetzen will und meine Lungen zu zerbersten drohen, drücke ich ab.

Es gibt eine grelle Explosion, gefolgt von einem Knall, der auf seinem Höhepunkt, kurz nachdem sich das Geschoss durch meinen Schädel gebohrt hat, plötzlich abreißt – und dann ist alles verschwunden: der Frachtraum, die Pistole in meiner Hand, das Licht und die Explosion. Und dann …

Schwarz.

Die Welt, in der ich die letzten Jahre meines Lebens vergeudet und alles verloren habe, existiert nicht mehr.

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Sieben Wochen später

5. Kapitel

Alina Gregoriev

Soll ich mich ausziehen?«

Zarin Suker hatte eine Stimme, die wie dafür gemacht schien, schlechte Nachrichten zu überbringen. Weich, warm, einfühlsam. Wollte man den Menschen Glauben schenken, die ihn näher kannten, war es die Stimme eines Meisters im Operationssaal, eines mehrfach ausgezeichneten Mitglieds der akademischen Gesellschaft.

Die Stimme eines Vergewaltigers und Mörders.

»Laut unseren Akten zählt er zu den versiertesten Augenchirurgen der Welt«, hatte Hauptkommissar Philipp Stoya sie bei ihrem ersten Gespräch über Suker in seinem Büro gebrieft. »Spezialisiert auf die schwierigsten Operationen am menschlichen Sehorgan. Jüngster und bester Abiturient seines Jahrgangs. Abschlüsse an vier Universitäten. Er hat Patente auf zahlreiche medizinische Geräte – unter anderem auf ein Skalpell, das seinen Namen trägt. Das Suker-Messer. Er entwickelte es, um genauere Korrekturen am Sehnerv vornehmen zu können. Da war er dreiundzwanzig Jahre alt.«

»Nur den Oberkörper frei machen, bitte«, antwortete Alina ihrem unheimlichen Patienten.

Zum hundertsten Mal an diesem Tag verfluchte sie Stoya, der sie zu dem Wahnsinnsunterfangen verleitet hatte.

»Bitte, tun Sie mir den Gefallen«, hatte er sie angefleht und dabei so getan, als lägen nicht alle Trümpfe in seiner Hand. Als verfügte der Kommissar nicht über Informationen, mit denen sie erpressbar war. Informationen, für die sie alles tun würde.

Verdammtes Arschloch, jetzt bin ich hier.

Hier, in diesem Kabuff der geschlossenen Abteilung des Gefängniskrankenhauses, in dem es nach Desinfektionsmittel und gummiertem Fußboden roch, in dem ihre Worte gegen kahle Wände prallten und in dem sie nichts verloren hatte.

»Sie sind doch vorsichtig?«, fragte Suker. »Nicht, dass Sie mir weh tun.« Alina hörte ein unangenehmes, fast obszönes Geräusch, erzeugt durch einen hageren Körper, der sich auf einer Kunstlederpritsche zurücklehnte.

Keines von Sukers Opfern war unmittelbar durch seine Hand gestorben. Die körperliche Folter hatten die Frauen überlebt, nicht aber die seelischen Wunden, die er ihnen während des tagelangen Martyriums beibrachte und die die Ursache für ihren späteren Selbstmord waren. Zwei Frauen hatten sich erhängt, eine war in der warmen Badewanne verblutet. Die letzte und gleichzeitig jüngste hatte sich in Friedrichshain einer Straßenbahn in den Weg gestellt.

»Bitte bleiben Sie zu Beginn meiner Behandlung aufrecht sitzen«, sagte Alina.

Der Chefarzt der Anstalt hatte ursprünglich darauf bestanden, bei der Untersuchung des Häftlings anwesend zu sein, aber Kriminalhauptkommissar Stoya, der für diese ungewöhnliche Behandlung keine Zeugen wünschte, hatte diesen Wunsch ignoriert, und jetzt befand sich Alina alleine mit einem Monster im Behandlungszimmer der Gefängnisklinik. Allein mit einer Bestie, die sie gleich würde berühren müssen.

Der Raum wurde mit versteckten Spezialmikrophonen abgehört, und vor der Tür standen zwei bewaffnete Beamte, die beim kleinsten Verdachtsmoment die Türen aufreißen und ihr binnen Sekunden zur Seite stehen würden. Dennoch war Alina alles andere als wohl bei dem Gedanken, mit einem weder durch Zwangsjacke noch Handschellen gesicherten Psychopathen eingeschlossen zu sein, auch wenn sie wusste, dass Suker noch nie spontan und niemals mit bloßen Händen getötet hatte.

Zarin Suker. Schon der Name klang wie ein Schuldeingeständnis. Klang nach Angst, Schmerz und Qualen. Natürlich war ihr bewusst, dass sie von den Schlagzeilen der Regenbogenpresse beeinflusst war, die den achtundfünfzigjährigen Augenarzt bereits vorverurteilt hatte: als Frauenschänder und bestialischen Folterknecht.

Alina fuhr mit der Hand über die Resopaloberfläche des Besprechungstisches, auf dem sie ihren Rucksack abgestellt hatte. Er fühlte sich an wie die Tische, an denen sie als Kind die Schulbank drücken musste. Sie wunderte sich, wie die tiefen Rillen und Kratzer in die Oberfläche gelangt waren. Ihr hatte man in der Sicherheitsschleuse der Vollzugsanstalt alle spitzen Gegenstände abgenommen.

»Was ist mit Ihren Augen geschehen?«, fragte Suker unvermittelt. Sie hatte die Frage erwartet, da sie eine Sonnenbrille trug, wie immer, wenn sie auf Menschen traf, die sie nicht leiden konnte, unangenehme Patienten zum Beispiel. Bei derartigen Begegnungen empfand sie die Brille wie ein Visier, das sie vor zudringlichen Blicken schützte.

»Meine Augen tun hier nichts zur Sache«, sagte sie und rief sich den Grundriss des quadratischen Raumes ins Gedächtnis. Sie war eine Stunde früher gekommen und hatte ihn studiert, bevor Suker von zwei Wachleuten hereingeführt wurde. Zu diesem Zeitpunkt hatte sie den Abstand zwischen Tisch, Pritsche und Stühlen bereits verinnerlicht. Sogar die Wände hatte sie mit den Händen abgetastet, bis sie sich buchstäblich blind in dem Raum zurechtfand.

In einer vertrauten Umgebung bewegte sie sich stets so selbstsicher, dass vielen Menschen ihre Sehbehinderung erst nach einer Weile auffiel, was nicht zuletzt an ihrem auffälligen Äußeren lag. Alina war blind und dennoch ein optischer Mensch. Sie musste die Welt, in der sie lebte, nicht mit eigenen Augen sehen, um zu wissen, dass Äußerlichkeiten in ihr wichtiger waren als innere Werte. Die Verpackung definierte den Inhalt. Nur ein Narr konnte diese banale Lebensweisheit bestreiten.

Ging sie in ihren Lieblingsklamotten in die Öffentlichkeit (Lederjeans mit aufgerissenen Knien, knallgrüne Springerstiefel und Abercrombie-Sweatshirt), war sie noch nie besonders zuvorkommend behandelt worden. Mit Businesskostüm, Manolo Blahniks an den Füßen und einem Push-up-BH unter der eng anliegenden Bluse dauerte es keine dreißig Sekunden, bis ihr ein Kaffee angeboten wurde, ganz gleich, ob sie eine Boutique oder ihre Bank betrat. Die meisten wurden zunächst von ihrer ungewöhnlichen Gesamterscheinung abgelenkt, bei der vor allem ihre Haare hervorstachen. Diese waren, je nach Alinas aktueller Gemütslage, mal kurz, mal lang, mal streng gebunden, mal dauergewellt, im strengen Pony oder zu Rasta-Zöpfchen frisiert, und nicht selten wechselte die Farbe sogar mehrfach am Tag. Möglich wurde diese Verwandlungsfähigkeit durch einen schier unerschöpflichen Vorrat an Echthaarperücken, in den sie einen guten Teil ihres Gehalts als Physiotherapeutin investierte.

Heute hatte sie sich aus gegebenem Anlass für eine schlichte Kombination aus einer weißen Jeans, flachen Winterstiefeln und einem grauen Rollkragenpulli entschieden. Die Haare trug sie lang, schwarz und offen. Es war Wochenende, sie war in den letzten Monaten durch die Hölle gegangen, und eigentlich stand ihr der Sinn nach etwas Wilderem. Nach ihrem Camouflagekleid im Tarnfarbenlook zum Beispiel, in dem sie einer amazonenhaften Kriegerin ähnelte, vor allen Dingen, wenn sie auf künstliche Frisuren verzichtete und sich mit ihrem kahlrasierten Schädel der Außenwelt präsentierte. Abgesehen davon, dass das bei den sibirischen Februar-Temperaturen da draußen keine gesundheitsfördernde Idee gewesen wäre, hätte Suker zu diesem Look wohl auch kein Vertrauen gefasst; daher war sie heute, sehr zu Stoyas Erleichterung, in einem seriösen Outfit vor den Toren der Justizvollzugsanstalt erschienen.

»Ich wollte Ihnen eben nicht zu nahe treten«, sagte der Augenarzt, dem ihre Anspannung aufgefallen sein musste. »Aber Ihre Sonnenbrille ist verrutscht, und da bemerkte ich die charakteristische Trübung, die mir verrät, dass Sie nicht von Geburt an blind sind, habe ich recht?«

Alina nickte und ärgerte sich im gleichen Moment über ihre Reaktion. Der Unfall lag jetzt dreiundzwanzig Jahre zurück, und doch war keine ihrer Erinnerungen deutlicher als die an den Moment der Explosion, die ihre Augen zerstörte.

»Wollen Sie jetzt behandelt werden oder nicht?«, fragte sie den Häftling etwas schroffer als beabsichtigt.

»Warum so unfreundlich, mein Kind?« Suker schüttelte lächelnd den Kopf.

Unfreundlich? Es wäre noch nicht einmal unfreundlich, dir eine Kugel in den Kopf zu jagen für das, was du den Frauen angetan hast. Und wenn du mich noch einmal »mein Kind« nennst, spuck ich dir ins Gesicht.

»Na schön.« Sie nahm die Flasche mit dem Massageöl, das sie mitgebracht hatte, vom Tisch und verstaute sie wieder in ihrem Rucksack.

»Was haben Sie vor?«

»Wonach sieht’s denn aus? Ich gehe.«

Sie zog den Reißverschluss zu und schulterte die Tasche. »Mir wurde gesagt, Sie hätten sich bei Sportübungen in Ihrer Zelle einen Nerv eingeklemmt und benötigten professionelle Hilfe, doch so wie es aussieht, verschwende ich hier nur meine Zeit.«

»Der Idiot hat sich beim Bauchmuskeltraining irgendwas im Lendenwirbelbereich gezerrt. Bauen Sie ein Vertrauensverhältnis zu ihm auf, überreden Sie ihn zu einer Behandlung. Berühren Sie ihn, und vielleicht …« Stoya hatte bei der Vorbesprechung an dieser Stelle einfach aufgehört zu reden, vermutlich, weil er merkte, wie verrückt es klingen würde, wenn er den Satz vollendet hätte.

»Was soll die Schauspielerei, Alina?«, fragte Suker unvermittelt.

Sie erstarrte, als sie ihren Namen aus seinem Mund hörte. Sie hatte sich ihm als Sabine Schneider vorgestellt.

Verdammt. Ich habe es doch gewusst.

Es war genau das eingetreten, was sie befürchtet hatte. »Er wird mich erkennen. Mein Bild war in fast allen Zeitungen, mein Name in jeder Zeitschrift.«

Stoya hatte ihren Protest mit wenigen Worten vom Tisch gewischt.

»Suker sitzt seit fast zwei Monaten in Einzelhaft. Er hat keinen Fernseher, kein Internet, keinen Zugang zu irgendwelchen Medien. Da er laut den psychologischen Gutachten eine Gefahr für andere Mithäftlinge darstellt, hat er keinerlei soziale Kontakte. Seinen Hofgang absolviert er allein, und es gibt noch nicht einmal einen unmittelbaren Zellennachbarn, mit dem er kommunizieren könnte. Sie, Alina, sind erst seit wenigen Wochen berühmt. Für ihn sind Sie nur eine blinde Physiotherapeutin. Ich denke, wir können das Risiko eingehen.«

»Dachten Sie wirklich, ich weiß nicht, wer Sie sind?«, lachte Suker. Sie hörte, wie er langsam von der Pritsche stieg.

»Ihr voller Name lautet Alina Gregoriev, sechsundzwanzig Jahre alt, seit dem dritten Lebensjahr blind«, leierte der Chirurg die Informationen herunter, als hätte er sie auswendig gelernt. »Tochter eines Bauunternehmers und einer Hausfrau, in Kalifornien aufgewachsen, schon früh verhaltensauffällig. Als die Behörden Sie auf eine Behindertenschule schicken wollten, klagten Sie sich in eine öffentliche Highschool ein. Als Ihr Gesuch, Schülerlotsin werden zu wollen, abgelehnt wurde, gingen Sie erneut zum Verwaltungsgericht. Wieder mit Erfolg.«

Hörst du das, Stoya? So viel also zu deiner These, Suker bekäme im Knast keine Informationen. Super. Ganz großes Kino.

Alina hob beide Hände, als würde sie sich ergeben, schaffte es aber nicht, den Redeschwall des Arztes zu unterbrechen.

»Im Alter von siebzehn von Polizisten aufgegriffen, als Sie Ihre betrunkenen Freunde mit dem Auto nach Hause fuhren. Zwei Jahre später belegten Sie den dritten Platz bei einem Windsurfwettbewerb, als einzige Blinde unter zweihundert Sehenden. Nach Abschluss Ihrer Ausbildung zur Physiotherapeutin reisten Sie ein Jahr um die Welt, erlernten in China die Techniken des Shiatsu und blieben nach Umwegen über Südafrika, Indien, Neuseeland und Südamerika schließlich in Berlin hängen, wo Sie in der Brunnenstraße in Mitte Ihre Praxis eröffneten.«

»Bravo!« Alina klatschte betont langsam in die Hände. »Haben Sie Ihren Schulhefter dabei, oder wo kann ich Ihnen ein Sternchen reinkleben, weil Sie Ihre Hausaufgaben so gut gemacht haben?«

»Dann stimmt es also, was über Sie geschrieben wird?« Sukers Stimme hatte ihren altväterlichen Charakter verloren.

»Man sagt, Sie seien ein Medium und könnten in die Vergangenheit sehen, ist das wahr? Haben Sie wirklich den Augensammler in Ihrer Praxis behandelt und während der Massage gesehen, was dieser Verbrecher den armen Kindern angetan hat? Es heißt, nur durch Ihre Hinweise sei es dem bedauernswerten Alexander Zorbach gelungen, die Zwillinge aus den Fängen Frank Lahmanns zu befreien.«

Er lachte das Lachen eines Menschen, der keine Freude kennt. Alina hätte ihn am liebsten geohrfeigt, als er mit seiner nächsten Frage den Nagel auf den Kopf traf: »Und jetzt sollen Sie dieses Wunder an mir wiederholen und einen Beweis finden, der meine Freilassung verhindert, richtig? Sie sollen mich berühren und dabei in meine Vergangenheit sehen.« Sie hörte ihn vergnügt kichern. »Das ist es doch, was man von Ihnen erwartet. Dass Sie mich behandeln, um die Beamten danach zu dem von mir versteckten Skalpell zu führen, mit dem ich den Frauen ohne Betäubung die Augenlider abgeschnitten habe …«

6. Kapitel

Während Sukers Frage im Raum zu hängen schien, musste Alina an das allererste Gespräch vor einer Woche denken, als Stoya sie zu diesem wahnwitzigen Unterfangen überredet hatte.

»Ich habe hier ein psychologisches Gutachten, das Zarin Suker schwerste soziopathische Störungen bescheinigt und eine sofortige Unterbringung in psychiatrische Sicherheitsverwahrung empfiehlt, sobald er verurteilt ist«, hatte der Kommissar seinen Monolog begonnen. »Und dieses Gutachten wurde nicht etwa von der Staatsanwaltschaft, sondern von der Verteidigung in Auftrag gegeben. Mir wurde es zugespielt, weil sogar Sukers Anwalt verhindern will, dass wir diese Bestie wieder auf freien Fuß setzen. Am liebsten würde ich Ihnen Fotos seiner Opfer zeigen, aber das geht ja nun mal schlecht. Doch ich denke, hier bekommen Sie auch einen ganz guten Eindruck.«

Alina hatte erst ein Klicken, dann ein Rauschen gehört, so wie sie es von den Kompaktkassetten kannte, die ihr Vater früher im Auto abgespielt hatte. Dann wurde das Rauschen von einem Geräusch zerrissen, das sie erschauern ließ. Am ehesten noch erinnerten die Laute, die aus Stoyas Kassettenrekorder drangen, an einen Schrei. Am wenigsten an eine lebende Kreatur.

Das röchelnde Quieken begann hoch oben in den dünnen Sphären eines Frequenzbereichs kaum oberhalb der Wahrnehmungsschwelle. Nachdem es dort eine Weile verharrt war, stolperte es die Stufen einer kaputten Tonleiter nach unten, wobei das animalische Brüllen mit jedem Absatz tiefer und voller wurde, bis es schließlich am Fuße angelangt zu einem Urschrei anschwoll, der sich aus den schrecklichsten Alpträumen zu speisen schien. Erst als der Schrei in ein gedehntes Kreischen überging, hatte Alina begriffen, dass hier eine Frau den schlimmsten Qualen ihres Lebens ausgesetzt wurde.

»Großer Gott, was macht er mit ihr?«

»In diesem Moment?« Stoya hatte das Band wieder gestoppt. »Gar nichts. So klingen Sukers Opfer, wenn er längst fertig mit ihnen ist. Die Frau, die sie eben hörten, heißt Tamara Schlier. Sein fünftes Opfer. Wie alle anderen zuvor hat Suker sie entführt und an einen Ort verbracht, den wir nicht kennen. Wir wissen nur, dass er wie ein Operationssaal eingerichtet sein muss.«

Alina hatte abwehrend die Hand gehoben, doch Stoya sprach unbeirrt weiter.

»Tagsüber behandelt er den grauen Star seiner Patienten. Nachts schneidet er seinen Opfern die Augenlider ab. Dann vergewaltigt er sie. Wenn er genug von ihnen hat, setzt er sie am Hintereingang eines Pornokinos, eines Bordells oder in der Nähe eines Straßenstrichs aus. Kein Wunder, dass sich alle das Leben genommen haben, sobald sie dazu körperlich wieder in der Lage waren.«

»Ich will das nicht hören«, hatte Alina gebeten.

»Tamara Schlier hatte Glück, wenn man in diesem Zusammenhang überhaupt von Glück sprechen kann. Sie wurde rechtzeitig gefunden, bevor sie den Abflussreiniger trinken konnte. Sie ist unsere Kronzeugin. Es wird Wochen dauern, bis sie in der Lage ist, eine brauchbare Aussage zu machen.«

Stoya hatte erneut das Band gestartet. Wieder zerrte das oszillierende Kreischen der Frau an den Lautsprechern, und wieder quoll ein aus Angst und Qualen gewebter Geräuschteppich aus dem Kassettenrekorder.

»So klang Tamara Schlier bei ihrer ersten Befragung«, hatte Stoya gesagt und dabei die Schreie leiser gedreht, als wären sie ein Song im Radio. »Suker ist geschickt. Keine Fingerabdrücke, keine DNA-Spuren, alle Vergewaltigungen mit Kondom. Nach einem anonymen Hinweis haben wir ihn mehrere Monate überwacht, aber nichts vor Gericht Verwertbares gefunden. Nur Indizien, die gegen ihn sprechen, doch mit Tamara haben wir endlich eine überlebende Zeugin, und wir sind uns sicher, dass sie Suker identifizieren wird.«

»Okay, das ist grauenhaft«, hatte Alina gesagt. »Aber ich verstehe nicht, weshalb ich in dieser Sache vorgeladen wurde.«

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sie tatsächlich keine Ahnung gehabt. Dann endlich ließ Stoya die Bombe platzen: »Wir müssen Suker in einer Woche entlassen.«

»Bitte?«

»Tamara Schlier ist verschwunden. Die gesamte Anklage baut auf ihrer Aussage auf. Wir haben ansonsten keine Beweise, die es rechtfertigen würden, Suker auch nur einen Tag länger in U-Haft zu halten. Unsere Kronzeugin ist wie vom Erdboden verschluckt, und darüber hinaus haben wir nichts gegen das Schwein in der Hand.«

Das alles musste Alina sich wieder ins Gedächtnis rufen, um nicht kehrtzumachen und sofort das Behandlungszimmer zu verlassen. Seit Zorbachs Selbstmord hatte sie sich geschworen, nie wieder das Schicksal auf die Probe zu stellen und ES zu tun, zumal sie sich selbst nicht im Klaren darüber war, ob sie wirklich über ES verfügte. Und wenn doch, hatten die medialen Fähigkeiten, die die Presse ihr zuschrieb, bislang mehr geschadet als genützt: Zorbachs Frau war ermordet worden, er selbst hatte sich den Kopf weggeschossen, und die Polizei suchte noch immer nach Julians Leiche. Doch wenn es irgendwie in ihrer Macht stand, zu verhindern, dass in wenigen Tagen ein gefährlicher Triebtäter wieder auf freien Fuß kam, musste sie über ihren Schatten springen.

»Nein«, beantwortete Alina nach langem Schweigen Sukers Frage.

Nein. Ich kann nicht in Ihre Vergangenheit sehen.

Die Antwort war nicht einmal gelogen, allenfalls eine Halbwahrheit. Um ganz ehrlich zu sein, hätte Alina zugeben müssen, dass sie selbst nicht wusste, was passieren würde, sobald sie Suker massiert.

Früher, vor ihrer Begegnung mit dem Augensammler, hatte sie tatsächlich geglaubt, nein befürchtet, unter bestimmten Voraussetzungen in die Vergangenheit eines Menschen sehen zu können, wenn sie ihn berührte. Die Visionen, die wie schlecht geschnittene Filmausschnitte vor ihrem geistigen Auge aufblitzten, waren zum ersten Mal über sie hereingebrochen, nachdem sie als Kind von einem betrunkenen Autofahrer erfasst worden war. Als der Mann ihr aufhalf und sie sich auf ihr verletztes Bein stützen wollte, mischte sich ein schreckliches Gefühl in den Schmerz, als wechsele sie den Körper und erlebte noch einmal die letzten Sekunden vor dem Unfall, nur diesmal aus der Sicht des Betrunkenen.

Das war nicht die einzige verstörende Erfahrung in ihrer Jugend, die sie sich nicht erklären konnte. Fast war es so, als werde ihr fehlender Sehsinn von einer neuen, bislang unentdeckten Fähigkeit kompensiert, die es ihr ermöglichte, in Ausnahmesituationen mit den Augen eines anderen zu »sehen«. Da Alina sich als Blinde schon genug stigmatisiert fühlte, hatte sie lange über ihre »Gabe« geschwiegen. Sie redete nicht über das unbegreifliche ES,