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In seinem Buch »Der blinde Tenor« erzählt uns Peter Prochnow in einfühlsamen Kurzgeschichten von Verlierern der Gesellschaft und deren Profil. Er führt den Leser literarisch in fremde Welten, die gar nicht so fremd sind. Zu den Helden seiner Texte gehören u.a. spanische Straßenkinder, die um ihre Existenz kämpfen; einem erfolglosen Schauspieler in Hollywood ; einem behinderten Jungen in den Wirren des zweiten Weltkrieges u.v.a. Natürlich darf auch der »blinde Tenor« nicht fehlen. Jener blinde, junge Mann aus Paris entschließt sich nach London zu gehen, um dort Tenor zu werden. Dabei erobert er nicht nur das Herz dieser Weltstadt. Berührende Geschichten, die zum Nachdenken anregen. Dieser Sammelband besteht nicht nur aus Erzählungen, sondern auch aus Gedichten. Diese haben ihren Schwerpunkt in der Romantik, Nostalgie und Existenzphilosophie gefunden. Seine Themen sind für jedermann empfehlenswert, verführen den Leser anspruchsvoll zum Lesen.
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Seitenzahl: 130
Veröffentlichungsjahr: 2013
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Peter Prochnow
Kurzgeschichten und Gedichte
Bibliografische Information durch die Deutsche Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.dnb.de abrufbar.
Copyright (2012) Engelsdorfer Verlag
Alle Rechte beim Autor
www.engelsdorfer-verlag.de
eISBN: 978-3-86268-777-0
Vorwort
Gedanken in Zeilen
Der blinde Tenor
Monte Klamotte
Aufs Land
Michael
Der Straßenmusikant
Im Bann des Schattenmannes
Russisch Roulette
Der Träger des Flaschenordens
Hundert Jahre
Die Suche nach dem Elfenbeinturm
Auf den Pfaden des Lichts
Die Rosenmädchen
Kirmestreiben
Im Zeichen des Blutmondes
Erinnerungen
Liebesbriefe ohne Absender
Lichtgestalten
Pavarotti
Der Bootsmann
Der ewige Junggeselle
Der Fels in der Brandung
Walpurgisnacht
Wanderer am Kreidefels
Der Weg eines Clowns
Goldener Oktober
Die Fremde im Spiegel
Fliege im Winter
Sheila
Sturmzeit
Der Entdecker der Worte
Zwischen den Jahren
Der Jungbrunnen
Für Peter Prochnow begann das kreative Schreiben bereits in seiner Jugend. In seiner damaligen Band war er als Songwriter aktiv, schrieb Songtexte in englischer Sprache. Seine Themen waren bereits zur damaligen Zeit gesellschaftskritisch, berührten die Vergänglichkeit und Bewusstwerdung der Zeit. In den nächsten Jahren begann er, Gedanken alter Songtexte und deren Struktur in seiner Muttersprache neu aufleben zu lassen. Peter Prochnow arbeitete an seinem Schreibstil, befasste sich mit Einzelschicksalen seines Umfeldes, die ihm genug Stoff boten. Aus Gedichten entwickelten sich Erzählungen, die sich auch qualitativ vermehrten, um dieses Buch möglich zu machen. Vor einigen Jahren gründete er in Paderborn die Kunstgruppe „Die Erben von Eden“, eine Clique von Künstlern aus der Musik und Fotografie, die er als Autor literarisch ins Leben rief. Nach einigen Auftritten in Paderborn etablierten sich die „Erben von Eden“, die sein Pseudonym wurden. Sein Sammelband „Der blinde Tenor“ soll sowohl mit aktuellen als auch Klassikern unter seinen Texten an alte und neue Zeiten anknüpfen. Auch eine eigene Homepage ist entstanden, die den Namen „Lichtgestalten“ ziert. Ihre Adresse lautet:
www.erbenvoneden.npage.de
Auf der Homepage präsentiert Peter Prochnow einige Leseproben, die auch im aktuellen Buch als Gedicht oder Erzählung zu finden sind.
Ich verlege Gedanken in Zeilen,
gestalte mir einen eigenen Reim.
Beschreibe Gefühle aus der Zeit,
wie das Leben so spielt.
Schicksale vereinigen sich,
in Worte verhüllt.
Strophe für Strophe
wandert mein Blick
über ein leeres Blatt Papier.
Mit Tinte vollende ich nun,
was zu sagen war.
Ich nehme dem Blatt die Unschuld,
gebe ihm dafür mein Herzblut.
Samstagabend. Der Berliner Konzertsaal, festlich geschmückt und dekoriert sowie hell erleuchtet, erwartete bereits sein Publikum. Menschenmassen strömten hinein, das Gedränge nahm kein Ende. Doch jeder Gast fand seinen ihm reservierten Platz. Während sich das Orchester mit Pauken und Trompeten warm spielte, studierten die Besucher das Programm mit Vorfreude auf einen gelungenen Abend. Es erwartete sie eine besondere Darbietung. Seit Wochen war der Festsaal ausverkauft. Hauptakteur des Abends war der junge französische Tenor Luc de Maison, der trotz seiner Jugend eine ausgereifte Stimme besaß. In Szenekreisen galt er als Geheimtipp. Was die wenigsten im Publikum wussten: Seit seiner Geburt war er blind. Niemandem fiel es an diesem Abend auf.
Luc de Maison verstand es, anders als berühmtere Tenöre, nicht auf den kommerziellen Erfolg zu schielen. Wahrscheinlich lag es daran, dass er noch nie zuvor einen Menschen gesehen hatte. Wenn Luc in seinem Leben auf fremde Wesen traf, so achtete er stets auf deren Sprachmelodie.
Luc besaß ein hervorragendes Gehör, lernte früh, Stimmen zu unterscheiden, zuzuordnen. Luc war ein fröhliches Kind, das für sein Leben gern sang, ein ungeschliffener Diamant.
Sein Vater Jean de Maison war Musiklehrer, seine Mutter Rachel ausgebildete Tänzerin. Der Rhythmus und die Musik lagen ihm offenbar im Blut. Luc wuchs in bescheidenen Verhältnissen auf, ohne Glamour und Luxus. Trotz seiner Behinderung entwickelte Luc eine Form von Lebensfreude, die ansteckend war. Er war ein Energiebündel, das, anders als Gleichaltrige, über sich hinauswuchs. Seine Eltern förderten ihren Sprössling nach allen Regeln der Kunst. Doch auch Luc kam in das schwierige Alter, in dem nicht nur der Stimmbruch ein Anzeichen war, wenn ein Knabe zum Mann wurde. Luc ahnte noch nicht, was in ihm vorging. Seine Hormone, die nun in ihm erwachten, machten ihn so stark wie nie. Nun begann für ihn ein neuer Lebensabschnitt, der ihn auf die Probe stellte. Bisher hatte Luc blind seinem Umfeld vertraut, nun musste er lernen, dass es nicht jeder Mensch gut mit ihm meinte. Das verwirrte ihn, hatte er zuvor noch jenes Urvertrauen besessen, das ihm geholfen hatte, sein Gleichgewicht zu halten. Er musste lernen, seine kindliche Unbeschwertheit zu bewahren, gleichzeitig ein dickes Fell zu entwickeln, Vorsicht zu walten, wenn Gefahr drohte. Die Straßen des Lebens, gepflastert mit Tücken und Gefahren, galt es, Schritt für Schritt neu zu erforschen. Sein Leben begann wieder bei null. Alles, was ihm seine Kindheit im Nachruf vererbt hatte, war der Gesang. Luc ging mit seinem Talent nun reifer um, wusste, dass es seine Berufung war, ein breites Publikum zu unterhalten, anzusprechen.
So lebte er von Kindheit an gut achtzehn Jahre in Paris, kannte hier fast jede Ecke bei Nacht, die ihn Zeit seines Lebens umgab. Es war Zeit, sich die Hörner abzustoßen, an einem fremden Ort, auch dessen Straßen unsicher zu machen. Bisher war alles sicher seinen Lauf gegangen, jeder Schritt war zur Gewohnheit geworden, selbst in einer Weltstadt wie Paris. Schon lange besaß er eine innere Landkarte dieser Stadt, die er inzwischen auswendig kannte, sicher wie seine Westentasche. Hier hatte er gelernt, mit seiner Behinderung umzugehen, hierher würde er zurückkehren, wenn der Zeitpunkt gekommen war. Luc verließ die Stadt, in der alles begonnen hatte, mit einer Träne im Auge, mit einem Lächeln auf seinen Lippen. Auch in Paris hätte er Gesang studieren können, doch die Fremde lud ihn ein, neu zu experimentieren, sich herauszufordern oder zu verlieren.
Für Luc und seine Eltern war der Tag des Abschieds gekommen. Lange lagen sie sich in den Armen, als hätten sie mehr als hundert Jahre zusammen verbracht. Luc wusste, er würde ihre Stimmen vermissen, sich an jedes Wort erinnern, das sie ausgetauscht hatten. Nun standen die de Maisons am Pariser Bahnhof, eine Reise ins Ungewisse stand an. Lucs Zug näherte sich bereits mit dem Fahrtziel Calais, um von dort mit der Fähre nach Dover die englische Insel anzupeilen. Luc begab sich auf ein Abenteuer, auf eigene Faust Terrain zu betreten, das ihm unbekannt war. Er versuchte, in Wortfetzen sein Schulenglisch hervorzuholen, was ihm schwer fiel. Offenbar beherrschte nicht jeder die französische Sprache. Luc machte sich in London auf den Weg, seine neue Wahlheimat zu erkunden. Aus dem Erdkundeunterricht waren ihm noch einige berühmte Sehenswürdigkeiten bekannt. Wie immer tastete sich Luc mit seinem Stock vor, spürte die Hektik der Menschen, die an ihm vorbeirauschten. In Momenten wie diesen wünschte er sich das Augenlicht herbei. Doch Luc besaß sein geniales Hörgefühl als Gabe. Spätestens als er Londons berühmte Turmuhr „Big Ben“ vernahm, die zwölfmal schlug, wusste er, wo er sich befand: inmitten Londons Innenstadt zur Mittagszeit.
Hier kannte er sich nun aus, auch aus alten Geschichten, die ihm sein Onkel Robert erzählt hatte, als er noch klein gewesen war. Onkel Robert hatte lange in Oxford Rechtswissenschaften studiert, bis es ihn zurück nach Paris zu seinen Verwandten zog, nachdem er seine Jugendliebe aus seinen Augen verloren hatte.
Luc malte sich London nun in seinem geistigen Auge aus. Wo die Themse floss, dort stand auch die berühmte „Tower Bridge“. Und wo diese mächtige Brücke ihren Sitz hatte, befanden sich auch die Kronjuwelen der Königin. Eines hatte London mit Luc gemeinsam: Beide umgab dichter Nebel, der sich durch Straßen und Gassen zog. Luc zog in London wie Falschgeld umher, fühlte sich dabei mutterseelenallein, obwohl es hier von Menschen wimmelte.
Es half alles nichts. Luc nahm seinen ganzen Mut zusammen, sprach den erstbesten Passanten an, dem er begegnete. Wie es das Schicksal so wollte, lief er einer jungen Frau direkt in die Arme. Während sie sich entschuldigte, blickte Luc vorerst in die Leere. Die Stimme der Frau war ihm bereits im ersten Moment sympathisch. Für ihn war es Liebe auf den ersten Blick, wenn er sie auch nicht sehen konnte und nur akustisch wahrnahm. Ihm fehlten zunächst die Worte, er überlegte, wie er sich mit seinen wenigen englischen Vokabeln unterhalten konnte. Zu seiner Verwunderung sprach die junge Frau seine Sprache mit englischem Akzent. Sie wurden sich auf Anhieb vertraut, obwohl beide nichts voneinander wussten. Damit hatte Luc die berühmte Nadel im Heuhaufen gefunden.
Bei der jungen Frau handelte es sich um Jane, eine Kunststudentin in Oxford, die in London heimisch war. Sie mochte Anfang zwanzig sein, sprach gewählt, selbst die französische Sprache war ihr vertraut. Jane lud Luc auf einen Kaffee in ein Szenelokal ein. Der Nachmittag war noch jung, so dass beiden genug Zeit blieb, sich kennenzulernen. Im gemeinsamen Gespräch prüfte er ihre Stimmmelodie, erzählte von seiner Erblindung, die seit seiner Geburt chronisch war. Von seiner Absicht, Tenor zu werden, um trotz der Behinderung seiner Leidenschaft, dem Gesang, zu frönen. Jane berichtete aus ihrer Au-pair-Zeit im fernen Paris, in dem sie fast täglich den „Louvre“ unsicher gemacht hatte. An Leonardo da Vincis „Mona Lisa“ hatte sie sich nicht sattsehen können, der ihre Liebe zur Malerei erweckt hatte. Selbst Wahrzeichen wie den „Eiffelturm“, die „Notre Dame“ hatte sie in ihrer Zeit in Paris bewundert.
Luc konnte ihr stundenlang von seiner Heimatstadt berichten, wusste als Pariser von ihren schönen Seiten zu erzählen. Auch wenn er sie nie wirklich gesehen hatte in seinem Leben.
Nun war es Zeit, die Schönheit der Weltstadt London zu erkunden, die gar nicht so riesig auf ihn wirkte. Jane und Luc besuchten alle wichtigen Sehenswürdigkeiten der Hauptstadt Englands, wo auch die Queen beheimatet war. Sie ging sensibel mit ihm um, beschrieb ihre besonderen Auffälligkeiten, die Farbe, den Kontrast, ihre Größe, ihre Macht, bei dem der Atem von Bewunderern stockte. Luc lauschte ihren Worten, wenn sie Dinge beschrieb, auch wenn er nicht ahnen konnte, wie sie bei Tageslicht, im ungetrübten Augenlicht auszusehen vermochten. In Janes Nähe fühlte er sich sicher, wie in Abrahams Schoß.
Von nun an symbolisierte Janes Gegenwart die Großstadt London. Es gab jetzt einen hellen Stern in seiner Dunkelheit, zu dem er aufschauen konnte, in tiefster Finsternis, die ihn umgab. Jane ersetzte seine Sehnsucht, einen Einblick zu gewinnen, wie kunterbunt die Welt doch war.
Jane lebte allein in einer Zweizimmerwohnung, lebte für die Kunst. Selbst in einsamen Stunden malte sie in ihrer Wohnung, ließ sich von innerer Leere inspirieren. Sie drohte zu vereinsamen, wenn sie mal nicht die Innenstadt aufsuchte. Seit Wochen stand Jane vor dem Scherbenhaufen ihrer letzten Beziehung. Ein englischer Soldat, der sie ausgenutzt hatte, war mit Sack und Pack verschwunden. Vor Kurzem hatte sie sich ein Haustier angeschafft, einen ausgewachsenen Kater, der ihr treu blieb.
Auch Lucs Anwesenheit, war ihr mehr als willkommen. Luc war ein herzensguter Mensch, der sich für sie interessierte, der sichtbar Gefühle für sie hatte. Fast den ganzen Tag lang trottete er nun mit seinem Gepäck in Londons Innenstadt umher, fand in Jane eine Frau, der er nicht egal war.
Am selben Abend verdunkelte sich nun auch Londons Firmament. Ob blind oder hellwach, auch an diesem Abend spielten alle Beteiligten mit offenen Karten, die neu gemischt wurden. Luc befand sich in Janes vier Wänden, war ihr hoffnungslos ausgeliefert.
Sie streichelte sein Gesicht, liebkoste ihn zart.
Sichtbar genoss er jede Sekunde, als sie ihn auszog. Luc ließ alles mit sich geschehen, gab sich der Erotik hin, lange hatte er auf diesen Moment gewartet. Es war seine erste Nacht, die er mit einer Frau verbrachte. War es in Kindheitstagen eine Sandkastenliebe, später eine jugendliche Schwärmerei gewesen, so war dieses erste Mal für ihn seine persönliche Feuertaufe zum Mann.
Von nun an waren beide vereint, verlebten viele gemeinsame Stunden, in denen sich Luc eine innere Karte von London ausmalte. Sein Motto hieß nun „London bei Mitternacht“, die nie ein Ende fand. Die Zeit schien für ihn stillzustehen, blieb auf ewig jung, wobei nur sein Körper dem Vergehen gewidmet war.
Einige Tage später suchte er das Konservatorium für musikalische Künste Londons auf. Es hieß, sich vor einer Fachjury mitzuteilen, die entschied, ob ein Bewerber geeignet war oder nicht. Luc betrat die Bretter, die die Welt bedeuteten. Mit Lampenfieber führten ihn Helfer auf die Bühne des Operettensaales. Luc schwitzte nicht nur unter dem Rampenlicht, er schwitzte auch Angstschweiß. Ob der Saal bis auf den letzten Platz belegt war oder nicht, das Erlebnis, vor Publikum zu singen, blieb dasselbe.
Den Juroren überkam eine Woge des Respekts, Luc musste seine Stimme gar nicht erst erheben. Sein wortloser Auftritt garantierte ihm den gedanklichen Applaus des Publikums. Auch sein Lampenfieber legte sich, Luc wurde mit der Bühne warm und fühlte sich dort wohl. Erinnerungen aus Kindheitstagen holten ihn ein, als er vor Freunden Kinderlieder gesungen hatte. Der Gesang blieb derselbe, vor oder ohne Publikum. Seine Stimme klang so melodisch wie lange nicht mehr, er traf jeden Ton seines Vortrags. Mit jedem Laut spielte er, in der Hoffnung, sein Flehen würde erhört werden. Er legte jedes Gefühl in seiner Stimmlage aus, um die Zuschauer an seinem Spiel teilhaben zu lassen, auch dann, wenn sie den Saal verließen.
Nach dem Studium des Gesangs in London zog es ihn zurück nach Paris, dem Ort, wo alles begonnen hatte. Als junger Tenor sang er bereits in großen Hallen, von der Fachwelt gelobt und eine verheißungsvolle Karriere vorausgesagt. Auch Berlin galt als Etappenziel seiner langen Reise.
Wie immer vernahm Luc vor seinen Auftritten das typische Geräusper, Getuschel und Geräusche in der ersten Reihe. Jederzeit konnte es in Applaus ausarten, wie ein Vulkan über ihn ausbrechen.
Mit seiner späteren Frau Jane und seinen Eltern im Publikum konnte selbst ein blinder Tenor nicht untergehen.
Man schrieb das Jahr 1949. Deutschland wurde endgültig in zwei Teile geteilt. Es entstand im Westen die BRD, im Osten die DDR. Nicht nur ein Land wurde gespalten, sondern auch die Herzen von Familien. Nach der Neuordnung durch die Siegermächte kam es zu Trennungen von Elternteilen, Verwandten und Freunden. Bei aller materieller Not, Hunger und Arbeitslosigkeit – nichts schmerzte mehr als der Verlust eines Angehörigen. Die Errichtung der Berliner Mauer, die Kälte und Härte symbolisierte, teilte das gesamte Gebiet in Ost und West. Das deutsche Volk hatte sich in seiner Vergangenheit an etwas schuldig gemacht und musste sich nun dafür verantworten. Der Vorgänger der Berliner Mauer war eine Barriere aus Steinen und Stacheldraht, die sich durch das Berliner Stadtbild zog. Sie teilte die Stadt in zwei Lager. Die Sowjets verwalteten Ost-Berlin, die Amerikaner den Westen. Noch konnten die Berliner beide Fronten betreten.
Christa Freise wuchs mit ihrem jüngeren Bruder Markus bei ihrer Mutter Luise auf. Deren Mann und Vater der Kinder, Bernd Freise, war im Krieg gefallen. Jetzt hieß es, nach dem verlorenen Krieg im Alltag zu existieren. Christa war zwölf Jahre alt und stellte sich wie jeden Morgen früh in die scheinbar endlosen Schlangen der Wartenden vor den Läden. Auch die Schwarzmärkte waren wie immer überfüllt. Die Kunden drängelten mit leeren Taschen auf der Suche nach Essbarem oder Holz zum Heizen ihrer Öfen. Die Freises lösten sich beim Warten ab und kamen oft erst spät am Tag nach Hause. Luise versuchte, allem gerecht zu werden. Sie war nicht nur Hausfrau und Mutter, sondern half auch mit, die Ruinen aus der Kriegszeit zu rekonstruieren. Sie war eine echte Trümmerfrau, die mit helfender Hand dabei war, wo sie nur konnte. Sie gehörte zu den Kriegerwitwen, die ihre Söhne und Männer im Krieg verloren hatten. Es waren Alte, Frauen und Kinder. Ihre Arbeit wurde belohnt, indem sie Lebensmittelkarten erhielten, um so ihr Überleben zu sichern. Die Jugend symbolisierte in den nächsten Jahren die Nachkriegszeit. Ihnen gehörte die Zukunft und das war denen auch bewusst.
