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Im Frankreich des 17./18. Jahrhunderts fällt der beste Freund des späteren Regenten von Paris einem Mordkomplott zum Opfer. Er selbst galt als unbezwingbarer Fechtmeister, der als Einziger einen legendären, nicht abwehrbaren Degenstoß direkt zur Stirn der Gegner beherrschte, den Stoß von Nevers. So ließ er sich nur von einer überwältigenden Übermacht an Kämpfern bezwingen. Ein weiterer Degenmeister hat allen am Komplott Beteiligten Rache geschworen und verfolgt sie über Jahre hinweg unerbittlich und mit List in ganz Europa und bis in die höchsten Kreise der Pariser Gesellschaft.
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Seitenzahl: 1103
Veröffentlichungsjahr: 2025
Impressum
Erster Teil
Zweiter Teil
Dritter Teil
Vierter Teil
Fünfter Teil
Sechster Teil – Das Todeszeugnis
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I. Das Lourontal
Einst stand hier eine Stadt namens Lorre, mit Heidentempeln, Amphitheatern und einem Kapitol; jetzt ist nur mehr ein ödes Tal da, wo der untätige Pflug des Landwirtes aus der Gascogne zu befürchten scheint, sein Eisen durch den Marmor der vergrabenen Säulen stumpf zu machen. Das Gebirge ist ganz nahe. Die hohe Kette der Pyrenäen gibt gerade im Blickfeld des Betrachters ihre beschneiten Konturen preis und zeigt den blauen Himmel des spanischen Landes hinter dem tiefen Einschnitt, der den Schmugglern aus der Venasque als Schleichweg dient. Unweit von hier hustet, tanzt und grinst Paris und träumt davon, an den Quellen von Bagnères-de-Luchon von seiner unheilbaren Bronchitis zu genesen; ein wenig weiter, auf der anderen Seite, ein anderes, ein an Rheumatismus leidendes Paris, das glaubt, seine Ischias in den Schwefelbädern von Barèges-les-Bains zu kurieren. Und ewig wird der Glaube Paris retten, trotz Eisen, Magnesia oder Schwefel!
Das ist das Lourontal, zwischen dem Auretal und dem Baroussetal gelegen, das den zügellosen Touristen, die jedes Jahr kommen, um die wilde Gegend zu entdecken, vielleicht am wenigsten bekannte Tal; das Lourontal mit seinen Blumenoasen, seinen gewaltigen Wildbächen und seinem Fluss, seiner braunen Clarabide, die sich wie ein dunkler Kristall zwischen den beiden steilen Uferböschungen hindurchzwängt, das Lourontal mit seinen fremden Wäldern, seinem alten, blasierten und aufschneiderischen Schloss, das sagenumkränzt ist wie ein Ritterepos.
Wenn man links des Einschnittes, am Abhang des kleinen Pic Véjen, den Berg hinabsteigt, erfasst man mit einem Blick die gesamte Landschaft. Das Lourontal bildet die äußerste Spitze der Gascogne. Es erstreckt sich im Detail zwischen dem Forst von Ens und den schönen Wäldern von Fréchet, die quer durch das Baroussetal die Paradiese von Mauléon, Nestes und Campan verbinden. Das Land ist arm; aber die Aussicht ist reich. Die Sonne sticht fast überall heftig herunter. Sturzbäche, die die Grasmatten zerrissen haben, haben die Wurzeln der Riesenbuchen und Felsen in ganzer Tiefe bloßgelegt; es haben sich vertikale Rampen gebildet, die von den überwuchernden Wurzeln der Kiefern von oben bis unten zerspalten worden sind. Manch Höhlenbewohner hat seinen Wohnort am Fuße dieser Felsen ausgehöhlt, während ein Führer oder Schäfer den seinen am Gipfel des Felsens aufgehängt hat wie den unerreichbaren und hohen Horst eines Adlers.
Der Forst von Ens folgt der Verlängerung eines Hügels, der plötzlich, mitten im Tal, abbricht, um die Clarabide durchzulassen. Dieser östlichste Punkt des Hügels endet in einem abrupten Steilhang, wo niemals ein Pfad trassiert worden ist. Die Art seiner Formation steht im Gegensatz zu jener der umgebenden Ketten. Er scheint das Tal zu schließen wie eine enorme Barrikade, die von einem Berg zum anderen reichen würde, wenn der Fluss dem nicht kurzerhand Einhalt böte.
Landläufig nennt man diesen wunderlichen Abschnitt „le Hachaz“ (den Axthieb). Darüber gibt es natürlich eine Legende, aber wir ersparen sie uns. Hier erhob sich das Kapitol der Stadt Lorre, die zweifelsohne dem Lourontal seinen Namen gegeben hat. Hier sieht man noch die Ruinen des Schlosses von Caylus-Tarrides.
Von Ferne bieten diese Ruinen einen großartigen Anblick. Sie nehmen einen beträchtlichen Raum ein, und man sieht noch, etwas mehr als hundert Schritte vom Hachaz, die ausgezackten Enden der alten Türme zwischen den Bäumen in die Luft ragen. Von Nahem sieht es wie ein befestigtes Dorf aus. Die Bäume sind zwischen den Trümmern emporgewachsen, und mancher Stamm einer Tanne musste ein Steingewölbe durchbohren, um zu wachsen, und besitzt dieses jetzt als Taille. Aber die meisten dieser Ruinen sind eher einfache Konstruktionen, wo Holz und Lehm oft den Granit ersetzen.
Die Tradition berichtet, dass ein Caylus-Tarrides (das war der Name dieses Zweiges, der vor allem wegen seiner immensen Reichtümer bedeutend war) ein Bollwerk um den kleinen Weiler Tarrides errichten ließ, um seine Hugenotten-Vasallen nach der Abschwörung von Heinrich IV. zu beschützen. Er nannte sich Gaston von Tarrides und trug den Titel eines Barons. Dem Besucher der Ruinen von Caylus wird deswegen gerne die Eiche des Barons gezeigt.
Ihre Wurzel tritt am Rande des alten Wassergrabens, der das Schloss gegen Westen verteidigte, aus der Erde. Eines Nachts traf ein Blitz die Eiche. Sie war damals schon ein großer Baum; sie fiel mit einem Schlag und legte sich quer über den Graben. Seither liegt sie dort und vegetiert über die Rinde, die als Einzige am Ort des Bruches lebend geblieben ist. Seltsamerweise hat sich ein Trieb von dem Stamm losgemacht, dreißig oder vierzig Fuß vom Grabenrand entfernt. Dieser Schössling ist gewachsen und eine herrliche Eiche geworden, eine ausgesetzte, eine Wundereiche, in die schon zweitausendfünfhundert Touristen ihren Namen eingraviert haben.
Die Caylus-Tarrides sind zu Beginn des achtzehnten Jahrhunderts mit Franz von Tarrides, einer der Personen unserer Geschichte, erloschen. Im Jahre 1699 war der Herr Marquis von Caylus sechzig Jahre alt. Er war zu Beginn der Regierung von Ludwig XIV. an dessen Hof, aber ohne viel Erfolg, und hatte sich unzufrieden zurückgezogen. Er lebte dann auf seinen Besitzungen mit seiner schönen, einzigen Tochter Aurora von Caylus. Man hat ihn im Lande zusätzlich Caylus-Verrou1 genannt, und zwar aus folgenden Gründen:
Am Anfang seines vierzigsten Lebensjahres war der Herr Marquis Witwer. Seine erste Frau hatte ihm keine Kinder geboren. Er verliebte sich in die Tochter des Grafen von Soto-Mayor, des Gouverneurs von Pamplona. Inès von Soto-Mayor, ein Mädchen aus Madrid mit Feueraugen und einem noch viel brennenderen Herzen, war damals achtzehn Jahre alt. Der Marquis verbrachte, weil er offenbar seiner ersten Frau wenig Glück gebracht hatte, seine Zeit immer eingeschlossen in seinem alten Schloss von Caylus, wo sie mit fünfundzwanzig Jahren gestorben war. Inès erklärte, sie würde niemals die Begleiterin dieses Mannes werden. Aber daraus wurde wohl ein Geschäft, wie üblich in dem damaligen Spanien der Dramen und Komödien, wo der Wille eines jungen Mädchens gebrochen wird! Die Alkalden, die Duenjen, die Schurkenknechte und die heilige Inquisition, ganz zu schweigen von den Vaudevillisten, sind dafür eingerichtet worden.
Eines schönen Abends durfte die traurige Inès, hinter ihrer Jalousie versteckt, noch ein letztes Mal die Serenade des jüngeren Sohnes des Korregidors anhören, der recht gut auf der Gitarre spielte. Montags reiste sie mit dem Herrn Marquis nach Frankreich. Dieser nahm Inès ohne Mitgift und bot außerdem dem Herrn von Soto-Mayor noch ich weiß nicht wie viele Millionen Pistolen.
Der Spanier, viel nobler als der König und noch viel bettelärmer als nobel, konnte derartigen Macharten nicht widerstehen. Als der Herr Marquis seine schöne, tief verschleierte Madriderin in das Schloss von Caylus brachte, entstand ein allgemeines Fieber unter den jungen Edelleuten des Lourontales. Es gab nun gar keine Touristen mehr, vielmehr Wanderliebhaber, die darangingen, die Herzen der Provinz überall dort in Brand zu stecken, wo der Gang des Vergnügens Reisen auf Rabatt begünstigt; aber der fortdauernde Krieg mit Spanien unterhielt zahlreiche Partisanentruppen an der Grenze, und der Herr Marquis musste schauen, sich gut zu halten.
Er hielt sich gut; er akzeptierte tapfer die Wette. Der Liebhaber, der die Eroberung der schönen Inès versuchen wollte, hätte sich zuerst mit Belagerungskanonen ausrüsten müssen. Es handelte sich nicht einfach um ein Herz; das Herz war geschützt hinter den Mauern einer Festung. Die zarten Briefchen richteten hier nichts aus, die sanften Blicke verloren ihr Feuer und ihre Wehmut, selbst die Gitarre war ohnmächtig. Die schöne Inès war unnahbar. Kein Liebhaber, Bärenjäger, Krautjunker oder Hauptmann konnte sich rühmen, wenigstens den Rand ihrer Pupille gesehen zu haben.
Das hieß sich gut halten. Am Ende von drei oder vier Jahren überschritt die arme Inès endlich wieder die Schwelle dieses fürchterlichen Landsitzes. Es ging zum Friedhof. Sie war an Einsamkeit und Langeweile gestorben. Sie hinterließ eine Tochter.
Die Rachsucht der besiegten Liebhaber gab dem Marquis den Spitznamen Verrou (Riegel). Von Tarbes bis Pamplona, von Argèles bis Saint Gaudens fand man weder Mann noch Frau noch Kind, die den Herrn Marquis anders genannt hätten als Caylus-Verrou.
Nach dem Tode seiner zweiten Frau versuchte er nochmals zu heiraten, denn er hatte die schöne Natur eines Blaubartes, den nichts entmutigt; aber der Gouverneur von Pamplona hatte keine Töchter mehr, und der Ruf des Herrn Marquis war so perfekt etabliert, dass auch die unerschrockensten unter den heiratsfähigen jungen Mädchen vor seinem Verlangen zurückwichen.
Er blieb Witwer und wartete ungeduldig auf das Alter, wo es notwendig würde, seine Tochter hinter Schloss und Riegel zu bringen. Die Edelleute des Landes mochten ihn gar nicht, und so fehlte es, trotz seines Reichtums, oft an Gesellschaft. Die Langeweile jagte ihn aus seinem Schlossturm hinaus. Er nahm die Gewohnheit an, jedes Jahr nach Paris zu gehen, wo die jungen Kurtisanen sich seines Geldes bedienten und über ihn spotteten.
Während seiner Abwesenheit blieb Aurora unter der Beaufsichtigung von zwei oder drei Duenjen und eines alten Schlossverwalters.
Aurora war so schön wie ihre Mutter. Das war das spanische Blut in ihren Adern. Als sie sechzehn Jahre alt war, hörten die guten Leute aus dem Weiler Tarrides oft, in dunklen Nächten, das Heulen der Hunde von Caylus.
Zu dieser Zeit begann Philipp von Lorraine, Herzog von Nevers, einer der brillantesten Landesherren am französischen Hof, sein Schloss in Buch im Jurançon zu bewohnen. Er erreichte mit Mühe sein zwanzigstes Lebensjahr, und, weil er mit seiner Gesundheit Raubbau getrieben hatte, war er im Begriff, an Mattigkeit zu sterben. Die Bergluft tat ihm gut: Nach einigen Wochen im Grünen dehnte er seine Jagdzüge sogar bis ins Lourontal aus.
Als die Hunde von Caylus das erste Mal in der Nacht heulten, hatte der junge Herzog von Nevers, erschöpft und müde, einen Holzhauer aus dem Forst von Ens um Obdach gebeten.
Nevers blieb ein Jahr in seinem Schloss in Buch. Die Schäfer von Tarrides sagten, er wäre ein edler Herr.
Die Schäfer von Tarrides erzählten zwei nächtliche Abenteuer, die während seines Aufenthaltes im Lande stattfanden. Einmal sah man zu mitternächtlicher Zeit einen Schimmer aus den Fenstern der alten Kapelle von Caylus fallen.
Die Hunde hatten nicht geheult; aber eine dunkle Gestalt, die die Leute aus dem Weiler zu kennen meinten, weil sie sie oft gesehen hätten, war nach Einbruch der Nacht in die Gräben geglitten. Diese alten Schlösser sind ganz voll von Phantomen.
Ein anderes Mal, gegen elf Uhr nachts, verließ Dame Martha, die jüngste der Duenjen von Caylus, den Landsitz durch das große Tor und rannte zu der Holzfällerhütte, in welcher der junge Herzog von Nevers unlängst Gastfreundschaft gefunden hatte. Ein von Hand getragener Stuhl durchquerte wenig später den Wald von Ens. Danach drangen aus der Holzhauerhütte Frauenstimmen. Montags war der brave Mann verschwunden. Die Hütte wurde jedem, der sie wollte, zur Verwendung freigegeben. Dame Martha verließ das Schloss von Caylus am selben Tag.
Seit diesen Ereignissen waren vier Jahre vergangen. Man hatte niemals weder etwas von dem Holzhauer noch von der Dame Martha gehört. Philipp von Nevers war nicht mehr auf seinem Landsitz in Buch. Aber ein anderer Philipp, nicht weniger glänzend, nicht weniger großer Herr, beehrte das Lourontal mit seiner Anwesenheit. Es war dies Philipp Polyxène von Mantua, Prinz von Gonzaga, mit dem der Herr Marquis von Caylus seine Tochter Aurora verheiraten wollte.
Gonzaga war ein Mann von dreißig Jahren, ein wenig verweichlicht im Gesicht, aber im Übrigen von einer seltenen Schönheit. Unmöglich, eine noblere Körperhaltung als die seine zu finden. Seine schwarzen und glänzenden Haare umgaben sein Gesicht, dessen Haut viel heller war als die eines Frauengesichtes, und bildeten in natürlicher Weise diese weite und ein wenig schwere Frisur, die die Kurtisanen von Ludwig XIV. nicht einmal erhielten, wenn sie zwei oder drei künstliche Haarschöpfe jenem hinzufügten, mit dem sie geboren worden waren. Seine schwarzen Augen hatten den klaren und hochmütigen Blick der Italiener. Er war groß und wunderbar tailliert; sein Gang und seine Gesten waren von einer theatralischen Majestät.
Wir sagen nichts von dem Hause, aus dem er kam. Gonzaga klingt ebenso hoch in der Geschichte wie Bouillon, Este oder Montmorency. Seine Verbindungen entsprachen seiner Noblesse. Er hatte zwei Freunde, zwei Brüder, der eine war Lorraine, der andere Bourbon. Der Herzog von Chartres, ein wirklicher Neffe von Ludwig XIV., außerdem Herzog von Orléans und Regent von Frankreich, der Herzog von Nevers und der Prinz von Gonzaga waren unzertrennlich. Der Hof nannte sie die drei Philipp. Ihre gegenseitige Hochachtung erinnerte an die schönen Sinnbilder der antiken Freundschaft.
Philipp von Gonzaga war der Älteste. Der zukünftige Regent war erst vierundzwanzig Jahre alt, und Nevers war ein Jahr jünger. Man kann sich vorstellen, wie die Idee, solch einen Schwiegersohn zu haben, der Eitelkeit des alten Caylus schmeichelte. Das allgemeine Gerücht gestand Gonzaga immense Güter in Italien zu; außerdem war er leiblicher Cousin und Alleinerbe von Nevers, den jeder als einen vorzeitig dem Tode Geweihten betrachtete. Zudem besaß Philipp von Nevers als einziger Erbe dieses Namens eines der schönsten Gebiete in Frankreich.
Sicherlich konnte niemand argwöhnen, dass der Prinz von Gonzaga den Tod seines Freundes gewünscht hätte; aber es lag nicht in seiner Macht, ihn zu verhindern, und es ist ein sicheres Faktum, dass dieser Tod ihn zum zehn- oder zwölffachen Millionär gemacht hätte.
Schwiegervater und -sohn waren sich beinahe einig. Was jedoch Aurora betrifft, so hatte man sie selbst nicht einmal gefragt. – System Riegel!
Eines schönen Herbsttages im Jahre 1699 fühlte sich Ludwig XIV. alt, und der Krieg ermüdete ihn. Der Friede von Ryswyck war soeben unterzeichnet worden; aber die Scharmützel zwischen den Partisanen an den Grenzen gingen weiter, und das Lourontal hatte eine ganze Anzahl dieser unbequemen Gäste.
Im Speisesaal des Schlosses von Caylus saßen ein halbes Dutzend Tischgenossen um die reichlich gedeckte Tafel. Der Marquis mochte seine Fehler haben; aber er bewirtete zumindest, wie es sich gehört.
Außer dem Marquis, Gonzaga und Fräulein von Caylus, die das hohe Ende der Tafel einnahmen, waren die Anwesenden alle mittleren Standes und Dienstboten. Da war zuerst Don Bernard, der Kaplan von Caylus, der die Seelsorge in dem kleinen Weiler Tarrides innehatte und in der Sakristei seiner Kapelle die Todesfälle, Geburten und Verehelichungen registrierte; dann kam Dame Isidora vom Bauernhof Gabour, die Dame Martha in ihren Aufgaben gegenüber Aurora ersetzt hatte, und am dritten Platz der Herr Peyrolles, der zum persönlichen Anhang des Prinzen von Gonzaga gehörte.
Diesen wollen wir für unsere Erzählung ausführlicher kennenlernen.
Herr von Peyrolles war ein Mann mittleren Alters, mager und blass, mit wenig Haaren, groß und ein bisschen krumm. Heute würde man sich eine derartige Person kaum ohne Brille vorstellen können; eine solche Mode gab es damals nicht. Seine Züge waren wie verwischt, aber sein kurzsichtiger Blick hatte eine gewisse Unverschämtheit. Gonzaga versicherte, dass von Peyrolles sehr gut das Schwert führen konnte, das auf der linken Seite seines Körpers hing.
Insgesamt schätzte ihn Gonzaga sehr; er benötigte ihn.
Die anderen Tischgenossen, Angestellte von Caylus, dürften dagegen als reine Komparsen gelten.
Fräulein Aurora von Caylus empfing Gäste mit einer frostigen und schweigsamen Würde. Allgemein kann man sagen, dass die Frauen, vor allem die schönsten, sich nach ihrem Gefühl verhalten. Dies mag bewundernswert sein gegenüber jenen, die sie lieben, sonst aber eher unangenehm. Aurora war eine von jenen Frauen, die man trotz ihrer Art bewundert.
Sie trug spanische Tracht. Drei Reihen Textilspitze fielen zwischen den ondulierten Gagaten ihrer Haare hinab.
Obgleich sie noch nicht zwanzig Jahre alt war, drückten die reinen und stolzen Züge um ihren Mund schon Traurigkeit aus. Aber wie viel Licht konnte das Lächeln um ihre jungen Lippen entstehen lassen! Und wie viele Strahlen entstanden dann in ihren Augen, die tief beschattet waren durch ihre langen, gebogenen seidenen Wimpern.
Es gab eben auch Tage, an denen man ein Lächeln um die Lippen von Aurora gesehen hatte.
Ihr Vater sagte: „Dies alles wird sich ändern, wenn sie Frau Prinzessin geworden ist.“
Am Ende des zweiten Ganges erhob sich Aurora und fragte um die Erlaubnis, sich zurückziehen zu dürfen. Dame Isidora warf einen langen Blick des Bedauerns auf das Feingebäck, die Konfitüren und das Eingemachte, das gerade hereingetragen wurde. Es war ihre Pflicht, der jungen Herrin zu folgen. Nachdem Aurora gegangen war, nahm der Marquis eine lustigere Miene an.
„Prinz“, sagte er, „Sie schulden mir meine Revanche im Schach … Sind Sie bereit?“
„Stets zu Ihrem Befehl, lieber Marquis“, antwortete Gonzaga.
Auf Anordnung von Caylus brachte man einen Tisch und das Schachbrett. Seit vierzehn Tagen, während denen der Prinz im Schloss war, war es wohl die fünfzigste Partie, die begonnen wurde.
Mit dreißig Jahren und dem Namen und Aussehen von Gonzaga müsste diese Leidenschaft des Schachspielens zu denken geben. Einer der folgenden zwei Punkte dürfte wohl zutreffen: entweder er war leidenschaftlich verliebt in Aurora oder er war begierig darauf, die Mitgift in seine Truhe zu stecken.
Jeden Tag nach dem Abend- und Nachtessen brachte man das Schachbrett. Der gute Kerl Verrou zeigte gleich vierzehnfache Kraft. Jeden Tag ließ sich Gonzaga ein Dutzend Partien abgewinnen, wonach der triumphierende Verrou, ohne das Schlachtfeld zu verlassen, in seinem Fauteuil einschlief und wie ein Gerechter schnarchte.
In derartiger Weise machte also Gonzaga Fräulein Aurora den Hof.
„Lieber Prinz“, sagte der Marquis während er seine Figuren aufstellte, „ich zeige Ihnen heute eine Kombination, die ich in der gelehrten Abhandlung von Cessolis gefunden habe. Ich spiele nicht Schach wie jedermann, sondern versuche aus guten Quellen zu schöpfen. Der erste beste könnte Ihnen nicht sagen, dass das Schachspiel durch Attalus, den König von Pergamon, erfunden wurde, um die Griechen während der langen Belagerung von Troja zu unterhalten. Nur Ignoranten oder wortbrüchige Leute schreiben diese Ehre Palamed zu … Schauen wir mal, Sie sind am Zug, bitte sehr.“
„Ich wüsste nicht“, antwortete Gonzaga, „wie ich Ihnen die ganze Freude ausdrücken sollte, die ich bei der Teilnahme an dieser Partie habe.“
Sie begannen. Die Tischgenossen waren noch anwesend.
Nach der ersten verlorenen Partie machte Gonzaga Peyrolles ein Zeichen, wonach dieser die Serviette ablegte und ging. Nach und nach machten es der Kaplan und die anderen Angestellten ebenso. Verrou und Gonzaga blieben allein …
„Die Lateiner“, fuhr der Trottel fort, „nannten es das Spiel des latrunculi oder kleiner Diebe, die Griechen latrikion. Sarrazin stellt in seinem ausgezeichneten Buch fest …“
„Herr Marquis“, unterbrach ihn Philipp von Gonzaga, „erlauben Sie mir, diese Figur zu schlagen, Sie verzeihen?“
Aus Versehen konnte er einen Bauern vorrücken, wodurch er das Spiel gewann. Verrou zog ein wenig an seinen Ohrläppchen; er trug es aber mit Großmut.
„Schlagen Sie sie, lieber Prinz“, sagte er. „Aber bitte besinnen Sie sich nicht eines Besseren. Schach ist kein Spiel für Kinder.“ – Gonzaga stieß einen tiefen Seufzer aus. – „Ich weiß, ich weiß“, fuhr der gute Kerl mit einem spöttischen Akzent fort, „wir sind verliebt …“
„Um deswegen den Verstand zu verlieren, Herr Marquis?“
„Ich kenne das, lieber Prinz. Achtung auf das Spiel! Ich nehme Ihren Springer.“
„In meinen Augen brachten Sie gestern gar nichts fertig“, sagte Gonzaga als Mann, der peinliche Gedanken über die Geschichte des Edelmannes wachrütteln wollte, der in dessen Haus eindringen wollte …
„Oh, wie listig und durchtrieben!“, rief Verrou aus. „Sie suchen mich zu zerstreuen; aber ich bin wie Cäsar, der fünf Briefe auf einmal diktierte. Sie wissen, dass er Schach spielte …?“
Nun gut, der Edelmann bekam ein halbes Dutzend Schwerthiebe dort unten im Graben. Dergleichen Abenteuer fand mehr als einmal statt; auch konnte die üble Nachrede niemals über das Betragen der Damen von Caylus meckern.
„Und was Sie damals als Ehemann machten, Herr Marquis“, fragte nachlässig Gonzaga, „würden Sie es auch als Vater machen?“
„Ganz recht“, erwiderte der Trottel. „Ich kenne keine andere Art, um auf die Evastöchter aufzupassen … Schah moto, wie die Perser sagen, lieber Prinz. Sie sind nochmals geschlagen.“
Er streckte sich in seinem Fauteuil aus.
„Und aus diesen zwei Worten Schah moto“, setzte er fort, indem er sich für seinen Siesta-Schlaf einrichtete, „die bedeuten: der König ist tot, haben wir Schach und matt gemacht, wenn wir Ménage und Frère folgen wollen. Was die Frauen betrifft, glauben Sie mir, schöne Rapiere um schöne Mauern stellen das Leuchtendste an Tugend dar!“
Er schloss die Augen und schlief ein. Gonzaga verließ Hals über Kopf den Speisesaal.
Es war etwa zwei Uhr nachmittags. Herr von Peyrolles erwartete seinen Herrn, während er in den Korridoren herumstreifte.
„Unsere Schurken?“, fragte Gonzaga, als er ihn sah.
„Es sind sechs von ihnen gekommen“, antwortete Peyrolles.
„Wo sind sie?“
„In der Herberge „Der Adamsapfel“ auf der anderen Seite der Wassergräben.“
„Wer sind die zwei Fehlenden?“
„Herr Cocardasse junior aus Tarbes und Bruder Passepoil, sein Vogt.“
„Zwei gute Degen!“, sagte der Prinz. „Und die andere Angelegenheit?“
„Dame Martha ist jetzt bei Frl. von Caylus.“
„Mit Kind?“
„Mit Kind.“
„Wo ist sie eingetreten?“
„Durch das tiefliegende Fenster des Schwitzraumes, das gegen die Gräben unter der Brücke hinausgeht.“
Gonzaga überlegte einen Augenblick, dann antwortete er: „Hast du Don Bernard befragt?“
„Er ist stumm“, antwortete Peyrolles.
„Wie viel hast du geboten?“
„Fünfhundert Pistolen.“
„Diese Dame Martha muss wissen, wo das Register ist. Es ist nicht notwendig, dass sie das Schloss verlässt.“
„Gut“, sagte Peyrolles.
Gonzaga ging mit großen Schritten herum.
„Ich will sie selbst sprechen“, sagte er. „Aber bist du sicher, dass mein Cousin Nevers die Nachricht von Aurora erhalten hat?“
„Unser Deutscher hat sie überbracht.“
„Und wird Nevers kommen?“
„Heute Abend.“
Sie waren jetzt an der Tür zur Wohnung von Gonzaga.
Im Schloss von Caylus schnitten sich drei Gänge im rechten Winkel: jener des Hauptgebäudes, an den sich die der zwei Flügel anschlossen.
Die Wohnung des Prinzen lag im Westflügel, dessen Gang an der Stiege endete, die zu den Schwitzräumen führte. Es entstand ein Geräusch in der Zentralgalerie. Es stammte von Dame Martha, die die Wohnung von Frl. von Caylus verließ. Peyrolles und Gonzaga traten schnell in Letztere ein, wobei sie die Tür dazu halb offen ließen.
Einen Augenblick später überquerte Dame Martha den Korridor mit raschem Schritt. Es war hellichter Tag, aber Siesta-Zeit, und dieser spanische Brauch hatte die Pyrenäen überschritten. Alles schlief im Schloss von Caylus. Dame Martha hatte somit allen Grund zu glauben, dass ihr keine missliche Begegnung bevorstünde.
Als sie gerade an der Tür von Gonzaga vorbeiging, stürzte sich Peyrolles unvermutet auf sie und drückte ihr fest sein Taschentuch gegen den Mund und erstickte so ihren ersten Schrei.
Dann nahm er sie mit den Armen unter den Körper und trug sie, halb ohnmächtig, in das Zimmer seines Herrn.
II. Cocardasse und Passepoil
Der eine schwang sich auf ein altes Arbeitspferd mit langer, schlecht gekämmter Mähne und langbehaarten X-Beinen; der andere saß auf einem Esel wie eine reisende Burgfrau auf dem Rücken ihres Zelters.
Der Erste trat trotz seiner armseligen Kleidung stolz auf, trotz der Demut seines Reittieres, dessen trauriger Kopf zwischen den beiden Vorderbeinen herabhing. Er trug ein zugeschnürtes Wams aus Büffelleder, das in der Mitte wie ein Brustharnisch tailliert war, durchlöcherte Schulterschleifen und diese schönen trichterartigen Stiefel, stark nach der Mode unter Ludwig XIII. Er hatte unter anderem einen prahlerischen Filzhut und ein riesiges Rapier. Das war Meister Cocardasse junior, geboren in Toulouse, Altmeister für Waffen der Stadt Paris, derzeit in Tarbes bei schmaler Kost untergebracht.
Die Erscheinung des Zweiten war eher ängstlich und bescheiden. Sein Anzug hätte zu einem fadenscheinigen Geistlichen passen können: ein langes schwarzes Wams, das rechtwinkelig geschnitten war wie eine Soutanelle, bedeckte seine schwarzen Schulterschleifen, die durch fortwährende Benutzung glänzend geworden waren. Als Kopfschmuck trug er eine Wollhaube, die auf seinen Ohren sorgfältig niedergeklappt war, und trotz der erdrückenden Hitze hatte er gute, gefütterte Schnürstiefel an.
Im Unterschied zu Meister Cocardasse, der sich eines reichen, krausen Haarwuchses erfreute, der schwarz war wie eine Afrotolle und sehr struppig, hatte sein Gefährte nur einige Strähnen aschblonden Haares an seine Schläfen geklebt. Der gleiche Unterschied bestand in den furchtbaren hinaufgedrehten Schnurrbärten, von denen jener des Vogtes nur aus drei kreuz und quer stehenden weißlichen Haaren unter einer langen Nase bestand.
Ein Vogt war also dieser friedliche Reisende, und wir bescheinigen dem Leser, dass der Erstere bei Gelegenheit das große, abscheuliche Schwert energisch zu handhaben wusste, das an die Flanken seines Esels schlug. Er nannte sich Amable Passepoil. Sein Heimatort war Villedieu in der niederen Normandie, eine Stadt, die dem Ort Condé-sur-Noireau seinen berühmten Ruf in der Produktion von braven Kerlen streitig macht. Seine Freunde nannten ihn gerne Bruder Passepoil, sei es wegen seiner klerikalen Aufmachung, sei es, weil er Diener eines Barbiers und in einem Chemielaboratorium gewesen war, bevor er das Schwert umgürtete. Nichts an ihm war schön, trotz des sentimentalen Leuchtens in seinen blinzelnden Augen, wenn ein roter Frauenrock seinen Weg kreuzte. Dagegen galt Cocardasse junior als sehr schöner durch die Lande ziehender Schurke.
Sie bewegten sich beide, schlecht und recht, unter der Mittagssonne. Jeder Kieselstein ließ das Pferdchen von Cocardasse junior straucheln, und alle fünfundzwanzig Schritte zeigte der Eselhengst von Passepoil seine Launen.
„Nun denn, mein Guter“, sagte Cocardasse in einem furchtbaren Gascogner Akzent, „jetzt sehen wir schon seit zwei Stunden dieses verteufelte Schloss auf dem verfluchten Berg. Es scheint, dass es ebenso schnell wegläuft, wie wir uns nähern.“
Passepoil antwortete, nach der normannischen Tonskala durch die Nase singend: „Geduld, Geduld! Wir werden immer noch früh genug ankommen, um zu tun, was wir dort zu tun haben.“
„Capédédiou, Bruder Passepoil!“, schnaubte Cocardasse mit einem dicken Seufzer. „Wenn wir ein bisschen Betragen hätten, hätten wir, mit unseren Talenten, uns unsere Arbeit aussuchen können …“
„Du hast recht, Freund Cocardasse“, entgegnete der Normanne. „Aber unsere Leidenschaften haben uns zugrunde gerichtet.“
„Das Spiel, caramba! Der Wein …“
„Und die Frauen“, fügte Passepoil hinzu, indem er zum Himmel blickte.
Sie ritten gerade dem Ufer der Clarabide entlang, mitten im Lourontal. Der Hachaz, der wie ein immenser Sockel die massiven Konstruktionen des Schlosses von Caylus trug, ragte ihnen gegenüber auf. Es hatte an dieser Seite keinerlei Schutzwall. Man erfasste das alte Gebäude vom Fundament bis zur Spitze, und sicher war dies für Liebhaber grandioser Anblicke hier ein obligatorischer Haltepunkt.
Das Schloss von Caylus krönte tatsächlich würdig diese gewaltige Mauer, ein Ergebnis gewisser großer Verwerfungen des Bodens, deren Andenken verloren ging. Unter dem Moos und Gestrüpp, die den Unterbau bedeckten, konnte man die Spuren der heidnischen Konstruktionen erkennen. Die robuste Hand des römischen Soldaten musste hier tätig gewesen sein. Aber davon waren nur mehr Spuren vorhanden, und alles, was aus der Erde ragte, gehörte dem lombardischen Stil des zehnten und elften Jahrhunderts an. Die zwei Haupttürme, die das Hauptgebäude flankierten, waren viereckig und eher untersetzt als hoch. Die immer unter einer Schießscharte angebrachten Fenster waren klein, ohne Ornament, und ihre Bögen ruhten auf einfachen Pilastern ohne Gesims. Der einzige Luxus, den sich der Architekt erlaubt hatte, bestand in einer Art Mosaik. Die behauenen und symmetrisch angeordneten Steine waren durch vorstehende Ziegelsteine voneinander getrennt.
Dies war der erste Plan, und diese nüchterne Anordnung blieb in Harmonie mit der Nacktheit des Hachaz. Aber hinter der geraden Linie dieses alten Hauptgebäudes, das für Karl den Großen gebaut schien, folgte ein Wirrwarr von Giebeln und Türmchen der ansteigenden Ebene des Hügels und zeigte sich als Amphitheater. Der Wachtturm, ein hoher, achteckiger Turm, der durch eine byzantinische Galerie aus kleeblattförmigen Arkaden abgeschlossen wurde, krönte dieses Gedränge von Dächern, ähnlich einem stehenden Riesen unter Zwergen.
Im Lande erzählte man, dass dieses Schloss wohl viel älter wäre als Caylus selbst.
Links und rechts der beiden lombardischen Türme befanden sich die beiden Gräben, nämlich deren äußerste Enden, die ehemals durch Mauern abgedichtet waren, um das in ihnen enthaltene Wasser einzudämmen.
Jenseits der Gräben im Norden zeigten sich die letzten Häuser des Weilers Tarrides zwischen den Buchen. Im Innern sah man die Turmspitze der am Anfang des dreizehnten Jahrhunderts im Spitzbogenstil gebauten Kapelle, die ihre Zwillingsfensterkreuze mit den funkelnden Scheiben im fünfblättrigen Granit zeigte.
Das Schloss von Caylus war das Wunder der Täler der Pyrenäen.
Aber Cocardasse junior und Bruder Passepoil hatten keine Neigung für die schönen Künste. Sie setzten ihre Route fort, und der Blick, den sie auf die dunkle Zitadelle warfen, diente nur dazu, den Rest der noch zu bewältigenden Route abzuschätzen. Sie wollten in das Schloss von Caylus, und obwohl sie davon nur noch eine knappe halbe Meile Luftlinie trennte, zwang sie die Notwendigkeit, den Hachaz zu umgehen, zu einer guten Stunde Marsch.
Dieser Cocardasse musste ein fröhlicher Gefährte sein, wenn seine Geldbörse rund war; Bruder Passepoil selbst hatte mit seiner naiv-pfiffigen Figur alle Anzeichen eines gewohnheitsmäßig guten Humors; aber heute waren sie traurig, und sie hatten ihre Gründe dafür.
Magen leer, Westentasche platt, Aussicht auf eine möglicherweise gefährliche Arbeit. Derartige Arbeit kann man ablehnen, wenn man Brot auf der Planke hat. Unglücklicherweise für Cocardasse und Passepoil hatten ihre Leidenschaften alles aufgezehrt. So sagte Cocardasse auch: „Capédédiou! Ich rühre nie mehr eine Karte noch ein Glas an.“
„Ich verzichte für immer auf die Liebe“, fügte der sensible Passepoil hinzu.
Und alle beide bauten schöne und wohl tugendhafte Träume bezüglich ihrer künftigen Ersparnisse auf.
„Ich werde eine komplette Ausrüstung kaufen“, rief Cocardasse mit Enthusiasmus, „und werde Soldat in der Kompanie des kleinen Parisers.“
„Ich auch“, bekräftigte Passepoil. „Soldat oder Diener des Major-Chirurgus.“
„Werde ich nicht einen guten Jäger des Königs ausmachen?“
„In dem Regiment, bei dem ich Dienst leisten werde, wird es sicher, zumindest, sauber zu bluten sein.“
Und alle beide fingen wieder an:
„Wir würden den kleinen Pariser sehen! Wir würden ihm wohl von Zeit zu Zeit einige Schläge ersparen.“
„Er wird mich noch seinen alten Cocardasse nennen!“
„Er wird sich über Bruder Passepoil mokieren wie ehemals.“
„Loch in der Luft“, rief der Gascogner aus und gab seinem Pferdchen, das nicht mehr konnte, einen festen Faustschlag. „Aber wir sind schön tief gefallen für Leute des Schwertes, mein Lieber; aber – bei aller Sünde und Barmherzigkeit! – ich fühle, dass ich mich mit dem kleinen Pariser bessern werde.“
Passepoil schüttelte traurig den Kopf.
„Wer weiß, ob er uns wiedererkennen wird wollen?“, fragte er, indem er einen entmutigten Blick auf seine Ausrüstung warf.
„Nun, mein Guter“, rief Cocardasse aus, „dieser Junge da hat Herz!“
„Welche Garde“, seufzte Passepoil, „und welche Schnelligkeit?“
„Welche Uniform unter Waffen und welche Freimütigkeit!“
„Erinnerst du dich an seinen Umschwung beim Abschneiden des Rückzuges?“
„Erinnerst du dich an seine drei geraden Schläge, die er im Angriff bei Delespine ankündigte?“
„Ein Herz?“
„Ein wahres Herz! Immer Glück im Spiel, capédédiou! Und wie er trinken kann!“
„Und den Kopf zu den Frauen drehte!“
Bei jeder Widerrede erhitzten sie sich. Sie hielten auf gemeinsame Übereinstimmung an und schüttelten einander die Hände. Ihre Erregung war aufrichtig und tief.
„Verflucht“, versetzte Cocardasse, „wir werden seine Diener, wenn er will, der kleine Pariser! Nicht wahr, mein Guter?“
„Und wir machen aus ihm einen großen Herrn“, schloss Passepoil. „So wird uns das Geld von Peyrolles kein Missgeschick bringen.“
Es war also H. von Peyrolles, der Vertraute von Philipp von Gonzaga, der Meister Cocardasse und Bruder Passepoil herkommen ließ.
Sie kannten diesen Peyrolles gut und noch besser H. von Gonzaga, seinen Schutzherrn. Bevor sie die Krautjunker von Tarbes die noble und würdige Kunst des italienischen Fechtens gelehrt hatten, hatten sie Kurse im Waffensaal in Paris, in der Croix-des-Petits-Champs-Straße, zwei Schritte vom Louvre entfernt, abgehalten. Und ohne die Unruhe, die die Leidenschaften in ihre Angelegenheiten trugen, hätten sie vielleicht ihr Glück gemacht, denn der gesamte Hof kam zu ihnen.
Sie waren zwei gute Teufel, die zweifelsohne, in einem Moment der Bedrängnis, manch schrecklichen Streich angestellt hatten. Sie handhabten ihr Schwert sehr gut! Seien wir milde und suchen wir nicht zu ergründen, warum sie eines schönen Tages die Schlüssel unter die Türe gelegt und Paris verlassen hatten, als würde ein Feuer unter ihren Hosen brennen.
Es ist sicher, dass in Paris in der damaligen Zeit die Waffenmeister sich mit den größten Herren rieben. Sie wussten oft über die Unterseite der Karten besser Bescheid als die Leute vom Hof selbst. Sie waren lebende Gazetten. Man urteile selbst, ob Passepoil, der unter anderem Barbier gewesen war, nicht selbst schöne Klatschgeschichten hätte kennen müssen!
Unter diesem Umstand rechneten sich beide wohl aus, aus ihrem Können ihren Vorteil zu ziehen. Beim Aufbruch in Tarbes hatte Passepoil gesagt:
„Das ist eine Angelegenheit, wo es Millionen gibt. Nevers ist die erste Adresse der Welt nach dem kleinen Pariser. Wenn es sich um Nevers handelt, muss man großmütig sein!“
Und Cocardasse konnte eine so brave Rede nur gutheißen.
Es war zwei Uhr nachmittags als sie im Weiler Tarrides ankamen, und der erste Landmann, den sie trafen, zeigte ihnen, wie sie zur Herberge „Der Adamsapfel“ kamen.
Als sie eintraten, sahen sie, dass der kleine, niedrige Saal der Herberge schon fast voll war. Ein junges Mädchen, das den auffallenden Rock und das Schnürmieder der Bäuerinnen von Foix trug, servierte mit Eifer und brachte Krüge, Zinnbecher, Pfeifen in einem Holzschuh und alles, was sechs Tapfere nach einem langen Ritt unter der Sonne der Pyrenäentäler beanspruchen konnten.
An der Wand hingen sechs starke Rapiere samt Zubehör.
Es gab da nicht einen einzigen Kopf, der nicht das Wort Schläger in lesbaren Schriftzeichen trug. Das waren alles braungebrannte Figuren mit unverschämten Blicken und frechen Schnurrbärten. Ein rechtschaffener Bürger, der zufällig hier einträte, wäre aus allen Wolken gefallen, hätte er nichts anderes gesehen als diese Profile von Maulhelden.
Drei von ihnen saßen am ersten Tisch, in der Nähe der Türe: drei Spanier, man konnte sie nach ihrem Aussehen beurteilen. Am nächsten Tisch saß ein Italiener mit einem bis zum Kinn übel zugerichteten Gesicht und ihm gegenüber ein unheilverkündender Schurke, dessen Akzent den deutschen Ursprung verriet. Ein dritter Tisch war von einer Art Bauernlümmel mit langen, ungepflegten Haaren besetzt, der die Mundart der Bretagne radebrechte.
Die drei Spanier hießen Saldagne, Pinto und Pépé, genannt der Matador, alle drei waren escriminadores, der erste aus Murcia, der zweite aus Sevilla und der dritte aus Pamplona. Der Italiener war ein Bravo aus Spoleto; er nannte sich Giuseppe Faënza. Der Deutsche hieß Staupitz, der Mann aus der niederen Bretagne Joël de Jugan. Es war H. von Peyrolles, der alle diese Degen zusammengezogen hatte: Er kannte sich in diesen Dingen aus.
Als Meister Cocardasse und Bruder Passepoil die Schwelle der Schenke „Der Adamsapfel“ überschritten hatten, nachdem sie ihre armseligen Reittiere in den Stall gestellt hatten, machten beide beim Anblick dieser respektablen Gesellschaft eine Bewegung zurück. Der niedrige Saal war nur durch ein einziges Fenster erhellt, und in diesem Halbtage machte die Pfeife eine Wolke. Unsere Freunde sahen deshalb zuerst nur die Schnurrbärte unter den vorspringenden Hakennasen und die an der Wand hängenden Rapiere. Aber sechs heisere Stimmen riefen auf einmal:
„Meister Cocardasse?“
„Bruder Passepoil!“
Und dies nicht ohne Begleitung von passenden Flüchen: Flüche der Staaten von Saint-Père, Fluch von den Ufern des Rhein, Fluch von Quimper-Coretin, Fluch von Murcia, von Navarra und Andalusien.
Cocardasse legte seine Hand als Visierung über die Augen.
„Ei der Daus!“, rief er aus, „todos cameradas!“
„All die alten Kameraden“, übersetzte Passepoil mit noch ein wenig zitternder Stimme.
Dieser Passepoil war von Geburt aus ein Hasenfuß, den die Not tapfer gemacht hatte. Die Gänsehaut kam ihm für nichts, aber er schlug sich besser als der Teufel.
Jetzt wurden Händedrücke getauscht, solch gute Händedrücke, dass sie die Finger brechen; es gab große Umarmungen; die Seidenwämser rieben gegeneinander; das alte Tuch, das kahle Velours traten in Kommunikation. Jede Farbe, mit Ausnahme der weißen, fand man in der Kleidung der Unerschrockenen.
Heutzutage sind die Waffenmeister oder, um in ihrer Sprache zu sprechen, die Herren Fechtprofessoren, brave Industrielle, gute Gatten, gute Väter, die ehrbar ihren Beruf ausüben.
Im siebzehnten Jahrhundert war ein Fecht- und Stichvirtuose eine Art Heiliger, Günstling des Hofes und der Stadt, oder aber ein armer Teufel, der gezwungen war Schlimmeres zu tun, als sich mit schlechtem Wein in einem schmutzigen Lokal zu betrinken. Es gab da keine Mitte.
Unsere Kameraden in der Schenke „Der Adamsapfel“ hatten vielleicht ihre guten Tage gehabt. Aber die Sonne des Wohlstandes hatte sich für alle verdunkelt. Sie waren offenkundig durch das gleiche Unwetter geschlagen worden.
Vor der Ankunft von Cocardasse und Passepoil waren die drei unterschiedlichen Gruppen durch keinerlei Vertraulichkeit verbunden gewesen. Der Bretone kannte niemanden. Der Deutsche verkehrte nur mit dem Mann aus Spoleto und die drei Spanier hielten sich stolz an ihre Zeche. Aber Paris war damals schon ein Zentrum der schönen Künste. Leute wie Cocardasse junior und Amable Passepoil, die ihr Haus in der Croix-des-Petits-Champs-Straße hinter dem königlichen Palast offen zugänglich gehalten hatten, dürften alle Fechtkämpfer in Europa kennen. Sie dienten als Integrationsfiguren der drei Gruppen, um einander kennenzulernen und zu verstehen. Das Eis wurde gebrochen, man setzte sich an einen gemeinsamen Tisch, die Krüge wurden aneinandergestoßen und man stellte sich gegenseitig vor.
Man kannte die Taten von jedem. Da standen einem die Haare zu Berge! Diese sechs an der Wand hängenden Rapiere hatten mehr christliches Fleisch geschnitten als die Schwerter sämtlicher Scharfrichter in Frankreich und Navarra zusammen.
Wäre der Mann aus Quimper Hurone gewesen, dann hätte er zwei oder drei Dutzend Skalpe an seinem Gürtel getragen; der Spoleter müsste zwanzig und mehr Schreckbilder in seinen Träumen gehabt haben; der Deutsche hatte zwei Gaugrafen, drei Markgrafen, fünf Rheingrafen und einen Landgrafen massakriert; er suchte noch einen Burggrafen.
Und das war nichts im Vergleich zu den drei Spaniern, die förmlich im Blut ihrer unzähligen Opfer ertranken. Pépé der Schlächter redete nur mehr davon, dass er drei Männer auf einmal durchbohre.
Zum Lobe unseres Gascogners oder unseres Normannen wüssten wir nichts Schmeichelhafteres zu sagen, als dass sie sich der allgemeinen Hochachtung in dieser Versammlung der Gebirgsfechter erfreuten.
Als die erste Runde der Krüge geleert war und der Lärm der Großsprechereien abgeebbt war, sagte Cocardasse:
„Jetzt, meine Lieben, sprechen wir über unsere Angelegenheiten.“
Man rief die Tochter der Herberge, die zitternd inmitten dieser Kannibalen erschien, und befahl ihr, weiteren Wein zu holen. Sie war eine dicke Braunhaarige, die ein wenig schielte. Passepoil hatte schon die Armada seiner liebevollen Blicke aufgefahren; er wollte ihr folgen, um sie zu sprechen, unter dem Vorwand, jüngeren Wein bekommen zu können. Aber Cocardasse packte ihn am Kragen.
„Du hast versprochen, deine Passionen zu bändigen, mein Guter“, sagte er mit Würde zu ihm.
„Meine Lieben“, ergriff Cocardasse wieder das Wort, „Bruder Passepoil und ich hätten nicht erwartet, hier eine so teure Gesellschaft zu treffen, abseits der Städte, abseits der stark bevölkerten Zentren, wo ihr normalerweise eure Talente ausübt.“
„Nun denn!“, unterbrach ihn der Schläger aus Spoleto. „Kennst du Städte, wo derzeit eine Arbeit zu besorgen wäre, Cocardasse, caro mio?“
Und alle schüttelten den Kopf wie Männer, die denken, ihre Kraft wäre nicht genügend entlohnt worden.
Dann fragte Saldagne: „Weißt du nicht, warum wir hier sind?“
Der Gascogner öffnete seinen Mund, um zu antworten, als der Fuß von Bruder Passepoil sich auf seinen Stiefel stützte.
Obgleich Cocardasse junior nomineller Chef der Gemeinschaft war, hatte er die Gewohnheit, den Ratschlägen seines Vogtes, eines klugen und braven Normannen, zu folgen.
„Ich weiß“, entgegnete er, „dass man uns herberufen hat …“
„Das war ich“, unterbrach Staupitz.
„Und dass in normalen Fällen wir beide“, fügte der Gascogner hinzu, „Bruder Passepoil und ich, für einen Handstreich genügen.“
„Carajo!“, rief der Töter aus. „Wenn ich da bin, ruft man gewöhnlich keine anderen.“
Jeder variierte das Thema, seiner Beredsamkeit oder seinem Grad an Eitelkeit folgend; danach schloss Cocardasse: „Werden wir es nun mit einer Armee zu tun kriegen?“
„Wir werden“, antwortete Staupitz, „nur mit einem einzigen Kavalier zu tun haben.“
Staupitz war verknüpft mit der Person des H. Peyrolles, dem Vertrauensmann des Prinzen Philipp von Gonzaga.
Die Erklärung wurde mit einem schallenden Gelächter aufgenommen.
Cocardasse und Passepoil lachten höher als die anderen; aber der Fuß des Normannen blieb immer auf dem Stiefel des Gascogners.
Dies sollte besagen: „Lass mich das leiten!“
Passepoil fragte unbefangen: „Und wie lautet jetzt der Name dieses Riesen, der gegen acht Männer kämpfen wird?“
„Von denen ein jeder, sandiéou, ein halbes Dutzend guter Kerle wert ist!“, fügte Cocardasse hinzu.
Staupitz antwortete: „Es handelt sich um den Herzog Philipp von Nevers.“
„Aber es heißt, er liege im Sterben!“, rief Saldagne.
„Engbrüstig!“, äußerte Pinto.
„Überanstrengt, sterbend, lungenkrank!“, fügten die anderen hinzu.
Cocardasse und Passepoil sagten nichts mehr.
Letzterer schüttelte langsam den Kopf, dann stieß er sein Glas zurück. Der Gascogner imitierte ihn.
Ihr plötzlich gezeigter Ernst ließ es daran nicht fehlen, dass allgemeine Aufmerksamkeit erregt wurde.
„Was habt ihr? Was habt ihr denn?“, fragte man von allen Seiten.
Man sah, dass Cocardasse und sein Vogt sich ruhig ansahen.
„Was soll das, zum Teufel, bedeuten?“, rief Saldagne verblüfft aus.
„Man würde sagen“, fügte Faënza hinzu, „dass ihr Lust habt, die Partie zu verlassen.“
„Meine Lieben“, entgegnete Cocardasse gewichtig, „man würde sich nicht viel irren.“
Ein Donner von Beschwerden übertönte seine Stimme.
„Wir haben Philipp von Nevers in Paris gesehen“, entgegnete Bruder Passepoil sanft. „Er kam in unseren Saal. Das ist ein Sterbender, der euch Schwierigkeiten macht!“
„Uns?“, schrie der Chor zurück und alle Schultern zuckten geringschätzig.
„Ich sehe“, sagte Cocardasse, der im Kreis herumblickte, „dass ihr noch nie vom Stoß von Nevers reden gehört habt.“
Man öffnete die Augen und Ohren.
„Der Stoß des alten Meisters Delapalme, der sieben Herren zwischen dem Marktflecken Roule und dem Tor von Saint-Honoré niedermachte“, fügte Passepoil hinzu.
„Unsinnsdinger, diese geheimen Stöße“, rief der Töter.
„Gut zu Fuß, gutes Auge, gute Deckung“, fügte der Bretone hinzu. „Ich spotte über die geheimen Stöße wie über die Sintflut!“
„Ei der Daus!“, entgegnete Cocardasse junior mit Stolz. „Ich denke, gut zu Fuß zu sein, ein gutes Auge und gute Deckung zu haben, meine Lieben …“
„Ich auch“, behauptete Passepoil mit Nachdruck.
„Derart guten Fuß, gute Deckung, gutes Auge, wie keiner von euch …“
„Zum Beweis“, schob Passepoil mit seiner üblichen Sanftmut ein, „sind wir bereit, einen entsprechenden Versuch zu machen, wenn ihr wollt.“
„Und überdies“, nahm Cocardasse den Faden wieder auf, „scheint mir der Stoß von Nevers kein Unsinnsding zu sein. Ich wurde in meiner eigenen Akademie davon getroffen … Was sagt ihr jetzt?“
„Ich auch.“
„Mitten auf die Stirn getroffen, zwischen den beiden Augen, und das dreimal hintereinander …“
„Und ich auch, dreimal zwischen beiden Augen, mitten auf die Stirn!“
„Dreimal, ohne das Schwert zum Parieren finden zu können.“
Die sechs Raufbolde hörten jetzt aufmerksam zu. Niemand lachte mehr.
„Dann“, sagte Saldagne und bekreuzigte sich, „ist das nicht ein geheimer Stoß sondern Zauberei.“
Der Mann aus der niederen Bretagne steckte seine Hand in seine Tasche, wo er wohl ein Stück eines Rosenkranzes haben dürfte.
„Man hat gut getan, uns alle einzuberufen, meine Lieben“, nahm Cocardasse den Faden wieder auf. „Ihr spracht von einer Armee: Mir wäre eine Armee lieber. Glaubt mir, es gibt nur einen einzigen Mann auf der Welt, der imstande wäre, Philipp von Nevers Paroli zu bieten, mit dem Schwert in der Hand.“
„Und wer ist dieser Mann?“, riefen sechs Stimmen auf einmal. „Es ist der kleine Pariser“, antwortete Cocardasse.
„Ja, der ist es!“, rief Passepoil aus mit einem plötzlichen Enthusiasmus. „Das ist der Teufel.“
„Der kleine Pariser?“, wiederholte man in der Runde. „Hat er einen Namen, euer kleiner Pariser?“
„Einen Namen, den ihr alle kennt, meine Herren: er heißt Chevalier von Lagardère.“
Alle Anwesenden schienen offenbar diesen Namen zu kennen, denn es breitete sich unter ihnen ein großes Stillschweigen aus.
„Ich bin ihm noch nie begegnet“, sagte schließlich Saldagne.
„Umso besser für dich, mein Guter“, erwiderte der Gascogner. „Er liebt keine Gestalten deines Zuschnitts.“
„Ist es der, den man den schönen Lagardère nennt?“, fragte Pinto.
„Ist es der“, fügte Faënza hinzu, indem er die Stimme dämpfte, „der die drei Flamen unter den Mauern von Senlis tötete?“
„Ist es der“, wollte Joël de Jugan wissen, „der …“
Aber Cocardasse unterbrach ihn, indem er mit Nachdruck die kurzen Worte aussprach:
„Es gibt keine zwei Lagardère.“
III. Die drei Philipp
Das einzige Fenster des niederen Saales der Schenke „Der Adamsapfel“ ging auf eine Art Abhang hinaus, der mit Buchen bepflanzt war und bis an die Gräben von Caylus reichte. Ein Karrenweg durchschnitt das Holz und endigte in einer Brücke aus Planken, die über die Gräben führte, die sehr tief und breit waren. Sie liefen auf drei Seiten um das Schloss herum und endeten oben am Hachaz im Leeren.
Nachdem man die Mauern, die dazu bestimmt waren, das Wasser zurückzuhalten, abgerissen hatte, verlief die Austrocknung von selbst, und der Boden der Gräben lieferte zwei großartige Heuernten, die für die Pferdeställe des Herrn bestimmt waren.
Die zweite Ernte wurde gerade geschnitten. Von dem Ort, an dem sich unsere acht Reiter aufhielten, konnte man die Heuer sehen, die das Heu in Bündeln unter die Brücke legten.
An den Stellen, wo das Wasser fehlte, waren die Gräben intakt geblieben. Ihr innerer Rand erhob sich mit großer Steigung bis zum Glacis.
Es gab nur eine einzige Bresche, die dazu diente, den Heukarren Durchgang zu geben. Sie endigte in jenem Weg, der am Fenster der Schenke vorbeiführte.
Das Parterre des Bollwerkes hinter dem Graben war von unzähligen Schießscharten durchbrochen; aber es gab nur eine einzige Öffnung, die einer menschlichen Kreatur einen Durchtritt ermöglichte. Dies war ein tief gelegenes Fenster, das gerade unter der festen Brücke gelegen war, die schon lange die Zugbrücke ersetzte. Dieses Fenster war mit einem Gitter und starken Fensterläden verschlossen. Es gab dem Schwitzraum von Caylus, einem großen unterirdischen Saal, Luft und Licht, der Reste von Prunkstücken bewahrte. Man weiß ja, dass im Hochmittelalter der Luxus der Baderäume sehr weit getrieben worden ist. Die Uhr des Schlossturmes ertönte dreimal. Und dieser fürchterliche Angeber, den man den schönen Lagardère nannte, erschien endgültig nicht, und es war gar nicht er, den man erwartete; auch nahmen unsere Waffenmeister nach der ersten Ergriffenheit bald ihre Prahlerei wieder auf.
„Nun“, rief Saldagne aus, „ich werde dir etwas sagen, Freund Cocardasse. Ich würde zehn Pistolen geben, um ihn zu sehen, deinen Chevalier Lagardère.“
„Das Schwert in der Hand?“, fragte Cocardasse, nachdem er einen tiefen Zug genommen hatte und seine Zunge schnalzen ließ. „Nun, an diesem Tag, mein Guter“, fügte er gewichtig hinzu, „sieh zu, dass du in den Zustand der Gnade kommst, und begib dich in die Obhut Gottes!“
Saldagne setzte seinen Filzhut schief auf. Man hatte bisher noch keinen Schlag untereinander ausgeteilt: Es war wie ein Wunder. Der Tanz hätte vielleicht begonnen, als Staupitz, der beim Fenster saß, ausrief:
„Friede, Kinder! Hier kommt H. von Peyrolles, das Faktotum des Prinzen von Gonzaga.“
Tatsächlich kam dieser über das Glacis: Er war zu Pferd.
„Wir haben schon zu viel gesprochen“, sagte plötzlich Passepoil. „Und wir haben nichts gesagt. Nevers und sein geheimer Stoß sind Goldes wert, meine Kameraden, es ist notwendig, dass ihr das wisst. Habt ihr Lust, mit einem Schlag euer Glück zu machen?“
Unnötig, die Antwort der Kameraden von Passepoil mitzuteilen. Derselbe fuhr fort:
„Wenn ihr das wollt, lasset nur Meister Cocardasse und mich tätig sein. Unterstützt uns in dem, was wir Peyrolles sagen.“
„Einverstanden“, rief man im Chor aus.
„Zumindest jene“, fügte Bruder Passepoil hinzu, indem er sich wieder setzte, „die heute Abend die Haut vom Schwert des Nevers durchlöchert haben werden, werden Messen für die armen Seelen lesen lassen können.“
Peyrolles trat ein.
Passepoil lüftete als Erster sehr ehrerbietig seine Wollhaube. Die anderen grüßten freundlich.
Peyrolles hatte einen großen Sack Geld unter dem Arm. Er warf ihn laut auf den Tisch und sagte: „Nehmt, meine Tapferen, hier, euer Futter!“
Dann, indem er sie mit dem Auge zählte: „Bravo! Ihr seid alle komplett! Ich werde euch einige Worte darüber erzählen, was ihr zu tun habt.“
„Wir hören, mein guter Herr von Peyrolles“, erwiderte Cocardasse und stützte seine beiden Ellbogen auf den Tisch. „Nun also!“
Die anderen antworteten: „Wir hören.“
Peyrolles nahm eine Rednerpose ein.
„Heute Abend“, sagte er, „gegen acht Uhr wird ein Mann über diesen Weg kommen, den ihr gerade unter dem Fenster seht. Er wird zu Pferd sein; er wird sein Reittier an einem Pfeiler der Brücke anbinden, nachdem er den Rand des Grabens überschritten hat. Schaut, da unter der Brücke. Seht ihr ein tiefliegendes Fenster, das mit Fensterläden aus Eiche verschlossen ist?“
„Ganz recht, mein lieber Herr von Peyrolles“, antwortete Cocardasse. „Ei der Daus! Wir sind nicht blind.“
„Der Mann wird sich dem Fenster nähern.“
„Und, sollen wir in diesem Moment, ihn ansprechen?“
„Höflich“, unterbrach Peyrolles mit einem unheimlichen Lächeln, „und ihr habt euer Geld verdient.“
„Capédédiou“, rief Cocardasse aus, „dieser gute Herr von Peyrolles hat immer ein Wort zum Lachen bereit!“
„Einverstanden?“
„Sicher. Aber Sie verlassen uns doch nicht, nehme ich an?“
„Meine guten Freunde, ich habe es eilig“, sagte Peyrolles und machte schon eine Bewegung des Rückzuges.
„Wie!“, rief der Gascogner aus. „Ohne den Namen zu nennen, den wir … ansprechen sollen?“
„Dieser Name kümmert euch nicht.“
Cocardasse gab einen Wink mit dem Auge; sofort erhob sich ein unzufriedenes Gemurmel in der Gruppe der Reiter. Besonders Passepoil schien die Antwort übel aufzunehmen.
„Zweifelsohne haben wir gelernt“, fuhr Cocardasse fort, „wer der ehrbare Herr ist, für den wir arbeiten sollen.“
Peyrolles hielt inne, um ihn zu beobachten. Sein langes Gesicht zeigte einen Ausdruck der Beunruhigung.
„Was ist Ihnen wichtig?“, sagte er und versuchte, eine hochmütige Miene aufzusetzen.
„Das ist für uns sehr wichtig, mein guter Herr von Peyrolles.“
„Da ihr doch gut bezahlt werdet?“
„Vielleicht finden wir, dass wir nicht ausreichend bezahlt werden, mein guter Herr von Peyrolles.“
„Was willst du damit sagen, Freund?“
Cocardasse erhob sich, alle anderen imitierten ihn.
„Capédédiou, mein Liebling“, sagte er, indem er einen barschen Ton anschlug, „reden wir offen. Wir alle hier sind Chefs der Waffen und in Konsequenz Gentlemen. Ich als Gascogner im Speziellen bin von der Provinzialverwaltung besoldet! Unsere Rapiere (und er schlug auf das seine, das er noch nicht abgelegt hatte), unsere Rapiere wollen wissen, was sie zu tun haben.“
„Hier bitte!“, betonte Passepoil und bot dem Vertrauten des Philipp von Gonzaga höflich ein Schreiben an.
Peyrolles schien einen Augenblick zu zögern.
„Meine Tapferen“, sagte er, „da ihr nun einmal so großen Wissensdurst habt, werdet ihr wohl raten müssen. Wem gehört dieses Schloss?“
„Dem Herrn Marquis von Caylus, sandiéou, einem guten Herrn, bei dem die Frauen nicht alt werden. Dem H. Caylus-Riegel gehört das Schloss. Nun?“
„Na ob? Welch feiner Scharfsinn!“, erwiderte Peyrolles aufrichtig. „Ihr arbeitet für den H. Marquis von Caylus.“
„Nein“, antwortete Bruder Passepoil.
„Nein“, antwortete die folgsame Truppe.
Die blutleeren Wangen von Peyrolles röteten sich ein wenig.
„Wie, Schurken?“, rief er aus.
„Alles in Ordnung!“, unterbrach ihn der Gascogner. „Meine Freunde murren … nehmen Sie sich in Acht! Diskutieren wir lieber in Ruhe und wie in guter Gesellschaft üblich. Wenn ich Sie richtig verstehe, hier das Faktum: Der H. Marquis von Caylus hat erfahren, dass ein schöner und anständiger Edelmann von Zeit zu Zeit in der Nacht sein Schloss durch dieses tief gelegene Fenster betreten hat. Ist es das, worum es geht?“
„Ja“, sagte Peyrolles.
„Er weiß, dass Fräulein Aurora von Caylus, seine Tochter, diesen Edelmann liebt.“
„Das ist die genaue Wahrheit“, wiederholte das Faktotum.
„Nach Ihrer Ansicht, Herr von Peyrolles! Sie erklären so unsere Wiedervereinigung in der Herberge ‚Der Adamsapfel‘. Andere mögen diese Erklärung plausibel finden; aber ich, ich habe meine Gründe, um sie schlecht zu finden. Sie haben nicht die Wahrheit gesagt, Herr von Peyrolles.“
„Zum Teufel!“, rief dieser aus. „Das ist zu viel an Unverschämtheit!“
Seine Stimme wurde übertönt von denen der Reiter, die sagten: „Rede, Cocardasse, rede, rede!“
Der Gascogner ließ sich nicht zweimal bitten.
„Zuerst“, sagte er, „meine Freunde wie ich wissen, dass dieser Nachtbesucher, der unseren Schwertern anempfohlen wurde, nichts weniger als ein Prinz ist …“
„Ein Prinz“, sagte Peyrolles und hob die Schultern.
Cocardasse fuhr fort: „Der Prinz Philipp von Lorraine, Herzog von Nevers.“
„Sie wissen von dieser Sache mehr als ich, das ist alles!“, sagte Peyrolles.
„Keineswegs, capédédiou! Das ist nicht alles. Es gibt noch eine andere Sache, und über diese andere Sache wissen meine noblen Freunde möglicherweise gar nicht Bescheid. Aurora von Caylus ist keineswegs die Mätresse von H. von Nevers …“
„Ah! …“, schrie das Faktotum auf.
„Sie ist seine Frau!“, fügte Cocardasse resolut hinzu.
