Der Auszubildende - Neil Nilas Grün - E-Book

Der Auszubildende E-Book

Neil Nilas Grün

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Beschreibung

Alles ist neu Den Absolventen der Philosophie, Gregor Burscheidt, verschlägt es in die Kinderbetreuung der Grundschule in Büldendorf. Hier beschließt er im Alter von 28 Jahren eine Ausbildung zum Erzieher zu beginnen. Es beginnt eine Zeit, in der sich Gregors Ausbilderinnen gegenseitig übertreffen. Eine noch unbekannte Welt tut sich dem Auszubildenden auf: Die Erde war doch eine Scheibe! Gregor gerät in ein Gebilde, das ihn packt, schüttelt und verwirrt. Nur langsam gelingt es ihm, hinter die Kulissen der Vorgänge zu blicken. Sehr interessanter "Insiderbericht". Amüsant geschrieben und definitiv lesenswert. Viele Kollegen werden sich in diesem Buch wiederfinden. (Hanna Shedo, Hanna Shedo Band) Ein munterer Blick hinter die Kulissen und ein Plädoyer für das Selbstdenken – ein Buch für jedermann. (S. Scholz, Physiker)

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Seitenzahl: 557

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Alles ist neu

Den Absolventen der Philosophie, Gregor Burscheidt, verschlägt es in die Kinderbetreuung der Grundschule in Büldendorf. Hier beschließt er im Alter von 28 Jahren eine Ausbildung zum Erzieher zu beginnen. Es beginnt eine Zeit, in der sich Gregors Ausbilderinnen gegenseitig übertreffen. Eine noch unbekannte Welt tut sich dem Auszubildenden auf: Die Erde war doch eine Scheibe! Gregor gerät in ein Gebilde, das ihn packt, schüttelt und verwirrt. Nur langsam gelingt es ihm, hinter die Kulissen der Vorgänge zu blicken.

Sehr interessanter „Insiderbericht”. Amüsant geschrieben und definitiv lesenswert. Viele Kollegen werden sich in diesem Buch wiederfinden. (Hanna Shedo, Hanna Shedo Band)

Ein munterer Blick hinter die Kulissen und ein Plädoyer für das Selbstdenken – ein Buch für jedermann. (S. Scholz, Physiker)

„Der Auszubildende“ macht Spaß. Nicht nur weil es eine Geschichte mit Tiefgang ist, sondern vor allem, weil Neil Nilas Grün mit Humor erzählt. (Ein unbekannter Leser)

Neil Nilas Grün

Der Auszubildende.

Er kam, sah und…

Roman

Wekhrlin Verlag

Der Autor

Neil Nilas Grün, geboren 1979 in Dortmund, entdeckte bereits in Jugendtagen sein Interesse für gesellschaftliche Vorgänge und die ihnen zugrunde liegenden menschlichen Handlungen – er wurde Historiker, nicht zuletzt aus folgendem Grund: „Die menschliche Lebenswelt bietet Themen, die zu betrachten sich lohnen: Es lässt sich immer wieder so vieles lernen und für Gegenwart und Zukunft nutzen, vorausgesetzt, es besteht der Wille dazu.“ Von dieser Ansicht bis zum Schreiben ist es im Grunde nur ein kleiner Schritt. Der Autor lebt nach wie vor im schönen, grünen Ruhrgebiet.

1. Auflage 2017

© 2017 Wekhrlin Verlag

Nils Gröning

Behringstraße 6

44225 Dortmund

www.neil-nilas-gruen-wekhrlin.de

Alle Rechte vorbehalten

Einband: Jonas Heinevetter (www.ausdrucksvielfalt.com)

Inhalt

Der Beginn

Die Anfangszeit

Das tägliche Leben und dessen Fortbildung

Berufsschultage

Sabrina und Karin

Der zweite Besuch

Fahrt ins Landschulheim

Teamsitzung

Anjas Geburtstag

Elternnachmittag und Tierinklusion

Ein Versuch der Normalität

Dritter Besuch

Das Ende

Das Zeugnis

Nachklang

Neues

Anmerkungen des Autors

„Wie unendlich groß und mannichfach sind aber die Bedenklichkeiten und Gründe, die einen einheimischen, in abhängiger Verbindung und in Geschäften stehenden Mann abhalten, öffentlich etwas vorzutragen und zu äußern, wovon er weiß, daß es ihm die Abneigung und Feindschaft seiner Vorgesetzten, seiner Kollegen, seiner Bekannten und oft selbst seiner Freunde zuziehen, und vielleicht sein ganzes äußeres Glück zerstören wird! Hieraus ist es erklärlich, warum so entsetzlich viel Widersinniges und Verkehrtes in der Welt geschiehet, wenn es auch beinahe jedermann als solches anerkennt; warum so viele zweckwidrige öffentliche Einrichtungen und Anstalten unverändert immer fortdauern; warum so mancher brave Mann unter dem Drucke des Schlendrians seufzend fortarbeiten muß, und seine besseren Einsichten zu verleugnen sich genöthigt siehet.“

([Johann Stuve]: Ueber Aufruhr und aufrührische Schriften, Braunschweig 1793, S. 93f.)

Der Beginn

I.

Es begann an einem Wintertag. Der Wecker riss ihn aus dem Schlaf, und er wusste nicht, ob es ein Traum war oder doch Realität; er benötigte einen Moment, um sich zu orientieren. Es war früh am Morgen, und ohne Wecker hätte er gut und gerne noch drei Stunden geschlafen, wie er vermutete. Draußen war es dunkel. Es dämmerte ihm, dass er nicht geträumt hatte: Es war tatsächlich wahr, er, Gregor Burscheidt, war Auszubildender, es fiel ihm wieder ein. Er hatte sich für die Ausbildung entschieden, er wollte Fachkraft werden.

Seit mehr als zwei Jahren arbeitete Gregor mit Kindern in der Nachmittagsbetreuung der Büldendorfer Grundschule, genannt Ganztagsbetreuung beziehungsweise Offene Ganztagsschule, abgekürzt OGS genannt.

Die Bundesregierung war bestrebt, dafür zu sorgen, dass möglichst viele Menschen im arbeitsfähigen Alter, das ständig anstieg, die Gelegenheit erhielten, einer beruflichen Tätigkeit nachzugehen. Dies hatte dazu geführt, dass so viele Menschen in Deutschland arbeiteten wie noch nie in der Geschichte der Bundesrepublik. Diese Menschen allerdings teilten ein seit langer Zeit gleichbleibendes Gehältervolumen unter sich auf, so dass der Einzelne in vielen Fällen weniger verdiente, als er dies in der Vergangenheit getan hätte: Das schien der Zeitgeist zu sein. Deshalb war es für Gregor ein Leichtes gewesen, die Stelle in der Ganztagsbetreuung zu erhalten, die ja notwendig war, da alle für halbes Geld arbeiteten und niemand mehr Zeit für die Kinder hatte.

Die DDR wurde zu Recht als Unrechtsstaat gegeißelt, das Prinzip der Erwerbstätigkeit aller Erwachsenen jedoch war so attraktiv, dass es übernommen worden war: Man musste sich nur vorstellen, was alles entstehen könnte, wenn das Volk Zeit zum Nachdenken und Zeit für Muße hätte. Insofern war es besser, dass das Volk beschäftigt war, egal womit. Daher war sozial, was Arbeit schaffte, auch wenn diese Arbeit sinnlos war, denn Hauptsache war, dass sie da war. Dies bedeutete allerdings, dass die Kinder nicht mehr zu Hause versorgt werden konnten. Daher war die Ganztagsbetreuung notwendig geworden, deren Sicherstellung von gutmeinenden Mitmenschen in der Politik als vorrangiges Ziel ausgegeben wurde. Wer sich für Ganztagsbetreuung einsetzte, war gerne gesehen: Alle sahen ein, dass Gott es so eingerichtet hatte, dass ausschließlich Erwerbsarbeit Arbeit war. Daher musste jeder Bereich menschlicher Aktivität ökonomisiert werden, um Gottes Wille zu entsprechen; denn war niemand da, der Lohn reichte, fand etwas wider die Gebote statt. Dabei war es völlig unbedeutend, ob der Lohn gering war, Hauptsache war, dass er da war.

Die Arbeit in der Kinderbetreuung lag Gregor, und die Kolleginnen sowie die Eltern und deren Kinder schätzten ihn. Jedoch fand die lange angekündigte Gehaltserhöhung nicht statt, so dass er die Entscheidung getroffen hatte, den Absprung in die Ausbildung zu wagen, um zukünftig als Fachkraft bezahlt zu werden. Diese Entscheidung schien vernünftig zu sein, war allerdings bedauerlich: Er musste sich eine neue Einrichtung suchen, weil in seiner aktuellen OGS nicht die Möglichkeit bestand, ihn Vollzeit zu beschäftigen, was Voraussetzung für die Ausbildung war.

Als seine Chefin von seinem Vorhaben erfahren hatte, hatte sie ihm gesagt, dass er sich diesen Schritt gut überlegen solle, denn die tägliche Arbeit habe so überhaupt nichts mit der Arbeit während einer Ausbildung zu tun. Sie glaubte für sich, eine solche Ausbildung nicht bestehen zu können – gerade wegen ihrer zwanzigjährigen Berufserfahrung.

Diese Einschätzung teilte Gregor durchaus, aber auf einen Versuch wollte er es ankommen lassen.

Die Ausbildungsentscheidung war Gregor – abgesehen vom notwendigen Einrichtungswechsel – leicht gefallen, da ihm die für gewöhnlich abzuleistende zweijährige Schulzeit an einem Berufskolleg erspart blieb aufgrund seiner OGS-Arbeit in den letzten zwei Jahren. Diese ermöglichte es, extern in die Ausbildung einzusteigen, wofür das Kolleg ihm am Vortag inoffiziell die Zusage erteilt hatte – er musste nur noch an den Abschlussprüfungen teilnehmen, die er noch als Mitarbeiter seiner jetzigen Einrichtung in Büldendorf absolvieren durfte. Anschließend konnte er, sofern die Prüfungen bestanden wurden, in das sogenannte Anerkennungsjahr in einer neuen Einrichtung starten. Beim Anerkennungsjahr handelte es sich um ein Praxisjahr, in welchem der Auszubildende in einer geeigneten Einrichtung, Kinderheim, Kindergarten, Ganztagsbetreuung und so weiter, arbeitete unter strenger Beobachtung der örtlichen Chefin und der zugeteilten Lehrerin vom Berufskolleg. Diese Lehrerin bemüßigte sich mehrfach während des Anerkennungsjahres, ihren Auszubildenden in einer von ihm geplanten und vorbereiteten Situation bei der Arbeit mit den Kindern zu besuchen und ihn streng zu bewerten unter Bezug auf höchste Qualitätskriterien. Diese Qualitätskriterien waren ausschließlich dieser Lehrerin bekannt und auch nur für einen solchen Profi überhaupt verständlich. Daher mussten die Kriterien nicht transparent gemacht werden – weil es nicht möglich war, die Materie als nicht voll ausgebildeter Profi zu verstehen. Aber Gregor sagte sich, dass Männer im Primarbereich Mangelware waren und dort gebraucht wurden, so stand es auch ständig in der Zeitung. Allerdings war ihm noch nicht bewusst, was innerhalb einer solchen Ausbildung unter Mann verstanden wurde, sonst hätte er es sich möglicherweise doch etwas intensiver überlegt, ob es Sinn machte, sich in eine solche Ausbildungssituation zu begeben – denn im Matriarchat galten andere Regeln. Wie er noch lernen sollte, gab es dort äußerst emanzipierte Frauen, die sich in einem Maße emanzipiert hatten, dass sie die Inhalte der Frauenbewegung verdrängt zu haben schienen. Das Phänomen war, dass sie sich genauso verhielten wie diejenigen Männer in ihren Männergesellschaften, die sie immerfort kritisiert hatten: Das andere Geschlecht durfte der eigenen Selbstdarstellung und dem eigenen Karriereweg nicht im Wege stehen. Somit gab es in diesem von Frauen dominierten Bereich Frauen, die sozusagen ihre eigene weibliche katholische Kirche gegründet hatten, und die schlimmsten von ihnen hatten es offensichtlich bis in die Chefpositionen geschafft, warum auch immer.

Dies alles konnte Gregor zu Beginn allerdings nicht überschauen, so dass er sich ins Getümmel warf und die Ausbildung begann, schließlich hatte er zuvor erfolgreich sein Philosophiestudium abgeschlossen. Nach dem Studium hatte er eine Pause eingelegt, für deren Finanzierung er etwas Geld verdienen musste. Daher hatte er sich die Stelle in der Ganztagsbetreuung gesucht, und da es ihm dort gefiel, wollte er jetzt auch die offizielle Qualifikation – in Deutschland brauchte man eben für fast jede Arbeitsstelle einen gesonderten Nachweis.

Es war an diesem Morgen der Zeitpunkt gekommen, dass Gregor sich darum kümmern musste, nun auch offiziell zur Ausbildung zugelassen zu werden, wofür es notwendig war, bei der zuständigen Behörde nachzuweisen, dass er bereits mit Kindern gearbeitet hatte: Er schälte sich aus den Decken und schlurfte ins Bad. Im Alter von 28 Jahren noch einmal eine Ausbildung zu beginnen, war ein hartes Schicksal, aber eine gute Entscheidung, wie er glaubte. Er stand vor dem Spiegel und rasierte sich: Welcher Auszubildende trug schließlich Vollbart? Anschließend machte er sich auf den Weg zur Behörde. Dort angekommen, gab er in einem Büro seine Unterlagen ab, die vom Sachbearbeiter auf Vollständigkeit hin überprüft wurden. Nach fünf Minuten machte er sich wieder auf den Heimweg.

Danach geschah zehn Wochen lang nichts.

Nach Ablauf der zehnten Woche rief Gregor bei der Behörde an, wo der Sachbearbeiter sich informieren musste, was aus seinen Unterlagen geworden war. Nach fünfzehn Minuten Warteschleife mit netter Musik, erfuhr Gregor, dass seine Unterlagen eingegangen waren, was er im Grunde bereits wusste, da er sie persönlich abgegeben hatte. Die zuständige Sachbearbeiterin war allerdings im Urlaub und würde erst in drei Wochen wieder zurück sein, so dass weiter gewartet werden musste – es waren aber auch erst zehn Wochen vergangen, so dass drei weitere Wochen im Rahmen lagen. Gregor bedankte sich, weil man das so tat, auch wenn es nichts gab, wofür er sich hätte bedanken können.

So langsam lief die Anmeldefrist für die Abschlussprüfungen am Berufskolleg ab. Für diese Anmeldung benötigte Gregor die Zulassung der Behörde. Dass die Mühlen dort langsam mahlen würden, hatte er sich gedacht. Dass es jedoch dreizehn Wochen dauern könnte, bis mit der Bearbeitung überhaupt begonnen wurde, damit hatte er nicht gerechnet. So ganz verstand er nicht, weshalb die Prüfung seiner Unterlagen, ein Vorgang, der schätzungsweise zwanzig Minuten in Anspruch nahm, mehr als dreizehn Wochen dauerte – die zu prüfenden Unterlagen bestanden aus beglaubigtem Nachweis des Arbeitgebers, dass Gregor die erforderliche Stundenzahl gearbeitet hatte, die für die Zulassung verlangt wurde, und aus einem Formular mit persönlichen Angaben, so dass eine Bearbeitungszeit von zwanzig Minuten schon großzügig angesetzt war.

Nach ihrem Urlaub meldete sich doch tatsächlich die Sachbearbeiterin von selbst, was nicht selbstverständlich war. Drei Tage später, zwei Tage vor Ablauf der Anmeldefrist am Kolleg, hielt Gregor dann die Zulassung in Händen und reichte sie umgehend ein. Nun hatte er noch drei Wochen Zeit, um sich auf die Klausuren vorzubereiten, mit denen die Abschlussprüfungsphase eingeläutet wurde – es handelte sich um drei Klausuren, die innerhalb einer Woche geschrieben werden sollten.

Als nun die Klausurwoche gekommen war, ging Gregor tapfer ans Werk und absolvierte drei vierstündige Klausuren, die er alle bestand, wenn auch mit Noten zwischen 3,3 und 4,0 – irgendetwas lief hier schief, denn solche Noten hatte er seit der Pubertät nicht mehr gekannt; offensichtlich hatte er nicht den richtigen Ton getroffen, der hier in der Erzieherausbildung en vogue war.

In vierzehn Tagen sollte die den theoretischen Prüfungsblock abschließende Prüfungswoche mit drei mündlichen Prüfungen stattfinden. Um nun zu erfahren, welche Ziele seine Lehrerinnen in etwa verfolgten, vereinbarte Gregor einen Termin mit einer seiner Ausbildungslehrerinnen, um sie darum zu bitten, ihre Herangehensweise transparent zu machen: Gregor dachte, dass es ein normaler Vorgang war, wussten die Schüler, was erwartet wurde – man konnte ja beispielsweise Klausurfragen nicht auf Chinesisch stellen, wenn niemand von diesem Vorhaben Kenntnis hatte. Dabei konnte nicht viel herauskommen.

Es war eben ein wichtiges Element von Unterricht, den Erwartungshorizont transparent zu machen, denn ohne Transparenz handelte es sich um ein Ratespiel – und im Casino lag man oft daneben.

Am folgenden Tag ließ der Wecker um 6:30 Uhr seinen durchdringenden Ton ins Schlafzimmer schallen, damit Gregor pünktlich mit seiner Lehrerin über Transparenz sprechen konnte. Er ging davon aus, dass ihn eine kurze Erläuterung erwartete.

Am Kolleg erwartete ihn allerdings nicht eine seiner Lehrerinnen, sondern alle drei für seine Klasse zuständigen Damen waren vor Ort in dem Raum, der Gregor genannt worden war: Wie rührend sie sich um ihn kümmerten, dass sie gleich alle drei so früh aufgestanden waren! Die drei Instanzen saßen aufgereiht hinter einem breiten Tisch und befahlen ihm, mehr als dass sie ihn baten, sich zu setzen. Gregor war verwundert, denn diesen Auftritt konnte er nicht einordnen. Eine der Kompetenzen, natürlich die älteste Kompetenz, sie schienen eine klare Hierarchie zu haben, setzte zum Angriff an, der jedoch in einem Hustenschwall erstickte, was Gregor entspannte, da Heiterkeit entspannt. Als sie es überstanden hatte, ging es besser und sie sagte streng: „Ich habe davon gehört, dass Sie sich über die Inhalte der Klausuren beschwert haben – das hat mir meine Kollegin Frau Biest berichtet. Da wir es nicht hinnehmen können, dass Sie unsere Bewertungen Ihrer Leistungen in den Klausuren in Frage stellen, sind wir zu dritt erschienen, um vor Zeugen den Fall zu klären. Außerdem werden wir die Inhalte der Besprechung in einem Protokoll festhalten.“

Gregor war nicht wenig verwundert; einen solchen Auftritt hatte er lange nicht erlebt, wenn überhaupt schon einmal. Er wollte Transparenz erfragen und die Damen wollten vor Zeugen ihre Benotung verteidigen – offensichtlich hatten sie ein schlechtes Gewissen oder irgendetwas zu verbergen, ansonsten würde man doch so nicht reagieren! Dass die Damen sich durch solch eine simple Frage in die Ecke gedrängt fühlten, ließ tief blicken und nichts Gutes erwarten.

Gregor versuchte, die drei Aufgebrachten etwas zu beruhigen, die ihn schon fast bösartig fixierten. Er sagte: „Ich würde Ihnen gerne mein eigentliches Vorhaben vortragen, denn es muss sich hier um ein Missverständnis handeln.“

Die älteste der Damen ergriff wieder das Wort. Diesmal schaffte sie es auf Anhieb, ihre Ausführung an den Mann zu bringen: „Wir machen jetzt zehn Minuten Pause; ich möchte eine Zigarette rauchen.“

Daraufhin verließen die drei Lehrerinnen den Raum. Gregor blieb und schaute ihnen nach: Die älteste der Damen lief eilig vorweg, sie musste offenbar dringend rauchen. Die jüngste folgte ihr und die dritte blieb etwas zurück – sie hatte schon die ganze Zeit etwas unscheinbar gewirkt und sich zurückgehalten. Wie konnte Gregor sich bloß die Verteidigungshaltung der Lehrerinnen erklären? Dass sie den Raum verließen, ließ vermuten, dass sie ihre weitere Strategie absprechen mussten.

Nach circa fünfzehn Minuten erschienen die Gestrengen wieder und reihten sich erneut hinter dem Tisch auf – Gregor kam es so vor, als verschanzten sie sich hinter diesem. Dieses Mal sprach die jüngste der Damen, Frau Biest – offensichtlich hatte ihre Ziehmutter ihr befohlen, sich zu positionieren. Es entstand der Eindruck durch die Art, wie die Älteste ihre junge Kollegin anschaute, dass sie ihr etwas beibringen wollte. Währenddessen betrat noch eine vierte Ausbildungslehrerin den Raum, von der Gregor bisher noch nicht gewusst hatte, dass sie existierte, und setzte sich neben ihre Kolleginnen hinter die Anklagebank. Sie war äußerst adipös und ergänzte prima das bereits anwesende Kabinett. Gregor fragte: „Sind wir jetzt vollzählig oder müssen wir noch auf den Rest warten, um alle eingeplanten Zeugen vor Ort zu haben?“

Dies empfanden die vier Damen als äußerst unpassend, und die Rudelführerin raunzte Gregor an: „Bleiben Sie gefälligst freundlich!“

Gregor empfand es eher so, dass nicht er es gewesen war, dem man Unfreundlichkeit hätte vorwerfen können. Jedenfalls waren die Damen vollzählig und Frau Biest sagte: „Gregor, du kannst nicht erwarten, dass wir dir die Inhalte der mündlichen Prüfungen vorab mitteilen – es handelt sich um Prüfungen, was bedeutet, dass eine gewisse Ungewissheit bestehen muss –.“

Gregor unterbrach: „Ich bin nicht gekommen, um die Inhalte der Prüfungen zu erfragen, sondern um zu erfahren, welche Erwartungen sich hinter den Prüfungsfragen verbergen, da ich bei den schriftlichen Prüfungen offensichtlich Ihre Erwartungen mit meinen Formulierungen nicht getroffen habe.“

Gregor wies also darauf hin, was er tatsächlich wollte. „Gregor, unterbrech mich nicht!“, entgegnete Frau Biest, und Gregor empfand es als symptomatisch für die Situation, dass sie unterbrech mich nicht sagte. Das Biest fuhr fort: „Gregor, du bist in der Ausbildung“ – davon hatte Gregor gehört. „Weil du in der Ausbildung bist“, erklärte das Biest dann, „musst du dich damit abfinden, dass du noch nicht alles wissen kannst. Wir werden dir schon im Verlauf des Jahres auf den richtigen Weg helfen – die Praxisausbildung ist ja nicht umsonst ein Jahr lang. Es handelt sich um einen Prozess: Wir achten darauf, dass die Inhalte in verdaubarer Menge nach und nach präsentiert werden, um Überforderung der Schüler zu vermeiden. Daher werden wir dich Stück für Stück an die Inhalte heranführen. Du kannst jetzt noch nicht verstehen, welche Ziele wir verfolgen.“

Gregor gab auf, die Damen waren nicht zugänglich. Es hatte den Anschein, dass er von ihnen nicht viel erwarten durfte. Mit dieser Situation musste er nun umgehen. Er bedankte sich, wie man es immer tat, dann war die Verhandlung geschlossen.

II.

In den folgenden zwei Wochen lernte der Auszubildende für die mündlichen Prüfungen, ohne zu wissen, welche Erwartungen gehegt wurden, denn alles lag im Dunkeln; es handelte sich scheinbar um ein Quiz, und er war gespannt, ob er etwas gewinnen würde.

Als die Prüfungstage gekommen waren, erhielt Gregor für alle seine drei Leistungen eine Gnadenvier: Immerhin hatte er die Quizrunde überstanden; somit waren die Quizmasterinnen gnädig gewesen.

Man konnte davon ausgehen, dass es sich nicht um Gregors Leistung gehandelt hatte, sondern um ein pädagogisch geschicktes Geschenk der Lehrerinnen, um dem Zögling zu verdeutlichen, dass er schon etwas konnte, aber lange noch nicht alles.

Es gab jetzt nur noch eine letzte Hürde vor dem endgültigen Eintritt in das Praxisjahr, eine zweigeteilte praktische Prüfung:

Gregor sollte im ersten Teil der Prüfung den Alltag in seiner Büldendorfer OGS vorstellen und im zweiten Teil eine Situation kreieren, in der die Kinder mit etwas Sinnvollem beschäftigt waren. Diese Situation sollte er schriftlich planen, damit seine Prüferinnen das Vorhaben im Vorfeld genehmigen oder abschmettern konnten. Sinn der Prüfung war es, den Lehrerinnen zu zeigen, dass er in der Lage war, Kinder pädagogisch wertvoll zu begleiten.

Der erste Teil der Prüfung musste nicht vorbereitet werden. Für den zweiten Teil überlegte Gregor, was die Kinder gerne machen würden und was gleichzeitig vorführbar war; er besprach sich mit seinen Kolleginnen, und am Ende stand die Idee, mit Ton zu arbeiten. Um die Kinder in die Planungen miteinzubeziehen, durften diese selbst entscheiden, was sie modellieren wollten. Sie entschieden sich für Tiere – sie hatten Lust und wollten sofort beginnen. Gregor musste sie allerdings vertrösten, weil seine Lehrerinnen dabei sein mussten.

Als das Modelliervorhaben genehmigt und alles vorbereitet worden war, sprach der Prüfling telefonisch einen Termin ab, und einige Tage später erschien die Entourage der vier Lehrerinnen, die an diesem Tag Prüferinnen waren, was mit Sicherheit noch eine Stufe bedeutender war, als einfach nur Lehrerin zu sein – davon konnte man ausgehen.

Die vier Besucherinnen betraten die OGS in Büldendorf und kamen dabei unbeholfen daher: Sie begrüßten Gregor und seine anwesenden Kolleginnen, lächelten dämlich und gaben sich betont locker, wie sie es wohl für eine solch schrecklich offizielle Situation für angemessen hielten.

Gregors Kolleginnen hatten an anderer Stelle zu tun und verschwanden. Gregor blieb, weil es sich um seine Prüferinnen handelte.

Seine persönlichen Prüferinnen begannen mit ihm in Ermangelung anderer anwesender Opfer einen üblen Small Talk über das Wetter und den Verkehr auf den Straßen. Nebenbei grinsten sie anwesende Kinder pädagogisch geschickt an, so dass diese sich auch aus dem Staub machten. Gregor dachte: „Oh mein Gott.“

Um das desaströse Anfangsgeplänkel zu beenden, beschloss er, den Eindringlingen das Außengelände zu zeigen, welches aus Schulhof, Bolzplatz und hügeligen baumbewachsenen Grünanlagen mit Sandgruben bestand. Die Pädagoginnen allerdings konnten mit dem Bild, das sich ihnen hier bot, nichts anfangen: Sie echauffierten sich über den steinernen Backofen, in dem Gregor mit den Kindern regelmäßig Brot backte, da sie es für viel zu gefährlich hielten, dass Kinder mit Feuer in Berührung kamen. Außerdem fanden sie es unverantwortlich, dass Kinder auf Bäumen saßen, die auf ihrem Spielgelände wuchsen. Eine der Prüferinnen, Frau Blume, führte aus: „Man darf sich gar nicht vorstellen, was passieren kann, wenn ein Kind vom Baum fällt! Man muss sich allerdings vorstellen, wie dann die Eltern reagieren! Eine solche Verletzung der Aufsichtspflicht kann dazu führen, dass die OGS geschlossen wird oder dass Mitarbeiter entlassen werden.“

Frau Blume ließ kein gutes Haar an der Einrichtung, die sie soeben erst betreten und die sie niemals zuvor gesehen hatte. Sie fuhr fort: „Außerdem ist uns aufgefallen, dass die Kinder draußen ohne Aufsicht spielen! Hier fehlt es dem Personal an Basiskenntnissen, welche Pflichten Erzieher in einer OGS haben!“

Frau Blume schien sich auszukennen. Gregor versuchte die Hintergründe des Kritisierten kurz zu erläutern: „Die Eltern melden ihre Kinder gerade deshalb in dieser Einrichtung an, weil die Kinder hier, wie sonst zu Hause, selbstständig ihre Freizeit mit Freunden gestalten können, ohne beständig unter Aufsicht von Erwachsenen zu stehen, wozu auch gehört, dass sie auf Bäume klettern dürfen, weil Kinder das eben gerne machen und normalerweise auch tun würden. Wir gehen in regelmäßigen Abständen draußen nachschauen, ob alles zum Besten steht; eine lückenlose Überwachung ist aber nicht vorgesehen. – Außerdem halten wir es für durchaus sinnvoll, wenn Kinder auf ursprüngliche Weise Brot backen und so lernen, mit Feuer umzugehen.“

Die Prüferinnen waren verdutzt; die Kinder und deren Eltern aber schätzten diese Umgebung, die nicht von Regeln und den Tag füllenden Arbeitsgemeinschaften dominiert wurde. Es gab durchaus einige Arbeitsgemeinschaften, an denen manche Schüler gerne teilnahmen, aber es wurde Wert darauf gelegt, dass die Kinder viel Freizeit hatten: Sie sollten nicht den ganzen Tag Gruppensituationen unterworfen sein, innerhalb deren sie sich gruppenkonform verhalten mussten, denn das hatten sie ausreichend im Unterricht, beim Mittagessen und bei den Hausaufgaben. Außerhalb dieser Tagesstruktur sollten sie über ihre Zeit frei verfügen können: Kinder mussten sich auch entspannen dürfen.

Dies alles war für die Entourage völlig unverständlich; es passte nicht in ihr Weltbild, in dem der Tag der Heranwachsenden gänzlich klar strukturiert zu sein hatte. Frau Blume kannte sich hier aus und erklärte: „Die Umgebung muss arrangierte Lernanregungen bieten, damit die Kinder lernen können. Die OGS ist Teil der Schule und muss deshalb lernförderlich strukturiert sein.“

Was dies beinhaltete, blieb im Dunkeln, auch auf Gregors Nachfrage hin, denn das konnte er vermutlich am Anfang seiner Ausbildung noch nicht verstehen, so dass Frau Blume auf Erklärungen verzichtete. Die älteste der Damen führte allerdings aus: „Die Schülerinnen und Schüler müssen gefördert werden; die Erzieher müssen Lernangebote präsentieren, damit die Kinder spielerisch fürs Leben lernen können.“

Die Damen nahmen nicht wahr, dass genau das in dieser OGS in besonderem Maße geschah: Da Kinder nicht nur durch Anleitung lernten, sondern auch durch ihr kindliches Spiel selbstständig zu Erkenntnissen gelangten, war das Außengelände naturnah angelegt, um hier Möglichkeiten für selbst gemachte Erfahrungen zu bieten.

Für die Damen musste es sich aber wohl um Verwahrlosung handeln, wenn Heranwachsende alleine etwas tun durften; durch selbst gemachte Erfahrungen zu lernen, schien ein Umstand außerhalb des Vorstellbaren zu sein, auch wenn es im Grunde eine Volksweisheit war, dass nur eigene Erfahrungen echte Erfahrungen waren. Personen, die Erzieher ausbildeten, mussten hiervon nichts wissen.

Gregor war schon erstaunt, welch eine Ahnungslosigkeit ihm hier in Gestalt der vier Pädagoginnen begegnete. Es hatte den Anschein, dass es nicht leicht werden würde, mit diesen Damen einen Bildungsgang zu absolvieren – oder wurde die Erzieherausbildung nicht zum Bereich der Bildung gezählt? Die Damen Lehrerinnen ließen den Verdacht aufkommen, dass es so sein musste, aber es war wohl tatsächlich so nicht der Fall: Die Lage war schwer zu überschauen.

Gregors ehemalige Studienkollegin Sandra hatte ihn vor den Untiefen einer solchen Ausbildung gewarnt: Sie hatte gewettet, dass er nicht verstehen würde, was man von ihm erwartete. Gregor hatte sich auf die Wette eingelassen. Es ging um Pizza und Bier. Zusammen wollten sie am Ende beides verzehren, egal wer gewann. Sandra war sich sicher, dass Gregor bezahlen würde. Gregor ging davon aus, den Kampf zu bestehen.

Nachdem der Rundgang über das gefährliche Außengelände ohne Verletzungen überstanden worden war, kam die unscheinbare der Lehrerinnen zu Gregor und sagte: „Gregor, ich bin nur teilweise in den Ausbildungsgang der Erzieher involviert und kann meinen Kolleginnen hier nicht nachhaltig in ihre Angelegenheiten hineinreden. Meine Kolleginnen sind an eine bestimmte Sichtweise gewöhnt und sind wenig bereit, andere Dinge für sich zu verarbeiten: Das möchte ich dir sagen, damit du es weißt – aber das muss natürlich unter uns bleiben.“

Gregor war überrascht von diesen offenen Worten und versprach, sie für sich zu behalten: Unscheinbarkeit schien hier Taktik zu sein.

Der Prüfling schickte sich an, die Damen wieder in den Innenbereich der OGS zu geleiten, als die älteste der Damen eine Rauchpause anordnete. Sie verließ das Schulgelände und Gregor stand mit seinen verbliebenen Lehrerinnen herum: Da ein Gespräch aufgrund der Anwesenheit zweier Damen nicht möglich war und ein Gespräch mit diesen zwei Damen aufgrund fehlender Gesprächsbasis nicht stattfinden konnte, entstand eine unangenehme Stille, die Gregor veranlasste, sich in den Innenbereich zurückzuziehen. Die Damen blieben draußen und wirkten erziehend auf die Jugend ein: Ein Junge lief an ihnen grußlos vorbei, was Frau Biest veranlasste, den Jungen zu ermahnen: „Es gehört sich so, dass man grüßt, ansonsten ist das unverschämt.“ Etwas eingeschüchtert lief der Junge zu Gregors Kollegin Agnes und beschwerte sich bei ihr. Agnes versicherte ihm: „Es ist nett, wenn man grüßt, aber du musst es nicht tun, wenn du es nicht willst.“

Der Junge entschied sich, es bei Grußlosigkeit zu belassen, und nahm Umwege in Kauf, um dem Wirken der Pädagoginnen zu entgehen.

Gregors Chefin sagte: „Ich würde deinen Lehrerinnen gerne Hausverbot erteilen. Hoffentlich verabschieden sie sich möglichst bald. Lehrerinnen, die Erzieher ausbilden, müssen wissen, wie Kinder sind: Wie sollen sie sonst den Umgang mit Kindern lehren? Pädagogik ist nicht nur sich wandelnde Theorie, sondern beinhaltet einen Bezug zur Realität: Gregor, überleg dir gut, ob du von diesen Frauen ausgebildet werden möchtest!“

Als die Raucherin nach fünfzehn Minuten zurückkam, eine Zigarette hatte wohl nicht gereicht, kamen die wieder vereinten Pädagoginnen herein und Frau Blume fragte: „Gregor, was willst du uns im Weiteren präsentieren?“

Gregor zeigte seinen Prüferinnen die Räume der Betreuung, erklärte, was er mit den Kindern unternahm an der Werkbank, am Maltisch, am Basteltisch, womit er die Damen allerdings nicht beeindrucken konnte: Sie schienen sein Vorgehen für nicht pädagogisch wertvoll zu halten, weil er eben bisher nicht ausgebildet worden war und einfach noch zu viele Fehler machte.

In einem der Räume begannen die Damen zu kichern, weil ein Junge eine Tasche nähte, völlig alleine und professionell. Süffisant führte Frau Biest pädagogisch wertvoll aus: „Hier in der Einrichtung nähen auch die Jungs.“

Glücklicherweise bemerkte der Junge die Reaktion des Gespanns nicht, weil er zu beschäftigt war. Die unscheinbare der Damen machte einen beschämten Eindruck.

Gregor verließ schnell mit seinem Gefolge den Raum. Zum Glück stand in fünf Minuten das Mittagessen seiner Kindergruppe auf dem Programm, die er beim Mittagessen und bei den Hausaufgaben gemeinsam mit Agnes betreute. Daher sagte er: „Sie haben mir gesagt, dass ich Ihnen das Alltagsgeschehen zeigen soll. Begleiten Sie mich doch zum Mittagessen und anschließend zu den Hausaufgaben, dann können wir diesen Punkt angehen!“

Damit waren die Damen einverstanden, denn sie hatten bereits Wichtiges geleistet und Hunger bekommen. Außerdem hatte man ihnen nicht einmal Kaffee angeboten!

Als es so weit war, liefen Gregor und Agnes mit ihrer Kindergruppe zur Schulküche. Gregors Entourage schlich hinter ihnen her, den Prüfling immer streng im Blick, um sein Erzieherverhalten, wie sie es nannten, zu beobachten und kritisch zu bewerten. Die Älteste machte einen Abstecher in die Raucherecke und stieß etwas später wieder zur Prüfungskommission hinzu.

Im Essensraum angekommen, stellten Gregor und Agnes sich hinter den Servierwagen, vor dem die Kinder sich angestellt hatten: Es gab an diesem Tag Hähnchenschenkel – ein sehr beliebtes Essen, nicht nur bei den Kindern –, und da das Fleisch in einer Soße lag und tropfte, gaben Agnes und Gregor es separat heraus. Beilagen standen auf dem Tisch. Gregor gab den Wartenden die Teller und Agnes verteilte die Hähnchenschenkel. Nachdem sich alle gesetzt hatten und auch die Damen versorgt worden waren, aßen sie. Die Kinder unterhielten sich, Gregor sprach mit Agnes und mit den Kindern, die in seiner Nähe saßen. Die Damen glotzten Gregor an, so musste man es nennen, und wirkten verbal lernförderlich auf die Kinder in ihrer Umgebung ein, teilweise mit vollem Mund: Sie beugten sich zu einzelnen Schülern hin und drangen in deren Distanzzone ein, was die Gespräche für die Angesprochenen sehr unangenehm werden ließ. Zum Teil konnte Gregor hören, auf welche Art und Weise die verbale Kontaktaufnahme der Pädagoginnen vonstattenging: „Wie heißt du denn? Und wie alt bist du? In welche Klasse gehst du?“ Weitere Fragen folgten. Eine der Damen, die adipöse, Frau Blume, war hier ganz besonders eifrig bei der Sache.

Die ins Visier Genommenen waren sichtlich genervt von der Fragerei. Die Damen allerdings empfanden sich als äußerst kindgerecht, das sah man ihnen an. Sie genossen es, so hatte es den Anschein, Prüfer zu sein, und traten lässig auf, um dem Prüfling die Nervosität zu nehmen – es handelte sich um ein oft in solchen Situationen anzutreffendes Verhalten, das doch eher negativ auffiel: Man meinte durch Gelaber und joviales Getue dem Prüfling eine lockere Atmosphäre zu vermitteln.

Die Damen berücksichtigten eben die Etikette für Prüfungssituationen, Small Talk und Jovialität, wobei sie sich beides besser gespart hätten. Sie hatten es aber wohl so gelernt und niemals hinterfragt. Sie machten grundsätzlich nichts Eigenes, wie es schien, sondern wandten an, was man ihnen beigebracht hatte.

Das alles zusammen gab dann das traurige Gesamtbild ab, wie sie es hier präsentierten.

Die Damen waren wie der Forscher, der über Pflanzen forschte, Literatur bearbeitete, Bilder anschaute, aber niemals tatsächlich eine Pflanze untersuchte. Das Wissen des Forschers blieb daher theoretisch: Die Lehrerinnen wussten etwas, aber hatten KEIN PRAKTISCHES VERSTÄNDNIS davon.

Die älteste der Prüferinnen brauchte eine weitere Zigarette und verließ ihre Kolleginnen für einige Minuten. Gregor fragte sich, wie diese Frau es wohl schaffte, eine Schulstunde zu unterrichten – vermutlich gab sie ihrer Klasse eine Gruppenarbeit, die war ja zurzeit modern, und verschwand dann schnell, um zu rauchen; sie war bestimmt schon mehr als dreißig Jahre im Schuldienst und hatte mit Sicherheit so einige Tricks entwickelt – schließlich schaffte sie es auch, den Eindruck zu erwecken, von professionellem Umgang mit Kindern Ahnung zu haben bei gleichzeitiger Ahnungslosigkeit, was natürlich auch eine Qualität darstellte.

Mittlerweile waren alle beim Nachtisch angekommen. Anschließend räumten die Kinder gemeinsam ab und gingen mit Agnes zu den Hausaufgaben in ihren Klassenraum. Gregor wischte die Tische nach, die die Kinder abgewischt hatten, und stellte die Stühle hoch, da sie die letzte Essensgruppe an diesem Tag gewesen waren. Die Damenriege war inzwischen wieder vollzählig und schaute zu, wie Gregor die Tische abwischte – sicherlich konnte man auch hierbei einiges falsch machen. Über Tischreinigung in Einrichtungen der Kinderbetreuung gab es mit Sicherheit Forschungen, die die Damen gelesen hatten. Jedenfalls bekam Gregor den Eindruck, dass sie auch diesen Vorgang in die Bewertung miteinbezogen.

Nachdem der Auszubildende das kurze Aufräumen beendet hatte, schenkte er seinen Lehrerinnen keine weitere Aufmerksamkeit, sondern ging an ihnen vorbei zu den Hausaufgaben. Die Prüferinnen waren etwas überrascht, dass er sie nicht informierte, wo er hinging. Sie eilten hinter ihm her, denn schließlich war dies ihre Prüferinnenpflicht, und sie wollten sich später nichts vorwerfen lassen können: Formal musste immer alles stimmen.

Beim Klassenraum angekommen, in welchem die Hausaufgaben stattfanden, sagte die Älteste: „Gregor, äh, bitte informieren Sie uns über ihre Schritte, das gehört zu ihren Pflichten!“ Gregor nickte und ging in die Klasse, in der die Damen dann etwas verunsichert herumstanden, offenbar weil ihnen niemand einen Platz anbot. So standen sie zunächst etwas verloren am Rand des Klassenraums und wackelten mit den Köpfen. Gregor war der Meinung, dass gestandene Lehrerinnen in der Lage sein könnten, sich alleine in einem Klassenraum zurechtzufinden, auch wenn sie nur zu Besuch waren. Nach einigen Minuten schafften sie es dann auch, sich auf die reichlich vorhandenen freien Plätze zu verteilen.

Da sie nun einen Tisch vor sich hatten, begannen sie sich eifrig wichtige Notizen zu machen, damit keine wichtige Beobachtung in Vergessenheit geriet, um am Schluss, bei der Auswertung der Prüfung, auf eine schriftliche Gedankenstütze zurückgreifen zu können. Aufgrund der Fülle an Notizen, die sie sich machten, vermutete Gregor, dass sie ihn hinterher in Grund und Boden kritisieren würden.

Die Kinder ignorierten die Damen mittlerweile vollständig, sie hatten eindeutig die Nase voll von ihnen.

Als die wichtigsten Notizen niedergeschrieben worden waren, fühlten sich die Pädagoginnen bemüßigt, durch den Klassenraum zu schreiten. Auf ihrem Weg machten sie Station bei verschiedenen Kindern, um ihren Fragenkatalog in erweiterter Form abzurufen. Die betroffenen Kinder litten: Wieder ohne den persönlichen Distanzbereich zu achten, beugten sich die pädagogisch geschulten Damen zu ihnen hinunter und gaben Dinge von sich wie: „Was macht ihr denn so in der Schule? Ist das schwierig? Da hast du aber was falsch gemacht!“

Kritik konnten sie also auch. Die Kinder waren sichtlich gestresst: Sie wollten gerne ihre Hausaufgaben beenden, damit sie spielen gehen konnten.

Agnes und Gregor waren sich einig, dass es im Grunde zwei Möglichkeiten gab, den Prozess des Heranwachsens zu begleiten: Man konnte den Kindern die Freiheit lassen, selbst zu dem zu werden, was in ihnen angelegt war, oder man konnte sie von Anfang an in ein Regelwerk einbinden, dass diese Freiheit einschränkte und dafür Sorge trug, dass sie in eine Richtung gelenkt wurden, die den Erwachsenen vorschwebte.

Vom Grundsatz her betrachtet traten dann auf erstere Weise später Menschen in die Gesellschaft ein, die selbst entscheiden konnten und wollten, was für ihre Zeit und für ihre Belange das Notwendige sein sollte. Beim letzteren Weg wuchsen Menschen auf, die später als Erwachsene das für richtig und nötig hielten, was sie übernommen hatten. Auf diese Weise konnte dann das Überkommene ungeprüft fortbestehen.

Es handelte sich also um einen mehr freiheitlichen Gedanken, der der Erziehung zugrunde liegen konnte, und um einen mehr traditionsbewussten, auf Sicherheit bedachten Gedanken. In ihrer Einrichtung verfolgten sie den freiheitlichen Ansatz, und es war schön zu sehen, wie sich die Individualität der Kinder im Verlauf der Zeit immer deutlicher konstituierte. Der Begriff der Lernumgebung war dagegen derjenige, an dem die Lehrerinnen sich orientierten: Es ging für sie darum, den Kindern beständig sogenannte Lernanreize zu bieten, um sie gelenkt auf ein Ziel zusteuern zu lassen.

Es handelte sich also bei den beiden Herangehensweisen um in weiten Teilen doch sehr unterschiedliche Herangehensweisen. Welche von diesen beiden man nun als besser oder sinnvoller empfand, musste jeder für sich selbst entscheiden – aus diesem Grund gab es unterschiedliche Schulprofile. Für Gregor und seine Kolleginnen war klar, was sie wichtiger fanden. Für die Lehrerinnen galt dies ebenfalls. Bedenklich bei der Sache war jedoch, dass es sich bei den Damen um Lehrerinnen handelte, die Erzieher ausbildeten, die in Betreuungseinrichtungen von Schulen, in Kindergärten und anderweitigen Einrichtungen arbeiteten, die zum Teil sehr unterschiedliche Profile aufwiesen und daher sich deutlich unterscheidende Zielsetzungen verfolgten. Deswegen mussten solche Lehrerinnen eigentlich in der Lage sein, unterschiedliche Herangehensweisen einzuordnen, auch vor dem Hintergrund der geschichtlichen Entwicklung pädagogischer Vorstellungen. Solche Lehrerinnen mussten die Unterschiede kennen und sie neutral behandeln, wollten sie ihren Aufgaben gerecht werden.

Agnes und Gregor jedenfalls ergänzten sich, ohne viel reden zu müssen. Auf solche Art und Weise zu arbeiten, war etwas Besonderes, denn es konnte auf der Arbeit auch anders laufen, wie Gregor schon irgendwo einmal gehört hatte.

Mittlerweile waren die Hausaufgaben beendet, und die Damen verabschiedeten sich in eine wohlverdiente Pause und gingen spazieren.

Die Kinder fragten, warum die fremden Frauen sie so ausgefragt hätten. Agnes entgegnete: „Die Frauen hatten heute keinen guten Tag.“

Damit gaben sie sich zufrieden.

Was für großartige Pädagoginnen die Damen doch waren, dass sie es geschafft hatten, innerhalb kürzester Zeit die Kinder zu vergraulen – und das waren Gregors Prüferinnen, die seinen Umgang mit Kindern beurteilen wollten!

Nachdem die Pädagoginnen ihre wohlverdiente Pause beendet hatten, erschienen sie wieder auf der Bildfläche und die älteste der Damen sagte: „Gregor, kommen Sie nun bitte zum Hauptpunkt unseres Besuches und töpfern Sie!“

Gregors Kollegin Jasmin flüsterte Gregor ins Ohr: „Eine deiner Prüferinnen kommt mir schon die ganze Zeit bekannt vor.“

Es handelte sich um die unscheinbare der Damen, denn sie zeigte verstohlen auf diese. Jasmin fuhr fort: „Sie hat vor einigen Jahren ihren Sohn hier auf der Schule gehabt und ihn auch in unsere Betreuung geschickt.“

Das erklärte das schweigsame Verhalten der Unscheinbaren gegenüber ihren Kolleginnen, die davon ganz bestimmt nichts wussten: Sie hatte definitiv einen schweren Stand.

Gregor bereitete im Folgenden das Töpfern vor, indem er eine Plastikdecke auf einen Tisch legte und auf diese den Ton. Die Kinder waren bereit und begannen zu verarbeiten, was da war: Sie hatten seit Tagen darauf gewartet, endlich ihre Tiere modellieren zu dürfen. Gregor erklärte einige Kleinigkeiten, dass der Ton sich besser verarbeiten ließe, wenn man ihn erst mit den warmen Händen knetete und so weiter.

Die Damen saßen erst dabei und schauten zu, wollten dann aber auch etwas töpfern. Gregor gab ihnen Ton und sie machten sich, mit Ausnahme von einer, kichernd ans Werk: Was genau sie empfanden, war nicht ganz klar.

Die Kinder modellierten circa eine Stunde lang unterschiedliche Tiere, jeder die, die er gerne herstellen wollte. Die älteste der Damen schaute dann auf ihre Uhr und sagte: „Gregor, kommen Sie nun bitte zum Ende: Wir wollen in die Reflexion der Prüfung übergehen.“

Da die Kinder noch beschäftigt waren, stand Gregor auf und sagte: „Dann kommen Sie mit.“

Die Damen waren irritiert, folgten Gregor aber in den Nebenraum, um ihre Beobachtungen zum Besten zu geben, was sie im Folgenden ausgiebig taten.

Gregor nahm sich vor, das, was nun kommen würde, hinzunehmen und nicht zu kommentieren.

Die älteste der Damen bestimmte, dass Protokoll geführt werden sollte über die Inhalte der Reflexion – das kannte Gregor ja bereits, dass jeglicher Vorgang protokolliert wurde. Das Protokoll: Es gab Situationen, zum Beispiel in Vereinssitzungen, in denen war es sinnvoll, Ergebnisse festzuhalten. Aber bei jeglichem Gespräch Protokoll zu führen, war doch ein Hinweis auf eigene Unfähigkeit beziehungsweise ein Eingeständnis derselben – die Damen gingen offensichtlich davon aus, dass sie aus Unwissenheit solchen Unsinn erzählen würden, dass formelle Ergebnisse protokolliert werden mussten, um am Ende ein stimmiges Ergebnis vorweisen zu können. Lediglich die Unscheinbare wagte sich vor und sagte: „Ich halte ein Protokoll nicht für unbedingt notwendig.“ Aber das lehnte die Älteste mittels strenger Worte ab. Also wurde Protokoll geführt. Die Älteste begann ihre Analyse: „Gregor, das war wirklich nicht gut, was wir heute von Ihnen gesehen haben.“

Warum überraschte Gregor diese Aussage nicht? „Ich werde vorne beginnen“, fuhr sie fort, „und Stück für Stück das Gesehene und unsere Bewertung des Geschehens darstellen: Als wir heute in Ihrer Einrichtung eintrafen, hatten wir den Eindruck, dass wir unerwartet kamen. Es hatte den Anschein, dass Sie Ihre Kolleginnen nicht informiert hatten, dass wir kommen würden.“

Dies waren alles Eindrücke, wobei man den Eindrücken dieser Damen nicht besonders viel Bedeutung beimessen konnte. Die Wahrheit war, dass Gregors Kolleginnen sich schlicht nicht für die schlichten Damen interessiert hatten. „Es wäre auch wichtig gewesen, uns Ihre anwesenden Kolleginnen und vor allem Ihre Chefin vorzustellen“, führte sie weiter aus. „Wir wissen jetzt immer noch nicht, wer Ihre Chefin ist, das geht natürlich nicht!“

Gregor dachte, dass erwachsene Menschen in der Lage sein sollten, Fragen zu stellen, wollten sie etwas wissen. Allerdings hatten die Prüferinnen durch ihren grausamen Small Talk direkt zu Beginn eine Flucht ausgelöst, so dass die Vorstellungsrunde erschwert worden war. „Außerdem hätten wir auch gerne Kaffee oder Tee angeboten bekommen; außer beim Mittagessen konnten wir bisher nichts trinken“, beklagte sich die Älteste im Weiteren.

Das tat Gregor außerordentlich leid. „Also Gregor“, analysierte sie, „der Start war holprig und leider ging es genauso weiter. Erst dachten wir noch, Sie seien aufgeregt, das waren Sie auch“, sie kicherte, „das haben wir gemerkt, aber auch später haben Sie ihr Verhalten nicht geändert – da müssen Sie noch viel sensibler für den richtigen Umgang werden.“

Gregor erinnerte sich an sein Vorhaben, keine Kommentare abzugeben, da die Entscheidung der Damen so oder so bereits feststand. Er konnte definitiv sagen, was er wollte, es würde nichts verändern. Also war Schweigen eine weise Entscheidung. „Für die fragwürdigen Verhältnisse auf dem Außengelände können Sie ja nichts“, fuhr die Älteste fort. „Lassen Sie sich aber gesagt sein, dass Sie von Glück reden können, dass noch nichts passiert ist – da können Sie wirklich verklagt werden. Darüber hinaus hätten wir uns gewünscht, dass Sie uns genauer erklärt hätten, was Sie persönlich mit den Kindern konkret unternehmen. Außerdem hatten wir beim Essen den Eindruck, dass Sie einfach nur mit den Kindern zum Essen gehen und dann dabei stehen und zuschauen, wie Ihre Kollegin das Essen verteilt.“

Gregor fragte sich, was man beim Zum-Essen-Gehen anderes machen konnte, als zum Essen zu gehen. Dass Agnes dann die Hähnchenschenkel auf die Teller gelegt hatte, war Zufall gewesen, denn solcherlei Dinge machte eben immer derjenige, der gerade da stand, wo er stand: Wer hätte ahnen können, dass das von Bedeutung war. „Was uns nicht gefallen hat war dann“, führte die Älteste weiter aus, „dass Sie sich nur wenig mit den Kindern unterhalten haben. Sie müssen immer präsent sein; sie sind der Erzieher und müssen die Kinder beständig ansprechen und für Ansprache bereit sein.“

Hier musste Gregor den Damen Kenntnisse zugestehen, die er nicht besaß, die Schülerinnen und Schüler beständig anzusprechen, das konnten sie einfach besser. Allerdings hatten die Kinder gestresst reagiert – irgendetwas war schief gelaufen. Die Älteste war noch nicht fertig und setzte erneut an: „Am Ende haben wir uns gewundert, dass Sie die Tische abgewischt haben und Ihre Kollegin, die wir im Übrigen sehr unfreundlich fanden, schon mit den Kindern zu den Hausaufgaben gegangen ist. Wir wollen die Kinder ja zur Verantwortlichkeit erziehen. Da ist es sehr ungünstig, wenn die Erzieher die Aufräumarbeiten übernehmen.“

Sie hatten übersehen, dass die Kinder ihr Geschirr und Besteck auf einen Servierwagen geräumt hatten, dass eines der Kinder den Wagen in die Küche gefahren hatte, dass zwei Kinder die Tische abgewischt hatten und dass Gregor lediglich, als die Kinder weg gewesen waren, die Reste, die die Kinder vergessen hatten, noch weggewischt hatte. Abschließend hatte er die Stühle hochgestellt, damit abends der Boden vom Reinigungspersonal gewischt werden konnte.

Nun gut, die Kinder hätten natürlich auch selbst die Stühle hochstellen können, sie hätten auch selbst den Boden wischen können et cetera, aber irgendwann mussten sie eben auch Hausaufgaben machen, so dass die Genauigkeit der Damen hier alltagsuntauglich wurde. „Anschließend waren wir wie vor den Kopf gestoßen: Ohne uns über den Ablauf zu informieren, sind Sie einfach los“, fuhr die Älteste fort. „Wir wussten wirklich nicht, was nun passieren sollte. Dann bemerkten wir, dass es um die Hausaufgaben ging. Aber Sie haben nicht gesagt, was Sie von uns in der Situation erwarten, so dass wir dann in der Klasse herumstanden. Wichtig wäre auch gewesen, den Kindern zu erklären, warum wir da sind und zuschauen. Sie müssen den Kindern immer verdeutlichen, was Sie vorhaben: Das ist unheimlich wichtig im Umgang mit Kindern, denn diese sind schließlich von Ihnen abhängig.“

Gregor hatte es nicht mehr geschafft, diesem Wortschwall zu folgen: Er war abgelenkt gewesen, weil ihm durchs Fenster einige Kinder zugewinkt hatten. „Nun gut“, ging es weiter, „was dann wirklich nicht ging war im Weiteren, dass Sie einfach den Tisch vorbereitet haben für das Töpfern, ohne die Kinder miteinzubeziehen. Es ist grundlegend, die Kinder bei Aktionen in den gesamten Prozess miteinzubeziehen, damit sie lernen, dass man nicht einfach so töpfern kann, sondern dass das auch Vorbereitung erfordert.“

Gregor fragte sich, ob sie die Kinder für völlig blöd hielt. „Dann hätten Sie“, fuhr sie fort, „einleitende Worte finden müssen, was beim Töpfern beachtet werden muss und welches Thema verfolgt wird – das wäre auch wichtig gewesen, um uns ins Bild zu setzen. Nun saßen wir einfach da und wussten nicht, was wir tun sollten. Daher haben wir dann mitgetöpfert, ohne zu wissen, ob das in Ihrem Sinne war.“

Gregor war erstaunt: Was hätte ihn daran interessieren können, ob vier Frauen ein Stück Ton in der Hand hielten oder nicht? Hier waren sie wieder an dem Punkt angelangt, dass Erwachsene ihre Bedürfnisse äußern können sollten; hatten sie Fragen, dann sollten sie in der Lage sein, diese zu stellen. Die Älteste war noch nicht fertig: „Was gar nicht ging, dass Sie, als wir sagten, Sie sollten bitte zum Ende kommen, die Kinder einfach haben sitzen lassen, ohne die Aktion zu beenden und gemeinsam aufzuräumen. Wir waren wirklich entsetzt, dass solche Basishandlungen nicht vorhanden sind!“

Gregor hatte nur noch Fragen, die er nicht stellte. Die Kinder hatten in der Zwischenzeit sicherlich aufgeräumt, denn Agnes war ja auch noch da – so etwas nannte man Teamarbeit. Aber Gregor hatte das Töpfern eben ohne Aufräumen verlassen! Dass die Kinder noch gerne hatten weitermachen wollen und er dies zugelassen hatte, weil es nun einmal so war, dass Kinder in einer OGS spielten, war ein schwerer Fehler gewesen – und dies konnte man, auch noch im Nachhinein, nur einsehen: Die Damen wandten die reine Lehre an, Praxis spielte keine Rolle.

Zum Abschluss ging die Älteste noch ein wenig auf die Zukunft ein: „Sie sehen, Sie haben noch Entwicklungsbedarf bei den Basiskompetenzen des Erzieherverhaltens – deshalb müssen Sie noch viel lernen. Allerdings haben wir auch Ansätze gesehen, die uns glauben lassen, dass wir Ihnen diese Kompetenzen vermitteln können. – Nun müssen Sie den Raum kurz verlassen, damit wir uns beraten können in Bezug auf Ihre Note.“

Gregor verließ den Raum und lauschte an der Tür. Die Unscheinbare traute sich tatsächlich wieder, vorsichtig etwas gegen den Strom zu sagen. Sie sagte, dass sie vieles eigentlich richtig gut gefunden habe, wie Gregor mit den Kindern umgegangen sei.

Die Älteste erwiderte: „Du und deine Menschenfreundlichkeit. Ich weiß das ja zu schätzen, dass du in unserer Runde immer das abmildernde Element bist, aber ich muss dir hier widersprechen: Es gab einfach noch zu viele Fehler, an denen man merkt, dass er das, was er hier tut, nicht gelernt hat.“ Die anderen beiden stimmten ihrer Rudelführerin selbstverständlich zu: Sie waren noch jung und konnten es sich nicht erlauben, eine andere Meinung als ihre Ziehmutter zu haben. Die Unscheinbare, hinter deren unscheinbarer Fassade aber so einiges steckte, verkündete dennoch Folgendes: „Also, ich plädiere für eine 2,0.“

Die anderen mussten sie wohl gerade entgeistert angeschaut haben, denn es war für kurze Zeit absolute Stille im Raum, bis Frau Biest ausführte: „Ich habe Gregors Leistung im mangelhaften Bereich gesehen und kann ihn damit nicht durchkommen lassen.“

Frau Biest war ungefähr in Gregors Alter, sie war noch frisch an der Schule und schien sich ein Standing erarbeiten zu wollen. Die anderen beiden sagten, dass das zu hart sei. Sie würden ihm nicht das Gefühl geben wollen, dass er schon gut sei, aber im ausreichenden Bereich hätten sie ihn schon gesehen.

Da die Mutter der Gruppe für eine 4 war, bekam Gregor diese auch. Er ging ein paar Schritte von der Tür weg und kurz darauf wurde er hineingebeten. Mama führte aus: „Also, die gute Nachricht ist, Sie haben bestanden. Allerdings dürfen Sie sich darauf nicht ausruhen, denn einige von uns haben Sie auch im mangelhaften Bereich gesehen. Sollten Sie bald in Ihr Praxisjahr starten, was Ihnen ja jetzt freisteht, dann müssen Sie noch sehr viel an sich arbeiten. Trotzdem gratuliere ich Ihnen.“

Gregor war mächtig stolz, als diese Frau ihm gratulierte. Er sagte nichts, und die Damen machten sich bereit, Feierabend zu machen. Mittlerweile war es 16:45 Uhr, und die Entourage hatte um 12:30 Uhr die Einrichtung betreten: Gregor hatte das Gefühl, dass es nun wirklich genug war.

Um zukünftigen Generationen Erinnerung zu ermöglichen, wollte der erfolgreiche Prüfling das Prüfungsergebnis in einer Urkunde festhalten, diese rahmen und sie am Ort der Verkündigung des Ergebnisses aufhängen. Allerdings hatte er die Befürchtung, dass die Damen an der Erstellung der Urkunde nicht mitarbeiten würden. Daher brachte er die Gestrengen zur Tür. Zu Agnes sagten diese: „Tschüüs.“ Ihre Stimmen waren belegt, wahrscheinlich hatten sie Durst: Sie hatten tatsächlich den ganzen Tag über nicht einmal gesagt, dass sie ein Getränk gebrauchen könnten, sie hätten es selbstverständlich sofort bekommen.

Agnes war noch als Letzte mit einem Kind da. Die OGS schloss um 17 Uhr. Endlich waren die Damen weg: Agnes und Gregor überfiel Erleichterung. Agnes sagte: „Das war ein unglaublicher Auftritt und ein unglaublicher Tag – was bin ich froh, dass die Damen nicht noch einmal kommen. Ich an deiner Stelle würde mir sehr genau überlegen, ob es Sinn machen kann, unter dem Befehl dieser Pädagoginnen in eine Ausbildung zu gehen.“

Gregor musste ihr in allen Punkten zustimmen. Agnes machte sich anschließend auf den Nachhauseweg und Gregor spielte die letzten Minuten des Tages mit dem noch anwesenden Jungen Karten. Als dessen Vater kam, hielten sie ein Pläuschchen, und dann war der Tag geschafft. Es war ein Tag gewesen, wie man ihn nicht brauchte – und das alles freiwillig und selbst eingestielt. Irgendwie war das schon verrückt. Gregor genoss die Ruhe, die sich über die OGS gelegt hatte. Er fegte den Flur, räumte schmutziges Geschirr in die Spülmaschine, stellte die Stühle hoch, schloss die Türen ab und fuhr nach Hause.

III.

Am folgenden Tag waren die Abläufe wieder ungestört. Die Damen, die so unangenehm präsent gewesen waren, waren vergessen. Gregor begann seinen Dienst um 11 Uhr. Er stellte die Stühle wieder auf den Boden vor die Tische und besuchte seinen Freund Ingolf, der vormittags in der Küche arbeitete und nachmittags regelmäßig die Kolleginnen und Gregor bei der Arbeit mit den Kindern unterstützte. Um 11:30 Uhr kamen die Erstklässler in die Betreuung. Sie meldeten sich an, indem sie Gregor begrüßten und dieser hinter ihren Namen auf der Namensliste einen Haken für den betreffenden Wochentag machte. Zwei Kolleginnen trafen ein: Der Tag hatte begonnen.

Gregor spielte mit acht Erstklässlern Fußball und hatte ein Auge darauf, was andere Kinder in den Büschen taten, in denen sie sich eine Hütte bauten. Als er bemerkte, dass sie Äste von den Bäumen absägten, was natürlich nicht erlaubt war, da ansonsten in kürzester Zeit keine intakten Bäume mehr vorhanden gewesen wären, schlug er ihnen vor, den Hausmeister zu fragen, ob er Bretter für sie habe. Nach kurzer Zeit kamen sie mit Brettern zurück und es klopfte herzerfrischend aus den Büschen heraus. Gregor verlor, wie fast immer, ein spannendes und zwischenzeitlich auf des Messers Schneide stehendes Fußballspiel am Ende doch deutlich mit 12:7. Anschließend gingen die Erstklässler zum Essen und Gregor in das Büro der OGS. Es handelte sich um einen kleinen Raum, der als Abstellkammer und Garderobe für die Angestellten diente. Der Schreibtisch, der sich im Büro befand, wurde lediglich als Unterlagenaufbewahrungsort genutzt, denn Gregors Chefin erledigte die notwendigen Verwaltungsaufgaben zu Hause, womit sie durchschnittlich eine Stunde in der Woche beschäftigt war. Büro hieß die Kammer nur, weil irgendwann einmal jemand einen Schreibtisch hineingestellt hatte. Gregor zog sich ein frisches T-Shirt an und setzte sich anschließend an den Maltisch, um mit einigen Kindern Bilder zu malen. Zwischenzeitlich war er an der Werkbank gefragt, wo zwei Kinder sich kleine Holzhäuser bauten. Danach stand die täglich stattfindende Runde am Kickertisch gegen Peter, einen Drittklässler, an, gegen den er tatsächlich oft verlor, auch wenn er ernsthaft spielte ohne Rücksichtnahme. Es folgten das Mittagessen und die sich daran anschließenden Hausaufgaben. Anschließend spielte Gregor erneut eine Runde Fußball, dieses Mal gegen eine Gruppe von Dritt- und Viertklässlern. Zum Abschluss des Tages spielte er mit einigen Kindern Karten.

So oder auf ähnliche Weise verliefen die Tage in der OGS. Aufgrund der ständigen Abwechslung verging die Zeit meist wie im Flug.

Gregor fragte sich, wie es entstehen konnte, dass solch ein funktionierender Ablauf in dem Maße kritisiert werden konnte, wie die Damen es getan hatten.

Zweimal im Monat war in der OGS eine Teamsitzung angesetzt. Die Kolleginnen und Kollegen trafen sich morgens, um aktuell anstehende Angelegenheiten zu besprechen. Zu Beginn hatten sie sich grundsätzlich vorgenommen, pädagogische Themen zu diskutieren. Es ging bei diesen Diskussionen um allgemeine pädagogische Fragen oder um konkrete Kinder, die entweder positiv oder negativ aufgefallen waren, um sich ihre momentane Verfassung und ihren momentanen Stand vor Augen zu führen. Während der Sitzung tranken sie Kaffee, aßen etwas. Es war meist eine gelungene Veranstaltung, bei der darüber hinaus Ergebnisse herauskamen.

Gregor war klar, dass er nun nur noch drei Wochen in dieser OGS sein würde, da er sich in der Zwischenzeit entschieden hatte, in das Praxisjahr zu starten. Zufällig hatte er eine Stellenanzeige gesehen, in der ein Erzieheranwärter für eine OGS gesucht wurde, der sein sogenanntes Anerkennungsjahr, das Praxisjahr, absolvieren wollte. Er hatte sich beworben, war zum Vorstellungsgespräch eingeladen worden und nun hatte er die Zusage erhalten. In seiner aktuellen OGS bestand ja leider nicht die Möglichkeit, ihn Vollzeit zu beschäftigen, was Voraussetzung für die Praxisausbildung war. Daher musste er wechseln.

Es waren also nur noch wenige Wochen, bis er die Einrichtung, in der er so ziemlich alles bis auf die Bezahlung mochte, verließ. Die Dinge liefen weiter wie bisher, nur dass sein Abschied immer näher rückte – es war schon ein ungutes Gefühl, musste er sich eingestehen.

Sein letzter Tag hatte dann eine gewisse Härte: Neben dem Umstand, dass es sein letzter Tag war, was alleine schon schwer genug wog, wurde er auch noch verabschiedet. Viele Kinder waren bedrückt und unzufrieden damit, dass er ging. Aber immerhin war es so besser, als wenn sie seinen Abschied kaum hätten erwarten können.

Die Anfangszeit

Nachdem das auf die Verabschiedung folgende Wochenende vergangen war, schellte am Montagmorgen der Wecker um 5:30 Uhr; nun war es fix, Gregor war endgültig Auszubildender. Sein Dienst begann an diesem seinem ersten Ausbildungstag in seiner neuen OGS um 7 Uhr.

Gregor nahm sich vor, sich gegenüber dem Profil seiner neuen Einrichtung, in die er heute zum ersten Mal kommen würde, neutral zu verhalten. Lediglich seinen individuellen Umgang mit den Kindern musste man ihm in einer demokratischen Gesellschaft schon zugestehen.

Die Chefin der Offenen Ganztagsschule, in der er gleich seinen Dienst anzutreten hatte, hieß Mathilda Zimmermann-Kowalewski, Doppelname, der durfte nicht fehlen, schließlich hatte es die Frauenbewegung gegeben, so dass frau einen Zeichen setzen und Flagge zeigen musste. Allerdings war dies eine unzulässige Gehässigkeit, da Mathilda, die Gregor gleich im Vorstellungsgespräch das Du angeboten hatte, nett zu sein schien.

Gregor kam aus dem Bad und gönnte sich ein durchaus üppiges Frühstück. Anschließend setzte er sich ins Auto und fuhr los. Die Uhr zeigte 6:30 Uhr. Es war noch dunkel.

Nun also stand der erste Arbeitstag des Ausbildungsjahres kurz bevor. Gregor parkte und wenige Momente später begrüßte er die bereits anwesenden neuen Kolleginnen und Mathilda, die Frau, die nun für ein Jahr seine Chefin sein würde. Mathilda zeigte ihm die Räumlichkeiten und gab einen kurzen Abriss der Abläufe, zeigte ihm die Dienstpläne und erklärte eine Liste, in welcher stand, in welchem Raum sich welche Kollegin wann aufhalten sollte, um Aufsicht zu führen – so weit, so gut. Die ersten Kinder trudelten ein. Gregor begrüßte sie, stellte sich vor und setzte sich mit einigen von ihnen an einen Tisch, um ein Gesellschaftsspiel zu spielen – so etwas kannte er ja gut aus den letzten Jahren.

Nachdem drei Stunden vergangen waren, es war mittlerweile hell geworden, wollte ihm seine neue Chefin das Außengelände der Einrichtung und die Schule zeigen.

Die Ganztagsbetreuung bestand aus einem Gebäude, das angrenzend an das Schulgebäude errichtet worden war. Vor diesen Gebäuden befand sich der Schulhof, der übliche asphaltierte, wenig inspirierende Hof mit den üblichen Spielgeräten: Schaukel, Rutsche, Klettergerüst. Auf dem Schulhof lernte Gregor von Mathilda, dass es sich bei diesem nicht um den Schulhof handelte, dieser Begriff traf höchstens noch für die Schulpausen zu, sondern um eine Lernumgebung: Der asphaltierte Hof, der auch als Außenspielbereich für die Ganztagsbetreuung diente, war also eine Lernumgebung. Gregor lernte, dass die Kinder nicht nach der Schule in die Betreuung kamen, um ihre Hausaufgaben zu erledigen, um zu essen und um anschließend, in ihrer Freizeit, zu spielen, sondern sie sollten ununterbrochen lernen beziehungsweise lernten ununterbrochen durch die für sie vorbereitete Lernumgebung – davon war Mathilda überzeugt.

Es ging also nicht darum, wie in früheren Zeiten, als solche Betreuungseinrichtungen noch die Ausnahme gewesen waren, spielend, wie es Kinder eben tun, die Freizeit mit Freunden zu verbringen, nun eben in der Einrichtung, sondern es handelte sich um eine Umgebung, in der der Nachwuchs, angeregt durch didaktische Kniffe der Erzieherinnen, beständig lernen sollte – dafür waren die Anregungen unbedingt notwendig, wie Gregor von seiner neuen Chefin erfuhr.

Gregor sah ein, dass Kinder durch ihr Tun beständig irgendetwas lernten, aber dass sie das nur unter didaktischer Anleitung taten, war ihm neu.

Mathilda erklärte ihm, dass sich die Einrichtung in Lernumgebung Innenbereich und Lernumgebung Außenbereich unterteilte. Danach musste sie dringend weg, denn sie hatte ein sehr wichtiges Gespräch mit einer Mutter, bei dem es um deren Kind ging, dass sich nicht adäquat verhalten hatte: Es hatte den Anschein, dass es Mathilda viel bedeutete, wichtig zu erscheinen. Gregor war froh, sie erst einmal los zu sein, denn dass der buckelige Asphalthof eine Lernumgebung war, das musste sacken – irgendwie klang Lernumgebung nach Schönfärberei: Es schien sich um ein Phänomen der aktuellen Zeit, um einen Zeitgeist, zu handeln, der für alles schöne Worte fand, dabei allerdings das Tatsächliche lediglich beschönigte beziehungsweise das Tatsächliche verfremdete – wie beim Wort Putzfrau, das durch Raumpflegerinnen und Raumpfleger ersetzt worden war.

Schlimm war nur, dachte Gregor, wenn Menschen solche schönen Worte als Realität ansahen, also als wahr, dann konnte es ungemütlich werden – Mathilda schien von ihren Aussagen überzeugt zu sein, was kein gutes Zeichen war. Aber auf dieses Spielchen musste er sich wohl einlassen, wollte er als Auszubildender bestehen.

Kurz nachdem Mathilda Gregor verlassen hatte, lief eine Frau über den Schulhof, bei der es sich, ihre Tasche ließ es vermuten, um eine Lehrerin der Schule handeln musste – ein Lichtblick nach diesem Vortrag Mathildas. Gregor nahm sich vor, zu den Lehrerinnen der Schule ein gutes Verhältnis aufzubauen, um einen Ausgleich gegenüber seiner Ausbildungsstätte zu haben: Da er aufgrund des Verhaltens seiner Lehrerinnen vom Berufskolleg während seiner praktischen Prüfung in seiner ehemaligen OGS nicht davon ausging, dass seine Ausbildung glatt und angenehm verlaufen würde, musste er andere Akzente setzen – hier war er realistisch, ließ sich aber natürlich gerne eines Besseren belehren. Das Jahr würde es zeigen.

Gregor beschloss kurzerhand, der Lehrerin zu folgen, um sich, sofern sie Zeit und Lust hatte, von ihr die Schule zeigen zu lassen, weil Mathilda daran durch ihren gewichtigen Termin gehindert worden war.

Als er sie eingeholt hatte, sprach er sie an, stellte sich vor und berichtete: „Es handelt sich um meinen ersten Tag hier an der Schule. Daher wäre es großartig, wenn Sie mir die Schule zeigen könnten.“

Die Lehrerin zeigte sich angenehm überrascht, auch einmal einen Mann an ihrer Arbeitsstelle anzutreffen: Wie er von ihr erfuhr, war er, neben dem Hausmeister, der einzige männliche Erwachsene an der gesamten Schule. Sie meinte, dass sich die Kinder sicher freuen würden und dass es gerade für die Jungen gut sei, männliche Handlungsweisen vorgelebt zu bekommen.

Nachdem sie sich auf diese Weise miteinander bekannt gemacht hatten, gingen sie gemeinsam durch das Schulgebäude und Anna, so hieß sie, hatte die spontane Idee, Gregor in allen Klassen kurz vorzustellen. Daher betraten die beiden den Klassenraum der ersten Klasse, wo die Kleinen gerade den Buchstaben C lernten, der nicht so leicht war, da es sich schwierig gestaltete, Wörter zu finden, die mit C anfingen. Anna sprach mit der Klassenlehrerin, und Gregor durfte sich den Kleinen vorstellen. Anschließend setzten sie ihre begonnene Runde durch die Schule fort: Die Lehrerinnen schienen sympathisch zu sein.

Es wurde für Gregor nun langsam Zeit, in die Betreuung zurückzukehren – er wollte nicht direkt am ersten Tag aufgrund von Abwesenheit unangenehm auffallen.

Da die meisten Kinder noch Schule hatten, war es in der OGS relativ ruhig, so dass er sich mit den anwesenden Kolleginnen unterhalten konnte, die ihm weitere Dinge zeigten, wo sich Bastelmaterial für die Kinder befand und so weiter. Anschließend setzte er sich zu einigen Kindern, die mit ihm Bilder malen wollten. Zuerst malte er mit einem Jungen ein schnelles und wild aussehendes Rennauto, das dieser später am Tag stolz seinem Vater zeigte, als dieser ihn abholte.