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Ein lebenslustiges Paar, Sie und Er, eine Woche im besten Hotel der Insel, erlebnisreiche Tage voller Abenteuer, Sex, Drogen und Musik, ein Mord, eine Lebensrettung, Rückblicke auf vergangene Tage und ein Tumor mit Charakter. Sie und Er lieben das gemeinsame Leben voller Inbrunst und Leidenschaft, wenn da nicht die Entscheidung wäre, weswegen Beide auf der Insel sind.
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Seitenzahl: 550
Veröffentlichungsjahr: 2020
RW Hermann, 1966 in West-Berlin geboren, machte sich während der Ausbildung und Arbeit als Krankenpfleger und langjähriger Tätigkeit als Freier Mitarbeiter der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) einen Namen als Schlagzeuger in diversen Berliner Bands, als Sampleproduzent mit der Firma Forwardinoutback und, nachdem er Anfang der 2000er Jahre nach Irland auswanderte, als Studio- und Tontechniker der Firma MusikTakeAway bei lokalen Musik- und Filmproduktionen.
Lange Zeit lebte Er relativ zurückgezogen an der Westküste Irlands, ist jedoch der Liebe wegen in seine Geburtsstadt zurückgekehrt und veröffentlicht nun seinen Debütroman - Der Ausweg.
Für Gabi, die ich vergöttere.
Ohne dich und deine Liebe
wäre dieses Buch nie möglich gewesen
In liebevoller Erinnerung
an meine tierische Muse 'Kleene'
Das einzig Wichtige im Leben
sind die Spuren von Liebe
die wir hinterlassen,
wenn wir gehen.
Albert Schweitzer
Kapitel 7
Das Ankommen
Der Taxifahrer
Das Restaurant
Der Ring
Der Schmerz
Der Überraschungssex
Kapitel 6
Das Rentnerrennen
Der Bruder
Die Eisdiele
Das Wochenende
Der Page
Die Katze
Der Überfall
Der Kellner
Die Dusche
Der Mord
Kapitel 5
Das Frühstück
Die Hitze
Der Betttag
Der Schokoladenkuchen
Die Zwiebelmettwurst
Der Sturm
Kapitel 4
Der Tumor
Die Wohlfühloase
Der Küchenquickie
Die Riesentitten
Der Meister
Die Joigarre
Die Vorbereitung
Das Menü
Die Harfenistin
Das Ausklingen
Kapitel 3
Die Angst
Der Strand
Die Burgerbraterin
Die Hilfsorganisationshelfer
Das Wiedersehen
Der Dichter
Die Plantage
Der Abend
Die Wiederbelebung
Die Rückkehr
Kapitel 2
Die Sicherheitsnadel
Der Körperkontrolleur
Das Erwachen
Der Sitzenbleiber
Die Pottsau
Der Film
Die Wiederkehr
Die Motte
Das Gespräch
Kapitel 1
Der Abschied
Der Schatten
Die Fliege
»Willkommen in unserem Haus, meine Herrschaften, was kann ich für Sie tun?«, ersuchte im dunklen Anzug gekleideter, akkurat frisierter Hotelportier zu wissen.
Gleichwohl lediglich einen kurzen, analytisch geschulten Blick auf die neuen Gäste gegenüber des Empfangstresens geworfen, war dieser jedoch ausreichend, unverwechselbare Eindrücke zu hinterlassen.
»Wir haben reserviert«, des Herrn knappe Antwort, dem Fragenden einen farbigen Ausdruck entgegen reichend, der indes keines Blickes gewürdigt wurde.
»Wie ist der werte Name?«, erwartete der Portier zu wissen, dessen Augen nach geschwindem Ausflug aufs Erscheinungsbild weiterhin unbeirrt auf den Bildschirm vor sich gerichtet.
Die Auskunft folgte ohne Verzögerung, wobei im gleichen Augenblick gepflegte Finger über für das Paar uneinsehbare Tastatur rasten, mit dem Ergebnis, dass Suchender nach erfolgreichem Finden lächelnd aufblickte, Stockwerk und Zimmernummer nannte, kodierte Türöffnungskarten aushändigte und mit Seitenblick über den Tresen auf die Gepäckstücke deutete.
»Wäre es Ihnen recht, wenn einer unserer Angestellten Sie zu Ihrer Suite begleitet?«
»Sehr gerne.«
Auf ein kaum wahrzunehmendes Signal in Richtung enormer Eingangsdrehtür reagierte prompt ein aufmerksamer, unter Akne leidender junger Mann in hoteleigener Uniform, kam geschwind geeilt, schnappte instruiert des Pärchens schwere Koffer und bat zu folgen. Das gut gelaunte Paar tat, wie geheißen, nicht vergessend, strahlend lächelnd Dank für des Portiers Dienste zu bekunden, dessen innerliches Archiv zahlreicher, über etliche Jahre in diversen Häusern angelegter Listen befähigte, sich auf jeden Gast individuell einzustellen.
Zwangsläufig die tägliche Begegnung mit kuriosesten Menschen, merkwürdigsten Erwartungen, doch wich anfängliche Verwunderung über seltsame Ticks, Routinen und Eigenarten exklusiver Gesellschaft, zudem vorausgesetzte Gefälligkeiten vielfältigster Art, gelangweilter Gleichgültigkeit. Insofern erfrischte das Einfache, ein 'Danke' wertvoll. Das für die Neuankömmlinge imaginär Gespeicherte verzeichnete: Angenehme, freundliche, zufriedene, bodenständige, unaufdringliche Menschen, die Professionalität schätzten - Individuell geschmackvoll gekleidet - Bescheidenes, dennoch selbstbewusstes Auftreten - Urlauber mit Anspruch, hochpreisige Suite. Dem Pagen Folgende hinterherschauend bemerkte der Listendenker, dass die Herrschaften dem Kofferträger bedächtig und ohne Eile Arm in Arm nachschlenderten, der Herr humpelnd am Stock, welcher parallel zum Zeigen in diverse Richtungen diente, die Dame graziös, aufmerksam Ausführungen lauschend und ergänzte aus einem Impuls heraus die Randnote 'Priorität!'. Ein seltenes Vorkommnis, welches bedeutete, dass der Archivar ein wohlwollendes Auge auf die Beiden werfen würde, lediglich um sicher zu gehen, dass die Auserwählten einen unvergesslichen Aufenthalt verbrächten.
Eine sogleich identifizierte Stimme, ohne suchen in geistiger Sammlung mit dem Vermerk 'Vorsicht bissig!' gefunden, unterbrach sinnierend Abgelenkten. Laut und arrogant als Kleiderbügel angesprochen wendete sich stets gleiche unbestimmte Freundlichkeit regelmäßig absteigendem, stets geschmacklos gekleidetem, ungesund braungebranntem Gegenüber zu.
»Willkommen, schön, dass Sie wieder zu uns gefunden haben. Was kann ich heute für Sie tun?«
Der Page, gezwungen jugendliches Tempo zum Schleichen zu reduzieren, realisierte, dass die Eigentümer der Koffer erhebliches Interesse an architektonischen Besonderheiten der Inneneinrichtung des Empfangssaals zeigten, angeregt in ruhig sanftem Ton miteinander sprachen, wiederholt kicherten und es nicht eilig hatten, bis nach kurzer Fahrstuhlfahrt die Suite erreicht war. Der Türöffnende wartete, um nach den Zweien einzutreten und, währenddessen das Paar sich neugierig im Unbekannten umsah, beide Koffer in vermeintlichem Hauptschlafzimmer abzustellen, als die Bitte geäußert wurde, den blauen in durch quadratischen Flur getrennten, gleichgroßen zweiten Schlafbereich zu versetzen. Nach getanem Dienst drückte der Mann wortlos ein Handgeld in zögerlich geöffnete des Pagen.
»Möchten Sie, dass ich mit Ihnen einen Rundgang mache?«
»Nicht nötig, wir finden schon alles.«
»Genießen Sie Ihren Aufenthalt. Falls Sie etwas wünschen, die Durchwahl zur Rezeption ist die Null«, womit sich der junge Mann empfahl und die neuen Bewohner allein zurückließ.
Erst als die Tür sanften Geräuschs schloss, lugte der Page in die Hand, die einen gefalteten Schein umklammerte und hüpfte reflexartig vor Überraschung. Der Erfreute, vergnügt beim Gedanken, die heimlich Angebetete am folgenden Tage einzuladen, wurde nach kurzer Zeit des Entzückens vom Piepsen des hoteleigenen Kommunikationssystems erinnert, dass hier und heute zusätzliche Arbeit wartete.
Sie umarmte Ihn, schenkte einen zarten Kuss.
»Versprich mir, dass wir eine schöne Zeit haben werden, ja Liebster?«
Er nickte, entging Ihm Beharrlichkeit im Raunen nicht.
»Versprochen. Wir werden die Woche genießen und übrigens, Engel, mit dir ist es immer schön.«
Er drückte Sie an sich, währenddessen eine Hand ungeniert zum Po wanderte.
»Kerl, du bist unmöglich.«
Unglaubwürdig beklagend schmiegte Sie sich an, gewährte Gewünschtes, genoss die Zärtlichkeit der Berührung an intimer Stelle, derweil Er nach abschließendem Rundblick kommentierte.
»Zumindest haben wir uns eine wirklich mondäne Bleibe ausgesucht.«
»Mit Blick aufs Meer«, schwärmte Sie schmunzelnd, den Ausblick alleinig in der Vorstellung ausmalend, seitdem selbst Brillen, ohnehin selten und nicht gerne getragen, lediglich Farben und Umrisse zeigten, wagte, die Balkontür zu öffnen, brach jedoch klägliche Bemühungen ab, schmerzten kraftlose Hände schlichtweg zu sehr.
»Lass mich mal Weib!«, tönte Er, küsste gekrümmte Fingerspitzen und entriegelte die Tür mit Hilfe beherzter Drehung am Knauf.
Belebt durch frischen Sauerstoffs Wirkung traten Beide ans schmiedeeiserne Geländer der Terrasse und atmeten tiefe Züge würziger Seeluft.
»Hunger? Ich auf jeden Fall. Lass uns was Essen gehen, oder willst du dich erst mal …?«
»Gute Idee, besorgst du uns ein Taxi?«, fiel Sie Ihm ins Wort, ohne sich vom Meer abzuwenden.
Angesteckt vom Schmunzeln, streichelte Er Ihre Wange, ging zum Telefon und wählte die vom Pagen genannte Null. Der Portier meldete sich postwendend und wurde ersucht, für eine Mitfahrgelegenheit zu sorgen.
»Wäre Ihnen zunächst ein Orientierungsgang durch die Räumlichkeiten gefällig, Gnädigste?«, fragte Er, vollführte einen zackigen Diener und schlug mit scharfem Klacken Hacken aneinander.
»Das wäre recht angemessen«, entgegnete Sie mit Knicks und reichte nach angebotenem Arm.
Detaillierten Beschreibungen interessiert horchend versuchte Sie sich einzuprägen, auf welche Hindernisse gestoßen werden könnte, wo sich im Vergleich Ihr Zimmer befand, großer Esstisch und Sofalandschaft im Wohnbereich standen, imposantes Badezimmer und das Zimmer war, in dem Er nächtigen würde, hielt inne, rekapitulierte und hoffte, den Großteil bei Bedarf tatsächlich abzurufen befähigt zu sein, als der Rundgang schließlich an der Eingangstür endete.
»Als dann«, murmelte Er nach einem Moment des Abwartens und führte Sie zum Fahrstuhl.
Im Empfangsbereich vom Pagen erwartet, durch gewaltige Drehtür vors Hotel begleitet, harrte das Taxi laufenden Motors in halbrunder Auffahrt. Mehr schlecht als recht schlüpften Beide durch vom Fahrer geöffnete Rücksitztür, der gefragt wurde, ob ein gutes Restaurant mit Meerblick und angenehmer Atmosphäre bekannt wäre.
»Welche Geschmacksrichtung?«
Er antwortete nach wortlosem Blick in Ihre Augen, vom Moment erster Begegnung an fasziniert, wissend, dass, wenn Sie Ihn heute ansah, Sein Gesicht lediglich zu erahnen vermochte.
»Überraschen Sie uns!«
Nach kurzem Überlegen fuhr der Fahrzeuglenker sanften Druckes aufs Gaspedal bequemen Automatikwagens an.
Während der Fahrt zum unter diversen Möglichkeiten ausgewählten Restaurant beobachtete der Taxifahrer die Gäste auf der Rückbank durch getönte Spiegel, wenn der Nachmittagsverkehr nicht ablenkte. Der Mann schien etwas tatterig zu sein, beim Einsteigen in den Wagen sichtlich bemüht, die Schwierigkeit des Bückens mit den Beinen auszugleichen. Der rechte Arm wirkte bewegungseingeschränkt.
'Schlaganfall', kam dem Beobachter in den Sinn, 'wie bei Opa. Schlimme Sache, aber der Mann scheint sich einigermaßen erholt zu haben.'
Der kurze, schwarze Mantel stand dem Gast, der annähernd volles Haar hatte, welches gewollt unordentlich in sämtliche Richtungen abstand. Helles Grau umrahmte dunklere Flecke, kaum in Kontrast mit Farben von Pullover und Mantel. Die breite Sonnenbrille verdeckte das halbe Gesicht, wirkte im gedämpften Schatten des Taxis gänzlich undurchsichtig.
'Elegant, aber Rock'n'Roll und ein bisschen warm für diese Jahreszeit', urteilte der Fahrer, 'Vielleicht Musiker oder Schauspieler?'
Grübelnder versuchte anhand der Gesichtskonturen, letztendlich ergebnislos, zu erkennen, ob die Erinnerung an einen bekannten Künstler zum Vorschein träte. Die Dame wirkte fitter, war sommerlich farbenfroh gekleidet, schwach duftendes Parfüm erinnerte an das der eigenen, weitaus jüngeren Ehefrau, fruchtig, doch nicht zu süß. Die freie Hand verkrampft im Schoß konnte wohl nicht ohne Schmerzen bewegt werden, durchzuckte den schmalen Körper, wenn zu Haaren geführt oder auf der Armstütze abgelegt. Der Beobachtende schloss aus Mitgehörtem des Mannes Beschreibungen von Häusern und Geschäften, Landschaften, Mensch und Getier, die der Aufmerksamkeit in stetig wachsender Inselhauptstadt in Richtung Nordstrand nicht entkamen, dass die Frau an ausgeprägter Sehschwäche zu leiden schien. Als die unbefestigte Strandstraße zum Restaurant erreicht war, blieb der Mann stumm. Der Anblick von Meer und Sand bedurfte keiner wortreichen Schilderung. Seliges Lächeln im vom Schein der Sonne erhellten Gesicht nahe des Seitenfensters bestätigte den Eindruck.
'Alt werden muss grausam sein.'
Der Taxifahrer vermochte sich eines Lächelns nicht erwehren, als bewusst wurde, dass, weit jünger als dessen Gäste, diverse Zipperlein ordentlich plagten, wie orthopädische Probleme vom ständigen Sitzen, ein Knie, seit kompliziert verlaufender Operation nicht zu einhundert Prozent belastbar, zwei Fingerkuppen, die nach ungeplantem Kontakt mit rotierender Kreissäge fehlten, zählte weitere Befindlichkeiten auf, versagte schließlich beim Gedanken ans schwindende Kopfhaar, das zum großen Bedauern schon früh entschieden hatte, den Rückzug anzutreten, nicht zu seufzen.
'Eindeutig ein wunderschöner Tag für einen Strandspaziergang', murmelte Selbstmitleidiger wortlos in sich hinein, stetig ein Auge aufs Blau der See gerichtet, welches vom Weiß der am Strand überschlagenden Wellen unterbrochen, unverkennbares Rauschen bis zum befahrenen Weg warf.
Kaum zum Stehen gekommen, sprang der Fahrer aus dem Wagen, um zunächst der Dame mit gereichter Hand beim Aussteigen zu helfen. Die Frisur gebunden, von Spangen gehalten, dennoch flatterte eine Locke, dem Zaum entkommen, windgetragen übers Gesicht, als eine Böe das Haar verwehte. Der Mann hatte sich selbstständig vom Rücksitz gequält, bevor Unterstützung angeboten werden konnte. Erst jetzt bemerkte vergebens Zuhilfegeeilter den schwarzen Gehstock, der, zusammengeklappt unter kurzem Mantel versteckt, zuvor nicht aufgefallen war.
'Ein futuristisch aussehendes Ding', beurteilte der an Modellbau Interessierte, 'garantiert ein Selbstbau. Ergonomisches Handstück, gebogener Stiel mit Gelenken, der sich am Ende in mehrere ausladende, mit rutschfesten Gummipfropfen besetzte Stützen teilt', meinte, ein Kugelgelenk vorm Dreibein zu erkennen, fasziniert von funktioneller Eleganz und erinnerte sich, vor ewigen Zeiten bei nächtlichem Wechsel durch zahlreiche Fernsehprogramme bei einem Verkaufssender hängengeblieben zu sein, einen ähnlichen dort angeboten gesehen zu haben, jedoch im Vergleich nicht so schicken.
Der am Stock Laufende drehte sich mit der Frage nach der Höhe des Entgelts um, bekam den Betrag genannt, wonach ein paar Scheine, die zuvor aus hinterer Hosentasche gezogen worden waren, Hände wechselten. Schon suchte der Bezahlte Wechselgeld im Portemonnaie.
»Lassen Sie mal, der Rest ist für Sie.«
Der Fahrer blickte auf und steckte mit Worten der Dankbarkeit Geld weg, wurde jedoch nicht gehört, war der Mann trotz Gehbehinderung relativ elastisch um den Wagen herum gehumpelt, bot Wartender den Arm, mit einem Kuss angenommen.
'Es wird ihnen hier gefallen', nickte Bezahlter, als der sich aufs Neue hinters Steuer klemmte, Beide beim Eintreten ins Restaurant beobachtend, nachdem zum Abschied gewunken worden war, hatte rückblickend dessen Eltern lange Zeit nicht liebevoll miteinander umgehen sehen, geschweige denn Händchen haltend spazieren.
Zärtlichkeit die verloren ging, mehr Nebeneinander als Miteinander, Gewöhnung und Angst vor Veränderung als wirkliche Zuneigung. Die Gäste vermittelten gegensätzliche Eindrücke, obwohl nur eine halbe Stunde beobachtet, doch wie der Mann mit sonorer Stimme die Fahrtstrecke beschrieb, auf Fragen gerne geantwortet, die verkrüppelte Hand sanft gedrückt hatte, bewiesen dem Fahrer einfühlsame Umgangsweise. Die Dame hatte die komplette Fahrt über gelächelt, Augen zum Lauschen geschlossen, über humorige Teile des Mannes Ausführungen herzlich gelacht und steifen Daumens über dessen Handrücken gestreichelt.
Das Bild eigener Ehefrau leuchtete in aller Kürze vor des Grübelnden Augen auf, annähernd zehn Jahre verheiratet und nicht verschont geblieben von beschwerlichen Zeiten. Die der Verzweiflung der Familie, als die Schwiegereltern durch betrunkenen Geisterfahrer getötet wurden und der entbehrungsreichen durch Arbeitslosigkeit nach Schließung des Betriebs. Das Taxifahren geplanter Übergang, jedoch nach zu vielen Jahren keine Überbrückung, stattdessen zeitraubender Hauptberuf, andererseits lohnte der Bildungschancen der Kinder zuträgliche Verdienst. Bedauerlicherweise war das Liebesleben auf der Strecke geblieben, in Vergessenheit geraten, Zärtlichkeit Routine.
'Wann habe ich das letzte Mal deine Hand gehalten?'
Die Erinnerung verblasst.
Des Fahrers Frau unzufrieden mit nach zweiter Schwangerschaft verändertem Erscheinungsbild, der Bauch schlaff, Brüste wehrlos Schwerkraft ergeben, obwohl allerhand sportliche Betätigung helfen sollte, zu straffen, war dessen ungeachtet nie gleichgültig gegenüber naturgegebener Unvermeidlichkeit, doch Verzweiflung im Kampfe, ohne Aussicht auf zufriedenstellenden Sieg, bahnte Kummer Weg. Nach wie vor eine schöne Frau, doch wünschte sich der Lebensbegleitende, dass sich Leidende mit dessen Augen sehen könne. Die Eheleute verstanden sich gut, waren gerne umeinander, hatten wenige Auseinandersetzungen, und wenn, dann bedingt durch Stresssituationen, nicht auf persönlicher Ebene.
Nichtsdestotrotz entfernten sich die Partner voneinander, tauschten nahezu ausschließlich Notwendigkeiten aus, organisierten Tag, Woche und Jahr.
Doch die, wenn auch oberflächliche, Begegnung mit dem älteren Pärchen hatte etwas berührt, weckte Widerstand, hatte greifbar gemacht, dass, unabhängig vom Alter, bedeutungslos, was das Leben bereit hielt, Zärtlichkeit, Respekt und Freude miteinander nicht vergessen werden durfte. Kurzerhand wählte der Entschlossene die Nummer des Festnetzanschlusses und sprach, bevor die Antwortende einatmete.
»Schatz, ich liebe dich von ganzem Herzen und ich bin stolz dein Mann zu sein. Hast du Lust die Kinder heute mal ein paar Stunden zu deiner Schwester zu geben und wir machen uns einen schönen Abend? Nur wir zwei. Wir gehen essen und danach bei Sonnenuntergang am Strand spazieren, was hältst du davon?«
Stille die unerträglich wurde. Just in dem Moment, als Verunsicherter zu fragen gedachte, ob noch jemand am anderen Ende sei, drang weinerliches Schluchzen durch den Lautsprecher.
»Es ist toll, dich sagen zu hören, dass du mich liebst. Tut mir leid, dass ich weinen muss, ich bin … glücklich, bitte glaub mir!«, und nach weiterem Geschniefe, »Pass auf, ich rufe meine Schwester an und du machst bald Feierabend und kommst nach Hause! Ich freue mich auf dich«, flüsterte dann, »Ich liebe dich auch«, und etwas lauter, »Mach hinne Männe, bis nachher!«
Schwer atmend verharrte der Fahrer, registrierte Tränen, die freigelassen über Wangen liefen, wischte stöhnend mit beiden Händen übers Gesicht und fühlte, als wäre schwere Last von Schultern genommen, freute sich, nach Hause zu fahren. Seit langer Zeit das erste Mal, wenn Weinender ehrlich zu sich war.
Er führte über die Schwelle, trat gemeinsam mit Ihr durch knorrige, aus Strandholz gefertigte Eingangstür, gleichzeitig im Gastraum orientierend, um den idealen Platz zu finden. Eine kleine aber feine, Gemütlichkeit versprechende Lokalität, bis Er befriedigten Lächelns den unbesetzten Tisch auf der Veranda entdeckte, der zweifelsohne Seinen Kriterien am ehesten entsprach. Von Gästen kurz zuvor verlassen, wurden leere, offensichtlich benutzte Gläser auf makellos gebügeltem Tischtuch vom willkommen heißenden Kellner zusammengeräumt. Gleicher beendete behände den Wechsel des Tuchs und deckte anschließend ebenso geschwind neu ein. Das Angebot des Eindeckenden ablehnend, half Er Ihr aus leichter Stoffjacke, sich selbst aus eigenem Mantel, hing beides an einen umfunktionierten Mast in unmittelbarer Nähe des Tisches, der neben der bis zum schattigen Dach aus Segelplanen reichenden Palme als Kleiderständer diente und bot Ihr einen Stuhl an, auf dem Sie sich dankend niederließ. Der Kellner händigte Speisekarten, zusätzlich die Weinkarte mit Empfehlung aus und goss Wasser aus kleinen Flaschen in kristallene Gläser.
»Vielen Dank, keinen Wein, aber bringen Sie uns doch bitte ein Malzbier und eine kleine Cola anstatt, ja?«, bat Er, woraufhin sich der Kellner mit höflicher Floskel entfernte.
Angenehm musikberieselte Geräuschkulisse im Hintergrund, kraftvolles Rauschen des Meeres im Vordergrund und salzig schmeckende Brisen im Gesicht verführten, Augen zu schließen und tiefe Atemzüge zu nehmen. Nach Momenten des Aufgehens in der Atmosphäre, legte Er die Speisekarte ab und suchte nach Ihren unruhigen Händen, als Ihm der Geliebten scheinbare Irritation bewusst wurde.
»Ist was, mein Engel?«, fragte Er besorgt.
Sie sah Ihn nach ewig erscheinender Minute an und schüttelte den Kopf, so, als ob Er nicht beunruhigt sein müsse, Sie in Gedanken gewesen wäre. Doch unmittelbar danach, plötzlicher Eingebung folgend, klärte sich Ihr Gesicht und Sie beugte sich Ihm entgegen.
»Ich verspreche dir auch etwas. Ich werde mein Bestes versuchen, mich zusammenzureißen. Ich will diese Woche alles tun, damit ich nicht vergesse oder in Panik gerate. Falls doch, dann nimm mich in die Arme und erinnere mich daran, warum wir hier sind, hörst du?«
Natürlich war es Ihr ernst, erwartete jedoch lediglich, was Er ohnehin getan hätte.
»Vertraust du mir?«
»Immer.«
»Na dann lass uns darauf anstoßen!«
»Aber womit?«
Vom an den Tisch getretenen Kellner unterbrochen, wurden Gläser gefüllt mit Cola und Malzbier serviert, standen damit zum rechten Zeitpunkt zum Zuprosten bereit.
»Eine übersichtliche Auswahl, die dir gefallen wird und die Preislage ist angemessen«, befand Er nach Studium des Angebots und begann vorzulesen, zumindest die Teile, von denen Er überzeugt war, Ihren Geschmack zu treffen.
Nach kurzer Abwägung entschied Sie sich für Rinderfilet, begleitet von glasierten Wurzelgemüsen und Kartoffelgratin mit Pastinakenschaum, als Dessert ein vielversprechendes Schokoladendreierlei ohne alkoholisch angereicherter Soße, dafür einer Nougatkrokantwaffel.
»Gute Wahl«, urteilte Er, entschied sich für eine Selektion gegrillter Fischfilets mit hausgemachtem Speckkartoffelsalat und Kirschkuchen mit kandierten gerösteten Mandelbröseln zum Nachtisch.
Der windgeschützte Platz hinter einer Balustrade ließ gleichzeitig freien Blick auf Strand und Wasser zu. Badende schwammen umher, andere Besucher verteilt auf Decken und Tüchern im heißen Sand, Paare, die barfuß spazieren gingen, Kinder, die mit Bällen oder Schippen im Schlamm spielten und quietschvergnügte Entzückung herausschrien, Möwen, die in Luftströmungen darüber schwebten, stetig auf der Suche nach von Menschen vergessene Leckerbissen oder einem, welcher frech gestohlen, ebenso schmackhaft wäre.
Gerne sah Er, wenn Sie lächelte, noch lieber, wenn Sie lachte und das tat Sie. Anfangs unterdrückt glucksend, darauffolgend herzhafter, schließlich laut mit weit geöffnetem Mund. Infiziert tat Er es Ihr gleich, ahnungslos worüber Sie sich amüsieren würde, unwichtig der Grund des Ausdrucks ungezwungener Freude, lachten gemeinsam ungeniert, bis der Kellner sich bemerkbar machte. Nach Atem ringend und gegen Hustenreiz ankämpfend, formulierte Er die Menüwünsche, die der Beflissene memorierte.
»Worüber amüsierst du dich so, Engel?«
»Ich habe mich gerade an unseren Spaziergang am Strand auf Grasinsel erinnert, weißt du noch?«, erwiderte Sie keuchend Lachtränen verwischend.
»Hmmm, gib mir ein Stichwort!«
Sie sagte nichts, nahm Seine Hand anstatt und drehte den Ehering im Uhrzeigersinn. Beinahe verschluckte Er sich, da Er im selben Augenblick Malzbier als Hustensaftersatz trank.
»Das wäre nie passiert, wenn du mich nicht gezwungen hättest, den zu tragen«, presste Er bis über beide Ohren grinsend hervor.
»Blödsinn«, krächzte Sie, als Er stutzte.
»Wo kam denn überhaupt diese alte Erinnerung her?«
»Ich weiß auch nicht so genau, plötzlich hatte ich ein paar Bilder vor Augen und das Gesicht, dass du gemacht hast, mehr nicht, aber das reichte«, kicherte Sie erneut.
»Soll ich dir die ganze Geschichte erzählen?«
»Au ja, bitte.«
Wie üblich räusperte Er sich als Vorbereitung und begann, mit gedämpfter Stimme in die Vergangenheit zurückzuversetzen. Lächelnd lauschte Sie kurzweiliger Geschichte, die Er lebendig in sich hatte. Es sollte die erste von vielen sein, die Sie hoffte, in der kurzen Zeit, die Beide auf der Insel verbringen werden, erzählt zu bekommen, wusste, dass Er Sie nicht enttäuschen würde, gar nicht vermochte.
Spätsommer in westlichster Region von Grasinsel, dem von der Zivilisation beinahe vergessenen Eiland, ein reetgedecktes Haus außerhalb eines kleinen Dorfes angemietet, geschützt durch breiten Steinstrand direkt am Ozean angesiedelt. Beide fuhren mit klapprigem Mietwagen über gewundene Küstenstraßen an südlichste Spitze des Landstrichs, um einen runden Hochzeitstag zu zelebrieren. Für ein Picknick mit Blick auf atemberaubende Klippen wurden am Tag zuvor Buletten, Kartoffelsalat und am Morgen scharf gewürzte, ofengegrillte Hühnerflügel vorbereitet, kurz vor der Fahrt noch heiß in eine Thermotasche gesteckt und backten ein Stangenweißbrot als knackig krustenreiche Begleitung einfacher Kost. Verschiedenste Säfte und eine Thermoskanne heißen, schwarzen Tees vervollständigen das Mahl, mit Zugabe zweier Flaschen exotischen, alkoholfreien Fruchtcocktails, die Er Tage zuvor zufällig in einer Ecke des lokalen Dorfladens verstaubt entdeckt hatte und zur Feier des Tages für das jährlich wiederholte minimalistische Ritual herhalten sollten, welches zur Angewohnheit geworden war.
Die um die Halbinsel führende Straße wie gemalt, die Klippen mächtig, während meterhohe Wellen grünblauen Ozeans wild an scharf gebrochene Kanten klatschten. Nach kurzgehaltenem Besuch frisch restaurierten Leuchtturms führte die Fahrt in milder Wärme des durch offene Seitenfenster eindringenden Fahrtwinds an rauer Küste entlang. Nach Abfahrt von schmaler Teerstraße über von Traktorreifen auf spärlich bewachsenem Boden verewigten Pfad, der geradewegs am Rand hügligen Plateaus mündete, ein lauschiges Plätzchen mit Aussicht auf Gischt gefunden, welche Welle und Schwerkraft beraubt, als dampfiger, aufwärts fließender Wasserfall über den Grat gegenüberliegender, zerklüfteter Felswand brach. Kräftiger Wind trug Schreie schwärmender Klippenbrüter durch die Lüfte, perfektionierten akustisch kitschig unwirkliches Landschaftsensemble. Ohne Worte zu verschwenden, wurde entschieden, auszusteigen und, berauscht vom einmaligen Anblick des Naturschauspiels, zum saftig begrasten Rand geschlendert. Kein Mensch zu sehen, einzig ein Auto, das weit entfernt dessen Insassen in Landrichtung zu anderen schönen Plätzen beförderte.
Das vorbereitete Mahl mit Appetit verzehrt, fettige Finger am grünen Bewuchs abgewischt, dazwischen mit Cocktailflaschen angestoßen, gegenseitig zunächst geschäftlich sachlich per Handschlag, für die Entscheidung gratuliert, den Bund der Ehe eingegangen zu sein, um beileibe keinen kurzen Kuss als Besiegelung folgen zu lassen.
Krachende Wellen übertönten bisweilen Stimmen, so wurde mit vollen Bäuchen geschwiegen, zahllose, gefiederte Segler beobachtend, die waghalsig zu und von Nestern schwebten und machten es sich unter wolkenlosem Himmel auf breiter Decke bequem, von vielfältigsten Klängen beseelt, hier und da Bissen übrig gebliebener Reste verzehrend, bis die Sonne allmählich an Wärme verlor. Sie schüttelte sich, lenkte Aufmerksamkeit auf Gänsehaut, nicht ausschließlich auf nacktem Unterarm, wurde eingeladen, auf Ihm zu liegen, um Körperwärme zu teilen. Ein Angebot, dem Sie nur zu gerne nachkam. Er griff nach Rändern der Decke und schlug die ums Körperknäuel. Eingehüllt von dickem Gewebe kuschelten Beide zufrieden mit der Welt im sicheren Stoffkokon. Eine dunkle Wolkenwand, die Sturm auf offenem Ozean ankündigte, verdunkelte nach und nach den Himmel, kühler der Wind, woraufhin beschlossen wurde, den wundervollen Ort aufzugeben, doch nur zögerlich die weiche Umarmung.
Während der Rückfahrt zum Haus in der Nähe eines Fischerdorfes am von der Straße sichtbaren, gelben Sandstrand, zu beidseitiger Überraschung 'Weißer Strand' genannt, wie auf dem Schild zwischen dichtem Bewuchs zu lesen war, einen Zwischenstopp eingelegt und entschieden, dem Strahlen untergehender Sonne entgegen zu spazieren, die durch schmale Streifen hinter zügig wanderndem Wolkenfeld über dem Horizont hervorlugte. Nach dem Sprung über niedrige Mauern, die den Strand von der Zufahrtsstraße eher unterbrachen, denn trennten, wurden entledigte Schuhe und Socken auf grober Steinkonstruktion abgestellt. Arme zur Seite ausgestreckt, blähte beschleunigte Luft die Bluse wie gesprenkelte Segel. Die Nase gierig in den Duft des Strandes gerichtet, labend an hintergründig nach Algen riechenden Brisen, rief Sie etwas aus. Der Inhalt nicht zu verstehen, doch sehr wohl der Klang purer Freude in der Stimme. Hand in Hand hinab zum Wasser, um barfuß schlammigen Sand zwischen Zehen zu spüren.
Ein Motorboot besetzt von Touristen, die hofften, Delfine, gar einen nah an der Küste jagenden Wal zu entdecken, tuckerte in der Bucht. Beide beobachteten das Boot, bis Er Rückenflossen im aufgewühlten Wasser ausmachte. Schweinswale auf Jagd trieben einen Schwarm vor sich her, derweil Möwen nach flüchtenden Fischen Ausschau hielten oder Halbgefressenes zu erhaschen suchten. Was dann geschah, wurde unauslöschlich ins Lebensgeschichtsbuch gedruckt. Er wollte Sie auf die Entdeckung aufmerksam machen, in Richtung Schule zeigen, nahm in Zeitlupe wahr, wie Sein Arm nach oben schnellte, in angehender Bewegung die Hand ausrollte, um den Zeigefinger zu strecken, dann wie der Ehering, immer schon ein wenig zu groß, anscheinend ohne durch Hautreibung gebremst, vom Ringfinger rutschte. Bevor Augen Informationen übers Hirn in die Hand übertrugen, verließ der Ring den Träger in perfektem Winkel und flog weiter, als Er mit aller Kraft hätte werfen können, gezwungen, dem Geschehnis gebannt, dabei zur Untätigkeit verdammt, zuzuschauen. Sie erhaschte einen fliegenden Punkt im Augenwinkel, folgte, bis dieser ohne Platschen in Wellen versank, nicht ahnend, dass es der Trauring, verriet ein Blick in Sein Gesicht jedoch, dass es kein Stein gewesen war, denn Sie sah ein erschrecktes, fragendes, wunderndes, ungläubig staunendes.
»Guck mal, Delfine!«, presste Er heraus, noch immer in Richtung Meer zeigend.
Sie entdeckte auf- und abtauchende Buckel der Kleinwale, eine kurze Weile fasziniert vom Schauspiel jagender Säugetiere und unaufhörlichem Juchzen der Menschen auf dem Boot. Dann vergegenwärtigte Sie noch einmal unbekanntes fliegendes, lautlos versinkendes Objekt. Mittlerweile den Arm eingezogen, rieb Er Finger, wobei intensives Starren auf die Hand auffiel, als ob etwas suchend, was Er auch tat, wie Sie bei näherer Betrachtung feststellte. Sofort fühlte Er sich ertappt.
»Ähm, wie soll ich es dir jetzt nur sagen?«
Er richtete die Augen einmal mehr zurück auf die Hand.
»Du hast gerade deinen Ehering ins Meer geworfen«, füllte Sie die Pause.
Er grinste beschämt.
»Ich weiß nicht, wie das passieren konnte, ehrlich, der ist einfach so vom Finger gerutscht und bevor ich es verhindern konnte, flog er auch schon auf und davon … auf und davon. So schnell konnte ich gar nicht reagieren.«
»Komm, du hast ihn noch nie gerne getragen, hast ihn einfach weggeschmissen. Hättest auch was sagen können, wenn du ihn gar nicht mehr tragen möchtest«, murmelte Sie schmollenden Gesichts, wollte sich wegdrehen, doch hielt Er Sie auf.
»Süße, bitte glaub mir, das hab' ich nicht mit Absicht gemacht, der ist einfach abgefallen und wenn ich wüsste, dass ich so tief tauchen könnte, würde ich mich sofort in die wilden Wogen stürzen, den Schatz vom Meeresboden bergen und dir dabei noch eine perlenbesetzte Auster mitbringen, aber ich muss die Tatsache akzeptieren, dass ich nur ein absoluter Volltrottel bin.«
»Na mindestens.«
Ernstes Starren nicht durchgehalten, brach prustendes Lachen durch, sodass Beide nicht aufrecht zu stehen vermochten, in durch kommende Flut durchfeuchteten Sand fielen und übereinander kugelten. Nach ein paar Umdrehungen blieb Sie auf Ihm liegen und hielt Seine Arme fest.
»So so«, keuchte Sie außer Atem, »unabsichtlich, hä? Du weißt schon, dass das Konsequenzen nach sich ziehen wird?«
»Auweia, echt? Scheiße, jetzt bin ich am Arsch«, ächzte Er gekünstelt, derweil halbherzig versuchend, sich aus festem Griff zu winden, aus handgefesselter Gefangenschaft zu befreien.
»Den wirst du mir heute sowieso den ganzen restlichen Tag küssen, mein Lieber.«
»Oh nein, bitte, alles, nur das nicht!«
»Oh doch und nicht nur das, ich werde dich leiden lassen.«
Die Handgelenke losgelassen wurde die Welt still. Kein Möwengeschrei, keine jubilierenden Touristen, kein Wellenrauschen, die Sonne unbemerkt versunken, schlagartig kühler, spürten es nicht, hielten sich, liebten sich. Pochende Pulse zweier Herzen in vibrierender Umarmung.
Nur zögerlich gab die Eine den Anderen frei, klopften gegenseitig Sand von verrutschter Kleidung, schlurften zurück zum Auto, setzten sich hinein und schlossen die Türen. Ohne sich anzusehen lachten Beide erneut auf. Sie streichelte Seine Wange, zog Seinen Kopf mit der Hand im Nacken zu sich und küsste Ihn mit lüsternen Lippen.
»Los, lass uns abhauen, das Straftribunal wartet und glaub mir, das wartet nicht gerne!«
»Alsdann, komme was wolle, ich werde mich fügen«, erwiderte Er grinsend, wissend, dass die Strafe gefallen, Tortur in beiderseitigem Schreien enden würde und freute sich auf wohlige Pein.
Neben Ihm saß Sie, gedankenverloren lächelnd, eine Hand auf Seinem Oberschenkel abgelegt. Diese unscheinbare Geste der Verbundenheit ließ Ihn seufzen, bevor Er sich auf die wenig befahrene Straße konzentrierte.
Im stockdüsteren Haus Kerzen angezündet, sich gegenseitig ins Schlafzimmer gescheucht, aufs riesige Bett geschmissen und erst dann begonnen, sich auszuziehen. Nackt drehte Sie sich auf den Bauch und streckte den blanken Hintern in die Luft.
»Du hast da noch eine Strafe abzuarbeiten«, befahl Sie.
Ohne Gegenworte folgte, ohne Zögern hockte Er hinter Dargereichtem und begann zu liebkosen, kneten, massieren, lecken, küssen, beißen, versenkte das Gesicht in feuchter Spalte, vergötterte Ihr Hinterteil, gab sich der Strafe mit Vorsatz hin, ließ sich Zeit mit Seinem Tun, genoss Winden, heiseres Stöhnen, welches Finger, Lippen und Zunge verursachten.
'Unerträglich diese Strafe', schwelgte Er, ohne Hände von begehrten Rundungen zu nehmen, wollte mit weicher Masse Muskeln verschmelzen, steckte …
***
Der Kellner riss aus erzähltem Tagtraum, servierte und entfernte sich mit einem 'Guten Appetit'. Sie hielt Seine Hand, drehte am Ring und leckte sich über Lippen.
»Schade, gerade als es spannend wurde. Na ja, wenigstens hast du den Ersatzring nicht verloren«, im 'verloren' schwang hämischer Unterton, »aber anscheinend war es kein schlechtes Omen. Du weißt, ich bin ein kleines bisschen abergläubisch.«
»Ich weiß, mein Engel, ich aber nicht. Alles hat sich wunderbar entwickelt und ich würde es nicht anders wollen.«
»Ich auch nicht, mein Liebster, ich auch nicht.«
Ein letztes Mal drückte Sie Seine Hand, um sich auf dampfende Speisen zu stürzen, welche mehr als ansprechend daherkamen und geradezu darum bettelten, endlich verzehrt zu werden. Dem Taxifahrer ein Dankesgruß für dessen exzellente Empfehlung gewidmet, wurden angeregt die folgenden Tage geplant.
Die Frage des Kellners, ob alles zu Beider Zufriedenheit gewesen wäre, bejahte Er mit abgestimmten Lobpreisungen, verneinte jedoch das Angebot hausgemachten Verdauungsschnapses, bat im selben Satz um die Rechnung. Nach entsprechenden Scheinen nestelnd, um zu begleichen und angemessenem Trinkgeld aufzurunden, legte Er die Summe aufs ausgedruckte Papier und richtete die Aufmerksamkeit wieder auf Sie, die den Mund mit einer Stoffserviette abtupfte.
»Das war wirklich deliziös«, bemerkte Er, lehnte sich im Stuhl zurück und tätschelte durch gefüllten Magen ausgebeulte kleine Wampe.
Sie kicherte amüsiert.
»Du hast ja auch die Riesenportion bis zum letzten Kuchenstreusel in dich hineingestopft.«
»Also der war gut und der Fisch genau auf den Punkt gegrillt. Und ich meine nicht die halb rohen Varianten sogenannter Fernseh-Starköche.«
Sie lachte ob der Bemerkung, war Er seit jeher angeekelt, halb gegartes der Erwähnten als genau so gewollt angepriesen zu bekommen. Wie oft hatte Er lamentierend vorm Fernseher gesessen, den angeblich rosa Kern schlichtweg als rohes Fleisch entlarvt und beim sogenannten glasigen Inneren eines Fischfilets kommentiert, wann wohl die Zeit käme, dass Köche in einen sich windenden Lachs beißen, der direkt aus dem Netz gefischt, fünf Sekunden durch Wasserdampf gezogen, als perfekt zubereitet bezeichnet werden würde.
»Das Gratin war herrlich cremig und die Pastinakensoße …«
»Aber bitte, Pastinakenschaum, ts ts ts«, unterbrach Er mit belehrend erhobenem Zeigefinger, in ähnlichen Momenten der Gefahr knackigen Zubeißens ausgesetzt.
»Klugscheißer, jedenfalls, die Soße war lecker und das Fleisch zerging auf der Zunge. Hier können wir nochmal hingehen, oder? Ist schön hier.«
»Gerne, hier gefällt's mir auch. Was hältst du davon, noch ans Wasser zu gehen?«
»Es wäre eine Schande, wenn nicht.«
Die Sonne hoch genug über wolkenfreiem Horizont bedeutete dem Tag eine milde Nacht zu werden, die die Möglichkeit auf klaren Sternenhimmel versprach. Ein Stück festeren Teil des Sandstrandes entlang spaziert zeigte ein Schild vor den Dünen die Richtung zu einer Bar.
»Lust auf einen alkoholfreien Mochito?«
»Och ja, kann nicht verkehrt sein«, die Antwort nach kurzer Überlegung, ob nach vorzüglichem Mahl noch etwas in den Magen gefüllt werden wollte.
Abgebogen, hölzerne Treppe erstiegen und einen Laden vorgefunden, voll mit Menschen, die durch Südseeinselmusik hindurch unterhielten, welche aus alten Lautsprechern plärrte. Beim bärtigen Barmann gewünschte Getränke bestellt, wurden die überraschenderweise nach nicht einmal einer Minute auf den Tresen geschoben und gekostet.
»Nicht schlecht«, rief Er Ihr nach wenigen Schlucken bitter-süßen Getränks zu, um durch übersteuerte Musik zu dringen.
»Geht«, befand Sie ebenso laut, »Ein bisschen süß, aber erfrischend.«
»Lass uns dort in die Ecke setzen!«, brüllte Er und zeigte in entsprechende Richtung.
»Führ mich einfach hin!«
Eine Hand auf Seiner Schulter, die Zwei-Personen-Polonaise vervollständigend, zum unbesetzten Tisch in der Ostecke des Lokals getippelt, dessen vorgeschobene Wand überlaute Blechtrommel-Musik zu dämpfen vermochte, nippten Beide an kalten Erfrischungen und ließen neugierige Blicke durch den Gastraum wandern. Sie meinte zu erkennen, dass es sich um ein erstaunlich gemischtes Publikum handelte. Alt, jung, Anzüge, Badeklamotten, jemand tanzte, Glas klirrte, worüber eine Gruppe lachte. Fremde und bekannte Wortfetzen in fremden und bekannten Sprachen fanden den Weg durch Calypso hindurch, fremde und bekannte Gerüche zogen vorbei, wurden getauscht mit herber Fruchtigkeit sprudelnden Inhalts unter die Nase gehaltenen Glases.
Ohne Vorwarnung das Kommen des Schmerzes. Musik Auslöser, Reise und anstrengender Tag Grund. Druck hinter linker Schläfe im Regelfall Auftakt, mit jedem Herzschlag stärker pulsierend in sämtliche Richtungen ausbreitend, darauf abzielend, die Schädeldecke zu sprengen. Wenn es einzig beinahe unerträglicher Schmerz gewesen wäre, hätte Er damit umgehen können, allein die jederzeitige Möglichkeit zufälliger Lähmungen, je nachdem welcher Teil des Hirns betroffen war, nährte Hilflosigkeit.
Er entschuldigte sich und verschwand ohne weitere Erklärungen in den Toilettenräumen, schloss nach flüchtigem Umsehen die Kabinentür und setzte sich auf den Deckel der Kloschüssel, erleichtert, dass trotz Menschenfülle in der Bar niemand anwesend zu sein schien. Stumme Schreie entfleuchten aufgerissenem Mund, von kontrolliertem Ächzen begleitet. Vorgebeugt Knöchel auf Schläfen gepresst, kreischendem Anfall durch rhythmische Trommel- und begleitender Atemtechnik entgegen wirkend, eigens entwickelt und aus unerklärlichen Gründen ausgesprochen wirksam, im Gegensatz zu vergeblich getesteten Empfehlungen der Ärzte, Therapeuten und Alchemisten. Akuter Clusterkopfschmerz in der Regel nach endlos erscheinenden Minuten überstanden, doch den heißen Stein, der anschließend stundenlang Hirnzellen kochte, war Er früher ohnmächtig zu ertragen gezwungen. Individuelle Technikkombinationen gestatteten, Dauerschmerzen auf ein Minimum zu reduzieren, befähigten in der Regel zum normalen Funktionieren. Helles Licht stärkte Pein, die Sammlung extrem dunkler Sonnenbrillen half, oft ebenso innerhalb von Wohnungen oder Geschäften getragen, abhängig vom Beleuchtungsgrad der Räumlichkeit. Den letzten Schritt zur Entspannung jedoch blieb einem wohldosierten, sehr starken Joint vorbehalten. Kein Mittel half überlegender. Seit Jugendzeiten mit der Droge bekannt, bei Bedarf die Mischung verstärkt. Medizinisches Marihuana mehrfach beantragt, doch lehnte die Weisheit der Krankenkasse ab, bot Unbrauchbares anstatt, befreite nicht von staatlich oktroyierter Kriminalisierung. Unwichtig ob legal von Apotheken oder illegal vom langjährigen, vertrauenswürdigen Dealer bezogen, die Qualität dieselbe und der Preis stimmig, letztendlich unbezahlbar in der Wirkung.
Der vorgerollte Notfall-Joint aus verschraubbarer Metallröhre befreit, die einst eine gute Zigarre beherbergt hatte, entzündete das Feuerzeug den Hilfeversprechenden. Schmerzbefreiung nahezu unmittelbar, als ob kaltes Wasser aufs Glühen geschüttet in Staub und Dampf auflöste. Mehr als wenige Züge potenten Grases bedurfte es nicht, blieb trotzdem Herr Seiner Sinne, vegetierte nicht bewegungsunfähig, dem ansonsten wachen Geist beraubt, wie es die Schulmedizin und deren Scharlatanerien verlangten.
Nach letztem, tiefem Zug den Gelöschten vorsichtig zurück in die Hülle gesteckt, stand Er Rauch ausstoßend auf. Hände und Gesicht gekühlt und gewaschen blickte Er durch die aufgesetzte Sonnenbrille in den Spiegel. Zornig verzogen das halb geschwärzte Gesicht darin.
»Schlaf jetzt! Lass mich in Ruhe!«
Durch die sich teilende Menge hindurch zurück zum Tisch gehinkt fand Er Sie vor geleerten Gläsern.
»Alles wieder gut?«, fragte Sie, wohl wissend und riechend, womit Er die Abwesenheit verbracht hatte.
»Alles wieder gut. Na, noch einen Moskito?«
Nachdenkliches Schnalzen mit der Zunge.
»Doch, einen sollten wir noch, oder?«
»Schon unterwegs.«
Zwei Finger und den Daumen in leere Gläser gestülpt stoppte Er irritiert in der Bewegung, ließ Glas aneinander klicken und wollte gerade die Frage auf die Antwort, die Er schon kannte, an Sie richten, doch kam Sie Ihm zuvor.
»Hey, was willst du? Du warst lange weg und mir hat's geschmeckt. Und nun hopp, besorg ein paar Neue!«
Schmunzelnd nickend ging Er zur Theke und bestellte. Sie lächelte Ihm nach, obwohl innerlich nicht belustigt, ahnte lediglich, wogegen Er gekämpft hatte, immer häufiger zum Kämpfen gezwungen war. War gebeten worden, zu übersehen, zu ignorieren, machtlos der Angst um Ihn zu entkommen. Nach Seiner Rückkehr gab Sie Ihm einen Kuss, der nach Minze und Limone schmeckte, erbot ein weiteres Prost und schlürfte köstlich kühlen Quell, um zügig auszutrinken, nachdem übereinstimmend entschieden worden war, sich ins Hotel zurückfahren zu lassen. Eine vorbei eilende Schürzenträgerin zusicherte, ein Taxi zu bestellen, machte wenig später winkend auf sich aufmerksam und zeigte auf die Hintertür, in der ein dicker Mann stand und entdeckt die Kappe aus speckigem Leder von der Glatze hob. Der Dicke führte zum Parkplatz des mit eingeschaltetem Licht wartenden Wagens. Schummrig geworden, der Weg im Dämmerlicht gerade so zu erkennen, daher half, dass Scheinwerfer als Beleuchtung dienten.
Im Setzen wollte Sie dem Fahrer das Ziel bekannt geben, stutzte allerdings und drehte sich zu Ihm, scheiterte, das Hotel zu nennen, als ob dort, wo Abgespeichertes hätte sein sollen, blankes Nichts wäre. Ihre Ansage von Ihm vervollständigt, ohne Augen von stumm Fragender zu nehmen.
Vorbeiziehendes, stetig zunehmendes Verschwinden der Tageshelle gleichbedeutend der Ausdehnung des Verflüchtigens wichtiger Erinnerungen. Schwer gewordener Kopf an Seine Schulter gestützt, Augen geschlossen, um visueller Dunkelheit der draußen Vorzug zu geben. Des Dickens übliche Fragen, die ein Ortsansässiger Touristen ohne Ausnahme stellte, oberflächlich neugierig, was auf die Insel getrieben hätte, mit ebenso üblichen, erwarteten Standardfloskeln beantwortet. Aus unerfindlichem Grunde hörte Er sich anfügen, dass dieses Mal jeder Tag bis zum allerletzten Moment genossen werden würde. Der Fragende wunderte sich über die Formulierung, da jedoch nichts hinzugefügt, sondern fürderhin stumm aus Fenstern geschaut wurde, übernahm das Radio die Unterhaltung.
Unwissend, wo Er Sie hinbrachte, hatte nicht alleinig Namen und Adresse vergessen, vertraute Ihm indes ohne jeden Zweifel oder Zögern. Er sprach sanft und ruhig, und nach einer Weile ergaben die Worte Sinn, meinte sich zu erinnern, wo Sie war und vor Allem warum, dennoch nicht allen Details bewusst. Er würde sich um alles kümmern, war bei aller Aggression, die in Ihm steckte und nur selten die ansonsten friedliche Natur durchbrach, ein sanfter Mann mit großer Geduld. Ein guter Mann, Ihr Mann, fühlte sich sicher bei Ihm, wüsste nicht, wie Sie ohne Ihn hätte sein sollen, wollte es gar nicht, wollte es nie, obzwar derart abhängig zu sein, wie in vergangenen Jahren, nicht Ihren Vorstellungen entsprach. Bedauerlicherweise war nicht vergönnt, das Leben wie gewohnt weiterzuführen, schwieriger geworden die Gesamtheit, anstrengender, schmerzhafter.
'Und trotz Alledem haben wir nie den Humor verloren, obwohl wir genug Gründe dafür hätten', dachte Sie, bedeutete eine Minute des Lachens mit Ihm bisweilen den Ausgleich eines langen, verzweiflungswürdigen Tages.
Sie entschwand ins Badezimmer, derweil Er Seinen Schlafraum ansteuerte und den Koffer öffnete, um Kleidungsstücke zu verstauen. Anschließend tat Er das Gleiche mit den Ihren, hörte die Spülung, danach den Wasserhahn. Kurze Zeit später trat Sie aus dem Bad und umarmte Ihn.
»Was machen wir heute noch?«
Theatralisch am Kopf kratzend, die Augen zusammengekniffen, schlug Er süffisanten Lächelns vor, ins Bett zu gehen, zu kuscheln und fernzusehen. Dem Vorschlag zugestimmt, gab Sie zu bedenken, dass etwas zu trinken für die Nacht fehle.
»Was willst Du haben?«
»Apfelsaftschorle.«
»Ich bestelle noch eine große Flasche Cola dazu. Appetit auf ein wenig Knabberzeug?«
»Erdnüsse?«
Den Telefonhörer ohne Umschweife in die Hand genommen, die Null gewählt, den Nachtportier gefragt, ob Gewünschtes gebracht werden könne und nach einer kurzen Pause dankend aufgelegt.
»Ist bestellt, soll gleich kommen.«
»Schön, dann lass uns schon mal ins Bett gehen, oder?«
Frechen Augenzwinkerns Hose und Hemd entledigt, stand Er Sekunden später in Unterhosen vor Ihr.
»Fix wie früher«, lachte Sie.
Nach dem Schlüpfen in bequeme Nachtwäsche, die vom Zimmerservice gelieferten Nüsse knabbernd, schauten Beide im Bett liegend einen Krimi, den Sie vor langer Zeit als Buchversion gelesen hatte, gespannt, wie Geschriebenes filmisch umgesetzt worden wäre. Er goss Schorle in Ihr mit beiden Händen vor der Brust gehaltene Gefäß, als Tropfen gekühlter Limonade sprudelnd über den Rand schwappten und zielstrebig im vom Ausschnitt unbedeckten Busen versickerten. Der Missetat erschrecktes Geräusch unterlegend zog Er zischend Luft durch Zähne und schielte schuldig in ein streng musterndes Gesicht pikierter Autorität. Empörter Befehlston unterstrich gespielte Dominanz.
»Ablecken, sofort!«
Unterwürfig entsorgte Er das Glas, küsste feuchte Stellen benetzten Busens, saugte lautstark versprengte Tropfen von Haut, hakte Finger in des Nachthemdes dünnes Gewebe, vergrößerte einen der Bereiche ewig währender Begierde und lugte voyeuristisch in schattige Stoffhöhle, küsste zärtlich gehaucht den Brustansatz. Da flexibler Stoff männlichem Begehren keinen ernstzunehmenden Widerstand bot, verstärkte Er den Zug, fuhr mit Lippen fort, wanderte, erkundete die kleinen Hügel, auch heute noch dort, wo erwartet, weicher geworden, hielten dennoch Form und waren vor Allem genau so leicht erregbar. Mit Bedacht das Blickfeld erweitert, zeigte sich eine Brustwarze am Saum. Reckenden Nippel vollständig freigelegt betrachtete Er den Erfolg zärtlicher Berührungen, senkte ohne um Erlaubnis zu bitten, dem Trieb nachgebend, den Mund über vielversprechenden Vorhof, bemüht, das Empfindliche im Zentrum nicht zu berühren, saugte sanften Unterdrucks das Weiche in sich, streichelte mit der Spitze der Zunge den Gipfel Erregter, leckte leichtgewichtig, ließ den Muskel zucken. Ihre Hand im Haaransatz Seines Hinterkopfes, Finger die durch Strähnen strichen, mit friedlichem Druck an sich pressend, damit Er endlich fester küsse, kam Er zwingender Bitte nach und schleckte genüsslich über die Gesamtheit, biss mit lippengeschützten Zähnen die gehärtete Warze und nuckelte gierig saugend.
»Kerl, du machst mich heiß, aber versprich nichts, was du nicht halten kannst!«, entfloh Ihrer Kehle.
»Hab ich jemals ein Versprechen gebrochen, Liebes?«, schmatzte Er, entließ den Stoff geweiteten Hemdausschnitts plötzlich vom verhakten Finger und sah auf. Vertrautes Lächeln und zur Decke gerichtete Augen ließen Schönheit betrachtend innehalten.
»Nie«, flüsterte Sie, ohne zu blinzeln.
»Du loses Mädchen möchtest also, dass ich weiter mache?«
»Ja …«
»Dass ich dich überall küsse?«
Begrapschen der Wölbung der Brust unter feinem Stoff.
»Ja …«
Finger kreisten um die Brustwarze.
»Dich anfasse, deinen Körper benutze?«
Er schmiegte sich dichter an Sie, küsste Ihren Hals.
»Hmhmmm …«
Die Hand wanderte von der Brust unter die Bettdecke.
»Dich lecke?«
Zwei Finger rafften den Stoff des Hemdchens, legten Zentimeter für Zentimeter ohnehin spärlich bedeckter Scham frei.
»Ooh jaahhh …«
»Genau da?«
Zwischen Schenkel drängend.
»Genau da …«, stöhnte Sie auf, als Sie die Hand auf der Scham spürte.
»Bis du kommst?«
Mittelfinger von Lippen umrahmt.
»Hmmmjahh …«
Fingerspitze mit Kitzler spielend.
»… hhhhhhhh …«, hauchte Sie und schob Seinen Kopf gnadenlos nach unten.
Den unabwehrbaren Wunsch befolgt, gleichzeitig die Bettdecke von Beider Körper entfernt, freute Er sich auf bevorstehende Aufgabe, hatte durch Ihre Führung keine andere Wahl, als das Gesicht mit weit geöffnetem Mund in willige Pflaume, die Zunge in verlockend dargebotene Spalte zu drücken. Klicken lenkte ab, ein Auge sah abgesehen vom Schein entfernter Lichter, der durch Vorhänge fiel, nur schwach illuminierte Finsternis. Sie hatte den Fernseher ausgeschaltet, lechzte danach, in aller Stille in oraler Befriedigung aufgehen.
'Meine Genießerin', dachte Er und waltete Seines Amtes, schleckte die Muschel, benetzte mit fließender Lust, kümmerte sich einzig und allein um Sie, die es liebte, musikalisch inspiriert geleckt zu werden, leise und zart zu Beginn, in Wellen graduell steigernd, das Tempo haltend, zum Finale hin unwesentlich schneller, Instrumente zur Harmonie addierend, bis das große Crescendo über Sie hinein brach.
Die Anzahl der Takte, der Strophenwechsel abhängig von Ihrer Geilheit, Ihrer Hitze, Ihrem Wunsch zu kommen, gerne länger denn kürzer, denn Er begehrte Ihre Muschi, hatte sich verliebt, als Er das erste Mal kosten durfte, erinnerte sich an diesen unvergesslichen Tag. Innerlich Jahrzehnte in die Vergangenheit versetzt, kümmerte Er sich im Hier und Jetzt um cremige Herrlichkeit, die wie früher schmeckte und nach mehr duftete, ehrfürchtig, voller Begeisterung, trank aus diesem Born, als ob Ambrosia aus der Quelle des Lebens, bekam nie genug vom Winden, Rekeln, Kreisen, Drängen, willig unterwürfiger Sklave Ihres Verlangens, damals wie heute. Er lauschte der Stille, die nicht still war, hörte das Schmatzen der Zunge am Wonneknopf, den Widerhall Seiner Atemzüge von Schenkeln, leises Kratzen der Fingernägel auf Kopfhaut, den reißenden Fluss des Blutes, verließ sich völlig auf intuitive Techniken, spürte jederzeit, wie weit Sie war, kontrollierte Erregung an Atemfrequenzen, am pochenden Herzen, wusste instinktiv, wie Sie es brauchte, verlangte, erwartete. Nase, Finger, Lippen, Kinn halfen im gut abgestimmten Kollektiv der Zunge Erlösung näher zu bringen, das Ende der Komposition zu erreichen, das Gesicht getränkt von Lust, in höchstem Maße an Ihrem Genuss aufgeilend, so sehr, dass, obwohl als Solonummer gedacht, Er Sie des Öfteren, wenn Sie am wehrlosesten, reines Gefühl war, nahm und sich nach Herzenslust an Ihr verging, von Armen und Beinen umschlungen, hatte Sie Ihm nicht ohne Hintergedanken offenbart, dass Er dabei mit Ihr machen könne, was Er wolle, Sie haben könne, wie Er wolle, absolut bedingungsloses Vertrauen verdient hatte, sich hingeben würde, ergeben, hergeben, sicher, dass einmal aufgestellte Grenzen nicht überschritten würden. Vollkommener Genuss gemeinsam erlebter Glückseligkeit, mehr als die Summe des Aktes, im Beisammensein zelebriert. Je länger das Alter Ihn im Griff hatte, desto öfter versagte erhoffte Schwellung, wurde Ihr Orgasmus zugleich der Seine. Heute war ein solcher Tag, döste der Schlaffe unbeeindruckt zwischen den Beinen.
'Dann eben nicht. Aber einmal will ich noch, tu mir den Gefallen!', teilte Er Dösendem telepathisch mit und hoffte inständig, dass das Gebet erhört würde.
Sie war soweit. Er schmeckte, spürte an der Lustkugel, die zu platzen drohte, Schenkeln, die Seinen Kopf einklemmten, Muskeln, die mahlten, den Orgasmus mit letzten, beinahe disharmonischen Akkorden und druckvoller Perkussion ungehörter Carmina Burana, schnaufte auf nasse Scham, küsste zum Abschied geschwollene Lippen, löste sich vom nachzuckenden Unterleib, kroch vorsichtig an Ihre Seite, erkannte preschenden Herzschlag am Zittern bebender Brust.
»Oh, Süßer, das war herrlich«, summte Sie und parkte den Kopf auf Seiner Brust, schmiegte sich dicht an Ihn, der still in sich hinein lächelte, insgeheim stolz, vollbracht, mühelos vollendete Befriedigung bereitet zu haben.
»Ich muss was trinken«, unterbrach Er schwelgerisches Schweigen.
»Ich auch«, stimmte Sie zu und richtete sich auf, »ob der Film noch läuft?«
Er langte zum Nachttisch, reichte Ihr spritzend gefüllten Grund der Verzückung, schenkte sich ebenfalls nach und trank in einem Zug leer, wiederholte das Nachschenken.
»Schauen wir mal.«
Der Krimi war am aufklärerischen Ende angelangt.
»Ich rauche noch Einen«, raunte Er, als Er sich zur Schublade des Nachtschranks hinunterbeugte.
»Tu das, aber mach bitte die Balkontür auf, ja?«
Wohl geübt geschickt ein Einblatt gedreht, stand Er nach einem Kuss auf, um Vorhänge einseitig aufzuziehen und die Tür weit zu öffnen. Feuchtwarme Brisen wehten vom Meer herüber, die auf nacktem Körper wie Umarmungen wirkten. Der Gerollte fing Feuer und Er inhalierte die starke Mischung aus klebrigem Marihuana und Krümeln schwarzen, öligen Haschischs, vom Dealer kurz vor der Abreise als geschmackliche Abwechslung geschenkt bekommen, blickte zum Rand der Strandpromenade und fragte sich, ob das Pärchen, welches sich auf einer Sitzbank unbeobachtet wähnend, intensiv miteinander beschäftigte, unterschiedlichen Geschlechts sei oder doch, wie spontan vermutet, zwei Männer wären, die sich ungeniert an die Wäsche gingen. Von irgendwo her wurde gedämpfte Musik durch die Luft getrieben, typisch austauschbarer Vierviertel-Basstrommel-Rhythmus wummerte im gleichförmigen Takt.
»Da unten findet gerade 'ne Schwulennummer statt«, krächzte Er, ohne den Blick von Laternen schwach Beleuchteten zu lösen, beobachtete interessiert weiteres Vorgehen des Paares.
Der Kleinere schien den Geschmack nach Schwanz zu verspüren und kniete zwischen den Beinen des Partners, der wiederum keinen Slip unter der Jeans zu tragen schien, denn Knieender hatte, nachdem der Reißverschluss geöffnet war, den Kopf zutiefst im Schoß des Anderen. Eindeutige Auf- und Abwärtsbewegungen ließen die unzweifelhafte Hypothese zu, dass der dessen Mundwerk verstand, den offensichtlich Gigantischen mit Leichtigkeit in dessen Schlund saugte und jeweils einen Moment in Gänze verschluckte. Mit einem Pfiff zollte Er Respekt, als Er sah, wie wild Blasender den Würgereflex unter Kontrolle zu halten vermochte.
»Soll ich dir erzählen, was da unten so vor sich geht?«
»Nee, lass mal, ich hatte mein Vergnügen schon«, antwortete Sie konzentriert der Auflösung des Falles zuhörend.
Der Geblasene hatte sich derweil nach hinten über die Lehne gebeugt, die Arme lässig weit von sich gestreckt und ließ sich bedienen. Er schmunzelte neidvoll. Einige wenige Züge später, der Täter war gefasst und die Nachrichtensprecherin verkündete mit eintöniger Stimme neueste Katastrophen, sah es so aus, als ob der Sitzende dem Blasenden jeden Moment dessen Ladung in den Mund katapultieren würde, denn der hatte mit beiden Händen den Kopf des Knieenden gegriffen, ließ diesen nicht vom Spritzer rutschen, machte sich allem Anschein nach über eventuelle Atemschwierigkeiten des Befriedigers keine Sorgen und stieß das enorme Ding noch tiefer in dessen Rachen, ergoss sich im Schlund des Blasenden, zuckte unkontrolliert. Der Bläser leckte an der Riesenschwellung, wichste letzte Tropfen aus erschlaffender, fleischiger Schlange, schlürfte, schleckte blitzblank sauber, wischte mit der Hand über den Mund. Die Akteure sprachen kurz miteinander, auf diese Entfernung nicht zu verstehen, standen wenig später auf, wobei Befriedigter glitschiges Teil verstaute und schlenderten aus Seinem Blickfeld. Einen Moment später wurde die Musik lauter und klarer, um erneut zu einem Rhythmusdampf zurückgestuft zu werden.
'Und die Nacht hat gerade erst angefangen', sinnierte Er.
Den Joint mittlerweile aufgeraucht verspürte Er wunderbare Leichtigkeit im Kopf, aber auch Schwindel, verließ offen gelassene Balkontür und humpelte zurück zur Geliebten.
»Und, ging's noch hoch her da unten?«
»Doch doch, eine schnelle, einseitige Blasnummer.«
Sie kuschelte sich in Seinen bereits angewinkelten Arm und legte Ihm die Fernbedienung auf den Bauch, damit Er etwas Vernünftigeres fände, als die politische Diskussionssendung, die lief, seitdem die Nachrichten beendet waren. Sein Schoß als Handablage gedacht, wurde Sie Härte zwischen Schenkeln gewahr. Um sicher zu gehen, langte Sie unter die Decke und fand vermutete Latte. Fingerspitzen streichelten über den Schaft.
»Mein Liebster, sag bloß du bist beim Anblick vom Schwulensex geil geworden?«
»Waaas?«
Er hob die Bettdecke und stellte zur eigenen Verwunderung fest, dass Sein Schwengel eine gute Steife hatte.
»Gibt's ja gar nicht, habe ich gar nicht bemerkt.«
»Gibt’s ja doch. Und, willst du ihn ein wenig ausnutzen?«
»Darf ich denn?«, fragte Er ungläubigen Gesichtsausdrucks.
Sie streichelte über geliebten Harten, drehte sich vielsagend lächelnd um und schob das Nachthemd über den so feil gebotenen Hintern. Er knurrte röhrend und stieg breitbeinig über Sie, leckte über Fingerspitzen, griff den Vielversprechenden, verschmierte Spucke als Gleitmittel, erspürte dann den Weg ins feuchte Dunkle sich Hingebender und drang ein, flutschte mit dem ersten Stoß tiefer in Sie, als Er vorhatte, fühlte, wie Sie Unterleibsmuskeln anspannte, um sich für Ihn zu verengen. Kaum sichtbares Lächeln und die damit verbundene Gewissheit zeigten Ihm, dass Sie sich an Seinem Vergnügen labte und dazu ein Bein anwinkelte, sodass die Ferse Sein Gesäß berührte, die Backen massierte, mit jedem Vorschub Sein Becken nachdrückte, zur Spalte oberhalb des Anus wanderte. Für einen Moment überwältigte Ihn die Fantasie, dass Geblasener mit Riesenschwanz heimlich über den Balkon geklettert, sich angeschlichen hätte, um Ihn zu pimpern, währenddessen Er die geliebte Frau von hinten nahm, sah sich im bisexuellen Sandwich gefangen und musste zugeben, dass die Vorstellung Stoßwellen durch die Prostata jagte.
Die Ferse vorgebend in Sein Loch einzudringen, Sein Stoßender tief in schmatzender Höhle vergraben, ergoss Er sich stöhnend, bis letztes Pumpen vergangen war, küsste wiederholt die Wange sanft lächelnder Frau, die genau wusste, wie wertvoll dieser Orgasmus für den Liebsten war, bedeutungslos der Grund der Erektion.
»Du Sau«, atmete Er Ihr ins Ohr.
Sie lachte gurrend.
»Was denn?«
»Wolltest mich mit deinem Fuß bumsen, nur weil ich Schwule beim Sex beobachtet habe.«
»Hat's dir gefallen?«, fragte Sie mit aufgesetzter Unschuldsmiene.
»Naja, doch schon«, druckste Er herum, Erinnerungen im Geist verwischend.
»Und?«
»Nix und. Es war schön, basta.«
Der Verlust nötiger Reststeife zwang zum Herauszuziehen, was durch unkontrollierten Lachanfall herausgepresst zu werden drohte. Das Nachthemd bis zu Schultern hochgerutscht präsentierte Rücken, Gesäß und Beine zur freien Ansicht. Er griff nach einer Pobacke und knetete, bis heute Ihrer Nacktheit nicht überdrüssig. Die Faszination mit Ihrem Po zeitlos und unendlich, obwohl Sie in den letzten Monaten abgenommen hatte, wie sich an Rippen durch glatte Haut zeigte, womit ebenfalls Ihr Hinterteil flacher geworden war. Der Backe einen sanften Klaps versetzt zog Er das Hemd langsam über Entblößtes.
»Ey, hast du noch nicht genug?«
»Oh doch mein Engel, oh doch. Ich habe nicht damit gerechnet, wie du weißt.«
»Brauchst ja nur ein paar Schwulen beim Blasen zuzugucken.«
»Ich hau dich gleich!«
Lachend umarmt folgten zahlreiche leidenschaftliche Küsse.
»Ich kann mich nicht erinnern, dass es irgendwann nicht schön mit dir war«, flüsterte Sie.
»Ich auch nicht«, flüsterte Er zurück und küsste Sie lang und innig.
Am durch lichte Baumkrone beschatteten Tisch des Frühstückscafés mit Aussicht auf parkähnlichen Vorplatz der Altstadt beim Morgenmahl zur Mittagszeit den Ablauf des Tages geplant, bei Tee und Gebäck den Entschluss getroffen, nach ausgedehntem Spaziergang am Meer das Strandrestaurant aufzusuchen, an dem am Vortag Gefallen gefunden worden war, um anschließend die Lesung eines ansässigen Dichters in der Dorfkirche des Nachbarortes zu besuchen, mit gedruckter psychedelischer Farbintensivität plakativ angekündigt, Beider Neugier weckend, nachdem im Faltblatt zu lesen war, dass der Dichter ein Ihm nicht unbekannter Punkmusiker der ersten Tage gewesen, aus eigener musikalischer Vergangenheit vertraut war und laut Lebenslauf dessen damaliges ominöses Verschwinden erklärend, seither abgeschieden an der Südspitze der Insel lebte. Er erinnerte sich gut an des Dichters frühere Band, spielte selbst mit einer noch zu Schulzeiten zusammengewürfelten und ständig wechselnden Formation vor, abgesehen von der Eskorte an Freunden und Freundinnen, die damals zu jedem der Konzerte anreisten und sich und die Band mit zig Litern Bier feierten, einer handvoll zahlender Zuschauer im Vorabendprogramm der Veranstaltung, einem Festival in dreckigem Hinterhofkeller in der Hauptstadt. Später enge Freunde, wurde gemeinsame Zeit von etlichen Abenteuern geprägt, die zusammenschweißten. So unerklärlich der Verlust einstigen, zur Selbstzerstörung neigenden Verbündeten, umso größer nun die Vorfreude aufs Wiedersehen.
Gedankenversunken fiel ein Mann auf, der einen Rollator vor sich herschob, den Randweg des Parks entlang schlich und sich offensichtlich, so schnell es möglich war, staubig schlurfend mühte, der Mittagshitze zu entkommen. Ausgelöst durch beobachtete Szene schoss Ihm unvermittelt erlebte Geschichte ins Bewusste, weswegen als Folge am Ende blitzschnell ablaufender Assoziationskette ein Lachanfall zündete, verschluckte sich beinahe am Tee, den Er kühler gepustet zu kosten gedachte, rettete den Inhalt der Tasse mit beiden Händen geradeso vorm Überschwappen, um das Tischtuch nicht fleckig zu bräunen, den Blick fest auf dahin schleichenden Mann geheftet.
»Weißt du noch, dass wir vor vielen Jahren hier auf eben dieser Veranda gesessen haben, das Café noch ein Restaurant war und wir von einer olympiareifen Laufveranstaltung überrascht wurden?«
Entspannte Sitzhaltung zurückgelehnt in bequem gepolstertem Korbstuhl beibehaltend, das Gesicht blätterverschatteter Sonne zugewandt, verneinte Sie wortlos. Die quäkige Stimme eines Radiosprechers längst vergangener Zeiten imitierend begann Er mit einer Moderation.
»Meine Damen und Herren, ich begrüße Sie zur gemischten Weltmeisterschaft des Verbandes gehhilfenunterstützter Extremsportler. Wenn Sie sich später dazugeschaltet haben sollten, haben Sie einen der spannendsten Marathonläufe verpasst, den diese Meisterschaften je gesehen haben, doch gerade noch rechtzeitig zum Finale zu uns gefunden. Ich kann Ihnen, meine Damen und Herren, nur raten, an den Apparaten zu bleiben, um den triumphalen Abschluss dieser fantastischen Veranstaltung mitzuerleben. Leider wird die visuelle Übertragung durch einen technischen Fehler gestört, sodass Sie sich mit dem Ton meiner Stimme zufrieden geben müssen. Ich versuche so detailliert wie möglich zu beschreiben, was ich erkennen kann oder mir durch unsere fleißigen Helfer zugetragen wird, bei denen ich mich auf diesem Wege für die außerordentliche Mühe, uns mit den aktuellsten Informationen über die Athleten auf der Strecke zu versorgen, bedanken möchte.
Nun zum Lauf: Es zeichnete sich schnell ein Dreikampf zwischen den Favoriten ab, die sich kurze Zeit nach dem Start vom Hauptfeld absetzten und von da an das Rennen dominierten. Über die gesamte Strecke hinweg wechselte die Führung und … warten Sie, warten Sie … jaaaa, da sehe ich die Spitzenreiterin in einem unfassbaren Tempo um die letzte Kurve auf die Zielgerade biegen. Wo sind die Verfolger? Sie scheint den Abstand durch Aktivierung letzter Ressourcen vergrößert haben zu können, fliegt förmlich über den Asphalt, getragen vom reißenden Applaus der Zuschauermenge.«
Er ahmte das Geräusch tobenden Stadionpublikums nach. Noch regte sich nichts in Ihr, welches Unbekanntes greifbarer machte.
»Noch nie habe ich eine kittelbeschürzte Sportlerin derartig mit einem Standard-Rollator umgehen sehen, eine völlig neue Technik das schwierige Gerät zu führen, elegant, effektiv …«
Plötzlich prustete Sie durch gespitzte Lippen. Beinahe wäre dieser lustige Moment in Vergessenheit geraten, der sich vor langer Zeit vor Beider Augen abgespielt hatte. Die unfassbare Szene gefühlte zwei Stunden beobachtend war damals nicht nur dieser Tag trotz schmuddeligen Wetters gerettet worden.
»Mach weiter, bitte!«, sickerte kichernd durch die vorm Mund gehaltene Hand.
»Nur noch wenige Meter zur Ziellinie, doch was sehe ich da? Den dynamisch koordinierten Doppelkrückenläufer der Extraklasse, wie immer in grauer Hausmeisterkluft, seinem Markenzeichen, und … holt auf! Tatsächlich, der Abstand zur führenden Rollatorschwingerin reduziert sich mit jedem ausholenden Schritt, Krücken eher Flügel, als Stützen. Ein wundervoller Anblick, meine Damen und Herren. Schon schaut sich die Führende nach dem Verfolger um, man kann förmlich die Befürchtungen an der ohnehin angestrengten Mimik erkennen. Wird der Vorsprung reichen? Da sie den Verfolger durch zweistellige Dioptrien ausgleichende Augengläser, die durch einsetzenden Nieselregen getrübt sein müssen, sicherlich am flatternden Grau identifizieren kann, weiß sie, dass sie sich auf den letzten Metern anstrengen muss, den Vorsprung ins Ziel zu retten. Jetzt kommt es drauf an, wer die zweite Kraft aufbringen, steifer werdende Muskeln in Gang halten, letzte Kondition abrufen kann. Beide Techniken haben Vor- und Nachteile. Auf der einen Seite ein Standard-Rollator, solide, stabil, doch nur durch unterbrochenen Links-Rechts-Vor-Rhythmus zu steuern. Auf der anderen Seite die Doppelkrückenvariante mit beidseitiger Stützfunktion, aber im Vergleich zum Rollator instabilen Körperhaltung, die enorme Kontrolle der Körperspannung bedarf. Im Moment scheint die Rollatorschiebende an Koordination zu verlieren, der Doppelkrückler holt Meter für Meter auf, das Ziel und direkte Konkurrentin im Blick, gerät aber bei dieser Geschwindigkeit in Gefahr, die verdächtig schräg sitzende Schiebermütze zu verlieren. Ich gebe zu bedenken, dass nach neuesten Regeländerungen des Weltverbandes des gehhilfenunterstützten Breitensports verlorene Kopfbedeckungen jeglicher Art eine automatische Disqualifikation nach sich zieht, seitdem mehrere unschöne Vorfälle diesen wunderbaren Sport in Verruf gebracht hatten. Ich erinnere nur an das sogenannte 'Wehende Tuch vom hohen Berge', als der damaligen Weltmeisterin das nur ungenügend unterm Kinn festgeknotete Seidentuch durch eine starke Böe vom Kopf gerissen worden war und den hinter ihr laufenden, wehrlosen Krückenläufer beinahe stranguliert hätte. Fürchterliche Bilder, meine Damen und Herren, schrecklich! Aber zurück zum Geschehen. Noch 40 Meter. Hören sie das Publikum?«
Abermals ahmte Er Jubeln eines Stadionpublikums nach.
»Meine Damen und Herren, ein Gänsehautmoment, ich kann kaum glauben, was ich zu sehen bekomme. Noch 30 Meter. Ich denke, ich habe nicht zu viel versprochen, dies ist eine Meisterschaft für die Geschichtsbücher und ich stelle jetzt und hier die mutige Behauptung auf, dass wir so etwas lange nicht mehr erleben werden. Die Leistung beider Athleten ist nahezu unmenschlich. Ich schaue auf die Zieleinlaufuhr … jawohl, eindeutig rekordverdächtige Zwischenzeiten. Das Tempo mit nichts zu vergleichen, der heutige Lauf übertrifft alles Bisherige. Noch 20 Meter. Die Führende stolpert über einen Kiesel. Einen Kiesel! Wie kommt der denn auf die Strecke? So ein Kiesel kann das Zünglein an der Waage sein und tatsächlich, die Rollatorin hat den Rhythmus verloren, kommt ins Straucheln, muss sich festhalten und … bleibt stehen. Unfassbar! Natürlich sieht der bekrückte Verfolger das Missgeschick und legt noch einmal eine Schippe drauf, doch sollte vorsichtig sein, die Mütze sitzt gefährlich schief und die Überlegung muss nun sein, zu riskieren, durch einen Hutverlust so kurz vor dem Ziel disqualifiziert zu werden oder die Verfolgung zu unterbrechen, um die Kopfbedeckung zu richten, wohl wissend, dass diese Pause den ersten Platz kosten könnte. Ich möchte jetzt nicht in dessen Haut stecken, jede Entscheidung könnte die falsche sein. Wie diese Leistungssportler mit dem Druck umgehen, entzieht sich meiner Fantasie. Schlichtweg beeindruckend. Doch wie nicht anders zu erwarten, greift er der möglichen Disqualifizierung vor, bremst ab, muss eine Krücke über der anderen ablegen und schiebt die Mütze zurecht. Das wiederum sieht die Führende, die sich schon vom Stolpern erholt und, als faire Sportlerin bekannt, trotz minimalen Vorsprungs den Kiesel zum Rand der Rennstrecke bugsiert hat. Noch 10 Meter. Meine Damen und Herren, die Führende wird erneut langsamer. Machen sich jetzt übersäuerte Muskeln bemerkbar, verliert sie dadurch die Abstimmung der gewagten 2-zu-1 Renntechnik? Ist das spannend.«
Sie gackerte aus vollem Halse, konnte kaum mehr verstehen, doch nicht allein die Stimme, die Er benutzte, war überwältigend komisch, ebenso die Art, wie Er damalig beobachtetes Kuriosum vermeintlicher Verfolgungsjagd zweier betagter Bewohner naheliegenden Altersheimes durch den Park beschrieb.
'Herrlich', dachte Sie, 'Situationskomik pur.'
»Weiter«, forderte Sie Ihn auf, »bitte, ich will wissen, wer gewinnt.«
Er räusperte sich und führte die Moderation fort.
