Der Buchclub – Ein Licht in dunklen Zeiten - Annie Lyons - E-Book

Der Buchclub – Ein Licht in dunklen Zeiten E-Book

Annie Lyons

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Beschreibung

Ein warmherziger Roman über Bücher und das Glück von Literatur in düsteren Zeiten Eigentlich wollte sich Gertie Bingham langsam zur Ruhe setzen. Seit dem Tod ihres Mannes fällt es ihr nicht mehr so leicht, Binghams Bücher zu führen. Aber dann bricht der Krieg aus, und das Leben der Londoner Buchhändlerin wird noch einmal komplett durcheinandergewirbelt. Vor allem als sie ein jüdisches Flüchtlingsmädchen aus München bei sich aufnimmt. Hedy ist sehr verschlossen und einsilbig - und der gemeinsame Start mehr als holprig. Erst die Liebe zur Literatur bringt die beiden Frauen einander etwas näher.  Als sie sich bei einem Fliegeralarm in einen Luftschutzbunker flüchten, sind Bücher eine willkommene Ablenkung für alle, die hier Zuflucht gefunden haben. Von da an nehmen Gertie und Hedy jedes Mal, wenn der Warnruf ertönt, etwas zum Vorlesen mit. Schon bald entsteht aus der kleinen Schicksalsgemeinschaft eine Art Buchclub. Aus Fremden werden Freunde. Doch kann es Hoffnung für sie alle geben, wenn die Welt am Abgrund steht? Ein berührendes Plädoyer für Frieden, Mitmenschlichkeit und die hoffnungsspendende Kraft, die in Büchern steckt.

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Seitenzahl: 455

Veröffentlichungsjahr: 2023

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Annie Lyons

Der Buchclub – Ein Licht in dunklen Zeiten

Roman

 

 

Aus dem Englischen von Sabine Längsfeld

 

Über dieses Buch

Das Schicksal führt sie zusammen. Die Bücher spenden ihnen Trost.

Eigentlich wollte sich Gertie Bingham langsam zur Ruhe setzen. Seit dem Tod ihres Mannes fällt es ihr nicht mehr so leicht, Binghams Bücher zu führen. Aber dann bricht der Krieg aus, und das Leben der Londoner Buchhändlerin wird noch einmal komplett durcheinandergewirbelt. Vor allem als sie ein jüdisches Flüchtlingsmädchen aus München bei sich aufnimmt. Hedy ist sehr verschlossen und einsilbig – und der gemeinsame Start mehr als holprig. Erst die Liebe zur Literatur bringt die beiden Frauen einander etwas näher.

Als sie sich bei einem Fliegeralarm in einen Luftschutzbunker flüchten, sind Bücher eine willkommene Ablenkung für alle, die hier Zuflucht gefunden haben. Von da an nehmen Gertie und Hedy jedes Mal, wenn der Warnruf ertönt, etwas zum Vorlesen mit. Schon bald entsteht aus der kleinen Schicksalsgemeinschaft eine Art Buchclub. Aus Fremden werden Freunde. Doch kann es Hoffnung für sie alle geben, wenn die Welt am Abgrund steht?

Ein berührendes Plädoyer für Frieden, Mitmenschlichkeit und die hoffnungsspendende Kraft, die in Büchern steckt.

Vita

Annie Lyons hat als Buchhändlerin in der Charing Cross Road in London gearbeitet und war danach elf Jahre lang im Verlagswesen tätig. Nach einem Kurs für kreatives Schreiben beschloss sie, ihren ersten Roman zu schreiben. Über ihr Auslandsjahr in München sagt sie, es sei eines der schönsten ihres Lebens gewesen. Heute lebt sie als Autorin zusammen mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern im Südosten von London.

 

 

 

Sabine Längsfeld übersetzt bereits in zweiter Generation Literatur verschiedenster Genres aus dem Englischen in ihre Muttersprache. Zu den von ihr übertragenen Autor:innen zählen Anna McPartlin, Sara Gruen, Glennon Doyle, Malala Yousafzai, Roddy Doyle und Simon Beckett. 

Impressum

Die Originalausgabe erschien 2022 unter dem Titel « The Air Raid Book Club» bei HarperCollins Publishers, London.

 

Veröffentlicht im Rowohlt Verlag, Hamburg, Dezember 2023

Copyright © 2023 by Rowohlt Verlag GmbH, Hamburg

«The Air Raid Book Club» Copyright © 2023 by Annie Lyons

Redaktion Nadia Al Kureishi

Covergestaltung bürosüd, München

Coverabbildung Magdalena Russocka/Trevillion

ISBN 978-3-644-01602-6

 

Schrift Droid Serif Copyright © 2007 by Google Corporation

Schrift Open Sans Copyright © by Steve Matteson, Ascender Corp

 

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www.rowohlt.de

Für Helen, meine schmerzlich vermisste, großartige Freundin.

In ewiger Liebe und Dankbarkeit.

Es heißt, der Handel mit Büchern gleiche einer Krankheit, von der man sich, hat man sie erst einmal im Blut, nie wieder erholt.

The Truth About Bookselling, Thomas Joy

Das Lesen verschafft uns unbekannte Freunde.

Honoré de Balzac

Prolog

London, 1911

Gertie Bingham stand in der Warteschlange bei Piddocks Fleischerei und ließ den Blick von der Auslage zum Schaufenster hinaus und zu dem Laden auf der anderen Straßenseite schweifen  als sie urplötzlich ein heftiges Sehnen überkam. Sie hatte das «Zu vermieten»-Schild entdeckt, das dort im Fenster hing. Es war wie Liebe auf den ersten Blick. Sie kannte das Gefühl so gut. Manche Menschen glauben, sich zu verlieben geschehe allmählich, so wie Garn sich nach und nach von der Spule wickelt, aber für Gertie war es etwas Unmittelbares. Ein Pfeil ins Herz. Unerwartet. Aufwühlend. Für die Ewigkeit.

Unwillkürlich stieß sie einen aufgeregten Schrei aus. Die Dame vor ihr in der Schlange, Miss Crow, deren Name gut zu ihrem stechenden Krähenblick passte, gab ein vernehmliches Geräusch der Missbilligung von sich.

«Verzeihung!» Gertie verließ ihren Warteplatz und drängelte sich zur Tür durch. «Das ist es! Endlich habe ich einen Ort gefunden.»

An besagtem Ort war noch ein Hutmachergeschäft untergebracht. Genauer gesagt, Buckinghams Hutmacherei  eleganter Kopfputz für die Dame von Welt. Die Beechwood High Street leistete sich nicht nur einen, sondern gleich zwei Hutmacher, dazu eine Fleischerei, eine Bäckerei und darüber hinaus ein Kerzengeschäft, auch wenn dieses sich etwas umfassender als «Haushaltswarenhandlung» bezeichnete. Der Mangel an wirklich interessanten Geschäften trieb Gertie schier zur Verzweiflung. Sie war im Herzen Londons aufgewachsen und empfand das Leben hier, im südöstlichsten Zipfel der Metropole, mitunter als geradezu stumpfsinnig. Sie sehnte sich nach kultureller Bereicherung, einem Theater, einem Konzertsaal. Am allermeisten jedoch fehlte Gertie eine Buchhandlung.

Das Angebot in Beechwood war durchaus charmant, jedoch größtenteils praktischer Natur. Es gab neben oben erwähnten Geschäften eine Schneiderei, eine Apotheke und eine Confiserie, betrieben von Mrs. Perkins, die, wie Gertie zugeben musste, die besten hausgemachten Toffees zubereitete, die sie je gekostet hatte. Auch bei Travers’ war sie Stammkundin, der von Gerald Travers und seiner Frau Beryl betriebenen Gemüsehandlung. Und Mr. Piddock war ein hervorragender Fleischer  aber Gertie sehnte sich nach mehr, und an diesem strahlenden Junimorgen sah es so aus, als wäre ihr Traum unvermittelt in greifbare Nähe gerückt.

Sie raffte die Röcke und eilte den Hügel zur öffentlichen Bibliothek hinauf, um ihrem Ehemann Harry die frohe Botschaft zu verkünden. Gertie stürmte durch die schweren Mahagonitüren und handelte sich von Miss Snipp, der Ersten Bibliothekarin, eine scharfe Rüge ein.

«Darf ich Sie daran erinnern», zischte sie mit einem tadelnden Blick über den Rand ihres Zwickers hinweg, «dass dies eine Bibliothek ist, Mrs. Bingham? Und keine Ihrer lärmenden Suffragettenversammlungen?»

«Verzeihung», raunte Gertie. «Ob mein Mann wohl kurz zu sprechen wäre?»

Miss Snipp hatte schon den Mund geöffnet, um sie auch für diese abwegige Idee zu tadeln, als die Tür zum Arbeitszimmer des Bibliotheksdirektors geöffnet wurde und Harry erschien, eine Teetasse samt Untertasse und einen Roman von P.G. Wodehouse in Händen. Harry bemerkte Gertie nicht gleich, und sie fühlte sich an das köstlich schwindelnde Gefühl erinnert, das sie damals überwältigt hatte, als sie einander zum ersten Mal begegnet waren.

Wer Harry Bingham nur flüchtig betrachtete, auf den mochte er, gelinde gesagt, recht seltsam wirken. Die schlaksigen Arme und Beine schienen zu lang für den Körper und ließen unwillkürlich an ein Fohlen denken, das gerade laufen lernte. Der Schlips hing schief wie immer, und die Finger waren mit Tintenflecken beschmiert, doch das tat Gerties Liebe zu ihm keinen Abbruch. Im Gegenteil, es gehörte zu den Schlüsselelementen, die sie zu diesem zerzausten, charmanten Mann hingezogen hatten, als er vor vielen Jahren eines Tages in der Buchhandlung ihres Vaters vor ihr gestanden hatte.

Gertie hatte das Glück, in eine Familie von Freigeistern hineingeboren worden zu sein. Ihr Vater Arthur Arnold hatte kurz vor der Jahrhundertwende gemeinsam mit seinem Bruder Thomas am Cecil Court in London die Buchhandlung Gebrüder Arnold gegründet. Arthur und seine Frau Lilian hatten bei der Erziehung von Gertie und ihrem jüngeren Bruder Jack nie einen Unterschied gemacht. Eines der ersten Bücher, das Gerties Mutter ihr zu lesen gegeben hatte, war Original Stories from Real Life von der Frauenrechtlerin Mary Wollstonecraft gewesen. Lilian Arnold galt als unerschütterliche Suffragette, und Gertie wurde zu einem wachen Verstand und zur Entwicklung eines untrüglichen Instinkts für Ungerechtigkeiten erzogen. Innerhalb der vier Wände ihres Zuhauses, wo Debatten und Diskussionen an der Tagesordnung waren, war das alles schön und gut. Als die Mutter jedoch beschloss, ihre Tochter auf eine Mädchenschule zu schicken, eckte Gertie an, denn ihre Schulkameradinnen erkannten, dass Gertie sich keineswegs nach einem Leben in häuslicher Beschaulichkeit und Ergebenheit sehnte.

«Wozu um alles in der Welt wurde mir ein Hirn geschenkt, wenn ich nicht damit denken darf?», beklagte Gertie sich bei ihrer Mutter.

«Hab Geduld, Liebes. Nicht alle Menschen sehen die Welt mit deinen Augen.»

Doch Geduld gehörte nicht zu Gerties Stärken. Sie war immer in Eile, immer darauf aus, sofort das nächste Buch zu verschlingen, eine neue Idee aufzusaugen oder sie in die Welt zu entlassen wie einen aus dem Netz befreiten Schmetterling. Ihre Mutter drängte sie, die Universität zu besuchen, doch auch für ein Studium fehlte es Gertie an Geduld. Sie wollte hinaus ins Leben, wollte in der Welt wirken. Also bat sie ihren Vater um eine Anstellung in seiner Buchhandlung, wo das Schicksal es gut mit ihr meinte und sie Harry begegnete.

«Gertie, wir haben einen Neuzugang», hatte Onkel Thomas eines Tages zu ihr gesagt. «Wärst du so nett, ihn mit unseren Räumlichkeiten und Abläufen vertraut zu machen?» Gertie hatte den Blick von den Karteikarten gehoben, mit denen sie gerade beschäftigt gewesen war, und sofort gewusst, dass sie in die beunruhigend blauen Augen jenes Mannes schaute, den sie einmal heiraten würde. «Harry Bingham, Gertrude Arnold.»

«Sie dürfen mich Gertie nennen», sagte sie, stand auf und gab Harry die Hand.

Aus Harrys Kragen kam ein rötlicher Schimmer den Hals hinauf ins Gesicht gekrochen. «Sehr erfreut», sagte er und zog die Hand, so schnell es die Höflichkeit erlaubte, wieder zurück, um sich die große, runde Brille zurechtzuschieben. Sie verlieh ihm etwas Eulenhaftes, und in Verbindung mit der schlaksigen Figur machte ihn das in Gerties Augen nur umso attraktiver.

Als Lehrling war er schüchtern, doch Gertie merkte schnell, dass alle Verlegenheit verflog, sobald sie anfingen, sich über Bücher zu unterhalten. Sie entdeckten ihre gemeinsame Liebe zu Charles Dickens und Emily Brontë. Nicht lange, und aus gemeinsam verbrachten Arbeitstagen wurden abendliche Theaterbesuche und Wochenendspaziergänge im Park. Ein paar Jahre später heirateten sie, zogen auf die Südseite des Flusses, und Harry wurde Bibliothekar. Das frisch verheiratete Ehepaar hatte fest damit gerechnet, dass ihr gemütliches kleines Haus schon bald von fröhlichen Kinderstimmen erfüllt sein würde, doch nach Jahren voll herzzerreißender Enttäuschungen hatten sie sich der bitteren Tatsache fügen müssen, dass es nicht sein sollte. Ganz die praktische Stoikerin, führte Gertie unbeirrt ihr Leben fort.

Und als sie jetzt in der Hutmacherei auf der Hauptstraße plötzlich das «Zu vermieten»-Schild im Schaufenster erblickte, erkannte ihr ungeduldiger Geist darin augenblicklich die Lösung  und für sie beide eine aufregende Zukunft.

«Eine Buchhandlung?», fragte Harry, als sie sich bei ihm einhakte und ihn mit auf einen Mittagsspaziergang durch den Rosengarten neben der Bibliothek nahm.

«Weshalb denn nicht? Das könnten wir zwei mit links, und außerdem: Fändest du es nicht auch schöner, an einem Ort zu arbeiten, an dem du nicht ständig flüstern musst, um nicht von der schnippischen Miss Schnippschnapp angeschnappt zu werden?»

«Ach, Gertie, so schlimm ist Miss Snipp nun auch wieder nicht.»

«Wenn du meinst …» Gertie zog ihn hinter eine große Eiche und gab ihm einen Kuss.

Harry lächelte und küsste sie zurück. «Was wäre ich nur ohne dich, Gertie Bingham?»

«Ein tragisch einsamer Mann mit gebrochenem Herzen», erwiderte sie.

Kurz darauf wurden sie persönlich bei Miss Maud und Miss Violet Buckingham vorstellig, den zwei Schwestern, die Buckinghams Hutmacherei seit dem Tod ihres Vaters vor dreißig Jahren gemeinsam geführt hatten. Die beiden Damen wirkten höchst angetan von dem sympathischen Paar, das da vor ihnen stand, und beglückwünschten Gertie zu ihrem «elegant sittsamen» Kopfputz.

«Oh, Maud, sind sie nicht reizend, die beiden?»

«Absolut reizend, Vi.»

«Und mit was genau gedenken Sie zu handeln, meine Lieben?»

«Mit Büchern», sagte Gertie.

«Ach, Bücher! Wie wundervoll. Ist das nicht wundervoll, Vi?»

«Wundervoll», bestätigte Violet.

Es war in der Tat wundervoll, denn Violet und Maud erklärten sich nicht nur bereit, den Kaufvertrag für das Ladengeschäft zu unterschreiben, sondern wurden auch zu treuen Stammkundinnen der Binghams.

An dem Tag, als Gertie schließlich die Pforten zu ihrem Abenteuer öffneten, atmete sie bewusst den herrlichen Geruch neuer Bücher ein. Für sie war dieser Duft berauschender als Champagner, und sie konnte sich keinen Platz auf Erden vorstellen, an dem sie lieber gewesen wäre.

Harry nahm ihre Hand und küsste sie. «Willkommen bei Binghams Bücher, Liebste.»

Erster Teil

1.

London, 1938

All unser Tun begleitet uns, oh, so geschwind,

Was wir gewesen, macht aus uns das, was wir sind.

Middlemarch, George Eliot

An diesem Morgen stand Gertie besonders früh vor der Buchhandlung. Sie schlief inzwischen kaum noch länger als bis fünf Uhr. Es war lästig, aber nicht zu ändern. Hemingway, ihr gutmütiger Labrador, war wie fast immer an ihrer Seite. Seit er vor acht Jahren zur Belegschaft der Buchhandlung gestoßen war, war er zu einer Art lokalen Berühmtheit avanciert. An den meisten Tagen nahm Gertie ihn mit in die Buchhandlung, denn sie hatte festgestellt, dass er die Fähigkeit besaß, selbst den ernstesten Mienen ein Lächeln zu entlocken. Und es gab Mütter, die machten während ihrer Besorgungen eigens einen Schlenker in die Buchhandlung, damit ihre begeisterten Kinder sein bärengleiches Hundehaupt streicheln konnten.

Im beschaulichen Beechwood hatte sich kaum etwas verändert, seit Harry und Gertie vor all den Jahren Binghams Bücher eröffnet hatten. Die Bäckerei war noch immer in Händen der Familie Tweedy, und Mr. Piddock, der Fleischer, war erst letztes Jahr in den Ruhestand gegangen und hatte seine tadellos geschliffenen Messer seinem Sohn Harold übergeben, der, schenkte man der örtlichen Klatschbase Miss Crow Glauben, immer ein wenig zu viel Sehne am Knochen ließ.

Langsam ließ Gertie den Blick über die Hauptstraße schweifen. Beim Anblick der honigfarbenen Inschrift über Perkins’ Confiserie sank ihr das Herz. Sie seufzte. Harry hatte ausnahmslos jede Woche bei Mrs. Perkins ein Tütchen Honig-Toffee gekauft, die sie dann an ihren Abenden vor dem Radio gemeinsam verzehrt hatten. Aber diese Zeiten waren unwiederbringlich vorbei.

«Na komm, Hemingway. Braver Junge», sagte Gertie und scheuchte den Hund in den Laden. Sie war dankbar für seine Gesellschaft und dafür, dass er sie auf andere Gedanken brachte.

Die Morgensonne warf die ersten Strahlen durchs Fenster. Kleine Staubkörner tanzten im Licht wie winzige Glühwürmchen. Auch heute hielt Gertie kurz inne, um den köstlich verheißungsvollen Duft ungeöffneter Bücher einzuatmen, wie seit beinahe dreißig Jahren jeden Morgen. Dieser Ort war ihr über viele Jahre ein Quell der Freude gewesen. Harry und sie hatten mit Binghams Bücher etwas Wundervolles erschaffen, eine eigene Welt, randvoll mit Ideen und Geschichten. Es hatte eine Zeit in ihrem Leben gegeben, als Gertie dachte, sie würde die Welt in irgendeiner Weise in öffentlicher Position verändern, doch sie hatte zum Glück schon früh festgestellt, dass sich mit Büchern dasselbe erreichen ließ. Bücher besaßen Macht. Sie inspirierten zu allerlei Ideen und stießen Geschichte an.

Doch in letzter Zeit wurde diese Freude zunehmend schaler. Gertie warf einen Blick zur Hintertür, die ins Lager führte, und sah im Geiste Harry dort stehen, die Arme voller Bücher, und sie anlächeln. Die Erinnerung versetzte ihr einen Stich. Unwillkürlich kraulte sie Hemingways samtige Ohren. Der Hund sah mit trauervollem Blick zu ihr auf.

Ebenjener Gesundheitszustand, der Harry seinerzeit vor dem Großen Krieg bewahrt hatte, hatte ihn vor zwei Jahren das Leben gekostet. Damals, als Harry vom Kriegsdienst befreit worden war, war Gertie ein Stein vom Herzen gefallen, auch wenn Miss Crow keine Gelegenheit ausgelassen hatte, ihn als «Drückeberger» zu bezeichnen. Falls ihre Kommentare Harry gekränkt hatten, so hatte er sich nie etwas anmerken lassen. Auf seinen Einsatz als freiwilliger Luftschutzwart, um den er nie viel Aufhebens gemacht hatte, war Gertie auf jeden Fall mächtig stolz gewesen. Doch das Leben holt einen irgendwann immer ein, und Harrys seit Kindestagen angegriffene Atemwege hatten dafür gesorgt, dass er nicht imstande gewesen war, der Tuberkuloseinfektion etwas entgegenzusetzen.

Gertie konnte es noch immer nicht fassen, dass er von ihr gegangen war. Sie hatten doch noch so vieles vorgehabt.

«Ohne ihn ist es nicht mehr dasselbe, nicht wahr, alter Junge?», sagte Gertie. Ihre Stimme kam ihr viel zu laut vor, als hätte sie in der Kirche bei der Andacht dazwischengerufen. Hemingway schnaubte zustimmend, als Gertie sich eine Träne vom Gesicht wischte. «Tja. Es ist sinnlos, über Dinge zu lamentieren, die sich nicht ändern lassen. Also komm. Es ist nur noch ein einziges Exemplar Wodehouse da, und das würde Harry überhaupt nicht gefallen.»

Als kurz vor Ladenöffnung schließlich Betty, die sie nach Harrys Tod als Verkäuferin eingestellt hatte, zur Arbeit erschien, hatte Gertie bereits sämtliche Regale abgestaubt, aufgeräumt und neu bestückt.

«Also, Mrs. B., ich muss schon sagen, hier ist ja alles blitzeblank», sagte Betty und schlüpfte aus dem Mantel. «Soll ich uns ein Kännchen Tee kochen?»

«Danke sehr, meine Liebe, das wäre wunderbar, ich bin am Verdursten.»

Kurz darauf kehrte Betty mit zwei vollen Teetassen auf wahllos ausgesuchten Untertassen zurück.

«Bitte sehr», sagte sie. «Übrigens, ich bin mir noch immer nicht sicher, welchen Titel wir nächsten Monat in unserem Buchclub vorstellen sollen. Haben Sie vielleicht eine Idee?»

Gertie winkte ab. «Sie treffen ganz sicher die richtige Entscheidung, Betty.»

«Nun, von Middlemarch bin ich sehr angetan.»

«Gute Idee», sagte Gertie. «Ich weiß gar nicht mehr, wann wir zuletzt etwas von George Eliot im Programm hatten.»

«Miss Snipp ist allerdings weniger begeistert, leider.»

«Ach was? Wirft sie stattdessen rein zufällig mal wieder einen Titel von Thomas Hardy in den Ring?»

Betty nickte. «Ich will ja nichts sagen, Mrs. Bingham, Thomas Hardy ist ein großartiger Schriftsteller, aber Tess von den D’Urbervilles haben wir erst vor zwei Monaten gelesen, und, so leid es mir tut, ich fürchte, einige unserer Mitglieder haben für die Art und Weise, wie Miss Snipp die Treffen leitet, nicht allzu viel übrig.»

Gertie war nicht überrascht. Miss Snipps Art zu kommunizieren als kurz angebunden zu bezeichnen, war wohl noch am freundlichsten. Im Grunde grenzte ihr Verhalten an grobe Unhöflichkeit. Als sie sich kennenlernten, hatte Gertie gedacht, es läge daran, dass Miss Snipp sie einfach nicht ausstehen konnte. Doch bald war ihr klar geworden, dass sie damit nicht allein war und Miss Snipp eigentlich niemanden mochte. Abgesehen von Harry, natürlich, aber Harry hatten alle geliebt.

«Verstehe. Und welchen Titel schlägt Miss Snipp fürs nächste Mal vor?»

«Juda der Unberühmte.»

Gertie verzog das Gesicht. «Der Himmel steh uns bei!»

«Tess’ Schicksal hat Mr. Reynolds schrecklich zugesetzt. Ich bin mir nicht sicher, dass er das überstehen würde.»

«Ich werde mit ihr sprechen.»

Betty atmete hörbar auf. «Dafür wäre ich Ihnen wirklich sehr dankbar, Mrs. Bingham. Ich mache mir langsam ernstlich Sorgen um die Mitgliederzahlen. Ich weiß, dass ein Großteil unserer Leserschaft auf dem Postwege teilnimmt, aber das Treffen im letzten Monat war wirklich außerordentlich schlecht besucht. Mr. Reynolds hat mir erzählt, dass oft die Sitzgelegenheiten ausgegangen waren, als Sie und Mr. Bingham noch die Leitung hatten. Ich möchte auf gar keinen Fall, dass Sie enttäuscht sind.»

Gertie schenkte ihr ein aufmunterndes Lächeln. «Aber Betty, das wird nicht geschehen. Alles ändert sich, und die Menschen sind im Augenblick mit den Gedanken woanders. Binghams Buchclub ist momentan die geringste unserer Sorgen.»

Gertie fehlten für ihre Gefühle die Worte. Ihre Welt hatte sich verändert, sie war fahrig und nervös, und der Buchclub war nur deshalb die geringste ihrer Sorgen, weil sie es nicht über sich brachte, ernsthaft darüber nachzudenken. Seit Harrys Tod war sie bei keiner einzigen Versammlung mehr gewesen. Denn sie konnte die Vorstellung, ohne Harry daran teilzunehmen, schlicht nicht ertragen.

Sie hatten Binghams Buchclub gemeinsam gegründet und gleichberechtigt geführt, hatten die allmonatliche Herausforderung genossen, das perfekte Buch auszuwählen, und miteinander überaus anregende Gespräche und Dispute geleitet. Mr. Reynolds hatte nicht übertrieben. Die Leute waren tatsächlich aus den umliegenden Städten angereist, um dabei zu sein. Es war ihnen sogar gelungen, Schriftstellerinnen und Autoren einzuladen, um mit ihnen über ihre Arbeit zu sprechen. Einmal war ihnen mit dem Besuch von Dorothy L. Sayers gewissermaßen ein literarischer Coup gelungen. Was für ein überaus anregender Abend das gewesen war!

All das kam Gertie wie eine ferne Erinnerung vor. Vorbei der aufregende Funke, der damals in ihrem Gehirn aufblitzte, als Harry und sie auf die Idee mit dem Buchclub kamen. Heutzutage konnte sie sich kaum noch dazu aufraffen, überhaupt zu einem Buch zu greifen, und zu allem Neuen oder Originellen fehlte es ihr entschieden an Enthusiasmus. Aus dem Grund hatte sie Betty neben Miss Snipp die Verantwortung für den Club übertragen. Sie war eine eifrige Leserin mit jugendlicher Begeisterung, wie Gertie sie einfach nicht mehr aufzubringen vermochte.

Betty war für die Belegschaft von Binghams Bücher eine Bereicherung und außerdem ein höchst willkommener Gegenpart zu Miss Snipp, die sowohl hinsichtlich ihrer Belesenheit als auch, was Jammern und Klagen betraf, auf eine höchst erfolgreiche Laufbahn zurückblicken konnte. Natürlich war Harry es gewesen, der darauf bestanden hatte, Miss Snipp in der Buchhandlung einzustellen, nachdem sie in der Bibliothek pensioniert worden war.

«Ihr bibliografisches Wissen ist enzyklopädisch, Gertie», hatte er geschwärmt. «Ich könnte mir niemand Besseren vorstellen, um für unsere Kundschaft Bücher aufzustöbern.» Er hatte natürlich recht. Trotzdem war Gertie froh, dass sich Miss Snipps Anwesenheit inzwischen auf zwei Vormittage in der Woche beschränkte und sie sich hauptsächlich in dem improvisierten Kontor in einer Ecke des Lagerraums aufhielt.

Als sie Miss Snipp nun durch die Tür treten sah, die Miene so sauertöpfisch, als hätte sie in eine Zitrone gebissen, wurde Gertie das Herz gleich wieder schwer. Sie beschloss, es mit Harrys Liebenswürdigkeit zu versuchen, auch wenn ihr vor dem Gespräch, das ihr bevorstand, entschieden graute.

«Guten Morgen, Miss Snipp», sagte sie so fröhlich sie konnte. «Ich hoffe, es geht Ihnen gut.»

«Nicht besonders», entgegnete Miss Snipp mit einem Stirnrunzeln. «Meine vermaledeite Hüfte macht mir schrecklich zu schaffen.»

«Das tut mir furchtbar leid», sagte Gertie. «Haben Sie es schon mit Epsom-Salz versucht?»

«Selbstverständlich. Dieses scheußlich feuchte Wetter ist schuld daran.» Es klang so anklagend, als sei Gertie persönlich für das Wetter verantwortlich.

«Ach, o weh, dann lässt sich da wohl kaum etwas machen.»

«Ich fürchte nein. Mrs. Bingham, hätten Sie wohl kurz Zeit für mich?»

«Selbstverständlich.»

Miss Snipp rückte sich die Brille zurecht. «Es geht um den Buchclub.»

«Ach, ja», entgegnete Gertie. Sie fürchtete das Schlimmste.

Miss Snipp verschränkte die Arme vor der Brust. «Ich denke, ich muss von meiner Position als Leiterin zurücktreten.» Sie seufzte. «Die Arbeit wird mir in meinem Alter einfach zu viel, und offen gesagt, die Leute, die sich heutzutage bei den Versammlungen blicken lassen, wissen meine Mühen auch ganz und gar nicht mehr zu schätzen.»

«Das tut mir leid.» Innerlich schöpfte Gertie Hoffnung.

Den Blick in die Ferne gerichtet, schüttelte Miss Snipp den Kopf. «Diese ignoranten Kreaturen verkennen die Größe unserer herausragenden Schriftsteller. Dagegen bin ich machtlos.»

«Ach, wie bedauerlich.»

«Tja. Das Beste wäre nach meinem Dafürhalten, wenn künftig Miss Godwin die Zügel übernähme.»

«Verstehe. Na ja, wenn Sie das für das Beste halten …»

Miss Snipp warf ihr einen scharfen Blick zu. «Ich muss schon sagen, meine Entscheidung scheint Sie nicht sonderlich zu bekümmern, Mrs. Bingham.»

Gertie seufzte mit, wie sie hoffte, angemessener Schwere. «Bitte seien Sie versichert, Miss Snipp, sosehr ich Ihre Entscheidung auch bedaure, Sie haben meine vollste Unterstützung.»

Miss Snipp musterte sie über die Ränder ihrer Brille hinweg. «Nun gut. Dann will ich mich mal an die Arbeit machen», sagte sie und hinkte ins Lager.

«Guten Morgen, Miss Snipp!», rief Betty, als sie einander im Durchgang begegneten.

«Ein guter Morgen sieht anders aus …», murrte die Angesprochene und verschwand.

«Ist alles in Ordnung mit ihr?», fragte Betty, als sie zu Gertie an die Ladentheke trat.

«Alles bestens. Sie hat soeben sämtliche mit dem Buchclub verbundene Aufgaben an Sie übertragen, meine liebe Betty. Das bedeutet, diesen Monat ist George Eliot dran. Ich hoffe, das trifft auf Ihre Zustimmung?»

Betty grinste. «Ich werde Sie nicht enttäuschen, Mrs. B.»

 

Der Vormittag zog sich zäh wie Melasse dahin, bis schließlich gegen elf Barnaby Salmon erschien, ein junger Verlagsvertreter. Die Tatsache, dass Betty die Schultern zurücknahm, sich das Kleid glatt strich und die Frisur kontrollierte, sobald er die Buchhandlung betrat, war Gertie nicht entgangen. Genauso wenig wie die Tatsache, dass Mr. Salmon seine Termine grundsätzlich auf Bettys Dienstzeiten leg-te.

«Guten Morgen», sagte Gertie.

Barnaby lüpfte zur Begrüßung den Hut und rückte sich die Brille zurecht. «Guten Morgen, Mrs. Bingham, Miss Godwin.»

«Mr. Salmon», sagte Betty, die unter seinem Blick ein paar Zentimeter zu wachsen schien.

Gertie wandte sich an den jungen Mann. «Sagen Sie, Mr. Salmon, dürfte ich Sie heute Vormittag wohl der Obhut von Miss Godwin überlassen? Sie ist dabei, zunehmend Verantwortung zu übernehmen, und es ist mir sehr daran gelegen, ihre Bestrebungen nach Kräften zu unterstützen.»

Mr. Salmon sah aus, als hätte sie ihm den Schlüssel zum Himmelreich ausgehändigt. «Selbstverständlich, Mrs. Bingham. Mit dem größten Vergnügen.» Er wandte sich an Betty. «Ich habe ein wunderbares neues Werk von Mr. Orwell im Gepäck. Ich bin mir sicher, es wird Ihnen gefallen, Miss Godwin.»

«Das ist ja fabelhaft.» Bettys Augen funkelten.

Gertie lächelte. Es machte ihr Freude, die Entfaltung dieser bibliophilen Romanze mitzuerleben. Es erinnerte sie an damals, als Harry und sie einander begegnet waren. Ach, wie sehr sie seine zerzauste Erscheinung vermisste!

Sie war dankbar, dass Betty bereitwillig Verantwortung übernahm. Gertie redete sich zwar ein, es läge daran, dass es wichtig war, die junge Generation zu fördern, doch tief in ihrem Herzen wusste sie, dass sie sich auf dem Rückzug befand. Mit Büchern zu handeln, war ihr Leben gewesen, doch ohne Harry hatte dieses Leben seinen Glanz verloren.

Im Grunde genommen galt das für alle Aspekte ihres Lebens. Seine Abwesenheit war Gerties ständiger Begleiter. Sie ertappte sich immer wieder dabei, wie sie den Tisch für zwei deckte oder sich umdrehte, um sich mit ihm über eine beunruhigende Nachricht aus dem Radio auszutauschen oder über eine lustige Situation zu lachen. Oder wie sie unwillkürlich an Harry dachte, wenn ein Kunde um eine Buchempfehlung bat. Er hatte immer instinktiv gewusst, welche Leser welche Lektüre genießen würden, angefangen bei dem kleinen Jungen, der Piraten liebte, bis hin zu dem pensionierten Herrn mit einer Leidenschaft für Shakespeare. Natürlich besaß auch Gertie einen guten Instinkt, aber Harry war ein wahres Naturtalent gewesen. Sie war für den Einkauf zuständig gewesen, und er hatte sich um ihre Kundinnen und Kunden gekümmert.

Es geschah selbst nach zwei Jahren noch, dass Leute die Buchhandlung betraten, nach Harry fragten und mit tiefer Betroffenheit reagierten, wenn Gertie ihnen sagen musste, dass er gestorben war. Sie wusste, wie es ihnen erging. Manchmal ließ Gertie die Finger über die Buchrücken in den Regalen gleiten, weil er dort war, in jedem einzelnen Buch, auf jeder Seite, in jedem Wort. Es verschaffte ihr ein wenig Trost  und vertiefte gleichzeitig die Trauer. Gertie liebte ihre Buchhandlung, doch am meisten hatte sie den Laden in Verbindung mit Harry geliebt.

«Verzeihung? Mrs. B.?»

Blinzelnd vertrieb Gertie den Tagtraum. «Bitte entschuldigen Sie, meine Liebe. Was sagten Sie?»

Betty kicherte. «Na, Sie waren aber tief in Gedanken, Mrs. B. Ich wollte Ihnen nur sagen, dass Mr. Salmon uns jetzt verlässt. Möchten Sie sich die Bestellung noch einmal ansehen? Ich dachte mir, das neue Buch von Mr. Orwell ließe sich groß präsentieren. Ich könnte das Schaufenster umgestalten, wenn Sie wollen.»

Gertie überflog die Bestellliste und nickte alles ab. Sie war froh, dass es jemanden gab, der ihr die Entscheidungen abnahm. «Das sieht alles sehr gut aus. Vielen Dank Ihnen beiden.»

Mr. Salmon deutete eine höfliche Verbeugung an. «Ich danke Ihnen, Mrs. Bingham.» Dann wandte er sich zu Betty. «Miss Godwin, wir sehen uns dann Sonnabend, ja?»

Betty sah ihm tief in die Augen. «Ich freue mich schon.»

«Ich wünsche den Damen noch einen guten Tag», sagte er, blieb in der Eingangstür noch einmal stehen und zog zum Abschied den Hut.

«Sonnabend?», fragte Gertie, sobald er gegangen war.

Betty nickte. «Er hat mich ins Filmtheater eingeladen. Wir wollen uns den neuen Film mit James Stewart ansehen. Normalerweise wäre ich bei diesem Schauspieler ganz aus dem Häuschen, aber wissen Sie was? Im Augenblick ist James Stewart mir piepegal.»

«Ich freue mich für Sie, meine Liebe.»

Betty seufzte glücklich. «Ist es nicht fabelhaft, jemandem zu begegnen, der dieselben Dinge liebt? Barnaby und ich …»

«Oh, dann ist er also schon Barnaby?»

Betty sah sie kokett an. «Na ja, Mr. Salmon wäre dann doch ein bisschen zu förmlich, oder? Die Jahrhundertwende ist schließlich vorbei. Wir haben uns eben darüber unterhalten, dass wir uns beide nichts Schöneres denken können, als mit Büchern zu handeln. Bücher sind Balsam für die Seele. Ich meine, P.G. Wodehouse zum Beispiel. Die Faschisten stürmen Europa, und er erfindet Roderick Spode und lässt sie aussehen wie dämliche Dussel.»

Während Gertie Bettys nächster Theorie lauschte  dass nämlich sämtliche Schriftstellerinnen und Autoren von Charlotte Brontë bis hin zu Charles Dickens die Welt verbessert hatten –, dachte sie über die beiden jungen Leute nach. Betty und Barnaby waren die Zukunft. Sie besaßen beide jene Energie, die ihr selbst inzwischen so schmerzlich fehlte. Vielleicht war es an der Zeit, den Stab weiterzureichen, so wie Mr. Piddock es mit seinem Geschäft getan hatte.

Gertie hatte in den letzten Monaten schon häufiger darüber nachgedacht, irgendwann in naher Zukunft aufzuhören, doch mit einem Mal erschien es ihr geradezu zwingend. Es wurde Zeit weiterzuziehen, womöglich sogar wegzuziehen. Sie liebäugelte mit Rye, oder vielleicht Hastings. Sie ging auf die sechzig zu, und mochte Mr. Chamberlain als Premierminister sagen, was er wollte, für sie sah es so aus, als würde das Land auf einen neuen Krieg zusteuern. Wenn es so weit wäre, wollte Gertie weit weg von London sein, irgendwo, wo es sicherer war. Die Vorstellung, noch einen Krieg zu erleben, war unerträglich. Vor allem jedoch wollte sie der allgegenwärtigen Erinnerung daran entfliehen, dass Harry nicht mehr da war, und der schmerzvollen Realität eines Lebens ohne ihn.

2.

Vergangenheit und Gegenwart sind durchaus Bestandteile meiner Ermittlungsarbeit, doch was jemand in der Zukunft tun mag, diese Frage lässt sich kaum beantworten.

Der Hund von Baskerville, Sir Arthur Conan Doyle

Thomas Arnold war in der Welt der Bücher eine schillernde Persönlichkeit. Mit achtundsiebzig Jahren führte er die Buchhandlung Gebrüder Arnold noch immer und bezeichnete sich als ältesten Buchhändler Londons. Er war munter wie ein Fisch im Wasser und führte das auf sein tägliches Morgenbad im See und die Tatsache zurück, dass er, wie er zu sagen pflegte, «genug Verstand besessen habe, niemals zu heiraten».

Thomas hatte sämtliche Fallgruben und Dramen der vergangenen gut fünfzig Jahre gemeistert und die Gebrüder Arnold zu einer der führenden Buchhandlungen im Land gemacht. Er war bekannt für sein aufbrausendes Temperament und sein großes Herz. Sämtliche Verleger der Stadt hielten entweder große Stücke auf ihn oder betrachteten ihn als lästigen Plagegeist. Literaten und Künstlerinnen standen in der Hoffnung bei ihm Schlange, eine Einladung zu einer seiner legendären Literatur-Matineen zu ergattern. Egal, aus welcher Warte man ihn betrachtete, Thomas Arnold wurde sowohl als umwerfender Exzentriker als auch als umsichtiger Geschäftsmann gepriesen. Dies wurde womöglich am besten durch sein Telegramm an Adolf Hitler aus dem Jahr 1933 veranschaulicht, in dem er wissen wollte, ob er die Bücher kaufen könne, die Hitler zu verbrennen gedenke.

«Was für eine verbrecherische Verschwendung!», hatte er damals während einer ihrer monatlichen Sonntagsspaziergänge im Greenwich Park zu Gertie und Harry gesagt.

Es verstand sich von selbst, dass Gertie ihren Onkel vergötterte. Sie hatte bereits sowohl ihren Bruder als auch ihren Vater und ihre Mutter verloren. Seither war Onkel Thomas ihr letzter lebender Verwandter  und er erfüllte seine Rolle souverän. Ihre regelmäßigen Spaziergänge waren Gertie heilig und umso mehr, seit Harry gestorben war. Sie unterhielten sich übers Geschäft, über Literatur und die Familie, die sie vermissten.

«Hätte ich eine Tochter gehabt, ich hätte gewollt, dass sie so ist wie du», sagte er, während sie den steilen Hügel zum höchsten Punkt des Parks erklommen, wo sie zur Belohnung ein umwerfender Blick über die Stadt erwartete, die sich in der klaren Novemberluft unter ihnen ausbreitete wie auf der Leinwand eines alten Meisters.

«Du bist ein Goldstück», sagte Gertie und blieb stehen, um wieder zu Atem zu kommen.

«Ach was. Ich bin ein grässlicher alter Kauz und hätte einen schauderhaften Vater abgegeben. Abgesehen davon kann ich Kinder nicht ausstehen. Konnte ich noch nie. Werde ich auch nie.»

«Zu mir warst du immer sehr lieb.»

«Ja, das ist etwas völlig anderes, Gertie. Du bist ein Schatz.»

Sie setzten sich auf eine Bank, um die Aussicht zu genießen. Goldener Sonnenschein verlieh der Silhouette Londons den perfekten Rahmen. Hinter dem wogenden Hügel, dem Queen’s House und der Militärakademie bahnte sich die Themse mäandernd einen Weg vorbei an der St.-Pauls-Kathedrale. Es war, als läge ihnen die ganze Stadt zu Füßen.

«Wie Doktor Johnson und ich übereinstimmend feststellen», sagte Thomas. «Wer Londons müde ist, der ist des Lebens müde. Schreib mit, liebste Nichte, das wünsche ich mir als Inschrift auf meinem Grabstein.»

«Ich weigere mich, dein Ableben mit dir zu diskutieren», sagte Gertie. «Du bist alles an Familie, das mir geblieben ist.»

Thomas nahm ihre Hand und küsste sie. «Mein liebes Herz, ich wollte dich nicht grämen. Vergib einem armen, alten Narren.»

«Schon gut. Ich bin heute einfach ein wenig durch den Wind.»

«Was ist los mit dir, Gertie? Du siehst tatsächlich blass aus. Bekommst du ausreichend Schlaf?»

Onkel Thomas war besessen von Schlaf. Er war der festen Überzeugung, dass jeder Mann, jede Frau, jedes Kind jede Nacht exakt acht Stunden Schlaf benötigte. Nicht mehr und nicht weniger.

«Mir geht es gut», sagte sie. «Ein bisschen müde, aber nicht mehr als sonst auch.» Das war gelogen, aber es hatte keinen Sinn, ihn mit der Tatsache zu beunruhigen, dass sie nachts oft wach lag, während ihre Gedanken sich in einem undurchdringlichen Gestrüpp aus Sorgen verhedderten. Dazwischen gab es immerhin auch Nächte, in denen sie schlief, um morgens tatsächlich erfrischt und freudvoll aufzuwachen  bis sie sich umdrehte und mit Harrys verwaister Seite des Ehebetts konfrontiert wurde. Meistens war sie morgens froh, dass Hemingway da war und ihr einen Grund gab aufzustehen.

«Und das Geschäft? Immer noch alles im Schwung?»

«Oh ja. Es geht seinen Gang.»

«Was quält dich dann, mein Kind?»

Gertie räusperte sich. «Ich denke darüber nach, die Buchhandlung aufzugeben und an die Küste zu ziehen. Ich hatte an East Sussex gedacht.»

«Verstehe.» Thomas starrte in die Ferne.

Gertie war die Wutausbrüche und explosiven Reaktionen ihres Onkels gewohnt. Sie wappnete sich, doch er blieb stumm, den Blick starr geradeaus gerichtet. Also holte sie tief Luft und fuhr fort: «Ich glaube, es wird langsam Zeit, mich zur Ruhe zu setzen. Jetzt, wo Harry fort ist, möchte ich die Last des Geschäfts nicht länger alleine tragen. Ich wünsche mir einen friedvollen Ort. Ich glaube, für Hemingway wären Strandspaziergänge genau das Richtige, und du wärst mir natürlich jederzeit herzlich willkommen. Dir würde es auch guttun, London ab und an zu entfliehen.»

«Ist es das?», fragte Thomas. «Geht es dir darum? London zu entfliehen?» Er klang beinahe verletzt.

«Ich weiß es nicht. Ich bin erschöpft, Onkel Thomas. Und ich vermisse Harry. Ich weiß nicht, wie ich mein Leben ohne ihn leben soll.» Ihr traten Tränen in die Augen.

Thomas holte ein grünseidenes Taschentuch hervor und reichte es ihr. «Ach, mein liebes Mädchen. Du dauerst mich sehr. Ich verstehe dich. Es ist nur einfach so, dass ich dich vermissen würde. Wie selbstsüchtig von mir. Bitte verzeih mir meine Gereiztheit.»

Gertie nahm das Taschentuch und tupfte ihre Tränen weg. «Wir würden uns weiterhin sehen. Ich komme nach London, um dich zu besuchen.»

Er tätschelte ihre Hand und ließ den Blick über die Stadt schweifen. «Ich kann es dir nicht verdenken, dass du London entkommen willst, Gertie. Die Aussicht auf einen neuen Krieg erfüllt mich mit Schrecken.»

«Hältst du das für wahrscheinlich?»

Thomas zuckte die Achseln. «Jemand muss diesem Verrückten die Stirn bieten. Was in Deutschland mit den Juden geschieht, ist schockierend. Geschäfte geplündert und zerschlagen, Synagogen in Brand gesteckt, Menschen zusammengepfercht wie Vieh. Es ist abscheulich!»

Gertie nickte. «Ja, es ist schrecklich. Ich wünschte, ich könnte etwas tun, um zu helfen.»

Thomas sah sie an. «Du musst tun, was für dich selbst das Beste ist, Liebes. Und wenn das heißt, in den Ruhestand zu gehen, dann ist das so.»

Gertie seufzte. «Aber ein wenig fühlt es sich so an, als würde ich aufgeben. Ich hätte nie geglaubt, einmal so zu enden. Was hatte ich in meiner Jugend für Kampfgeist!»

Thomas lachte. «Ja, du warst als junges Mädchen ein absoluter Wildfang. Deine Eltern hatten beide Hände voll zu tun, dich im Zaum zu halten. Du sprühtest nur so vor Ideen und Meinungen.»

«Ja, und dann kommt das Leben und stutzt einem die Flügel.»

«Meine liebe Gertrude, du bist neunundfünfzig, nicht neunundachtzig.»

«Dann bist du also der Meinung, ich sollte bleiben.»

«Ich rate dir lediglich davon ab, übereilte Entscheidungen zu treffen, die du später womöglich bereust. Ein Sturm zieht auf, dessen bin ich mir sicher, und es könnte sein, dass es demnächst Leute wie Gertie Bingham braucht, die aufstehen, um zu kämpfen.»

«Ich glaube nicht, dass ich auf mich allein gestellt dazu in der Lage bin.»

«Ich bin auch noch da, Gertie.»

«Ich weiß. Und dafür bin ich sehr dankbar.» Sie beugte sich zu ihm, gab ihm einen Kuss auf die Wange und hakte sich bei ihm unter. «Und jetzt erzähl mir bitte den neusten Klatsch und Tratsch aus der aufregenden Welt der Literatur.»

Thomas’ Augen fingen an zu leuchten. «Na ja, was soll ich dir sagen? Man munkelt, eine gewisse Schriftstellerin sei mit dem Scheidungsgesuch ihres Gatten konfrontiert, nachdem man sie in einer überaus kompromittierenden Situation mit einem Shakespeare-Mimen ertappt hat …»

***

Als Gertie wieder nach Hause kam, hatte es angefangen zu regnen. Sie sperrte die Haustür auf, schüttelte den Regenschirm aus und ließ ihn auf der Veranda stehen. «Es schüttet wie aus Eimern», sagte sie zu Hemingway, der in die Diele getrottet kam, um sie zu begrüßen. Sie gab ihm einen Kuss auf den großen Kopf. «Hattest du einen schönen Tag, mein Liebling?» Gut möglich, dass sie auf andere Menschen ein wenig wunderlich wirkte, aber der sanfte Riese an ihrer Seite gehörte nun mal zu den wenigen Lebewesen, die ihr dieser Tage noch Antrieb gaben. Die Vorstellung, mit ihm in ein idyllisches Cottage ans Meer zu ziehen, die Tage an der Küste verstreichen zu lassen, gemeinsam gemächliche Spaziergänge zu unternehmen und aufs Meer zu schauen, war sehr verlockend.

«Ich könnte anfangen zu schreiben», sagte sie und schürte das Feuer im Kamin. Hemingway legte den Kopf schief, als höre er aufmerksam zu. «Jemandem wie Georgette Heyer tüchtig Feuer unterm Hintern machen.» Die Vorstellung entlockte Gertie ein Lächeln.

Es war eine in jeder Hinsicht romantische Idee, aber was wäre die Alternative? Sie konnte hierbleiben, in der bedrückenden Stille eines Hauses, das für sie allein zu groß war, oder irgendwohin ziehen, wo es ruhig und beschaulich zuging, wo sie ihre Gedanken sammeln könnte und Harrys Abwesenheit sie nicht auf Schritt und Tritt verfolgen würde. Sie machte sich daran, Tee zu kochen, setzte den Kessel auf, nahm Tasse und Untertasse aus dem Schrank.

«Bitte sehr, mein Junge», sagte sie und füllte Futter in den Napf. Hemingway schnupperte kurz, sah mit traurigem Blick zu ihr auf und schnaubte. «Ich weiß, wie du dich fühlst», sagte sie zu ihm und kraulte ihm den Kopf. «Ich habe es auch kein bisschen eilig.»

Sie wollte gerade den Tee aufbrühen, als es an der Haustür klopfte. Hemingway stieß ein halbherziges Knurren aus.

«Ich fürchte, als Wachhund bist du ein wenig aus der Übung, mein Lieber», sagte sie mit einem Blick auf die Uhr. Es war inzwischen fast sechs, und draußen war es stockfinster. Gertie ging nach nebenan ins Wohnzimmer und warf einen Blick durch die Gardine. Als sie den Besucher erkannte, hellte sich ihre Miene auf.

«Mein lieber Mr. Ashford, wie oft soll ich Ihnen noch sagen, ich empfange nach Anbruch der Dunkelheit grundsätzlich keinen Herrenbesuch», sagte sie, als sie die Haustür öffnete.

Charles Ashford war Harrys ältester Freund gewesen. Sie hatten einander seit der Schulzeit gekannt, und während Harry die Welt der Literatur betreten hatte, hatte Charles sich dem Bankwesen zugewandt. Doch sein Dienst als Offizier hatte ihm einen völlig neuen Blick auf das Menschensein eröffnet, und er war verändert aus dem Krieg zurückgekehrt. So hatte er der Finanzwelt schließlich den Rücken gekehrt und einen Posten beim Internationalen Komitee vom Roten Kreuz angetreten. Seither arbeitete er für diverse humanitäre Organisationen. Harry hatte immer gesagt, einen aufrichtigeren und liebenswerteren Menschen als Charles könne es kaum geben.

Als Gertie ihn jetzt vor sich stehen sah, wurde ihr augenblicklich leichter ums Herz. Seine Haare begannen sich bereits zu lichten, doch sein Gesicht war offen und zugewandt wie immer. Sein Anblick weckte wunderbare Erinnerungen an Harry und an die kostbaren Zeiten, als sie als fröhliche Dreierbande unterwegs gewesen waren. Sie waren oft gemeinsam ins Theater oder zum Essen gegangen. Über Gerties Versuche, ihn mit jedem weiblichen Wesen zu verkuppeln, das ihm schöne Augen machte, hatte Charles sich stets köstlich amüsiert.

«Mir ist meine eigene Gesellschaft genug», pflegte er zu sagen. «Und die von dir oder Harry. Ich bin viel zu egoistisch, um ein guter Ehemann zu sein.»

An diesem Abend jedoch wirkte Charles ungewöhnlich ernsthaft. «Bitte entschuldige die späte Störung, Gertie. Darf ich hereinkommen? Ich muss mit dir reden.»

«Natürlich», sagte sie und ging voraus ins Wohnzimmer. «Ist etwas passiert?»

«In gewisser Weise», sagte er. In dem Moment kam Hemingway schwanzwedelnd ins Zimmer, um den Besucher zu begrüßen. Charles tätschelte seinen Kopf. «Hallo, alter Freund.»

«Ich war gerade dabei, Tee zu kochen. Möchtest du auch eine Tasse?»

«Du hast wohl nicht zufällig Whisky im Haus?» Im Dämmerlicht des Wohnzimmers wirkte Charles hager und abgespannt.

«Ich glaube, ich habe noch eine Flasche von Harry», sagte Gertie. Sie öffnete den Barschrank und schenkte zwei Gläser ein. «Komm und setz dich. Du siehst aus, als hättest du einen gehörigen Schrecken erlitten. Was ist denn nur los?»

Sie setzten sich zusammen aufs Sofa. Gertie nippte an ihrem Glas und genoss die scharfe Hitze des Getränks.

Charles schwenkte die bernsteinfarbene Flüssigkeit, dann nahm er einen großen Schluck. «Ich vermute mal, du hast schon gehört, was mit den Juden in Deutschland passiert?»

Gertie schauderte. «Ja, natürlich. Das ist furchtbar.»

«Ich werde rüberfahren, um zu helfen.»

Gertie starrte ihn an. «Helfen? Aber wie denn?»

Charles trank noch einen Schluck Whisky. «Nächste Woche trifft sich eine Delegation vom Roten Kreuz mit Chamberlain und dem Innenminister. Das Ziel ist, so viele Kinder wie möglich da rauszuholen. Die britische Regierung wird höchstwahrscheinlich ihre Einwilligung zur Einreise geben.»

«Du meine Güte, Charles. Aber nach Deutschland zu reisen, ist doch sicher gefährlich, oder?» Der Gedanke, einen weiteren geliebten Menschen zu verlieren, war unerträglich.

Charles Gesicht war wie versteinert. «Nicht annähernd so gefährlich, wie es für die armen kleinen Quälgeister dort sein wird, wenn wir sie nicht aus den Klauen Hitlers und seiner Schergen befreien.»

Gertie nickte. «Absolut. Wirst du lange fortbleiben?»

«So lange, wie es sein muss.»

Sie legte ihm die Hand auf den Arm. «Dem Himmel sei Dank für Menschen wie dich, Charles. Und wo wollt ihr die Kinder unterbringen?»

Er warf ihr einen Seitenblick zu. «Ich bitte augenblicklich alle, die ich kenne, ein Kind aufzunehmen.»

Gertie starrte ihn an. Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. «Aber Charles … Ich bin dabei, mich zur Ruhe zu setzen.» Sie wusste selbst, wie hohl das klang, wie selbstsüchtig. Da saß dieser Mann und riskierte sein Leben für eine Gruppe wildfremder Kinder, und sie war mit nichts anderem beschäftigt als mit ihren eigenen Hirngespinsten.

Charles ließ sie nicht aus den Augen. «Weißt du, was ich damals dachte, als Harry uns miteinander bekannt machte?»

«Hört diese Frau eigentlich jemals auf zu reden?», fragte Gertie mit hochgezogenen Augenbrauen.

Charles lachte. «Ja, das auch, aber vor allem dachte ich, was für ein Glück für ihn, eine Frau mit derart viel Leidenschaft und Kampfgeist gefunden zu haben.»

Gertie starrte in ihr Glas. «Ich bin zu alt, um zu kämpfen, Charles.»

«Niemand ist zu alt, um zu kämpfen, Gertie, und du bist entschieden zu jung, um dich aufzugeben.»

Gertie runzelte die Stirn. «Wer spricht denn von aufgeben? Ich plane lediglich den nächsten Schritt in meinem Leben.» Sie kehrte in Gedanken zu dem Gespräch mit Onkel Thomas zurück.

Ich rate dir davon ab, übereilte Entscheidungen zu treffen, die du später womöglich bereust …

Charles räusperte sich. «Also gut, sagen wir einfach, ich habe Gertie Bingham niemals für eine Frau gehalten, die sich zur Ruhe setzt und die Hände in den Schoß legt, obwohl die Welt sie braucht.»

Gerties Blick fiel auf ihr Hochzeitsfoto. Harry und sie hatten gekichert, als der Fotograf das Bild machte. Man sah den Schalk in ihren Augen. Sie hatten es kaum erwarten können, endlich ihr gemeinsames Leben zu beginnen. «Ich bin müde, Charles. Ich habe genug von all dem Theater.»

Er folgte ihrem Blick. «Du vermisst ihn sehr, oder?»

Gertie war überrascht, wie schnell ihr die Tränen kamen. «Und wie. Er war der Beste.»

Charles beugte sich zu ihr, nahm ihre Hand und drückte einen sanften Kuss darauf. «Und du bist die Beste. Deshalb will ich dich ja auch um den Gefallen bitten.»

Gertie wischte sich eine Träne fort. «Das hier ist doch kein Ort für ein Kind.»

Charles sah sich im Zimmer um. Die randvollen Bücherregale, das Feuer im Kamin, der Hund, der sanft schnarchend zu Gerties Füßen lag. «Ich könnte mir keinen besseren vorstellen …», sagte er. Nach einem letzten Schluck Whisky fuhr er fort: «Alles, worum ich dich bitte, ist, ernsthaft darüber nachzudenken. Die Welt befindet sich am Rande einer Katastrophe, Gertie. Die Frage lautet, stehen wir daneben und sehen untätig zu oder stehen wir auf und leisten unseren Beitrag?»

Gertie starrte ins Feuer. Sie wusste, dass er recht hatte, und wäre sie dreißig Jahre jünger, sie wäre augenblicklich Feuer und Flamme gewesen. Doch während die Welt um sie herum sich zunehmend verdunkelte, fühlte Gertie sich, als würde sich ihre Existenz in sich selbst verkriechen. Das Leben hatte Wunden hinterlassen, und sie wusste nicht, ob sie genug Willenskraft besaß, um anderen Menschen Hoffnung zu machen  von sich selbst ganz zu schweigen.

3.

Du bist Teil meiner Existenz, Teil meiner selbst. Du warst in jeder Zeile, die ich je gelesen habe …

Große Erwartungen, Charles Dickens

Und womit, sagten Sie, handeln Sie, Mr. Higgins?»

Der korpulente Herr strich sich über den opulenten Bart. Gertie fühlte sich an einen Bären erinnert.

«Von Beruf bin ich Gärtner, und ich handle mit Sämereien, Mrs. Bingham», erzählte er. «Ich sehe mich jedoch im weiteren Sinne als Naturkundler.»

«Ah!», erwiderte Gertie. «Wie unser berühmter Mr. Darwin.» Sie zog ein Exemplar von Über die Entstehung der Arten aus dem Regal und hielt ihm das Buch hin.

«Oh ja. Ein großer Mann», sagte Mr. Higgins mit abwesendem Blick.

«Und Ihr Sortiment enthält dann vermutlich alles, was man als Gartenliebhaber so braucht?»

Das rötliche Gesicht über dem Bart wurde ernst. «Aber nein, Verehrteste. Meine wahre Leidenschaft gehört der Taxidermie.»

«Taxidermie?»

Er nickte. «Ich bin ein wahrer Experte, was die Präparation von Tieren betrifft. Viele Menschen wollen ihre verblichenen Lieblinge auch nach deren Ableben unbedingt weiter in ihrer Nähe wissen, verstehen Sie?»

Eher zufällig gab Hemingway von seinem Stammplatz hinter dem Ladentisch ein Winseln von sich.

«Verstehe», sagte Gertie. Sie wünschte inständig, Harry wäre jetzt hier. Sie sah förmlich den Schalk, der in seinen Augen aufblitzen würde, und konnte sich vorstellen, welche Wendung dieses Gespräch mit ihm genommen hätte.

«Außerdem vertreibe ich Hundeshampoo», fügte Mr. Higgins fröhlich hinzu. «Hier, nehmen Sie eine Gratisprobe.» Er zog eine dunkelbraune Ampulle aus der Tasche.

«Danke sehr.» Mit steifem Lächeln nahm Gertie das Fläschchen entgegen.

Mr. Higgins tippte sich an die Hutkrempe. «Ich will mal wieder. Dann werde ich also warten, bis Miss Crisp sich meldet, ja?»

«Ja, wenn Sie so freundlich wären. Vielen Dank, dass Sie sich Zeit genommen haben, vorbeizusehen.»

Sobald er weg war, atmete Gertie auf. «Na, das gibt uns aber Stoff zum Nachdenken, was, alter Junge?», sagte sie und schaute zu Hemingway hinunter. «Ich bin mir zwar nicht sicher, was die Leute in der Gegend von einem Taxidermisten halten würden, aber an mich mussten sie sich schließlich auch erst einmal gewöhnen.»

Da war definitiv was dran. «Unkonventionell» hatte zu den freundlichsten Begriffen gehört, die Gertie über sich zu Ohren kamen, als sie und Harry damals Binghams Bücher eröffneten. Die Leute hatten sie mit äußerstem Misstrauen beäugt, als würde Gertie bei nächster Gelegenheit einen Fluch aussprechen, der ihnen ungebeten neue Flausen in den Kopf setzte. Es erstaunte Gertie immer wieder, dass die Ansichten der Menschen hier, kaum zehn Meilen entfernt von dem Ort ihrer Kindheit, oft so anders waren, als lebten sie auf dem Mond. Die meisten hatten zwar ihre Meinung schließlich geändert, doch es gab immer noch ein paar wenige, wie die gefürchtete Miss Crow, die weiterhin einen großen Bogen um ihre Buchhandlung machten.

Die Tür ging auf, und Gertie hob den Blick. Eine ältere Frau betrat, auf einen Stock gestützt, den Laden. Es war Mrs. Constantine, eine aufrechte, würdevolle Dame, die Gertie ein wenig an Königin Mary erinnerte. Sie trug stets ein Perlencollier und hatte die Haare zu einem eleganten Knoten frisiert. Manchmal beehrte sie sogar den Buchclub.

Als Hemingway Mrs. Constantine erblickte, ließ er es sich nicht nehmen, aufzustehen und ihr schwanzwedelnd entgegenzutrotten, um sie persönlich zu begrüßen.

«Ah, mein lieber Mr. Hemingway. Ich bringe dir eine feine Leckerei», sagte die alte Dame und hielt ihm eine Tüte hin, die ein paar saftige Stückchen Hühnerfleisch enthielt. «Ich kann unmöglich eine ganze Hühnerbrust allein verspeisen, und da dachte ich mir, teile ich sie doch mit einem Freund.» Zufrieden sah sie zu, wie er das Geschenk binnen Sekunden verputzte.

«Dieser Hund ist absolut verwöhnt», sagte Gertie.

«Er hat es verdient», entgegnete Mrs. Constantine. «Nicht wahr, Mr. Hemingway?» Der Hund bellte zustimmend. «Und wie klug er ist. Mindestens so klug wie Hercule Poirot. Was mich zu der Frage bringt, ob mein Buch eingetroffen ist, Mrs. Bingham?»

«Ja», antwortete Gertie und holte das bestellte Exemplar von Der Tod wartet aus dem Regal. «Ich glaube, es wird Ihnen gefallen. Ich für meinen Teil fand es noch besser als Tod auf dem Nil.»

«Das ist ein großes Lob, meine Liebe», sagte Mrs. Constantine und nahm mit anerkennendem Blick das Buch entgegen. «Was für eine großartige Schriftstellerin. Sie führt mich ständig wieder in die Irre. Ich lag noch kein einziges Mal richtig!»

Gertie lächelte. Mrs. Constantine gehörte zu dem Teil ihrer Kundschaft, den sie vermissen würde. Sie war alleinstehend und vor etwa zwanzig Jahren in die Nachbarschaft gezogen. Gerüchte besagten, sie sei ein Mitglied des russischen Hochadels und hätte infolge der Revolution aus Moskau fliehen müssen. Mrs. Constantines Lebensgeschichte hätte sicher eine wunderbare Lektüre abgegeben.

«Agatha Christie besitzt damit das Merkmal einer herausragenden Schriftstellerin von Kriminalromanen», sagte Gertie.

«Es war Ihr lieber Harry, der mich damals überhaupt erst auf Mrs. Christie gebracht hat», sagte Mrs. Constantine.

«Er besaß das große Talent, Leserinnen und Leser mit dem perfekten Buch zusammenzuführen», sagte Gertie, und sie musste schlucken.

Die alte Dame musterte sie aufmerksam. «Wie lange ist das jetzt her, meine Liebe?»

Manche Menschen hätten diese Frage womöglich als aufdringlich empfunden, doch Gertie kannte Mrs. Constantine lange genug, um zu wissen, dass die Frage aufrichtiger Anteilnahme entsprang.

«Zwei Jahre. Eine lange Zeit.»

Mrs. Constantine schüttelte den Kopf. «Wer geliebt und verloren hat, für den ist das kaum ein Wimpernschlag. Glauben Sie mir, ich weiß, wovon ich spreche.» Sie streckte die behandschuhte Hand aus und tätschelte Gertie mitfühlend den Arm. «Wir Frauen haben mehr als ein Kreuz zu tragen. Schleppen Sie an den Ihren nicht zu schwer, meine Liebe.» Dann zahlte sie, und bevor sie ging, lächelte sie Hemingway noch einmal zu.

Gertie wusste natürlich, dass die alte Dame recht hatte. Trotzdem verfolgte die Trauer sie so hartnäckig wie der Geist der vergangenen, der gegenwärtigen und der zukünftigen Weihnacht in Personalunion, und sie hatte keine Ahnung, wie sie dieses Gespenst vertreiben sollte.

Schlag halb zwölf kündigte die Glocke über der Tür den Besuch von Miss Alfreda Crisp an. Gertie mochte sie. Miss Crisp war eine junge, ambitionierte Frau, deren Vater seine Immobilienagentur kurz vor Kriegsbeginn gegründet hatte. Damals erwartete seine Frau ihr erstes Kind, und schließlich fand er sich zu seinem Bedauern mit einer Reihe Töchter und keinem einzigen Sohn wieder. Statt Crisp & Söhne stieg dann eben Crisp & Töchter zu einer der führenden Immobilien- und Vermietungsagenturen der Gegend auf, geleitet von dem liebenswürdigen Mr. Crisp und dreien seiner fünf Töchter. Alfreda war die jüngste und besaß einen jugendlichen Elan, den Gertie sehr bewunderte. Sie hatte gelobt, alles in ihrer Macht Stehende zu tun, um die richtigen Pächter für die Übernahme «Ihrer überaus reizenden Buchhandlung» zu finden.

«Guten Morgen, Mrs. Bingham», sagte die junge Frau mit einem fröhlich-forschen Lächeln.

«Guten Morgen, Miss Crisp. Pünktlich auf die Minute. Ich bin beeindruckt.»

«Sich zu verspäten, ist der Gipfel der Unhöflichkeit, predigt mein Vater immer.»

«Womit er nicht unrecht hat», erwiderte Gertie.

«Darf ich mich nach dem Verlauf des Gesprächs mit Mr. Higgins erkundigen?»

Gertie zögerte. Sie wünschte sich sehr, sie hätte Harry zurate ziehen können, um sich zu vergewissern, dass das, was sie in ihrem Herzen fühlte, auch den Tatsachen entsprach. «Nun, er ist ein überaus charmanter Mensch.»

«Oh, absolut», stimmte Miss Crisp ihr zu. «Sehr charmant.»

«Aber wenn ich ehrlich sein darf, ich hatte gehofft, jemanden zu finden, der das Geschäft so weiterführen würde, wie es ist.»

«Als Buchhandlung?»

«Genau.»

Miss Crisp sah sie bekümmert an. «Es tut mir wirklich schrecklich leid, Mrs. Bingham, aber ich fürchte, das könnte angesichts des gegenwärtigen politischen Klimas eine Herausforderung sein. Ein bestehendes Geschäft zu übernehmen, selbst ein erfolgreiches wie das Ihre, ist eine schwierige Aufgabe, vor allem weil niemand weiß, wo das Land in einem halben Jahr stehen wird.»

«Dann habe ich gar keine Chance?», fragte Gertie und hoffte, dass sie nicht zu verzweifelt klang.

Miss Crisp zog die Augenbrauen hoch. «Ich werde es selbstverständlich versuchen. Man kann nie wissen, aber ich sehe es als meine Pflicht an, ganz aufrichtig zu sein. Seien Sie versichert, ich werde weiterhin mein Bestes geben.»

«Ich danke Ihnen sehr, meine Liebe», antwortete Gertie peinlich berührt, weil sie sich zu sehr hatte gehen lassen.

Miss Crisp bedachte sie mit jenem mitleidigen Blick, der Gertie in den letzten Jahren häufig zuteilwurde. Sie hatte sich inzwischen daran gewöhnt. Es war der Blick, den Menschen aufsetzten, sobald ihnen wieder einfiel, dass sie Witwe war. Eine Witwe. Was für ein finsteres, deprimierendes Wort. So endgültig.

«Geben Sie die Hoffnung nicht auf, Mrs. Bingham», sagte sie, dann eilte sie davon.

«Ich fürchte, dafür ist es inzwischen ein bisschen zu spät. Was meinst du, Hemingway?» Der Hund sah zu Gertie auf und gähnte. «Ich stimme dir zu. Trauer ist fürchterlich öde.» Sie sah auf die Uhr. «Also komm. Heute machen wir ausnahmsweise früher Schluss. Betty wird gleich kommen, um die Versammlung des Buchclubs vorzubereiten. Heute ist Dickens an der Reihe.» Hemingway stieß noch ein weiteres herzhaftes Gähnen aus. «Für einen literarischen Hund mangelt es dir entschieden an Respekt, mein Lieber.»

«Hallöchen, Mrs. B.!», rief Betty, die in diesem Augenblick auch schon durch die Tür geschossen kam wie ein Komet.

«Hallo, meine Liebe. Hemingway und ich wollten gerade zuschließen, um Ihnen nicht im Wege herumzustehen.»

«Bitte nicht. Meinetwegen müssen Sie sich nicht beeilen. Wollen Sie nicht einfach dableiben und sich am Gespräch beteiligen? Große Erwartungen ist eine wundervolle Lektüre.»

«Da gebe ich Ihnen recht», sagte Gertie. «Aber montags gehen wir immer Harry besuchen.»

Betty schlug sich an die Stirn. «Natürlich! Ich bitte um Verzeihung, Mrs. B. Was bin ich doch manchmal für ein Trampeltier.»

Gertie winkte ab. «Machen Sie sich bloß keine Gedanken. Rechnen Sie denn mit einer guten Beteiligung?»

«Eher nicht. Mr. Reynolds ist schrecklich erkältet, und Mrs. Constantine hatte bereits etwas anderes vor. Ich hoffe, dass Miss Pettigrew zu uns stößt, obwohl es schwer ist, sie dazu zu bewegen, etwas anderes zu lesen als Georgette Heyer. Damit blieben eigentlich nur –»