Der Berg der Drachen - Jessica S. Bolton - E-Book

Der Berg der Drachen E-Book

Jessica S. Bolton

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Beschreibung

Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Wenn sie nun das Medaillon nur betrachteten und mich anschließend auslachten? Würde ich dann noch diesen Ort lebend verlassen? June Milton sucht Hilfe für die Firma ihres Vaters bei einer Gruppe, die sich »Die Drachen vom Berg« nennen. Das Medaillon, welches sie von ihrer verstorbenen Mutter erbte, öffnet ihr die Tür zu Dragonscave, dem Sitz dieser Gruppierung. Tatsächlich wird ihr mit Zephyr jemand zur Seite gestellt, der ihr bei der Lösung der Probleme behilflich sein soll. Ihr Vater ist davon nicht begeistert und seine Abneigung gegen den Neuankömmling steigert sich noch, als sich June und Zephyr immer besser verstehen. Schnell finden sie heraus, dass es innerhalb des Unternehmens eine undichte Stelle gibt. Doch noch mehr beunruhigt es June, dass das Medaillon anscheinend ein Geheimnis birgt, was ihr Vater ihr verschweigt.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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       Der Berg der Drachen: Zephyr

Cover: magicalcover.de

Das Werk aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten, einschließlich der Vervielfältigung, Übersetzung, Mikroverfilmung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.

Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und sind nicht beabsichtigt.

Kapitel 1

June

»Sie haben Ihr Ziel erreicht.«

Ich kniff die Augen zusammen und versuchte zu erkennen, wo ich meinen Wagen und mich am Sinnvollsten parken konnte. Die Dunkelheit war bereits hereingebrochen und die Dorfbewohner sahen Straßenlampen anscheinend als überflüssigen Luxus an. Immerhin funktionierten die Scheinwerfer an meinem Fahrzeug und in einem etwas größerem Gebäude waren die Fenster erleuchtet. Es war wohl ein Gasthaus – zumindest hoffte ich es. Ein Hotel würde ich hier am Ort bestimmt nicht finden.

Ich fuhr über die holprige Straße bis zu dem Haus, parkte den Wagen direkt davor und kümmerte mich nicht um die Frage, ob ich vielleicht gerade im Halteverbot stand. Es war kaum zu befürchten, dass die örtliche Polizei an einem Abend wie diesem Überstunden schob, um Parksünder aufzuschreiben.

Ich stieg aus … und fluchte leise, da ich nicht nur in ein Schlammloch getreten war, sondern weil es außerdem zu regnen begann. Während ich die Tür zum Haus aufstieß, hoffte ich inständig, dass der Inhaber auch Zimmer vermietete. Ich war nicht darauf erpicht, die ganze Nacht im Wagen zu verbringen.

Es war nicht gerade der Inbegriff einer rauschenden Party, der mich im Inneren erwartete. In der Schankstube saßen vielleicht ein halbes Dutzend schweigende und leicht dösige Männer und hinter der Theke wartete ein ebenso schläfriger Barkeeper auf Bestellungen. Das Eintreffen eines neuen und zudem noch weiblichen Gastes weckte ihn für einen Moment aus seinem Halbschlaf.

»Was darf es sein?«

»Guten Abend. Kann ich bei Ihnen ein Zimmer für zwei Tage mieten?«

Dem Gastwirt blieb der Mund offenstehen. »Sie wollen hier übernachten?«

»Wenn Sie nichts dagegen haben. Gibt es hier denn nun ein Zimmer?«

»Ja schon, aber … aber warum?«

Nun war ich es, die sich wunderte. »Ich habe ein Geschäft zu erledigen.«

»Und wo?«

Die Fragerunde hatte gerade erst begonnen und ging mir bereits auf die Nerven. »Das ist doch meine Sache, oder? Also … haben Sie ein Zimmer für mich?«

»Einen Moment, bitte.« Er wandte sich um und verschwand hinter einem leicht schmuddeligen Vorhang.

Diese Gelegenheit nutzte ich, um mich etwas umzuschauen. Ich würde wohl die nächsten Tage das Dorfgespräch sein, denn alle Anwesenden begafften mich ungeniert. Normalerweise schätzte ich es nicht unbedingt, von Männern angestarrt zu werden – zumindest nicht von solchen Exemplaren, wie sie hier in dieser Kneipe versammelt waren. Ich war vielleicht auch nicht das beste Modelmaterial, aber die Kerle hier wirkten so, als wäre deren Stammbaum ein Kreis. Und kaum hatte ich es gedacht, schon erhob sich einer von denen und lächelte mich mit einer beeindruckend lückenhaften Kauleiste an.

»Kanns' bei mir pennen, w'nnste nich weiß', wo du hinsollst.«

Oh ja, der Traum meiner schlaflosen Nächte wurde soeben wahr. Wie sollte ich ein solch herausragendes Angebot nur ablehnen? Aber ich konnte aufatmen, denn Rettung nahte aus dem hinteren Bereich des Gasthauses. Anscheinend hatte der Wirt seine Frau alarmiert, weil er mit einer Kundin nicht zurechtkam, die den Wunsch nach einer Unterkunft äußerte. Wahrscheinlich bestand sein Job nur darin, die Typen hier abzufüllen und bei der Arbeit nicht einzuschlafen.

Die dickliche, etwas kurz geratene Frau musterte mich mit ihren schrägstehenden Augen und wischte sich die Hände an einer grotesk schmutzigen Schürze ab. »Sie wollen ein Zimmer? Hier?«

Oh mein Gott! Auch sie schien bei der Verteilung der Geistesgaben nicht in der ersten Reihe gestanden zu haben. »Ja!«, erwiderte ich schließlich.

»Warum?«

»Meine Sache! Haben Sie ein Zimmer?«

Sie öffnete den Mund – wahrscheinlich wollte sie eine neue, mindestens ebenso intelligente Frage stellen – doch es kam kein Ton heraus. Stattdessen starrte sie mit weit aufgerissenen Augen auf meinen Hals. Bevor ich etwas sagen konnte, drehte sie sich so schnell um, wie es ihre Figur zuließ, und boxte dem Wirt kräftig an die Schulter.

»Steh nich' so dösig herum, du Nichtsnutz! Los, geh, bereit' unser bestes Zimmer vor!«

Der Kerl sah sie zunächst nur beleidigt an, aber als sie erneut ausholte, da trollte er sich dann doch.

»Ähm … vielen Dank, Miss«, sagte ich.

Sie deutete eine Verbeugung an. »Das is' doch selbstverständlich. Seien Sie in meinem bescheidenen Heim willkommen.« Die mühsame Art, mit der sie den Satz über die Lippen brachte, zeigte mir ganz eindeutig, dass sie normalerweise eine eher rustikale Sprache bevorzugte. »Soll jemand Ihr Gepäck ins Zimmer bringen?«

Ich deutete auf die kleine Reisetasche in meiner linken Hand. »Hab alles dabei.«

Erneut nickte sie ehrerbietig. »Dann folgen Sie mir bitte, Ma'am.«

Wir stiegen über eine bedenklich knarrende Treppe in den ersten Stock hinauf. In dem besten Zimmer – wie sie sich ausgedrückt hatte – verbreitete eine Glühbirne an einem nackten Kabel ihr trübes Licht. Der dicke Wirt gab sich geschäftig und hantierte noch im Bad herum. Obwohl es natürlich kein richtiges Badezimmer war, wie ich selbst von meinem Standort aus sah.

»Ich hoffe, es gefällt Ihnen«, sagte die Frau.

»Das wird es.« Die Lüge kam mir überraschend leicht über die Lippen. Es stimmte selbstverständlich nicht, denn trotz der trüben Funzel an der Decke sah ich nur zu deutlich, dass das Zimmer in den letzten Wochen kaum saubergemacht worden war. Wie das Bettzeug aussah, darüber konnte ich nur spekulieren, machte mir aber keine allzu großen Hoffnungen, was die Sauberkeit anging. Die beiden standen schließlich unschlüssig im Raum und warteten offensichtlich auf mein abschließendes Urteil.

»Kann ich morgen hier frühstücken?«, fragte ich noch – obwohl es natürlich gewagt war. Andererseits hatte ich einen ziemlich robusten Magen, der hoffentlich auch mit dem Essen hier in der Gaststätte zurechtkommen würde.

»Selbstverständlich. Ist Ihnen acht Uhr recht?«

»Ja, vielen Dank.«

»Dann wünschen wir Ihnen einen angenehmen Aufenthalt.« Dienernd verabschiedeten sich die Gastleute, wobei der männliche Teil der beiden dümmlich kicherte.

Aufatmend stellte ich meine Reisetasche ab, nachdem ich allein war. Mit spitzen Fingern hob ich die Bettdecke etwas an und registrierte zufrieden, dass mich weder eine überdimensionierte Bettwanze noch eine mittelgroße Ratte ansprang. Kopfschüttelnd packte ich die Tasche aus. Warum machte ich mir Sorgen über die Sauberkeit des Betts? Ich stand vor einer Erfahrung, von der ich keine genaue Vorstellung hatte. Nach Sonnenaufgang würde ich den Berg am Dorf hinaufsteigen und die dortigen Bewohner auffordern, mir den Gefallen zu gewähren, den ich einforderte. Nein, das Frühstück morgen früh war mein geringstes Problem.

Vorsichtig zog ich das Medaillon vom Hals und legte es auf den wackeligen Nachttisch, bevor ich ins Bad ging.

*****

Ich schlief nicht besonders gut und das Brot am anderen Morgen war eigentlich nicht genießbar. Vielleicht lag es auch an meiner Nervosität, dass ich kaum einen Bissen herunterwürgen konnte. Wenigstens war der Kaffee heiß und stark, sodass ich mir zwei Tassen davon gönnte – was meinen Nerven nicht gerade guttat.

»Gibt es hier ein Transportunternehmen oder ein Taxi, was mich bis zum Berg fahren kann?«, fragte ich die Gastwirtin. »Mein eigenes Fahrzeug ist für diese Straßen nicht gemacht, weil es tiefergelegt ist.«

Sie schüttelte den Kopf. »Sie werden hier niemanden finden, der sich in die Nähe dieses Ortes traut. Nicht jeder hat ein Medaillion, das ihn vor den Wesen schützt.« Sie ließ sich auf den zweiten Stuhl am Tisch nieder und beugte sich zu mir nach vorn. »Woher haben Sie das eigentlich?«, flüsterte sie.

»Ich besitze es seit meiner Kindheit.«

»Und nun wollen Sie …«

Ich nickte. »Es hat lange genug gedauert, bis ich die Bedeutung dieses Schmuckstücks herausgefunden habe. Doch nun ist die Zeit gekommen, es einzusetzen.«

»Dann kann ich Ihnen nur viel Glück wünschen. Sie werden es brauchen. Vielleicht sollten Sie es sich nochmal überlegen.«

Das klang alles andere als ermutigend, aber im Grunde genommen hatte ich es von Anfang an gewusst. Bis zu meiner Ankunft hier im Dorf war ich mir nicht einmal sicher gewesen, dass das Medaillon tatsächlich ein besonderes Erkennungszeichen war, doch die Reaktion der Wirtin sprach Bände.

»Kann ich mir denn hier irgendwo einen Wagen mieten?«, rief ich ihr zu.

Sie schüttelte nur bedauernd den Kopf und schien auch nicht gewillt zu sein, noch irgendeinen Ton von sich zu geben.

Ich wollte schon aufbrechen, als mich die Wirtin aufhielt. »Wenn es Ihnen nichts ausmacht, würde ich gerne abkassieren.«

Ich zog eine Augenbraue hoch. »Wieso das denn? Ich habe das Zimmer für zwei Tage gemietet und …«

»Nur für alle Fälle! Es ist ja möglich, dass Sie nicht ...«

Ich verstand, zog meine Geldbörse aus der Tasche und zählte ihr den gewünschten Betrag in die geöffnete Hand. Sie bedankte sich verlegen. Ich hoffte nur, dass sich ihr Pessimismus, was meine Überlebenschancen anging, nicht bewahrheitete. Für einen winzigen Moment schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich ja auch einfach zu mir nach Hause zurückkehren könnte. Aber ich verwarf diese Idee sofort wieder. Entweder stellte sich die ganze Geschichte als Humbug heraus oder das Medaillon würde mich schützen. Eine dritte Möglichkeit gab es nicht. Hoffentlich.

*****

Im Morgenlicht hatte ich mich von der Entfernung zum Berg täuschen lassen. Da war es mir so vorgekommen, als würde sich das Dorf in unmittelbarer Nähe des Berges befinden. Doch ich benötigte zwei Stunden zu Fuß, bis ich den Einstieg in einen Passweg erreichte. Nach einer weiteren anstrengenden Kletterei bemerkte ich, wie schlecht ich auf so eine Exkursion vorbereitet war. Ohne etwas zu trinken oder zu essen auf eine Wanderung zu gehen, war schlicht und ergreifend dumm gewesen. Daher war ich erleichtert, als mir ein Mann entgegenkam.

»Hallo!«, rief ich. »Ein Glück, dass ich Sie hier treffe. Haben Sie etwas zu trinken bei sich, was Sie mir geben könnten?«

Er heftete seine kühlen, blauen Augen auf mich und strich sich eine schwarze Locke aus dem Gesicht. »Was haben Sie hier zu suchen?« Seine Stimme klang beinahe feindselig.

»Ich muss auf den Berg.«

»Und warum?«

Schon wieder jemand, der mich ausfragte. In meinem Zustand war ich nicht daran interessiert, lange Gespräche zu führen. »Haben Sie nun etwas zu trinken für mich oder nicht?«

Immerhin lächelte er nun und stieg zu mir hinab. Als er direkt vor mir stand, bemerkte ich erst, wie groß und breit er war. Er überragte mich um einen Kopf und wenn ich seinen Körperbau unter der Kleidung richtig beurteilte, dann hatte er sein bisheriges Leben damit zugebracht, in den Bergen herumzuklettern. Viel wichtiger war mir aber in dem Moment, dass er mir seine Feldflasche reichte.

Ich trank das Wasser so gierig, als würde es sich dabei um den köstlichsten Wein auf Erden handeln. Ich gab ihm schließlich das fast leere Gefäß zurück, als seine Hand unvermittelt vorschoss und mir das Medaillon vom Hals riss.

»Hee, was soll das?«

Er reagierte gar nicht, sondern besah sich das Schmuckstück von allen Seiten.

»Geben Sie mir das gefälligst wieder!«

Es hätte mich nicht gewundert, wenn er es behalten hätte und einfach an mir vorbeigegangen wäre. Aber stattdessen gab er es mir zurück.

»Folge mir!«

Ich stopfte das Medaillon in meine Tasche und überlegte einen kurzen Moment lang, ob ich nicht lieber ins Dorf zurückkehren sollte. Der seltsame Mann war bereits zur nächsten Spitzkehre weitergegangen und drehte sich dort zu mir um.

»Du musst dich nun entscheiden, ob du deinen Weg weitergehen willst. Eine zweite Chance wirst du nicht erhalten.«

Mit einem ärgerlichen Knurren auf den Lippen folgte ich ihm. Hoffentlich würde ich es nicht bereuen.

Kapitel 2

June

Wie hatte ich nur hoffen können, den Weg alleine zu finden? In meiner Vorstellung war es ein schnurgerader Bergpfad gewesen, der vor einer Art Burg endete. Eine alberne Idee. Stattdessen kletterten wir über einige Abhänge, die ich ohne Hilfe des Mannes kaum hätte meistern können.

»Einen Moment, bitte«, sagte ich, nachdem wir zum dritten Mal eine solch schwierige Stelle durchstiegen hatten. »Ich brauche eine Pause.«

»Es ist nicht mehr sehr weit.«

»Das haben Sie bereits vor einer Stunde gesagt. Wissen Sie wirklich, wohin wir gehen müssen?«

»Natürlich.«

»Wie heißen Sie eigentlich?« Ich wunderte mich selbst, dass ich diese naheliegende Frage nicht schon längst gestellt hatte.

»Zephyr.«

Ich kämpfte immer noch mit der knappen Luft und gegen das Seitenstechen, während ich mich leicht vornüberbeugte. »Wollen Sie gar nicht wissen, wie ich heiße?«

»Du bist June.«

Das verschlug mir doch jetzt die Sprache. »Woher kennen Sie meinen Namen?«

»Das Medaillon.«

»Ach? Ich wusste gar nicht, dass darauf mein Name eingraviert ist. Die Besitzerin könnte es ja auch an jemanden verkauft haben.«

»Die würde aber nicht die Bedeutung kennen. Und falls doch …« Er legte eine ominöse Pause ein, die mir nicht sonderlich gefiel. »Komm jetzt weiter oder kehre um.«

Was blieb mir übrig? Mit einem Fluch auf den Lippen stapfte ich hinter ihm her.

Wir durchquerten noch zwei Höhlen, stiegen einen steilen Pfad mit ziemlich rutschigem Gestein hoch … und standen schließlich vor einem großen Tor.

»Willkommen in Dragonscave, unserem Stammsitz«, sagte er, bevor er wuchtig an das Holztor klopfte.

»Wer begehrt Einlass?«, drang eine tiefe Stimme zu uns heraus.

»Zephyr von Dragonscave und June, die Sucherin.«

Gut, der Nachname war mir bis dahin nicht geläufig gewesen, aber ich fand es ohnehin etwas albern, derartig altertümlich darum zu bitten, eintreten zu dürfen. Eine Türklingel anzubringen, wäre in meinen Augen weitaus sinnvoller.

Aber auch diese Zeremonie erfüllte ihren Zweck, denn beide Flügeltüren schwangen auf und gaben den Durchgang frei.

»Folg mir«, sagte mein Begleiter und ich beeilte mich, seiner Aufforderung nachzukommen. Nachher würde sich das Tor noch direkt vor meiner Nase schließen. Der langgestreckte Gang wurde durch zahlreiche Fackeln an den Wänden erhellt und wie jedes Mal, wenn ich so etwas sah, fragte ich mich, wer die wohl regelmäßig austauschte und anzündete.

»Bedienstete«, erwiderte Zephyr, als ich ihn darauf ansprach. »Junge Helfer unserer Art, die noch keine vollständigen Mitglieder der Gemeinschaft sind.«

»Ist bestimmt eine ermüdende Tätigkeit.«

»Niemand beklagt sich darüber.«

Er führte mich durch zahllose Flure und Räume, deren Ausstattung mich an Burgen in alten Ritterfilmen erinnerte. Mächtige Wandteppiche, riesige Tische mit unbequem aussehenden Stühlen wechselten sich mit Vitrinen und großen Gemälden ab, die dennoch nicht den düsteren Eindruck des Gemäuers abmildern konnten. Da halfen auch nicht die Fackeln, die es in Unmengen gab. Irgendwo musste es einen Vorratssaal geben, wo die Dinger gestapelt herumlagen.

»Sieht wie in einem Museum aus«, sagte ich, während er mich unverdrossen immer tiefer ins Gebäude hineinführte.

»Jeder Raum wird bei bestimmten und genau festgelegten Gelegenheiten benutzt.«

»Und warum?«

Immerhin sah er mich nun an, wenn auch nicht unbedingt freundlich. »So will es unser Brauch!«

In einem eher kleinen Raum hielten wir an und er deutete auf einen Sessel. »Warte hier. Ich werde dem Rat deine Ankunft melden.«

Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, verließ er den Raum und ließ mich allein zurück. Zuerst setzte ich mich gehorsam hin, aber schon nach kurzer Zeit wurde mir langweilig und ich ließ meiner Neugier freien Lauf. Zunächst betrachtete ich die Gemälde genauer, die sich beklagenswert wenig voneinander unterschieden. Sie zeigten immer einen Mann in Rüstung, der möglichst hoheitsvoll auf den Betrachter herabblickte. In den Bildrändern waren geflügelte Echsen abgebildet, die mir einen Schauer über den Rücken jagten, so wild und bedrohlich wirkten sie. Erst jetzt wurde mir richtig bewusst, wo ich mich eigentlich befand.

Ich nahm das Medaillon aus der Hosentasche und betrachtete es – nicht zum ersten Mal. Woher er wohl meinen Namen entnommen hatte? Anscheinend hatten die Runenzeichen, die den Rand zierten, doch eine tiefergehende Bedeutung. Ich fragte mich, was mein Vater sagen würde, wenn ich erst wieder zu Hause war. Begeistert würde er kaum sein, dessen war ich mir bewusst. Aber …

»Der Rat will dich sehen!«

Ich schrak zusammen, als Zephyr unvermittelt im Raum stand. Mein Herz schlug mir bis in den Hals hinauf, während ich dem riesenhaften Mann folgte.

*****

Auch der Ratssaal, in den mich mein Begleiter führte, erinnerte stark an einen alten Ritterfilm. Ich stand nun vor einer Tischreihe, hinter der ein halbes Dutzend Männer saßen, die mich musterten.

»Sprich!«, wurde ich vom mittleren Mann aufgefordert. »Erläuter dem Rat dein Begehr.«

Ich kramte in meinem Gedächtnis nach den Sätzen, die ich mir zurechtgelegt hatte. »Ich, June Milton, erbitte von euch Hilfe bei der Aufgabe, die vor mir liegt. Es geht um das Geschäft meines Vaters, der ...«

»Wenn es dein Vater ist, der Hilfe braucht … warum steht dann nicht er in diesem Moment vor uns?«»Er weiß nichts davon.« Ich zog erneut das Schmuckstück aus der Hosentasche. »Ich besitze ein Medaillon.«

»Zephyr teilte es uns schon mit. Tritt näher, damit wir es begutachten können. Ich muss dich aber warnen! Solltest du nicht berechtigt sein, dieses Medaillon zu tragen, ist dir eine harte Strafe gewiss!«

Obwohl ich – was das anging – nichts zu befürchten hatte, zitterten mir die Knie, als ich an die Tischreihe herantrat und die Halskette samt Anhänger überreichte. Jeder Einzelne von ihnen überprüfte es überaus gewissenhaft, bevor sie es mir zurückgaben und Zephyr zunickten. Der ging zu einer Seitentür und rief jemanden in den Saal. Waren die anwesenden Männer alle im Alter zwischen dreißig und vierzig gewesen – nur Zephyr war jünger – so betrat nun ein geradezu uralter Mann den Raum. Mir war nicht ganz klar, was man jetzt von mir erwartete, aber es schien auch niemand für nötig zu halten, mir die Sachlage zu erklären.

Jedenfalls hinkte der Greis auf mich zu – und legte mir seine knochigen Finger an die Schläfen. Ich wich instinktiv einen Schritt zurück.

»Es wird dir nichts geschehen«, sagte Zephyr. »Aber ich habe dir schon gesagt, dass wir sichergehen müssen.«

»Dass ich June bin? Könnt Ihr dann nicht einfach meinen Ausweis kontrollieren? Warum tastet er mir den Schädel ab?«

»Papiere kann man fälschen.«

Ehe ich weiter protestieren konnte, spürte ich erneut die eiskalten Fingerspitzen an den Schläfen. Dann musste ich es eben über mich ergehen lassen. Immer noch besser am Kopf, als dass er mich woanders abtasten würde. Dennoch war es auch so schon merkwürdig genug, als seine Finger mein ganzes Gesicht erforschten. Gerade wollte ich fragen, wie lange die Chose noch gehen würde, da zog er seine Hände zurück.

»Sie ist es. Sie ist June, die Tochter von Shannon.«

Ich verstand nur noch Bahnhof. Zephyr geleitete den alten Mann ins Nebenzimmer, während sich die sechs Ratsmitglieder erhoben.

»Sei uns willkommen, June. Wir werden nun über deinen Wunsch beraten.«

»Ich habe doch noch gar nicht gesagt …«

Ich strengte meine Stimme ganz umsonst an. Die sechs Männer reagierten nicht auf mich, sondern verließen nacheinander den Raum und ließen mich einfach stehen.

»Morgen früh wird dir die Entscheidung mitgeteilt werden.« Zephyr konnte sich wirklich leise fortbewegen, denn ich hatte ihn schon wieder nicht gehört.

»Was heißt das? Ich dachte, das Medaillon …«

»Es garantiert dir nicht, dass der Rat deinem Wunsch entspricht. Es öffnete dir nur die Tür zu uns.«

Na, das war ja wieder ganz toll. Aber es war nicht zu ändern. »Gut, dann warte ich eben bis morgen. Wo ist mein Zimmer?«

»Da du nicht zu uns gehörst, kannst du hier nicht übernachten.«

Hatte ich mich verhört? »Soll ich vielleicht den ganzen Weg zurück ins Dorf gehen? Und dann am nächsten Tag wieder hier heraufkommen? Wie soll ich denn wissen …«

Ich rief mir die Strecke ins Gedächtnis, aber es war hoffnungslos. Ich würde mich verirren, das war mir klar.

»Ich bringe dich nach unten und werde dir morgen früh die Entscheidung des Rates mitteilen.«

Ich atmete auf. Ein Problem weniger.

*****

Es dunkelte bereits, als das Dorf in Sichtweite kam. Ich war hundemüde, meine Füße brannten wie Feuer und wenn Zephyr mich nicht ein paarmal festgehalten hätte, wäre ich wohl den Berg hinuntergepurzelt.

»Von hier aus wirst du bestimmt zum Gasthaus finden.«

Hörte ich da eine Kleinigkeit Spott heraus? »Tut mir leid, dass ich nicht auf alpines Gelände vorbereitet war und meine Pfadfinderzeit schon lange zurückliegt.«

»Du warst bei den Pfadfindern?«

Ich verdrehte die Augen. »Das war nur ein Witz! Wirke ich auf dich wie ein Naturbursche?«

Mittlerweile duzte ich ihn ebenso unbekümmert wie er mich. Außerdem war ich viel zu müde, um noch gepflegte Konversation zu betreiben.

»Dann werde ich dich morgen früh aufsuchen.«

»Und wann?«

»Wenn die Sonne aufgegangen ist.«

»Danke!«, rief ich ihm nach, weil er sich bereits abgewandt und den Rückweg angetreten hatte. Er reagierte nicht darauf. »Alter Stockfisch!«, brummte ich und humpelte über den unebenen Weg auf das Dorf zu.

Obwohl es eine verhältnismäßig kurze Strecke war, benötigte ich bestimmt eine Stunde, bis ich das Gasthaus erreichte. Mittlerweile rutschte ich in meinen Schuhen hin und her, was wohl am Gemisch aus Schweiß und Blut lag. Schwere Wanderschuhe wären für diese Art von Wegstrecke sinnvoller als die Billigpumps gewesen, die ich trug.

Die Köpfe der Gäste und des Wirtes flogen in meine Richtung, als ich in den Gastraum taumelte.

»Hätt' nich' gedacht, Sie no'mal zu sehen«, sagte der Mann hinterm Tresen.

Mir stand nicht der Sinn nach langen Diskussionen, die ohnehin nicht zielführend gewesen wären. »Kann ich nachher etwas zu Essen bekommen? Und ein schönes Glas Wein?«

»Ha'm nur Bier.«

»Dann das, bitte.«

Ich zog mich mühsam am Geländer nach oben in die erste Etage und verbiss den Schmerz, der sich nun deutlich bemerkbar machte. Mit einem Stoßseufzer ließ ich mich in meinem Zimmer auf das Bett fallen und blieb eine viertel Stunde in dieser Position. Erst nach dieser Ruhephase war ich in der Lage, die Verwüstung an den Füßen zu begutachten. Wie ich schon vermutet hatte, bestanden die Fußsohlen hauptsächlich aus Blasen, die sich teilweise bereits geöffnet hatten. Zum Glück war meine kleine Reiseapotheke auf so etwas vorbereitet und als ich zurück in den Speisesaal humpelte, ging es mir ein wenig besser.

Ich war heilfroh, dass mir die Wirtin keine Fragen stellte, sondern nur das Essen servierte, was gar nicht mal so übel schmeckte. Das Bier war bestimmt keine Premiummarke, aber es erfüllte seinen Zweck und ließ mich die Müdigkeit vergessen.

»Wann wollen Sie morgen frühstücken?«, fragte mich die Wirtin zum Schluss.

»Um sieben Uhr, wenn es geht.«

Sie hatte keine Einwände und so schlich ich wie auf Eiern die Treppe hinauf, ging in mein Zimmer, stellte den Reisewecker und fiel auf das Bett.

Kapitel 3

June

Eigentlich hatte ich mich nur etwas ausruhen wollen, doch ich war wohl eingeschlafen, denn als mein Wecker zirpte, lag ich voll angezogen in einer ziemlich unbequemen Stellung auf dem Bett. Der üble Geschmack im Mund rührte wahrscheinlich daher, dass ich mir gestern Abend nicht die Zähne geputzt hatte – zumindest hoffte ich es. Bei der allgemeinen Sauberkeit des Zimmers bestanden auch andere Möglichkeiten, über die ich nicht weiter nachdenken wollte.

Draußen war es noch dunkel, also hatte ich genügend Zeit, um mich anständig zu waschen. Auf eine ausgiebige Dusche verzichtete ich, denn die Armaturen in der winzigen Duschkabine sahen so aus, als würden sie sofort explodieren, sobald man sie aufdrehte. Und was die Duschwanne anging, so wagte ich es nicht, sie einer genaueren Inspektion zu unterziehen. Ein Biologe hätte wohl ein reichliches Betätigungsfeld gehabt, bei all den Tieren, die da bestimmt kreuchten und fleuchten.

Schließlich zog ich frische Kleidung an, packte den Rest in meine Reisetasche und begab mich nach unten. Zur großen Überraschung wartete dort bereits eine Kanne Kaffee und ein gar nicht mal so frugales Frühstück auf mich. Anscheinend hatte die Gastwirtin mein gestriges muffeliges Gesicht richtigerweise auf das altbackene Brot zurückgeführt und sich heute etwas mehr Mühe gegeben.

»Reisen Sie nachher ab?«, fragte sie, während ich aß.

»Ich bekomme noch eine Nachricht von … jemandem vom Berg.«

»Sie meinen … es kommt jemand von dort hierher?« Ich musste schmunzeln, weil sie ziemlich blass wurde.

»Ja, nach Sonnenaufgang.«

Unschlüssig stand sie neben dem Tisch und blickte nervös zur Tür, bevor sie sich auf einen Stuhl setzte. »Haben Sie sich das auch gut überlegt? Die da oben vom Berg sind … ich habe Geschichten gehört … Wissen Sie, dass die sich nachts verwandeln, über das Land fliegen und überall Tod und Verderben bringen?«

Das klang reichlich melodramatisch und ein kleines bisschen unglaubwürdig. »Ich weiß nur, dass man dort Hilfe suchen kann, wenn man in Schwierigkeiten ist. Als Zeichen dafür habe ich das Medaillon, dass mir die Möglichkeit eröffnet ...«

»Die vom Berg können sich in Drachen verwandeln! Deswegen heißt es ja auch Dragonscave. Sie sollten schleunigst von hier verschwinden, solange Sie noch können. Seien Sie froh, dass bisher alles glimpflich abgelaufen ist und ...«

Sie brach mitten im Satz ab, weil draußen schwere Trittgeräusche zu hören waren, und wich ängstlich ein paar Schritte zurück. Ich biss mir auf die Lippen, um das Lachen zu unterdrücken. Anscheinend war nicht nur der Gastwirt ein wenig zurückgeblieben, sondern auch seine Frau … oder Schwester … was sie auch immer war.

»Nur keine Sorge, Miss. Ich gebe ja zu, dass das Gemäuer dort oben etwas düster ist, aber ich bin mir sicher …«

Weiter kam ich nicht, denn in diesem Moment wurde die Eingangstür geöffnet und Zephyrs riesige Gestalt erschien im Türrahmen. Die Gastwirtin zog sich fluchtartig hinter den Tresen zurück.

Der Mann trat zu mir an den Tisch und blickte mir ins Gesicht. »Deinem Wunsch wurde stattgegeben, June.«

»Und was geschieht nun?«, fragte ich, da er keine Anstalten traf, weiterzusprechen.

»Ich wurde vom Rat dazu bestimmt, dir zu helfen.«

Unschlüssig betrachtete ich den Teller vor mir. »Haben wir noch Zeit, dass ich mein Frühstück beenden kann?«

»Natürlich.« Er zog sich einen Stuhl heran und ließ sich darauf nieder. Das arme Möbelstück knarrte vernehmlich unter dem Gewicht. Er wog bestimmt über zwei Zentner und wenn ich die sichtbaren Teile seines Körpers in Betracht zog, so bestand der geringste Anteil daran aus Fett. Anders ausgedrückt: Er war außerordentlich gut in Form.

»Weißt du denn überhaupt, worum es geht?«, fragte ich. »Vielleicht ist es nicht ganz dein Metier.«

Er sah mich an, als hätte ich Altgriechisch gesprochen. »Ich bin jeder Situation gewachsen.« An Selbstbewusstsein mangelte es ihm jedenfalls nicht. »Noch kein Krieger konnte mir widerstehen.«

»Nun, es wird wohl kaum darauf hinauslaufen, dass du dich mit irgendwelchen Leuten prügelst. Deine Aufgabe ist etwas diffiziler.«

»Ich bin sicher, dass es keine Schwierigkeiten geben wird. Die Krieger von Dragonscave sind berühmt dafür, nie zu versagen, wenn sie ein Hilfsersuchen akzeptieren.«

Was sollte man darauf erwidern? »Dann ist es ja gut«, murmelte ich und widmete mich wieder meinem Frühstück.

*****

Wahrscheinlich schlug die Gastwirtin drei Kreuze, als wir ihr Gasthaus verließen, nachdem ich den Rest meiner Rechnung beglichen hatte. Zephyr erwies sich nicht gerade als Gentleman alter Schule, weil er mich doch tatsächlich die Reisetasche tragen ließ.

»Wo ist denn dein Gepäck?«, fragte ich und blickte mich suchend um.

Er deutete auf einen zerschlissenen Rucksack, der direkt neben meinem Wagen stand. »Meine Waffen trage ich immer bei mir.« Er schlug seine Jacke zurück, worunter ein Sammelsurium an Stichwaffen zum Vorschein kam.

»Gut, wenn man so vorbereitet ist.« Was sollte ich sonst sagen? Jedenfalls nahm ich mir vor, mich auf der Rückfahrt peinlichst genau an die Verkehrsregeln zu halten. Die Cops wären bestimmt nicht begeistert, einen zwei Meter großen, bis an die Zähne bewaffneten Mann als Beifahrer vorzufinden.

Mein armer Wagen protestierte mit quietschenden Stoßdämpfern, als sich Zephyr auf den Beifahrersitz quetschte.

»Du kannst den Sitz noch etwas nach hinten schieben«, sagte ich, weil er kaum wusste, wo er seine Beine unterbringen sollte. »Zieh dort an dem Griff und dann …«

Ein lautes Krachen ertönte, als er meiner Aufforderung nachkam. Tatsächlich ließ sich der Sitz nun verschieben, aber ich hatte doch arge Zweifel, ob alles noch wie vorgesehen funktionieren würde, wenn wir am Ziel ankamen.

»Lass das bitte«, sagte ich, als er ein zweites Mal am Griff zog. »Du kannst ihn nicht noch weiter nach hinten schieben.«

»Es ist eng hier drinnen.«

»Der Wagen ist auch nicht auf Übergrößen ausgerichtet.«

Ich startete den Motor, während Zephyr etwas unglücklich auf seine Beine blickte, die er immer noch leicht anwinkeln musste.

»Schnall dich bitte an.«

Er sah mich verständnislos an und ich stieß einen leisen Seufzer aus, bevor ich mich über ihn beugte. Ich angelte nach dem Sicherheitsgurt und kam dabei nicht umhin zu bemerken, dass er mehr als nur gut durchtrainiert war. Ich fummelte viel länger an dem Gurt herum, als es nötig war, bis ich ihn über ihn hinwegzog und im Schloss einrastete.

»Du fährst wohl nicht oft mit einem Wagen, oder?«

Er schüttelte den Kopf.

»Wie viele Missionen hast du denn schon hinter dir?« Nun schwieg er, was mich direkt misstrauisch werden ließ. »Hat dein Schweigen etwas zu bedeuten?«

»Ich verlasse zum ersten Mal Dragonscave und die nähere Umgebung.«

»Aha. Man gibt mir also einen absoluten Anfänger, um meinen Wunsch zu erfüllen.«

Er setzte sich noch eine Spur aufrechter hin. »Ich wurde hervorragend ausgebildet!«

»Theorie und Praxis - das ist ein himmelweiter Unterschied.«

Nun wirkte er auch noch beleidigt. »Wenn du meine Hilfe nicht willst, brauchst du mir nur Bescheid zu geben. Ich kehre dann sofort nach Dragonscave zurück!«

»Nun sei mal nicht gleich eingeschnappt. Es ist doch wohl verständlich, dass ich etwas skeptisch bin, was deine Fähigkeiten angeht, dich in der normalen Welt zu bewegen. Immerhin konntest du noch nicht einmal den Sicherheitsgurt anlegen.«

»Ich lerne schnell!« Als ob er es mir beweisen wollte, löste er den Gurt und legte ihn gleich danach wieder an. »Siehst du?«

»Ich bin beeindruckt, Einstein. Überanstreng dich nicht.«

Er gab mir keine Antwort, verschränkte seine Arme und blickte zum Fenster hinaus. Das lief ja klasse. Ich fuhr mit einem Mann durch die Gegend, dessen Hilfe ich mittels eines Medaillons eingefordert hatte und von dem eine Gastwirtin sagte, dass er sich nachts in einen Drachen verwandelte. Was hatte ich mir nur dabei gedacht? Andererseits … was hatte ich denn zu verlieren?

*****

Eigentlich hatte ich geplant, die gesamte Strecke an einem Stück durchzufahren. Doch ich merkte am frühen Abend, dass ich es nicht schaffen würde, die ganze Nacht wach zu bleiben. Und bevor wir im Graben landeten, sollten wir besser noch einen Zwischenstopp einlegen.

»Hier übernachten wir«, sagte ich, während ich den Wagen auf den Parkplatz eines schäbigen Motels steuerte.

»Du bist müde?«

»Natürlich bin ich das. Du nicht?«

»Ich brauche nur wenig Schlaf.«

»Heißt das, du willst die Nacht über im Wagen sitzenbleiben und auf mich warten?«

Er grinste mich an und zeigte mir damit, dass ihm Sarkasmus nicht ganz unbekannt war. »So gut gefällt es mir nicht hier drin. Außerdem kann ich es kaum erwarten, die Beine auszustrecken.«

Der dösige Portier blickte neugierig vom Sportteil seiner Zeitung auf, als wir sein ärmliches Büro betraten.

»Wir hätten gerne zwei Zimmer«, sagte ich.

Der Kerl grinste schmierig und ließ dabei lückenhafte Zahnreihen sehen. »Ich nehme an, die Räume sollten über eine Verbindungstür verfügen?«

»Nein, das brauchen sie nicht!«

Er kicherte nun auch noch debil. »Sie glauben gar nicht, wie oft ich das schon gehört habe, und dann haben sich doch andere Gäste über den Krach aus einem der Zimmer beschwert.«

Zephyr lange über den Tresen, packte den Mann am Kragen und hob ihn wie eine Puppe hoch. »Wir wollen zwei Zimmer – und zwar ohne weitere Diskussionen!«

Dem Portier war sein dreckiges Lachen vergangen. »Natürlich, eure Exzellenz, sofort. Wenn Sie mich bitte wieder …«

Zephyr öffnete seine Hand und der schmierige Kerl kam auf seinen eigenen Füßen zu stehen. Er verzichtete auf jeden Kommentar – was wohl das Beste für ihn war – griff hinter sich an das Brett und legte zwei Schlüssel auf die Theke.

»Beide Zimmer sind im ersten Stock«, flüsterte er und musterte Zephyr reichlich beklommen.

»Wir wollen um acht Uhr frühstücken«, sagte mein Begleiter, während er sich einen der beiden Schlüssel nahm.

»Natürlich, Sie werden zufrieden sein, ganz bestimmt …«

Ich warf dem Mann ebenfalls einen finsteren Blick zu, auch wenn der wohl kaum so wirkungsvoll war wie Zephyrs Mienenspiel, und schnappte mir den anderen Zimmerschlüssel.

»Wo kann man hier noch zu Abend essen?«, fragte ich.

»Unser Restaurant hat bis ein Uhr geöffnet.«

»Bekommt man da auch etwas, ohne dass man sich danach den Magen auspumpen lassen muss?«

»Unser Koch ist sehr gut, ich schwöre es!«

»Nun gut!«

Zephyr und ich wandten uns ab und stiegen die Treppe hoch.

»Du hast ihn ja ganz schön eingeschüchtert«, sagte ich, nachdem wir unsere Zimmer erreicht hatten. »Du gehst wohl jeden Tag ins Fitnessstudio, oder?«

Er schüttelte den Kopf und lächelte mich auf diese jungenhafte Art an, die ich nun schon einige Male bei ihm gesehen hatte. »Das sind einfach gute Gene, schätze ich.

---ENDE DER LESEPROBE---