Der Bluttest - Thorsten Hühne - E-Book

Der Bluttest E-Book

Thorsten Hühne

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Beschreibung

Der Thriller spielt in Frankfurt der Zukunft. Der Polizist Tobi Spencer muss den Mord an dem Chefpathologen und väterliche Freund aufklären. Er wird stutzig, als sich die Geheimdienste einmischen und der Name eines bekannten Politikers immer mehr auftaucht. Schließlich ist er selbst der Gejagte. Mit der Geliebten des Politikers und einem kleinen Kind im Gepäck muss er flüchten.

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Veröffentlichungsjahr: 2012

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Thorsten Hühne

Der Bluttest

BookRix GmbH & Co. KG81371 München

Kapitel 1

Im Oktober wurden die Abende in Main-City schon ganz schön kühl. Es war Montag, der neunte Oktober 2028. Dr. Thomas Lehmann war es nicht gewohnt, sich um diese Zeit auf dem Gelände des alten Osthafens aufzuhalten. Normalerweise war er zu diesem Zeitpunkt in der Gerichtsmedizin von Main City und zerlegte irgendeine Leiche, denn er war der Chefpathologe dieser Sechs-Millionen-Einwohner-Stadt. Er war dreiundfünfzig Jahre alt, hatte inzwischen graue Haare bekommen und seine hagere Figur ließ ihn etwas älter erscheinen. Er trug eine Jeans und einen blauen Pullover. Darüber hatte er sich seinen dicken Mantel gezogen, doch auch dieser half nicht gegen die Kälte. -Es mag wohl gerade einmal drei Grad oder so sein-, dachte er sich. Der Regen tat sein Übriges dazu. Seit dreißig Jahren war er bei der Gerichtsmedizin. Erst während seines Studiums, später als Praktikant und Pathologe. Vor sieben Jahren wurde er zum Chef gemacht. Unter ihm arbeiteten sechsunddreißig Leute, die meisten waren Mediziner. Als er so über die leere Straße schaute kam ihn in den Sinn, dass diese Leute seine einzigen Freunde waren. -Soll das Alles sein-, dachte er sich, -arbeiten, schlafen und wieder arbeiten? Für was atme ich eigentlich?- Der Nebel lag dicht über dem Boden und der Wind pfiff unheimlich durch die inzwischen leerstehenden Lagerhallen. Ab und an liefen einige Ratten über die regennasse Straße und hinterließen ein beängstigendes, tapsendes Geräusch, wenn sie quiekend durch die Pfützen liefen. Aus einigen Hallen hörte Lehmann das Schnarchen, Flüstern und Lachen von den Pennern, die in den alten Lagerhallen eine trockene Bleibe suchten. Ab und an erschrak er durch das Klirren von zerschellenden leeren Whiskyflaschen, die einige dieser Trunkenbolde gegen die Wände warfen. Früher waren hier viele Unternehmen, die Fracht über den Wasserweg bekamen. Doch mit dem Zusammenschluss der Städte Frankfurt, Offenbach, Hanau und all den anderen umliegenden Städten entstand ein neuer Hafen, der dreimal so groß war wie der Osthafen. Mit modernen Anlagen lockte dieser die Firmen vom alten Hafen weg. Heute standen all die riesengroßen Hallen leer, dienten Pennern als Unterschlupf. Seit elf Jahren verrotteten die Hallen und die Geräte. Niemand fühlte sich mehr verantwortlich. Die Firmen hatten die Gebäude nur gemietet, die Stadt fühlte sich nicht als Rechtsnachfolger der Stadt Frankfurt und Eigentümer hatten sich nie gemeldet. Dadurch verwahrloste die gesamte Gegend. Lehmann zog sich seinen Mantelkragen hoch ins Gesicht, damit er nicht so frieren musste. Er steckte die Hände in die Manteltaschen und schaute auf den Boden. Während er von Pfütze zu Pfütze wanderte trat er gegen eine leere Cola-Dose. Lehmann sah ihr hinterher, wie sie im hohen Bogen flog und auf der anderen Straßenseite landete. Er drehte sich um und hörte noch lange das Scheppern der Dose, bevor sie mit einem Mal die knapp zwei Meter in den Fluss Main hinabfiel. Warum um Gottes Willen hatte er diesen Treffpunkt ausgewählt? Hätte es nicht ein schönes Restaurant sein können? Nein, da waren zu viele Leute. Hier war es genau richtig. Keine Menschenseele weit und breit. Lehmann zündete sich noch eine Zigarette an – seine vierte in den letzten zwanzig Minuten – und blies Rauchkreise in die kalte Luft. Er schaute um sich. Er wartete auf Dr. Frank Berger, den aussichtsreichsten Kandidaten für den Posten des Oberbürgermeisters von Main-City. -Wie konnte ich nur da reingeraten?- fragte sich Lehmann. Denn eigentlich hatte die Geschichte ganz normal angefangen. Es war ein Montag im Juli. Auf seinem Terminplan stand der Name Berger, für einen Bluttest zwecks Vaterschaftsklage. Er ahnte damals nicht, dass dieser Berger der Berger ist, der Bürgermeister werden wollte. Der Bluttest verlief ganz normal und er ergab, dass er der Vater des Kindes war. Eines Abends lauerte Berger Lehmann auf. Er hatte sich damals mächtig erschreckt, als Berger ihn nachts um zwei Uhr von hinten ansprach, »Herr Dr. Lehmann?« »Ja«, Lehmann hatte sich nicht umgedreht, sondern sofort Bergers Stimme erkannt, »was kann ich für sie tun?« »Na ja, ich dachte eher, ich könnte etwas für sie tun.« »Was denn?« Berger hatte den Arzt damit schnell neugierig gemacht. »Das Ergebnis? Ist es schon fertig?« »Ja. Herzlichen Glückwunsch. Sie sind der Vater.« Berger hatte damals diesen typischen Gesichtsausdruck gehabt, wie in viele Männer haben, wenn sie erfahren, dass sie zu ungewollten Vaterehren kommen. Nur hatte Berger nervöser gewirkt. Mit einem unsicheren Grinsen hatte Berger ihm einen Umschlag mit einhunderttausend Euros in bar in die Hand gedrückt. Lehmann hatte damals sofort gewusst, was das bedeutete. Er fälschte das Ergebnis und verstaute das Geld auf verschiedenen Konten und genoss einen etwas aufwendigeren Lebensstil. Er holte sich einen schnellen, neuen Wagen, kaufte sich die Frauen, die er aufgrund seiner schüchternen und zurückhaltenden Art nie bekommen hatte, mietete sich in eine Luxuswohnung am edlen Sachsenhäuser Ufer ein und veranstaltete Parties in den guten und teuren Nachtclubs. Einen Monat später hatte ihm Berger noch mal zweihunderttausend Euros überwiesen. Aber jetzt war Lehmann erst wirklich gierig geworden. Bis zu diesem Fall war er ein ehrlicher Mann mit weißer Weste gewesen. Lehmann war einer dieser Männer, die sogar zuviel erhaltenes Wechselgeld wieder zurückgeben. Das Einzige, was er jemals geklaut hatte war eine Zigarette, die er in einem unbeobachteten Moment aus der Zigarettenschachtel eines Kollegen genommen hatte. Und selbst dabei hatte er ein so schlechtes Gewissen gehabt, dass er gleich am nächsten Tag wieder heimlich eine Kippe in die Schachtel gesteckt hatte. Doch der plötzliche Reichtum hatte ihn geldgierig genug gemacht, um hier alles herauszuholen, was möglich war. Jetzt wartete er auf Berger, um weitere fünfhunderttausend Euros entgegenzunehmen. Lehmann wunderte sich jetzt noch, dass Berger sofort auf die neue Forderung eingegangen war. Gut, so eine Vaterschaftsklage ist unangenehm für einen Politiker mitten im Wahlkampf, dessen größte politische Qualität eine nach außen hin perfekte Familie ist, aber eine halbe Million war doch eine Menge.

Kapitel 2

Gerade als Lehmann seinen letzten Zug an der Zigarette nehmen wollte hörte er ein Motorengeräusch. Er sah hoch und sah Bergers schwarze Limousine langsam auf den Parkplatz der alten Ölhandelsfirma fahren. -So ein Banause-, dachte sich Lehmann und meinte damit, dass Berger auf diese alten, großen Limousinen stand, die vor zwanzig Jahren noch so modern waren und die vor allem mit Benzin fuhren. Heute waren diese Dreckschleudern verpönt, denn diese waren mitverantwortlich für die Klimakatastrophe auf der Erde. Ein Nachteil war auch, dass diese Dinger so elendig laut waren. Die modernen Elektromotoren ließen keinen Laut raus. Die Limousine hielt an und Berger stieg aus. Berger war eine respekteinflößende Erscheinung. Er war ein Meter fünfundneunzig groß und war durchtrainiert. Wie immer trug er einen Designeranzug mit einem Kaschmirmantel darüber. »Guten Abend, Dr. Berger«, Lehmann war nervös, konnte es aber geschickt überspielen. »Abend, Lehmann. Die Gier ruft, was?« »Haben sie das Geld?« »Du hältst dann aber für immer dein dreckiges Maul?« »Ich frage noch mal, haben sie das Geld?« Lehmann hatte wirklich Mühe, das Zittern in seiner Stimme zu verbergen. Er hatte Angst, doch Angst wovor? Hatte er doch Berger in der Hand. Berger ging auf Lehmann zu. »Sag mal, Kleiner«, sein Ton wirkte fast väterlich, als er seinen Arm um Lehmanns Schulter legte, »hast du das ganze Geld schon ausgegeben?« Lehmann beruhigte sich. Er war als Erpresser noch nicht sehr geübt und vergaß für kurze Zeit, dass Berger sein Opfer war, »Nein, es geht nur darum, dass ich eine Anzahlung auf ein Haus gemacht habe. Ich will nur raus hier.« »Du belästigst mich danach also nie mehr?« »Nein, versprochen.« »Na gut«, Berger drehte sich um und ging zurück zu seinem Auto. Lehmann blieb stehen. Berger rief einen seiner Angestellten zu sich. Dieser trat aus der Limousine und hielt einen schwarzen Lederkoffer in der Hand. Berger nahm den Koffer, »Hier ist dein Geld drin, Kleiner.« »Machen sie den Koffer auf, und drehen ihn zu mir, damit ich das Geld sehen kann.« Berger legte den Koffer auf die beiden Arme seines Bodyguards und öffnete ihn langsam. »Hast du schon mal so viel Geld auf einmal gesehen?«, fragte Berger mit einem Grinsen. »Nein«, Lehmann grinste. Er freute sich, dass Berger keinen Ärger machte. Plötzlich nahm Berger eine Pistole aus dem Koffer, drehte sich blitzschnell Lehmann zu und zog viermal ab. Lehmann riss die Augen auf und griff sich an den Bauch. Er blickte Berger mit geschockten und flehenden Blicken an, fiel auf die Knie, Blut floss langsam aus seinen Mundwinkeln. Berger schaute ihn grinsend an. »Jetzt kannst du dich selbst untersuchen.« Berger legte die Pistole wieder in den Koffer und stieg mit seinem Bodyguard wieder in den Wagen. Der Motor wurde gestartet und die Limousine fuhr mit quietschenden Reifen weg. Lehmann saß immer noch auf den Knien. Der Schmerz wurde unerträglich, Schweiß floss wie in Strömen über seinen ganzen Körper. Es wurde ihm langsam schwarz vor Augen, sein ganzes Leben schoss an ihm vorbei. Dann verlor er die Kraft, sich auf den Knien zu halten und sank komplett auf den Boden. Seine Augen öffneten sich zu einem letzten, ausdruckslosen Blick über das Hafengelände. Dann tat er seinen letzten Atemzug und starb – mit offenen Augen.

Kapitel 3

Der Kaffee hatte einen schalen Beigeschmack an diesem Morgen. Doch daran war weniger der Kaffee schuld. Vielmehr Tobi Spencers Geschmacksnerven. Der Alkohol hatte sie letzte Nacht wohl doch sehr angegriffen. Es war wieder einmal sehr spät in der Nacht- oder vielmehr früh am Morgen- als Tobi heimgekommen war. Wieder eine Nacht, in der er kein Auge zugemacht hatte. Seit der Trennung von Sonia fiel er immer tiefer in das Nachtleben von Main-City. Die vielen Clubs der Umgebung wurden zu einer Art zweiten Heimat, und Alkohol zu einem seiner grundnahrungsmittel. Es war sehr verwunderlich, dass die langen Nächte nicht die Qualität seiner Arbeit als Officer bei der Polizei von M.C. beeinflussten. Jede Nacht unterwegs, viel Alkohol und viele Frauen. Er liebte die Frauen, doch war dies nur körperlich. All die One-Night-Stands, die fremden Gesichter neben ihm beim Aufwachen. Er holte jetzt alles nach, was er in der Partnerschaft mit Sonia nicht haben konnte. Während seiner Beziehung mit ihr waren sie nur sehr selten gemeinsam ausgewesen. Insgesamt waren er und Sonia vier Jahre zusammen, bevor sie sich von ihm getrennt hatte. »Ich habe so wenig von dir«, hatte sie gesagt, »dein Job ist dir wichtiger als ich«. Das war das Letzte, was er von ihr gehört hatte. Danach hatte sie sich aus dem Staub gemacht. Sie hatten zusammengewohnt. Jetzt war die riesige Wohnung praktisch leer. Tobi hatte sich nach der Trennung eine komplett neue Einrichtung geholt. Das Einzige, was er behalten hatte, war das Bett. Er und Sonia hatten viel Spaß darin gehabt. Dieses Bett behielt er als eine Art Erinnerung an seine Ex-Freundin. Die Wohnung hatte sich Tobi vor drei Jahren gekauft. Sie war der einzige wirkliche Luxus, den er sich von seinem Erbe geleistet hatte. Seine Eltern waren vor elf Jahren bei einem Unfall ums Leben gekommen. Sie hatten ihm zwei Million Euros und Aktien im Wert von einer weiteren Million vererbt. Dieses Vermögen machte es ihm in seinem Beruf nicht leichter. Für viele seine Kollegen war er ein reicher Sack, der sich ein bisschen Nervenkitzel als Bulle verschafft, ohne seinen Job ernst zu nehmen. Dagegen standen allerdings seine Erfolge und Medaillen, die er sich im Laufe seiner Dienstjahre verdient hatte. Diese Wohnung sollte eigentlich für eine gemeinsame Zukunft mit Sonia stehen. Fünf Zimmer hatte die Wohnung, zwei Bäder, eine Küche, Sauna, Whirlpool und Solarium. Sein besonderer Stolz war das Swimmingpool direkt neben dem Wohnzimmer. Seit vier Wochen war das alles Tobi ziemlich egal. Außer Küche, Bad und Schlafzimmer benutzte er praktisch kaum einen Raum mehr. Manchmal teilte er mit einer dieser Disco-Bekanntschaften den Pool. Alle anderen Zimmer wären schon längst verwahrlost, wenn Maria, seine Putzfrau nicht für Ordnung sorgen würde. Er saß am Frühstückstisch, der Bademantel hing lose an ihm herunter, er trank Kaffee und aß sein Croissant, während er auf André Feid, seinen Partner, wartete. Da er es ein wenig eilig hatte, schaute er sich die Nachrichten nur auf der linken Bildschirmhälfte an. Auf der rechten Hälfte ließ er sich die eingegangenen Mails anzeigen. Wie immer fast nur Werbung. Die einzige interessante Meldung war ein Mail vom Finanzamt, dass seine Steuererklärungen der letzten vier Jahre noch einmal genauer unter die Lupe genommen würden, da sein Steuerberater gestern Abend wegen Steuerhinterziehung verhaftet worden war. -So ein Mist-, dachte sich Tobi, -wem kann man eigentlich noch vertrauen- »Ein Anruf von Eric Keller«, dröhnte plötzlich die Computerstimme von Cindy, so hatte er seinen Computer nach seiner ersten großen Liebe benannt, »willst du annehmen?« Tobi mochte diese Stimme. Er hatte sie beim Kauf des Computers ausgewählt, weil sie ihn eben an diese Cindy erinnerte. »Ja, gib es mir auf den Schirm.« Eric Keller war Tobis Chef. Er war ein guter Chef, der viel Verständnis für seine Mitarbeiter hatte. Keller war immer der Erste im Büro und der Letzte, der es verließ. Ein Mensch mit Prinzipien, vor dem Tobi einen großen Respekt hatte. Keller hatte Tobi damals in den Polizeidienst übernommen. Er war es auch, der Tobi bei seiner Arbeit unterstützte und ihn vor Anfeindungen aus dem Kollegenkreis schützte, der ihm den Rücken freihielt. Die Nachrichten und die Mails verschwanden vom Bildschirm und Eric Keller erschien darauf. »Guten Morgen, Spencer, ist der Kaffee gut?« Keller legte dieser Frage einen ironischen Unterton bei, während er etwas zu auffällig auf seine Armbanduhr starrte, um Tobi zu zeigen, dass es seiner Meinung nach etwas zu spät zum Frühstücken sei. »Sorry für den Aufzug, Chef, wurde etwas spät gestern.« »Na ja, egal, ich habe heute Morgen einen Mord für sie im Angebot. Was halten sie davon?« »Was kann ich sonst noch wählen?« »Tut mir leid, das ist schon der Hauptgewinn. Ich maile ihnen alle nötigen Informationen schon einmal rüber. Feid kommt gleich zu ihnen, um sie abzuholen. Auf Wiedersehen.« Keller verschwand vom Bildschirm und die Nachrichten und Mails erschienen wieder. Kurz darauf erschien auf der rechten Bildschirmhälfte das Mail von Keller, dem Tobi entnehmen konnte, dass der Mord im alten Osthafen um zweiundzwanzig Uhr dreiundzwanzig geschah und das Opfer mit drei Kugeln getötet wurde. Was sehr seltsam war, war die Tatsache, dass der Name des Opfers nicht dabeistand. Normalerweise wurden den Vorberichten zu einer Ermittlung inzwischen immer die kompletten Personalien der Opfer beigefügt. Das war eine der technischen Errungenschaften, die Tobi besonders schätzte. »André Feid ist an der Tür, aufmachen?« Tobi liebte diese Stimme wirklich, er konnte sie nicht oft genug hören. »Entschuldigung, wie bitte?« »André Feid steht an der Tür, aufmachen?« Tobi grinste, als Cindy diese Worte zum zweiten Mal sagte, »Ja, bitte aufmachen.« Tobi freute sich jeden Morgen auf Andrés Ankunft. Sie waren beide 29 Jahre alt, waren bereits zusammen aufs Gymnasium gegangen. Sie hatten gemeinsam die Polizeiakademie besucht und wurden vor sieben Jahren gemeinsam in den Polizeidienst übernommen. Nur in der Einarbeitungsphase von vier Monaten fuhren sie mit getrennten Partnern. Sie waren schon immer die besten Freunde. Bei Andrés Hochzeit war Tobi der Trauzeuge. André half ihm wiederum dabei, die Trauer über seine Eltern zu überwinden. Er beneidete André, denn dieser hatte ein geregeltes Leben. Er hatte eine wunderhübsche Frau und zwei Kinder. Er wusste am Abend immer, neben wem er am nächsten Morgen aufwachen würde. Ganz im Gegensatz zu Tobi. Der hatte schon seit jeher ein eher ungezügeltes Leben geführt. Damals hatte André ihn für all seine Frauengeschichten beneidet. Das Blatt hatte sich inzwischen gedreht. Überhaupt war der große Unterschied zwischen den beiden Charakteren der wirkliche Zusammenhalt Ihrer Freundschaft. Sie ergänzten sich perfekt. Immer wusste der eine, was der andere gerade dachte. Die Tür ging auf und André kam herein. Tobi stand auf, holte eine Kaffeetasse aus dem Schrank und reichte sie ihm. Dieser nahm die Tasse und schob sie in die Kaffeemaschine, »Kaffee heiß, zwei Stück Zucker und ein Viertel Milch.« Die Kaffeemaschine bereitete den Kaffee zu und die Tasse kam wieder raus. André nahm sie und setzte sich zu ihm. »Warum hat das an der Tür eben so lange gedauert, hast du Cindy wieder geärgert?« Tobi brauchte nicht zu antworten, sein Grinsen verriet ihn. »Und«, André war sehr an Tobis nächtlichen Abenteuern interessiert, »wie war’s heute Nacht? Wie hieß sie?« »Du kannst es nicht lassen, oder?« »Was denn, irgendwie erinnerst du mich an früher. Eine nach der anderen, eine schöner als die vorherige. Ich beneide dich irgendwie.« »Du willst mich verarschen«, Tobi holte sich noch einen Kaffee, »du weißt wo, du hingehörst, hast eine wundervolle Frau und tolle Kids. Ich beneide dich.« »Ist ja O.K.« André nahm noch einen tiefen Schluck Kaffee, als Tobi ihm lächelnd auf die Schulter klopfte. »Sag mal«, André erschreckte Tobi etwas, so dass dieser sich ein wenig verschluckte, »erinnerst du dich an den Typ, den wir gestern Abend hopps genommen haben?« »Klar«, Tobi hustete erst mal aus«, was ist mit dem?« »Der hat doch wirklich nicht ausgesehen wie eine große Nummer, oder?« »Nein, wieso?« »Na ja, die vom Drogendezernat haben sich gemeldet. Die hatten den schon sechs Monate im Visier. Die haben nichts gefunden, dass für eine Anklage reichte.« »Und dann finden wir den mit einer Minderjährigen auf dem Rücksitz?« Tobi begann zu lachen. »Und die stehen mit runtergelassenen Hosen praktisch daneben und kriegen nix mit?« Auch André konnte sich nicht mehr halten. »Aber weißt du, was das Beste ist?« »Nein, sag!« »In seiner Wohnung lagen neun Kilo Dope. Das hatten die Drogentypies bei der Razzia letzte Woche übersehen!« Beide lachten lauthals und konnten sich einige Minuten nicht beruhigen. »Und dann hat sicherlich Meinhard die Razzia geleitet, oder?« Tobi klopfte sich auf die Schenkel. Meinhard war ein Einsatzleiter der Drogenabteilung und einer der schärfsten Kritiker von Tobi und André, da die beiden oft eine sehr irrationale Art hatten, an Fälle zu gehen, ganz im Gegensatz zu Meinhard, der ein Mann von Prinzipien war und sehr nach den Vorschriften arbeitete. »Genau«, André versuchte, ein klares Wort rauszubringen. Dann aber wurde Tobi wieder ernst. »Was weißt du denn über den Fall?« »Tut mir leid, nicht mehr als du, ich habe das Mail auch gerade erst im Auto bekommen. Ich bin genauso schlau wie du.« »Warum bekommen wir keine Infos?« Andrés Gesicht wurde erwartungsvoll, »Vielleicht kriegen wir endliche einen EIO-Fall.« »Wovon träumst du nachts? Du weißt genau, wie weit wir davon weg sind. Die mögen unsere Art nicht. Außerdem sind wir denen viel zu jung.« »Aber irgendwann können die uns doch nicht mehr übergehen. Wir haben mehr Verhaftungen als alle anderen hier in der Stadt.« »Da wird nach Nase entschieden. Du weißt doch, der kennt den, der dann wieder den kennt und so weiter.« »Klar. Aber warum dann die Geheimniskrämerei?« »Ich dachte mir eigentlich, du könntest mir das sagen.« »Ich weiß nur, dass wir uns beeilen sollen, also komm, zieh‘ dich an.« »Jaja, ich gehe ja schon, machst du mir noch einen Kaffee?« Tobi stand auf und ging ins Schlafzimmer. Er öffnete seinen Kleiderschrank. Tobi legte sehr viel Wert auf Kleidung. Das war auch einer der Unterschiede zwischen den beiden Freunden. André erschien immer in Jeans und Pullover, und außer Turnschuhen hatte er noch ein Paar gute, schwarze Schuhe, die er aber nur in der Tanzschule, in die er mit seiner Frau ging, anzog. Einige Minuten lang stand Tobi am Kleiderschrank und überlegte, welchen Anzug er anziehen sollte. André kam mit der Kaffeetasse herein, als er Tobi sah, schüttelte er den Kopf, riss irgendeinen Anzug aus dem Schrank und warf ihn Tobi zu. »Jeden Morgen das Gleiche mit dir, jetzt zieh‘ dich an, wir müssen los.« »Ja, ja, welches Hemd?« »Egal, die Leiche achtet bestimmt nicht auf deine Hemdwahl. Hier ist dein Kaffee, ich warte draußen, aber beeil dich.« Tobi suchte sich ein Hemd und eine Krawatte aus und zog sich an. Dann fuhren sie los zum alten Osthafen. Während der ganzen Fahrt dachte Tobi über diesen Fall nach. Warum stand der Name nicht im Mail?