Verlag: Verlag Kern Kategorie: Gesellschafts- und Liebesromane Sprache: Deutsch Ausgabejahr: 2016

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E-Book-Beschreibung Der Brief - Gerd Peter Währum

Erzählt wird die Geschichte einer schönen, jungen Schauspielerin mit schwieriger Kindheit. In einem Fischerdorf an der Westküste Schleswig-Holsteins findet sie ihre große Liebe, den Sohn eines Fischers. Plötzlich gleitet sie in die Kriminalität ab und flieht mit ihrer kleinen Tochter aus der Heimat. Nach einem abenteuerlichen, erfolgreichen Leben in der Fremde verfällt sie dem Alkohol. Aber dann kommt es zu einer überraschenden und glücklichen Wende.

Meinungen über das E-Book Der Brief - Gerd Peter Währum

E-Book-Leseprobe Der Brief - Gerd Peter Währum

Gerd Peter Währum

Der Brief

Roman

Für Luise

Bibliografische Informationen der Deutschen Bibliothek:

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte Dateien sind im Internet über http://dnb.ddb.de abrufbar.

Impressum:

© by Verlag Kern GmbH

© Inhaltliche Rechte beim Autor

1. Auflage September 2016

Autor: Gerd Peter Währum

Layout/Satz: www.winkler-layout.de

Titelbild: fotolia | © kieferpix

Lektorat: Manfred Enderle

Sprache: deutsch, broschiert

ISBN: 9783957161-819

ISBN E-Book: 9783957162-014

E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016

www.verlag-kern.de

Inhalt

Cover

Titel

Impressum

Der Brief

Auf dem Rückflug

Der Autor

Durch das halb geöffnete Fenster meines Schlafzimmers drang, vom aufkommenden Wind herangetragen, das rhythmische Rauschen der Brandung. Zu diesem gleichbleibenden Takt erfand ich im Halbschlaf eine Melodie, die mich von der Gegenwart ablenkte. Dann jedoch öffnete ich die Augen, atmete tief die frische, salzhaltige Luft ein und sah ein, dass ich mich mit dem, was geschehen war, auseinandersetzen musste.

Seit meiner Jugend bewahre ich schon in meinem Gedächtnis ein Ereignis, das so gegenwärtig ist, dass es für mich keinerlei Schwierigkeiten bereitet, alles sofort niederzuschreiben. Jedoch muss ich dabei bemüht sein, in der richtigen Reihenfolge zu erzählen, weil meine Vorstellungskraft schnell von einer Begebenheit zur anderen wechselt. Eine entscheidende Rolle spielt dabei ein Brief.

Er, der mein Leben verändern sollte, lag jetzt schon seit einer Woche auf dem Tisch. Hastig von mir geöffnet und mindestens zehnmal gelesen. Immer wenn ich die Küche betrat, setzte ich die Brille auf und nahm ihn aus dem Umschlag. Nun hatte ich zwei Gründe, meinen im Herbst begonnenen Roman nicht zu vollenden, obwohl der Verleger drängte.

Denn jetzt im Frühling kann ich nicht schreiben, meine Gefühle sind da so unterschiedlich, dass ich befürchte, sie könnten ins Banale abgleiten. Dazu noch der Brief, der mir oft den Schlaf raubte.

Wie an jedem Abend ging ich auf dem Deich entlang, immer die alte Strecke, immer den Blick auf das Wattenmeer gerichtet und immer ein anderes Bild. Das Wasser floss heute schneller als sonst zurück, dafür sorgte der starke Wind vom Land. Ich merkte es an der Dünung auf den Prielen.

Fast am Horizont das Meer; ich hörte die Brandung. Alles schattenlos. Dann aber zogen Wolken auf, verdeckten kurzzeitig die untergehende Sonne und warfen lange Schatten. Ein bizarres Licht entstand augenblicklich und wechselte ständig. Ich machte kehrt und sah auf der anderen Seite das saftige Grün des Deichvorlandes. Schafe blökten nach ihren Lämmern, die, wenige Tage alt, etwas staksig auf den Beinen, herumtollten.

Vor meinem Haus traf ich Ilka, meine Nachbarin. Sie hatte bei mir nach dem Rechten gesehen, alles vorbereitet für die ersten Feriengäste. Nach dem Umbau mit separatem Eingang vermietete ich die obere Etage.

„Er liegt ja immer noch auf dem Küchentisch“, stellte sie fest. „Ja“, sagte ich kurz. „Sie kann bei mir wohnen, solange du Gäste hast.“

„Nein, sie wird in meinem Arbeitszimmer schlafen“, entgegnete ich kurz und merkte, sie hätte gern mit mir noch ein paar Worte gewechselt.

Mir war heute nicht nach einem Klönschnack. Schnell öffnete ich die unverschlossene Tür und trat ein. In der rechten Ecke hinter dem Hauseingang stand ein Tonkrug, in dem eine Schultüte steckte. Sie war ursprünglich dunkelrot, oben ebenfalls mit einer roten Schleife zugebunden. Mittlerweile hatten sich die Farben in ein blasses Rosa verwandelt, ausgeblichen im Laufe der Zeit. Der Inhalt bestand aus Süßigkeiten, inzwischen bestimmt ungenießbar. Damals hatte ich die größte und in meinen Augen schönste Schultüte ausgesucht und wollte damit meine Tochter an ihrem ersten Schultag überraschen. Welch aufregendes Ereignis für sie! Sie hatte sich schon so darauf gefreut.

Das Haus besaß keinen Flur. Ich stand direkt in der Küche, überlegte, dann wie immer in den letzten Tagen, setzte ich mich an den Tisch, an dem schon drei Generationen saßen. Hier wurde gelacht und geweint, geredet, diskutiert, Entscheidungen getroffen, die sich oft als richtig herausstellten, aber auch manchmal erfolglos blieben. Wenn diese dicke Tischplatte sprechen könnte, sie hätte viel zu erzählen. Auf ihr wurden Kinder gewickelt, Wäsche mit der Wurzelbürste geschrubbt, Fische geschuppt, Skat gespielt und natürlich gegessen und getrunken. Ich strich über ihr dickes, mittlerweile grau gefärbtes Eichenholz. Es fühlte sich trotz ihres Alters seidig an. Dann nahm ich den Brief aus Halifax in Kanada am Atlantischen Ozean, abgestempelt ohne weiteren Absender. Mit zittriger Hand suchte ich meinen Atlas und fand die Stadt. Immer wieder in den vergangenen Jahren wartete ich vergebens auf dieses Zeichen. Die unbefriedigende Zeit hatte ein Ende.

Endlich nach fast zwanzig Jahren wird das Geglaubte und Erhoffte Wirklichkeit, und wir werden bald so nah beieinander und doch so fern voneinander sein, denn wir kennen uns nicht mehr.

Der Umschlag enthielt auch ein Foto von ihr. Ich hielt es wie so oft jetzt wieder in der Hand. Es zeigte ein junges Gesicht mit einer hohen Stirn, die dunklen Haare in der Mitte gescheitelt und etwas streng nach hinten gekämmt. Wie sie endeten, war nicht zu erkennen. Vielleicht ein Zopf oder Pferdeschwanz? Und woher hatte sie die dunklen Haare? Wer hatte sie ihr vererbt? Meine Eltern besaßen helle, und ich und ihre Mutter waren ebenfalls blond. Vielleicht waren sie gefärbt. In Amerika färbt man oft die Haare. Habe ich mir sagen lassen.

Was mache ich mir um solche Kleinigkeiten Gedanken. Hauptsache ich kann sie, meine Tochter, an meine Brust drücken. Nach so langer Zeit!

Die schwarzen Augenbrauen hoben sich von der hellen Hautfarbe gut ab und bildeten ebenfalls einen Kontrast zu den blauen Augen. Ein schwaches Lächeln ging von ihren fein geschnittenen Lippen aus. Sie und überhaupt die ganze Mundpartie strahlten Zuversicht und Energie aus. So und nicht anders musste ich es sehen, positiv, ein guter Mensch. Schließlich war ich ja ihr Vater. Ich vermochte es nicht anders zu sehen.

Dann aber gestand ich mir auch ein, dass ich meine Tochter aus meiner subjektiven Sicht und in meiner lebhaften Fantasie nach dieser langen Zeit mir nur so vorstellen kann.

„Damit du mich auf dem Flughafen wiedererkennst“, stand auf der Rückseite des Bildes.

Wie sonst sollte ich sie auch unter den vielen Menschen entdecken und in die Arme nehmen?

Damals lebten meine Eltern nicht mehr, als sie mit sechs Jahren mit ihrer Mutter für immer unerwartet unser Haus verließ. Für meinen Vater wäre es ein Schock gewesen, denn er war richtig vernarrt in die Kleine, sie war sein Ein und Alles, und natürlich auch Karin, ihre Mutter, liebte er, sodass ich manchmal, muss ich heute gestehen, richtig eifersüchtig wurde.

Aber ich will von vorne beginnen und alles Revue passieren lassen, was in meinem Gedächtnis trotz dieser langen Zeit noch so gegenwärtig ist, als wäre es erst gestern geschehen. Für mich und natürlich für fast alle Menschen, die Ähnliches erlebten, gibt es auf der Erde, was meine Vergangenheit anbelangt nur die Einmaligkeit, es wird, was zurückliegt, sich nicht genau so wiederholen, wie beim ersten Mal. Es ist wie der Klang der Musikinstrumente in einem Raum, er bleibt unverwechselbar, er ist unwiederbringlich. Das ist das Überragende an der Musik und das Schöne an meiner Vergangenheit. Diese Einmaligkeit gilt es für mich jetzt zu bewahren, denn es war eine glückliche Zeit, und die Zukunft versprach damals … Ich will nicht weitersprechen, denn ich machte mir als junger Mann über das, was werden würde, keine Gedanken.

In der benachbarten Stadt bestanden Volker, mein bester Freund, und ich das Abitur. Volker spielt bis heute in meinem Leben eine wichtige Rolle. Er wollte Medizin studieren, um später die Arztpraxis seines Vaters zu übernehmen.

Mein Vater dagegen hätte am liebsten gesehen, wenn ich schon gleich nach der Volksschule mit ihm zusammen auf unserem Kutter zum Krabbenfangen gefahren wäre. Ich kannte das Handwerk aus dem Effeff, fuhr ich doch während der Schulferien ständig mit ihm hinaus zum Fischen. Sein Kutter benötigte mindestens zwei, besser sogar drei Mann an Bord, und da Freddy oft lieber in der Kneipe die Zeit verbrachte, danach seinen Rausch ausschlief, deshalb unzuverlässig war und außerdem entlohnt werden musste, vermochte er sich nichts anderes vorzustellen, als mich anzuheuern. Später sollte ich sowieso, wie er von seinem Vater, als sein einziger Sohn den Kutter übernehmen.

Aber Volker überredete mich zu meinem Glück, ebenfalls zu studieren. Wir zogen beide nach Hamburg. Raus aus unserem Ort, in dem wir beide geboren wurden. Raus aus unserem Nest, wie wir es abfällig nannten. Uns reizte die Großstadt mit all ihren Versuchungen. Während Volker sein Studium begann, wusste ich nicht so recht, welches Berufsziel mir vorschwebte. Eines stand fest, wir würden später in unseren Heimatort zurückkehren. Volker als Arzt, und ich? Zwei Ärzte waren einer zu viel in diesem kleinen Nest. Folglich studierte ich Rechtswissenschaften, denn einen Rechtsanwalt gab es bei uns zu Hause nicht. Zwar auch keine Streitereien, aber das konnte ja noch werden. So naiv dachte ich damals. Fest verwurzelt in unseren Heimatort verbrachten wir unsere Freizeit ausschließlich dort.

Um unser Studium zu finanzieren, fuhren Volker und ich in den Semesterferien mit meinem Vater gemeinsam hinaus und fingen je nach Jahreszeit Heringe, Butt, Dorsch und natürlich auch Krabben. Das Leben auf See war hart, der Lohn gering, und ich bin dankbar, kein Fischer geworden zu sein.

Allmählich und stetig trat an der Westküste eine Veränderung ein. Auch unser kleiner Ort, der bisher nur von der Fischerei lebte, wurde davon betroffen, immer mehr Fischer verkauften ihre Kutter; denn die See war überfischt. Große Hochseeschiffe räumten mit ihren Grundnetzen alles weg. Für die kleinen Kutter, wie auch mein Vater einen besaß, war der Fang nicht mehr rentabel. Aber viele entdeckten einen profitablen Ersatz: Unser Nest mauserte sich zu einem Ferienort. Überall wurde an- und umgebaut, Ferienwohnungen entstanden. Mein Vater hielt zunächst nicht viel von diesem Wandel, er fuhr weiterhin hinaus auf die See.

Einmal im Jahr, im Sommer, veranstaltete unsere Gemeinde eine Kutterregatta zum Vergnügen der Feriengäste. Am Hafen standen zahlreiche Buden und Stände. Hier konnten die Besucher promenieren und Kaffee, Kuchen und natürlich die leckeren Krabbenbrötchen genießen.

Die Boote wurden bis an die Toppen mit Fähnchen geschmückt. Die Gäste durften mit an Bord und an der Wettfahrt teilnehmen. Als wir den Hafen verließen, reihte sich Kutter an Kutter, ein herrliches Bild, das bald der Vergangenheit angehören sollte. Nach ca. einer Stunde auf hoher See angelangt stoppte die Armada und wendete. Fast in einer Linie schwammen jetzt die Boote nebeneinander und warteten auf das Startsignal. Dann plötzlich ein Knall, und eine rote Leuchtkugel sah man am Himmel aufsteigen. Wer von den ca. zwanzig Schiffen zuerst wieder in den Hafen einfuhr, wurde als Sieger gefeiert. Bisher hatte ich unseren Kutter gesteuert. Jetzt auf der Rückfahrt übernahm mein Vater das Ruder. Er befürchtete nämlich, ich würde meinem Ehrgeiz freien Lauf lassen und mit Vollgas als Erster das Ziel erreichen. Ein Motorschaden, ein Kolbenfresser, würde die schon etwas betagte Maschine ruinieren, für ihn unvorstellbar. So tuckerten wir gemächlich im Mittelfeld mit einigen seiner Fischerkollegen, die wohl die gleichen Sorgen teilten wie er, unserem Ausgangspunkt entgegen.

Unser Kutter, mein Vater hatte ihn von seinem Schwiegervater übernommen, zählte zu den Veteranen der Schiffe, die an der Wettfahrt teilnahmen. Am Bug auf der Steuer- und Backbordseite stand der Namen „Traute“ in goldenen Lettern geschrieben. Meine Großmutter hieß so.

Ich hatte jetzt Zeit, mich mit den Passagieren zu unterhalten. Dabei fiel mir ein Mädchen oder eine junge Frau auf, die an der Reling der Steuerbordseite stand und sich ihre langen Haare ins Gesicht wehen ließ. Ich stellte mich ihr zur Seite und lächelte sie an. Sie erwiderte mein Lächeln, und ich merkte sofort, dass sie mir mindestens nicht gleichgültig sein würde, wenn wir uns näherkämen. Darum wich mein Blick nicht von ihr, als wollte ich sie hypnotisieren. Später fand ich mein Verhalten ungehörig, ich war unverschämt aufdringlich. Sie hätte darauf ihren Blick von mir abwenden und aufs Wasser schauen können, aber sie wollte wohl nicht unhöflich sein und überspielte mein Verhalten, indem sie mir Fragen stellte, wie das Leben an Bord, auf See, ablief. Nur allzu gern zeigte und erklärte ich ihr die Gerätschaften wie die verschiedenen Netze, die mit der Winsch eingeholt werden usw. Sie hörte mir aufmerksam zu, und aus ihrer Fragestellung merkte ich bald, dass sie mir geistig und dialektisch haushoch überlegen war, obwohl, wie es sich später herausstellte, wir im selben Jahr und sogar Monat geboren wurden.

An diesem herrlichen Sommertag hielten sich die Passagiere ausnahmslos an der Reling der Steuer- und Backbordseite auf und atmeten die von einer leichten aufkommenden Brise herangetragene Meeresluft ein.

„Bei jedem Wetter auf See hinauszufahren, muss ein hartes Leben und entbehrungsreicher Beruf sein.“

„Ich fahre nur während der Schul- beziehungsweise Semesterferien mit meinem Vater zum Fischfang. Zurzeit studiere ich in Hamburg Jura.“

„Welcher Zufall, ich komme auch aus der Hansestadt und besuche heute meine Mutter, die hier ihren Urlaub verbringt.“

„Warum haben Sie sie nicht mitgenommen?“

„Sie befürchtete, seekrank zu werden.“

„Schade, was treiben Sie so, wenn Sie nicht gerade ihre Zeit auf einem Kutter verbringen?“

„Ich studiere Theaterwissenschaften und Gesang, ebenfalls in Hamburg.“

„Und wer bezahlt das alles?“

„Ab und zu erhalte ich eine kleine Rolle und bin ständiges Chormitglied im Operettenhaus. Aber hauptsächlich finanziert meine Mutter mein Studium.“

„Darf ich Sie nach der Seefahrt zu einem Rundgang an Land mit anschließendem Besuch in einer Seemannskneipe einladen?“

„Vielen Dank, ich muss mich um meine Mutter kümmern. Sie erwartet mich, wenn wir in den Hafen einlaufen.“

„Vielleicht können wir unseren Landgang auf den Abend verschieben?“

„Sie sind ganz schön hartnäckig. Na gut, um acht an der Anlegebrücke.“

„Die raue See hat uns Fischer hart gemacht, dabei sind wir ehrlich, direkt und kommen schnell auf den Punkt.“

Unser Gespräch endete, als wir in den Hafen einliefen. Dort spielte bereits die Blaskapelle unserer freiwilligen Feuerwehr. Der Kutter legte hart an der Steuerbordseite an. Vorher bat ich unsere Gäste, ein paar Schritte zurückzutreten und warf den Tampen Freddy zum Festmachen zu. Dann sprang ich an Land und half den älteren Leuten beim Aussteigen.

Auch meine junge Bekannte nahm ich an die Hand, zog sie sanft von Bord und sagte dabei: „Ich heiße übrigens Jan.“

„Der Name passt gut in diese Gegend“, entgegnete sie mit einem verschmitzten Lächeln. Ich sah, wie sie, ohne sich umzudrehen, weiterlief und eine Frau umarmte, die, so nahm ich an, ihre Mutter sein musste.

Mein Vater und ich schauten noch eine Weile der Preisverteilung zu und gingen dann nach Hause. Auf dem Weg dorthin trafen wir Volker. „Heute Abend wird es nichts mit unserer Verabredung, ich habe nämlich jemanden kennengelernt.“

„Viel Spaß dabei“, rief er mir zu und weiter: „Wir treffen uns dann morgen früh am Bahnhof.“

Mit Schrecken erinnerte er mich daran, dass unser Zug schon um vier Uhr in der Früh abfuhr. Eine kurze Nacht stand mir bevor.

Obwohl ich pünktlich eintraf, wartete sie bereits. Sie trug hautenge, blaue Jeans, einen knallroten Rollkragenpullover und auf dem Kopf eine ebenfalls blaue Schirmmütze, fesch, mehr in den Nacken als auf die Stirn gesetzt. Ihr blondes Haar musste sie gescheitelt haben, denn es fiel gleichmäßig auf beide Schultern. Die Farbe der Lippen entsprach der des Pullovers, fein abgestimmt, wie ich fand.

Sie stand auf der Brücke, hatte einen Fuß auf die unterste Sprosse des Geländers gesetzt und schaute auf die andere Seite des Hafens, an deren Steg die Fischerboote im Schlick mit etwas Schlagseite, denn es war Ebbe, aneinandergereiht lagen.

Ich tippte ihr vorsichtig auf die Schulter. Sie jedoch drehte sich nicht um, sondern blickte unverwandt auf die Boote und sagte schalkhaft: „Auch schon hier, Leichtmatrose Jan.“

„Ja, Seeräuberbraut …“, entgegnete ich lachend.

So blickten wir einige Minuten gemeinsam, ich hinter ihr stehend, stumm aufs Wasser. Endlich drehte sie sich zu mir um und lächelte mich an.

„Wie heißen Sie?“

„Karin, du kannst mich ruhig duzen“, sagte sie, und wie ich fand, sehr bestimmend.

Daraufhin wollte ich sie herausfordern und fragte: „Hat dir deine Mutter für heute Abend Freigang erteilt?“

„Ja, unter gewissen Bedingungen.“

„Und die wären?“

„Dass ich in sicherer Begleitung an Land gehe und wohlbehalten pünktlich wieder an Bord erscheine.“

„So selbstsicher, wie du bist, wird dir nichts passieren“, meinte ich, während wir die Treppe hinauf zum Deich stiegen.

Ich gab die Richtung vor, und wir entfernten uns langsam vom Trubel am Hafen, bis es immer stiller wurde. Selbst das Rauschen des Meeres in der Ferne war kaum zu vernehmen. Nur ab und zu flogen ein paar Möwen kreischend über unsere Köpfe vom Land kommend aufs Wattenmeer.

Sie ging leichtfüßig, fast tänzerisch neben mir, im Gegensatz zu meinem plötzlich mir auffallenden schweren Gang. Mit meinen 1,90m, sie war gut einen Kopf kleiner als ich, konnte das auch nicht anders sein, tröstete ich mich. Ihr schien das gar nicht sonderlich aufzufallen.

„Sicher möchtest du einiges über unseren Ort, mich und meine Familie erfahren“, begann ich unser Gespräch. Als sie bejahte, erzählte ich ihr aus meinem Leben und von der Küste. Sie schmunzelte ab und zu. Es musste ihr gewiss vieles fremd vorkommen.

Absichtlich machte ich dann eine Pause, was für sie, ohne dass ich es ihr sagte, bedeuten sollte, jetzt bist du dran.

Sie verstand es und berichtete munter von ihrem Studium und ihrer Arbeit am Theater. Ich hatte das Gefühl, sie wollte manches loswerden, was sie bedrückte. Da ich ein aufmerksamer Zuhörer war, der ihr auch private Fragen stellte, die sie frei und unbekümmert beantwortete, staunte ich darüber, kannten wir uns doch erst ein paar Stunden.

„Als ich acht Jahre alt war, verließ mein Vater, den ich kaum kannte, meine Mutter und mich. Auf Nimmerwiedersehen blieb er bis auf eine einzige Begegnung verschwunden.“

Dann sagte sie einen Satz, der mir bis heute im Gedächtnis haftet: „Ich möchte auch manchmal ausbrechen und an einem anderen Ende der Welt ein neues Leben beginnen.“

Sie schilderte das angespannte Verhältnis zwischen ihr und ihrer Mutter. Das sollte auch der Anlass sein, sie hier an ihrem Urlaubsort zu besuchen, um sich auszusprechen und zu versöhnen. Ihre Mutter arbeitete schon vor ihrer Geburt als Bibliothekarin an der Universität Hamburg. Das bedeutete für sie, dass sie bereits als Kleinkind meistens bei den Großeltern mütterlicherseits aufwuchs. Auch heute lebte sie allein in einer kleinen Wohnung.

„Meine Mutter und ich vertragen uns nur stundenweise, daher bin ich gleich nach der Schule ausgezogen“, sagte sie unverblümt.

„Da muss ich mich ja in Acht nehmen“, sagte ich und sprang gleichzeitig aus Spaß einen Schritt nach links.

„Ich kann auch anders“, sagte sie mit sanfter Stimme, packte mich am Oberarm und zog mich wieder an ihre Seite.

Ich war überrascht, mit welcher Selbstverständlichkeit sie mit mir umging, so vertraut, als wären wir schon ewig ein Paar. Da kam mir der Gedanke, sie auf der Stelle zu küssen. Sicher würde sie es sich gefallen lassen, oder? Sie war sehr spontan, das könnte auch schief gehen. Vielleicht bekäme ich eine Ohrfeige? Daher hielt ich mich zurück und meinte: „Lasst uns umkehren und uns am Hafen amüsieren.“ Sie willigte ein.

Im Gleichschritt gingen wir wieder dem Ort entgegen. Noch herrschte Stille. Ich rückte näher an sie heran. Mein Arm berührte ihre Schulter; ich spürte ihren gleichmäßigen Atem und versuchte, so spleenig war ich damals, meinen ihrem anzupassen. Dann vernahmen wir das unregelmäßige Rauschen der Brandung, die sich nähernde Flut und den abgezählten Glockenschlag der Turmuhr.

Gleichzeitig hörten wir die schrägen Töne einer Jazzkapelle immer lauter werdend, und der sonst um diese Zeit düstere Hafen leuchtete uns entgegen. Wir kamen näher und sahen das Licht hunderter Lampen, auch wie diese das Wasser anstrahlten und die gekräuselten Wellen der eintretenden Flut wie eine silberne Schnur erscheinen ließen. Als wären sie aus ihrem Schlaf erwacht, richteten sich allmählich auch die Schiffe wieder auf.

Die Kapelle spielte einen Dixieland. Karins Schritte wurden schneller, und ich lief hinter ihr her auf die Tanzfläche. Ihre Beine und ihr Körper folgten gekonnt dem Rhythmus der Musik. Ich blieb stehen und schaute gebannt zu. Auch andere richteten jetzt ihre Blicke auf sie, wie sie anmutig und erotisch zugleich diesem Tanz eine mir bisher nicht bekannte Ausdrucksform verlieh. Auf einmal tanzte sie allein in der Mitte, alle bildeten einen Kreis um sie und klatschten im Takt zur Musik. Plötzlich kam sie zu mir und zog mich auf die Tanzfläche. Oh, wie peinlich für mich! War ich doch kein ebenbürtiger Partner für sie. Zum Glück für mich beendete das Saxofon das Stück mit einem Schlussakkord.

„Fast hättest du mich eben in Verlegenheit gebracht. Ich bin kein sonderlich guter Tänzer“, flüsterte ich ihr ins Ohr, als sie mich bei dem nun folgenden Blues führte. Mit der langsam wiederkehrenden Musik vermochte ich meine Defizite, was das Tanzen anbelangt, zu kaschieren.

„Ich wollte dich nicht vorführen“, entschuldigte sie sich und drückte mich noch fester an sich, dabei bemerkte ich Schweißperlen auf ihrer Stirn. Ich wischte sie mit dem Taschentuch ab und meinte: „Mein Fräulein, Sie haben Konditionsschwächen, Sie sollten öfter trainieren.“ Sie lachte und zeigte dabei ihre schönen Zähne, ein faszinierendes, breites Lachen, als hätte sie ein Dutzend Zähne mehr in ihrem Mund, aber nur für Sekunden. Lach’ weiter!, dachte ich, denn ich war begeistert.

Sie sagte: „Beim nächsten schnellen Tanz werden wir gemeinsam dafür sorgen, du als mein Konditionstrainer.“

Um der Blamage aus dem Weg zu gehen, antwortete ich: „Wir müssen uns erst dafür stärken. Ich lade dich zu einem Krabbenbrötchen ein.“

Darauf entgegnete sie: „Nur wenn du mir anschließend eine finstere und verruchte Hafenkneipe hier am Ort zeigst, damit ich uns ein Bier ausgeben kann.“

Wir setzten uns auf die Kaimauer und aßen die Brötchen. Dann bummelten wir am Hafenbecken entlang, und ich bemerkte, dass viele einen Blick auf sie warfen.

„Du wirst hier besonders von den jungen Männern heiß begehrt. Ist dir das auch aufgefallen?“

Sie hob und senkte die Schultern, sagte aber nichts.

„Gib zu, du bist stolz darauf.“

Immer noch schwieg sie. Dann nahm sie verlegen ihre Schirmmütze vom Kopf, schüttelte ihn, um ihr Haar zu lockern.

Ich reizte sie: „Eitel bist du auch.“

Sie sprach kein Wort.

„Warum redest du nicht mehr mit mir?“

„Glaub mir bitte, ich bin weder eitel noch stolz“, antwortete sie und lehnte dabei den Kopf an meine Schulter.

„Ich glaube dir, ich wollte dich nur ein wenig necken.“

Plötzlich fingen wir beide an, laut zu lachen und wussten, dass wir beide nicht die Wahrheit gesagt hatten.

„Wir sind ehrlich“, rief ich.

„Wir sind ehrlich“, wiederholte sie.

„Und ich finde es ganz natürlich, wenn eine Frau stolz und eitel ist“, und ich schränkte ein: „Sie sollte es allerdings nicht übertreiben.“

Wir entfernten uns jetzt vom Trubel des Hafenfestes und gingen in eine enge Gasse. „Zum Anker“ hieß das Lokal, vor dem wir plötzlich standen. Man hörte leise Stimmen. Gedämpftes, rotes Licht schimmerte durch die kleinen Fensterscheiben nach draußen auf das holprige Kopfsteinpflaster.

Meine Mutter hatte mich oft gewarnt, wenn ich abends unser Haus verließ: „Geh bloß nicht in diese Kaschemme, dort verkehren nur düstere Gestalten, und unsere Polizei muss laufend Streitereien schlichten!“ Von meinem Vater hörte ich: „Treib dich nicht abends so oft herum, lerne lieber für dein Studium!“ Ich war sicher, keinen anzutreffen, der meinen Eltern erzählen würde, mir hier begegnet zu sein.

Als ich die Tür öffnete, kam uns dicker Zigarettenqualm entgegen. An der Theke saßen fünf Männer und eine Frau, die nicht aus unserem Ort stammten; denn ich kannte alle hier, zumindest vom Ansehen. Bis auf einen waren sämtliche Tische unbesetzt. In einer dunklen Ecke saß, o Schreck, Freddy. Er hatte uns sofort kommen sehen und lallte: „Na, Jan Ohlsen, mien Jung, häst di ne seute Deern anlacht.“

Ich bekam einen roten Kopf, was aber in dieser schummrigen Destille nicht weiter auffiel, bestellte gleich am Tresen zwei Bier, und wir setzten uns auf die von Freddy entgegengesetzte Seite. Die Ellenbogen aufgestützt, vergrub er das Gesicht in seinen großen Händen. Obwohl sein Glas noch halb voll war, grummelte er laufend: „Noch een Beer, noch een Beer.“ Dann, endlich schien das Maß für den Wirt voll zu sein. Er wollte nicht durch Freddys Verhalten die übrigen Gäste vergraulen, trat an seinen Tisch und sagte in ruhigem Ton: „Freddy, du hast für heute genug, geh nach Haus!“

Als er darauf nicht reagierte, fasste er ihn mit geübtem Griff am Kragen und schob ihn vor sich her zur Tür und dann auf die Straße. Wir beobachteten durch das Fenster, wie Freddy zunächst orientierungslos stehen blieb und dann mitten aufs Pflaster pinkelte.

Der Wirt brachte unser Bier, und ich fragte ihn, ob Freddy seine Zeche bezahlt hätte. Mit einem Schmunzeln gab er als Antwort: „Freddy leistet immer Vorkasse.“

Obwohl er sein eigenständiges Leben führte, gehörte Freddy fast zu unserer Familie, war er doch, wenn er nicht gerade seinen Rausch ausschlief, stets an Bord, wenn mein Vater hinausfuhr. Ich fühlte mich daher ihm gegenüber verpflichtet, und als er noch immer wankend vor der Kneipe stand und nicht wusste, ob er nach links oder rechts gehen sollte, eilte ich zu ihm und führte ihn ein paar Schritte in Richtung seiner Wohnung.

„Na, du barmherziger Samariter“, empfing mich Karin, als ich mich wieder zu ihr setzte. Ich erklärte ihr, in welcher Beziehung Freddy zu mir und meinen Eltern stand.

Jetzt, wo sie mir in dem schummrigen Licht gegenübersaß, ohne zu sprechen, ganz still, schienen mir ihre Gesichtszüge noch weicher und sinnlicher, ihr Innerstes und ihre Gedanken aber wie ein Rätsel, unnahbar. Wie konnte ich sie nur erreichen! Ich begehrte sie doch so sehr. Ein Verlangen, das ich, als fast Zwanzigjähriger, bisher noch nicht kannte. Ich spürte mein Herz, wie es pochte, ganz anders als beim Fußballspielen. Dort sah ich es als simple Maschine mit viel Mechanik mit Schrauben, Rädern und einem Kolben. Jetzt war es etwas Einzigartiges: Ich registrierte jede Gemütsbewegung, mochte sie noch so fein sein, vom Herzen kommend, in meinem Hirn. Verwirrt und benommen blickte ich sie an. Mein Kopf war heiß, sicher auch rot, was bei diesem Licht kaum auffiel, und der Nacken war feucht.

Wie peinlich, hoffentlich durchschaut sie nicht meine augenblickliche Verfassung!

Um mich abzulenken, lobte ich ihre tänzerischen Fähigkeiten. Sie erzählte mir darauf, dass sie neben ihrer Ausbildung auch noch Ballettunterricht nahm.

„Da wirst du sicher für einen Pas de deux von den Männern heiß begehrt sein“, antwortete ich stockend, denn ich fühlte, dass in meiner Stimme Eifersucht mitklang.

Sie beruhigte mich: „Ballett und Tanz gehören nur zu meiner Ausbildung, und um es später beruflich auszuüben, bin ich viel zu groß.“

Zum Glück schien sie nichts von meinem Zustand bemerkt zu haben. Sie erzählte unbefangen aus ihrem Leben und überbrückte damit, wahrscheinlich unwissentlich, meine für mich damals unangenehme Schüchternheit. Ich hing ihr förmlich an den Lippen und hatte nur einen Wunsch: Red’ weiter, red’ weiter. Ach, könnte ich nur in ihr Innerstes schauen, um zu erfahren, ob ich für sie etwas bedeute!

Dann wurde ich hellwach und enttäuscht zugleich, denn sie sprach von der Freundschaft und Beziehung zu einem Mann, der in Hamburg in einer Jazzkapelle spielte.

Es entstand eine Pause. Keiner sagte etwas.

Sie zahlte und wir gingen hinaus. Drückende Schwüle lag in der Luft. Ich hatte auf eine Abkühlung gehofft, denn meine Hände waren feucht, und mein Hemd klebte am Körper. Von fern hörten wir das Grollen eines nahenden Gewitters.

Gewiss hatte sie es bemerkt, dass ich enttäuscht über ihre Beziehung zu einem Mann war. Ich musste ihre Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit anerkennen. Als hätte sie mich durchschaut und wollte mich trösten, packte sie mich am Oberarm und zog mich an ihre Seite. Ich umfasste ihre Taille, und so gingen wir die schmale Gasse entlang Richtung Hauptstraße.

Wind kam auf und brachte die ersten dicken Regentropfen mit. Dann prasselte Regen begleitet von Blitz und Donner auf uns und das Kopfsteinpflaster. Wir flüchteten in eine enge Toreinfahrt, die zu einem Garagenhof führte. Sie stellte sich an die Wand. Ich stand ihr gegenüber und stemmte die ausgestreckten Arme neben ihre Schultern gegen das Mauerwerk.

„Jetzt bist du für immer meine Gefangene“, flüsterte ich leise.

Sie legte darauf ihre Hände vorsichtig auf meine Arme, als wollte sie damit sagen: Ich sehe es anders, ich suche bei dir Schutz und Geborgenheit. Meine Gedanken fand ich bestätigt, denn sie sagte: „Ich habe Angst vor einem Gewitter.“

Sie, die so selbstständig und überlegen auf mich wirkte, die sich von zu Hause abgenabelt hatte, zeigte Gefühle.

Ich versuchte, sie zu beruhigen und sagte: „Bei diesem Wetter auf dem Deich ist es gefährlich, hier aber sind wir sicher.“

Dann beugte ich die Arme, kam ihr damit näher und wollte sie küssen. Sie wich mir aus, indem sie den Kopf zur Seite neigte. Mein Herz pochte heftig. In diesem Augenblick flog ein Nachtfalter, vor dem Regen Schutz suchend, auf uns zu und setzte sich auf ihr Haar. Sie wollte ihn mit der Hand verscheuchen, ich jedoch hielt sie zurück und meinte: „Bevor du ihn verjagst, sage ich dir, wie er aussieht: Er ist genauso schön wie du.“

Sie lächelte.

„Er besitzt weiße Vorderflügel mit schwarzen Punkten und orangefarbene Hinterflügel. Ein Nachtfalter, wahrscheinlich ein Bärenspinner, der sich den schönsten Platz bei dir ausgesucht hat.“

Sie lächelte erneut und fühlte sich geschmeichelt.

„Es sieht aus, als hättest du eine Brosche im Haar“, fuhr ich fort, „schade, dass du ihn nicht sehen kannst.“

Der Falter fühlte sich anscheinend wohl bei ihr. Sie bemühte sich, ihren Kopf nicht zu bewegen, und wir führten unser Gespräch leise fort. Er sollte nicht, von uns erschreckt, davonfliegen. Erst als das Gewitter abzog, der Regen aufhörte, und wir unseren Spaziergang fortsetzten, flatterte er davon. Was die sich anbahnende Freundschaft zwischen Karin und mir betraf, sah ich die Begegnung mit einem so seltenen Falter als ein gutes Omen an.

Kurz vor Mitternacht standen wir vor ihrem Hotel.

Ich musste sie wiedersehen und fragte sie, ob wir uns in der kommenden Woche in Hamburg treffen könnten.

„Da bin ich total ausgebucht, aber am nächsten Sonntag besuche ich noch einmal meine Mutter, dann sehen wir uns zur gleichen Zeit wieder an der Mole. Ja?“, erwiderte sie.

Ich nickte etwas enttäuscht.

Sie küsste mich zu meiner Überraschung auf die Stirn. Darauf wollte ich sie an mich ziehen, aber sie löste sich geschickt von mir und verschwand in der spärlich beleuchteten Eingangshalle des Hotels.

Mir blieben nur ein paar Stunden Schlaf. Mein Vater weckte mich. Er war ja das frühe Aufstehen gewohnt.

Im Zug saß mir Volker gegenüber und seinen fragenden Blick beantwortete ich mit: „Später, ich muss jetzt unbedingt schlafen.“

Die monotonen und wiederkehrenden Geräusche der Bahn sorgten auch dafür, dass ich augenblicklich einschlief.

Auf dem Weg zur Uni sagte ich zu Volker: „Ich bin furchtbar verknallt. Ich glaube, ich habe die Frau meines Lebens gefunden.“

Die Woche verlief für mich viel zu langsam. Schleppend verstrichen die Tage. Immer wieder musste ich an Karin denken. Wie sie sich auf der Tanzfläche so anmutig bewegte, und wie darauf alle gebannt auf sie blickten. Wie sie mit gezielten und ausdrucksstarken Worten mit mir das Gespräch führte. Eben hanseatisch, dachte ich und fühlte mich ihr unterlegen. Aber ich wollte nicht so schnell aufgeben und alles versuchen, um sie für mich zu gewinnen, obwohl sie einen Freund hatte.

Ich besuchte zwar die Vorlesungen, vermochte mich aber nicht zu konzentrieren. Meine Gedanken verwirrten mich, da ich mir Fragen stellte, die ich natürlich nicht beantworten konnte. In meiner Vorstellung sah ich Karin, wie sie mit mir mein Elternhaus betrat, und ich sie meinen Eltern vorstellte, die noch nie ein Opernhaus von innen gesehen hatten. Vom Theater kommt sie!? Meine liebe Mutter, die Sanftmütige, die niemals widersprach und nur das Gute in allen Menschen sah, nahm ihre Hand, streichelte ihre Wange und sagte dabei: „Herzlich willkommen, wie schön Sie sind.“

Mein Vater dagegen musterte sie streng und mit den Worten „Guten Tag, junge Frau“ verließ er irritiert den Raum. Er wusste nichts mit ihr anzufangen. Ein Mädchen vom Theater? Der Fischer und seine Frau waren sprachlos. Da war ich mir sicher. Sie stammte aus einer anderen Welt. Die Gegensätze konnten nicht größer sein. Und wie war das Verhältnis zwischen ihrer intellektuellen Mutter und mir? „Ein Fischerjunge? Nur ein Fischerjunge“, hörte ich sie sagen.

Ich würde jede Begegnung, jedes Gespräch mit ihr vermeiden.

Um mich auf andere Gedanken zu bringen, besuchten Volker und ich die Staatsoper.

Don Giovannis Diener Leporello führte Tagebuch über seinen Herrn. Heimlich begann auch ich, über mein bisher kurzes Leben zu schreiben. In einem kleinen Buch, das man leicht verstecken konnte, skizzierte ich einige Stationen meines Lebens. Auf der ersten Seite stand ‚Leporello-Tagebuch‘. Es begann mit einem Kuss, den ich Ilka, der Tochter unserer Nachbarn, auf den Mund drückte. Darauf lief ich vor Schreck davon, denn es war mein erster Kuss, und ich war erst fünfzehn. Wir haben uns darauf lange Zeit nicht geküsst, bis zu dem Tag … vielleicht erzähle ich später davon. Heute verkehren wir freundschaftlich. Jeder akzeptiert den anderen, so wie er ist.

Wie verabredet trafen wir uns an der Mole. Sie küsste mir die Wange, nahm meine Hand und zog mich Richtung Deich und tat so, als wären wir ein altes Paar und schon ewig zusammen. Alles so selbstverständlich, so natürlich, dabei kannten wir uns kaum. Ich staunte, wollte es jetzt wissen, wie sie reagierte: „Wie hast du die Woche verbracht, warst du mit deinem Freund zusammen?“

Meine Worte sollten unauffällig und belanglos klingen, aber es gelang mir nicht. Ich konnte mich nicht verstellen.

Sie gab mir die Antwort in einem ruhigen, unbefangenen Ton: „Mein Freund spielte diese Woche nicht in Hamburg. Er hatte eine Verpflichtung und war mit seiner Band nach München gefahren. Aber nächste Woche ist er wieder hier und jeden Abend kann man ihn im alten Jazzkeller auf der Reeperbahn erleben.“

Es entstand eine Pause.

‚Erleben‘. Wie abgehoben es klang, fand ich und musste mir eingestehen, dass ich mächtig eifersüchtig war.

Hatte sie meine Gefühle durchschaut?

Denn im gleichbleibenden Tonfall sagte sie: „In der kommenden Woche können wir ja zusammen uns ihn und seine Band anhören.“

Ich willigte ein, und wir vereinbarten einen Treffpunkt.

Sie lehnte ihren Kopf an meine Schulter, und wir bummelten gemächlich auf der Deichkrone entlang.

Sie sprach abermals über das schwierige Verhältnis zu ihrer Mutter, dass sie den morgigen Sonntag ausschließlich mit ihr verbringen werde, und dass sie gemeinsam abends mit dem Zug zurück nach Hamburg fahren.

Als wir uns nach etwa einer Stunde so weit von unserem Ort entfernt hatten, dass nur noch die Kirchturmspitze mehr zu erahnen als zu sehen war und keine Menschenseele uns begegnete, blieb sie plötzlich stehen und drehte sich zu mir. Sie küsste mich spontan und heftig auf den Mund. Vor Schreck wich ich mit halb geöffnetem Mund einen Schritt zurück. Das hatte ich nicht erwartet! Dann nahm ich sie in die Arme, und wir küssten uns lange. Unverständnis machte sich danach in meinem Innersten breit. Sie schien hin- und hergerissen. Liebte sie ihren Freund nicht mehr? Oder liebte sie uns beide? Die Dunkelheit brach über uns herein, und wir kehrten um. Sie hakte sich bei mir unter, und als wir vor ihrem Hotel ankamen, küsste sie mich mehrmals und verschwand in der Eingangshalle.

Ich wartete nicht lange. Sie tauchte plötzlich hinter mir auf. „Hallo Jan!“, rief sie und zeigte dabei strahlend ihre weißen Zähne. Wie schön sie aussah! Ihr langes Haar hing leicht gewellt zu beiden Seiten bis zu den Schultern und rahmte ihr ebenmäßiges, ovales Gesicht ein. Ich fand sie begehrenswert. Hatte sie sich meinetwegen so aufgetakelt? Wie vermessen ich doch war. Natürlich wollte sie ihrem Freund gefallen.

Zu Fuß erreichten wir nach einer halben Stunde ein Caféhaus auf der Reeperbahn. Hinunter führte uns eine schmale Treppe in den bereits erwähnten Jazzkeller. Der Türsteher begrüßte Karin mit Handschlag und schob uns beide in das bereits überfüllte Kellergewölbe. Dicker Zigarettenrauch und ohrenbetäubender Lärm empfingen uns. Vorwiegend junge Leute in meinem Alter saßen bunt gewürfelt und dicht gedrängt auf einfachen Holzstühlen, Sitzreihen gab es nicht. Am Ende des Raumes gab es einen ca. drei mal drei Meter freien Platz, der wohl der Band vorbehalten war. Auf der rechten Seite standen hinter einem Tisch zwei aufreizend angezogene Mädchen und verkauften Bier und Cola in Flaschen. Plötzlich verschwand Karin, kam aber bald mit zwei Stühlen wieder zurück. In der Zwischenzeit sah ich mich ein wenig um, das heißt, man vermochte kaum etwas zu erkennen, so verqualmt war der Keller, dessen niedrige Decke ich fast mit ausgestrecktem Arm berühren konnte. Viele begrüßten Karin freundlich, während sie mit den Stühlen und mich im Schlepptau uns einen Weg Richtung vermeintlicher Bühne bahnte. Hier rückten einige ihrer Bekannten bereitwillig etwas zur Seite, sodass wir uns hinsetzten und eine fast unversperrte Sicht nach vorn hatten. Sie erhob sich gleich wieder und fragte mich: „Bier oder Cola?“

„Bier.“

Sie kam mit zwei Flaschen Bier zurück. Ich verspürte keine Lust, mich mit ihr zu unterhalten, denn ich hätte gegen den enormen Geräuschpegel anschreien müssen. Wir tranken und stellten dann die halb leeren Flaschen an eines der Stuhlbeine auf den Boden.

Der Auftritt der Band verzögerte sich aus unbekannten Gründen, die Zuhörer wurden ungeduldig und trampelten mit den Füßen. Endlich kam ein Mitglied der Band, der Drummer, auf die Bühne. Er wurde mit lautem Gejohle empfangen, stellte seine Instrumente nahe an der Wand ab und verschwand wieder, kam aber sogleich mit einem Stuhl und einer Flasche Bier zurück. Die übrigen Bandmitglieder, vier an der Zahl, folgten ihm, einer mit einer Tuba und einer Trompete unterm Arm, einer mit einem Saxofon, ein Posaunist und zum Schluss ein schmächtiges Kerlchen mit einer Schlaggitarre. Er wurde mit frenetischem Gekreische und Applaus, der mit rhythmischem Klatschen endete, empfangen.

„Wer ist nun dein Freund?“, flüsterte ich Karin ins Ohr.

„Der Bandleader, der mit der Gitarre“, antwortete sie stolz.

Was sein Äußeres betraf, hatte ich ihr etwas mehr Geschmack zugetraut. „Auf die inneren Werte kommt es an“, hörte ich meine Mutter oft sagen. Ich muss gestehen, ich war voreingenommen und erneut eifersüchtig.

Eines der Mädchen von der Getränkeausgabe brachte den Musikern ein Mikrofon und wurde vom Bandleader, er hieß übrigens Max, wie ich später erfuhr, mit einem Kuss auf den Mund belohnt. Die Musiker traten nun etwas zusammen und sprachen miteinander. Wahrscheinlich beratschlagten sie, was sie zuerst spielen wollten. Dann jedoch ging alles ganz schnell. Der Frontmann gab den Takt vor, indem er mit einem Fuß kräftig auf den Boden trat. Und was spielten sie? Die Melodie, zunächst nur von der Trompete vorgetragen, der bald auch die anderen Instrumente folgten, war mir sofort bekannt. Hatte ich doch erst kürzlich ein Konzert in Hamburg besucht, in dem der große Pianist Stan Kenton mit seiner Big Band auftrat. Für mein nicht außerordentlich gut geschultes Gehör kopierten sie den Meister des Jazz nicht schlecht. Besonders die Soloauftritte bei diesem Stück gefielen mir und wurden auch jeweils heftig vom Publikum applaudiert. Es folgten noch einige bravourös vorgetragene Stücke; und nach ca. einer Stunde mussten die Zuhörer nach hinten rücken. Die Bühne wurde dadurch vergrößert. Wir saßen jetzt wie die Heringe zusammengepfercht bei stickiger Luft, und mir lief der Schweiß aus allen Poren.

Die beiden Schankmädchen hatten sich umgezogen. Spärlich bekleidet verbeugten sie sich vor ihrem Publikum, und sogleich begann eine Jump Session, wie ich sie bisher noch nicht gesehen hatte. Ich muss gestehen, das hätte ich den beiden nicht zugetraut, wie sie sich gegenseitig zu den Anfeuerungsrufen der Zuschauer und den schrägen Rhythmen der Band durch die Luft wirbelten. Nach fünf Minuten, völlig erschöpft, mit Schweißperlen auf der Stirn, beendeten sie ihre Showeinlage und verschwanden in einem seitlichen Gang. Wir standen spontan auf, Bierflaschen rollten durch den Raum, wir jubelten und applaudierten, und sogar die Mitglieder der Band schlossen sich dem Beifall an.

Die Band machte jetzt eine Pause. Ihre Instrumente nahmen sie mit und folgten den beiden Mädchen. Max dagegen bahnte sich einen Weg zu uns, und ohne mich zu beachten, was mich nicht veranlasste, mich von meinem Stuhl zu erheben, umarmte er Karin, küsste sie danach mehrmals heftig auf den Mund, nahm sie an die Hand und verschwand mit ihr ebenfalls. Sie konnte mir noch zurufen, dass sie nach der Pause ihren Auftritt habe, und sie danach wieder zu mir käme.

Als ich Max so aus nächster Nähe sah, verstand ich nicht, wie sich Karin in diesen Mann verlieben konnte. Sie, die in allen Dingen so ästhetisch wirkte, in ihrem Aussehen, in ihrer Sprache, in ihrer Gestik, in ihren Bewegungen, in ihrer Anmut, ja vielleicht auch in ihrer Seele. Einfach für mich damals unbegreiflich!

Max war fast einen Kopf kleiner als sie. Sein schwarzer, üppiger Haarwuchs, fettig glänzend, begann erst in der Mitte des Kopfes und fiel in dicken Strähnen auf die schmalen Schultern. Die vordere Kopfhälfte glänzte ebenfalls, als wäre sie geölt. Das hagere, aschfahle Gesicht verriet, dass er die Nächte zum Tag machte. Er sprach zu ihr mit einer tiefen, melodischen Stimme, die ich dem kleinen Männchen nicht zugetraut hätte. Dabei zeigte er seine vom Nikotin gelb gefärbten Schneidezähne, von denen mindestens zwei fehlten. Eine brennende Zigarette hielt er in der einen seiner schmalen Hände. Die ebenfalls gelben Finger wirkten dadurch recht lang. Er trug ein auf dem Rücken durchgeschwitztes, graues T-Shirt und übergroße Jeans, die keine Konturen seines Hinterns und seiner Beine andeuteten.

Die beiden Mädchen hatten sich wieder umgezogen und verkauften Bier und Cola.

Erst nach einer halben Stunde kehrten die Musiker allmählich wieder auf die improvisierte Bühne zurück. Zuletzt erschien Max, im Schlepptau Karin an der Hand haltend. Ein Trommelwirbel und ein Tusch. Karin verbeugte sich, und Max rief laut und deutete mit der Hand auf sie: „Violetta! Violetta!“ Beifall. Die Anwesenden grölten und pfiffen und einige skandierten: „Vi-o-let-taaa! Vi-o-let-taaa!“ Ich hörte diesen Namen zum ersten Mal. Ihr Künstlername? Sie musste hier schon öfter aufgetreten sein, denn ich vernahm, zwar nur bruchstückhaft, wie über sie gesprochen wurde.

Augenblicklich fiel mir da unser Theaterbesuch in der Hamburger Staatsoper ein. Volker und ich sahen und hörten Verdis „La Traviata“. „Violetta“, eine Kurtisane und bekannte Persönlichkeit in der Pariser Halbwelt, die eine Kamelie zu ihrer Lieblingsblume wählte, erhält die Chance, ihr bisheriges Leben zu ändern. Eine bessere Zukunft ist ihr zunächst nicht beschieden. Aber dann, als sie endlich ihr Glück fand, stirbt sie elendig an Tuberkulose. Der Klangreichtum und die Leidenschaft der Liebesmelodien begeisterten mich damals.

Die Violetta neben Max trug hautenge, dunkelblaue Jeans, schwarze, hochhackige Pumps und eine ärmellose, schwarze Weste, die nur in der Mitte zugeknöpft war, sodass nicht nur ihr Bauchnabel, sondern auch ihr Dekolleté sehr gewagt, wie ich etwas erschreckt feststellte, sichtbar war. Ihr mittelblondes Haar lag locker auf den Schultern und glänzte im Licht der Scheinwerfer. Wie sie nun langbeinig vorm Mikrofon stand und mit einer Hand, vielleicht aus Verlegenheit, es mehrmals leicht berührte, um es zu prüfen, wirkte Max dagegen wie ein Zwerg. Er spielte ihr auf der Gitarre ein paar Takte vor, die sie nachsang. Dann wandte er sich von ihr ab und gab mit dem Fuß, für seine Mitspieler, den Rhythmus vor. Zu den Klängen der Jazzer sang Violetta, ich muss gestehen, das hätte ich ihr nicht zugetraut. Sie modulierte ihre Stimme und ging dabei mehrere Oktaven ohne Anstrengung in die Tiefe und ohrenbetäubend schrill wie eine Rakete in die Höhe.

Danach frenetischer Beifall, während Violetta sich mehrmals verbeugte, ohne Emotionen zu zeigen.