DER MANN, DER NICHT MITSPIELT - Christof Weigold - E-Book

DER MANN, DER NICHT MITSPIELT E-Book

Christof Weigold

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Beschreibung

Hollywood 1921: Hardy Engel, ein gescheiterter deutscher Schauspieler und Privatdetektiv, wird von der schönen Pepper Murphy beauftragt, das stadtbekannte Starlet Virginia Rappe zu finden. Kurz darauf stirbt Virginia unter mysteriösen Umständen, nachdem sie eine Party des beliebten Komikers „Fatty“ Arbuckle besucht hat. Dieser wird beschuldigt, sie brutal vergewaltigt und tödlich verletzt zu haben. Angefacht von den Boulevard-Zeitungen des Hearst-Konzerns entwickelt sich der Fall zum größten Skandal der Stummfilmzeit, der ganz Hollywood in den Abgrund zu ziehen droht. Hardy Engel ermittelt in zwei rivalisierenden Filmstudios und in der Kolonie der Deutschen rund um Universal-Gründer Carl Laemmle. Unterstützt wird er von seinem Lieblings-Bootlegger Buck Carpenter, der ihn mit Insiderinfos und Whiskey versorgt, und Pepper, in die er sich Hals über Kopf verliebt, die jedoch ein Geheimnis verbirgt. Als Hardy schließlich gegen große Widerstände die Wahrheit herausfindet, die allzu viele Leute vertuschen wollen, ist nicht nur sein Leben in akuter Gefahr... Ein spannender und irrsinnig komischer Detektiv-Krimi, der uns hinter die Kulissen der Filmlegenden blicken lässt. Band 1 der Detektivreihe um Hardy Engel und authentische Hollywoodskandale. DER MANN, DER NICHT MITSPIELT wurde ausgezeichnet mit dem Preis des Mordsharz-Festivals für das beste deutschsprachige Debüt und nominiert für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis des Syndikats.

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Veröffentlichungsjahr: 2026

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CHRISTOF WEIGOLD

DER MANN, DER NICHT MITSPIELT

HOLLYWOOD 1921 -

DER ERSTE FALL FÜR HARDY ENGEL

Kriminalroman

Über dieses Buch:

„Ein brillantes Hollywood-Debüt“ Südkurier

„Stilistisch bewegt sich Christof Weigold sehr kurzweilig auf Hardboiled-Terrain.“ STERN

„Der Mann der nicht mitspielt verbindet sehr gelungen eine Krimihandlung mit einer faszinierenden historischen Situation. Spannung und Zeitkolorit ergänzen einander, wie man es sich in einem historischen Krimi wünscht... Hardy Engel ist ein Ermittler mit Zukunft.“ dpa

„Kopfkino vom Feinsten in einem Mörder-Krimi“ B5 aktuell

Hollywood 1921: Hardy Engel, ein gescheiterter deutscher Schauspieler und Privatdetektiv, wird von der schönen Pepper Murphy beauftragt, das stadtbekannte Starlet Virginia Rappe zu finden. Kurz darauf stirbt Virginia unter mysteriösen Umständen, nachdem sie eine Party des beliebten Komikers „Fatty“ Arbuckle besucht hat. Dieser wird beschuldigt, sie brutal vergewaltigt und tödlich verletzt zu haben. Angefacht von den Boulevard-Zeitungen des Hearst-Konzerns entwickelt sich der Fall zum größten Skandal der Stummfilmzeit, der ganz Hollywood in den Abgrund zu ziehen droht. Hardy Engel ermittelt in zwei rivalisierenden Filmstudios und in der Kolonie der Deutschen rund um Universal-Gründer Carl Laemmle. Unterstützt wird er von seinem Lieblings-Bootlegger Buck Carpenter, der ihn mit Insiderinfos und Whiskey versorgt, und Pepper, in die er sich Hals über Kopf verliebt, die jedoch ein Geheimnis verbirgt. Als Hardy schließlich gegen große Widerstände die Wahrheit herausfindet, die allzu viele Leute vertuschen wollen, ist nicht nur sein Leben in akuter Gefahr...

Ein spannender und irrsinnig komischer Detektiv-Krimi, der uns hinter die Kulissen der Filmlegenden blicken lässt.

Band 1 der Detektivreihe um Hardy Engel und authentische Hollywoodskandale.

DER MANN, DER NICHT MITSPIELT wurde ausgezeichnet mit dem Preis des Mordsharz-Festivals für das beste deutschsprachige Debüt und nominiert für den renommierten Friedrich-Glauser-Preis des Syndikats.

Vita:

Christof Weigold arbeitete als Autor bei der „Harald Schmidt-Show“ und seit 2000 als freier Drehbuchautor. Er ist bekannt für seine preisgekrönte Reihe von historischen Krimis im Hollywood der Zwanzigerjahre mit dem deutschen Privatdetektiv Hardy Engel. Sie besteht aus fünf Bänden (bei Tolino und Kampa):

DER MANN, DER NICHT MITSPIELT - DER BLUTROTE TEPPICH - DIE LETZTE GELIEBTE - DER BÖSE VATER - DER DEUTSCHE TYCOON.

Große Aufmerksamkeit erlangte er mit seinem München-Krimi DAS BRENNENDE GEWISSEN (Kampa).

2026 veröffentlicht er unter dem Pseudonym Alexander Eden bei HarperCollins DIE HOTELDETEKTIVIN. Er lebt in München.

Mehr unter www.christofweigold.com

Alle Rechte (C) 2026 Christof Weigold

Jegliche nicht autorisierte Verwendung dieser Publikation zum Text- und Data-Mining nach §44b UrhG oder Training generativer Technologien der künstlichen Intelligenz (KI) ist ausdrücklich verboten. Die Rechte des Urhebers bleiben davon unberührt.

Bei dem vorliegenden Roman ist die Handlung fiktiv, auch wenn sie mit dem Verlauf eines authentischen Falles verwoben ist. Es treten historische Persönlichkeiten auf, ihr Handeln, Reden oder Denken ist jedoch so frei erfunden wie das der anderen Romanfiguren.

„Her golden rule is plain enough:

Just get them young and treat them rough.“

Dorothy Parker, The Flapper

Prolog

Der Fall, von dem es mich zu erzählen drängt, gilt heute als der erste ganz große Skandal und eines der größten Rätsel Hollywoods. Obwohl es drei Gerichtsprozesse und am Ende ein Urteil gab. Es war ein Freispruch. Der Täter wurde nie offiziell überführt und verurteilt.

Die wahre Geschichte handelt von dem seinerzeit bekanntesten Stummfilmstar, der Kolonie der Deutschen in Hollywood, von denen einer die dortige Filmindustrie gegründet hatte, sowie von zwei der aufregendsten Frauen, die der Ort damals, 1921, zu bieten hatte.

Die eine wurde mitten in Los Angeles von einem Löwen getötet. Einem ausgewachsenen alten Löwenmännchen, das in einem Film von DeMille mitgespielt hatte.

Die andere starb angeblich an einer Ginflasche, die ihr jemand in die Vagina gesteckt hatte. Und das während der Prohibition.

Die Frage ist nur: Wer? Und was war wirklich geschehen?

Ich weiß es.

Und ich kann nicht länger schweigen, jetzt, zwanzig Jahre später; da sich mein neues Heimatland anschickt, gegen meine alte deutsche Heimat in einen zweiten, gerechten Krieg zu ziehen.

Es ist an der Zeit zu sprechen, so wie nun überall in den Filmen gesprochen wird.

ERSTER TEIL

*1

Als ich an einem Sonntagnachmittag Anfang September nach Hause kam, stolperte ich auf der Treppe über eine scharfe Rothaarige. Ich hatte am Freitag ein misslungenes Casting bei Hal Roach gehabt, danach auf dem Nachhauseweg einen oder drei auf das Labor-Day-Wochenende getrunken, und dachte zuerst, ich würde sie nur träumen.

Aber sie saß da wirklich, auf der Treppe vor meinem Zimmer im ersten Stock im Halbdunkel, und rauchte eine Zigarette. Nachdem ich das Gaslicht im Flur aufgedreht hatte - obwohl das laut meiner Vermieterin Mrs. Balzheimer tagsüber strikt verboten war - , vergaß ich zunächst sogar, mich zu entschuldigen und meinen Hut zu lüften.

Sie war Anfang zwanzig, und über ihren Körper war ein knappes Kleid gespannt, so eng wie eine zweite, nachtblaue Haut. Sie hatte kupferrote, gelockte Haare, die sie kurzgeschnitten trug, so dass das hübsche Gesicht und der schneeweiße Hals frei zu besichtigen waren. Ein wahres Glück für den Betrachter. Sogar das kleine Muttermal neben dem Mund saß genau an der richtigen Stelle, und ihre vollen Lippen waren mit Lippenstift rot hervorgehoben, so wie junge Frauen das seit Kurzem machten.

Sie richtete ihre schwarz umtuschten braunen Augen wie Scheinwerfer auf mich und sagte nicht besonders interessiert: „Sind Sie Mr. Engel?“

Ihre Stimme klang, als würde sie jeden Morgen mit Gin gurgeln, während in einem Aschenbecher daneben eine Zigarette verqualmte.

„Für Sie Hardy.“

Sie stand auf und strich ihr Kleid glatt, obwohl es viel glatter nicht mehr ging, wobei sie unmittelbar neben mir hochkam und mich streifte. Und dann, ihr Gesicht unmittelbar vor meinem:

„Ich bin Pepper.“

Sie blinzelte nicht. Ich erwiderte ihren Blick und hielt den Atem an, damit sie den Whiskey nicht roch. Dann sagte ich: „Sehr angenehm, Pepper“, und nahm ihre Hand. Sie war fest und glatt und fühlte sich gut an. Sie drückte meine.

In diesem Moment, während wir uns in die Augen sahen, schoss mir der Gedanke durch den Kopf, dass ich sie kannte, sie mir sogar äußerst vertraut war, obwohl das gar nicht sein konnte: Ich hätte mich gewiss an sie erinnert. Auch sie schien für einen Augenblick irritiert, und plötzlich sah sie jünger aus als zuvor, unsicherer.

„Sie sind doch Privatdetektiv?“, fragte sie mit einem Stirnrunzeln.

Ich hielt inne. Ich brauchte eine Pause, um mich zu besinnen.

„Selbstverständlich.“

Genau genommen war es das, was ich am allerwenigsten sein wollte. Aber man konnte ja schon mal versuchen, auf diese Weise ein paar zusätzliche Dollar zu verdienen; vor allem, wenn man gerade als Schauspieler eine schwierige Zeit durchmachte.

Und natürlich konnte sich jeder eine Detektiv-Lizenz ausstellen lassen, ein Büro mieten, „HARDY ENGEL - PRIVATDETEKTIV“ an die Glastür schreiben und eine Sekretärin mit eingedrehten Locken engagieren. Er konnte Visitenkarten drucken lassen und überall in der Stadt verteilen.

Zumindest jeder, der das Geld dazu hatte - was auf mich nicht zutraf.

Deshalb hatte ich nur ein paar Zettel ausgehängt, zum Beispiel an die Schwarzen Bretter der Filmstudios, bei denen ich in der letzten Zeit vergeblich an Castings teilgenommen hatte. Fast aller Studios in Hollywood. Und deshalb war meine darauf angegebene Büroadresse auch dieses zweistöckige Mietshaus, in dem ich lediglich ein möbliertes Zimmer bewohnte, 1401 North Crescent Heights Boulevard, 1. Stock links.

Die Adresse klang weitaus vielversprechender, als das Haus aussah. Es gab hier keine Höhen, nur Tiefen, am äußeren Rand von West Hollywood, das damals nichts als ein in der Sonne langsam verfaulender Orangenhain war, in dem ein paar willkürlich verstreute Häuser versuchten so zu tun, als könnten sie eine ordentliche Heimat für Menschen sein. Nicht weit hinter meinem Haus begann die Prärie, wo nachts die Kojoten heulten. Die Gegend heißt heute Beverly Hills, und inzwischen wimmelt es dort von Raubtieren ganz anderer Art.

In dem Flur, auf dem Pepper und ich immer noch herumstanden, lag ein saurer Geruch nach Bohnerwachs, Schweiß und schlechtem Essen in der Luft. Die Gemeinschaftstoilette am Ende des Ganges war notorisch verstopft.

„Aber kommen Sie doch herein, Pepper.“

Ich wandte mich schnell meiner Türe zu und schloss sie auf.

Daran war ein abgerissener, vergilbter Zettel gepinnt, mit einem Nagel und mit den in meiner grauenvollen Handschrift hingekritzelten Worten darauf: HARDY ENGEL – PRIVATE ERMITTLUNGEN.

Ich hielt ihr die Tür auf und sie ging drei, vier Schritte mit einem Hüftschwung, der nicht vollkommener hätte sein können, nur um dann genau auf meiner Höhe über die Schwelle zu stolpern, so dass sie sich an mir abstützen musste, um nicht zu stürzen. Es war reine Ungeschicklichkeit, keine Berechnung, und mit dem entschuldigenden Lächeln kam wieder das seltsam vertraute Mädchen von eben zum Vorschein, das nun beinahe übermütig gekichert hätte, sich aber rechtzeitig daran erinnerte, es zu unterdrücken.

Danach ging sie ohne weitere Zwischenfälle in das kleine Zimmer hinein. Ich schloss die Tür.

„Entschuldigen Sie bitte, wie es hier aussieht“, sagte ich, ohne es zu meinen, und nahm schnell ein paar Klamotten von dem Korbsessel am Fenster, den ich ihr anbot.

Pepper sah sich in meinem Zimmer ungerührt um, bevor sie sich dann in einer fließenden Bewegung setzte. Kein maurischer Stil oder etwas in der Art, zerschlissene Plüschmöbel aus dem letzten Jahrhundert und Holzwände mit abblätternder Farbe. Leider tauchte die Nachmittagssonne, die durch das undichte Fenster hereinstrahlte, dies alles in ein allzu helles Licht.

„Das ist Ihr Büro?“ Sie hob die Augenbrauen. Wunderschöne Augenbrauen. Aus Kupfer.

„Gewissermaßen. Vorübergehend. Wie sind Sie auf mich gekommen?“

Ich warf die Kleider aufs Bett und meinen Hut hinterher.

„Durch Ihren Aushang im Jail Café. Gegenüber von den Sennett-Studios.“

„Das ist meine Stammbar. Habe Sie dort noch nie gesehen. Sie sind im Filmgeschäft?“

Statt einer Antwort wandte sie den Kopf zur Seite und pustete Rauch in Richtung Fenster. Dumme Frage: Wenn sie nicht im Filmgeschäft war, sollte man das Filmgeschäft dringend zumachen.

Sei vorsichtig, Hardy, dachte ich. Beherzige endlich einmal die Ratschläge, die man dir gibt. Sei nicht hinter jedem Rock her. Werde klüger.

„Sie arbeiten gerade bei Mack Sennett?“, fragte ich.

Sie schüttelte den Kopf, während sie die Beine übereinanderschlug und ihre Zigarette in einem halbvollen Aschenbecher auf dem Fensterbrett ausdrückte. Eigentlich war er eine Untertasse.

„Oh nein. Leben Sie hier alleine?“

„Manchmal.“

Ich setzte mich aufs Bett. Eine andere Sitzmöglichkeit gab es nicht, wenn ich mich nicht auf ihren Schoß setzen wollte.

„Und Sie sind Deutscher...?“, fügte sie hinzu.

„Jawohl“, schnarrte ich und grinste. Ich hatte schon darauf gewartet. „Stören Sie sich an meinem Akzent?“

„Wie lange sind Sie schon in Amerika?“

„Anderthalb Jahre. In Hollywood seit einem.“

Ich langte zu meinem Nachttisch und holte aus der Schublade eine Flasche ohne Etikett, die ich einladend hochhielt.

„Vierundfünfzigprozentiger Single Malt.“ Sie starrte darauf. Diesmal hob sich nur eine der kupferroten Augenbrauen. „Prima Zeug, von einem echten Schotten gebrannt. Buck Carpenter, dem Besitzer des Jail Café.“ Und da sie immer noch nichts sagte: „Freund von mir. Sie können dem Zeug vertrauen.“ Sie machte mir nicht den Eindruck, eine Kostverächterin zu sein.

„Danke, nicht jetzt.“ Und bevor ich noch etwas tun oder sagen konnte: „Und auch Sie sollten heute nicht noch mehr Alkohol trinken. Ich habe einen Auftrag für Sie. Auch wenn morgen Feiertag ist. Er ist äußerst dringend.“

Ihr Ton war jetzt sehr geschäftsmäßig, und sie klang wie jemand, der es gewohnt war, Aufträge zu vergeben. Ich steckte die Flasche in die Schublade zurück und schloss sie.

„Eventuell hätte ich ein wenig Zeit.“

Pass auf, Hardy, dachte ich. Vermassle es diesmal nicht wieder, so wie bei Sennett. Du brauchst Geld. Sie ist eine mögliche Auftraggeberin. Außerdem hat eine Frau wie sie immer einen Freund, und zudem weitere Männer an jedem Finger ihrer grazilen, leicht sommerbesprossten Hand. Halte dich verdammt noch mal zurück.

„Worum geht es denn, Pepper?“

„Um eine Freundin von mir. Sie ist seit ein paar Tagen verschwunden und ich fange an, mir Sorgen zu machen“, sagte sie und wischte sich einen Fussel von der Stirn, obwohl da gar keiner war.

„Ist das ungewöhnlich für sie?“

„Ich wohne im Moment bei ihr. Virginia sagt mir sonst immer Bescheid. Wir rufen uns immer an, wenn wir einmal länger als einen Tag nicht nach Hause kommen.“ Sie stockte kurz, wie ertappt, dass sie zu viel verraten hatte, doch ich hielt ziemlich gut damit hinterm Berg, dass es mir aufgefallen war. Beinahe wie ein seriöser Ermittler, der nur die trockenen Fakten einsammelte.

„Sie hat nicht angerufen“, sagte sie schnell, aber keineswegs verlegen. „Seit zwei Tagen.“

„Hat sie vorher gesagt, wohin sie geht?“

„Ich glaube, sie hatte am Freitag ein Casting. Bei Famous Players-Lasky.“

„Sie ist also Schauspielerin?“

„Wir beide“, sagte sie und ließ für einen Moment die Augen aufblitzen. „Am Abend waren wir verabredet, aber sie ist nicht aufgetaucht. Das ist nicht weiter ungewöhnlich...“

„Vielleicht hat sich beim Casting etwas ergeben“, warf ich ein, „ich bin übrigens selbst eigentlich Schauspieler.“

Sie streifte mich nur kurz mit einem Blick, strich sich eine Strähne hinters Ohr und fuhr dann fort: „Aber schon, dass sie so lange wegbleibt, ohne sich zu melden.“

„Vielleicht spontan angesetzte Dreharbeiten irgendwo an der Küste oder im Valley?“

„Auch von dort hätte sie anrufen können.“

„Wahrscheinlich läßt sie es sich nur gutgehen und hat alles andere vergessen.“

Irgendetwas stimmte mit dieser Rothaarigen nicht, das sagte mir mein Bauchgefühl. Und die Tatsache, dass die Frauen in ihrem Alter, die ich bisher kennengelernt hatte, nicht in der Lage gewesen wären, mich so zu bezahlen, wie es angemessen war.

„Meinen Sie?“, sagte sie, ohne viel Hoffnung und so düster, dass man sofort den Wunsch hatte, sie wieder aufzuheitern.

„Mal bei Famous Players-Lasky nachgefragt? Oder warum wollen Sie, dass ich das tue?“

„Weil ich fürchte, dass es nicht so einfach ist. Dass es umfangreichere Nachforschungen erfordert. Sie kennen sie nicht, sie ist eine ziemlich wilde Hummel. Handelt sich andauernd Ärger ein. Und ich glaube, jetzt wieder. Ich spüre so was,“ sagte sie, und dann beugte sie sich vor und zeigte mit dem Zeigefinger auf ihre Stirn direkt über der Nasenwurzel. „Ich weiß es.“

Ein Schatten ging über ihr Gesicht, und ich weiß noch, dass ich in diesem Moment begann, mir Sorgen zu machen. Es war, als habe sie mich kurz in einen Abgrund blicken lassen.

„Bitte, Sie müssen sie für mich finden.“

In diesem Augenblick wurde meine Zimmertür nach einem schnellen Klopfen aufgerissen und Mrs. Balzheimer starrte herein. Meine Zimmerwirtin war eine untersetzte Mittfünfzigerin, die es leider nicht lassen konnte, stets ganz nah an einen heranzugehen, wenn man ein dreißigjähriger Mann und kein verwachsener Zwerg war.

„Keine Damenbesuche auf den Zimmern!“, sagte sie und sah die Rothaarige herausfordernd an.

„Was denn? Wir arbeiten!“, sagte ich.

„Arbeiten?“ Die alte Balzheimer sah misstrauisch zwischen mir und Pepper hin und her. Sie war so eifersüchtig, dass ich mich beinahe für sie schämte.

„Das ist eine Kundin von mir. Miss...“ Dummerweise hatte ich sie nicht nach ihrem Nachnamen gefragt.

„Murphy“, sprang mir Pepper bei. „Pepper Murphy.“

Ich lauschte dem Namen nach und bemerkte auf Anhieb, dass das zwar ein hervorragender Name fürs Filmgeschäft war, aber nicht unbedingt für eine Besucherin von Mrs. Balzheimers wohlgesittetem Mietshaus.

„Sie trinken hier doch nichts?“, fragte die Balzheimer und sah sich im Zimmer um. „Ich verliere meine Lizenz, wenn Sie Alkohol trinken!“

„Nein. Das ist mein Büro, ich habe es Ihnen doch erklärt. Und wir reden hier über Geschäfte.“ Ich stellte mich vor sie und schob sie langsam Richtung Tür. Die Berührung schien sie zu besänftigen.

„Geschäfte? Am Sonntag?“

Misstrauisch blieb sie stehen und blickte mit verächtlichem Ausdruck an mir vorbei auf Pepper.

„Nicht, was Sie denken. Ich bezahle ihn“, sagte Pepper, ohne mit der Wimper zu zucken. Es machte ihr offenbar richtig Spaß. Die Alte sperrte verblüfft den Mund auf.

„Ich habe Sie jedenfalls nicht hereingelassen!“ war alles, was ihr einfiel. „Sie haben sich einfach ohne mein Wissen hereingeschlichen, halten wir das fest!“

„Miss Murphy hat einen Auftrag für mich. Auf Wiedersehen, Mrs. Balzheimer.“

„Gehen Sie heute noch weg?“

„Kann schon sein.“ Ich schob sie hinaus.

„Ich habe nicht Sie gemeint!“, rief die Balzheimer noch durch die geschlossene Türe hindurch.

Ich drehte mich zu Pepper und grinste sie entschuldigend an.

Sie grinste ebenfalls und um den Mund und die Augen bildeten sich Fältchen. Sie setzte sich bequem zurück, als sei sie zu Hause, hob schelmisch eine Augenbraue und sagte:

„Jetzt hätte ich doch gerne einen Schluck von Ihrem...“

„Klar.“

Ich ging zur Schublade, holte die Flasche heraus und spülte das Glas aus, das im Waschbecken stand. Ich goss ein paar ehrliche Schlucke Whiskey ein und gab es ihr. Für mich selbst blieb nur die Flasche, ein zweites Glas gab es nicht. Ich prostete ihr zu. Von außen versuchte jemand erneut, nach einmaligem Klopfen sofort die Tür zu öffnen, doch ich hatte sie verriegelt.

Pepper und ich lachten uns zu, stießen möglichst klangvoll Glas und Flasche aneinander und tranken. Es fühlte sich an, als hätten wir das schon Dutzende Male gemacht. An der Tür rüttelte es noch einmal, dann war es still.

Wir sahen uns an, immer noch grinsend, mit einem ganz neuen Interesse.

„Sie haben noch nicht viel Erfahrung in diesem Beruf, oder?“, fragte sie plötzlich.

„Mindestens so viel wie Sie in Ihrem, würde ich sagen. Ich habe mir nur vorübergehend eine Auszeit genommen. Aber ich habe alles, was man dafür braucht.“

Oh ja. Zum Beispiel brauchte man, im Großraum Los Angeles mit seinen gewaltigen Entfernungen, ein verfügbares Automobil.

Ich hatte keines.

Und außerdem, für heikle und gefährliche Aufträge, eine Waffe.

Ich hatte nur meine alte Armeepistole aus Deutschland, eine Luger, Parabellum 08, die ich als kaiserlicher Soldat in den Wirren der Revolution vor drei Jahren einfach behalten hatte. Jetzt lag sie in derselben Schublade wie der Whiskey. Aber ich hatte keine Patronen dafür.

Ansonsten besaß ich nur ein rostiges Rasiermesser, drüben am Waschbecken, mit dem ich mir jeden dritten Tag den Bart aus dem Gesicht kratzte. Allerdings hatte ich bis dato auch keine gefährlichen Aufträge durchgeführt; abgesehen von einem Gespräch mit einem kleinen Alkoholschmuggler, der meinte, einen größeren reinlegen zu müssen, und sich direkt in die Hosen schiss, kaum dass ich ihn etwas härter anfasste.

Bisher hatte ich überhaupt erst zwei Aufträge als Detektiv gehabt, im Frühjahr, aber meine genauen Verhältnisse musste ich ihr ja nicht auf die Nase binden.

„Man hat mir jedenfalls gesagt, dass man Ihnen vertrauen könne“, sagte sie vage. „Dass Sie eine besondere Art hätten, die Dinge anzugehen.“

„Ach ja, hat man das? Wer denn? War es Buck, dort im Jail Café? Er ist ein guter Freund.“ Außerdem schuldete ich ihm eine Menge Geld für all das, was ich dort hatte anschreiben lassen. Deshalb hatte ich für ihn auch damals jenes gewisse Problem diskret erledigt. Er hatte mir angeboten, fest für ihn zu arbeiten, aber bisher war es mir gelungen, das zu vermeiden. Ich wollte nicht unter die Alkoholschmuggler gehen.

Sie nickte und beugte sich vor. „Er hat Sie wärmstens empfohlen. Sie seien erfahren in solchen Dingen, ein Mann mit Durchsetzungsfähigkeit und Engagement. Genau so einen brauche ich.“ Sie gab mir dazu einen Augenaufschlag wie Gloria Swanson.

Das wurde mir jetzt zu viel. Ich stand auf.

„Ach ja? Sie – oder wer sonst? Ich glaube Ihnen nicht, Pepper. Auch wenn Sie recht gut gekleidet sind, so wie Sie sich darstellen, sind Sie nicht in der Lage, mich aus eigenen Mitteln angemessen zu bezahlen. Und außerdem sind Sie ein bisschen zu kokett. Nicht, dass ich das nicht zu schätzen wüsste – aber erzählen Sie mir doch einfach die Wahrheit. Wer steckt hinter der Sache?“

„Wieso meinen Sie...?“, versuchte sie auszuweichen.

„Ich will einfach wissen, wer mich bezahlt, und für wen ich wirklich arbeiten würde. Sonst werde ich's nicht machen. Sie erzählen mir nicht alles, da bin ich sicher. Also los, sagen Sie's schon, Pepper.“

Ihr Gesicht nahm einen zerknirschten Ausdruck an.

„Also gut. Ich bin wohl doch keine so gute Schauspielerin, wie ich dachte.“

Ich sah sie unverwandt an. Kein Mitleid, falls sie das beabsichtigt haben sollte. Sie seufzte und sagte wie gelangweilt:

„Kennen Sie Mr. Lehrman? Er ist auch Deutscher.“

„Henry Lehrman? Den Regisseur?“, fragte ich.

„Ja. Kennen Sie ihn?“

„Wir Deutschen kennen uns nicht alle. Leider. Dafür gibt es zu viele von uns. Aber selbstverständlich ist er mir ein Begriff: Henry 'Pathé' Lehrman.“

Der erste Regisseur von Charlie Chaplin, eigentlich Österreicher. Den Spitznamen hatte er von David Wark Griffith bekommen, weil er bei seinem Einstellungsgespräch behauptet hatte, er habe für die Pathé-Filmgesellschaft gearbeitet, dabei war er von Beruf Straßenbahnschaffner gewesen.

„Mr. Lehrman mag es nicht, wenn man ihn so nennt“, sagte sie streng. „Er wollte im Hintergrund bleiben. Virginia ist seine Verlobte. Es ist ihm etwas peinlich, nicht zu wissen, wo sie ist.“

Ich setzte mich wieder und bot ihr aus dem silbernen Zigarettenetui, das meinem Vater gehört hatte, eine Chesterfield an.

„Also schön. Und warum forscht Mr. Lehrman nicht selbst nach?“

Ich gab ihr Feuer und sie dankte mir mit ihren braunen Augen.

„Er ist in New York. Dreht dort einen Film. Deswegen hat er mich beauftragt, jemanden zu engagieren, nachdem ich ihn über Virginias Verschwinden informiert hatte. Und Mr. Lehrman wollte ausdrücklich, dass ich mit einem Freelancer Kontakt aufnehme. Sie würden sich doch als Freelancer bezeichnen?“

Ich musste mich räuspern. Ich bekam sogar einen kurzen Hustenanfall. „Ja, so würde ich mich bezeichnen“, sagte ich dann. „Da kann Mr. Lehrman ganz beruhigt sein.“

Sie nahm es zufrieden zur Kenntnis.

„Sie machen diese Arbeit, weil es als Schauspieler nicht so gut läuft, oder?“, fragte sie freundlich.

„Und weil ich Polizist war, drüben in Deutschland, und dann Unteroffizier in der deutschen Armee. Ich habe zahlreiche Ermittlungen durchgeführt und Operationen geleitet. Und ich kenne mich hier beim Film aus. Habe ein paar Verbindungen.“

„Auch zur Famous Players-Lasky?“

„Das bekomme ich hin. Für die habe ich schon mal gearbeitet vor einiger Zeit.“

„Können Sie direkt anfangen? Es eilt. Und wir wollen – Mr. Lehrman will, dass Sie Virginia innerhalb von höchstens vierundzwanzig Stunden finden. Nur finden, und mir dann sofort Bescheid sagen.“

„Kein Problem. Wer arbeitet nicht gern am Labor-Day-Wochenende. Mein Satz sind zehn Dollar pro Tag plus Spesen.“

Sie wandte den Kopf und ließ ihren Blick über das ungemachte Bett schweifen.

„Fünf Dollar.“

„So viel bekomme ich an einem Drehtag“, sagte ich.

„Na schön. Sieben. Plus einem Bonus bei Erfolg.“

„Hm. Was für ein Bonus? Fünfzig Dollar?“

„Dreißig.“ Sie lächelte mich an: „Und wir trinken noch einmal etwas zusammen, wenn Sie sie gefunden haben. Sie werden übrigens ausschließlich mit mir zu tun haben.“

„Ich liebe Mr. Lehrmans Entscheidungen“, sagte ich, so frech ich konnte. „Also gut. Wie heißt Ihre Mitbewohnerin denn mit vollem Namen?“

„Virginia Rappe. Sie ist siebenundzwanzig. Das ist ihr Foto.“

Ich nahm es und sah es an. Das Porträtfoto einer hübschen, aufgeschlossen lächelnden Brünetten mit tiefdunklen Augen, die eine Menge Spaß versprachen. Der Name sagte mir nichts.

„Ich bin jünger, einundzwanzig, aber was soll ich sagen – ich bin vernünftiger als sie.“

Ich setzte mich auf die Lehne ihres Korbsessels. Ich konnte nicht anders.

„Wie schade. Haben Sie zufällig auch etwas mit Mr. Lehrman? Oder mit sonst jemandem?“

„Das geht Sie gar nichts an“, sagte Pepper und schob mich sanft von der Lehne. Als unsere Hände sich dabei berührten, durchzuckte es mich, als hätte ich in eine Steckdose gelangt. Sie wurde rot und sah weg.

Ich stand auf.

„Ich bringe mich nur kurz in Form und gehe direkt los.“

„Danke.“ Sie stand ebenfalls auf und kramte in ihrer Handtasche. Sie zog sieben neue grüne Dollarscheine hervor. „Das ist Ihr Vorschuss, wir rechnen danach ab. Nichts darf Sie aufhalten, okay?“

Ich nahm das Geld. Soviel auf einmal hatte ich schon lange nicht mehr in der Hand gehabt. Dafür hatte ich gut verhandelt. Sie schien immer noch Probleme zu haben, mich direkt anzusehen.

„Und hier ist meine Nummer. Rufen Sie mich an, sobald Sie irgendetwas wissen. Egal was. Egal wann.“

Sie gab mir eine Visitenkarte, auf der sich ihr Name, die Zeichnung eines Schmetterlings, und eine Telefonnummer befanden. Ich gab vor, in meinen Taschen zu suchen:

„Warten Sie, ich gebe Ihnen meine...“

„Ich weiß ja, wo ich Sie finde. Halten Sie mich einfach auf dem Laufenden“, sagte sie.

„Verlassen Sie sich drauf.“ Ich schloss die Tür auf und sie gab mir die Hand.

Dann sah ich ihr zu, wie sie zur Treppe und nach unten ging. Ich sah ihr gerne zu. Und sie stolperte diesmal nicht, obwohl sie noch einmal über die Schulter sah.

*2

Nachdem ich mich schnell umgezogen hatte und in meinen zweiten Anzug geschlüpft war – brauner, abgetragener Tweed, ein weißes - oder fast weißes - , Hemd mit Zelluloidkragen zum Wechseln, rote Krawatte, dazu mein Strohhut - , überquerte ich den Sunset Boulevard und erwischte auf dem Hollywood Boulevard noch gerade so die Straßenbahn. Genau genommen musste ich dem rotorangenen Trolleywagen der Pacific Electric hinterherrennen und aufspringen, während er dreimal warnend seine Glocke läutete – Clongclongclong.

Der Big Red Car war auch am Sonntag voller Leute wie mir, dicht gedrängt. Nicht alle rochen gut. Ich roch nicht gut. Wir fuhren den Hollywood Boulevard Richtung Osten entlang, den mehr Palmen als Häuser säumten, und Ölbohrtürme, die an dieser Ecke überall wie Pilze aus dem Boden schossen. Die paar Gebäude, die dazwischen standen, gaben ungeheuer an.

Wir passierten das monumental aufragende Roosevelt Hotel, und schräg gegenüber das Hollywood Hotel mit seinen vielen Türmchen, die beide wie die Burgen gegnerischer Ritter in das Nirgendwo gesetzt worden waren.

Die Tram hielt an einer Kreuzung abrupt an und ich taumelte gegen meinen Nebenmann. Er las den Los Angeles Examiner mit der Schlagzeile, dass Chaplin sich in New York auf der Olympic in Richtung seiner englischen Heimat eingeschifft hatte. Ein anderer Fahrgast erzählte dem Haltegriff über sich laut von den Zeiten, als Chaplin noch die Straßenbahn genommen und auf dem Weg ins Studio seine Ideen mit ihm besprochen hatte.

„Sieben Filme habe ich mit ihm gedreht, wir sind dann immer raus nach Westlake gefahren, das ganze Team mitsamt Equipment, und haben einfach im Park gedreht. Ein Tramp, eine Frau, ein Polizist und ein See, in den man fallen kann, mehr braucht man ja nicht. Abends kamen wir mit einem ganzen Film nach Hause. Noch gar nicht so lange her, nur ein paar Jahre.“

Die anderen sahen alle zwanghaft aus dem Fenster und dachten vermutlich: Hoffentlich werde ich nicht auch mal so. Auch ich sah weg, zu der Sektion für Farbige ganz hinten, und auf die Werbetafeln, die über unseren Köpfen prahlerisch verkündeten: „Ich würde eine Meile weit gehen für eine Camel“.

Nun fuhren wir an einem Kino vorbei, in dem gerade „Die drei Musketiere“ lief, mit einem handgemalten Reklamebild von Douglas Fairbanks als D'Artagnan über der gesamten Frontseite, und selbst an diesem sonnigen Nachmittag mit einer Schlange Wartender davor, die weit um den Block reichte. Ein kleineres Kino weiter unten annoncierte den neuesten Tom-Mix-Western der Fox, „Reiter in der Nacht“.

Ein paar der den Boulevard entlang verstreuten einstöckigen Gebäude wurden abgebrochen, um Bauplatz für ein einziges, erheblich größeres und höheres zu schaffen. Presslufthämmer lärmten und der Automobilverkehr wurde um eine Absperrung herum geleitet. Ein Schild verkündete, Mr. Sid Grauman lasse hier ein neues großes Filmtheater errichten.

Am Ende würde aus dieser Ecke noch eine richtig feine Gegend werden. Wenn sie überall Asphalt und einen Bordstein verlegten, würde man auch nicht mehr stolpern, wenn man das überqueren wollte, was sich großspurig 'Boulevard' nannte.

Auf Höhe von Musso & Frank's Grill hielten wir an der Kreuzung Hollywood und Cherokee, und in einem Automobil neben uns entdeckte ich Buster Keaton und Natalie Talmadge. Sie saßen in einem großen, offenen Rolls Royce. Einige Leute in der Straßenbahn erkannten die beiden Stars und drängten an die Scheibe und klopften und schrien und lachten.

Buster sah kurz herüber, er war sehr ernst. Er lächelte nicht. Natürlich nicht. Dann zeigte der Verkehrspolizist auf der Kreuzung auf ihn, und Buster fuhr an, gab ein Handzeichen und bog mit einem Hupen nach links in die Cherokee Avenue ein.

Kurz danach sprang ich an der Haltestelle Hollywood und Vine ab.

Die Vine Street war eine dieser ungemein staubigen Straßen abseits des Boulevards, mit nichts als roten Pfefferbäumen entlang des linken Straßenrandes. Ich ging sie hinunter, bis dahin, wo die letzten Häuser standen und die freien Felder begannen und sich die Telegrafenmasten in der Ferne verloren, und steuerte auf den Eingang von Famous Players-Lasky zu. Der größten Filmgesellschaft in Hollywood, wo immer etwas los war, auch am Sonntag.

Seit Anfang des Jahres gab es hier einen Pförtner, bei dem man sich anmelden musste. Diesen kannte ich, er hatte deutsche Vorfahren und radebrechte immer Deutsch mit mir, allerdings mit starkem Akzent. Cleveland, Ohio.

„Hardy, du alte Bratwurst. Wie geht es dir heute?“

„Bestens, Eugene – oder soll ich Eugen sagen, wie dich deine Eltern genannt haben?“

Er ließ das mit den deutschen Brocken wieder sein, wie ich es beabsichtigt hatte.

„Wir haben dich hier lange nicht mehr gesehen.“

„Hab eine Weile exklusiv bei Sennett gearbeitet, sechs volle Monate. Bis vor zwei Wochen...“, sagte ich und zog eine Grimasse.

„Davon hab ich auch schon gehört“, sagte er grinsend.

„Ehrlich?“

„Naja, was erwartest du, in so einem kleinen Nest?“

Er lehnte sich zu mir herüber und sagte: „Auf Stage Four macht Famous Players-Lasky heute außer der Reihe einen Nachdreh, das Castingbüro sucht noch Komparsen.“

Oh ja. Das Übliche. Nicht, dass ich so etwas nicht schon gemacht hätte: Schauspielern aus dem Hintergrund beim wirklichen Spielen zuschauen.

„Keine Komödie, ein Drama. Restaurantszene, kein billiger Mist. Deine Chance, mit Wally Reid und Gloria Swanson zu spielen“, sagte Eugene verschwörerisch. Die Swanson war damals die Diva, nach der sich ganz Hollywood verzehrte. Und Wallace Reid der größte Actionstar und Frauenschwarm des Studios. „Unter der Regie von DeMille!“

Cecil B. DeMille, nicht nur der renommierteste Regisseur, sondern auch einer der Gründer von Famous Players-Lasky. Allesamt ganz große Nummern in dieser Stadt. So groß, dass ich noch nicht mit ihnen hatte arbeiten dürfen.

„Danke dir, aber nicht heute. Ich soll jemanden finden. Virginia Rappe, Starlet, siebenundzwanzig, hübsch, brünett. Soll am Freitag hier gewesen sein.“

Ich zeigte ihm die Fotografie. Er pfiff anerkennend und schüttelte den Kopf.

„Von der Sorte kommen hier Hunderte hereingelaufen. Zum Glück. Wer sucht so jemanden nicht?“

„Ernsthaft. Sie ist verschwunden, und jemand macht sich Sorgen.“

„Um diese Frauen muss man sich keine Sorgen machen. Eher um sich selber. Frag doch mal beim Casting. Dora Nuertinger, gleicher Typ übrigens. Gutes deutsches Blut.“

„Wir sind hier überall, was?“, sagte ich. „Warum haben wir Deutschen Hollywood eigentlich nicht schon längst übernommen?“

„Haben wir doch, drüben bei Universal. Wenn du bei Laemmle einen Fuß in der Tür hast...“

„Habe ich aber nicht. Deswegen muss ich ja solche Aufträge annehmen.“

„Was musst du es dir auch immer mit allen verscherzen?“, sagte Eugene, während er mir meinen Besucherpass ausstellte, und zwinkerte mir zu. „Geh rein und frag Dora. Und wenn du diese Virginia nicht findest, frag nach einer Rolle. Weiß, du kannst es brauchen.“

Er gab mir den Pass, eine weiß-rote Pappe mit meinem handgeschriebenen Namen darauf, und winkte mich durch. Gleichzeitig kam eine große lindgrüne Limousine an und hupte Eugene zu. Er bückte sich servil, um hineinzusehen, und reagierte, als säße der liebe Gott darin. Sofort betätigte er die große Schranke, und als ich hineinging, fuhr die Limousine neben mir durch den Eingang. Ich sah nicht hin. Ich wollte es gar nicht wissen. Die Limousine gab Gas und röhrte davon.

Das war es, was mit mir nicht stimmte, weswegen ich in diesem Geschäft nichts wurde. Keine Lust auf Stars. Und das als Schauspieler. Ich musste, während ich weiterging, unweigerlich noch einmal daran denken, was zwei Wochen zuvor geschehen war, in den Sennett-Studios.

Wie ich meinen Polizeiknüppel zurechtrückte, links an der Seite meines indigoblauen Uniformrocks, dann den Schirm der Uniformmütze, mich zu voller Höhe aufrichtete und dem kleinen Mann entschlossen von hinten auf die Schulter tippte. Den James Finlayson mit einer Hand am Arm gepackt hatte, während er gerade mit der anderen Pranke zuschlagen wollte.

Der Kleine drehte sich halb zu mir um und tauchte plötzlich in Deckung. Im nächsten Moment erwischte mich Finlayson mit dem Schlag, der dem anderen gegolten hatte.

Eigentlich hätte der gedrungene Mann knapp an meinem Gesicht vorbeischlagen sollen, doch sein Handrücken traf mich mit voller Wucht auf die Wange. Es brannte und tat weh, doch es half mir immerhin, richtig zu fallen, und ich tat einen wunderbaren Satz genau in Richtung der Kamera, auf den bereitstehenden, präparierten Cafétisch, der sofort unter dem Aufprall zusammenbrach, während der Requisiteur an dem dünnen Klavierdraht zog, so dass meine Polizeimütze wie von Zauberhand in hohem Bogen zur Seite wegflog.

Die wegknickenden Beine unter der Platte bremsten meinen Fall, als ich mit perfektem Timing aufkam und mich über die Schulter abrollte.

„Aus, danke“, rief Mack Sennett, und sofort beugte sich Finlayson besorgt zu mir herab, das Gesicht mit dem markanten Seehund-Schnauzbart über mir.

„Tut mir leid, Hardy“, sagte er, und seine Augen, von schwarzen Kreisen aus dicker Schminke grotesk umrandet, starrten mich besorgt an, „ich wollte natürlich vorbeischlagen. Hab nicht richtig aufgepasst.“

„Das ist schon in Ordnung, Jimmy“, sagte ich und rieb mir die Wange, während ich mich mühsam aufrappelte. Der Fall selbst hatte mir nichts getan, so wie die vielen Fälle davor. „Wie war es für euch, Mack?“

„Für mich war's perfekt“, sagte Hunter, der routinierte alte Kameramann, der durch den Sucher gesehen, aber nicht mitgekurbelt hatte, und formte mit Daumen und Zeigefinger einen Kreis. „Das können wir gleich so drehen.“

Zwei Handwerker schafften die Trümmer weg, und zwei andere trugen einen neuen Tisch heran und stellten ihn an die Stelle des alten.

„Es war eine sehr gute Probe, Hardy“, sagte Sennett auf seinem Regiestuhl und rückte seine Ballonmütze zurecht, „aber ich werde trotzdem Edgar die Rolle geben.“ Er zeigte auf einen großen, ungeschlachten Kerl mit Glatze, der ebenfalls in Polizeiuniform wartete. Gelassen und siegessicher.

Wut kroch in mir hoch, während ich mir Staub und Dreck von der Uniform klopfte und mit der anderen Hand über die schmerzende Wange rieb.

„Ach wirklich, Mack“, sagte ich. „Das ist ja etwas ganz Neues.“

Edgar Kennedy setzte sich die Polizeimütze auf den blanken Schädel und zog eine bedauernde Grimasse in meine Richtung.

„Vielleicht beim nächsten Mal wieder, Hardy“, sagte Mack und wandte sich seinem Stab zu, der hinter ihm und der Kamera aufgereiht stand; den grobschlächtigen Männern in Pumphosen und dem halben Dutzend junger Frauen, eine hübscher als die andere, die entweder als Assistentin oder Kamerafutter fungierten, und Mack alle anhimmelten.

„Geh rüber zum Kostüm-Bungalow und gib deine Uniform ab.“

„Meinst du wirklich, Mack?“, fragte Finlayson. „Er ist perfekt gefallen. Ich könnte doch auch zwei Cops umhauen, das wäre vielleicht noch lustiger.“

Sennett sah ihn sauer an und schüttelte den Kopf. Selbst sein Star konnte ihn nicht umstimmen.

„Nein, ich brauche nur einen Polizisten. Du weißt doch, wie's ist. Die Zuschauer lachen mehr, wenn du Edgar umhaust. Er ist einfach der bessere Polizist.“ Mich sah er gar nicht mehr an dabei.

„Das ist schon komisch, denn ich war Polizist, in Mannheim“, sagte ich.

„Dann geh doch einfach wieder rüber“, sagte Mack gereizt.

Ich seufzte.

„Wir wissen doch beide, wie es wirklich ist. Mein Gott, Mack, komm drüber weg, dass ich mit Heather geschlafen habe. Da hinten wartet ein halbes Dutzend anderer Frauen auf dich. Gib mir eine Chance.“

Mack fuhr herum und funkelte mich böse an, ähnlich bedrohlich, wie mich eben noch Finlayson vor der Kamera angesehen hatte.

„Schafft ihn bloß hier weg“, bellte er.

Jimmy trat schnell zwischen uns und nahm mich am Arm.

„Komm, geh. Das bringt doch nichts.“

Er zog mich weg von der Studiobühne, von dem provisorisch aufgebauten Restaurant mit der Bar und dem Glasregal und den Tischen, auf die durch ein riesiges Glasdach die grelle kalifornische Sonne auf uns alle herabschien.

Wegen dieser Sonne hatte man damals, vor gerade einmal zehn Jahren, überhaupt Filmstudios in Hollywood gegründet. Vielleicht hatten ein paar Leute auch einfach nur einen Sonnenstich erlitten. Jedenfalls stand fest, dass in Gegenden, wo dermaßen viel Sonnenschein herrschte, vor allem drei Dinge besonders gut gediehen: Orangen, die Filmindustrie und Arschlöcher. Etwas in der Art sagte ich, während ich mit Jimmy wegging, über die Schulter zurückblickend.

Das alte Famous Players-Lasky-Studiogelände sah erheblich schäbiger aus als das neue von Sennett in Edendale, das fiel mir nur noch mehr auf nach der langen Zeit. Vor allem, wenn es so ausgestorben dalag wie heute und nicht wie sonst überlaufen war von einem bunten Heer von Statisten.

Ursprünglich war es eine Pferderanch gewesen, mit Ställen, die man notdürftig in Büros umgewandelt hatte. Auch wenn man hier jetzt Menschen hielt, hatten sie kaum mehr Platz als ein mittelmäßiges Rennpferd, und weniger Heu.

Wenn man nahe genug daran entlangstrich, konnte man immer noch hier und da ein Wiehern hören. Bei genauerem Hinhören entpuppte es sich aber als die Geräusche von jemandem, der sich da drinnen gerade entscheidenden Höhepunkten seiner Filmkarriere näherte.

Ich ging vorbei an den kleinen Holzbaracken mit den schiefen Wellblechdächern, an den provisorischen Masten mit den schwankenden Kohlebogen-Scheinwerfern und an einem Holzschild, auf das jemand in weißer Farbe einen Wegweiser gemalt hatte: „Kasting“. Verdammte Analphabeten.

Das Castingbüro war so leer, wie ich es noch nie gesehen hatte. Keine Warteschlange, und drinnen nur die Studioangestellten. Dora Nuertinger kannte ich noch nicht. Sie war eine frisch gewaschene Brünette mit Brille und einer gertenschlanken Taille, die schmaler war als mein Oberschenkel.

Ich stellte mich vor, spielte die deutsche Karte aus und sie lächelte. Als ich nach Virginia fragte und das Foto vorzeigte, hörte sie auf zu lächeln. Sie kannte sie. Sie mochte sie nicht.

„Oh. Ich weiß, wen Sie meinen. Aber keine Ahnung, wo sie ist.“

Von einem der akkurat in Reihen aufgestellten Schreibtische hinter ihr meldete sich ein junger Mann. Er musste neu sein. Er hatte noch den vollen Enthusiasmus.

„Die war am Freitag hier. Wir haben Probeaufnahmen gemacht, ich war selbst dabei. Ich habe mitbekommen, wie sie mit ihrer Freundin geredet hat.“

Er eilte herüber und lehnte sich über Doras Schreibtisch zu mir. Eine Parfümwolke traf mich. Er trug einen Nadelstreifenanzug mit einer Nelke im Knopfloch, seine pechschwarzen Haare waren mit viel Brillantine zurückgelegt und der schmale schwarze Schnauzbart war frisch gestutzt. Das junge, hübsche Gesicht wirkte wie gepudert und vollkommen glatt. Mein Gehirn meldete: Schwuchtel. Mein Mund sagte: „Ach, das ist ja interessant. Und worüber?“

Er beugte sich noch näher an mich heran. Groooßes Geheimnis. Aber mit mir wollte er es teilen.

„Ich hab gehört, wie sie verabredet haben, am Samstag nach Frisco zu fahren. Also gestern.“

„Ist das sicher? Wie hieß denn die Freundin?“

Er schickte mir ein Lächeln, das süffisant sein sollte, aber eher schmierig wirkte.

„Maude Irgendwas. Und wenn ich das sage, ist es so sicher, wie Mary Pickford immer einen Tisch im Alexandria bekommt, mein Lieber. Ich bin Byron, Byron Hamilton.“

„Wann sind sie denn gefahren? Wie lange wollen sie bleiben?“

„Weiß ich im Augenblick nicht, aber...“, sein Lächeln war jetzt richtig eindeutig. „... vielleicht fällt mir noch was ein. Hardy Engel, sagtest du? Wollen wir heute Abend im Alexandria essen? Ich kann dir auch die Hotels sagen, in denen Schauspieler in Frisco absteigen... Warum suchst du sie denn?“

Ich nahm Maß und lächelte zurück. Ich wollte sehen, wie sein Lächeln einfror.

„Wer wäre hinter Frauen wie ihr nicht her?“

Doch er lächelte weiter. Er war einer von der hartgesottenen Sorte. Ich legte nach.

„Leider muss ich gleich weiter nach San Francisco. Wer dort übrigens 'Frisco' sagt, wird sofort verprügelt.“

„Dann viel Glück noch mit der Lady.“

„Dir auch“, sagte ich zu Dora, wandte mich um und ging hinaus.

Auf dem Weg zum Ausgang versuchte ich mir einen Plan zurechtzulegen. Ich wurde aufgehalten von jemandem, der mir nacheilte und mich am Ellbogen packte: „Hey, warte mal!“

Es war mein junger Freund. Byron Hamilton. Mann, war der hartnäckig. Ich wollte ihn gerade zurechtweisen, da sagte er außer Atem:

„Herr Roth möchte mit dir sprechen.“

„Fritz Roth?“ Ich hatte gerade überlegt, Eugene nach ihm zu fragen.

„Ja, unser Sicherheitschef.“

Ich blinzelte überrascht. Deutscher aus dem Elsaß, etwa zur selben Zeit herübergekommen wie ich. Ich hatte vor ein paar Monaten für ihn seinen Wagen wiedergefunden, den er im Vollrausch abgestellt hatte, und danach leider vergessen gehabt hatte, wo. Den Fall hatte ich für ihn gelöst. War mein erster gewesen, noch bevor ich bei Sennett unterkam. Dadurch war der kleine Schauspieler Hardy Engel damals überhaupt erst auf die Idee gekommen, dass er auch als Privatdetektiv ein paar Dollar verdienen könnte, während er darauf wartete, ein großer Schauspieler zu werden.

„Er ist jetzt Sicherheitschef hier?“

Damals war Fritz nur Regieassistent gewesen, mit Ambitionen, als Gagschreiber zu arbeiten. Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich ihn gleich aufgesucht und nach Virginia gefragt. Ich war zu lange bei Sennett gewesen. Sicherheitschef, verdammt. Er wusste alles. Nicht zuletzt durch Zuträger wie diesen. Das gehörte zu seiner Aufgabe.

„Seit einem halben Jahr. Alter Freund von dir?“

„Ja. Ohne Anfassen, bitte.“

Wir gingen zusammen zu dem neueren Teil des Studiogeländes, dem Block mit den prächtigeren Gebäuden; darunter eine große Halle, die für DeMilles Großproduktionen gebaut worden war. Ich hatte das Gefühl, ausnahmsweise mal auf dem Weg nach oben zu sein.

*3

Wir steuerten auf das soeben erst vollendete Hauptgebäude von Famous Players-Lasky zu, ein langgestrecktes Ungetüm mit drei Stockwerken, weißem Stuck und hohen dorischen Säulen, das aussah wie ein Palast im alten Athen, oder zumindest wie das Haus eines Sklavenhalters auf einer Plantage im Süden.

Fritz' Büro befand sich im ersten Stock, direkt am Treppenabsatz, als bewache es die drei Chefbüros der Gottheiten Adolph Zukor, Jesse Lasky und Joseph Schenck, die sich dahinter aufreihten.

Die Sekretärin in seinem Vorzimmer war eine Blondine, wie man sie nur in Kalifornien findet, fünfundzwanzig und überirdisch schön, mit einem goldenen Glanz um ihr Antlitz wie die Madonna bei Raffael und einem strahlenden, sonnigen Lächeln, das sie an- und ausknipsen konnte wie eine Nachttischlampe; dabei scharf wie ein Sumachstrauch, so dass man sich besser nicht an ihr stach, denn sie war gewiss genauso giftig. Sie sagte zu mir, Herr Roth erwarte mich, als würde sie in einem Waisenhaus ein Bonbon verteilen.

„Herzlichen Glückwunsch zum neuen Job. Wenn ich das geahnt hätte, wäre ich natürlich gleich zu dir gekommen. Hatte dich an einem Sonntag zu Hause bei Erika und den Kindern vermutet.“

Fritz und ich redeten immer Englisch miteinander, obwohl er mindestens so einen dicken Akzent hatte wie ich.

„Ebenfalls Glückwunsch. Du scheinst das ja jetzt richtig professionell zu machen, die Detektivarbeit?“

Fritz Roth war ein langer, hagerer Mann mit einer Glatze, obwohl er erst Anfang dreißig war. Sein Büro war klein und ziemlich dunkel, da sich direkt vor seinem Fenster ein ausladender Eukalyptusbaum befand, aber es hatte eine neue Ledercouch und einen großen Schreibtisch, auf dem er ein Foto seiner Frau und seiner kleinen Töchter aufgestellt hatte.

„Ich bin immer noch Schauspieler. Guter Komiker, halte mich fit.“

„Ich habe gehört, du fährst nach San Francisco?“

Darum ging es also. Roth platzierte mich auf der Ledercouch, holte aus einem Schränkchen aus dunklem Holz eine Flasche und sah mich fragend an. Ich nickte.

„Wahrscheinlich. Spricht sich ja schnell rum.“

Fritz goss uns zwei Gläser ein. Doppelte. Ich versuchte, mir nicht die Lippen zu lecken, und versteckte meinen rechten Schuh hinter dem linken Bein. In der Sohle war ein Loch. Fritz trug einen neuen Zweireiher aus bestem Tuch mit einer seidenen Weste.

„Virginia Rappe schläft sich in der Stadt ganz schön durch die Betten. Ich hoffe, du hast dein Herz nicht an sie verloren.“

Wir prosteten uns zu und tranken. Ich nippte. Er trank die Hälfte.

„Kenne sie gar nicht. Ich werde nur dafür bezahlt, sie zu finden“, sagte ich beiläufig.

Es war nicht möglich, mich als Schauspieler zu verkaufen und gleichzeitig als Detektiv. Ich beschloss, dass ich hier Detektiv war.

„Von wem?“, fragte er.

„Von ihrer Mitbewohnerin“, sagte ich vage und wechselte das Thema, wie es jeder gute Privatermittler gemacht hätte: „Sicherheitschef, was? Hast es weit gebracht, Fritz.“

„Nun ja, sie sehen eher administrative Fähigkeiten bei mir. Die, die ich früher am Theater angewandt habe, hinter den Kulissen - hat Mr. Zukor gesagt, bevor er wieder ins Hauptquartier nach New York zurückgefahren ist.“

„Hartes Schicksal“, sagte ich und sah auf seine neuen blankpolierten Schuhe. „Dann musst du deine Gags eben rein privat machen. Dafür hast du ein Büro direkt bei den Bossen.“

„Die haben's nun mal nicht gerne weit, wenn es brennt. Du kannst dir vorstellen, was ich meine.“

„Und? Brennt es?“

Er schloss für einen Moment die Augen.

„Wann genau fährst du da hoch?“

„Mal sehen. Ich muss erst noch ein paar Dinge organisieren, noch mal telefonieren...“

„Du hast kein Auto, das ist mir schon klar. Dass du fahren kannst, weiß ich ja noch, aber hast du auch einen Führerschein?“

Ich nahm noch einen Schluck. Das Telefon klingelte. Ich sah hin und wartete. Fritz ignorierte es. Es hörte wieder auf zu klingeln.

„Habe ich. Und bin letztes Jahr zwei Monate lang Lastwagen gefahren im Mittleren Westen.“

„Im Mittleren Westen?“

„Ich brauchte das Geld, um hierherzukommen. Und wollte nicht mehr für Schwarzbrenner arbeiten.“

„Wieso, Alkoholschmuggel ist doch ein ehrenwertes Business - im Vergleich zu anderen.“ Fritz sah mich an und zeigte für einen Moment ein seltsames Lächeln. Es war eher eine Grimasse.

„Ich bin ein sehr guter Fahrer“, fügte ich hinzu. „Habe auch einige Verfolgungsszenen gedreht bei Sennett.“

Er wandte sich um, ging zum Schreibtisch und öffnete eine Schublade.

„Du kannst meinen Wagen nehmen und damit dorthin fahren. Nicht die klapprige alte Fuhre, die du mir damals zurückgebracht hast. Einen brandneuen Packard Twin Six, Zwölfzylinder. Das gleiche Modell, in dem Präsident Harding im Januar zu seiner Amtseinführung gefahren ist. Im Gegenzug kannst du da oben etwas für mich tun. Du musst nur das hier mitnehmen und abliefern. So schnell wie möglich.“

Er warf mir etwas herüber und ich fing es. Es war ein flaches Päckchen, in Packpapier gewickelt und mit einer Schnur zugebunden.

„Was ist das?“

„Ein Kilo Kokain. Beste Ware.“

Er machte keinen Scherz. Ich brauchte nicht zu fragen.

„Du wirst gut dafür bezahlt. Fünfzig Dollar. Und der Empfänger legt bestimmt ein dickes Trinkgeld obendrauf.“

Um ehrlich zu sein, ich horchte in mir selbst nach Skrupeln – aber ich fand keine. Und das war noch, bevor er fortfuhr: „Es ist keiner von den Armen. Fatty Arbuckle.“

Ich sah ihn nur an und schluckte leer.

„Ja, du hast richtig gehört. Hast du gedacht, dem kommen seine Gags einfach so in den Sinn? Er macht morgen da oben eine Labor-Day-Party und wartet sehnsüchtig auf seinen Stoff. Hat mir richtig die Hölle heiß gemacht. Meine Stellung hier hängt daran, dass du ihm den so schnell wie möglich bringst. Er wird dich dafür lieben, und er wird nicht mehr wissen, was er tut, wenn er dir einen Hundert-Dollar-Schein gibt, nachdem er das Päckchen da aufgerissen hat mit seinen fetten Fingern.“

Fritz goss sich noch einen ein. Mir gab er keinen.

„Sag was, Hardy. Und sag bloß nicht, dass du schockiert bist.“

Der größte verdammte Filmstar der Welt. Größer als Chaplin oder Fairbanks. Teurer auch, kein anderer bekam eine Million im Jahr.

„Gerade hat Lasky drei Filme auf einmal mit ihm abgedreht, wenn das kein Grund zum Feiern ist“, erklärte Fritz. „Fatty hat nur wegen dem Zeug durchgehalten, unter uns: Deswegen geben wir's gratis an die Schauspieler raus. Bring ihm also schnell Nachschub. Lieber du als irgend so eine übereifrige Studioschwuchtel, wir Juden müssen zusammenhalten, was!“

Ach, das. Ein Missverständnis. Als ich ihn kennenlernte, dachte Fritz von sich aus, ein „Hardy Engel“ müsste Jude sein wie er. Viele dachten das. Ich hatte ihn nicht korrigiert, es war mir zupass gekommen. Ich tat es auch jetzt nicht.

„Was ist mit meinem anderen Auftrag? Den kann ich da oben trotzdem erledigen?“

„Selbstverständlich. Solange du als Erstes, wenn du angekommen bist, dem Dicken zu einer ordentlichen Nase Koks verhilfst. Und du keiner Menschenseele davon erzählst, natürlich. Ich kann mich doch auf dich verlassen?“

„Weißt du ja. Aber eins verstehe ich nicht, warum muss der Stoff von hier kommen?“

„Weil er sich sonst da oben was besorgt von irgendeinem Arschloch, das ihn nachher damit erpressen würde!“, sagte er und rollte mit den Augen. „Das wäre eine Katastrophe. Deshalb muss das Zeug vom Studio kommen. Er hätte es nur mitzunehmen brauchen, es lag hier bereit. Hat aber nicht dran gedacht und dann ist ihm da oben der Stoff ausgegangen. Du machst dir keine Vorstellung. Hab seit gestern Abend zwanzig Mal mit ihm telefoniert. Also Hardy, was ist nun?“

Er trank sein Glas in einem Zug leer.

„Na gut“, sagte ich nach einer Pause. „Bin dabei.“

„Wenn du sofort startest und die Nacht durchfährst, dann kannst du morgen rechtzeitig zur Party da sein. Fatty hat die Strecke natürlich schneller geschafft.“

Der Dicke hatte auch einen Pierce-Arrow, eine Sonderanfertigung für 25.000 Dollar, komplett mit Bar und Toilette. Das war stadtbekannt. Ich stand auf.

„Und rühr bloß das Päckchen nicht an!“, sagte Fritz. „Die verstehen da keinen Spaß, das sind die neuen Könige, verstehst du, und wir sind ihr Fußvolk. Da brauchen wir uns keine Illusionen zu machen.“

„Musst du mir nicht sagen.“

„Wir haben hier einfach viel zu viele arme Schlucker, die Hollywood unermesslich reich gemacht hat, und die sich jetzt schlimmer benehmen als ein babylonischer König in einem Griffith-Film, einfach weil sie's können, und wir müssen den Dreck hinter ihnen aufwischen...“

Er brach resigniert ab und fixierte mich. „Du gibst es nur Fatty persönlich, klar! Ich kündige dich an. Er ist im Hotel St. Francis am Union Square, 12. Stock, Suite 1219. Er hat insgesamt drei verdammte Suiten auf dem Stockwerk. Wie war das, du hast schon mit ihm gearbeitet?“

„Er hat mich letztes Jahr mal umgehauen. Wird sich bestimmt an mich erinnern, er haut ja sonst nie einen um in seinen Filmen.“

Wir sahen uns an und lachten beide ein bisschen.

„Wenn du dort bist, ruf mich an. Vielleicht habe ich bis dahin auch rausbekommen, wo Virginia abgestiegen ist, ich höre mich mal um.“ Er grinste, und gab mir die Hand und eine von seinen Visitenkarten. Er hatte welche, mit Goldprägung.

„Danke.“ Ich zögerte. Dann sagte ich es doch. „Und das Geld?“

„Gibt's erst, wenn der Auftrag erledigt ist. Tut mir leid, Studioregel. Hier sind fünfzig Dollar für Benzin und Spesen und der Schlüssel für den Packard. Steht vollgetankt in der Studiowerkstatt.“

Ich nahm beides und ging. Das Telefon klingelte schon wieder. Diesmal ging Fritz ran.

Ich rief Pepper von Eugenes Pförtnertelefon aus an. Sie war sehr angetan, dass ich mich so schnell meldete, und reagierte überrascht, als ich ihr berichtete, dass Virginia vermutlich in San Francisco sei. Der Name dieser Freundin „Maude“ schien ihr etwas zu sagen, sie aber eher zu beunruhigen, und sie gab mir mit rauchiger Stimme das Einverständnis, ja, sie drängte mich geradezu, gleich dorthin zu fahren, die Hotels abzuklappern und Virginia zu suchen. Sie bot mir zusätzliches Geld für einen Wagen an, ohne auch nur nachzufragen, ob ich einen besäße.

Ich widerstand der Versuchung, es anzunehmen. Typisch deutsch. Von dem anderen Auftrag erzählte ich nichts, aber ich sagte ihr, dass ich mir bereits ein Automobil besorgt habe.

Ich widerstand der Versuchung nicht, sie zu fragen, ob sie mitfahren wolle. Pepper sagte: Nein, aber wenn ich Virginia gefunden hätte, solle ich sie sofort wieder anrufen. Sie wirkte jetzt sehr geschäftsmäßig und kurz angebunden.

Ich sagte, ich würde mich melden, und legte auf.

Eugene verriet ich nicht, was mein Auftrag war, obwohl er neugierig um mich herumschlich, und um den teuren Packard Twin Six, eine sonnengelbe, glänzende Limousine mit schwarzen Ledersitzen: „Redest ja jetzt plötzlich mit den höchsten Chargen, was?“

„Ich kann es dir nicht sagen.“

„Dass Roth dir seinen Wagen gibt und du damit nach San Francisco fährst? Ich kann mir schon vorstellen, warum.“

„Ach ja, und warum?“

„Gute Fahrt, mein Alter, und wenn du da oben in eine Party gerätst: Nimm mit, was du kriegen kannst!“

Er griff sich in den Schritt, zwinkerte mir zu und öffnete die Schranke. Diesmal war ich es, der sie mit einem Wagen passierte. Auch wenn er nur geliehen war.

*4

Es war gegen drei Uhr nachmittags am nächsten Tag, dem Labor Day, als ich auf San Francisco zufuhr.

Es war eine verflucht lange Nacht gewesen. Ich war müde, verkatert und hatte Sonnenbrand.

Der Packard röhrte stetig dahin und seine Federung schluckte jedes Loch auf der Landstraße. Streckenweise war sie sogar asphaltiert.

Die Nacht war der schlimmste Teil der Fahrt gewesen. Die Scheinwerfer hatten voraus eine Schneise ins Schwarz geschnitten. Ansonsten nur Dunkel um mich herum.

Ich hasse Dunkelheit. Wie nichts anderes.

Irgendwann musste ich eingeschlafen sein, und erst ein hässliches metallisches Quietschen hatte mich zurück in die Gegenwart gebracht: Der makellose Packard war scheppernd gegen eine Tonne am Straßenrand gekracht, die ihn stoppte; jetzt stand er leicht schief im Straßengraben. Es dämmerte bereits. Ich war schlaftrunken ausgestiegen und hatte mir seine Vorderfront angesehen. Die Stoßstange war heftig eingedellt und der rechte Kotflügel verschrammt.

Verdammter Mist. Fritz Roth würde nicht glücklich sein. Noch dazu hatte ich den Motor mit dem elektrischen Anlasser nicht wieder anbekommen. Ich hatte ihn mühsam und schwitzend mit der Handkurbel anwerfen müssen und war heilfroh gewesen, als es mir schließlich gelang.

Heute denke ich manchmal darüber nach, wieviel besser es gewesen wäre, wenn ich ihn nie wieder anbekommen hätte.

So erreichte ich jedoch einigermaßen pünktlich San Francisco, und als ich es dann von den Hügeln aus zum ersten Mal unter mir liegen sah, dachte ich: Endlich eine richtige Stadt, nicht nur so hingetupfte Häuserhaufen wie in Los Angeles, das zurecht von keiner Seele „Stadt“ genannt wurde.

Von oben aus bis zum Meer eine unübersehbare Masse Häuser. Kaum zu glauben, dass ein Erdbeben sie gerade vor fünfzehn Jahren fast vollständig zerstört hatte. Doch die Stadt war einfach wieder darübergewachsen, und es gab nur noch wenige, einzelne Lücken. Niemand dachte mehr darüber nach, auf welchem Pulverfaß man saß.

Das HotelSt. Francis war eines der wenigen Gebäude, die das Beben unversehrt überstanden hatten. Kein Wunder, es sah aus wie ein Hochbunker mit drei gewaltigen Vorsprüngen – sehr viele Steine und sehr wenige, schmale Fenster, eher wie Schießscharten.

Es war das beste Hotel der Stadt. Wäre Virginia Rappe ähnlich prominent und reich wie Fatty Arbuckle, dann wäre es sehr leicht, zu raten, wo sie abgestiegen war. Aber das musste warten.

Ich parkte den Packard am Union Square und ging mit meinem Päckchen in der Tasche an einem goldbetressten Portier vorbei hinein.

Die Eingangshalle war etwa so groß wie das Santa Fé Railway Depot in Los Angeles mitsamt Gleisen, und all der Marmor, die dorischen Säulen, die Lüster, Goldspiegel und seidenbespannten Loungesessel darin hätten D. W. Griffiths Ausstatter vor Neid erblassen lassen. Selbst die Gäste wirkten wie Statisten und Statistinnen, die ein besonders brünftiger Bock von Regisseur persönlich handverlesen hatte.

Ich hielt einen Pagen auf, der aussah wie Douglas Fairbanks' jüngerer, hübscherer Bruder, und fragte ihn nach dem Lift.

„Unsere Aufzüge finden Sie geradeaus links, Sir“, schnurrte er und schielte hoffnungsvoll auf meine Hand. Doch sie langte nicht in die Tasche, um Geld hervorzuziehen, sie tätschelte ihm die Schulter, bevor ich weiterging. Ich wollte meine sieben Dollar vorerst nicht für Trinkgeld verschwenden. Eher hätte ich damit das Loch ausgelegt, das sich immer noch in meiner Schuhsohle befand.

Drei Aufzüge, mit denen man auch Elefanten hätte transportieren können, befanden sich an der Stirnseite der Lobby. Vor einer der goldumrahmten Türen warteten zwei Männer. Jeder von ihnen hatte eine Sackkarre dabei, die eine beladen mit einer großen neuen Musiktruhe und einem Stapel dazugehöriger Schellackplatten, auf der anderen unter einem Sack verborgen mehrere große übereinandergestapelte Objekte. Es war klar, dass dies Holzkisten waren, und es war klar, was sich in den Holzkisten befand.

Ich nickte beiden zu und gesellte mich zu ihnen, als sie mit ihren Waren in den Aufzug stiegen.

„Zwölfter Stock“, sagte der Musikmann mit der Truhe zum schönsten Liftgirl der Welt, einer Platinblondine mit mehr Zähnen, als ich jemals zuvor bei einer lächelnden jungen Frau gesehen hatte.

„Zwölfter Stock“, sagte der Mann mit den Kisten.

„Zwölfter Stock“, sagte ich und zwinkerte ihr zu.

„Zwölfter Stock“, jauchzte das Liftgirl in der betressten Uniform überglücklich, wandte sich dem Knopfbrett zu mit einem kecken Hüftschwung, den ich niemals vergessen würde, und drückte die „12“, als würde es daraufhin Champagner regnen. Doch es ging nur mit einem Ruck nach oben.

Sie wusste genau, zu wem wir unterwegs waren. Einem der größten Filmstars der Welt. Jeder von uns vieren wusste ebenso, dass die anderen es wussten. Das Liftgirl strahlte mich die ganze Fahrstuhlfahrt lang an. Ich trug im Unterschied zu den anderen nichts, zumindest nichts Erkennbares, also war ich wichtig. Wahrscheinlich vom Film.

Ab dem achten Stockwerk hörten wir bereits den Lärm. Als sich die Aufzugstür im zwölften öffnete, schwappte er uns entgegen. Schreie, Lachen, Stimmengewirr.

„Zwölfter Stock“, rief die Blondine und gab breit lächelnd den Blick auf die Szenerie frei.

Als Erstes sah ich Frauen. Alle Sorten von Frauen: Junge, ganz junge, hübsche, anders hübsche. Auch ein, zwei späte Mädchen waren dabei. Ich sah sogar ein hässliches. Die meisten der Frauen trugen Seidenpyjamas, und nicht alle trugen sowohl das obere als auch das untere Teil.

Ich wartete auf dem Flur und sondierte erst einmal in aller Ruhe die Lage, während sich meine Liftgenossen mit den Sackkarren abmühten. Die Party war bereits in vollem Gang, und das nicht erst seit Kurzem. Das konnte man schon daran erkennen, dass der Bootlegger mit großem Hallo wiedererkannt und begrüsst wurde.

Die Holzkisten wurden aufgebrochen und die Flaschen darin sofort geöffnet. Die Pyjamamädchen tranken den Gin, gemischt oder auch direkt aus der Flasche. Am beliebtesten war „Orange Blossom“: Mit Orangensaft, damit es auch richtig knallte.

Bei einigen Frauen hatte es bereits richtig geknallt. Und bei einigen Männern, die sich nun zu ihnen gesellten. Sie waren ebenso hemmungslos betrunken und grapschten nach allem, was sich bewegte. Frauen, Pyjamas. Whiskeyflaschen.

Fatty sah ich nicht unter ihnen.

„Eis, Eis! Wir brauchen mehr Eis!“, schrie jemand. Im mittleren Zimmer stand ein riesiger, durchsichtig schimmernder Block, auf den ein Mann mit einem Eisdorn wie manisch einstach.

Einer der Männer war ein Riese mit Schnauzbart, der einen bordeauxroten Morgenmantel trug. Offenbar war er der Zeremonienmeister. Er bezahlte die Lieferanten, die sich grinsend verabschiedeten, und warf noch ein Bündel Dollarscheine in die Luft. Die Frauen kreischten und alle spielten Fangen. Ein Mann schubste sie weg und griff sich Geld. Er und eine Brünette gerieten sich in die Haare und rissen Dollarscheine entzwei.

Und das war nur die Party, bevor mein Koks ins Spiel kam.

Ich wartete weiter. Ich wartete auf Fatty. Ich musste ihm meine Ware persönlich und diskret unter vier Augen übergeben. Die Zahl der Gäste, die ich sehen konnte, schätzte ich auf mindestens dreißig, und in den Zimmern waren noch mehr.

Eine der Frauen war vollkommen nackt und wurde jetzt von mehreren Leuten aus einem Zimmer auf den Flur getragen. Niemand machte sich die Mühe, ihre Blöße zu bedecken. Sie hatte tolle Kurven. Der bordeauxrote Riese übernahm sie und trug sie auf seinen Armen, als wäre sie eine Kinderpuppe. Sie war vollkommen weggetreten. Es roch nach Kotze. Eine ältere Frau – sie war mindestens vierzig - in einem Pyjama eilte ihr nach.

Hinter ihr kam Fatty Arbuckle aus der Tür. Er trug einen goldenen Morgenmantel aus Seide, darunter einen hellblauen Pyjama. Er nahm so viel Platz ein wie drei Männer. Ein Naturereignis, wie immer. Mit einer erstaunlich hohen Stimme.

„Sorgt dafür, dass sie nicht mehr so viel Lärm macht, verstanden“, sagte er verwaschen und schwenkte eine Ginflasche. Er war stark angetrunken, schien sich aber weitgehend unter Kontrolle zu haben. Alle verstummten und sahen ihn an. Der große Star, ihr Gastgeber, hatte schlechte Laune, das konnten sie nicht ignorieren. Irgendeine Laus war ihm über die Leber gekrochen. Vermutlich war die Frau die Laus gewesen.

Das weltbekannte Gesicht mit dem Doppelkinn war stark gerötet. Er war dicker, als ich ihn vom letzten Jahr in Erinnerung hatte. Seine Augen schienen noch mehr hinter den gepolsterten Backen zu verschwinden. Er trug Pantoffeln mit goldenen Troddeln und seinem Monogramm, „RA“, Roscoe Arbuckle. Er hob die Flasche zum Mund, und als er sah, dass sie leer war, warf er sie zur Seite, und sie rollte über den Teppichboden.

Der Riese mit der hübschen Nackten kam jetzt direkt an mir vorbei. Sie stöhnte leise auf und murmelte: „Er hat mir wehgetan... es tut so weh...“

Ihr Gesicht war sehr blaß, von dunklen Locken umrahmt.

Es war Virginia Rappe.

Die Frau, die ich für Pepper suchen sollte.