DER BLUTROTE TEPPICH - Christof Weigold - E-Book

DER BLUTROTE TEPPICH E-Book

Christof Weigold

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Beschreibung

Hollywood 1922: Eigentlich hat der deutsche Privatdetektiv Hardy Engel genug von der Filmbranche. Doch dann braucht Starregisseur William Desmond Taylor, dem er einen Gefallen schuldig ist, seine Dienste als Ermittler. Als er ihn aufsucht, liegt Taylor leblos in seinem Wohnzimmer, er wurde erschossen. Selbst als Verdächtiger im Visier der Staatsanwaltschaft, hat Hardy keine Wahl: Er muss den wahren Mörder finden. Doch den Filmstudios scheint eher an der Vertuschung des gewaltigen Skandals als an der Aufklärung gelegen zu sein. Und dann ist da auch noch die bezaubernde junge Regisseurin Polly Brandeis, die Hardy immer wieder dazwischenfunkt und in den Fall verwickelt zu sein scheint. Die Spurensuche führt ihn in das Studio von Superstar Charlie Chaplin und bis nach New York. Einmal mehr legt er sich mit den mächtigsten Männern der Stadt an – und wird zur Schlüsselfigur in Hollywoods blutigstem Jahr und dem legendärsten Skandal seiner Geschichte... Band 2 der Detektivreihe um Hardy Engel und authentische Hollywoodskandale.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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DER BLUTROTE TEPPICH

Hollywood 1922:

Hardy Engels zweiter Fall

Kriminalroman

von Christof Weigold

Über dieses Buch:

»Herrlich [...] ein spannendes, enorm unterhaltendes Buch, das nebenbei viel über die Entstehungsjahre Hollywoods erzählt.« -- Stefan Keim ― WDR 4 »Eine stimmige Melange aus Filmgeschichte und klassischem Krimi« -- Sofia Glasl ― Süddeutsche Zeitung »Der Autor [...] trifft den Zeitgeist jener Jahre stilistisch und atmosphärisch perfekt.« -- Tilmann P. Gangloff ― Südkurier

Hollywood 1922: Eigentlich hat der deutsche Privatdetektiv Hardy Engel genug von der Filmbranche. Doch dann braucht Starregisseur William Desmond Taylor, dem er einen Gefallen schuldig ist, seine Dienste als Ermittler. Als er ihn aufsucht, liegt Taylor leblos in seinem Wohnzimmer, er wurde erschossen. Hardy gerät selbst als Verdächtiger ins Visier der Staatsanwaltschaft und hat keine Wahl: Er muss den wahren Mörder finden. Doch den Filmstudios scheint eher an der Vertuschung des gewaltigen Skandals als an der Aufklärung gelegen zu sein. Der Regisseur scheint neben einer Menge Liebhaberinnen viele Feinde gehabt zu haben. Und dann ist da auch noch die junge Regisseurin Polly Brandeis, die Hardy immer wieder dazwischenfunkt und in den Fall verwickelt zu sein scheint. Die Spurensuche führt ihn in das Studio von Superstar Charlie Chaplin und bis nach New York. Einmal mehr legt Hardy sich mit den mächtigsten Männern der Stadt an – und wird zur Schlüsselfigur in Hollywoods blutigstem Jahr und einem legendären Fall…

Band 2 der Detektiv-Reihe um Hardy Engel und authentische Hollywoodskandale.

Jeder der Bände erzählt eine in sich geschlossene Geschichte und lässt sich unabhängig von den anderen lesen.

Band 1 DER MANN, DER NICHT MITSPIELT wurde ausgezeichnet mit dem Preis des Mordsharz-Festivals das beste deutschsprachige Debüt und nominiert für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis des Syndikats.

Vita:

Christof Weigold arbeitete als Autor bei der „Harald Schmidt-Show“ und seit 2000 als freier Drehbuchautor. Er ist bekannt für seine preisgekrönte Reihe von historischen Krimis im Hollywood der Zwanzigerjahre mit dem deutschen Privatdetektiv Hardy Engel. Sie besteht aus fünf Bänden (bei Tolino und Kampa):

DER MANN, DER NICHT MITSPIELT - DER BLUTROTE TEPPICH - DIE LETZTE GELIEBTE - DER BÖSE VATER - DER DEUTSCHE TYCOON.

Große Aufmerksamkeit erlangte er mit seinem München-Krimi DAS BRENNENDE GEWISSEN (Kampa).

2026 veröffentlicht er unter dem Pseudonym Alexander Eden bei HarperCollins DIE HOTELDETEKTIVIN. Er lebt in München.

Mehr unter www.christofweigold.com

Alle Rechte (C) 2026 Christof Weigold

Originalausgabe erschienen 2019 im Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation generell und insbesondere zum Text- und Data-Mining nach §44b UrhG oder Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Urhebers bleiben davon unberührt.

Coverbild: Christof Weigold unter Verwendung eines Lizenzfotos von Shotshop.com, alle Rechte vorbehalten

Bei dem vorliegenden Roman ist die Handlung fiktiv, auch wenn sie mit dem Verlauf eines authentischen Falles verwoben ist. Es treten historische Persönlichkeiten auf, ihr Handeln, Reden oder Denken ist jedoch so frei erfunden wie das der anderen Romanfiguren.

„Wer sucht, der geht leicht selber verloren.“

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra

„Es gibt ebenso wenig eine hundertprozentige Wahrheit, wie hundertprozentigen Alkohol.“

Sigmund Freud

PROLOG

Noch heute, zwanzig Jahre später, erinnere ich mich ganz deutlich an das erste Erdbeben, das ich in Los Angeles miterlebt habe. Vielleicht liegt es auch daran, dass es sich ereignete, während ich gerade zwei Mörder verfolgte.

Als das Beben endlich aufgehört hatte, dachte ich schon, ich hätte die beiden verloren, in dem nächtlichen Chaos der zerstörten Baustelle, in deren Rückstau es uns alle erwischt hatte. Doch kaum hatte ich es geschafft, mit meinem Automobil da herauszufahren, entdeckte ich an der nächsten Kreuzung erneut ihren Packard, der gerade nach rechts abbog.

Ich erkannte ihn an dem linken Rücklicht, das defekt war und rötlich flackerte. Wie schon zuvor, als die beiden Männer in großer Eile losgefahren waren, nachdem sie ihr Opfer von dem hohen Haus gestoßen hatten. Direkt vor meine Füße, und ich hatte ein paar Momente gebraucht, um mich von dem ersten Schock zu erholen. Als sie in der Dunkelheit die Feuerleiter an der Rückseite heruntergestiegen waren, hatte ich sie nicht erkennen können, doch es war mir gelungen, ihnen unauffällig zu folgen. Bis ich sie an der Baustelle vorübergehend aus dem Auge verlor.

Nun fuhr ich ihnen einfach weiter hinterher, so, als wäre dazwischen nichts Besonderes geschehen. Als wären nicht gerade Leitungsmasten umgeknickt und auf Automobile gefallen, als hätten nicht soeben abgerissene Elektrokabel in den frisch aufgerissenen Gräben Feuer entzündet und erwachsene Menschen zum Schreien und zum Beten gebracht. Einer behauptete sogar, diese Stadt sei verflucht.

Die beiden Männer hatten es sehr eilig, trotz der unsicheren Straßenverhältnisse nach dem Beben, und so musste auch ich meinen Wagen in hohem Tempo um gestrandete Automobile, querliegende Palmen und Trümmerteile herumlenken, die auf den Sunset Boulevard gefallen waren. Wir fuhren im Licht der schiefen Laternen unter Wasserfontänen hindurch, die aus geborstenen Rohren hoch in die Luft schossen. Immer wieder rumpelten wir über einen Asphaltbrocken oder eine Schwelle auf der Straße.

Hoffentlich platzten die Reifen nicht. Noch einmal würde ich sie kaum wiederfinden in der Hölle, die nun losgebrochen war, inmitten der mit heulenden Sirenen hin- und herrasenden Feuerwehr- und Polizeiwagen aus allen Richtungen, auch jenseits der Straßenbahngleise, die den Boulevard in der Mitte teilten. Überall um uns her loderten Feuer auf den zahlreichen Ölfeldern. Die Zerstörung in diesem Teil Hollywoods war immens, dabei hatten die Erdstöße vermutlich nicht mehr als dreißig Sekunden lang gedauert, die mir jedoch viel länger vorgekommen waren.

Der Packard pflügte vor mir mitten durch eine große Pfütze, das Wasser spritzte auf meine Windschutzscheibe, und ich betätigte den Scheibenwischer, um wieder klare Sicht zu bekommen.

Wir fuhren den Sunset Boulevard nach Osten.

Lass sie nicht entkommen, Hardy, dachte ich. Ich hatte schon zuviel erlebt bei diesem Fall, um diese Spur nun zu verlieren. Und ich war der Lösung noch nie so nahegekommen wie jetzt.

Die Ermittlungen hatten mich zu jenem Zeitpunkt schon bis an die Ostküste geführt, nach New York, und wieder zurück nach Los Angeles. Mindestens acht Menschen waren schon tot oder würden in ihrem Verlauf noch sterben, und die meisten von ihnen auf dem Hollywood Memorial Cemetery beerdigt werden.

Darunter würde auch ich sein.

Plötzlich wurde der Packard langsamer und bog dann scharf nach rechts ab, in eine Auffahrt hinein. Ich bremste und folgte ihm, mit etwas Abstand und so vorsichtig wie möglich.

Die Auffahrt führte auf einen großen Platz.

Vielleicht, dachte ich, trafen sie sich hier mit irgendwem, dem Auftraggeber, Eingeweihten. Ich schaltete meine Lichter aus und ließ den Oldsmobile langsam und leise ausrollen.

Den Wagen vor mir sah ich mit tastenden Scheinwerfern über den Platz fahren, dann wendete der Fahrer ihn in einem lang gezogenen Bogen und schaltete das Licht mittendrin plötzlich aus. Er hielt am Ende des Platzes an.

Ich beugte mich vor zur Frontscheibe und spähte ins Dunkel. Ich riss das Auge weit auf und versuchte mit meinem eingeschränkten Sehvermögen zu erfassen, ob jemand ausstieg oder jemand an den Wagen herantrat. Doch das Automobil stand einfach nur da, mit laufendem Motor, seine Vorderfront mir zugewandt.

Mit einem Mal strahlten seine Scheinwerfer wieder auf. Sie erfassten meinen Oldsmobile und blendeten mich.

Sie hatten mich entdeckt.

Der Packard fuhr mit durchdrehenden Rädern an und direkt auf mich zu.

ERSTER TEIL

NACHT

*1

Die Geschichte begann im Winter, an einem ausnahmsweise wirklich kalten Februartag, so als wollte Hollywood uns schon mit dem Wetter vorwarnen, was für ein grimmiges Jahr 1922 werden würde.

Mein Telefon hatte damals schon sehr lange nicht mehr geläutet, und würde es auch bald nicht mehr können: Ein Schreiben der Pacific Telephone Co. informierte mich, dass der Anschluss des Teilnehmers Mr Hardy Engel, 5858 Wilshire Boulevard, Hollywood, Kalifornien, in einer Woche abgeschaltet werden würde, sollten bis dahin die ausstehenden Rechnungen von Dezember 1921 und Januar 1922 nicht beglichen werden.

Ich konnte sie aber nicht bezahlen. Meinen Job als Sicherheitschef des Universal-Studios meines deutschen Landsmanns Carl Laemmle hatte ich vor knapp zwei Monaten gekündigt, und seither kein Geld mehr verdient. Eigentlich hatte ich noch genug damit zu tun, mich von meinem letzten Fall zu erholen. Meine Reserven waren rapide geschrumpft. Ich hatte siebzig Dollar für eine Operation und das Einsetzen eines Glasauges bezahlen müssen, dazu waren die laufenden Kosten für Miete, Telefon, Essen und Whisky gekommen.

An Weihnachten hatte ich noch zwanzig Dollar übrig gehabt. Natürlich hatte ich davon keinen Weihnachtsbaum gekauft. Ich für mich alleine brauchte keinen. Ich hatte überlegt, ob ich sie für einen Heizkörper oder für Whisky ausgeben sollte. Da auch Whisky einem warm machen kann, mir aber hingegen nichts davon bekannt war, dass elektrische Radiatoren Räusche verursachen, hatte ich mich für Whisky entschieden.

Am Nachmittag jenes 1. Februars allerdings hätte ich gut einen Heizkörper gebrauchen können. Für Los Angeles war es sehr kalt, kaum über vierzig Grad Fahrenheit. Es war nie kälter als fünfundfünfzig geworden, seitdem ich hier lebte. Ich konnte meinen Atem sehen, auch ohne das Fenster in meiner karg möblierten Zwei-Zimmer-Wohnung zu öffnen. Das empfahl sich schon deshalb nicht, weil es draußen wie stets unheimlich stank: Ich wohnte direkt neben den La-Brea-Teergruben und ihrem rülpsenden Asphaltsee. Deshalb war die Wohnung so billig. Ich konnte sie mir trotzdem nicht mehr leisten und war schon zwei Monate mit der Miete im Rückstand.

Irgendetwas musste geschehen, doch ich war unfähig, selbst eine Veränderung herbeizuführen.

Zwar machte ich regelmäßig Übungen, um das räumliche Sehen zu trainieren, und wie ich mich mit nur einem Auge bewegen musste. Sie bestanden vorwiegend darin, mit dem verbleibenden Auge die beiden Fotografien an der Wand zu fokussieren, die Pepper Murphy zeigten.

Um wenigstens einmal irgendetwas Neues zu tun, ging ich hinüber und hängte sie ab und legte sie vorsichtig in die Schublade des Schreibtisches.

Ich atmete durch und beschloss, dass ich mich von dieser gewagten Aktion erst einmal bei einem Glas Whisky erholen musste.

Da er mir aber ausgegangen war und ich kein Automobil zur Verfügung, aber noch ein paar letzte Münzen in meiner Hosentasche hatte, nahm ich davon die Straßenbahn nach Osten, zur Silverlake Junction.

Dort befand sich das Jail Café, eine Flüsterkneipe, auf deren Existenz von außen nichts hinwies. Doch die unscheinbare Tür zu einem kleinen, zur Tarnung vorgelagerten Ladenraum war vierundzwanzig Stunden geöffnet, und dahinter konnte man sich illegale Substanzen in bester Qualität beschaffen.

Es war meine Stammbar, seitdem ich vor anderthalb Jahren nach Hollywood gekommen war. Der Mann in dem Laden vorne winkte mich durch, ohne dass ich das Passwort nennen und den Vierteldollar bezahlen musste.

Erst wenn man durch die nächste Tür ging, schlug einem der Lärm einer voll besetzten Bar entgegen. Sie war aufgemacht wie ein Gefängnis, mit kargem, grauem Betonboden, und vor dem Tresen und in den eisernen Gitterzellen drängten sich die durstigen Gäste, die hier alles bekamen, was sie wirklich hinter Gitter bringen könnte.

Jazzmusik aus einer Victrola mischte sich in das laute Stimmengewirr, einige angetrunkene Frauen in knappen Kleidern tanzten wild und warfen die Beine, Männer beobachteten sie rauchend, Kellner in gestreiften Sträflingsjacken und mit besonders fiesen Gesichtern streunten zwischen den Zellen umher und achteten darauf, dass niemand ohne Drink dastand.

Mein bester Freund Buck Carpenter, der Chef hier, sah mir hinter dem Tresen entgegen, ein rundlicher Schotte Mitte dreißig mit gespaltenem Kinn, perfekt gekleidet in einem Glencheck-Maßanzug, und verzog das Gesicht zu einem spöttischen Grinsen: „Hardy Engel!“

Ich setzte mich auf einen Barhocker am Tresen und begrüsste ihn mit Handschlag. „Hallo, Buck, altes Haus.“

Buck drückte mir herzhaft die Rechte und schlug mir auf die Schulter.

„Lange nicht mehr hier gewesen, Hardy“, sagte er und holte eine Flasche aus dem Regal. Mit dem besten Single Malt der Stadt darin, vierundfünfzigprozentigem. Er produzierte ihn seit dem Inkrafttreten des 'Volstead Acts' im Januar 1920 selbst, zunächst nur für seine eigene Bar, und mittlerweile für viele weitere.

„Ist das nun ein gutes Zeichen, dass du mal wieder aus deinem Bau rauskommst?“, fragte er. „Hast du dich entschlossen, wieder am Leben teilzunehmen?“

Ich streckte meine flache Hand aus und bewegte sie hin und her.

„Bin noch nicht sicher.“

Er goss uns zwei Gläser ein und wir tranken.

„Du weißt, du kannst hier immer anschreiben lassen.“

„Das muss ich auch“, sagte ich und beobachtete ein Pärchen in einer der Gitterzellen. Die angetrunkene Frau verriegelte mit einer Haarnadel die Tür und lachte auf, da sie nun wirklich eingeschlossen waren. Ein Kellner und ihr Begleiter versuchten, sie davon abzubringen und von zwei Seiten die Tür zu öffnen, die sie kreischend blockierte. So etwas kam andauernd vor.

„Wenn du meinen Rat hören willst, such dir einen Auftrag und arbeite wieder als Privatdetektiv“, sagte Buck. Er holte eine Zigarre heraus, die er zurechtstutzte und dann anzündete. „Ganz ehrlich, es würde dir guttun. Das kann so nicht weitergehen.“

Wir hatten zu Beginn unserer Bekanntschaft hier an diesem Tresen herausgefunden, dass wir uns seinerzeit in Frankreich an der Front gegenübergelegen hatten. Wahrscheinlich hatten wir sogar ein paar Mal versucht, uns da drüben umzubringen. Und nur ein paar Jahre später wurden wir zu Freunden. Er kannte meine ganze Geschichte und hatte mir in den letzten schwierigen Monaten stets zur Seite gestanden.

„Ich glaube, ich kann das nicht mehr“, sagte ich.

„Und was willst du dann tun? Wieder als Schauspieler arbeiten?“, fragte er wegwerfend. „Meinst du, irgendwer gibt dir noch mal eine Rolle?“

Ich zuckte die Achseln. „Hast ja Recht.“ Ich war Anfang dreißig, hatte kaum Nennenswertes vorzuweisen, mich inzwischen auf etwas Anderes verlegt und es mir überdies mit allen verscherzt. Es war aussichtslos, und selbst ich wusste das.

Er zog unsere Gläser zu sich heran und schenkte nach.

„Jetzt hör mir mal zu“, sagte er. „In der Filmbranche tut sich Einiges.“

„Ach wirklich?“, fragte ich mürrisch.

Das Jail Café befand sich gegenüber dem Studio, in dem Mack Sennett seine Komödien produzierte, und Buck selbst, der früher einmal als Kameramann gearbeitet hatte, hatte nun als Barbesitzer jede Menge Kontakt zu Filmleuten. Er wusste genau, was in dieser Stadt vor sich ging, und er war einigermaßen stolz darauf.

„Du hast es nur nicht mitbekommen, weil du dich aus verständlichen Gründen in deine Wohnung zurückgezogen hast“, sagte Buck sanft und klopfte die Asche ab. Er beugte sich vor und redete so leise, dass nur ich ihn verstehen konnte. „Seit dem Skandal im letzten Jahr ist da draußen die Hölle los und die Angst geht um. Die Angst vor dem nächsten großen Skandal. Die Produzenten und die Studiobosse scheißen sich alle in die Hosen. Seit Will Hays den Vertrag als neuer Chef und Zensor der Branche unterschrieben hat, sind sie dabei, schwarze Listen zu erstellen. Sie schreiben alle potentiellen Sünder auf, die ihnen Probleme machen könnten. Stars, Regisseure, alle, vor und hinter den Kameras. Sobald Hays seinen Job antritt, wollen sie ihm die Listen übergeben.“

„Wie schön“, sagte ich grimmig. „Das haben sie damals schon angekündigt. Und es wird ganz bestimmt helfen, Skandale zu verhindern.“ Ich zog eine Grimasse.

„Aber sie arbeiten daran. Jeden Tag“, sagte Buck eindringlich. „Studioangestellte schnüffeln überall herum, und Privatdetektive, erheblich schlechtere als du, verdienen sich dumm und dämlich, indem sie Leute überprüfen - und manchmal auch denunzieren.“

„Zum Kotzen“, sagte ich. „Nichts für mich.“

„Man weiß nicht mehr, was man glauben soll, auch anständige Menschen bekommen Probleme“, redete Buck weiter. „Und auch sie beauftragen dann wiederum Detektive, um ihre Unschuld zu beweisen. Ein völlig vergiftetes Klima da draußen, leider. Aber es sind goldene Zeiten für Privatdetektive.“

„Goldene Zeiten interessieren mich nicht“, sagte ich.

„Wer wüsste das besser als ich“, sagte er. „Aber da gäbe es auch für dich was zu tun. Du könntest ja denen aus der Patsche helfen, die es nicht verdient haben.“

„Mal sehen. Was gibt es denn bei dir Neues?“ Ich fragte es nicht nur, weil ich das Thema wechseln wollte. Es interessierte mich wirklich.

Buck sah sich schnell um und beugte sich zu mir herüber. „Auch ein paar kleine Probleme“, sagte er, und dann noch leiser: „Sie haben mir die Destille draußen in Pasadena hops genommen und einfach dicht gemacht. Die ganzen Bestände haben sie abtransportiert – angeblich um sie zu vernichten, in Wahrheit natürlich, um sie selbst zu verhökern. Zum Glück lief sie ja alles über einen Strohmann, mich haben sie nicht gekriegt.“

Ich blinzelte überrascht. Der Whisky schmeckte nicht anders als sonst.

„So ein Mist. Und was machst du jetzt?“

Buck grinste verschmitzt. „Ich weiß mir zu helfen, kennst mich ja. Das Zeug selbst zu brennen, ist sowieso viel zu aufwändig und zu auffällig.“

„Und was machst du stattdessen?“, fragte ich gespannt.

Er zuckte mit den Achseln. „Ab sofort schmuggle ich den Whisky ins Land. Bourbon aus Kanada, die Mounties lassen sich mindestens so gut schmieren wie die Leute hier...“ Er holte eine Flasche unterm Tresen hervor und zeigte mir das Etikett: 'Canadian Club, Originalabfüllung'.

„Und die Patrouillen unterwegs auf den Straßen?“ Ich hatte schon eine Menge Geschichten darüber gehört. Und auch selbst eine Zeitlang Alkoholladungen transportiert, damals, auf dem Weg nach Hollywood, im Mittleren Westen.

Buck schüttelte nur den Kopf. „Ich werde mich da mit ein paar anderen zusammentun. Die basteln sich gerade ein paar Fahrzeuge, Spezialanfertigungen: mit doppeltem Boden und besonders starkem Motor. Die lassen die Automobile der Prohibitionsagenten dann einfach stehen. Wir haben die besten Fahrer. Sie gewinnen jedes Rennen, und das müssen sie auch: Wir haben nämlich die strikte Regel gesetzt, dass keiner von ihnen Waffen dabeihaben darf.“

„Verstehe“, nickte ich.

„Sonst wandern sie doppelt so lange in den Knast“, erklärte Buck und wies mit dem Kopf zu der Gitterzelle, wo die Frau weiter kreischte und Spaß hatte. Er entkorkte die Flasche und schenkte uns ein. Er hob sein Glas.

„Wenn du einen Job bei mir willst, sag Bescheid.“

„Nicht als Schmuggelfahrer“, sagte ich. „Da arbeite ich lieber als Detektiv, das weißt du doch.“

Er pustete blauen Rauch aus und wiegte den Kopf. Wir tranken beide. Der kanadische Bourbon hatte einen angenehm weichen Geschmack.

„Dann mach das auch, Hardy. Nicht, um jemand anderem zu helfen. Tu es für dich. Sei nicht dumm. Du brauchst Geld und du brauchst Ablenkung.“

Er schenkte uns noch mal nach und stellte mir eine neue Flasche zum Mitnehmen daneben.

„Na schön“, sagte ich. „Ich werde versuchen, nicht dumm zu sein.“

Der Kellner drüben an der Zelle hatte die Gittertür endlich aufbekommen. Die Frau stolperte heraus und lachte auf.

Buck hob sein Glas und grinste.

„Was auch immer du tun wirst, versprich mir nur, dass diesmal niemand auf dich schießen wird“, sagte er.

„Versprochen“, sagte ich, stieß mein Glas an seines und kippte den Bourbon hinunter.

Es war leichtsinnig von mir. Dass ein Versprechen gehalten wurde, kam in Hollywood etwa so selten vor wie ein Eskimo mit Schlitten.

*2

Zwei Minuten, nachdem ich mit der Flasche zu Hause angekommen war, geschah ein Wunder - zumindest dachte ich das damals: Mein Telefon klingelte. Zum ersten Mal seit Wochen.

Im ersten Augenblick konnte ich es gar nicht glauben. Im nächsten sah ich mechanisch auf die phosphoreszierenden Ziffern meiner Armbanduhr. Es war kurz vor acht Uhr abends. Ich war überzeugt, dass sich jemand verwählt hatte.

Ich hob ab und sagte: „Hardy Engel. Wer spricht?“

„Hier ist Bill Taylor“, sagte eine dunkle, wohlklingende Männerstimme, die ich kannte. „Ich wollte mich endlich wieder einmal bei Ihnen melden, Hardy.“

Ich brauchte einen Moment, um mich zu besinnen.

„Hallo, Mr Taylor“, sagte ich nach einer Pause. „Ich freue mich, von Ihnen zu hören.“

William Desmond Taylor war einer der bekanntesten und erfolgreichsten Regisseure in dieser Stadt, ein Brite Ende vierzig mit ausgesucht guten Umgangsformen. Er hatte wirklich Klasse. Was ich deshalb wusste, weil er mir, einem völlig Unbekannten, im letzten Jahr nach einem Casting eine Rolle gegeben hatte, die größte, die ich als Schauspieler jemals hatte spielen dürfen, vier Drehtage in seinem Filmdrama The Witching Hour. Eine richtig ernsthafte Figur.

„Wie geht es Ihnen denn, Hardy?“

Mein Blick glitt durch das Zimmer, über das ungemachte Bett, die ungeordneten Papiere auf dem Schreibtisch.

„Oh, danke, Mr Taylor“, sagte ich. „Ganz ausgezeichnet. Wie geht es Ihnen?“

Der Film war ein Flop gewesen, doch Taylor hatte gesagt, er würde sich wieder melden. Ich hatte oft an ihn gedacht, war jedoch zu stolz gewesen, ihn selbst anzurufen.

„Danke, viel Arbeit, aber sehr gut“, sagte er, und er wirkte etwas abgelenkt, oder vielleicht in Eile, aber man konnte es bei all seiner Höflichkeit nur erahnen. „Hören Sie, Hardy, ich habe etwas für Sie.“

„Das freut mich aber sehr“, sagte ich und versuchte, mir meine Erleichterung nicht allzu sehr anmerken zu lassen. „Ich werde sehr gerne wieder für Sie spielen.“

Also doch, dachte ich. Man musste nur lange genug warten und Geduld haben. Die guten Leute vergaßen einen nicht. Ich freute mich schon auf Bucks Gesicht, wenn ich ihm davon erzählte.

„Oh, nur dass Sie mich nicht falsch verstehen“, sagte Taylor schnell und nun etwas verlegen. „Ich schätze Sie nach wie vor immens als Schauspieler, aber hierbei geht es um etwas anderes.“

„Ja?“, sagte ich mechanisch.

„Ich suche für einen Auftrag einen vertrauenswürdigen Privatdetektiv. Und wie ich höre, haben Sie sich mittlerweile auf diese Arbeit verlegt.“

Verdammt, dachte ich.

„Da haben Sie richtig gehört“, sagte ich. „Eine Zeit lang habe ich das getan.“

„Aber Sie nehmen weiter Aufträge an, hoffe ich doch?“, fragte er, und er wirkte jetzt doch recht ungeduldig und unruhig, so wie ich ihn bisher nicht kannte. „Es ist wirklich dringend. Ich kann Ihnen auch ein großzügiges Honorar dafür zusagen. Und danach reden wir gerne wieder über Filmrollen für Sie, das verspreche ich Ihnen.“

Ich zögerte nur für einen kurzen Moment. Schließlich hatte ich ihm eine ganze Menge zu verdanken. Und ich hatte ihn kennengelernt als einen sehr netten, stillen, ausgeglichenen Mann, der an seinem Filmset niemals laut wurde, im Unterschied zu Cholerikern wie Cecil B. DeMille oder verschrobenen Genies wie Charlie Chaplin oder David Wark Griffith.

„Na schön“, sagte ich. „Also, worum handelt es sich denn?“

Seiner Stimme war nun anzuhören, dass er sehr in Eile war.

„Es geht um eine Freundin von mir. Mabel Normand.“

„Oh“, sagte ich.

Die hübsche, kulleräugige junge Mabel war seit Jahren eine der prominentesten Komödienschauspielerinnen, mehr noch: ein absoluter Superstar. Sie war bekanntermaßen die Muse von Starproduzent Mack Sennett, aber auch die Ex-Partnerin von Charlie Chaplin und Fatty Arbuckle. Auf und jenseits der Leinwand.

„Sie war zuletzt in sehr guter Verfassung und auf ihre Arbeit konzentriert, aber ich mache mir gerade ein wenig Sorgen um sie“, sagte Taylor vorsichtig.

Und sie war in ganz Hollywood bekannt für ihre lebenslustige Art, als Konsumentin von Alkohol, Drogen und Männern.

„Ach wirklich? Weswegen?“

„Ich glaube, dass sie sich, nun ja, mit den falschen Leuten einlässt. Ihr Job wäre ganz einfach, Hardy, sofern Sie Zeit dafür haben. Mabel war eben bei mir und ist jetzt nach Hause gefahren. Sie müssten sich nur vor ihrem Haus postieren und heute Abend und den Rest der Nacht dort warten und beobachten, ob jemand kommt und sie besucht. Und wer es ist. Ich will es einfach nur wissen.“

Ich hatte Mabel bisher nie persönlich kennengelernt, aber nach allem, was ich gehört hatte, war sie genau die Art von Frau, für die es so richtig Spaß machen würde, das Kindermädchen zu spielen.

„Ich verstehe“, sagte ich. „Wie weit sollte ich dabei gehen – einschreiten und es verhindern?“

„Nein, das nicht. Berichten Sie mir dann nur. Sie hat ab morgen einen Dreh bei Sennett, und ich hoffe, dass sie nicht in Schwierigkeiten gerät, das ist alles“, sagte Taylor. „Da wird nichts passieren - ich weiß, was man über sie redet, aber sie hat mit meiner Hilfe zu einem ganz anderen, vernünftigen Lebenswandel gefunden. Ich will bloß überprüfen, als Freund, ob sie sich auch wirklich daran hält.“

„Selbstverständlich“, sagte ich.

„Sicher, es ist äußerst kurzfristig und ich verlange viel von Ihnen, aber ich weiß mir nicht anders zu helfen. Sie bekommen fünfzig Dollar dafür, Hardy, gleich morgen Vormittag. Kommen Sie doch bitte um sieben Uhr zu mir, wenn es Ihnen recht ist“, sagte Taylor.

Fünfzig Dollar waren eine Menge Geld. Eine verdammte Menge Geld. Buck hatte recht gehabt, dies schienen goldene Zeiten zu sein. Und dass offenbar wegen der schwarzen Listen eine gewisse Hysterie herrschte, auch das bestätigte sich.

„Soll ich für dieses Honorar auch noch öfter auf Miss Normand aufpassen, oder wie denken Sie sich das?“, fragte ich.

„Nein, nur heute Nacht, aber morgen habe ich noch einen weiteren Auftrag für Sie, den Sie dann gleich für mich erledigen sollten. Hätten Sie Zeit dafür?“

Ich wartete einen Moment mit meiner Antwort.

„Für Sie kann ich es heute einrichten, und morgen sehen wir weiter“, sagte ich. „Hat es mit diesen Leuten zu tun, mit denen Miss Normand sich nicht einlassen soll?“

„Den Rest erzähle ich Ihnen morgen persönlich, Hardy“, sagte Mr Taylor rasch. „Sie waren noch nie bei mir zu Hause, nicht wahr? Es ist nicht weit von Mabels Haus. Meine Adresse ist Alvarado Court 404 B, im Westlake District.“

„Gut“, sagte ich. „Und die von Mabel?“

„433, Seventh Street. Fahren Sie bitte gleich los. Ich weiß, dass ich Ihnen vertrauen kann. Sie vertrauen mir doch auch, Hardy?“

„Ihnen vertraue ich, Mr Taylor“, sagte ich, und ich meinte es ernst.

„Ich muss jetzt auflegen.“

„Dann bis morgen“, sagte ich und hängte den Hörer ein.

Ich ging ins Bad und holte aus dem Versteck hinter der losen Fliese meine Fünfundvierziger heraus. Ich überprüfte, ob sie geladen war.

Ich machte mir einen Kaffee und holte meine Handschuhe und meinen Wintermantel aus dem Schrank und zog beides an. Der Mantel hatte ganz unten links ein Loch, das Motten hineingefressen hatten. Ich steckte die Waffe ein und mein Notizbuch und die Flasche Canadian Club. Dann trank ich den Kaffee in einem Zug aus.

Es war noch kälter geworden, als ich in die Dunkelheit hinaustrat. Selbst auf der anderen Straßenseite, in dem kleinen See mit heiß sprudelnden, giftig-gelben Asphaltblasen darin, schien der Teer etwas abgekühlt zu sein. Die offene Stelle, wo bereits seit prähistorischen Zeiten, seit dreißigtausend Jahren glühende Lava aus dem Inneren der Erde nach oben stieg, mitten in der Gegend, die nun Hollywood hieß, sonderte heute nur einen schwachen Schwefelgeruch ab.

In der erleuchteten Trambahn diskutierten ein paar andere abendliche Passagiere darüber, ob es bald schneien würde. Ich hatte in den anderthalb Jahren, in denen ich in Los Angeles lebte, noch keinen Schnee gesehen. Aber ein alter Mann, der mit einem langen weißen Bart aussah wie der Prophet Paulus, behauptete steif und fest, dies sei möglich, und es müsste nur eben erst etwas Besonderes passieren – ein Ereignis, nicht nur ein bloßer Temperatursturz - , damit hier welcher fiel. Es habe nämlich, erinnerte er sich, in Los Angeles schon einmal geschneit, und zwar in dem Jahr, in dem der Präsident ermordet worden sei. McKinley, Anfang des Jahrhunderts, im Jahr 1903, wie er auf Nachfragen erklärte.

Unter einem schieferschwarzen Himmel fuhren wir nach Osten, durch eine Wohngegend mit Villen im spanischen oder maurischen Stil, die wie Filmkulissen aussahen und erheblich älter, als sie wirklich waren. Fast an jeder Ecke wurden neue Häuser gebaut, und an jeder Haltestelle stiegen Bauarbeiter ein oder aus, die für heute ihr Tagewerk beendet hatten. An manchen Baustellen wurde auch nachts gearbeitet, im Licht aufgestellter Jupiterlampen.

Die Seventh Street lag in Downtown. Mabels Haus war eine zweigeschössige, allein stehende Villa in Sonnengelb mit einem kleinen Vorgarten und einem hohen, weißen Portal. Ich postierte mich auf der anderen Straßenseite im Schutz einer großen Zypresse auf einer Holzbank, die, wie ein Schild verkündete, die City of Los Angeles dank einer Spende von Harry Chandler, dem Chef der L.A. Times, aufgestellt hatte. Ich schlug den Kragen hoch und begann meine Nachtwache.

Nur im unteren Stockwerk war ein Raum erleuchtet. Ich nahm an, dies war die Küche. Zwei Schlucke Whisky später ging im oberen Stockwerk das Licht in dem Zimmer rechts außen an, vermutlich das Schlafzimmer. Es war gerade mal zehn Uhr abends, eine undenkbare Schlafenszeit für jene Mabel, von der die vielen Gerüchte handelten. Sie war demnach ein Paradebeispiel jener potentiellen Sünder, von denen Buck vorhin gesprochen hatte, und vor denen die Hollywood-Bosse soviel Angst hatten.

Das Fenster wurde geöffnet und eine junge Frau kam in Sicht. Ihr Gesicht lag im Schatten, doch Mabels krause Locken waren deutlich zu erkennen, und als sie sich zur Seite drehte, auch ihr weltbekanntes Profil. Eine Zigarette an einer Spitze in der einen Hand und ein aufgeschlagenes Buch in der anderen waren jedoch die einzigen Anzeichen für Exzesse. Ich trat einen Schritt zum Stamm des Baumes zurück und nahm einen Schluck Whisky, und dann schnell noch einen weiteren für sie mit. Ich prostete ihr sogar stumm zu.

Mabel beugte sich vor und sah nach unten, als erwartete sie jemanden, doch niemand näherte sich dem Haus; nur ab und zu erschien ein einsames Automobil mit aufgeblendeten Scheinwerfern und fuhr röhrend durch das kranke, gelbliche Gaslicht der Straßenlaternen.

Für einen Augenblick hatte ich die Vision, dass Mabel sich über das Fenstersims schwingen und an dem Wasserrohr nach unten rutschen würde, um dann in Richtung glücklicherer Gefilde zu entschwinden. Doch stattdessen gähnte sie und schloss das Fenster. Die Vorhänge wurden zugezogen. Eine halbe Stunde später erlosch das Licht. Entweder ging der Filmstar Miss Normand früh zu Bett. Oder sie ahnte, dass sie beobachtet wurde, und hatte einen perfiden Plan, um mich hereinzulegen.

Aus dem unteren Stockwerk hörte ich noch einige Zeit Geschirr und Besteck klappern, das vermutlich abgewaschen wurde. Ich sah die Silhouette des Dienstmädchens mitsamt Haube. Dann ging auch dort das Licht aus und es herrschte Stille.

Ich passte genau auf, um es nur ja nicht zu verpassen, falls wirklich jemand käme und Mabel Normand dazu zu bringen versuchte, dass „sie sich mit ihm einließ“.

Ich ging einmal ganz um das Haus herum, um mir alle Zu- und Ausgänge anzusehen. Der kleine Garten, der an den Seiten und nach hinten hinaus nur aus einem schmalen Streifen Gras bestand, war eingefasst durch eine hohe, efeubewachsene Steinmauer mit geschmiedeten Spitzen. Es gab zwar ein kleines Tor, ebenfalls aus Eisen, doch war es fest verschlossen und mit einer Kette samt Vorhängeschloss gesichert. Und es gab nach hinten hinaus noch nicht einmal eine Tür, nur Fenster. Es erschien äußerst unwahrscheinlich, dass jemand sich auf diesem Weg hineinschleichen konnte.

Ich ging zurück auf meinen Posten vor dem Haus und beobachtete weiter; wobei ich darüber nachdachte, was genau wohl den Komödienstar Mabel Normand und den Regisseur William Desmond Taylor, der sich als ihr „Freund“ bezeichnet hatte, miteinander verband. Zwar hatte ich mit Taylor vier Tage lang gedreht, doch privat war ich ihm dabei nicht nahegekommen, zumal er wenig von sich gesprochen hatte, und von Mabel war damals, im Frühjahr 1921, nicht die Rede gewesen.

Einmal kam ein Polizeiwagen langsam die Straße hochgefahren, und ich ging hinter der Zypresse in Deckung. Er kroch den Bordstein entlang, einer der Streifenpolizisten darin ließ den Strahl einer Handlampe über die Fassaden wandern, dann fuhr der Wagen auf und davon.

Ich dachte weiter über die Dreharbeiten vom letzten Jahr mit William Desmond Taylor nach.

Nachdem unser Film sich als einer von Taylors seltenen Flops entpuppt hatte, hatte er mich extra zu einem Dinner im feinen Musso & Frank's Grill eingeladen, um mir persönlich zu erklären, dass er mich nun nicht gleich wieder als Besetzung beim Studio vorschlagen konnte, und mir zu versichern, dass er trotzdem irgendwann wieder mit mir arbeiten wollte. Danach hatte ich dann erst als Kleindarsteller bei Sennett spielen müssen und war schließlich, als ich dort gefeuert worden war und nirgends mehr Rollen bekam, Privatdetektiv geworden. Und war letzten Endes hier gelandet, unter diesem Baum in der Kälte.

Taylor hingegen war inzwischen der Vorsitzende des Regieverbandes von Hollywood geworden und der Chefregisseur von Famous Players-Lasky, dem größten Filmstudio. Dank all dieser repräsentativen Aufgaben wurde ständig in der Presse über ihn berichtet, und wenn ein Senator aus Washington oder ein indischer Maharadscha die Studios besuchten, führte er sie herum. Man wunderte sich beinahe, wie er noch dazu kam, die Abenteuerfilme zu drehen, auf die er sich so erfolgreich spezialisiert hatte, wie Tom Sawyer oder Ann Of Green Gables. Oder private Beziehungen zu den Stars anderer Studios zu unterhalten. Immerhin hatte er sich trotz alledem an mich erinnert und sich wieder bei mir gemeldet.

Kurz nach Mitternacht war ich beinahe eingeschlafen, als mich ein Motorradfahrer hochschrecken ließ. Er knatterte in hohem Tempo heran, kam vor dem Nachbarhaus zum Stehen, ließ den Motor noch etwas laufen, und schaltete ihn dann aus, wie auch das Licht. Ich musste mich anstrengen, um ihn noch zu erspähen, mit meinem verbliebenen, kostbaren Auge.

Ich lauschte ins Dunkel hinein, und hörte Stiefel auf Asphalt. Näherte sich der Mann Miss Normands Haus? Dann entflammte ein Licht über der Tür des Hauses daneben, und der Motorradmann polterte dort hinein und schloss sie hinter sich.

Danach wurde es wieder dunkel.

Von da an bestand die grösste Herausforderung darin, mir den Whisky vernünftig einzuteilen und mich warmzuhalten. Es passierte nicht mehr viel, es kamen auch keine Automobile mehr, und ich hätte mich problemlos mitten auf die Seventh Street legen und dort schlafen können. Gegen fünf wäre ich beinahe so weit gewesen, es spaßeshalber und aus purer Langeweile zu tun, wenn es nur nicht so kalt gewesen wäre. Da hörte ich einen Fahrradfahrer kommen, und zugleich in Abständen einen trockenen Aufprall von etwas. Unter der Laterne sah ich nun den Zeitungsboten, der so geübt wie gelangweilt eine zusammengerollte Zeitung in Richtung des Hauseingangs von Miss Normand warf. Dann fuhr er weiter. Ich ging hin und sah mir die Zeitung sicherheitshalber an, doch darin fand ich nur die Schlagzeile: JURY BERÄT URTEIL IM ZWEITEN ARBUCKLE-PROZESS. Keine versteckten Botschaften.

Kurz darauf kam der Milchmann in seinem Wagen, ein Schwarzer in einem weißen Overall mit Mütze. Die beiden Flaschen, die er auf der Schwelle abstellte, enthielten wirklich nur Milch, wie ich mittels einer Geruchsprobe überprüfte.

Leicht verdientes Geld so weit, dachte ich und bewegte meine kälteklammen Finger in den Handschuhen. Aber warte lieber erst mal ab, Hardy, was Mr Taylor sonst noch von dir will.

Ich nickte kurz ein, doch ein Sprengwagen der Stadtreinigung weckte mich mit seinem kalten Wasserstrahl. Die nachfolgenden Straßenkehrer mit ihren Reisigbesen reinigten die Straße so gründlich, als hätten sie das Gefühl, dass Los Angeles es trotz der oberflächlichen Sauberkeit dringend nötig hätte. Sie grüßten mich im Vorübergehen grinsend. Vermutlich hielten sie mich für einen Suffkopf, der auf der Straße eingeschlafen war. Und sie hatten ja nicht mal unrecht damit.

Gegen halb sieben begann es zu dämmern, und ich trank den letzten Schluck von meinem Whisky, als die Vögel in den Bäumen tirilierend die Sonne begrüßten, die durch die grauen Wolken hindurch nur gerade so zu erahnen war, wie durch ein beschlagenes Monokel.

Oben in dem Zimmer ging das Licht an, und das Fenster wurde bis zur Hälfte geöffnet, wobei ich kurz Mabels nackte Arme und ihre Silhouette sah. Auch die Stadt erwachte nun zum Leben. Automobile fuhren in beide Richtungen an mir vorbei, Lastwagen und Lieferwagen, und mich passierten Menschen in Anzügen und Menschen in Overalls und Ladenmädchen mit klappernden Absätzen auf dem Weg zur Arbeit, die meisten mit Blechkannen, in denen sich ihr Lunch befand.

Ich brauchte nicht abzuwarten, bis auch Miss Normand zur Arbeit gehen würde. Doch nun war es Zeit, dass ich mich auf den Weg zu Taylors Haus in der Alvarado Street machte.

Unterwegs ging ich in einen Drugstore und trank einen Kaffee am Tresen.

Es dauerte nur fünfzehn Minuten, hinüberzugehen.

*3

Meine Armbanduhr zeigte kurz nach sieben, als ich an der Third Street ankam. Sie lag auf einer Anhöhe, und man sah nach Downtown hinunter und im Dunst die ferne Bergkette im Osten. Ich ging nach der anderen Seite die paar Schritte die Alvarado Street hinunter, atmete eisige Atemwolken in die Luft und schlug meinen Mantelkragen hoch.

Alvarado Court war eine neu erbaute Anlage aus acht eleganten, quadratischen, luxuriös aussehenden Bungalows, die in Hufeisenform einen Hof umstanden. Wer hier wohnte, hatte es geschafft, so wie Mr Taylor, und es war etwas anderes als das, was ich bisher geschafft hatte. Zu dieser frühen Stunde war noch keiner der Bewohner draußen zu sehen.

Im hinteren Teil des Hofs waren neben einer halb fertig gemauerten Pergola Arbeitsgeräte und Baumaterial übereinandergestapelt. Zwei mit Steinplatten ausgelegte Wege an den Seiten rahmten eine gepflegte Rasenfläche ein und führten jeweils zu den einzelnen Häusern ab.

Seines war das hinterste Haus von dreien auf der linken Seite. Ein Schild verkündete '404 B – Taylor'. Im unteren der beiden Stockwerke waren alle Jalousien heruntergezogen.

Ich ging auf den Eingang zu, der von Säulen im ionischen Stil eingefasst wurde. Auf den Stufen stand eine Milchflasche bereit, und daneben lag zusammengerollt die Morgenausgabe des Los Angeles Examiner. Alles wie bei Mabel Normand. Ich lauschte. Im Haus rührte sich nichts.

Ich drückte auf den Klingelknopf. Drinnen ertönte ein sonorer Glockenton. Nichts geschah. Ich drückte erneut, zweimal. Wieder nichts. Auch Mr Taylor schien noch nicht wach zu sein. So sehr mich das angesichts unserer Verabredung wunderte.

Ich öffnete die Glastür vor der Eingangstür und legte dann die Hand auf deren Knauf. Er ließ sich drehen und die Tür ging auf. Ich betrat einen Vorraum mit einer geschmiedeten Garderobe, von dem aus eine Treppe nach oben in den ersten Stock führte. Alle Lichter waren eingeschaltet, obwohl der Tag ja nun inzwischen seit fast einer Stunde angebrochen war. Ich rief: „Mr Taylor?“

Es war nicht geheizt, und ein metallischer Geruch lag in der Luft. Meine Nackenhaare sträubten sich. Ich trat in das hell erleuchtete Wohnzimmer.

Vor einem geschnitzten Schreibtisch lag auf einem purpurrot leuchtenden Teppich, auf dem Rücken ausgestreckt und mit einem Anzug vollständig bekleidet, William Desmond Taylor. Die Arme lagen eng am Körper an und der Kopf war leicht zur Seite geneigt, mit geschlossenen Augen. Er sah aus, als hätte er sich auf seinen weichen, dezent gemusterten Teppich gelegt, um zu schlafen. Das Einzige, was das friedliche Bild störte, war ein Stuhl - offenbar der zum Schreibtisch gehörende - , der genau über dem rechten Fuß querstand, angelehnt an einen Sessel, so als wäre er umgekippt. Dies irritierte mich gewaltig.

Ich ging langsam näher, und ließ den Blick meines intakten Auges über die Schuhe wandern, hellbraune Oxfords, und den dunklen Gabardine-Anzug, und dann zu dem länglichen, scharf geschnittenen Gesicht Taylors, dem eines gutaussehenden Gentlemans in den besten Jahren. Es wirkte seltsam fremd auf mich.

„Mr Taylor?“, fragte ich erneut.

Mr Taylor blieb stumm.

Ich hielt abrupt inne und ließ einen lauten Fluch los.

Dann ging ich in die Knie und sah ihn mir aus der Nähe an. Ich zog einen Handschuh aus, hielt ihm die Hand vor die Nase und spürte nichts. Ich legte die Spitze meines Zeigefingers vorsichtig, nur ganz leicht auf seine Halsschlagader und spürte wieder nichts. Sein Gesicht war eine wächserne Maske.

„So ein Mist!“

William Desmond Taylor schlief nicht, sondern war tot.

Bye-bye Auftrag, bye-bye Honorar.

Ich stand wieder auf und sah auf ihn herab. Nun zog ich den Handschuh wieder an und schaute mich in dem Wohnzimmer um. Wenn man einmal Polizist gewesen war, und sei es in Deutschland, in einem anderen Leben vor dem Krieg, dann kamen sofort die alten Reflexe, sobald man wusste, dass man sich an einem Tatort befand. Ich zweifelte keinen Moment lang daran, dass Taylor ermordet worden sein musste. Dafür sprach alleine schon seine Position und die des Stuhls über seinem Fuß, auch wenn ich auf den ersten Blick keine Wunden an dem Toten ausmachen konnte, und ebensowenig Blutspuren auf dem leuchtend roten Teppich.

Ich hütete mich jedoch, ihn genauer zu untersuchen oder anzufassen, denn ich wollte auf keinen Fall Spuren hinterlassen. Ich sah mich lediglich um.

An Taylors linkem Handgelenk prangte eine teuer aussehende Uhr mit einem Platinarmband, und an einem der Finger ein Ring mit einem eingefassten Diamanten. Beide Stücke kannte ich von damals. Auf dem Schreibtisch hinter ihm lag neben Blätterstapeln und einem aufgeschraubten Füllfederhalter eine lederne Brieftasche, aus der ein Bündel Dollarscheine herausragte.

Rechts stand ein Klavier aus Mahagoni, die Abdeckung der Tasten hochgeklappt, als hätte vor Kurzem noch jemand darauf gespielt, und obendrauf sah ich auf einem silbernen kleinen Tablett zwei Cocktailgläser, in denen sich Reste von Orangen und etwas Wasser befanden, sowie einen Shaker. Daneben lagen in einem Kristallaschenbecher mehrere Zigarettenstummel; die eine Sorte war weiß, die zweite schwarz mit einem Goldfilter. Auf dem Klavier reihten sich außerdem zahlreiche gerahmte Fotos aneinander, eine ganze Galerie der Hollywoodstars: Mary Pickford, die blutjunge Mary Miles Minter, Gloria Swanson, nicht zuletzt auch Mabel Normand. Alle Fotografien waren mit persönlichen Widmungen versehen und signiert.

William Desmond Taylor war mit ihnen allen befreundet.

Das musste einen gewaltigen Aufruhr geben, dachte ich sofort. Es würde der nächste große Skandal sein, vor dem sich ganz Hollywood so sehr fürchtete. Und er würde unweigerlich alles in den Schatten stellen, was sich im letzten Jahr ereignet hatte.

Ich beugte mich vor und las die Widmung auf einem der Fotos: 'In tiefer Zuneigung und Verehrung, immer die Deine – Mabel Normand'.

Mein Blick wanderte zurück zu den beiden Cocktailgläsern und dem Aschenbecher mit den verschiedenen Zigarettenresten.

Mir fiel ein, was Taylor am Telefon erwähnt hatte: „Miss Normand war bis eben hier und fährt jetzt nach Hause.“

Ich ging wieder zurück in den Vorraum und sah auf die Stufen, die nach oben führten. Und dann ging ich sie hinauf. Langsam und vorsichtig.

Das Schlafzimmer lag direkt über dem Wohnzimmer, und die Tür stand offen. Auch hier war das Licht an.

Das große Bett aus dunklem, gebeiztem Holz war unberührt und mit einer lachsfarbenen Tagesdecke zugedeckt. Darüber hing ein großes Ölgemälde, das mit wildem Pinselstrich einen Meeresstrand bei Sturm zeigte. Links und rechts des Bettes standen zwei Nachttische, auf dem einen sah ich ein Tablett mit einer Kanne Wasser und einem leeren Glas. Auf einem Stummen Diener hing ein Anzug und ein frisches Hemd; Kleidung, die für den neuen Tag zurechtgelegt worden war. Davor stand ein Paar blankgewichste schwarze Reitstiefel mit hohen Schaften bereit.

Ich warf einen Blick aus dem Fenster. Es ging nicht zum Hof, sondern nach hinten hinaus, und entlang all der Häuser sah ich einen schmalen Pfad, der zur Maryland Street führte.

Ich wandte mich rasch den anderen Räumen zu, die vom Schlafzimmer abgingen. Der erste Raum erwies sich als ein begehbarer Wandschrank mit Taylors Anzügen und Hemden; Kleidung, die ich mir nie im Leben hätte leisten können.

Ich ging weiter ins Bad und betrachtete mich in dem großen, goldgefassten Spiegel. Im Regal darunter fand ich ein Zahnputzglas mit Bürste, Rasierzeug und zwei Flakons mit Zerstäuber von herben Herrenparfüms, wie ich feststellte, als ich mich herabbeugte und an ihnen roch.

Kurzum, ich fand keinen Hinweis darauf, wer Taylor sonst besucht haben könnte, oder ob Taylor und Mabel am Abend zuvor noch etwas anderes getan hatten, als zu trinken und zu rauchen.

Eilig ging ich die Treppe wieder hinunter und ins Wohnzimmer zu dem Toten auf dem Teppich. Ich stand da, sah auf ihn hinunter und dachte nach.

Zum einen lag hier vor mir die Leiche eines Regisseurs, dem ich mich verpflichtet fühlte, weshalb ich einen Auftrag von ihm angenommen hatte. Nun war er offensichtlich ermordet worden, und alles, was ich noch für ihn tun konnte, war herauszufinden, wer es getan hatte. Und was auch immer es gewesen wäre, das ich für Taylor noch hätte erledigen sollen, es lag nahe, dass seine Ermordung damit zu tun hatte.

Zum anderen dachte ich: Da siehst du mal wieder, wie es im Filmgeschäft zugeht. Als ob du es nicht sowieso schon gewusst hättest, Hardy. Sei froh, wenn du damit, was auch immer dahintersteckt, nichts weiter zu tun bekommen wirst.

So oder so, ich musste auf jeden Fall entscheiden, ob ich die Polizei benachrichtigen oder einfach verschwinden sollte, und ich musste mich schnell entscheiden.

Ich konnte nicht anders. Ich musste mehr wissen, sonst würde es mir keine Ruhe lassen. Also beugte ich mich zu Taylors Leiche hinab, um sie nun doch zu untersuchen.

„Hände hoch!“, sagte plötzlich eine zitternde, hohe Frauenstimme von rechts, im toten Winkel meines Glasauges. „Sofort! Und dann stehen Sie ganz langsam auf. Ich habe eine Waffe auf Sie gerichtet, und wenn Sie nicht gehorchen, schieße ich Sie nieder, Sie gemeiner Mörder!“

Verdammt. In der Hocke über den Toten gebeugt, hielt ich inne.

Man hörte es ihrer Stimme regelrecht an, wie nervös sie war, kurz vor dem Weinen, dem Zusammenbruch nahe, und dass es nur einen Hauch oder einen ganz dummen Zufall brauchen würde, damit sie abfeuerte, was auch immer sie in ihrer Hand hielt. Langsam hob ich beide Hände über den Kopf.

„Gut“, sagte ich beschwichtigend. „Kein Problem. Ich bin kein Mörder. Und ich will mich nur zu Ihnen umdrehen, Mylady, damit ich Sie ansehen und Ihnen alles in Ruhe erklären kann...“

Ich ging ganz vorsichtig aus den Knien hoch und drehte mich dann Inch für Inch zu meiner Geiselnehmerin um, so langsam wie ein Filmcowboy vom Pferd stieg, wenn der Kinovorführer an der Kurbel vollkommen betrunken oder ein sehr alter Mann oder beides war.

Ich sah zunächst eine kleine 22er, deren Lauf direkt auf mein Glasauge gerichtet war. Doch dieser zitterte dabei auf und nieder in einer Weise, dass sowohl mein ganzer Körper als auch die Decke des Zimmers gefährdet waren.

Die Person, die sie hielt, stand zehn Fuß von mir entfernt, am Eingang des Zimmers, und es war zu meiner großen Überraschung ein schwarzer Mann mit der seltsamsten Kleidung, die ich jemals gesehen hatte.

Er trug kanariengelbe Kniestrümpfe, darüber lindgrüne Knickerbocker, und dazu eine Art Golfjacke aus lachsrotem, gemusterten Tweed und einen hellbeigen Mantel sowie einen Bowlerhut auf seinem schwarzen Lockenkopf. Er musste gerade von draußen hereingekommen sein und hielt die zusammengerollte Morgenzeitung in der anderen Hand.

„Sie haben den armen Mr Taylor umgebracht“, sagte er vorwurfsvoll mit seiner hohen Stimme, und sie brach genau auf der letzten Silbe.

„Nein, das habe ich nicht“, sagte ich. „Ich habe ihn soeben gefunden. Sie sind sein Butler?“ Er nickte. „Und Sie wohnen nicht hier, sondern sind gerade zum Dienst erschienen?“ Er nickte wieder. Die Hand mit der Waffe zitterte noch immer. „Ich bin ein Privatdetektiv, Hardy Engel. Mr Taylor hat mich gestern Abend angerufen und für heute früh wegen eines Auftrages zu sich bestellt. Deswegen bin ich hier.“

Er hielt die Waffe nun auch noch mit der zweiten Hand fest, so dass sie jetzt bewegungslos auf meinen Kopf gerichtet war. Dafür begann seine Unterlippe zu zittern.

„Davon weiß ich nichts“, sagte er misstrauisch. „Sie sind ein Mörder, und dafür werde ich jetzt Sie umbringen.“

„Wir haben gestern telefoniert, um ungefähr acht Uhr, Mr Taylor und ich“, sagte ich so verbindlich wie möglich.

„Ich bin Punkt halb acht nach Hause gegangen“, sagte er mit seiner hohen Stimme. „Da war er noch am Leben. Also habe ich nichts dergleichen mitbekommen, und er hat auch nicht erwähnt, dass er noch telefonieren wollte. Worum sollte es denn bei diesem Auftrag gehen?“

Ich hatte schon schwule Butler gesehen, doch noch keinen, der so hysterisch war. Allerdings waren ihre Herren auch noch quicklebendig gewesen und hatten sie umhergescheucht, wie es sich gehörte.

„Das weiß ich nicht. Mr Taylor wollte es mir erst heute sagen. Er und ich kannten uns, ich habe in einem Film von ihm mitgespielt. Nehmen Sie bitte die Waffe herunter, ich habe Angst, dass sie versehentlich losgehen könnte, - Mr ...“

Ich sah ihn fragend an.

„Ich heiße Henry Peavey, und mich können Sie nicht hereinlegen“, sagte er hochmütig. „Ich werde jetzt Hilfe holen und die Polizei anrufen. Aber vorher kommen Sie hier rüber, na los!“

Er winkte mich mit der Waffe zum Eingang. Sein Fuchteln machte mich nervös, also folgte ich seinem Winken und trat wieder in den Vorraum. Ohne den Blick von mir zu wenden, mit dramatisch weit aufgerissenen Augen, langte er nach hinten und öffnete unter der Treppe eine kleine Tapetentür zu einem Kabuff, nicht größer als ein Schrank.

„Gehen Sie da rein!“ Er zitterte mit der Waffe direkt vor meiner Nase herum. Es war unmöglich, sie zu greifen, ohne ein gewaltiges Risiko einzugehen.

„Ganz vorsichtig mit dem Ding!“, sagte ich und trat langsam heran; mit dem Vorsatz, mich auf keinen Fall einschließen zu lassen. „Lassen Sie uns reden...“

„Umdrehen!“

„Machen Sie keinen Fehler, Mr Peavey“, sagte ich. „Es wird sich alles aufklären. Und ich kann Ihnen dabei helfen.“ Er presste mir den kurzen Lauf an den Kopf, während ihm Tränen über das Gesicht liefen. Ich befürchtete, er würde vielleicht im Affekt abdrücken. Ich drehte mich um.

Im nächsten Moment erhielt ich einen gewaltigen Tritt in den Rücken, wie von einem Pferd, und taumelte in die winzige Kammer hinein. Ich verlor meinen Hut und stieß mir die Stirn an etwas Hartem an, und während ich noch damit beschäftigt war, mich aufzurappeln, schlug die Tür hinter mir zu. Es wurde dunkel, und ein Schlüssel wurde zweimal herumgedreht.

*4

Ich ärgerte mich über mich selbst, während ich meine Stirn betupfte. Ich drückte mein Taschentuch auf den schmerzenden Riss, schlug gegen die Tür und versuchte Peavey zu überzeugen, mich herauszulassen, doch es kam keine Antwort. Stattdessen hörte ich ihn telefonieren, ohne dass ich die Worte verstand, und direkt darauf schrie er dann weit entfernt herum, vermutlich im Hof. Natürlich probierte ich, die Tür aufzudrücken, doch anscheinend hatte er auch noch etwas davor gerückt und sie blockiert.

Den Geräuschen nach zu urteilen, begannen nun verschiedene Leute hereinzuströmen, gewiss die Nachbarn, die im Vorbeigehen aufgeregt durcheinander redeten und dann das Wohnzimmer bevölkerten, wohl um die Leiche anzusehen. Peavey brüllte irgendwann direkt vor der Tür, laut und mit hoher Stimme, er werde mich erschießen, wenn ich versuchen sollte, auszubrechen, und fügte überflüssigerweise hinzu, er sei nicht alleine.

Ich ergab mich meinem Schicksal und vertrieb mir im Dunkeln die Zeit damit, die Blutung zu stoppen und mir Gedanken über meine Situation zu machen.

Diese verdammte Dunkelheit. Sie ließ sofort die Angst in mir aufsteigen, wieder zu erblinden, die mich quälte, seit ich als kaiserlicher Soldat in Frankreich nach einem Giftgas-Angriff monatelang nicht mehr hatte sehen können. Inzwischen war sie zusätzlich bestärkt worden durch den letztjährigen Verlust des einen Auges. Doch ich hatte Strategien entwickelt, mit meiner Panik umzugehen. Ich versuchte, ruhig zu atmen und mich einfach auf mein weiteres Vorgehen zu konzentrieren.

Natürlich konnte ich damals noch nicht ahnen, welche Kreise dieser Mordfall später ziehen würde. Mir war nur klar, die Polizei würde in Kürze anrücken, und darauf musste ich mich vorbereiten. Es würden Leute von der Mordkommission dabei sein, die mich kannten. Es war gerade einmal ein paar Wochen her, dass ich mit ihnen schwer aneinandergeraten war. Wohlwollen war von ihnen nicht zu erwarten, aber ich musste versuchen, vernünftig mit ihnen reden, und mir sehr gut überlegen, was ich ihnen über meinen Auftrag und die Vorgeschichte sagte.

Das Kabuff war mit Kleidern, Schuhen und allerlei Krimskrams vollgestellt, so dass ich nur wenig Bewegungsspielraum hatte. Ich lehnte mich gegen eine Wand und machte es mir so bequem, wie es unter diesen Umständen möglich war. Ich hätte gerne geraucht, doch dazu war es zu eng.

Die Polizei – wen auch immer der Butler benachrichtigt hatte - brauchte erstaunlich lange, um einzutreffen. Derweil gingen Leute im Haus ein und aus, deren Stimmen ich weiterhin nur dumpf als unverständliches Murmeln hörte.

Es mochte eine gute Stunde vergangen sein, als ich erneut Geräusche vor der Tür wahrnahm. Jemand hämmerte mit der Faust dagegen und dann sagte eine tiefe Stimme: „Hallo da drin, hier spricht Sergeant Of Detectives Edward King, vom Büro des Bezirksstaatsanwalts. Wir werden diese Tür jetzt öffnen und Sie herausholen. Heben Sie Ihre Hände über den Kopf. Ein halbes Dutzend Waffen sind auf Sie gerichtet und beim geringsten Anzeichen von Widerstand werden wir Sie erschießen. Haben Sie das verstanden?“

Ich antwortete, dass ich das sehr gut verstanden hätte, und dass ich nicht vorhätte, mich zu wehren, sondern mich nur zu gerne einer Befragung stellen werde.

Als die Tür aufgerissen wurde, traf mich der grelle Lichtstrahl einer Taschenlampe wie ein Schock. Mit dem Auge blinzelnd, erblickte ich gerade noch zahlreiche Uniformierte, die auf mich zielten, bevor ich dann mit erhobenen Händen von zweien von ihnen herausgezogen und zu Boden gerissen wurde. Einer bog sofort meine Arme nach hinten und fesselte mich hinter dem Rücken mit Handschellen.

„Los, durchsucht ihn“, sagte die Stimme von vorhin. „Der Schwarze hat ihn blöderweise nicht gefilzt, sagt er. Sucht nach seiner Waffe.“

Ein anderer Polizist tastete mich rasch ab und quetschte mir dabei mit einer Hand tüchtig die Hoden.

Ich grinste ihn an: „Oh ja, das ist eine Waffe...“

Er fand jetzt die Fünfundvierziger und zog sie hervor. Er fasste sie am Lauf und reichte sie King. Ich sah nach oben. „Wieso, King, wurde er erschossen? Dann bin ich aus der Nummer raus. Meine Waffe wurde jedenfalls nicht abgefeuert.“

Da ich immer noch niedergedrückt und durchsucht wurde, sah ich nur im Augenwinkel, wie er an dem Lauf roch.

„Sucht die Kammer ab“, sagte King zu den anderen. „Vielleicht ist da noch was. So gründlich wie den Babypopo eures Jüngsten nach Pusteln, verstanden!“

Zwei Polizisten quetschten sich sofort nebeneinander in das Kabuff unter der Treppe. Mehr passten nicht hinein, sonst hätten die anderen es ihnen gleichgetan. Einer zog mich auf die Füße.

Mit Edward King hatte ich bisher noch nicht zu tun gehabt. Er war einen Kopf größer als ich, Mitte vierzig, hatte eine fleischige Nase und graue Knopfaugen, die vollkommen stumpf blickten. Um sie herum und auch auf der Stirn direkt über der Nase hatten sich tiefe Falten eingegraben, was ihm das Aussehen eines zutiefst skeptischen Veteranen gab. Er steckte sich eine Zigarette zwischen die Lippen und zückte ein Sturmfeuerzeug.

„Ich bin Hardy Engel, Privatdetektiv. Hallo Sergeant.“

King schnippte das Feuer an und hielt die Flamme vor mein Gesicht.

„Deutscher, was?“, sagte er abfällig. „Noch gar nicht so lange her, da haben wir auf Deutsche geschossen. Und die auf uns.“

Er betrachtete mich noch für einen Moment, bevor er seine Zigarette anzündete und es zuschnappen ließ. Er trug eine Fliege. Ich hielt grundsätzlich nichts von Männern, die eine Fliege trugen.

„Befragen Sie mich, Sergeant“, sagte ich. „Ich kann erklären, warum ich heute hierher gekommen bin.“

„Sie können drauf wetten, dass ich das als Allererstes tue.“ King wandte sich an zwei Uniformierte. „Bringen Sie den rüber, ins Haus nebenan, zu Maigne.“

Ich wurde von den beiden Polizisten gestoßen und konnte nur noch einen kurzen Blick über die Schulter werfen. Im Wohnzimmer sah ich zahlreiche Menschen durcheinanderwuseln. Ein Magnesiumblitz erhellte die Szenerie für einen Augenblick. Dann schob sich Kings massiger Körper dazwischen. Er bellte noch ein paar Ansagen.

„Die Freunde von der Mordkommission sollen die Leiche und den Tatort absichern und die Reporter fernhalten“, hörte ich ihn in Richtung des Wohnzimmers rufen. „Und Sie, befragen Sie weiter die Nachbarn und melden Sie mir alles, was Sie finden!“, bellte er dann hinüber zu den Uniformierten, die das Kabuff umlagerten.

Wir gingen vor dem Bungalow durch ein Spalier aufgeregt schnatternder Menschen, die sich mir nun neugierig zuwandten und plötzlich verstummten. Ich erkannte Douglas MacLean, einen prominenten Schauspieler. Er trug keinen Mantel, ganz offensichtlich war er ein Nachbar und herbeigeeilt, so wie viele andere. Natürlich hielten sie mich alle für den Mörder, als ich abgeführt wurde. Auf dem Steinplattenweg passierten wir das Automobil des Gerichtsmediziners mit seinem kastenförmigen Aufbau.

Als wir daran vorbei zum Nachbarhaus gingen, sah ich Arthur Blowfish, einer der leitenden Redakteure des Los Angeles Examiner und ein alter Bekannter von mir. Allerdings einer, mit dem ich aneinandergeraten war, und dem hübsche dicke Schlagzeilen wichtiger waren als alles andere, zum Beispiel die Wahrheit.

„Sie?“, fragte er mich überrascht, seinen Notizblock schreibbereit gezückt. „Was ist denn passiert? Taylor soll ermordet worden sein?“

Ich antwortete nicht und ging weiter.

Ein Mann mit einem hellen Hut sprang vor, zückte die Kamera und schoss ein Foto von mir mit einem Magnesiumblitz. Ich wandte zu spät das Gesicht ab, und einer der Polizisten schubste den Fotografen unwillig zurück in die Menge.

„Wer ist das?“, fragte er im Zurücktaumeln.

„Hardy Engel“, sagte King mit einem Grinsen zu mir.

„Privatdetektiv“, ergänzte Blowfish, noch bevor ich irgend etwas dagegen unternehmen konnte. „Und Idealist. Denkt er.“

Mehrere Männer traten vor und schossen Fotos. Ich drehte den Kopf weg.

Wir traten in einen fast identischen Bungalow wie den von Taylor. Das Türschild verkündete '404 A - Maigne'. Wie sein Nachbar war Charles Maigne ein bekannter Regisseur. Ich war offensichtlich in eine Kolonie von Filmleuten geraten. Sie bugsierten mich in ein Wohnzimmer, in dem ein Kaminfeuer knisterte, und stießen mich in einen Sessel.

King winkte meine Begleiter nach draußen und sie schlossen die Tür hinter sich.

„Sie sind der Ermittler des Bezirksstaatsanwalts?“, fragte ich ihn. „Und Sie haben gleich die Federführung übernommen, nicht die Mordkommission?“

„Glauben Sie im Ernst, wir überlassen das den niederen Rängen, bei der aufgeheizten Stimmung, die wir hier zur Zeit haben? Bei einem solchen Fall? Sie haben ja die Reporter draußen gesehen!“

King griff ohne Weiteres in meine Jacke und holte meine Brieftasche heraus. Er setzte sich auf einen holzverschnörkelten Couchtisch und filzte sie mit ausdruckslosem Gesicht.

„Zunächst mal haben Sie einiges zu erklären, Mr Engel. Ich höre.“

„Meine Detektivlizenz ist da drin, und meine Identität haben Sie ja gerade schon bestätigt bekommen.“

Er faltete das Dokument auseinander und kratzte sich am Kopf.

„Wo wohnen Sie?“

„5858 Wilshire Boulevard. Direkt an den Teergruben, Soerensens Apartmenthaus. Es ist auch mein Büro.“

„Was dagegen, wenn wir uns dort umsehen?“ Ich schüttelte den Kopf.

„Gibbs!“, schrie er nach draußen. Einer der Polizisten riss die Tür auf und sah herein. King wiederholte meine Adresse und befahl eine genaue Durchsuchung. Der Polizist verschwand gleich wieder.

„Sie wurden bei der Leiche angetroffen. Was genau wollten Sie in dem Haus?“

„Das habe ich dem Butler schon gesagt. Mr Taylor hatte mich gestern Abend wegen eines Auftrags angerufen und mich gebeten, heute morgen um sieben Uhr zu ihm zu kommen.“

Ich hatte beschlossen, Mabel Normand aus dem Spiel zu lassen. Ich wusste, dass sie unschuldig war, hätte es sogar bezeugen können, dass sie die Nacht zu Hause verbracht hatte. Doch wenn ich Taylors Bitte, sie zu observieren, erwähnte, würde sie unweigerlich in den Mordfall hineingezogen werden, und das wollte ich nicht. Natürlich kam ich damit nicht einfach durch.

„Worum ging es bei dem Auftrag?“, fragte King sofort.

„Mehr wollte er mir dazu am Telefon nicht sagen, das wollte er dann persönlich tun“, sagte ich nur. „Als ich vorhin ankam, lag er tot auf dem Boden.“

King legte den Kopf schräg und wies auf meine Stirn.

„Woher haben Sie die Wunde da?“

„Von Peavey. Er hat mich mit einem Tritt in diese Kammer befördert, nachdem er mich aufgegriffen hatte.“

King nahm seinen Hut ab und fuhr sich durchs Haar. Es hatte die Farbe von Schneematsch, im November in Berlin.

„Wenn jemand bei einem Mordopfer ertappt wird, mit einer blutigen Wunde, könnte es auch einen Kampf gegeben haben.“

„So war es aber nicht. Es ist eine frische Wunde, und Taylor muss schon länger tot sein, so wie er aussieht. Ich habe außerdem keinen Grund, jemanden umzubringen, der mein Klient werden will.“

King setzte eine Miene auf, mit der er wohl beim Pokern häufig Erfolg gehabt hatte.

„Kannten Sie Taylor denn persönlich?“

Die Frage musste ja kommen.

„Ja, ich habe einmal mit ihm gearbeitet“, sagte ich vorsichtig. „Als Schauspieler, für sein Studio. Vier Tage im letzten Frühjahr.“

King richtete sich auf und zog einen grauen Gummischlauch aus seiner Tasche, zwei Fuß lang und zwei Daumen dick. „Verstehe. Sie und der Regisseur Mr Taylor kannten sich also schon länger. Noch mal, worum sollte es bei Ihrem Auftrag gehen?“

„Das weiß ich wirklich nicht“, sagte ich. „Wie gesagt, er wollte es mir erst heute sagen.“

Ich sah auf den Gummischlauch. Polizisten liebten diese Dinger, weil sie keine Spuren hinterließen, wenn sie einen damit verprügelten; ob mit Anlass oder ohne.

„Es war das erste Mal seit Monaten, dass ich von ihm wieder gehört habe“, sagte ich schnell. „Seit den Dreharbeiten. Deswegen weiß ich auch nicht mehr.“

King grinste, als würde ihm das alles Spaß machen.

„Und woher wusste er dann, dass Sie jetzt Privatdetektiv sind?“, fragte er schlau.

„Es wird sich herumgesprochen haben“, sagte ich. „Reden Sie doch mit Byron Hamilton, dem Sicherheitschef von Famous Players-Lasky, Taylors Studio, er wird ja bestimmt den Fall übernehmen. Ich hatte schon mit ihm zu tun.“

King legte den Kopf schief und hielt noch immer den Schlauch in der Hand.

„Klingt nicht sehr plausibel, dass Sie gar nichts über Taylors Auftrag wissen“, sagte er. „Wann war denn das Telefongespräch, können Sie das sagen?“

„Es war kurz vor acht Uhr, ich habe auf die Uhr gesehen“, erwiderte ich rasch.