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Freddy ist der Einzige, der die Zeichen erkennt. Er weiß: Eine erneute Dämonen-Invasion steht bevor. Doch seine Warnungen finden kein Gehör – nicht einmal beim Bund des Onyx, der die Dämonen einst besiegte. Freddy, der in der ersten Invasion seine Familie verlor, kennt nur ein Ziel: den Bund von der Gefahr zu überzeugen. Ausgerechnet sein Rivale Llewellyn entscheidet, ob Misstrauen in ein Bündnis verwandelt wird. Kann Freddy seine Stadt retten – oder versinkt sie diesmal endgültig im Schatten?
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Seitenzahl: 293
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Tasha Winter
© dead soft verlag, Mettingen 2025
www.deadsoft.de
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Dead soft verlag
Querenbergstr. 26
D-49497 Mettingen
© the author
Cover: Irene Repp
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Bildrechte:
Tryfonov – stock.adobe.com
d1sk – stock.adobe.com
mates – stock.adobe.com
1. Auflage
ISBN 978-3-96089-807-8
ISBN 978-3-96089-808-5 (ebook)
Freddy ist der Einzige, der die Zeichen erkennt. Er weiß: Eine erneute Dämonen-Invasion steht bevor. Doch seine Warnungen finden kein Gehör – nicht einmal beim Bund des Onyx, der die Dämonen einst besiegte.
Freddy, der in der ersten Invasion seine Familie verlor, kennt nur ein Ziel: den Bund von der Gefahr zu überzeugen. Ausgerechnet sein Rivale Llewellyn entscheidet, ob Misstrauen in ein Bündnis verwandelt wird.
Kann Freddy seine Stadt retten – oder versinkt sie diesmal endgültig im Schatten?
Freddys Seiten brennen und seine Lungen stechen. Jeder Atemzug schmerzt. Lange kann er dieses Tempo nicht mehr halten und Angst presst sein Herz zusammen. Die Schritte seiner Verfolger hinter ihm werden lauter. Er biegt um eine Kurve und dann in eine winzige Seitengasse, die er entlangläuft, bis es nicht mehr geht. Schwer atmend lehnt er sich an die feuchte Hauswand. Hat es funktioniert? Konnte er sie in der Dunkelheit abschütteln?
Er lauscht. Noch hört er keine Schritte. Aber da ist ein anderes Geräusch, das ihm das Blut in den Adern gefrieren lässt. Ein Saugen, dann ein seltsamer Knacklaut, als würde ein kleiner Knochen entzweigebrochen werden. Freddy presst sich die Hand auf den Mund, starrt mit weit aufgerissenen Augen in die Dunkelheit. Warum nur ist er in diese Gasse eingebogen? Hier ist kein Licht, nicht einmal eine kleine Laterne. Er läuft los, obwohl seine Lungen protestieren. Die Schritte sind jetzt wieder hinter ihm. Er konnte seine Verfolger nicht täuschen.
Freddy fällt, schlägt sich sein Knie auf den Backsteinen auf, kommt hoch und stolpert weiter.
Da sieht er sie vor sich. Eine große Mülltonne, deren Deckel ein wenig offensteht. Seine Rettung? Seine Verfolger sind noch nicht aus der Seitengasse herausgekommen und können ihn nicht sehen. Jetzt oder nie.
Er schickt ein kurzes Stoßgebet an das Universum, dass es bitte Papiermüll sein möge, und stürzt sich dann, ohne zu zögern, in die Tonne. Kein Papier leider, aber zum Glück auch nichts, was zu sehr stinkt. Lumpen, Kartoffelschalen, eine Glasscherbe bohrt sich in seine rechte Hand. Er duckt sich und hält den Atem an, erwartet fast, dass der Deckel der Mülltonne aufgerissen wird.
Zum Glück sind die beiden Typen, mit denen er sich im Old Owl Pub angelegt hat, nicht die hellsten Kerzen im Kandelaber. Freddys Herz klopft zum Zerspringen und er gönnt sich drei tiefe Atemzüge. Warum konnte er seine Klappe nicht halten? Alles, was er wollte, war in Ruhe einen Whiskey trinken, weil er das gut gebrauchen konnte an einem Abend wie diesem. Und dann war er plötzlich in ein Gespräch über die Dämoneninvasion verwickelt, weil er bei diesem Thema nie ruhig bleiben kann. Es bringt ihn jedes Mal zur Weißglut, wenn Menschen behaupten, eine erneute Invasion der Dämonen sei ausgeschlossen. Er hasst es, wenn diese Besserwisser behaupten, dass der Bund des Onyx getrost aufgelöst werden könnte.
Freddy kann vieles verzeihen.
Na ja, eigentlich nicht. Er ist ziemlich nachtragend. Außerdem hasst er Menschen, die bei völliger Ahnungslosigkeit unqualifizierte Kommentare abgeben. Trotzdem hätte er sich an diesem Abend besser aus dem Gespräch herausgehalten. Diese Kerle waren alle dreimal so breit wie er. Gut, dass sie ihn nicht erwischt haben, dann wäre er schon einen Kopf kürzer. Und auch jetzt ist er nicht vollkommen sicher. Er hört Schritte die Gasse entlangkommen und duckt sich etwas tiefer in die Lumpen. Was, wenn sie sein Versteck durchschauen? Dann wäre er hier in einer denkbar unglücklichen Lage, weil er keine Möglichkeit hätte zu entkommen. Er versucht, leise zu atmen und sich nicht zu bewegen, als die Schritte auf gleicher Höhe mit der Mülltonne sind.
»Wie vom Erdboden verschluckt«, sagt eine dröhnende Stimme.
»Vielleicht einer von diesen verdammten Zauberern«, erwidert eine zweite. Freddy erkennt Steve Brodie, ein unangenehmer Zeitgenosse, mit dem er schon mehrmals aneinandergeraten ist. Er hat von ihm schon schmerzhafte Prügel kassiert.
»Die können sich auch nicht in Luft auflösen.« Das ist wieder die erste Stimme.
»Vermutlich ist er in der Kanalisation verschwunden wie eine Ratte.« Brodie lacht schallend. »Da wagt er sich so schnell nicht wieder raus. Der hält erst mal die Klappe.«
Freddy wäre am liebsten wie ein Knüppel aus dem Sack aus der Tonne gesprungen und hätte sich auf Brodie gestürzt. Aber gegen den hat er keine Chance. Das letzte Mal hat nur das Einschreiten seiner Freundin Cara ihn vor dem Krankenhaus bewahrt. Also verhält er sich ruhig und wartet, bis die Schritte sich entfernt haben.
Erst dann erhebt er sich langsam und drückt den Deckel der Mülltonne nach oben. Kühle Nachtluft schlägt ihm entgegen und in diesem Augenblick erinnert er sich wieder an das Geräusch, das er vorhin gehört hat. Das sich angehört hat, wie das Knacken kleiner Knochen und ihm jetzt noch eine Gänsehaut über den Rücken treibt. Oder hat er es sich nur eingebildet, weil seine Nerven strapaziert sind?
Eine Kutsche fährt in der Ferne vorbei und das Klappern der Räder auf dem Kopfsteinpflaster ähnelt ein wenig dem Geräusch, das er vorhin gehört hat. Vermutlich hat ihm sein verängstigter Geist einen Streich gespielt.
Er springt auf die Straße und verzieht das Gesicht, als ein stechender Schmerz in sein Knie fährt. Unwillig wischt er mit der Hand über seinen löchrigen Mantel aus dünnem Stoff und die Hosen, die schon bessere Zeiten gesehen haben. Seine abgenutzte Strickmütze und die dazu passenden fingerlosen Handschuhe sind kein Schutz gegen die Novemberkälte. Freddy rückt seine Brille zurecht. Sie scheint zumindest nicht verbogen. Gut, dass er seine besten Sachen nicht schon für den Besuch im Pub angezogen hat. Schließlich hat er heute etwas Wichtiges vor. Schnell nach Hause, umziehen, duschen, eine Kleinigkeit essen und dann … ein Blick auf die Uhr lässt ihn innehalten. Wie konnte das passieren? Er hat nicht einmal mehr eine halbe Stunde. Wenn er nicht zu spät kommen will, muss er jetzt sofort nach Thornton Manor aufbrechen. In diesem Aufzug soll er sich Llewellyn Thornton zeigen? Ausgerechnet ihm?
Aber was hat er für eine Wahl? Wenn er zu spät kommt, haben sie das Recht, ihn aus der Versammlung des Ordens auszuschließen und das würde vielen Mitgliedern gelegen kommen. Allen voran Thornton selbst. Nein, das kommt nicht infrage. Er war zum Glück nie der eitle Typ. Also rückt er seine Brille zurecht, fährt sich mit den Händen durch das zerzauste dunkle Haar und macht sich auf den Weg zum nächsten Anleger für Luftschiffe, leicht humpelnd, weil sein Knie noch immer schmerzt.
Er hat gar nicht gemerkt, in was für einer dunklen Ecke von Etherglenn er gelandet ist. Hier brennt kaum eine Laterne und die Straße ist wie ausgestorben. Ratten huschen vor seinen Füßen und die Fenster der meisten Häuser sind mit Brettern vernagelt. Er schaudert. Wie anders es hier ist als im malerischen Kern der Stadt mit den Gebäuden aus Schieferstein, den vielen Brücken und kleinen Gässchen mit Buchläden und Händlern für Zaubereibedarf. Er muss im Shadow’s Corner gelandet sein. Je schneller er hier wieder wegkommt, desto besser.
Er läuft mit gesenktem Kopf, bis er auf die Hangman’s Roe trifft. Auch nicht die beste Gegend von Etherglenn, aber hier gibt es zumindest einen Anleger für Luftschiffe und zu seinem Glück liegt eines vor Anker. Er steigt die gewundene Treppe zum Plateau hoch, lässt sich in den kleinen Zweisitzer sinken und sagt der Steuerfrau, dass er nach Thornton Manor möchte. Sie betrachtet ihn mit gerunzelter Stirn. »Bist du sicher? Da ist heute eine Versammlung. Hab schon zwei Gäste hingebracht, die sahen nicht so aus, als hätten sie in der Gosse übernachtet. Oder willst du betteln? Das wird da nicht gern gesehen.«
»Ich habe eine Einladung«, sagt Freddy und sucht in den Taschen seines Mantels. Ohne Erfolg. Warum muss er sich eigentlich vor einer Steuerfrau rechtfertigen? »Und keine Angst, ich kann bezahlen.« Er fischt ein paar Münzen heraus und hält sie ihr hin.
»Schon gut, Jungchen. Die Fahrten der Gäste werden von den Thorntons übernommen. Wollte nur sichergehen, dass du dich nicht in deinem Ziel geirrt hast.«
Freddy gefällt es nicht, dass er Almosen von Thornton annimmt, aber in diesem Monat kann er jeden Silberling gebrauchen. Also protestiert er nicht und wickelt sich in eine der Wolldecken ein, die den Fahrgästen zur Verfügung stehen. Die Steuerfrau richtet das Segel und das kleine Luftschiff setzt sich drei Meter über der Straße in Bewegung. Die Luftschiffe sind seiner Meinung nach das Beste, was Magie bisher hervorgebracht hat. Er liebt diese Art der Fortbewegung. Wäre er reich, würde er nur so reisen.
Freddy lehnt sich zurück und schaut in den Himmel. Hier in der Stadt kann er nur vereinzelt Sterne sehen, aber trotzdem lässt seine Anspannung nach.
Den Nachthimmel zu beobachten, erinnert ihn an früher. Als kleiner Junge ist er oft mit seinem Vater in den Wald vor den Stadttoren gegangen, bis zu einer großen Lichtung im Etherwood. Dort hat sein Vater ihn auf die Schultern genommen und ihm die Sternbilder gezeigt hat. Nichts hat er damals mehr geliebt als diese Nächte. Außer vielleicht die Tage, an denen seine Mutter ihn mitnahm in ihre Werkstatt und ihm all die winzigen Teile erklärte, aus denen sich Uhren zusammensetzen. Freddy war sich damals immer sicher, dass er selbst Uhrmacher werden würde. Dieser Traum hat sich leider nicht erfüllt, genauso wenig wie der Wunsch, als Erwachsener noch immer mit seinem Vater die Sterne anzuschauen. Aber diese Gedanken wecken nur die alte Verbitterung und er schiebt sie weg. Wenn er nachts in den Himmel guckt wie jetzt, kommt es ihm vor, als sei sein Vater an seiner Seite, würde seinen Blick lenken, damit er den Großen Wagen sehen kann und Kassiopeia, sein Lieblingssternbild. Diese Erinnerungen lassen ihn sogar vergessen, was er vor sich hat.
Die Steuerfrau lenkt das Luftschiff aus der Stadt hinaus und in Richtung des Etherwood, der ihre Mauern umschließt. Die Sterne sind jetzt klarer zu sehen und Freddy atmet tief ein. Es ist wichtig, dass er heute Abend einen klaren Kopf behält und bei der Versammlung nicht alle gegen sich aufbringt, wie im Pub vorhin. Er muss Ruhe bewahren, auch wenn ihn die Gleichgültigkeit der anderen verzweifeln lässt. Die Menschen dieser Stadt sind wie Frösche, die im Wasser sitzen bleiben, das langsam zu kochen beginnt. Heute dürfen diese Überlegungen und der Wunsch nach Rache nicht die Oberhand gewinnen. Manchmal wirkt Freddy, als sei er nicht zurechnungsfähig, wenn seine Gefühle die Kontrolle übernehmen. Heute muss er besonnen sein, reflektiert, so als hätte er alles im Griff. Denn das hier ist vielleicht seine letzte Chance, Hilfe zu bekommen. Wenn das nicht funktioniert, bleibt sein Onkel Ned mit Sicherheit verschwunden und er wird niemals wissen, was mit ihm geschehen ist. Und das würde er nicht ertragen. Nicht noch einmal.
Freddy steigt der Duft von Harz und Tannennadeln in die Nase. Die Tannen und Fichten des Etherwood ragen schwarz und leicht schwankend über ihnen auf. Er hört den Ruf einer Eule in der Ferne und das Rascheln von Getier im Untergrund. In seiner Wolldecke ist er warm und geborgen und er wünschte sich, er müsste dieses Nest heute nicht mehr verlassen. Schon gar nicht, um Thornton Manor zu betreten.
Die Tannen teilen sich und die zahlreichen spitzen Türme von Llewellyns zu Hause ragen vor ihm auf. Das Anwesen ist von einer hohen Mauer umgeben und nur einige Fenster sind erleuchtet. Freddy schaudert wie jedes Mal, wenn er sich Thornton Manor nähert. Auf andere mag es wirken wie ein Märchenschloss, für ihn ist es kalt und abstoßend, genau wie seine Bewohner. Hätte er doch Llewellyn Thornton nach der Schule hinter sich lassen können, so wie er es sich gewünscht hat. Manche Momente damals hat er nur durchgestanden, weil er sich gesagt hat, dass er Thornton nie wiedersehen wird, wenn sich die Tore der Schule hinter ihnen schließen. Gut, dass er damals nicht wissen konnte, dass er heute mehr denn je auf seine Gunst angewiesen ist.
Das Luftschiff hält mit einem kleinen Ruck am Anleger direkt vor dem imposanten Tor der Schlossmauer. Es ist aus Eisen, das zu Blätterranken geschmiedet wurde, und steht heute offen. Eine Gruppe Menschen bewegt sich den Weg zum Eingang des Anwesens entlang, der von Laternen erleuchtet und von Statuen gesäumt ist. Auch hier haben es sich die Thorntons nicht nehmen lassen, ihren Reichtum gebührend zur Schau zu stellen. Freddy schnaubt leise.
»Denk daran, dass sie sich all ihre Besitztümer nicht auf ehrliche Weise verdient haben«, hat ihm Onkel Ned so oft gesagt. »Die Thorntons sind über Leichen gegangen. Auch vor der Dämoneninvasion. Und sie haben ihre Fahnen stets in den Wind gehängt. Oder was glaubst du, warum der alte Thornton sich zum Vorsitzenden des Onyxbundes hat wählen lassen?«
Freddy schiebt die Gedanken zur Seite. Die Feindschaft zwischen ihm und Llewellyn Thornton ist nie verschwunden, aber heute würde sie ihm nur im Weg stehen. Er zieht seinen schäbigen Mantel enger um sich, aber der hält ihn nicht warm. Einen neuen kann er sich im Moment nicht leisten. Er ist froh, als er die stattliche Treppe erreicht, die zum Haupteingang hinaufführt.
Die Türflügel sind geöffnet, weil eine Gruppe Gäste das Haus betreten hat. Freddy ist froh, dass er nicht länger im Schnee warten muss. Schnell huscht er hinter ihnen hinein.
Ares, der Rottweiler der Thorntons, hebt den Kopf und trottet zu ihm, um sich eine Streicheleinheit zu holen. Sein Bruder Hades folgt ihm. Seit jeher sind die beiden Wachhunde Freddy zugetan. Er gibt ihnen zwei Leckerli, die er bei seinen Besuchen hier immer dabeihat.
»Sir, würden Sie mir bitte Ihre Einladung zeigen?«
Freddy sieht genervt auf in das Gesicht des Butlers, der ihn mit unverhohlener Herablassung anblickt. »Kommen Sie schon, Lionel«, sagt er. »Sie wissen doch, wer ich bin. Freddy Mongoose. Mitglied im Bund des Onyx.«
»Ohne Einladung kann ich Sie heute Abend nicht hereinbitten, so leid es mir tut, Sir.« Der näselnde Ton des Butlers und seine hochgezogenen Augenbrauen zerren an Freddys Nerven.
»Ich weiß nicht, wo die verdammte Einladung ist. Ich hatte heute wahrhaft Wichtigeres zu tun, als auf einen Fetzen Papier zu achten.« Er zieht die Blicke der anderen Gäste auf sich, aber das ist ihm im Moment gleichgültig. Niemand zeigt eine Einladung vor, wie er mit Verbitterung bemerkt.
Lionel setzt zu einer Antwort an, aber bevor er ein Wort hervorbringt, wird er von einer Stimme unterbrochen, die zwar leise spricht, aber gleichzeitig in der gesamten Eingangshalle zu hören ist.
»Lassen Sie ihn, Lionel. Er mag aussehen wie aus der Gosse, aber Sie haben doch Freddy Mongoose nicht vergessen, oder?«
Freddy muss nicht aufblicken, um zu wissen, dass es sich um Llewellyn Thornton handelt. Er steht auf dem ersten Absatz der Treppe, an das Geländer gelehnt, mit einer Aura von Selbstsicherheit, die Freddy seit jeher hasst. Sein heller Anzug ist aus einem silbrigen Stoff, umspielt seinen schlanken Körper. Jedes seiner hellblonden Haare sitzt perfekt, das leichte Lächeln auf seinen schmalen Lippen bringt Freddy zur Weißglut. Schön wie eine Statue, denkt er wieder einmal. Die hohen Wangenknochen sind wie gemeißelt, die Haut bleich, fast durchsichtig. Der Blick aus seinen eisblauen Augen kalt und berechnend. Ein Thornton durch und durch. Seine bloße Anwesenheit jagt Freddy eine Gänsehaut den Rücken hinunter.
»Und schon möchte ich am liebsten wieder gehen.« Freddy zieht seinen Mantel aus und wirft ihn in Lionels Richtung, der ihn gekonnt auffängt und keine Miene verzieht.
»Wärm dich zumindest etwas auf«, sagt Llewellyn. »Das wird dir guttun, mein Lieber.«
Freddy sieht ihn mit gerunzelter Stirn an. Ist das eine Anspielung auf seine abgenutzte Kleidung oder auf die Tatsache, dass er es sich in diesem November kaum leisten kann zu heizen? Weiß Llewellyn, wie schlecht es um seine Finanzen steht? Der Gedanke treibt ihm Hitze in die Wangen.
»In deiner Gegenwart könnte mir niemals warm werden.«
Ein hochmütiges Lächeln kräuselt Llewellyns Mundwinkel. »Charmant wie eh und je. Es wundert mich nicht, dass man euch Mongooses eine gewisse Patzigkeit nachsagt.« Llewellyn tritt vom Treppengeländer zurück. »Willkommen, Freddy.«
»Und es wundert mich nicht, dass man euch Thorntons nachsagt, ihr wäret eingebildeter als ein ganzes Rudel Gänse.«
»Es heißt eine Schar von Gänsen. Sprachliche Feinheiten waren nie deine Spezialität, Freddy. Oder Feinheiten generell.« Llewellyn dreht sich um und geht die Treppe hoch. Der Umhang aus silbrigem Material fließt hinter ihm her und es sieht wundervoll aus. Königlich.
»Und nenn mich nicht Freddy«, schreit Freddy ihm hinterher.
Freddys erster Auftritt bei diesem Besuch in Thornton Manor war nicht ideal, das ist ihm bewusst. Er hat es nicht geschafft, einen kühlen Kopf zu bewahren, aber wie soll er das, wenn Llewellyn auftaucht und ihn derart zur Weißglut treibt? Schon die Art, wie er am Treppengeländer lehnte, war kaum zu ertragen.
Freddys Laune hebt sich nicht, als er den Festsaal betritt. Er hatte gehofft, dass es ernste Gespräche geben würde, dass man an einem großen Tisch zusammensitzen und diskutieren würde. Aber die Stimmung ist ausgelassen. Eine Musikgruppe mit Dudelsäcken, Fideln und Clarsach spielt, in einem Kreis in der Mitte wird getanzt. Es wirkt nicht so, als würde sich hier irgendjemand einen Deut um eine bevorstehende Dämoneninvasion scheren.
»Frösche in langsam kochendem Wasser«, murmelt Freddy und drängelt sich durch die Menge. Er ist schrecklich underdressed, aber das ist in diesem Moment sein kleinstes Problem. Er muss es schaffen, zumindest ein paar der wichtigsten Mitglieder des Bundes zu finden und mit ihnen zu sprechen.
Dann steht er plötzlich vor dem Buffet und vergisst alles andere. Da stehen appetitlich angerichtete Platten, bei deren Anblick ihm das Wasser im Mund zusammenläuft. Käseplatten mit Weintrauben und kunstvoll geschnittenen Tomaten verziert, alle Arten von Obst und gebackenes Gemüse, Aufläufe, Süßspeisen, Gebäck …
Freddys Magen dreht sich einmal um sich selbst vor Hunger. Er hat seit Tagen fast nur Brot mit Sirup und Tütensuppen zu sich genommen, weil er das Geld für die Miete nicht zusammen hat. Und das macht sich jetzt bemerkbar. Fast wie in Trance nimmt er sich einen Teller, schiebt sich zwischen den Gästen hindurch, die eher zufällig vor dem Buffet stehen, und belädt ihn mit Blätterteigschnecken, Gemüseauflauf, Soufflé und Teigröllchen. Um alles andere kann er sich später kümmern.
Er stellt den Teller auf einem der Stehtische ab und schiebt sich eine Gabel von dem Soufflé in den Mund. Es schmeckt himmlisch. Er hat das Gefühl, noch nie etwas so Wohlschmeckendes gegessen zu haben. Ein paar Minuten lang gibt es in seinen Gedanken nichts anderes als das Essen.
»So hungrig heute?«
Der süffisante Ton der Stimme lässt ihn unsanft in die Realität zurückkehren. Es ist natürlich niemand anderes als Llewellyn, der vor ihm steht und mit kaum verhohlenem Amüsement Freddys vollen Teller begutachtet.
Freddy vergeht augenblicklich der Appetit. »Bist du wieder hier, um dich zu amüsieren?«
»Keinesfalls. Ich freue mich nur, dass es dir schmeckt. Dabei sieht es fast so aus, als hättest du auch noch eigene Vorräte mitgebracht.« Llewellyn streckt die Hand aus und zupft ein Stück Kartoffelschale von Freddys Schulter. Diskret lässt er sie im silbernen Tischmülleimer verschwinden.
Hitze steigt in Freddy auf. Es ist demütigend diesem perfekt gekleideten jungen Mann gegenüberzustehen, bei dem jedes Haar an der richtigen Position sitzt, während er selbst nicht einmal mehr Zeit hatte, sich zu waschen und direkt aus der Mülltonne hier aufgetaucht ist. Er würde Llewellyn am liebsten stehenlassen oder ihm sagen, wie lächerlich er sein Auftreten findet. Aber er reißt sich zusammen. Er hat heute Abend ein Anliegen von großer Wichtigkeit. Entschlossen schiebt er den Teller ein Stück von sich weg, obwohl er noch Hunger hat.
»Ich muss mit deinem Vater reden«, erklärt er.
»Ich glaube kaum, dass er für dich zu sprechen ist«, sagt Llewellyn. »Er tauscht sich heute Abend als Vorsitzender des Onyxbundes mit vielen Menschen aus.«
»Es ist wichtig.« Freddy greift nach einer Serviette und tupft sich den Mund ab. »Wo finde ich ihn?«
»Soweit ich weiß, ist er auf der Terrasse. Aber er ist in Gesprächen. Du solltest in Ruhe aufessen.« Llewellyn geht zum Buffet, nimmt einen Muffin und stellt ihn auf Freddys vollen Teller.
Diese Geste, dieses Ausnutzen von Freddys Schwäche und die Darstellung als sei er auf Almosen von den Thorntons angewiesen, ist es, was Freddy den Rest gibt. »Spar dir deine Spitzen. Ich habe heute Wichtiges im Sinn und keine Zeit für so etwas.« Er wirft den Muffin ebenfalls in den Tischmülleimer, dreht sich dann um und geht in Richtung der Terrasse. Aufrecht, obwohl er empfindlich in seinem Stolz gekränkt wurde. Daran hat sich nichts geändert seit seiner Schulzeit. Niemand hat es jemals so geschafft, ihn zu blamieren und herabzuwürdigen. Er denkt an die vielen durchwachten Nächte, in denen er gelernt hat, nur um dann doch von Llewellyn mühelos überflügelt zu werden. An die Abschlussrede, die Llewellyn gehalten hat, nachdem Freddy in ihrem letzten Schuljahr auf ganzer Linie versagt hat. Es graust ihn noch immer, wenn er an diese Zeit zurückdenkt. Die vielen subtilen Angriffe, das Reden hinter seinem Rücken, alles unter dem Deckmantel des vorbildlichen Schülersprechers, als den ihn vor allem die Lehrer und Lehrerinnen gesehen haben. Niemand kennt Llewellyns finstere Seite so gut wie Freddy.
Malcolm Thornton ist trotz seines fortgeschrittenen Alters ein attraktiver Mann. Sein Haar ist weiß und voll, die Falten geben seinem Gesicht eine gewisse Strenge und er hat die gleichen eisblauen Augen wie sein Sohn. Das lässt Freddy fürchten, dass auch Llewellyn niemals aufhören wird, so unverschämt gut auszusehen, und dafür hasst er ihn noch ein bisschen mehr. Malcolm hat die gleiche aufrechte Haltung wie sein Sohn. Zwischen den zwei Frauen und dem jungen Mann, mit denen er sich unterhält, sticht er sofort hervor. Die vier wirken nicht so, als wünschten sie unterbrochen zu werden, aber Freddy kann nicht warten, bis die Etikette es erlaubt, dass er sich in das Gespräch einschaltet.
Entschlossen geht er auf die kleine Gruppe zu und eine der Frauen, die er als Catriona McMullen erkennt, eine alte Freundin seines Onkels, lächelt ihn an. Freddy ist erleichtert, denn das wird es ihm leichter machen, seine Angelegenheit vorzutragen. Allerdings bemerkt er im nächsten Moment, wie Catriona ihren Blick ungläubig über seine Kleidung schweifen lässt und ihn dann wieder hebt. Ihr Lächeln wirkt gefroren. »Alfred«, sagt sie, offenbar um Herzlichkeit bemüht. »Wie schön, hier auf dich zu treffen. Gibt es Neuigkeiten von deinem lieben Onkel Ned?«
Freddy schüttelt den Kopf.
»Wie lange ist er jetzt verschwunden?«
Freddy schluckt. »Fast zwei Wochen.«
Catriona legt ihm mitfühlend eine Hand auf den Arm. »Du darfst dir nicht zu viele Sorgen machen. Ned war schon immer ein Abenteurer. Ich bin mir sicher, dass er eines Tages wohlbehalten wieder auftauchen wird.«
»Danke, Catriona.« Freddy richtet sich auf. »Leider bin ich mir da nicht sicher. Um ehrlich zu sein, ist das der Grund, aus dem ich hier bin.« Er nimmt seinen Mut zusammen und wendet sich an Malcolm Thornton. »Mr. Thornton, ich hatte gehofft, dass der heutige Abend eine echte Versammlung des Onyxbundes ist. Ich habe ein Anliegen, das ich vortragen möchte. Mir sind Dinge aufgefallen, über die ich mit allen Mitgliedern sprechen möchte.«
Malcolm Thornton ist zu höflich, um Freddy von Kopf bis Fuß zu mustern. Nur eine leicht gewölbte Augenbraue deutet an, dass er von seiner Erscheinung überrascht ist. »Trag uns deine Angelegenheit jederzeit gern vor, wenn du der Meinung bist, dass sie nicht bis nach der Feier warten kann«, sagt er und Freddy entgeht die leise Verachtung in seinem Blick nicht. Er wundert sich nicht darüber. Zwar haben sich die Familien Thornton und Mongoose zusammengerauft, während die Dämoneninvasion Etherglenn heimsuchte, doch darunter schlummert die alte Feindschaft, die seit jeher zwischen ihren Familien bestand. Daran hat sich nie etwas geändert. Und Freddy hasst es, auf die Mithilfe der Thorntons angewiesen zu sein.
»Mir ist zu Ohren gekommen, dass du heute fast in eine Schlägerei in einem Pub verwickelt worden wärst«, mischt sich Silvester Hawthorne ein, der neben Thornton steht. »Ich habe gehört, dass du verfolgt wurdest. Kein Wunder, wenn du nicht mehr weißt, wie dir geschieht.«
Thornton nickt. »Du solltest jetzt nach Hause gehen und dich ausschlafen, Freddy. Morgen früh wird alles schon anders aussehen.«
»Nein, Sie verstehen mich nicht«, sagt Freddy. »Offenbar wollen Sie es gar nicht. Möglich, dass ich ein wenig durcheinander bin, aber meine Befürchtungen sind real. Lassen Sie uns ein Treffen einberufen. Vielleicht ist anderen Mitgliedern des Onyxbundes auch etwas aufgefallen. Es schadet doch nicht, zumindest Vorkehrungen zu treffen.«
»Du bist derjenige, der nicht versteht, Freddy«, sagt Thornton und nimmt zwei Gläser Champagner von einem Tablett, das ein Bediensteter vorbei trägt. »Wenn wir das Signal geben, dass Etherglenn erneut in Gefahr ist, von einer Invasion heimgesucht zu werden, wird das Konsequenzen haben. Mit so etwas ist nicht zu scherzen. So gern wir dich alle mögen, wir können nicht aufgrund deines unguten Gefühls eine ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzen.« Der Blick aus seinen Eisaugen wird kälter. »Zwing uns nicht, gegen dich vorzugehen, Freddy. Wenn du nicht aufhörst, diese Spekulationen zu verbreiten und die Stadt aufzuwiegeln, werden wir Maßnahmen ergreifen müssen.«
Freddy tritt einen Schritt zurück. »Welche Maßnahmen?«
»Freddy.« Das ist wieder Catriona. Ihr Blick ist ernst geworden. »Wir alle wissen, wie sehr du noch immer unter dem Tod deiner Eltern leidest und unter dem Verschwinden deines Cousins vor langer Zeit. Du liegst uns am Herzen, also lass uns nicht weiter über diese Themen reden.«
Ein schweres Gewicht legt sich auf Freddys Schultern. Es tut weh, diese Worte von Catriona zu hören, die seinem Onkel so nahestand. Und die Erinnerung an Farlan, seinen Cousin, ist immer noch wie eine offene Wunde in seinem Herzen, auch wenn sein Verschwinden jetzt sieben Jahre her ist. Doch er begreift, dass das Spiel für ihn verloren ist. Er wird heute Abend nichts erreichen.
Und für einen Moment ist er sich nicht sicher, ob Thornton und die anderen nicht recht haben. Neds Verschwinden hat ihn mitgenommen und es sieht ihm nicht ähnlich, fast eine Kneipenschlägerei anzuzetteln.
»Vielleicht bin ich momentan wirklich nicht ich selbst«, sagt er leise.
Catriona legt einen Arm um ihn und führt ihn ein wenig von den anderen weg. Sie stehen jetzt am Rand der Terrasse unter einem der kahlen Blutahornbäume. »Freddy. Ich mache mir Sorgen um dich. Du weißt, dass du jederzeit zu mir kommen kannst, wenn du mit jemandem reden möchtest, nicht wahr? Dein Onkel und ich sind seit jeher gute Freunde.«
»Ich weiß.« Freddy schluckt. »Danke, Catriona.« Sie war bisher immer freundlich zu ihm, aber trotzdem könnte er sich ihr niemals öffnen.
»Pass ein wenig auf dich auf. Und begrab endlich diese alte Feindschaft zu den Thorntons. Ich weiß, dein Onkel hat immer daran festgehalten, aber um ehrlich zu sein, glaube ich, dass er es nur nicht ertragen konnte, dass die Thorntons die Mongooses letztlich überflügelt haben.«
Freddy versteift sich in ihrer Umarmung. »Das war nicht der Grund.« Er macht sich von ihr los. »Er hatte Thornton immer im Verdacht, an der Invasion nicht unschuldig zu sein.«
»Und das ist lächerlich. Die Thorntons haben sich den Dämonen entschlossener entgegengestellt als die meisten anderen Menschen dieser Stadt. Und wir haben sie vertrieben, nicht wahr?«
»Nur, dass wir nicht wissen, wer die Portale damals geöffnet hat oder warum sie sich wieder geschlossen haben?«, fragt Freddy düster. »Und niemand versucht mehr, es herauszufinden. Bei einer erneuten Invasion sind wir nicht klüger als zuvor.«
Catriona tritt einen Schritt zurück und verschränkt ihre Arme. »Freddy, es ist Zeit, dass du die Vergangenheit loslässt. Du hattest große Verluste durch die Invasion zu verbuchen. Deine Eltern sind ums Leben gekommen und das ist schrecklich. Aber glaub mir, sie würden wollen, dass du glücklich bist.«
»Sie würden vor allem wollen, dass so etwas nicht noch einmal passiert. Gute Nacht, Catriona.«
Freddy dreht sich von ihr weg und geht auf die Tür zu, die in den hell erleuchteten Saal führt. Zwei Frauen laufen Hand in Hand an ihm vorbei, leise miteinander flüsternd, und nichts könnte ihm im Moment besser verdeutlichen, wie einsam er ist, wie wenig die anderen Menschen auf dieser Versammlung – nein, Feier – ihn verstehen. Er versucht, nicht zu humpeln, aber sein Knie, das ihm in letzter Zeit oft Beschwerden bereitet, schmerzt wieder stärker. Er muss ins Bett. Wenn er der Einzige ist, der sich um eine erneute Invasion sorgt, muss er sich damit abfinden, dass er Hirngespinste hat.
Aber was war mit dem leisen Knacken, das du in der Gasse gehört hast?
Es kann Einbildung gewesen sein. Er war müde, hatte Angst vor seinen Verfolgern. Die heutige Nacht ist sicher nicht seine Sternstunde.
Jemand stellt sich ihm in den Weg und er zuckt zusammen.
»Ich nehme an, du hattest keinen Erfolg?« Das gespielte Mitgefühl auf Llewellyns Zügen ist erniedrigend.
»Lass mich in Ruhe, Thornton«, sagt Freddy und seine Stimme klingt müde. Er umrundet den anderen Mann, der einen Schritt zur Seite tritt.
»Humpelst du, Freddy?«
»Ich sagte, lass mich in Ruhe. Such dir ein einziges Mal ein anderes Ziel für deinen Hohn.«
Llewellyn lässt ihn gehen und Freddy ist froh darüber. Nicht einmal ihm macht es vermutlich Spaß, auf einen Hund einzutreten, der am Boden liegt.
Freddy ist dankbar dafür, dass mehrere Luftschiffe vor dem Tor von Thornton Manor warten. Er nimmt das erste, nennt seine Adresse und vergräbt sich in der Decke. Aber auch wenn er es versucht, geht ihm das unheimliche Knacken, das er in der Gasse gehört hat, nicht aus dem Kopf.
Die Tür des etwas windschiefen Hauses in der Violet Lane quietscht in den Angeln. Die Straßen in dieser Gegend von Etherglenn haben alle wohlklingende Namen, was aber nicht darüber hinwegtäuscht, dass viele der Häuser etwas heruntergekommen sind und die Kopfsteinpflaster schon bessere Zeiten gesehen haben.
Freddy weiß, welche Treppenstufen er auslassen muss, weil sie so laut knarren, dass er Gefahr laufen würde, seine Vermieterin, Mrs. Balfour zu wecken. An einer Stelle muss er sogar das Geländer nutzen, weil er vier Stufen überspringen muss. Er hat es den ganzen Tag geschafft, ihr aus dem Weg zu gehen und braucht jetzt wirklich keine Konfrontation.
Aber die Mühe hätte er sich spaßen können, denn Mrs. Balfour steht bereits auf dem ersten Absatz bereit, als er um die Ecke kommt. Sie hat eine Nachtmütze auf, was sie eigentlich harmlos wirken lassen müsste, aber ihre verschränkten Arme und ihr düsterer Blick lassen Freddy zurückweichen.
»Mr. Mongoose«, sagt sie und Freddy ist zumindest froh, dass sie kein Nudelholz in der Hand hält. »Sie haben mir versprochen, dass ich nie wieder bis zum Dritten auf meine Miete warten muss.«
»Das müssen Sie auch nicht, Mrs. Balfour. Auf gar keinen Fall.«
»Also haben Sie sie zusammen.«
»Ich habe sie zusammen, aber nicht hier.«
»Was nützt mir Ihr Geld, wenn es sich anderswo aufhält?«
»Ich kann es Ihnen morgen bringen, Mrs. Balfour. Fest versprochen.«
»Auf Ihre Versprechungen gebe ich keinen feuchten Kehricht mehr.« Der Bommel an ihrem Hausschuh wippt angriffslustig. »Wenn ich das Geld morgen nicht habe, muss ich Sie rauswerfen, Mr. Mongoose, so leid es mir tut.«
»Ich verstehe, Mrs. Balfour. Sie werden es morgen bekommen.«
»Suchen Sie sich doch endlich wieder einen anständigen Job! Ein junger gesunder Mann in Ihrem Alter wird doch mit Leichtigkeit etwas finden.«
»Ganz so leicht ist es leider nicht, Mrs. Balfour. Ich hatte ja schon einige Bewerbungsgespräche.«
»Ach papperlapapp.« Immerhin macht sie ihm Platz und Freddy huscht an ihr vorbei nach oben.
»Humpeln Sie? Haben Sie sich etwa geprügelt?«
»Nein, Mrs. Balfour, ich bin nur gestolpert.«
»Wollen wir es hoffen. Das hier ist ein anständiges Haus.«
Freddy verschwindet um die nächste Kurve und atmet auf, als die Haustür der Vermieterin zuschlägt. Er holt den schweren Eisenschlüssel hervor, der seine kleine Dachkammer aufsperrt, und muss den Kopf einziehen, als er durch die Tür tritt.
Sein Zimmer ist gerade so groß, dass ein Bett, der Schreibtisch mit seinem fast antiken Computer und eine Kommode hineinpasst. So kann man sich in dem Zimmer aber kaum umdrehen. Licht fällt tagsüber durch eine Dachluke herein und jetzt schaltet Freddy eine kahle Glühbirne an, die unter dem Dach baumelt. Klo und Dusche befinden sich auf dem Gang und er teilt sie sich mit drei weiteren Mietparteien. Eigentlich ist der Preis, die den er für dieses Loch bezahlt, zu hoch, aber er hat im Moment nicht die Energie, sich nach etwas anderem umzusehen. Und eigentlich braucht er nicht viel. Nur dass er hier all seine Bücher unter dem Bett verstauen muss, stört ihn wirklich.
Er schaltet seinen Computer ein, der immer ewig braucht, um hochzufahren und geht derweil in das kleine Bad auf dem Gang, um seine Zähne zu putzen und zu duschen. Er ist froh, endlich den Mief der Mülltonne loszuwerden.
Hoffnungsvoll öffnet er seine E-Mails, aber wieder ist keine Nachricht von Onkel Ned da. Nicht, dass er wirklich daran glauben würde, dass er sich noch meldet. Ned ist seit zwei Wochen verschwunden und hätte Freddy nie auch nur drei Tage allein gelassen, ohne ihm zumindest zu schreiben, wo er sich aufhält.
Freddy setzt sich aufs Bett. Jetzt hätte er gern den Muffin, den er vorhin in den Tischmülleimer geworfen hat. Oder am besten einen ganzen Teller vom Buffet. Wie konnte er nur so unklug sein, fast alles stehen zu lassen. Aber wegen der Art, wie die Thorntons ihn behandelt haben, wäre es ihm falsch vorgekommen, sich dort noch den Bauch vollzuschlagen. Er hat nicht mehr viel, aber er hat noch immer seinen Stolz. Nur dass Stolz leider keinen Magen füllt.
Freddy nimmt ein Stück Brot aus der Kiste auf der Fensterbank und verstreut ein paar Krümel unter dem Bett. Er hat ein stilles Abkommen mit den Mäusen, die dort leben, dass sie nicht an seinen Büchern knabbern, wenn er sein Essen mit ihnen teilt. Leider halten sich die Mäuse nicht immer daran.
Er streut auch ein paar Krümel direkt vor den Schreibtisch und tatsächlich streckt wenig später eine besonders vorwitzige Maus, die er Jasper genannt hat, ihre Schnauze unter dem Bett hervor. Ihre Schnurrhaare zittern und dann wagt sie sich vor zu den Krümeln. Freddy bewegt sich nicht und beobachtet, wie sie sich über die Brotkrumen hermacht. Sein Mäusenachbar hilft ihm manchmal, sich nicht ganz so einsam zu fühlen. Als Jasper wieder unter dem Bett verschwindet, löscht er das Licht.
Er schläft schlecht, weil er von dem saugenden und knackenden Geräusch träumt, das er in der Gasse gehört hat. Und dieses Mal kommt es näher.
Ihm ist kalt, als er aufwacht und er tastet auf dem winzigen Nachttisch nach seiner Brille. Im fahlen Licht der Morgendämmerung sieht er, dass sich Eiskristalle auf der Fensterscheibe gebildet haben. Fröstelnd zieht er sich an. Frühstück muss heute ausfallen, da er jeden Silberling für die Miete sparen muss.
Der kleine Laden für magische Artefakte in der Moonshine Alley ist so unauffällig, dass man ihn fast übersieht, wenn man nicht weiß, wo er sich befindet. Zwei Stufen führen zu der Eingangstür hinab und das Schild über der Tür auf dem »Shay’s Corner« steht, ist kaum noch zu lesen.
»Du solltest wirklich endlich ein neues Schild anbringen«, sagt Freddy, als er die Ladentür hinter sich schließt. »Sonst findet dich hier niemand mehr, Shay.«
»Ich weiß.« Shay kniet vor einem der Regale und ist offensichtlich dabei, es aufzuräumen. »Aber du weißt ja, dass die großen Läden es nicht so besonders gern mögen, wenn man zu sehr auffällt. Ich will keinen Ärger.«
