Der Buddha auf vier Pfoten - Dirk Grosser - E-Book

Der Buddha auf vier Pfoten E-Book

Dirk Grosser

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Beschreibung

Erleuchtung zwischen Meditationskissen und Kauknochen

In Westfalen kommen auf jeden Einwohner mindestens zwei Pferde und vier Kühe, doch Meditationslehrer sucht man meist vergeblich. Umso glücklicher ist Dirk Grosser, als ihm eines Tages ein waschechter Zen-Meister begegnet: Bobba – mittelbraun, mittelgroß, mittelprächtig – ist auf den ersten Blick der gewöhnlichste Hund, den man sich nur vorstellen kann. Und doch ist er ein leibhaftiger Buddha, der seinem »Herrchen« 14 Jahre lang jeden Tag eine sehr weise und vor allem einfache Lebenskunst vorlebt. Eine liebenswerte Einführung in die Lehre des Buddha.

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Seitenzahl: 246

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Dirk Grosser

Der Buddha auf vier Pfoten

Wer braucht schon einen Zen-Meister, wenn er einen Hund hat?

Mit Illustrationen von Frank Schulz

1. Auflage

Originalausgabe

© 2015 Kailash Verlag, München,

in der Verlagsgruppe Random House GmbH

Lektorat: Ralf Lay

Umschlaggestaltung: ki 36 Editorial Design, München, Sabine Krohberger unter Verwendung eines Motivs von © Frank Schulz (www.atelierschulz.de)

Illustrationen: © Frank Schulz (www.atelierschulz.de)

Innenlayout: ki 36 Editorial Design, München, Sabine Krohberger

Satz: EDV-Fotosatz Huber/Verlagsservice G. Pfeifer, Germering

ISBN 978-3-641-16575-8

www.kailash-verlag.de

Für Bobba. Unvergessen.

Inhalt

EINLEITUNG

Willkommen in der Realität

Der Meister und sein Stöckchen

Die Dinge einfach tun – die Dinge einfach sein lassen

Bodhisattva mit feuchter Nase

Kein Anfang, kein Ende

Rollen, Masken und ballonseidene Jogginganzüge

Super, schon wieder Hundefutter! – Echte Zufriedenheit

Wirf den Ball! – Das Leben ist kein Leiden

Jeder Tag ein neuer Tag

Erziehung sinnlos!

Götter, Karma und der Bio-Mülleimer

Zazen und der Darmwind des Todes

Spontane Meditation und der rasende Schneewal

Einfach im Tao schwimmen

Teddy Ohnekopf weist über Zen hinaus

Zwei Narren

Die letzte Lektion: Abschiednehmen für Anfänger

Zum Schluss

Dank

ANHANG

Meditationsanleitung

Glossar

Literaturempfehlungen

Anmerkungen

Über den Autor

Über den Hund

Einleitung

ES GIBT BUDDHISTISCHE BÜCHER für gestresste Mütter, für Grafik-Designer und natürlich auch für Dummies und Motorradbastler. Golfer verbessern ihren Schwung durch Zen, und Manager versuchen durch Meditation noch mehr aus ihrem Tag herauszupressen. Offenbar taugt der Buddha, seit er im Westen angekommen ist, für nahezu jeden Zweck. Doch haben Sie keine Sorge: Dies ist kein Zen-Buch für Hundehalter! Wenn Sie das gedacht haben, legen Sie es schnell wieder zur Seite! Sie werden hier weder lernen, mit der Leine eins zu werden, noch, ihren Hund mit dem Geist eines Samurai durch den Agility-Parcours zu treiben. Worum es hier geht, ist vielmehr die Geschichte eines ungewöhnlichen vierbeinigen Meisters und seiner nicht minder ungewöhnlichen Methoden, die Lehren des Buddha darzulegen und dabei mein komplettes Leben auf den Kopf zu stellen.

Der Buddhismus kann in seiner Historie auf viele außergewöhnliche Lehrer zurückblicken. Von Milarepa zu Chögyam Trungpa, von Joshu und Ryokan zu Kodo Sawaki und vielen weiteren waren einige seltsame Gestalten und heilige Narren unter ihnen vertreten, die sich genauso wenig um gesellschaftliche Konventionen scherten wie um ihr eigenes Ansehen. Einen der aberwitzigsten Meister dieser langen Tradition von schrägen Typen durfte ich einige Jahre lang beherbergen, in denen er mir nicht seine Auffassung oder Überzeugung, sondern seine direkte Verwirklichung der buddhistischen Lehren vermittelte. Er schlief neben meinem Bett auf dem Fußboden, aß mit mir zusammen, ging mit mir joggen, begleitete mich überallhin und verwies mich in jeder Sekunde seines Daseins auf das Wesentliche.

Er folgte keiner bestimmten der vielen buddhistischen Schulen, war weder dem Hinayana* noch dem Mahayana oder dem Vajrayana in besonderer Weise zugetan. Er war auch nicht den weiten Weg aus Asien gekommen, war kein Chinese, kein Inder, kein Japaner und kein Tibeter. Er war einfach ein Hund und lehrte einen Buddhismus, der ganz von seiner unkomplizierten Art zu leben durchdrungen war und dabei genau auf meine Fragen zugeschnitten schien.

Die Lehren des Buddha hatten bei ihrer Verbreitung in der Welt stets die jeweilige Kultur bereichert, auf die sie trafen, gewisse Besonderheiten der Länder in sich aufgenommen und zu einem Teil des Weges gemacht. Als der Buddhismus dann irgendwann auch in den Westen schwappte, haben wir hier leider die kulturellen Prägungen des asiatischen Raumes für unumgängliche Inhalte dieser Lebenskunst gehalten und uns stark an Dingen orientiert, die eher verwirren als hilfreich sind.

Ich habe selten gehört, dass jemand dies deutlicher und verständlicher ausdrückte als Dzogchen Pönlop Rinpoche, ein junger Gelehrter des tibetischen Buddhismus, der in einem Interview sagte:

Der Buddhismus ist wie eine Kristallkugel klar und durchsichtig. In Tibet lag diese Kristallkugel nun, sagen wir, auf einem roten Tisch. Viele Leute denken nun, dass der Buddhismus eine rote Kristallkugel ist, und tun ihr Bestes, den roten Anstrich zu pflegen, und merken nicht, dass die rote Farbe nur wegen einer bestimmten Tradition in der klaren Kristallkugel leuchtet. Manchmal, scheint mir, wird dieser rote Tisch zu sehr gepflegt. Der Westen sollte versuchen, die klare Kugel zu erkennen und sie auf ihren eigenen Tisch zu legen. Scheint die Kugel dann plötzlich blau, wie der Tisch im Westen blau ist, so ist das kein Problem, denn die reine Essenz ist eigentlich klar und durchsichtig und nicht blau oder rot.1

Nun, meine buddhistische Kristallkugel lag auf einer beigefarbenen Hundedecke, rollte dann in den Park und nahm das Grün der Wiesen an, das Weiß und Gelb der Gänseblümchen, das Rot der Aschewege und das Braun der Holzbänke, auf denen ich so oft saß, während mein geschätzter Lehrer zu meinen Füßen lag und herzhaft schnarchte. Manchmal mutierte diese Kristallkugel aus reinem Mitgefühl auch zu einem bunten Quietschball, der es einem nicht übel nahm, wenn man mal auf ihn drauftrat, und der so immer dabei sein und seine heilsame Wirkung verbreiten konnte.

Im Laufe der Jahre mit meinem Hund wurde mir zusehends klarer, dass wir zwar in Zen-Klöstern meditieren und Seminare von tibetischen Mönchen besuchen können, dass wir teure Wochenenden in Wellness-Oasen buchen oder auch nach Thailand oder Nepal fahren können, dass wir von einem Seminar zum anderen hüpfen und viel an uns selbst arbeiten können – und uns dennoch manchmal trotz aller Anstrengung immer noch dort befinden, wo wir unsere Reise begonnen haben … Dabei könnten wir es uns viel einfacher machen, denn die wahren Meister der Meditation bringen uns für ein wenig Aufmerksamkeit, ein wenig Liebe und ein getrocknetes Schweineohr gern bei, was sie wissen!

Mein vierbeiniger Lehrer verkörperte alles, um was es in der Meditation geht: Achtsamkeit, Großzügigkeit, Gelassenheit, Spontaneität, Offenheit des Geistes, Weite des Herzens und vor allem eine bedingungslose Freundlichkeit. War meine spirituelle Praxis vor der Begegnung mit meinem Lehrer von meinem restlichen Leben getrennt, wurde sie mit ihm immer mehr Teil meines Alltags, bis dieser Alltag selbst zu meiner Praxis wurde.

Wenn ich in diesem Buch die Lehren meines Hundes meist mit den Lehren alter Zen-Meister in Bezug setze, dann vor allem deshalb, weil diese Chan- oder Zen-Meister einen Sinn für Leichtigkeit und Humor hatten, der dem meines Lehrers sehr nahekam. Dies liegt wohl vor allem daran, dass sich der Buddhismus bei seiner Verbreitung im alten China mit der viel älteren Lehre des Taoismus verband und aus diesen beiden verschmolzenen Richtungen der Chan- beziehungsweise Zen-Buddhismus hervorging. Die alten Taoisten liebten die Natur, sie saßen stundenlang herum und beobachteten staunend das Wunder des sich spontan entfaltenden Tao, des Lebens, das sich ganz natürlich entwickelt und wie ein Fluss Kurven beschreibt, mal schneller und mal langsamer fließt, sich windet, dahinplätschert und fröhlich gluckst. Ihre Lehren waren wenig akademisch, sondern eher so unkompliziert wie das Wachstum eines Baumes, der Flug eines Kranichs oder der Mittagsschlaf eines Hundes. Diese Unkompliziertheit und spontane Lebendigkeit gaben sie an das Zen weiter, und der Buddhismus erlebte in China und Japan eine neue Blütezeit.

Wie durch Zeit und Raum teleportiert, stand eines Tages die vollkommene Verkörperung dieser Geisteshaltung vor mir – überraschenderweise mit Fell, einer feuchten Nase und recht skurrilen Eigenheiten ausgestattet. Für andere mögen die Erkenntnisse des Buddha in von langer Lehrtradition legitimierten Autoritäten lebendig werden, in Mönchen, Lamas, Rinpoches und Bhikkhus. Für mich wurden sie in einem Hund sichtbar.

Vielleicht hätte alles, was ich erlebt habe und in diesem Buch schildere, auch ganz anders ablaufen können, wenn mir eine griechische Landschildkröte über den Weg gelaufen wäre und ich sie auf den Namen »Yoda« getauft hätte, um fortan in der Gewissheit zu leben, mich bei einem waschechten Jedi-Meister in der Ausbildung zu befinden. Doch ein Hund hatte wohl einfach den Vorteil, dass er mich auf Schritt und Tritt begleiten konnte, was einer Schildkröte meist recht schwerfällt. Und haben Sie schon mal einen Ball für eine Schildkröte geworfen? Eine eher langwierige Angelegenheit!

So ist es gekommen, wie Sie es in diesem Buch lesen können: Ein verschmuster Hund mit manchmal abartigen Vorlieben und einem großen Herzen wies mich auf die Essenz der buddhistischen Lehren hin, lebte sie mir vor und unterstützte mich mit allen ihm zu Gebote stehenden Mitteln auf einem herausfordernden Weg des Verstehens. Für mich zeigten sich diese Lehren irgendwann nicht mehr nur in Meditation und dem Studium alter Texte, sondern genauso im Ballwerfen, Rennen, Hecheln und in einem Teddybären mit abgebissenem Kopf, der in der ganzen Wohnung herumgetragen wurde …

* Buddhistische Begriffe werden im Glossar erläutert (siehe Anhang).

Willkommen in der Realität

Alles Wissen, die Gesamtheit aller Fragen und alle Antworten, ist in den Hunden enthalten.

FRANZ KAFKA

IN WESTFALEN SIND ZEN-MEISTER nicht sehr verbreitet. Wir haben Pickert und Wurstebrei, und auf jeden Einwohner kommen mindestens zwei Pferde und vier Kühe – aber Meditationslehrer sucht man zumeist vergeblich.

Umso glücklicher war ich, als mir eines Tages ein waschechter Zen-Meister begegnete. Zugegeben, ich erkannte ihn nicht gleich, aber seine Verkleidung war auch sehr gelungen … Mittelgroß, mittelbraun, mittelprächtig – Bobba war auf den ersten Blick der gewöhnlichste Hund, den man sich nur vorstellen kann. Und doch war er ein leibhaftiger Buddha, wenn auch ohne Robe und ohne Mala. Vierzehn Jahre durfte ich mit ihm verbringen, in denen er mir jeden Tag eine sehr weise und vor allem einfache Lebenskunst vorlebte, vierzehn Jahre, in denen ich jeden Tag etwas zu lachen bekam und in denen mir dieses wundersame Wesen trotz seines nach Fisch riechenden Atems und seiner Haare, die er großflächig auf der Couch verteilte, ans Herz wuchs.

Als wir uns begegneten, hatte er bereits eine typische moderne Hundekarriere hinter sich. Obwohl er erst eineinhalb Jahre alt war, hatte er schon zweimal im Tierheim gesessen und war von vier verschiedenen Besitzern weitergereicht worden. Zu schwierig, zu dickköpfig, zu erziehungsresistent. Letztlich war er bei einem meiner Freunde abgegeben worden, der aber selbst zwei Hunde hatte, die nicht allzu freundlich auf Bobba reagierten. Und so machte er wie üblich das Beste aus seiner Situation, streunte den ganzen Tag auf den Feldern und Wiesen rund um das Haus umher und freundete sich mit einer Herde Schafe an. Dort verbrachte er seine Tage, hielt die Nase in die Sonne und wälzte sich mit großer Wonne in den Fäkalien seiner neuen Wahlfamilie: »Hey, schnuppert mal – ich bin einer von euch!«

Da sich die Situation zwischen den drei Hunden jedoch immer mehr zuspitzte, fragte mich mein Freund eines Tages in der typisch wortgewandten Art, die Zugezogene so an den Westfalen schätzen: »Willste ’nen Hund?«

Und ich hörte mich selbst antworten: »Warum nicht?«

Damit war das umfassend geklärt, und mein Freund brachte ihn noch am selben Tag vorbei. Ungeduldig wartete ich draußen auf der Straße. Der Hund sprang aus dem Auto, rannte in meine Arme, und auf der Stelle waren wir die besten Freunde. Tim und Struppi, Jeff und Lassie, Charlie Brown und Snoopy, Han Solo und Chewbacca** – alles kein Vergleich zu uns zweien!

Er war einfach perfekt, und es schien mir, als wäre er schon immer mein Hund gewesen. Da war nichts, was ich infrage stellen musste. Von diesem Moment an würden wir für immer zusammen sein und gemeinsam lachend über Blumenwiesen rennen. (Zeitlupe und Weichzeichner müssen Sie sich hier einfach dazudenken.)

Allerdings muss ich zugeben, dass mich sein Geruch aus den Latschen haute. Seine Vorliebe für die Ausscheidungen von Wiederkäuern war ihm überdeutlich anzumerken. Wenn es den sprichwörtlichen Höllenhund tatsächlich gibt, bin ich sicher, dass er genau so riecht und den in der Unterwelt ankommenden Seelen schon mal einen kleinen Eindruck dessen vermittelt, was nun für den Rest der Ewigkeit auf sie zukommt.

Bobbas Fell war verdreckt und mit einem grünlich braunen Matsch verklebt, dessen Herkunft mir schnell klar wurde und bei mir einen unstillbaren Drang nach Wasser und Seife – jede Menge Seife! – auslöste. Aber wie er da so saß, ganz ungeniert und vor sich hin stinkend, erteilte er mir gleich meine erste Gratislektion: »Willkommen in der Realität! So ist es hier. Was für dich stinkt, riecht für mich toll. Es ist so, wie es ist. Mach dir nicht in den Frack!«

Zu dieser Zeit studierte ich noch Philosophie, und ein Großteil meines Lebens fand ausschließlich im Kopf statt. Descartes hatte mich voll im Griff: »Ich mache mir den ganzen Tag Gedanken über irrelevanten Blödsinn, also bin ich.«

Vom ersten Augenblick an lehrte mich dieser wunderbare Hund, dass das Leben aber keineswegs im Kopf stattfindet, sondern genau hier und jetzt, direkt vor unseren Augen. »Da bin ich. Mach was draus!«

So unglaublich es klingen mag: Rückblickend kann ich sagen, dass mich ein nach Schafscheiße riechender Hund davor bewahrt hat, mich in den Untiefen einer lebensunfähigen Philosophie zu verlieren, und mich wieder dazu brachte, Kontakt zur richtigen Welt aufzunehmen.

Da stand ich nun mit meinem neuen vierbeinigen Freund auf der Straße. Ich hatte weder Halsband noch Leine und auch nicht die geringste Ahnung von Hundeerziehung. Noch dazu kam – das wurde mir in diesem Moment siedend heiß klar –, dass ich meiner damaligen Partnerin, mit der ich zusammenwohnte, im Überschwang meiner Vorfreude auf einen Hund keinen Ton davon erzählt hatte, dass wir nun bald zu dritt sein würden. Dementsprechend unterkühlt fiel die Begrüßung aus, als ich mit Bobba die Wohnung betrat und sich sein recht aufdringliches Eau de Toilette in der Wohnung verbreitete. Unsere darauf folgende Diskussion gipfelte in ihrem Satz: »Entweder der Hund geht oder ich!« Tja, das hätte ich an ihrer Stelle nicht gesagt … Schließlich hatte ich mir schon immer einen Hund gewünscht – und einen besseren als diesen gab es doch wohl kaum!

Aber bevor die ganze Situation eskalieren konnte, nahm Bobba das Ruder in die Hand. Er setzte sich vor meine Partnerin und schaute sie an. Minutenlang dieser Hundeblick, der mitten ins Herz trifft. Jeder Hund scheint diesen Blick im Welpenalter von weisen Hunde-Ältesten beigebracht zu bekommen: »Wenn gar nichts mehr geht – probier das!«

Nachdem sich die Situation etwas beruhigt hatte, zündete Bobba die zweite Niedlichkeitsstufe und legte ganz vorsichtig seine Pfote auf das Knie meiner Freundin. Dazu der Blick. Mal eine Augenbraue bewegen, mal die andere.

Eine Stunde später war klar, dass sowohl Hund als auch Freundin bleiben würden. Und nachdem das geklärt war, konzentrierte sich Bobba wieder ganz auf mich. Ich war sein Kumpel, seine Bezugsperson, sein tölpelhafter Lehrling – und bis zum Ende seiner Tage wich er mir nicht mehr von der Seite.

Im Nachhinein kommt es mir vor, als hätte mich dieser Hund durch seine schlichte Präsenz in die Welt hineingezogen, aus der ich mich schon lange verabschiedet hatte. Damals hatte ich begonnen, mich für den Buddhismus zu interessieren – unzufrieden mit der Weltfremdheit der modernen westlichen Philosophie und gelangweilt von Professor Hastig & Co., war ich auf der Suche nach einer Alternative. Doch ich war ein Gewohnheitstier und näherte mich diesen asiatischen Lehren mit der gleichen Kopflastigkeit, mit der ich auch den Rest meiner Studien betrieb. Und stand nicht im Dhammapada, dass wir sind, was wir denken? »Alles, was wir sind, entsteht mit unseren Gedanken. Mit unseren Gedanken erschaffen wir die Welt.«2

Und sagte der Buddha nicht auch ständig, dass die Welt Illusion sei?

Bobba konnte kein Pali, sodass er mir hätte erklären können, dass die gängige Übersetzung des Dhammapada völlig missverständlich sei, da der ursprüngliche Übersetzer Thomas Byrom eher dem Hinduismus als dem Buddhismus zugetan war und seine Interpretation des Textes von einer hinduistischen Gedankenwelt inspiriert war. Er konnte mir nicht erklären, dass der Originaltext des Dhammapada mit »Alles, was wir sind« und »Die Welt« lediglich mentale Zustände meinte und nur darauf hindeutete, dass unser Geist und unsere Gedanken einen immensen Einfluss auf unsere Befindlichkeit haben.3

Aber große Lehrer erklären auch nichts, sie vermitteln ihre Weisheit vielmehr durch ihr bloßes Sein, dem man – wenn man viel Glück hat – beiwohnen kann. Durch Bobbas ganze Art, sich den Umständen seines Lebens mühelos anzupassen, ohne dass er sich darüber irgendwelche scheinbar tiefgründigen Gedanken machte, wurden mir Dinge klar, die ich erst jetzt – Jahre später – formulieren kann.

Dieser Hund war einfach da. Er war in höchstem Maße präsent und füllte den Platz, den er in der Welt einnahm, mit völliger Selbstverständlichkeit aus. Über die Idee, dass man die eigene Welt kraft seiner Gedanken erschaffe, sie also keine in sich existierende Realität habe, hätte er nur gekichert und sich noch ein getrocknetes Schweineohr gegönnt. Und ebenso hielt es der Buddha – auch wenn er wahrscheinlich auf das Schweineohr verzichtet hätte …

Buddha hat keine ontologischen Aussagen getroffen, sondern lediglich solche psychologischer Art. Wenn er von Illusion spricht, dann meint er nicht, dass die Welt keine Realität besitze, sondern dass unsere Wahrnehmung von ihr verzerrt und in diesem – und nur in diesem – Sinne illusionär sei.

Nun, ich kann Ihnen versichern, dass eine nach Schafscheiße riechende Wohnung etwas sehr Reales hat. Meine Reaktion darauf war allerdings von Illusion geprägt. Mein Urteil, dass es furchtbar stinkt und ich dringend Teppiche und Tapeten erneuern müsse, war eindeutig meiner Abneigung gegen intensive Gerüche zuzuschreiben.

Bobba war da weiser und lebte jenseits der Illusion. Für ihn war der Geruch einfach eine praktische Notwendigkeit gewesen, um seine Schafkumpels nicht allzu sehr mit seiner Anwesenheit zu verwirren. Nicht mehr und nicht weniger. Kein Urteil, kein Problem.

Denselben Gleichmut bewies er übrigens auch, als ich ihn am nächsten Tag viermal badete, was er klaglos über sich ergehen ließ. »Manchmal stinkt man, manchmal wird man gebadet. Augenblick reiht sich an Augenblick, immer wieder neu. Mal wirft jemand einen Ball, mal nicht. Mal geht man in der Sonne spazieren, mal regnet es, und man wird nass. So ist es eben im Leben. Wer in einer Welt der Veränderung darauf beharrt, dass die Dinge stets gleich bleiben sollen, wird unnötig leiden.« Das sagte er nicht, aber ich konnte es deutlich in seinen braunen Augen ablesen. Und ich konnte diese Lehre gleich in die Praxis umsetzen, als er sich schüttelte und mein Badezimmer in ein grünbraunes Jackson-Pollock-Gemälde verwandelte. Nichts bleibt so, wie es in diesem Moment ist – das ist die Realität. Und die ist keineswegs illusionär.

Von diesem Tag an war ich ein echter Schüler des Buddha, allerdings ohne dass mir das gleich bewusst war. Irgendjemand musste mich Trottel ja auf das Offensichtliche stoßen. Und Bobba tat das stets mit einer Nonchalance und Beiläufigkeit, die ihresgleichen suchte. Alles, was er mir beibrachte, geschah ganz nebenbei. Zwischen Spielen, Schlafen und Fressen blieb ihm immer noch genug Zeit, die eine oder andere Lektion in Sachen Lebensweisheit unterzubringen. Wenn er einfach über eine Wiese rannte und sich dabei freute, als sei er von gehbehinderten Postboten mit Rucksäcken voller Kauknochen umgeben, und mich so eine grundlose Lebensfreude lehrte, oder er auf meine nagelneue Hose sabberte, um mir zu zeigen, dass mein Anhaften an materiellen Dingen doch recht bedenklich sei – alles geschah mit Bedacht und mit den allerbesten Absichten. Davon bin ich überzeugt.

** Liebe »Star-Wars«-Nerds: Ich bin einer von euch, und ich weiß sehr wohl, dass Chewbacca kein Hund ist. Aber er ist haarig, gibt komische Geräusche von sich und ist eine treue Seele. Für mich reicht das aus, um ihn in die Kategorie »Hund« einzuordnen. Ich verstehe das als Auszeichnung, nicht als Diffamierung!

Der Meister

und sein Stöckchen

Die einzige Regel heißt: Nimm wahr!

ALAN WATTS

IN DEN ERSTEN TAGEN UND WOCHEN mit Hund gaben die Überraschungsmomente einander die Klinke in die Hand. Bobbas Ankunft war für mich eine willkommene Ausrede, Descartes und Spinoza beiseitezulegen und mich erst einmal um wichtigere Dinge zu kümmern. Der Hund sollte sich schließlich gut einleben, und so war ich die ganze Zeit bei ihm, zeigte ihm den Park, fuhr mit ihm in den Wald, spielte viel mit ihm draußen Ball und setzte dieses Spiel auch oft in der Wohnung fort, was nicht immer gut für das Interieur war. Ich redete mir ein, das für ihn zu machen, aber in Wirklichkeit machte ich das alles für mich selbst. Als guter Zen-Meister unterstützte Bobba mich dabei freudig.

Es war wirklich Zeit für mich, aus dem Kopf in das richtige Leben zu kommen, mich selbst zu spüren und die Welt um mich herum wahrzunehmen. War ich bislang nur ein Gehirn in einer Nährstofflösung gewesen wie Professor Simon aus »Captain Future« oder mir wie die Köpfe in Einmachgläsern bei »Futurama«*** vorgekommen, kam ich nun langsam zurück in meinen Körper und in ein unmittelbareres Verhältnis zum Leben. Wenn ich mit Bobba durch den Park getobt war, fühlte ich mich lebendig und geistig wie körperlich anwesend, wenn ich mich dagegen mit der Prädestinationslehre des Augustinus befasste, war mir, als würde mein Gehirn zu einem traurigen Klumpen Gelee werden. Alles zu analysieren, zu sezieren und gedanklich in Kategorien einzuteilen war mir schon seit langer Zeit zur zweiten Natur geworden. Und so war meine Welt eine zersplitterte, jeder Ganzheit beraubte, armselige Konstruktion, in der ich ebenso zersplittert und meiner eigenen Ganzheit ledig agierte.

Taisen Deshimaru sagte ganz richtig: »Die Philosophen werden am Ende manchmal verrückt, weil sie nur die vorderen Bereiche des Gehirns gebrauchen.«4 Das ist keinesfalls als rein antiintellektuelle Haltung aufzufassen. Jeder Zen-Lehrer misst dem Intellekt großen Wert bei, denn im Alltag benötigen wir ihn, um unsere Geschäfte zu erledigen. Gleichzeitig ist er sich aber bewusst, dass es neben dem Intellekt noch andere Arten der Erkenntnismöglichkeit gibt. So fährt Deshimaru fort: »Wir können jedoch mit dem Körper denken, Unendliches mit den Gedanken umfassen – nur, man darf keine Kategorien bilden.«5

Mit Kategorien reden wir unsere Welt klein und verpassen das Wesentliche. Einer meiner Dozenten hatte mal die Philosophie, die heute in den Universitäten stattfindet, als »europäische Begriffslehre« definiert und uns Studierende davor gewarnt, sie allzu ernst zu nehmen. Je länger ich mich damit befasste, Begriffe zu durchdenken, für mich zu klären und sie vermeintlich sinnvoll einzuteilen, desto weiter entfernte ich mich von der Welt. Erst die Lektüre von Alan Watts öffnete mir die Augen:

Weil aber Wahrheit lebendig ist, kann man sie nicht festlegen durch irgendetwas Lebloses, nämlich durch einen Begriff, dessen Gültigkeit, wie man meint, zum Teil auf der Tatsache beruht, dass er unveränderlich ist. Denn sobald wir glauben, wir hätten die lebendige Wahrheit in der Hand, ist sie verschwunden. Wahrheit kann ja nicht irgendjemandes Eigentum werden, aus dem einfachen Grunde, weil Wahrheit Leben ist und weil der Glaube eines Einzelnen, er besitze alles Leben, ein offenkundiger Unsinn ist.6

ENDE DER LESEPROBE