Der Blinde von Sevilla - Robert Wilson - E-Book

Der Blinde von Sevilla E-Book

Robert Wilson

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Beschreibung

Der erste Fall für Che finspektor Javier Falcón als Neuveröffentlichung

Während man in Sevilla die Semana Santa feiert, ist Inspektor Javier Falcón mit einem äußerst grausamen Mordfall beschäftigt. Ein Restaurantbesitzer wird tot aufgefunden - an einen Stuhl gefesselt und gestorben an den Verletzungen, die er sich zufügte, als sein Mörder ihn zwang, ein Video anzuschauen. Was so unvorstellbar Schreckliches hat das Opfer gesehen? Bei den Nachforschungen entdeckt Falcón nicht nur, dass sein verstorbener Vater in den Fall verwickelt ist, sondern dass er selbst bald das nächste Mordopfer werden könnte. Kann ihm da noch der Blinde helfen, der ihm mit angeblich prophetischer Gabe zur Seite steht ...?

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Buch

Chefinspektor Javier Falcón ist ein äußerst kühler und rationaler Mensch. Doch der Anblick des ermordeten Restaurantbesitzers Raúl Jiménez ist selbst für ihn zu viel: Jiménez wurde an einen Stuhl gefesselt und gezwungen, einen Videofilm anzuschauen. Um ihn daran zu hindern, die Augen zu schließen, schnitt ihm der Mörder die Augenlider ab. Der Anblick der in Todesangst aufgerissenen Augen des Ermordeten lässt Falcón nicht mehr los. Zum ersten Mal gelingt es ihm nicht, berufliche Distanz zu einem Fall zu wahren – und von Anfang an ahnt er, dass dieser Mord sein Leben von Grund auf verändern wird.

Seine Vermutung bestätigt sich. Denn auf dem Schreibtisch des Ermordeten findet Falcón Fotos aus den 50er Jahren, auf denen sein Vater, ein sehr renommierter Maler, abgebildet ist. Was für eine Verbindung besteht zwischen den beiden Männern? Auf der Suche nach einer Antwort beginnt der Chefinspektor die Tagebücher seines verstorbenen Vaters zu durchforsten. Dort lernt er die dunklen und grausamen Seiten des nach außen hin so ruhmvollen Künstlers kennen. Das Bild, das sich Falcón von seiner Familie gemacht hat, wird schonungslos zerstört. Zugleich erkennt er, dass ihm gerade die Tagebücher die wichtigsten Indizien liefern, um dem Mörder auf die Spur zu kommen ...

Autor

Robert Wilson, 1957 in England geboren, studierte an der Universität von Oxford. Zusammen mit seiner Frau lebt er abwechselnd in England, Spanien und Portugal. Spätestens seit dem Roman »Tod in Lissabon«, für den er den Gold Dagger Award und den Deutschen Krimi-Preis erhielt, wird er als »einer der besten Thrillerautoren der Welt« (The New York Times) gefeiert.

Mehr zum Autor und seinen Büchern unter www.robert-wilson.eu.

Mehr von Robert Wilson:

Die Romane um Kommissar Javier Falcón:

Die Toten von Santa Clara. Roman · Die Maske des Bösen. Roman Andalusisches Requiem. Roman

Weitere Titel:

Tod in Lissabon. Roman · Stirb für mich. Thriller

Alle Titel sind auch als E-Book erhältlich

Robert Wilson

Der Blindevon Sevilla

Roman

Aus dem Englischenvon Kristian Lutze

Die Originalausgabe erschien 2003 unter dem Titel

»The Blind Man of Seville« bei HarperCollins, London.

Der Übersetzer bedankt sich bei dem Deutschen Übersetzerfonds e.V., der die Übertragung dieses Romans mit einem Stipendium gefördert hat.

1. Auflage

Taschenbuchausgabe November 2013

Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Copyright © der Originalausgabe 2003 by Robert Wilson

Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2004

by Wilhelm Goldmann Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Lektorat: Vera Thielenhaus

Umschlaggestaltung: UNO Werbeagentur, München

Umschlagmotiv: Andrew Watson / getty images

Th ∙ Herstellung: sc

ISBN 978-3-641-13467-9

www.goldmann-verlag.de

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Für Jane

und

Mick und José

L’art, c’est le vice. On ne l’épouse pas légitimement, on le viole.

Kunst bedeutet Laster! Man heiratet sie nicht legitim, man vergewaltigt sie.

Edgar Degas

»Du musst hinsehen«, sagte die Stimme.

Doch er konnte nicht hinsehen. Er war der eine Mensch, der es sich nicht anschauen konnte und es nie können würde, weil es Dinge in jenem Teil seines Gehirns auslöste, der bei einer Messung der Hirnströme im Schlaf hellrot aufleuchten würde, diejenige Region seiner labyrinthischen Hirnwindungen, die Laien als »wilde Fantasien« bezeichnen würden. Eine Gefahrenzone, die abgesperrt werden musste, verbarrikadiert mit allem, was gerade zur Hand war, vernagelt, mit Ketten und einem Vorhängeschloss gesichert, dessen Schlüssel im tiefsten See versenkt. Es war die Sackgasse, in der seine grobschlächtige, kräftige Bauerngestalt auf einen zitternden nackten Jungen reduziert wurde, der sein Gesicht im tröstenden Schutz einer dunklen, harten, schmalen Ecke verbarg, die Beine und Pobacken wund vom Sitzen im eigenen Urin.

Er würde nicht hinsehen. Er konnte nicht.

Der Ton aus dem Fernseher wechselte zu einem alten Film zurück. Er hörte die synchronisierten Stimmen. Ja, das würde er sich ansehen. Das konnte er sich ansehen: wie James Cagney Spanisch sprach, während seine Blicke hin und her zuckten und seine Lippen völlig andere Dinge zu sagen schienen.

Der Videorekorder surrte, als das Band zum Anfang zurückgespult wurde. Der Horizont in seinem Kopf geriet in Bewegung. Übelkeit? Oder etwas Schlimmeres? Die sich auftürmende Flutwelle der Vergangenheit? Sein Hals war wie zugeschnürt, seine Lippen zitterten, sein innerer Taumel übertrug sich auf den manisch Spanisch sprechenden James Cagney. Er rollte seine nackten Zehen ein und packte die Lehnen des Stuhls. Seine Handgelenke waren bereits wund von den Fesseln. Seine Augen füllten sich mit Tränen, und sein Blick verschwamm.

»Tränen zur Schlafenszeit«, sagte die Stimme.

Schlafenszeit? Sein Verstand spielte mit dem Gedanken. Er hustete gedämpft in die Socken, die man ihm in die Backen gestopft hatte. Bedeutete Schlafenszeit das Ende? Das Ende wäre jedenfalls besser als das. Schlafenszeit. Tiefer, dunkler, endloser Schlaf.

»Ich fordere dich auf, es noch einmal zu versuchen … du sollst versuchen zu sehen. Aber dafür musst du hinschauen. Wenn man nicht hinschaut, kann man nichts sehen«, sagte die Stimme leise in sein Ohr. Das »Play«-Licht blinkte rot aus der Finsternis. Er schüttelte den Kopf und kniff die Augen zusammen. James Cagneys spanische Stimme wurde von wildem Gekicher geschluckt, dem ausgelassenen Lachen eines kleinen Jungen. Das war doch Lachen, oder? Er rollte den Kopf von einer Schulter auf die andere, als ob ihn das taub machen könnte für das verwirrende Geräusch, das für Angst, nackte Todesangst zu halten er sich weigerte. Dann das nachfolgende Schluchzen, die Hilflosigkeit, die schreckliche Schwäche nach dem Kitzeln … oder nach der Folter? Das Schluchzen, das konzentrierte Keuchen. Das Auftauchen aus dem Schmerz.

»Du schaust nicht hin«, sagte die Stimme wütend.

Sein Stuhl schwankte, als er versuchte, sich von dem Bildschirm und dem durchdringenden Geräusch abzuwenden. Erneut ließ sich James Cagney in perfektem Stakkato-Spanisch vernehmen, begleitet vom schneller werdenden Surren der Kassette bis zu dem Klicken, mit der sie in der Ausgangsposition einrastete.

»Ich habe es versucht«, sagte die Stimme. »Ich war geduldig und … nachsichtig.«

Nachsichtig? Das ist nachsichtig? Mich mit Händen und Füßen an einen Stuhl zu fesseln, mir meine stinkenden Socken in den Mund zu stopfen, damit ich mir das … mein … das … ansehen muss?

Kurzes Schweigen, gefolgt von einem gemurmelten Fluch. Papiertücher wurden aus der Schachtel auf dem Schreibtisch gerissen. Wieder erfüllte dieser Geruch das Zimmer. Er erinnerte sich daran. Der dunkle Fleck kam auf ihn zu, diesmal nicht auf einem Lumpen, sondern auf Papiertüchern. Der Geruch und seine Bedeutung. Dunkelheit. Geliebte Dunkelheit. Schenk sie mir. Ich ziehe sie jederzeit vor.

Der harte Schlag des Chloroforms ließ ihn nach hinten ins Nichts taumeln.

Ein Lichtpunkt so klein wie ein Stern durchlöcherte die hohe Kuppel, wuchs zu einem Kreis und riss ihn aus seinem dunklen Brunnen. Nein, ich bleibe hier. Lass mich in meinem finsteren Verlies. Doch er wurde unerbittlich in den breiter werdenden Kreis gezogen, bis er wieder in dem Wohnzimmer mit James Cagney aufwachte, der mittlerweile in Begleitung eines Mädchens war. Und das war nicht das Einzige, was sich verändert hatte. Ein Kabel schnitt in sein Gesicht. Es war unter seiner Nase festgezogen und an der hohen Rückenlehne des Stuhls verknotet worden, sodass sich die geschnitzten Konturen irgendeines alten Wappens in seine Kopfhaut gruben. Und da war noch etwas. Dios mío, ¿qué me has hecho?… was hast du mit mir gemacht?

Die Tränen kullerten warm über seine Wangen in seine Mundwinkel und tropften auf sein weißes Hemd. Er hatte den metallischen Geschmack eines Skalpells auf der Zunge. Was hast du mit mir gemacht? Der Bildschirm kam ihm entgegen und blieb vor seinen Knien stehen. Zu viel passierte auf einmal. Cagney, der das Mädchen brutal küsste. Das Kabel, das in seine Nasenscheidewand schnitt. Die Panik, die von seinen Füßen aufstieg und, sich unaufhörlich steigernd, durch seinen ganzen Körper schwappte, in seine Organe sickerte und seine sich verengende Halsschlagader verstopfte. Unbesiegbar. Unerträglich. Unvorstellbar. Seine Gedanken rasten, seine Augen brannten, die Tränen strömten. Seine Lider – stoppelige Linien, die in der Dunkelheit brannten – bewegten sich auf seine schwarzen, glänzenden Pupillen zu und versengten das Weiß seiner Augen.

Eine Pipette tauchte in seinem brennenden Gesichtsfeld auf, an ihrem Glasröhrchen hing ein zitternder Tautropfen, den seine Augen begierig tranken. Tranken und nach mehr verlangten.

»Jetzt wirst du alles sehen«, sagte die Stimme. »Und ich sorge für die Tränen.«

Der Tropfen fiel auf das Auge. Das Videoband ruckelte und quietschte auf seinen Spulen. James Cagney und sein Mädchen wurden von einer schleichenden Echse verschlungen. Dann kam das Schreien – und die fürsorgliche Verabreichung von Tränen.

1

Donnerstag, 12. April 2001, Edificio Presidente,Los Remedios, Sevilla

Begonnen hatte es in dem Moment, als er das Zimmer betreten und das Gesicht gesehen hatte.

Der Anruf war um 8.15 Uhr gekommen, als er das Haus gerade verlassen wollte – eine Leiche, vermutlich Mord, und die Adresse.

Semana Santa. Es war nur gerecht, dass in der Karwoche zumindest ein Mord geschah, auch wenn das natürlich keinerlei Wirkung auf die Menschenmengen haben würde, die das tägliche Zusammentreffen bebender heiliger Jungfrauen auf ihren Sänften verfolgten, die alle auf dem Weg zur Kathedrale waren.

Langsam fuhr er aus der Einfahrt des riesigen Hauses in der Calle Bailén. Die Reifen ratterten über das Kopfsteinpflaster der leeren, engen Straßen. Während der Semana Santa war die Stadt, die zu jeder Jahreszeit nur widerwillig erwachte, um diese Stunde besonders still. Er fuhr auf den Platz vor dem Museo de Bellas Artes. Die ocker gerahmten, weiß getünchten Fassaden thronten schweigsam hinter hohen Palmen, den beiden riesigen Gummibäumen und den noch nicht erblühten Palisanderbäumen. Er öffnete das Fenster, um die vom Tau noch frische Morgenluft hereinzulassen, fuhr zum Guadalquivir hinunter und folgte der von Bäumen gesäumten Paseo de Cristóbal Colón. Als er an den roten Toren der Puerta del Príncipe in der barocken Fassade der Plaza de Toros, La Maestranza, vorbeifuhr – die in der Woche vor der Feria de Abril die ersten Stierkämpfe sehen würde –, empfand er beinahe so etwas wie Zufriedenheit.

Mehr Glück erlebte er dieser Tage nie, und so versuchte er, es festzuhalten, als er hinter dem Torre del Oro rechts abbog, die Altstadt hinter sich ließ und den Fluss überquerte, den die frühe Morgensonne in zarten Dunst hüllte. An der Plaza de Cuba wich er von seiner gewohnten Route zur Arbeit ab und folgte der Calle Asunción. Später würde er versuchen, sich an diese Momente zu erinnern, weil es die letzten eines Lebens waren, das er bis dahin für einigermaßen befriedigend gehalten hatte.

Er erinnerte sich, dass der neue und sehr junge Juez de Guardia, der zuständige Staatsanwalt, der in dem blitzsauberen, in weißem Marmor gehaltenen Flur von Raúl Jiménez’ Wohnung im sechsten Stock des Edificio Presidente auf ihn wartete, versucht hatte, ihn zu warnen.

»Machen Sie sich auf etwas gefasst«, hatte er gesagt.

»Worauf?«, hatte Falcón gefragt.

In dem nachfolgenden verlegenen Schweigen hatte Javier Falcón den Anzug des Juez de Guardia einer gründlichen Musterung unterzogen und entschieden, dass er entweder italienisch oder von einem führenden spanischen Designer sein musste, Adolfo Dominguez vielleicht. Jedenfalls ziemlich teuer für einen jungen Staatsanwalt wie Esteban Calderón, der 36 und kaum ein Jahr im Amt war.

Dieser wollte angesichts Falcóns augenscheinlichem Desinteresse vor dem 45-jährigen Chefinspektor der Mordkommission – oder, besser gesagt, dem Inspector Jefe del Grupo de Homicidios de Sevilla – nicht naiv erscheinen. Immerhin begutachtete Javier Falcón seit mehr als 20 Jahren Mordopfer in Barcelona, Saragossa, Madrid und jetzt in Sevilla.

»Sie werden schon sehen«, erwiderte er Calderón also mit einem nervösen Schulterzucken.

»Kann ich dann an die Arbeit gehen?«

Calderón nickte und erklärte, dass die Policía Científica gerade erst ins Haus gelassen worden sei, sodass man vorerst nur eine erste Begutachtung des Tatorts vornehmen könne.

Falcón ging den Korridor zu Raúl Jiménez’ Arbeitszimmer hinunter und überlegte, wie man sich wohl auf etwas gefasst machte. An der Wohnzimmertür blieb er stirnrunzelnd stehen. Der Raum war leer. Er drehte sich zu Calderón um, der ihm den Rücken zugewandt hatte und der secretaria etwas diktierte. Falcón warf einen Blick in das ebenfalls leere Speisezimmer.

»Wollten die ausziehen?«, fragte er.

»Claro, Inspector Jefe«, sagte Calderón, »die einzigen Möbel in der ganzen Wohnung sind ein Bett in einem der Kinderzimmer und Senhor Jiménez’ komplettes Arbeitszimmer.«

»Heißt das, die Señora Jiménez ist mit den Kindern bereits in der neuen Wohnung?«

»Wir wissen es nicht genau.«

»Meine Nummer zwei, Inspector Ramírez, sollte in ein paar Minuten eintreffen. Schicken Sie ihn umgehend zu mir.«

Während Falcón bis zum Ende des Korridors weiterging, war er sich jedes seiner Schritte auf dem polierten Parkett bewusst. Sein Blick war auf einen Haken an der nackten Wand am Ende des Flures gerichtet; die quadratische Fläche darunter war heller als ihre Umgebung. Dort musste ein Bild oder ein Spiegel gehangen haben.

Er streifte ein Paar Chirurgenhandschuhe über, betrat das Arbeitszimmer, sah von seinen latexbedeckten Handflächen auf und blickte in Raúl Jiménez’ Grauen erregendes Gesicht, das ihn anstarrte.

Da hatte es angefangen.

Es war keineswegs so, dass er erst später in der Rückschau erkannt hatte, dass dies der Wendepunkt gewesen war. Es war nichts Subtiles daran gewesen. Eine Veränderung der Körperchemie macht sich sofort bemerkbar. In seinen Handschuhen und direkt unter dem Haaransatz auf seiner Stirn bildeten sich Schweißtropfen. Heftiges Herzklopfen ließ ihn innehalten, weil er auf einmal das Gefühl hatte, die Luft enthielte nicht genug Sauerstoff. Er hyperventilierte ein paar Sekunden und zupfte an seinem Hals, um besser Luft zu bekommen. Sein Körper signalisierte ihm, dass da etwas war, wovor man Angst haben musste, während sein Verstand ihn vom Gegenteil zu überzeugen versuchte.

Er stellte die üblichen leidenschaftslosen Beobachtungen an. Raúl Jiménez’ Füße waren nackt, die Knöchel an die Stuhlbeine gefesselt. Einige Möbelstücke standen quer zum übrigen Mobiliar und waren offenbar verrückt worden. Abdrücke in dem teuren Perserteppich markierten die Stelle, wo der Stuhl normalerweise gestanden hatte. Die Kabel von Fernseher und Videorekorder waren straff gespannt, weil der Wagen, auf dem sie standen, meterweit von seiner normalen Position weggerollt worden war. Auf dem Fußboden neben dem Schreibtisch lag ein Ball aus Stoff, der aussah wie ein Paar zusammengeknüllter Socken mit Spuren von Speichel und Blut. Die Doppelfenster waren geschlossen, die Vorhänge offen. Auf dem Schreibtisch stand ein großer Specksteinaschenbecher voller ausgedrückter Kippen und abgebrochener Filter, daneben eine Schachtel Celtas. Billige Zigaretten, die billigsten. Nur die billigsten für Raúl Jiménez, Besitzer von vier der beliebtesten Restaurants in Sevilla sowie zweier weiterer in Sanlúcar de Barrameda und Puerto Santa Maria an der Küste. Nur die billigsten für Raúl Jiménez mit seiner 90-Millionen-Peseten-Wohnung in Los Remedios mit Blick auf das Feria-Gelände und den Prominentenfotos an der Wand hinter dem mit Leder bespannten Schreibtisch. Raúl mit dem Torero El Cordobés. Raúl mit der TV-Moderatorin Ana Rosa Quintana. Raúl mit einem Schlachtermesser hinter einem jamón, bei dem es sich um einen erstklassigen Pata Negra handeln musste, denn Raúl stand zwischen Antonio Banderas und Melanie Griffith, die völlig entsetzt auf den Huf starrte, der auf ihre rechte Brust zeigte.

Der Schweiß versiegte nicht, sondern brach auch an anderen Stellen aus. Auf seiner Oberlippe, im Kreuz, in seinen Achselhöhlen, von wo er bis zu seinen Hüften hinuntersickerte. Er wollte sich vormachen, dass es heiß in dem Zimmer war, dass der Kaffee, den er eben getrunken hatte … Er hatte keinen Kaffee getrunken.

Das Gesicht.

Für einen Toten war es ein Gesicht von enormer Präsenz. Wie El Grecos Heilige, deren Augen einen überallhin verfolgten.

Folgten diese Augen ihm auch?

Falcón ging erst auf die eine, dann auf die andere Seite des Zimmers. Tatsächlich. Absurd. Streiche, die einem die eigene Wahrnehmung spielt. Er riss sich zusammen, ballte eine Latexfaust.

Er stieg über die straff gespannten Kabel von Fernseher und Videorekorder, trat hinter den Stuhl des Toten und blickte zur Decke, bevor er auf Raúl Jiménez’ stahlwolleartiges Haar hinuntersah, das am Hinterkopf, den der Tote wiederholt gegen das geschnitzte Wappen in der Rückenlehne geschlagen hatte, schwarz-rot verklebt war. Der Kopf war immer noch mit einem Kabel an den Stuhl gefesselt, das ursprünglich sehr stramm gewesen sein musste. Jiménez hatte sich offenbar ein wenig Spielraum erkämpft. Dabei hatte das Kabel sich tief in das knorpelige Gewebe der Nasenscheidewand geschnitten, stellenweise sogar bis direkt ans Nasenbein, sodass die Nase lose im Gesicht hing. Auch die Haut über den Wangenknochen war zerfetzt worden, als er den Kopf hin und her geworfen hatte.

Falcón wandte sich vom Profil des Toten ab und starrte frontal auf den leeren Bildschirm des Fernsehers. Er blinzelte und wollte die starren Augen schließen, die ihn selbst als Spiegelbild noch mit ihren Blicken durchbohrten. Sein Magen wurde flau bei dem Gedanken, was für Schreckensbilder diesen Menschen dazu gebracht hatten, sich selbst so etwas anzutun. Waren sie immer noch da, auf die Netzhaut oder in einer Art digitalisiertem Zustand tief ins Gehirn gebrannt?

Er schüttelte den Kopf, weil er es nicht gewohnt war, dass ihn derart wilde Gedanken in seinen nüchternen Ermittlungen störten. Dann ging er um den Stuhl herum, um das blutverschmierte Gesicht so gut es ging von vorn zu betrachten, wobei ihm der TV-Wagen an den Knien des Mannes im Weg war. Und in diesem Augenblick sah sich Javier Falcón auch mit seinem ersten körperlichen Aussetzer konfrontiert. Er konnte seine Knie nicht beugen. Keine der üblichen motorischen Botschaften drang weiter vor als bis zu seiner von Panik zugeschnürten Brust und seinem aufgewühlten Magen. Er tat, was der Juez de Guardia ihm geraten hatte, versuchte, sich zu fassen, sah aus dem Fenster. Bemerkte, wie strahlend hell dieser Aprilmorgen war, und erinnerte sich an die Ruhelosigkeit, mit der er sich hinter der Dunkelheit geschlossener Läden angekleidet hatte, das Unbehagen nach einem langen einsamen Winter mit zu viel Regen. So viel Regen, dass sogar ihm aufgefallen war, wie die Parks der Stadt zu veritablen Dschungeln von verschwenderischer botanischer Vielfalt gewuchert waren. Er blickte auf das Feria-Gelände, auf dem in zwei Wochen ein zweites Sevilla aus Festzelten entstehen würde, wo sieben Tage lang gegessen, Fino getrunken und bis zum Morgengrauen Sevillanas getanzt werden würden. Er atmete tief ein und beugte sich über Raúl Jiménez’ Gesicht.

Das grausame Starren rührte daher, dass die Augäpfel des Mannes aus seinem Kopf quollen, als hätte er ein Schilddrüsenleiden. Falcón warf einen Blick auf die Fotos an der Wand. Auf keinem wirkte Jiménez glubschäugig. Es lag daran, dass … Seine Synapsen stauchten sich wie zwei Autos in einem Auffahrunfall. Der sichtbare Augapfel, das auf den Wangen getrocknete und am Kinn geronnene Blut. Und was waren diese zarten Schnipsel auf Raúls Hemd? Vier Blütenblätter, prachtvoll, exotisch und fleischig wie Orchideen mit feinen Fasern, fast wie Fliegenfänger. Aber Blütenblätter … hier?

Seine Füße suchten vergeblich Halt an der Teppichkante und auf dem Parkett, als er nach hinten taumelte, über das Fernsehkabel stolperte und den Stecker aus der Wand riss. Auf Händen und Füßen krabbelte er rückwärts, bis er die Wand in seinem Rücken spürte und sich, mit gespreizten Beinen, zuckenden Schenkeln und zitternden Füßen, anlehnte.

Augenlider. Zwei obere, zwei untere. Nichts hätte ihn darauf vorbereiten können.

»Alles in Ordnung, Inspector Jefe?«

»Sind Sie das, Inspector Ramírez?«, fragte er und richtete sich langsam und unsicher auf.

»Die Policía Científica steht zur Spurensicherung bereit.«

»Schicken Sie mir den Médico Forense vorbei.«

Ramírez verschwand aus dem Türrahmen, und Falcón sammelte sich. Der Gerichtsmediziner erschien.

»Haben Sie gesehen, dass man dem Mann die Augenlider entfernt hat?«

»Claro, Inspector Jefe. Der Juez de Guardia und ich mussten uns doch vergewissern, dass der Mann tot war. Dabei habe ich auch bemerkt, dass die Augenlider des Mannes entfernt worden sind und … es steht alles in meinen Notizen. Die secretaria hat es bereits aufgenommen. So etwas würde man ja wohl kaum übersehen.«

»Nein, nein, daran zweifle ich gar nicht … ich war lediglich überrascht, dass man es mir gegenüber nicht erwähnt hat.«

»Ich glaube, Juez Calderón wollte es Ihnen sagen, aber …«

»Aber was …?«

»Er war wohl ein wenig eingeschüchtert von Ihrer Erfahrung in diesen Dingen.«

»Haben Sie schon eine Meinung zu Todeszeit und -ursache?«

»Todeszeit etwa vier, halb fünf heute Früh. Und die Ursache, nun ja, vamos a ver, der Mann war über 70, übergewichtig, starker Raucher von filterlosen Zigaretten, und als Restaurantbesitzer hat er sicher gern mal das eine oder andere Gläschen Wein getrunken. Selbst ein sportlicher junger Mann hätte diese Verletzungen sowie die physischen und psychischen Leiden möglicherweise nur in einem extremen Schockzustand ertragen. Er ist an Herzversagen gestorben, da bin ich ganz sicher. Das wird die Obduktion bestätigen … oder auch nicht.«

Eingeschüchtert von Falcóns Blick und verärgert über das dümmliche Ende seiner Ausführungen, drückte der Médico Forense sich aus der Tür, in der unmittelbar darauf Calderón und Ramírez auftauchten.

»Lassen Sie uns anfangen«, sagte Calderón.

»Wer hat den Notruf gewählt?«, fragte Falcón.

»Der conserje«, sagte Calderón. »Nachdem das Hausmädchen …«

»Nachdem das Hausmädchen mit ihrem Schlüssel die Wohnung betreten und die Leiche entdeckt hatte, woraufhin sie aus der Wohnung gestürzt ist und den Lift zurück ins Erdgeschoss genommen hat …?«

»… wo sie hysterisch mit den Fäusten an die Wohnungstür des Pförtners gehämmert hat«, beendete Calderón seinen Satz, verärgert über Falcóns Unterbrechung. »Es hat eine Weile gedauert, bis sie sich halbwegs verständlich äußern konnte, und dann hat er die 091 angerufen.«

»Ist der Pförtner auch hier hoch gekommen?«

»Erst nachdem der erste Streifenwagen eingetroffen und der Tatort abgesperrt worden ist.«

»Stand die Tür offen?«

»Ja.«

»Und wo ist das Hausmädchen jetzt?«

»Sie liegt im Hospital de la Virgen de la Macarena, wo man sie ruhig gestellt hat.«

»Inspector Ramírez …«

»Ja, Inspector Jefe …«

Alle Wortwechsel zwischen Falcón und Ramírez begannen so. Es war Ramírez’ Art, den Inspector Jefe daran zu erinnern, dass Falcón aus Madrid gekommen war und den Posten geklaut hatte, den Ramírez stets sicher als seinen betrachtet hatte.

»Schicken Sie Inspector Perez zu dem Krankenhaus, und sobald das Hausmädchen aufwacht … Hat sie auch einen Namen?«

»Dolores Olivia.«

»Sobald sie vernehmungsfähig ist, soll er sie fragen, ob ihr irgendetwas Ungewöhnliches aufgefallen ist … Na ja, Sie kennen ja die üblichen Fragen. Und fragen Sie sie, wie oft sie den Schlüssel im Schloss gedreht hat, um die Tür aufzuschließen, und was genau sie getan hat, bevor sie die Leiche entdeckt hat.«

Ramírez wiederholte die Anweisung.

»Haben Sie Señora Jiménez und die Kinder schon ausfindig machen können?«, fragte Falcón.

»Wir glauben, dass sie im Hotel Colón sind.«

»In der Calle Bailén?«, fragte Falcón. Das Fünf-Sterne-Hotel, in dem alle Toreros abstiegen, war nur 50 Meter vom Haus seines verstorbenen Vaters entfernt – was für ein Zufall.

»Man hat einen Wagen geschickt«, sagte Calderón. »Ich würde die levantamiento del cadáver, die Leichenschau hier vor Ort, gern so bald wie möglich abschließen und die Leiche ins Instituto Anatómico Forense abtransportieren lassen, bevor wir Señora Jiménez nach oben bringen.«

Falcón nickte, und Calderón ließ sie allein. Die beiden Beamten der Policía Científica, Felipe, Mitte 50, und Jorge, Ende 20, betraten mit einem gemurmelten buenos días das Zimmer. Falcón starrte auf den auf dem Boden liegenden Stecker des Fernsehers und beschloss, ihn unerwähnt zu lassen. Die beiden fotografierten das Zimmer und begannen gemeinsam, eine Theorie zum Tathergang zu entwickeln, während Jorge Jiménez’ Fingerabdrücke nahm und Felipe den TV-Schrank und die beiden leeren Hüllen auf dem Fernseher auf Abdrücke untersuchte. Sie waren sich einig über den normalen Standort des TV-Wagens sowie über die Tatsache, dass Jiménez üblicherweise in einem Lederdrehsessel ferngesehen hatte, dessen runder Fuß einen Abdruck auf dem Parkett hinterlassen hatte. Der Mörder hatte Jiménez außer Gefecht gesetzt, den für seine Zwecke ungeeigneten Ledersessel weggedreht und einen der Gästestühle mit hoher Rückenlehne herangezogen, damit er sein Opfer mit einer Drehbewegung von einem auf den anderen Stuhl bugsieren konnte. Anschließend hatte der Mörder die Handgelenke seines Opfers an die Armlehnen gefesselt, ihm die Socken abgestreift und in den Mund gestopft, die Knöchel gefesselt. Dann hatte er den Stuhl so lange auf den Beinen hin- und hergedreht, bis er ihn in die Idealposition geschoben hatte.

»Da sind seine Schuhe«, sagte Jorge und wies mit dem Kopf unter den Schreibtisch. »Ein paar ochsenblutrote Slipper mit Troddeln.«

Falcón zeigte auf eine abgetretene Stelle im Parkett. »Jiménez hat sich offenbar gern die Schuhe abgestreift und vor dem Fernseher die nackten Füße auf dem Holzboden gerieben.«

»Während er sich schmutzige Filme angesehen hat«, sagte Felipe, während er eine der Videohüllen untersuchte. »Dieser heißt Cara o Culo I – Gesicht oder Arsch I.«

»Aber wieso steht der Stuhl ausgerechnet dort?«, fragte Jorge. »Warum hat er sämtliche Möbel verrückt?«

Javier Falcón ging zur Tür und breitete die Arme aus. »Für die maximale Wirkung.«

»Der war auf eine richtig große Show aus«, sagte Felipe. »Auf der anderen Hülle steht mit rotem Filzstift La Familia Jiménez, und im Videorekorder steckt eine Kassette gleichen Titels mit derselben Handschrift.«

»Das klingt ja nicht besonders grausam«, meinte Falcón, und alle blickten auf das blutige Grauen in Jiménez’ Gesicht, bevor sie sich wieder an ihre Arbeit machten.

»Ihm hat die Show jedenfalls nicht gefallen«, sagte Felipe.

»Wenn man irgendwas nicht ertragen kann, sollte man es sich nicht ansehen«, ließ sich Jorge von unter dem Schreibtisch vernehmen.

»Ich konnte Horror-Filme noch nie leiden«, bemerkte Falcón.

»Ich auch nicht«, sagte Jorge. »Ich ertrag es einfach nicht, diese … diese …«

»Diese was?«, fragte Falcón, überrascht über sein eigenes Interesse.

»Ich weiß nicht … die Normalität, diese unheimliche Normalität.«

»Wir brauchen alle ein bisschen Angst, um uns auf Trab zu halten«, sagte Falcón und musterte seine rote Krawatte, während auf seiner Stirn erneut der Schweiß ausbrach.

Jorge stieß dumpf mit dem Kopf gegen die Unterseite der Schreibtischplatte.

»Joder.« Scheiße. »Wisst ihr, was das ist?«, fragte er und kroch unter dem Schreibtisch hervor. »Das ist ein Stück von Raúl Jiménez’ Zunge.«

Die drei Männer schwiegen.

»Tüte sie ein«, sagte Falcón.

»Hier werden wir keine Fingerabdrücke finden«, sagte Felipe. »Die Hüllen sind sauber, genau wie der Videorekorder, der Fernseher, der Schrank und die Fernbedienung. Der Typ war vorbereitet.«

»Der Typ?«, fragte Falcón. »Darüber haben wir noch gar nicht gesprochen.«

Felipe setzte eine maßgefertigte Vergrößerungsbrille auf und begann mit einer gründlichen Inspektion des Teppichs.

Falcón war erstaunt über die beiden. Er war sicher, dass sie in ihrer Laufbahn noch nie etwas derartig Furchtbares gesehen hatten, zumindest nicht hier unten in Sevilla. Und trotzdem waren sie … Er zückte ein zu einem perfekten Quadrat gebügeltes Taschentuch und tupfte seine Stirn ab. Nein, das war nicht Jorges oder Felipes Problem, sondern seins. Sie benahmen sich genau so, wie er es normalerweise tat und wie er es ihnen als einzig richtige Art erklärt hatte, eine Mordermittlung anzugehen. Kalt und leidenschaftslos. Die Arbeit eines Ermittlers, hörte er sich im Vorlesungssaal der Akademie dozieren, ist eine emotionslose Arbeit.

Und was war so anders an Raúl Jiménez? Warum dieser Schweißausbruch an einem kühlen, klaren Aprilmorgen? Er wusste, wie man ihn in der Jefatura Superior de Policía, dem Polizeipräsidium in der Calle Blas Infante, nannte. El Legarto. Die Eidechse. Eigentlich hatte er gehofft, dass er sich diesen Spitznamen wegen seiner körperlichen Unbewegtheit verdient hatte, wegen seiner ausdruckslosen Gesichtszüge, der Neigung, seine Gesprächspartner intensiv anzusehen. Doch Inés, seine kürzlich von ihm geschiedene Frau, hatte dieses Missverständnis für ihn aufgeklärt. »Du bist kalt, Javier Falcón. Du bist kalt wie ein Fisch. Du hast kein Herz.« Und was tobte dann jetzt in seiner Brust? Er bohrte die Daumen in das Revers seines Jacketts und stand mit zusammengebissenen Zähnen da, als Felipe vom Teppich zu ihm aufblickte wie ein Fisch im Aquarium.

»Ich habe ein Haar, Inspector Jefe«, sagte er. »30 Zentimeter.«

»Farbe?«

»Schwarz.«

Falcón ging zum Schreibtisch und überprüfte das Foto der Familie Jiménez. Consuelo Jiménez stand, das blonde Haar aufgetürmt wie eine Hochzeitstorte, in einem bodenlangen Pelzmantel neben ihren drei Söhnen, die brav in die Kamera lächelten.

»Eintüten«, sagte er und rief nach dem Médico Forense. Auf dem Foto stand Raul Jiménez mit grinsendem Pferdegebiss neben seiner Frau und sah mit seinen Hängebacken aus wie ein Großvater neben seiner Tochter. Eine späte Ehe, Geld, Beziehungen. Falcón betrachtete Consuelo Jiménez’ strahlendes Gesicht.

»Guter Teppich«, bemerkte Felipe. »Seide. Tausend Knoten pro Zentimeter. Schön eng geknüpft, sodass alles obendrauf liegen bliebt.«

»Wie schwer war Raúl Jiménez Ihrer Ansicht nach?«, fragte Falcón den herbeigeeilten Médico Forense.

»Wahrscheinlich zwischen 75 und 80 Kilo, aber wenn ich die eingefallene Brust und Hüfte sehe, denke ich, dass er auch schon mal 90 und mehr gewogen hat.«

»Herzprobleme?«

»Wenn seine Frau es nicht weiß, weiß es sein Arzt.«

»Glauben Sie, eine Frau hätte ihn aus dem Ledersessel auf den Stuhl mit der hohen Rückenlehne hieven können?«

»Eine Frau?«, fragte der Médico Forense. »Sie glauben, dass eine Frau ihm das angetan hat?«

»Das war nicht die Frage, Doktor.«

Der Médico Forense wurde steif, weil er sich Falcón gegenüber nun zum zweiten Mal dumm vorkam.

»Ich habe ausgebildete Krankenschwestern gesehen, die schwerere Männer getragen haben. Lebendige Männer, natürlich, was leichter ist … aber ich wüsste nicht, warum das nicht möglich sein sollte.«

Falcón wandte sich wortlos ab.

»Bezüglich ausgebildeter Krankenschwestern sollten Sie Jorge fragen, Inspector Jefe«, sagte Felipe, den Hintern in die Höhe gereckt, als würde er den Teppich abschnüffeln.

»Halt’s Maul«, sagte Jorge, der diesen Witz wohl schon öfter gehört hatte.

»Soweit ich verstanden habe, ist es alles eine Frage der Hüften«, sagte Felipe, »und des Gegengewichts der Arschbacken.«

»Das ist nur eine Theorie, Inspector Jefe«, sagte Jorge. »Ihm fehlt jede praktische Erfahrung.«

»Woher willst du das wissen«, sagte Felipe, richtete sich auf den Knien auf und versetzte einem imaginären Unterleib ein paar Stöße. »Ich war auch mal jung.«

»Da lief ja wohl zu deiner Zeit nicht viel«, sagte Jorge. »Die Weiber waren doch alle verschlossen wie Austern, oder?«

»Die spanischen Mädchen schon«, meinte Felipe. »Aber ich stamme aus Alicante. Benidorm war gleich um die Ecke. Und all die englischen Mädchen in den 60ern und 70ern …«

»Da träumst du wohl von, was?«

»Ja, ich hatte immer sehr aufregende Träume.«

Die beiden Beamten lachten. Falcón blickte auf sie herab, wie sie dort auf dem Boden herumkrochen wie Schweine, die nach Eicheln wühlten, im Kopf nur Fußball und Ficken und dann lange nichts. Er fand sie ein wenig abstoßend und wandte sich den Fotos an der Wand zu. Jorge wies mit dem Kopf auf Falcón und sagte stumm zu Felipe: Mariquita. Schwuchtel.

Sie lachten erneut, doch Falcón ignorierte sie. Sein Blick wurde zum Rand der ausgestellten Fotos gezogen. Er wandte sich von der Mittelsektion mit den Prominenten ab und entdeckte einen Schnappschuss, auf dem Raúl Jiménez seine Arme um die Schultern zweier Männer gelegt hatte, die beide größer und kräftiger waren als er. Links neben ihm stand der Jefe Superior de la Policía de Sevilla, Comissario Firmin León, rechts neben ihm der leitende Staatsanwalt, Fiscal Jefe Juan Bellido. Falcón spürte einen fast körperlichen Druck auf den Schultern, den er mit einem Achselzucken abzuschütteln suchte.

»Aha! Na also«, sagte Felipe. »Das sieht doch schon besser aus. Ein Schamhaar, Inspector Jefe. Schwarz.«

Im selben Moment drehten sich alle drei Männer zum Fenster um, weil sie hinter dem Doppelglas gedämpfte Stimmen und das mechanische Geräusch einer Hebebühne gehört hatten. Auf der anderen Seite des Balkongeländers schwebten langsam zwei Männer in blauen Overalls ins Blickfeld, einer mit langem, schwarzen, zu einem Pferdeschwanz gebundenen Haar, der andere mit kahl rasiertem Schädel und einem blauen Auge. Sie brüllten irgendetwas zu der Truppe, die achtzehn Meter tiefer die Hebebühne bediente.

»Wer sind denn diese Idioten?«, fragte Felipe.

Falcón trat auf den Balkon und überraschte die beiden Männer auf der Plattform, die durch eine Leiter mit einem auf der Straße geparkten LKW verbunden war.

»Wer zum Teufel sind Sie?«

»Wir sind von der Umzugsfirma«, sagten sie und drehten sich um, um den gelben Aufdruck auf ihren Overalls zu zeigen: Mudanzas Triana Transportes Nacionales e Internacionales.

2

Donnerstag, 12. April 2001, Edificio Presidente,Los Remedios, Sevilla

Juez Esteban Calderón unterschrieb die levantamiento del cadáver, die ein weiteres Beweismittel hervorgebracht hatte. Unter der Leiche lag ein Baumwolllappen, der leicht nach Chloroform roch.

»Ein Fehler«, sagte Falcón.

»Inspector Jefe?«, fragte Ramírez neben ihm.

»Der erste Fehler in einer gut geplanten Operation.«

»Was ist mit den Haaren, Inspector Jefe?«

»Wenn die Haare dem Mörder gehören … dann war ihr Verlust ein Unfall. Aber einen mit Chloroform getränkten Lappen zurückzulassen, ist ein Fehler. Er hat Raúl Jiménez mit dem Chloroform betäubt, wollte den Lappen aber nicht einstecken, hat ihn auf den Stuhl geworfen und Don Raúl darauf gesetzt. Aus den Augen, aus dem Sinn.«

»Ein so wichtiges Beweismittel ist es nun auch wieder nicht …«

»Es ist ein Hinweis auf die Art Mensch, mit der wir es zu tun haben, sein Denken: sorgfältig, aber nicht professionell. Vielleicht ist er auch an anderen Punkten nachlässig gewesen, zum Beispiel beim Besorgen des Chloroforms. Vielleicht hat er es hier in Sevilla in einem Laden für medizinische Produkte gekauft oder in einem Krankenhaus oder in einer Apotheke gestohlen. Der Mörder hat geradezu obsessiv darüber nachgedacht, was er seinem Opfer antun will, aber nicht über das ganze Drum und Dran.«

»Man hat Señora Jiménez gefunden und informiert. Ein Wagen wird ihre Kinder im Haus ihrer Schwester in San Bernardo absetzen und sie alleine herbringen.«

»Wann will der Médico Forense die Obduktion vornehmen?«, wollte Falcón wissen.

»Möchten Sie dabei sein?«, fragte Calderón, das Handy in der Hand. »Er hat gesagt, er wolle sich sofort an die Arbeit machen.«

»Nicht unbedingt«, sagte Falcón, »ich will bloß die Ergebnisse. Es gibt hier eine Menge zu tun. Zum Beispiel sollten wir uns meiner Meinung nach alle den Film La Familia Jiménez ansehen, bevor Señora Jiménez eintrifft. Ist sonst noch jemand vom Dezernat hier?«

»Fernández redet mit dem conserje, Inspector Jefe.«

»Sagen Sie ihm, er soll sich alle Videobänder der Sicherheitskameras vornehmen, sie gemeinsam mit dem conserje ansehen und jede Person notieren, die der Pförtner nicht kennt.«

Ramírez ging zur Tür.

»Und noch was … beauftragen Sie irgendjemanden, in allen Krankenhäusern, Labors und Läden für medizinische Produkte nachzufragen, ob Chloroformflaschen fehlen beziehungsweise an auffällige Personen verkauft worden sind. Und Skalpelle auch.«

Falcón rollte den TV-Wagen zurück an seine angestammte Position in der Ecke des Zimmers. Calderón setzte sich in den Lederdrehstuhl, während Falcón die Geräte wieder einstöpselte. Ramírez stand neben dem Stuhl des Toten, der in Plastik verpackt bereitstand, um zur Policía Científica abtransportiert zu werden, und murmelte in sein Handy. Calderón ließ die Videokassette auswerfen, musterte die Spulen, schob das Band wieder in das Abspielgerät und spulte zurück.

»Die Leute von der Umzugsfirma sind auch noch hier, Inspector Jefe.«

»Im Moment kann keiner mit ihnen reden. Sie sollen warten.«

Calderón drückte auf Play. Sie verteilten sich auf die Stühle im Raum und starrten in der geradezu hermetischen Stille der leeren Wohnung auf den Bildschirm. Das Band begann mit einer Aufnahme der Familie Jiménez, die aus dem Edificio Presidente kam, Raúl und Consuelo Arm in Arm. Sie trug einen knöchellangen Pelz, er einen karamellfarbenen Mantel, die drei Jungen waren identisch in grün und dunkelrot ausstaffiert. Sie gingen direkt auf die Kamera zu, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befand, und bogen links in die Calle Asunción. Dann ein Schnitt auf dieselbe Familiengruppe, die in anderer Kleidung an einem sonnigen Tag aus dem Corte-Inglés-Kaufhaus an der Plaza del Duque de la Victoria kam. Über die Straße gingen sie zu dem kleinen Markt in der Mitte, wo Modeschmuck, Schals, CDs, Ledertaschen und Portemonnaies verkauft wurden. Dann verschwand die Familie im Marks & Spencer’s auf der anderen Seite des Platzes. Wieder und wieder wurde die Familie gezeigt, bis die drei Männer angesichts all der Einkaufszentren, Strandausflüge und paseos auf der Plaza de España und im Parque de María Luisa ein Gähnen unterdrücken mussten.

»Will er uns zeigen, dass er seine Hausaufgaben gemacht hat?«, fragte Ramírez.

»Beeindruckend langweilig, nicht wahr?«, sagte Falcón, obwohl er eigentlich eigenartig fasziniert war von der sich verschiebenden Dynamik zwischen den einzelnen Familienmitgliedern an unterschiedlichen Schauplätzen. Die generelle Idee einer Familie zog ihn an, vor allem diese offensichtlich glückliche Familie, und wie es wäre, selbst eine zu haben, was ihn zu der Frage führte, wie es kam, dass er diesbezüglich so versagt hatte.

Erst als der Film eine andere Richtung einschlug, wurde er aus seinen Grübeleien gerissen. Es waren die ersten Aufnahmen, in denen die Familie nicht als Ganzes zu sehen war. Raúl Jiménez und die Jungen waren im Betis-Stadion, und an den Schals konnte man erkennen, dass der Gegner Sevilla war – das Lokalderby.

»An den Tag erinnere ich mich«, sagte Calderón.

»Wir haben eins zu vier verloren«, fügte Ramírez hinzu.

»Sie haben verloren«, protestierte Calderón. »Wir haben gewonnen.«

»Ach nee«, sagte Ramírez.

»Für wen sind Sie denn, Inspector Jefe?«, fragte Calderón.

Falcón reagierte nicht. Kein Interesse. Ramírez sah sich um, sichtlich verlegen.

Es folgte ein Schnitt auf das Edificio Presidente. Consuelo Jiménez stieg allein in ein Taxi. Ein weiterer Schnitt auf eine Allee, in der sie das Taxi bezahlte und wartete, bis der Wagen weggefahren war, bevor sie die Straße überquerte und eine kurze Treppe zu einem Haus hinaufstieg.

»Wo ist das?«, fragte Calderón.

»Das wird er uns schon zeigen«, antwortete Falcón.

Eine Reihe von Aufnahmen zeigte Consuelo Jiménez, wie sie an verschiedenen Tagen in unterschiedlicher Kleidung das gleiche Haus betrat, dann die Hausnummer – 17 – und der Name der Straße Calle Río de la Plata.

»Das ist in El Porvenir«, sagte Ramirez.

»Tja, und ich glaube, wir haben einen Liebhaber.«

Es folgte ein Schnitt auf das Heck eines Mercedes der E-Klasse mit einem Nummernschild aus Sevilla, ein Bild, das geraume Zeit stehen blieb.

»Der bringt seine Geschichte ja nicht besonders flott voran«, bemerkte Calderón, dessen Geduldsfaden offenbar schon arg strapaziert war.

»Soll wohl Spannung aufbauen«, sagte Falcón.

Schließlich stieg Raúl Jiménez aus dem Wagen, schloss ab und trat aus dem Licht einer Laterne in die Dunkelheit. Schnitt auf ein Feuer in der Nacht, um das einige Frauen in so kurzen Röcken standen, dass die Strapse und die Spitzenabschlüsse ihrer Strümpfe gut zu sehen waren. Eine von ihnen drehte sich um, beugte sich vor und hielt ihren Hintern über das Feuer.

Am Rande des Bildes tauchte Raúl Jiménez auf, es folgte eine unhörbare Verhandlung, bevor er zurück zum Mercedes ging, gefolgt von einer Frau, die auf hohen Absätzen über den unebenen Untergrund stöckelte.

»Das ist die Alameda«, sagte Ramírez.

»Nur das Billigste für Raúl Jiménez«, bemerkte Falcón.

Jiménez stieß das Mädchen auf den Rücksitz und drückte ihren Kopf nach unten, als wäre sie eine verhaftete Verdächtige. Dann blickte er auf, sah sich um und stieg zu ihr in den Wagen. Die Kamera hielt auf die Hintertür des Mercedes und die schattenhaften Bewegungen hinter der Scheibe. Kaum eine Minute verging, bevor Jiménez wieder ausstieg, seinen Reißverschluss hochzog und dem Mädchen, das ebenfalls wieder aus dem Wagen geklettert war, einen Geldschein hinhielt. Er stieg hinters Steuer und fuhr davon, während sie einen fetten Schleimklumpen ausspuckte, sich räusperte und erneut ausspuckte.

»Das ging ja schnell«, sagte Ramírez wie erwartet.

Es folgten weitere Nachtaufnahmen derselben Art, bis ein plötzlicher Ortswechsel sie in einen Flur führte, in den durch eine offene Tür auf der linken Seite Licht fiel. Die Kamera fuhr den Korridor entlang auf ein helleres Quadrat unter einem Haken zu. Die drei Männer starrten jetzt wie gebannt auf den Bildschirm, weil sie wussten, dass der gezeigte Flur zu dem Zimmer führte, in dem sie jetzt saßen. Die Kamera schwankte, und die Spannung stieg, während in den Köpfen der drei Gesetzeshüter Bilder des möglichen Grauens aufstiegen, das sie vielleicht anschauen mussten. Die Kamera erreichte die offene Tür, und ihr Mikrofon fing ein Stöhnen ein, das abgerissene, wimmernde Stöhnen eines Menschen, der furchtbare Qualen litt. Falcón wollte schlucken, doch sein Hals versagte den Dienst, weil sein Mund staubtrocken war.

»Joder«, sagte Ramírez, um die Spannung zu brechen.

Nun schwenkte die Kamera herum, und sie befanden sich in dem Zimmer. Falcón war so erschrocken, dass er beinahe glaubte, als Nächstes sich selbst und seine Kollegen vor dem Fernseher sitzen zu sehen. Stattdessen zoomte die Kamera auf den Bildschirm, auf dem das Bild zwar streifig wackelte, man aber dennoch die sehr plastische Aufnahme einer Frau erkennen konnte, die einen Mann masturbierte und fellationierte. Dessen nackter Hintern spannte sich rhythmisch an.

Während Falcón, noch immer verwirrt darüber, dass die Geräusche so ganz andere Bilder in ihm wach gerufen hatten, auf den Bildschirm blinzelte, wurde die Kamera zu einer Totalen aufgezogen. Auf dem Perserteppich kniete Raúl Jiménez, den Hemdsaum über dem nackten Hintern, die Socken heruntergerutscht, die Hose zerknüllt auf dem Boden, und stierte auf das Videobild. Vor ihm kniete ein Mädchen mit langen schwarzen Haaren, deren unbeweglicher Kopf Falcón verriet, dass sie auf einen bestimmten Punkt starrte und sich an einen anderen Ort träumte, während sie die angemessen ermutigenden Laute von sich gab. Dann wandte sie den Kopf, und die Kamera schwenkte unkontrolliert aus dem Zimmer.

Falcón war aufgesprungen und stieß gegen die Schreibtischkante.

»Er war hier«, sagte er. »Er war … ich meine, er war die ganze Zeit hier.«

Bei Falcóns Ausbruch fuhren Ramírez und Calderón auf ihren Stühlen hoch. Calderón strich sich sichtlich erschüttert durchs Haar und starrte auf die Tür, aus der die Kamera in den Raum geblickt hatte. Falcóns Verstand machte wilde Sprünge, sodass er nicht mehr zwischen Fantasiebildern und Realität unterscheiden konnte. Verzweifelt versuchte er, seine Vision abzuschütteln. Irgendjemand stand in der Tür. Falcón kniff die Augen zusammen und öffnete sie wieder. Er kannte diese Person. Die Zeit verlangsamte sich. Calderón durchquerte mit ausgestreckter Hand das Zimmer.

»Señora Jiménez«, sagte er. »Juez Esteban Calderón, mein aufrichtiges Beileid.«

Er stellte Ramírez und Falcón vor, und dann betrat Señora Jiménez mit angestrengter Würde den Raum, als würde sie über eine Leiche steigen.

»Wir hatten Sie nicht so früh erwartet«, entschuldigte sich Calderón.

»Es war nicht viel Verkehr«, sagte sie. »Habe ich Sie erschreckt, Inspector Jefe?«

Falcón bemühte sich, jede Verwirrung aus seinen Gesichtszügen zu tilgen, und setzte eine undurchdringliche Miene auf.

»Was haben Sie sich denn da angesehen?«, fragte sie, offensichtlich gewohnt, die Kontrolle über eine Situation zu übernehmen.

Sie starrte auf den Bildschirm, Schnee und Rauschen.

»Wir hatten Sie nicht erwartet …«, begann Calderón wieder.

»Aber was war es denn, Señor Juez? Dies ist meine Wohnung. Ich wüsste gerne, was Sie sich auf meinem Fernseher angeschaut haben.«

Während Calderón unter Druck gesetzt wurde, konnte Fálcon entspannt zusehen – und obwohl er sicher war, dass er die Señora nicht kannte, hatte er doch zumindest den Typ schon oft gesehen. Sie gehörte zu der Sorte Frau, die im Haus seines Vaters hätte aufkreuzen können, als der große Mann noch lebte, um ihm eins seiner späten Werke abzukaufen. Nicht die begehrten Stücke, die ihn berühmt gemacht hatten. Die waren längst an amerikanische Sammler und Museen auf der ganzen Welt gegangen. Diese Art Kunstliebhaberin war auf der Suche nach den bezahlbareren Bildern aus seines Vaters Zeit in Sevilla – Details von Gebäuden, eine Tür, eine Kirchenkuppel, ein Fenster, ein Balkon. Eine jener Frauen mit oder ohne betuchten Ehemann im Schlepptau, die eine Scheibe des alten Mannes abhaben wollte.

»Wir haben uns ein Video angesehen, das in der Wohnung zurückgeblieben war«, sagte Calderón.

»Nicht einen von Raúls …« Das kam mit dem perfekten Zögern, das den Zusatz »Pornofilmen« überflüssig machte. »Wir hatten wenig Geheimnisse voreinander … und ich habe zufällig die letzten paar Sekunden von dem mitbekommen, was Sie sich angesehen haben.«

»Es war ein Video, Doña Consuelo«, sagte Falcón, »das der Mörder Ihres Mannes zurückgelassen hat. Wir werden die Ermittlung um den Tod Ihres Mannes leiten, und ich dachte, es wäre wichtig, dass wir uns den Film so bald wie möglich anschauen. Hätten wir gewusst, dass Sie so schnell …«

»Kenne ich Sie, Inspector Jefe?«, fragte sie. »Sind wir uns schon einmal begegnet?«

Sie stand ihm jetzt direkt gegenüber, den Mantel mit Pelzkragen offen, darunter ein schwarzes Kleid, keine Frau, die zu irgendeinem Anlass unangemessen gekleidet erscheinen würde. Sie ließ die volle Wucht ihrer Attraktivität auf ihn wirken. Die blonden Haare lagen nicht ganz so ordentlich wie auf dem Foto, dafür waren ihre Augen in Wirklichkeit größer, blauer und eisiger. Ihre Lippen, die ihrer dominanten Stimme den rechten Nachdruck verliehen, waren dunkel umrandet – nur für den Fall, dass irgendwer so dumm war zu glauben, man könnte Befehle aus ihrem weichen, geschmeidigen Mund missachten.

»Ich glaube nicht«, sagte er.

»Falcón …«, sagte sie und spielte mit den Ringen an ihren Fingern, während sie ihn von oben bis unten musterte. »Nein, das ist zu albern.«

»Was ist zu albern, wenn ich fragen darf, Doña Consuelo?«

»Die Idee, dass der Künstler Francisco Falcón einen Sohn hat, der Inspector Jefe bei der Mordkommission ist.«

Sie weiß es, dachte er … woher auch immer.

»Und … dieser Film«, sagte sie, an Ramírez gewandt, schob ihren Mantel zurück und stemmte die Fäuste in die Hüften.

Calderóns Blick streifte ihre Brüste, bevor er über ihrer linken Schulter Falcóns Augen suchte. Der schüttelte langsam den Kopf.

»Ich denke nicht, dass Sie sich das ansehen sollten, Doña Consuelo«, sagte der junge Staatsanwalt.

»Warum? Ist es gewalttätig? Ich mag keine Gewalt«, sagte sie, ohne ihren Blick von Ramírez zu wenden.

»Nicht körperlich«, sagte Falcón. »Ich denke, Sie würden es unangenehm zudringlich finden.«

Die Spulen der Videokassette quietschten. Das Band lief immer noch. Señora Jiménez nahm die Fernbedienung vom Schreibtisch, spulte das Video zurück und drückte auf Play. Keiner der Männer hinderte sie daran. Falcón beobachtete ihr Gesicht. Ihre Augen wurden schmal, sie schürzte die Lippen und kaute von innen auf ihrer Backe. Während der stumme Film lief, riss sie die Augen auf, ihre Gesichtszüge sackten in sich zusammen – sie hatte begriffen, was sie sah, hatte erkannt, dass ihre Kinder und sie Studienobjekte des Mörders ihres Mannes geworden waren. Gegen Ende der ersten Taxifahrt, die, wie mittlerweile alle wussten, in die Calle Rió de la Plata 17 führte, hielt sie das Band an, warf die Fernbedienung auf den Tisch und eilte aus dem Zimmer. Stille breitete sich zwischen den Männern aus, bis sie Señora Jiménez in ihrem von Halogenlampen erleuchteten, mit weißem Marmor ausgestatteten Bad würgen und spucken hörten.

»Sie hätten sie aufhalten sollen«, sagte Calderón in dem Bemühen, ein wenig Verantwortung abzuladen, und strich sich erneut durchs Haar. Die beiden Polizisten reagierten nicht. Also blickte der Richter auf seine teure Armbanduhr und kündigte seinen Aufbruch an. Sie verabredeten sich um fünf Uhr im Edificio de los Juzgados, um ihre ersten Ermittlungsergebnisse zu präsentieren.

»Haben Sie das Foto dort gesehen, in der Nähe des Fensters?«, fragte Falcón.

»Das mit León und Bellido?«, fragte Calderón. »Ja, habe ich, und wenn Sie noch ein bisschen genauer hinsehen, werden Sie auch eins von unserem obersten Richter, dem Magistrado Juez Decano de Sevilla, entdecken. Das alte Adlerauge Spinola persönlich.«

»Da wird es wohl einigen Druck geben in diesem Fall«, bemerkte Ramírez.

Kommentarlos schob Calderón sein Handy in die Jackentasche und ging.

3

Donnerstag, 12. April 2001, Edificio Presidente,Los Remedios, Sevilla

Falcón wies Ramírez an, die Männer von der Umzugsfirma zu befragen– wann sie gekommen und gegangen waren und ob ihre Ausrüstung zu irgendeinem Zeitpunkt unbeaufsichtigt gewesen war.

»Glauben Sie, dass er so reingekommen ist?«, fragte Ramírez, unfähig, irgendeine Anweisung unkommentiert zu lassen.

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