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«Der Blender» ist die dramatische Lebensgeschichte von David Spielmann, einem jungen, begabten Bankangestellten in der Schweiz. Seine Karriere verläuft mustergültig, sein privates Glück ist perfekt. Doch sein Karma macht ihn bereits in jungen Jahren zum Spielball des Schicksals. Durch seine Geldgier gerät er auf Abwege, die ihn in ein Labyrinth von Verstrickungen ziehen. Mehrmals verwitwet und ständig in manipulierte Geschäfte verwickelt, verschlägt es ihn an die verschiedensten Plätze dieser Welt. Ein Lebens-Cocktail gemixt aus Habgier, Egoismus, Hemmungslosigkeit, Karma und haarsträubender Kaltblütigkeit.
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Seitenzahl: 244
Veröffentlichungsjahr: 2021
Manfred Hermann Nigl
Der Blender
© 2021 Manfred Hermann Nigl
Verlag und Druck:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg
ISBN
Paperback:
978-3-347-40627-8
Hardcover:
978-3-347-40628-5
e-Book:
978-3-347-40629-2
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Kapitel 1, Jugend
Er nimmt einige Geldstapel aus dem Aktenkoffer und fragt freundlich, >was ist dir lieber, ich nehme alles an mich und du bereicherst dich aufs Neue auf Kosten der anderen, oder ich bringe dich hier an Ort und Stelle um.< Er hält in einer Hand einen Revolver, in der anderen einige meiner Notenbündel. Abwartend blickte er mich an und mir ist klar, dass er nicht spasst.
Mir ist zum Heulen, da ich keine Chance sehe, mich zu widersetzen. Unzählige Gedanken durchrasen mich in Sekundenschnelle. Soll ich klein beigeben oder soll ich es doch versuchen, mich auf ihn zu stürzen? Aber er ist vier Meter entfernt, was, wenn ich ihn nicht erreiche? Ich fühle mich ohnmächtig. Ich schiele nach links und nach rechts, nichts ist um mich, was ich ihm an den Kopf werfen könnte. Warum habe ich mich auf all das eingelassen? Ich muss bescheuert sein! Vielleicht hilft doch ein wenig Diplomatie? Es dröhnt in meinem Kopfe.
Mein Gegenüber entbindet mich einer Antwort. Er wirft die Bündel zurück in den Koffer, schließt ihn und nimmt ihn an sich. Er lächelt, als er die Knarre auf mich richtet und abdrückt.
Ich spüre den Einschlag des Projektils direkt in meinem Herzen. Es ist wie ein Elektroschock, der durch meinen Körper strömt. Das wars, ist mein letzter Gedanke. Dann falle ich nur noch, nein, ich fliege! Ich stürze in ein riesiges schwarzes Loch, der Fall will kein Ende nehmen. Plötzlich habe ich das Gefühl, ich bin im Wasser gelandet. Wo bin ich? Es ist dunkel um mich und ich spüre die Feuchtigkeit, die langsam durch meine Kleider dringt. Endlich gehorcht mir meine Stimme und ich schreie meinen Schmerz heraus!
Urplötzlich wird es hell, Mutter steht an der geöffneten Türe und starrt mich geschockt an. >Mein Gott, Junge, was ist geschehen? Ich glaube du hattest einen Albtraum!<
Ich sitze aufrecht im Bett, unfähig mich zu bewegen.
Sie kommt, umklammert mich und spürt mein Beben. >Beruhige dich, alles ist in Ordnung. Du bist zu Hause und nichts ist passiert, es war nur ein dummer Traum<. Nur langsam entfernt sich das traumatische Geschehen aus meinem Kopf, Mutters Nähe und Wärme lassen es verblassen.
Ich spüre, ich bin schweißgebadet und auch im Genitalbereich völlig durchnässt. Langsam beruhige ich mich und löse mich von Mutter. >Es war ein schrecklicher Traum, jemand nahm all mein Geld an sich und killte mich.< Ich schlucke in Gedanken an das Entsetzen.
>Ach David, ich bin heilfroh, dass du nur geträumt hast. Komm mit in die Küche, iss und drink etwas, dann gehts dir bestimmt gleich wieder besser.<
>Danke Mutter, ich muss erst mal duschen, dann komme ich<. Wenn sie wüsste, dass ich vor Angst in die Pyjamahose pinkelte,….. Nein, sie wäre bestimmt nicht böse, ist ja nicht meine Schuld. Es ist bereits das dritte Mal, dass ich vom Verlust all meines Geldes träume. Aber heute war es das schlimmste Erlebnis. Warum nur? Ist es, weil Vater Bankier ist und mit Millionen zu tun hat? Oder mein Bestreben, später ebenfalls Bankier zu werden? Ich hoffe, es wird nicht zum Dauerereignis. Instinktiv spüre ich die Stelle am Herzen, wo die Kugel einschlug. Ich verwerfe alle trüben Gedanken und begebe mich in die Küche, um ihren guten Ratschlag zu befolgen.
Ein Sandwich und ein Kamillentee erwarten mich bereits.
>Beides wird dir guttun und danach versuche wieder zu schlafen, es ist ja erst ein Uhr morgens<. Liebevoll und besorgt schaut sie mich an.
Was täte ich wohl ohne ihre Fürsorge. Seit Vater uns verließ, habe ich ja nur noch sie.
*
Unser Dorf liegt idyllisch an einem Hang, umsäumt von Wald und grünen Wiesen. Die nächste, größere Ortschaft ist nur wenige Kilometer entfernt. Hier ist es noch lebenswert. Man kennt sich und ist besorgt, wenn einer nur hustet. Wir leben seit zwei Jahren hier. Vater kam anfänglich nur am Wochenende nach Hause, bis er eines Tages nicht mehr kam. Er verließ uns und so bin ich mit Mutter alleine. Erst lebte Mutters Cousine mit uns, sie war ja der eigentliche Grund unseres Kommens. Doch sie kam mit Mutter nicht zurecht und so sind wir seit geraumer Zeit alleine. Inzwischen liebt Mutter die friedvolle Umgebung und das beschauliche Leben am Lande.
Ich bin nur ein mittelmäßiger Schüler, obwohl eifrig und interessiert. Es ist aber bestimmt die Bequemlichkeit, die immer wieder bei mir durchschlägt. Ich habe viele Ambitionen, gehe aber am Liebsten den Weg des geringsten Widerstandes. Da ich der Kleinste bin, muss ich mich ständig wehren, alles verteidigen und erkämpfen. Als Zugezogener aus der Stadt, genieße ich so etwas wie Exotenstatus. Ich bin zwar beliebt, habe jedoch mehr Freundinnen als Freunde. Anscheinend habe ich jede Menge Charme, anders kann ich mir meinen Anklang nicht erklären. Der Lehrer sagte, ich sei gerissen und verstünde es, aus jeder noch so verfahrenen Gelegenheit das Beste herauszuholen. Ich verstehe nicht ganz, was er meint.
Mein oberstes Ziel ist es, Bankier zu werden, reich zu sein, Millionen zu besitzen. Immer wieder plagen mich turbulente Träume wegen des Geldes. Diebstähle, Überfälle, Streitigkeiten und wilde Verfolgungsjagden beeinträchtigen immer wieder mal meine Nächte. Der allerschlimmste war vergangene Woche, als ich erschossen wurde.
*
Zurückblickend vergingen die Jahre buchstäblich wie im Fluge. Ich schwindelte mich gekonnt durch alle Klassen. Ich habe nach wie vor kaum richtige Freunde, gelte mehr und mehr als Sonderling in der Gemeinde. Nach außen hin bin ich ruhig, hege aber ständig Groll gegen einige Mitschüler. Wo immer ich kann, übervorteile ich jeden von ihnen. Ich weiß, hinter vorgehaltener Hand nennen sie mich ein Schlitzohr.
Endlich ist die Pflichtschule fertig und ich kann bei einer Firma in der Nähe von Basel als Bürolehrling beginnen. Vater hat alles arrangiert. Trotz Protest meiner Mutter, die ohne mich keine Aufgabe mehr hat und sich furchtbar langweilen wird. Vater hat sie einfach mit Argumenten zubetoniert. Sie wollte, dass ich in ihrer Nähe bleibe.
Ich wohne ab sofort in Untermiete bei Bekannten meines Vaters. Das Leben in der Kleinstadt gefällt mir schon besser als das Dorfleben in der Provinz. Meine Gastfamilie ist spießig, die gleichaltrige Tochter borniert. Ich bin zu allen scheißfreundlich und mache mich mit allen Tricks rar. So genieße ich vom ersten Tag an das Alleine sein. Ich vermisse nicht mal meine Mutter. Ihre Fürsorge ging mir zuletzt sogar auf die Nerven.
Die Handelsfirma ist ein angenehmer Mittelbetrieb mit rund dreißig Angestellten. Die Hauptaufgaben bestehen aus Buchhaltung und der Verwaltung von Liegenschaften. Da ich hier der Jüngste und Kleinste bin, werde ich von allen Mitarbeiterinnen verwöhnt. Der Großteil sind Frauen, ich fühle mich so richtig als Hahn im Korb. Wie eben für Lehrlinge üblich, muss ich für alle Pausen Snacks einkaufen und schon nach kurzer Zeit klingelt bei mir die Kasse. Ich wechsle die Produkte, die Lieferanten und mache meine eigenen Preise. Alle sind zufrieden und niemand hegt Verdacht. Ich werde bestimmt ein guter Kaufmann werden.
*
Seit einigen Tagen bin ich neunzehn und meine Lehrzeit wird demnächst beendet sein. Ich kann es kaum erwarten, endlich meine eigenen vier Wände zu haben. Wie lange habe ich sehnsüchtigst auf diesen Zeitpunkt gewartet.
Die Abschlussprüfung in der Schule, der letzte Arbeitstag, alles läuft ab wie in Trance. Ich schüttle so viele Hände, nehme alle guten Wünsche und Ratschläge entgegen und dann bin ich draußen. Frei!
Ich blicke mich um, bin alleine auf der Straße. Alle Vorsätze und Illusionen sind Vergangenheit. Ich weiß im Moment gar nicht, was ich anfangen soll. Ich denke, ich werde meinen Vater besuchen. Wir haben uns nur wenige Male gesehen. Er kümmerte sich zwar um meinen Ausbildungsplatz, das wars aber auch schon. Er ist ein Egoist und lebt sein eigenes Leben. Verantwortung ja, aber Liebe und Geborgenheit geben, Vater sein, liegt ihm weniger. Möglich, dass ich von ihm genetisch stark belastet bin. Aber darüber zerbreche ich mir nicht den Kopf. Ich habe nur noch zwei Ziele: Unabhängig zu sein und schnell reich zu werden.
Erstmals geht es zu meinem Vermieter. Ich verabredete mich mit Vater telefonisch und werde morgen mit der Bahn zu ihm nach Basel fahren. Ich packe nur das Notwendigste ein. Er soll mir ruhig ein paar neue Sachen sponsern. Sozusagen als Bonus für die bestandene Lehre. Es war ja sein Wunsch, aus mir einen Kaufmann zu machen.
Am Nachmittag treffe ich ein. Susanne, seine Lebenspartnerin ist zarte fünfundzwanzig und wie immer todschick gekleidet. Sie begrüßt mich mit einer Umarmung und küsst mich ungeniert auf den Mund.
>Du bist ja ein richtiger junger Mann geworden. Gratulation zum Lehrabschluss. Artur hat schon Pläne mit dir auf der Bank,< plaudert sie aus dem Nähkästchen.
Mir ist das alles peinlich. Das letzte Mal als wir uns sahen, unterhielten wir uns kaum.
>Du weißt ja wo die Gästezimmer sind, fühle dich zu Hause. Artur kommt so um die Sechs.<
Meint sie es wirklich oder spielt sie mir etwas vor. Ich steuere den Raum an, in welchem ich schon einige Male schlief. Nichts hat sich verändert. Doch, das Bild ist neu. Modern mit kräftigen Farben. Ich schmeiße meine Reisetasche in eine Ecke und lege mich erst mal flach. Ich habe Hemmungen, Susanne zu sehen. Ich werde warten, bis Vater eintrifft.
Um sechs höre ich ein Auto vorfahren und ich spähe nach draußen. Vater hat einen neuen Wagen, einen dunkelblauen Mercedes. Er sieht immer gleich gut aus. Auf alle Fälle nicht wie ein Bankdirektor. Groß, schlank, sportlich, mit dichtem braunem Haar und gut geschnittenem Gesicht, eher wie ein Playboy. Aber ich weiß, dass er topseriös ist. Von seiner jungen Lebensgefährtin mal abgesehen.
Ich warte noch eine Weile, dann begebe ich mich ins Wohnzimmer.
>Mein Herr Sohn!< Er mustert mich von oben bis unten. Anscheinend ist die optische Prüfung zu meinen Gunsten ausgefallen. >Gratulation, jetzt beginnt der Ernst des Lebens. Hast du Pläne, oder soll ich dich unter meine Fittiche nehmen. Ich habe in der Firma bereits angedeutet, dass du vielleicht Interesse hättest.<
Er war schon immer direkt und kurz angebunden. Er hasst Palaver, kommt gleich zum Punkt. Eine Obligation für einen Bankdirektor.Zu vieles muss täglich entschieden werden. Da bleibt keine Zeit für langatmige Erklärungen.
>Ja, es würde meinen Vorstellungen entgegenkommen.< Es war nicht ganz gelogen. Ich will nur reich werden, egal wie. Mir ist jedes Mittel recht. Ich setze mein freundliches Lächeln auf und siehe da, es wirkt auch auf meinen Vater. Ich habe genau jenes Durchschnittsgesicht, welches erlaubt, bei jeder Gelegenheit das Passende darzustellen. Einige der erfolgreichen Schauspieler sehen so aus, sie können in fast jede Rolle schlüpfen.
>Gut, wir wollen erst mal essen.< Dabei schaut er Susanne fragend an.
>Alles parat im Speisezimmer.< Sie lächelt. Auch ihr Lächeln ist undefinierbar. Es sagt alles und nichts aus.
Zur Feier des Tages, mein Besuch ist doch ein Ereignis, öffnet Vater eine Flasche Burgunder. Wir nehmen Platz und machen uns über den Braten her, der wirklich appetitlich aussieht. Kochen kann sie, Respekt.
Die Kristallgläser klirren, als wir auf meine Zukunft anstoßen. Ich nehme nicht groß an der Unterhaltung der beiden teil. Als Susanne mit dem Geschirr verschwindet, erwähne ich meinen Ausstattungsnotstand.
>Ich habe keine Kleider, um auf der Bank zu arbeiten. Im Büro konnte ich leger auftreten. Mein Lehrlingsgehalt war ja nicht so gigantisch.<
<Es wird nicht das größte Problem sein, morgen ist Samstag, ich werde dich einkleiden. Am Montag kommst du gleich mit ins Geschäft, wir wollen keine Zeit verschwenden.<
Wir plaudern noch kurz, dann entschuldigt sich Vater und zieht sich in sein Büro zurück, um zu arbeiten.
Es ist seine typische Art der Fürsorge. Nicht jedermann kann Gefühle ausdrücken oder zeigen. Ich kann mich nicht an den Tag erinnern, an welchem er mich das letzte Mal umarmt hat. Wenn ich andere Kinder mit ihren Vätern sah, war ich immer eifersüchtig, vermisste die Zuneigung, die ihnen zukam. Als Kompensation erfand ich jede Menge Tricks und übervorteilte alle bei jeder Gelegenheit, die sich mir bot.
Sein Haus liegt in einem Vorort der Stadt, umgeben von Villen und kleinen Geschäften. Mal sehen, was sich alles verändert hat. Ich werde heute erst mal durch die Gassen laufen und die Gegend erkunden.
Am Samstag fahren wir wie versprochen in die Innenstadt und besuchen einige Herrenausstatter. Nach einem feinen Mittagessen in einem gediegenen Restaurant gehts wieder nach Hause. Vater meinte, ich könnte auch ein Appartement in der Stadt mieten, er sei nicht immer zur selben Zeit mit der Arbeit fertig. Aber ich denke, der Grund ist ein anderer, vielleicht Susanne. Mir kann es nur recht sein, Freiheit ist Gold wert.
Am Sonntag schlendere ich durch die City und mache mich mit den neuesten Angeboten vertraut. Hier gefällt es mir. Nichts entgeht meiner Aufmerksamkeit. Vater und Susanne haben eine Einladung und werden erst am Abend nach Hause kommen. So genieße ich es zu flanieren, genehmige mir einen feinen Kaffee mit Kuchen.
Montagmorgen. Heute fahren zur wir Bank.
Ich werde dem Personalchef vorgestellt, beantworte brav alle mir gestellten Fragen und lege meine wenigen Zeugnisse vor. Danach begleitet mich eine charmante Dame bei einem Rundgang durch das gewaltige Bankgebäude. Es ist weitaus größer als ich dachte. Es ist in privatem Besitz einiger Familien, alles Banker. Am ersten des folgenden Monats soll es losgehen. Ich werde ganz unten beginnen und alle wichtigen Stationen durchlaufen. Nach einem Jahr Einarbeitung wird spezialisiert, je nach Neigung und Erfolg. Mein Gehalt ist größer als ich dachte. Ich willige ein und habe noch zwei Wochen Freizeit, welche ich zu genießen gedenke. Ich werde mich in der Stadt für eine möblierte Wohnung umsehen, Mutter besuchen und meine restlichen Sachen hierher bringen.
Vater ist mit meinem Werdegang vorerst zufrieden und gibt mir ein wenig Taschengeld. Er ahnt natürlich nichts von meinem erwirtschafteten Kapital, welches ganz ansehnlich ist. Die drei Lehrjahre haben mir einen vierstelligen Betrag beschert. Ich bin sehr sparsam, um nicht zu sagen geizig, kaufe nur das Notwendigste ein.
Heute besteige ich gut gelaunt den Postbus, um Mutter zu besuchen. Sie freut sich natürlich sehr. Wir sahen uns doch einige Male während meiner Lehrzeit. Wann immer sie in die Kreisstadt kam, besuchte sie mich. Ihr Leben ist ohne Liebe und langweilig, sie sieht entsprechend vergrämt aus. Die beiden sind immer noch nicht geschieden. Vater sendet ihr zwar genügend Geld für ein sorgenfreies Leben, aber sie ist bestimmt unglücklich. Obwohl sie mir gegenüber darüber nie ein Wort verloren hat. Sie tut mir wirklich leid.
Am darauffolgenden Tag hole ich bei meiner alten Gastfamilie den Rest meiner Utensilien ab, bedanke mich für die wohlwollende Zeit in ihrem Hause und bin froh, als sich die Türe hinter mir schließt.
Susanne ist heute ein wenig distanzierter. Vielleicht ging am ersten Tag ihr Temperament mit ihr durch. Ich werde ein wenig netter zu ihr sein. Es sind ja nur wenige Tage meines Verweilens.
>Fährst du zufällig in die Stadt, ich muss mir eine Bleibe suchen.<
>Ja, ich habe auch einiges zu erledigen.<
Sie hat einen MGB Roadster, wen wundert es. Vater verwöhnt seine Geliebte. Immerhin leben die beiden seit einigen Jahren zusammen. Ich habe keine Ahnung, wo er sie kennengelernt hat oder was sie vorher gemacht hat. Es ist mir eigentlich egal. Sie ist nett zu mir, der Rest ist unwichtig. Da das Wetter noch ein wenig kühl ist, bleibt das Verdeck zu. Es ist so eng, dass sich unsere Schultern berühren. Vater hat bestimmt keinen Platz hier drinnen, er ist um fast zwei Köpfe größer als ich. Ich beneide ihn um seine Größe und seine stattliche Figur.
In der City schwinge ich mich raus. In einem netten Café nehme ich mir alle Tageszeitungen vor und halte Ausschau nach einem Appartement. Aber ich finde nichts, was meinen Vorstellungen entspricht. Bin schon neugierig, wie sich alles entwickeln wird. Ich bin hoch motiviert und freue mich darauf, am großen Kapitalmarkt zu schnuppern.
Natürlich ist mir bereits nach kurzer Zeit stinklangweilig. Ich habe keine Freunde und weiß mit meiner Zeit nichts anzufangen. So hänge ich vermehrt bei Susanne ab. Sie fühlt sich dadurch als Objekt des Interesses und neckt mich mehr und mehr. Was mich anfangs nervt, wird nach kurzer Zeit zum Spiele. Ich kontere und stelle bald fest, wir mögen uns mehr als ich erwartet hätte. Wenn Vater uns so hören würde, o Gott. Wie zwei Teenager beim ersten date. Dem Necken folgen alsbald die ersten Berührungen und ehe ich mich versehe, küssen wir uns wild und ungestüm. Es ist ein Spiel mit dem Feuer!
Schweratmend löse ich mich von ihr.
>Gefühle sind manchmal leider stärker als der Verstand,< meint sie entschuldigend.
Ich bin zu unerfahren, als dass ich darauf eine Antwort hätte.
>Ich bin viel zu viel alleine, Artur hat nur die Bank und seine Verpflichtungen. Er kauft mir zwar alles, aber romantische Minuten sind Mangelware. Immer nur Repräsentanz. Ich lebe wie eine Puppe, ein Spielzeug. Es ist nicht nur der Altersunterschied. Trotzdem liebe ich ihn. Aber es gibt keine gelebten Fantasien. Bist du jetzt enttäuscht von mir?<
Ich schüttle den Kopf, bin ein wenig durcheinander. Ich hatte außer einigen Jugendflirts noch keinen Kontakt mit einer Frau. Ich bin sozusagen noch Jungmann.
Sie nimmt wortlos meine Hand und geht langsam auf mein Zimmer zu.
Ich überlege zu widerstreben, aber die Neugierde ist stärker.
Sie ist eine geduldige Lehrmeisterin und toleriert meine Naivität. Danach liegen wir beide am Bettvorleger und hängen unseren Gedanken nach.
>Hast du eine Freundin?<
>Nein, noch nie.<
>So war dies wirklich dein erstes Mal?<
>Ja.< Als ob sie es nicht bemerkt hätte.
>Wir werden es einfach aus unserem Gedächtnis streichen,< betont Susanne.
Ich schäme mich nicht einmal und bin erstaunt darüber. Bin ich so abgebrüht?
Susanne rafft ihre Kleidungsstücke zusammen und entfernt sich wortlos.
Das Mittagessen verläuft relativ schweigsam, wir sind beide ein wenig unbeholfen. Ich denke nicht dass sie ein verdorbenes Luder ist. Sie würde anders reagieren.
Ich verziehe mich mit der Ausrede der Unterkunftssuche. Ich brauche frische Luft und muss mit mir ins Reine kommen. Was passiert wenn Vater es erfahren sollte? Am besten nicht grübeln. Aber etwas wird in der ohnehin kargen Beziehung zwischen Vater und mir in Zukunft anders sein. Mein Wissen, dass ich mit seiner Partnerin Sex hatte.
Das gemeinsame Abendessen ist ein wenig steif, ich hoffe Vater empfindet es nicht. Aber er redet nur von seinen Aufgaben und verzieht sich alsbald wie immer ins Büro. Die Geste von Susanne sagt alles aus -siehst du, keine Romantik-. Ich verstehe sie langsam.
>Warum bleibst du mit Vater zusammen? Wegen des feudalen Le-bens?<
>Nein, ich liebe ihn, aber es ist auch viel Gewohnheit. Wir sind einige Jahre liiert. Man kann nicht alles einfach hinschmeißen. Ich habe mir bisher keine Gedanken darüber gemacht. Oder vielleicht sollte ich!<
Nach einer Woche intensiver Suche, finde ich am Nachmittag ein Appartement nahe der Bank. Der Morgen war täglich für Susanne reserviert. Seit einigen Tagen haben wir regelmäßig Sex. Um mein Gewissen zu beruhigen, rede ich mir ein, es dauert ja nur kurze Zeit. Ich nehme mir vor, nach dem Umzug in mein neues zu Hause, den Kontakt mit Susanne abzubrechen. Meinem Vater zuliebe? Nein, ich bin hartherzig und habe keine Hemmungen. Das habe ich in den letzten Tagen festgestellt. Die Tatsache erschreckt mich nicht einmal. Skrupellos klingt brutal, aber ich empfinde nichts. Keine Scham, keine Reue, keine Gewissensbisse. Susanne ist mir auch egal. Sie reizt mich, nicht mehr und nicht weniger. Und all dies in der kurzen Zeit meines Hierseins. Vor einigen Wochen war ich noch ein moralischer Lehrling.
*
Erholt und gut gelaunt fahre ich am Morgen des Monatsersten mit Vater zur Bank. Er bringt mich ins Büro meines Mentors Herrn Schneider. Wir kennen uns bereits von meinem ersten Besuch. Er ist ein wahrer Kleiderschrank mit einer ebenso mächtigen Stimme.Aber heute spricht er nicht laut und polternd, überraschenderweise eher leise.
>Guten Morgen meine Herren,< er deutet, wie es hier üblich ist, eine Verbeugung an. Dann zu mir gewandt, >herzlich willkommen in der Realität der nüchternen Zahlen.< Er grinst bei seinen Worten. Wir schütteln uns die Hände. Kaum zu glauben dass er Banker ist. Er wirkt eher wie ein Metzgermeister.
>Sie fangen beim Posteingang an, um erst mal alle Mitarbeiter und Stationen kennenzulernen. Danach geht es in die Sparbuchabteilung, die Debitorenkontrolle, die Kreditabteilung und so weiter. Nach einem Jahr sollten sie den Großteil der internen Abläufe kennen. Je nach Fabel und Eignung werden wir danach gemeinsam entscheiden, wo sie sich ihre Sporen abverdienen. Er bringt mich zum internen Postmeister.
>Herr Kramer, Herr Spielmann,< stellt er uns vor. >Herr Spielmann ist der Sohn unseres Direktors. Er wird bei uns das ABC der Banker erlernen und wie bei uns üblich, als erstes ihnen unter die Arme greifen. Wünsche ihnen einen guten Tag meine Herren.< Damit lässt er uns alleine.
Herr Kramer ist nicht wie erwartet ein ergrauter Mitarbeiter, sondern ein energiegeladener junger Mann. Er ist mir auf Anhieb sympathisch. Und das soll was heißen bei mir.
Unser Bankhaus beschäftigt weit mehr als einhundert Mitarbeiter und die Menge der Posteingänge ist gigantisch. Die Ausgänge sind unterschiedlich. Ende des Monats mitunter stressig, wie er mir erklärt. Dazwischen begebe ich mich ins Personalbüro, um meine Papiere ab zu geben und erhalte einen internen Bankausweis, welcher mich als Angestellten ausweist. Dann wird noch ein Lohnkonto für mich eröffnet. Die Chefin sieht aus wie eine Gouvernante und aktet auch wie eine solche. Dafür ist die Assistentin Fräulein Stein umso netter. Ich denke sie wird in meinem Alter sein. Sie schaut zwar immer auf den Boden wenn sich unsere Blicke kreuzen, aber unbeobachtet mustert sie mich unverhohlen.
Am Abend bringt mich Vater mit Sack und Pack in meine neue Behausung. Ich bin mehr aufgeregt als am Morgen in der Bank. Ein neuer, selbständiger Abschnitt in meinem Leben beginnt. Zum Abschied meint Vater, >es ist besser wenn du deine eigenen vier Wände hast, so kommst du bei meiner jungen Partnerin im Laufe der Zeit auf keine dummen Gedanken.< Ich bin ob seiner ruhig gesprochenen Worte geschockt. Doch als er mir zuzwinkert und mir freundschaftlich in die Rippen boxt, bin ich erleichtert. Ich dachte schon er ahnt was. Ich setze ein schiefes Grinsen auf und enthebe mich einer Antwort.
Durch den internen Postservice, lerne ich nach und nach alle Mitarbeiter kennen. Eine illustre Gesellschaft in ihrer eigenen Welt. Mein Vater macht sich bewusst rar, damit ich nicht als begünstigt gelte. Ich werde freundlich akzeptiert und nach der ersten Phase der Neugierde wegen des jungen Spielmanns, nimmt alles seinen gewohnten Lauf.
Von Susanne rein nichts. Ob Vater doch was bemerkt hat? Vielleicht hat er ihr klare Anweisungen erteilt. Zu viele vielleicht und noch mehr Varianten. Abgehakt. Einmal pro Woche bin ich in seinem Büro und ich berichte ihm meinen Werdegang aus meiner Perspektive. Er wird ja bestimmt auch noch intern orientiert.
Im dritten Monat arbeite ich in einem Großraumbüro mit vielen jungen Mitarbeiterinnen. Es gibt einige freie Schreibtische, welche immer in Gruppen zusammenstehen. Mir kommt zugute, dass ich kein grosser Redner bin. So ecke ich nirgendwo an. Ich bin wissbegierig und arbeite still und emsig, immer mit dem Hintergedanken, dass alles nur von kurzer Dauer ist. Dies macht mich allerorts relativ beliebt.
Immer wenn ich im Gebäude Anastasia Stein begegne, gibt es eine kurze Konversation. Sie absolviert dasselbe Programm wie ich, ist allerdings schon einige Monate länger hier. Aber viel mehr als small talk wird nie daraus. So, als hemme uns beide etwas. Sie ist die Tochter eines Bankers, der in der Wertschriftenabteilung arbeitet. Ein ruhiger, unscheinbarer Typ. Sie stellt ihr Licht unter den Scheffel, ist immer nur als graue Bankmaus unterwegs. Dezent mit grauem Rock und heller Bluse. Ihre Reize bleiben verborgen. Aber ein aufmerksamer Beobachter kann ihre Attribute erkennen.
Helen Schmid ist das wahre Gegenteil und sieht nicht wie eine Zahlenakrobatin aus. Eher wie eine Artistin. Mittelgroß, schlank, rothaarig, gut gebaut. Und sie versteht es, ihre Reize in den Vordergrund zu stellen. Eigentlich passt sie nicht in den konservativen Rahmen. Aber sie ist eine sehr gute Mitarbeiterin und versteht ihr Handwerk. Da ich nicht so weit entfernt bin, bekomme ich ungewollt die Konversation mit ihr und den Kunden mit. Sie ist selbstbewusst, schlagfertig, scharfsinnig und bringt all dies mit viel Charme und Höflichkeit den Kunden näher. Von ihr bin ich fasziniert. Ich entwickle ein Antwort- und Fragespiel, das auf mein Lernprogramm ausgerichtet ist, aber auch viel versteckte Provokation beinhaltet. Die Wirkung bleibt nicht aus. Bereits nach zwei Wochen haben wir ein Treffen.
Ich, das Küken, sie die attraktive junge Dame. Was Susanne so alles in mir ausgelöst hat. Ich esse nur eine Kleinigkeit, restauriere mich und schlüpfe in Jeans und Lederjacke.
Als ich das vereinbarte Café betrete, sitzt Helen bereits an einem Tisch. Und siehe da, in Jeans und Pullover.
Es ist der neue Trend in Amerika. Wir lächeln beide gleichzeitig.
>Guten Abend Fräulein Schmid, darf ich?< Ich deute auf den freien Stuhl.
>Helen, wir sind doch jetzt privat.< Sie sieht mich herausfordernd an.
>David,< sage ich großkotzig. Wieder lächeln wir beide.
Diesmal bin ich derjenige, welcher die Unterhaltung aufnimmt. Wir verlieren kein Wort über die Bank. Das Unterhaltungsangebot der Stadt ist unser Thema. Immerhin bin ich neu hier und habe keine Ahnung was alles geboten wird. Dafür weiß Helen absolut Bescheid. Es gibt nichts, was sie nicht wüsste.
Nach dem dritten Getränk gebe ich Vollgas. >Was meint dein Freund wenn du mit mir ausgehst?< Die klare Frage wird alles klären.
>Oh, du bist ja ein kleiner Draufgänger,< dabei wackelt sie mit dem Zeigefinger. >Zu deiner Information, ich lebe alleine, habe keinen Vormund und werde nie einen akzeptieren.<
Das war deutlich. Ich schlucke es tapfer runter und nehme ihre zarte Hand in die meine.
>Pardon, ich bin ein wenig unterernährt in Sachen Liebe. Meine Vergangenheit war nicht gerade aufregend. Ich bin mir sicher, du verzauberst alle Männerherzen im Nu.< Was für ein plumpes Kompliment, denke ich.
Sie sieht mich schelmisch an. >Ja, alle wollen dasselbe, aber nur wenige bekommen es. Wollen wir das Lokal wechseln? Ein nettes Dancing würde mich mehr freuen. Kannst du tanzen?<
Ich schüttle nur stumm den Kopf.
>Aber Musik hast du gerne?<
>Ich bin immer aufnahmefähig.< Das war diplomatisch. Ich winke der Bedienung.
>Schelm.<
Ich bezahle unsere Zeche und wir begeben uns zu Helens Wagen, einem kleinen Renault. Hätte ich ihr nicht zugetraut. Eher was Sportliches oder so.
Wir durchqueren die Stadt und in der Agglomeration fahren wir bei einem Nachtlokal vor.
>Es gibt drinnen auch ein Tanzlokal, nicht nur das Varieté,< erklärt sie mir.
Ich lasse mich überraschen. Ich war noch nie in einer Bar wie dieser. Alles in rotem Plüsch und ultraviolettem Licht. Helen sieht aus, als wenn sie braun wäre, die perlweißen Zähne scheinen blau. Wir werden zu einem kleinen Tischchen geleitet und nehmen nebeneinander auf einem Sofa Platz.
>Na, gefällt es dir?<
>Ja, es könnte zur Gewohnheit werden.<
Die Band startet die nächste Runde und Helen schleppt mich auf die Tanzfläche. Da es ein Blues ist, schlingt sie ihre Arme um meinen Hals und wir wiegen uns im Takte der Musik. Wange an Wange. Ich bekomme Wallungen und Seitenstechen zur selben Zeit. Da hier anscheinend alle Pärchen ihre romantischen Minuten haben, legt die Band einen drauf. Ich spüre Helen, ihren Körper, der sich an mich schmiegt und bekomme Atemnot.
Applaus von den Paaren und nun wird getwistet, und wie. Aber ich beherrsche den Tanz der gummigen Knie nicht wirklich und wir passen, schlürfen erst mal unseren Gin Fizz, das derzeitige Modegetränk.
>Ich war all die Jahre in der Provinz, bin sozusagen ein Greenhorn.<
>Aber ein sympathisches,< Helen schmiegt sich an mich. Sie ist ein Satan und sie weiß es auch. Ich bin sicher sie kennt all ihre Vorzüge aufs Beste.
>Warum ich?<
>Frag nicht so viel, wir sind nicht in der Firma.< Sie lacht bei ihren Worten. >Du hast das gewisse Etwas.<
Natürlich fühle ich mich geschmeichelt. Ich habe ja noch keine Erfahrung mit der holden Weiblichkeit. Deshalb bin ich auch am Aufholen.
Wir hatten beide eine strenge Woche und beschließen um Mitternacht zu ihr zu fahren.
Helen ist nicht wie Susanne, sie ist ein Tiger in Menschengestalt. Sie fordert, gibt, nimmt, bis zur totalen Erschöpfung. Ein neuer Erfahrungswert für mich. Und dann schmeißt sie mich raus. Das heißt sie komplimentiert mich raus, ruft mir ein Taxi. Vielleicht hat sie ein Geheimnis? Oder einen Freund den sie mir verschwieg? Versteh einer die Weiber. Ich bin so geschafft, dass es mir egal ist.
Wir hatten abgemacht, in der Firma normal miteinander zu verkehren, was immer dies heißen mag. Wir halten uns beide strikte daran. Ich denke, es wird so einige Flirts und heiße Begegnungen unter all den Angestellten geben. Aber nichts dringt an die Oberfläche. Diskretion ist auf einer Bank Ehrensache. Ich frage mich nur, wo die hochgelobte Moral schlussendlich bleibt. Sie ist eben doch nur Illusion.
Jedes Mal wenn ich Anastasia Stein sehe, wird mir irgendwie mulmig. Keine Ahnung warum. Sie ist das pure Gegenteil von Helen. Seit der Nacht mit Helen rede ich noch weniger mit ihr, weiß der Kuckuck warum. Ich habe irgendwie so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Verrückte Welt.
