Der Circus Zweimalsohoch - Thomas Wörner - E-Book

Der Circus Zweimalsohoch E-Book

Thomas Wörner

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Beschreibung

Die Märchen dieser Sammlung verzaubern nicht nur in Wort und Bild, sie zeigen, wie aktuell das Genre Märchen ist: »Der Zirkus Zweimalsohoch« - eine Geschichte von Gewinnstreben auf Kosten der Arbeiter. »Die diebische Elster« - handelt von Menschen, die sich ungeniert mit Federn anderer schmücken. Wie die Lösung dieser und anderer Herausforderungen unserer modernen Zeit aussehen kann? Das beschreibt Wörner in seinen neun wahren Märchen. Wörner will mit seinen Märchen Mut machen und dazu auffordern, das was die Menschen bedrückt, kreativ auszudrücken. Denn das, was einen Ausdruck findet, erdrückt einen nicht. Und mit der Wahrheit ist das so eine Sache - für jeden ist sie etwas anders. Denen, die keinen Ausdruck finden, widmet er schließlich die Märchen vom Circus Zweimalsohoch. So mancher kann sich darin wiederfinden.

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Seitenzahl: 89

Veröffentlichungsjahr: 2017

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Thomas Wörner ist Märchenerzähler und Autor des Fachbuches »Die Kraft der Märchen«. Eines Tages beobachtet er aus dem kleinen Fenster eines Zirkuswagens einen kreisenden Milan. Ab diesem Augenblick wächst in ihm der Wunsch, für einige Zeit in einem Zirkuswagen zu leben. Der Wunsch geht in Erfüllung und während dieser Zeit träumt und schreibt er neun wahre Märchen.

Einst sagte mir eine weise Frau,

»Was Dich bedrückt muss einen Ausdruck finden.

Ansonsten erdrückt es Dich.«

Ich widme diese Märchen allen Helden,die keinen Ausdruck finden. Am Ende ist alles guti.

i Wichtige Märchenregel, nach Axel Olrik:Zaubermärchen enden gut.

Ich danke in besonderem Maßeden Direktoren des Circus Zweimalsohochii,dem Hütehundii, den Frettcheniiund der diebischen Elsterii.

Gemeinsam gaben wir meinen Helden den Stoff,aus dem diese Märchen sind.

ii Wichtige Märchenregel, nach Axel Olrik:keinen Ort, keine Namen und keine Zeit.

Inhalt

   Die drei schwarzen Mäuse

   Die drei weißen Mäuse

   Die drei goldenen Mäuse

   Der Circus Zweimalsohoch

     Die diebische Elster

        Die Zwerge und das Licht

      Der Wunschbrunnen

           Der Frosch, der keine Grille war

          Der Nächste

Die drei schwarzen Mäuse

Die drei schwarzen Mäuse

Es lebte einmal ein armer Mann mit seinem einzigen Sohn in einer einfachen Hütte. Der Vater arbeitete hart, doch es reichte ihnen nur für das Nötigste. Eines Tages war der junge Bursche alt genug, um ein Handwerk zu erlernen. Der Vater gab ihm von seinem Ersparten und schickte ihn seiner Wege. Obwohl der Junge nicht wusste, wohin er gehen sollte, lief er los. Er hielt nicht ein einziges Mal inne und machte keine Rast.

Als es bereits dunkel wurde und er kaum einen weiteren Schritt tun konnte, kam er schließlich an einen Wald. Dort stand ein kleines Häuschen, das einer alten Frau gehörte. Er ging zu dem Haus und klopfte an. Die alte Frau öffnete die Türe einen Spalt weit und fragte: „Mein Söhnchen, was willst du zu so später Stunde?“ „Ich bin auf der Suche nach meinem Lehrmeister. Doch es ist spät geworden und ich bitte um ein Nachtlager“, antwortete der junge Bursche. Weil die Alte gütig war, bat sie ihn herein. In der Küche brannte allzeit ein Feuer im Ofen. Auf dem Ofen kochte immer eine heiße Suppe. Sie gab dem Burschen von ihrer Suppe und von dem frischen Brot, das sie am Morgen gebacken hatte. Dann machte die Alte das Nachtlager und ließ ihn früh schlafen gehen.

Am nächsten Morgen gab sie ihm noch einmal zu essen und sprach: „Nimm diesen Klumpen Ton und gehe weiter gen Osten. Gehe vier Tage, und du wirst in einen Buchenwald kommen. Dort lebt ein alter Köhler, der eine helfende Hand gut gebrauchen kann. Doch aus diesem Ton sollst du noch heute drei kleine Mäuse machen. Gib ihnen keine Füßchen und keine Ärmchen. Ihren Schwanz lege ihnen auf den Rücken. Lasse sie einen Tag trocknen, einen zweiten und einen dritten. Am Abend des vierten Tages brenne die Mäuse behutsam in der Glut eines frischen Feuers. Dann soll dein Glück gemacht sein.“ Mit diesen Worten verabschiedete sie sich von dem jungen Burschen und schickte ihn seiner Wege.

Wie ihm die Alte wies, ging er gen Osten. Er ging und ging, und als er mittags Rast hielt, machte er eine kleine Maus aus dem Klumpen Ton. Dann eine zweite und eine dritte. Jede war klein genug, um in seiner Faust Platz zu finden, hatte ein spitzes Köpfchen, zwei Augen, zwei Ohren und einen Schwanz, der auf dem Rücken lag. Ärmchen und Beinchen ließ er weg. Die fertigen Mäuse packte er in trockenes Gras und ging weiter.

Er ging einen zweiten Tag und noch einen dritten. Am Mittag des vierten Tages kam er schließlich in einen Buchenwald, wie es ihm die Alte gesagt hatte. Auf einer großen Lichtung sah er eine kleine Köhlerhütte. Neben der Hütte lag ein Haufen Holz, der drei Mann hoch war. Nicht weit davon stand der alte Köhler. Dieser hatte den jungen Burschen kommen sehen und rief zu ihm herüber: „Du kommst mir gerade recht. Ich bin alt und müde geworden. Hilf mir, den Haufen Holz mit Zweigen und Erde zu bedecken.“ Der Bursche legte sein Bündel an eine sichere Stelle, dann half er dem alten Mann. Dabei tat er alles genau so, wie es der Alte aufgetragen hatte. Als sie fertig waren, machte der Köhler ein Feuer und hängte einen alten Kessel darüber. Es gab eine gute Köhlersuppe mit Wurzeln und Rauchfleisch. Dazu einen Kanten Brot. Weil der Köhler so müde war, schlief er alsbald am Feuer ein.

Der junge Bursche nahm seine drei Mäuschen und legte sie um das Feuer herum. Dann holte er einige dicke Äste und blies dem Feuer soviel Luft zu, wie er konnte. Schon bald brannte ein stattliches Feuer. Wenig später ließ er die Mäuse in der Glut verschwinden. Dann schlief auch er ein.

Am nächsten Morgen wachte er noch vor dem Köhler auf. Der Bursche nahm die gebrannten Mäuse aus der noch warmen Asche, wartete, bis sie abgekühlt waren, und tat sie in sein Bündel. Er nahm sich neues Feuerholz und entzündete das Feuer, an der restlichen Glut. Als der Köhler aufwachte, hing längst ein Kessel mit kochendem Wasser über einem lodernden Feuer und der junge Bursche hackte Holz. „Mein Sohn“, sprach der alte Köhler, „du stellst Dich geschickt an und bist fleißig. Wenn du willst, lehre ich dich mein Handwerk.“ Und so ging der junge Bursche bei ihm in die Lehre.

Der Bursche hielt jeden Morgen Ordnung unter seinen wenigen Habseligkeiten und sah dabei nach seinen tönernen Mäusen. Dann schnürte er sein Bündel und machte sich an das Tagwerk. So vergingen die Wochen, Monate und Jahre. Sie schichteten das Holz, bedeckten es und hüteten tagelang das Feuer, so wie es die Köhler schon immer taten. Sie füllten die Holzkohle in Säcke und verkauften diese am Markttag. Schon bald sprach sich herum, dass diese Holzkohle die beste weit und breit sei. Davon erfuhr auch der König. Weil er jedoch viel Holzkohle brauchte, um sein Schloss zu wärmen, bestellte er einen so großen Haufen, wie man ihn auf der ganzen Welt zuvor noch nicht gesehen hatte.

Der Köhler und der Lehrbursche machten sich an die Arbeit und schichteten das Holz und deckten den Haufen anschließend ab. Weil es ein königlicher Auftrag war, wollte der Köhler das Feuer selbst hüten. Das Feuer brannte einen Tag und brannte eine Nacht. Es brannte den zweiten Tag und auch die zweite Nacht. Genauso am dritten, vierten, fünften und schließlich am sechsten Tag. Nur Meister verstanden, genau zu jenen Zeiten zu schlafen, zu denen es am Feuer nichts zu richten gab. Also wachte der Köhler, wenn das Feuer nach Aufmerksamkeit verlangte, und schlief, wenn die Glut die Arbeit selbst tat.

Am letzten Abend jedoch, da schlief der Köhler so tief und fest, dass das Feuer zu ersticken drohte. Plötzlich erwachten die drei Mäuse des Burschen zum Leben und sprangen geschwind aus dem Bündel in den schwelenden Holzhaufen. Wie von Zauberhand erlosch das Feuer nicht und bekam genügend Luft.

Am Morgen erwachte der Köhler voller Sorge. Doch er sah, dass der Haufen brannte, genauso wie es sein sollte. Währenddessen richtete der Lehrbursche auch an diesem Morgen seine Habseligkeiten. Wie jeden Tag waren alle drei Mäuse an ihrem Platz. Doch eine von ihnen war rabenschwarz geworden. Dem Burschen war es jedoch einerlei, gefiel ihm doch die schwarze Maus genauso wie die anderen. Er schnürte sein Bündel und machte sich an die Arbeit. Das Feuer wurde meisterlich gelöscht, und die Holzkohle durfte nun ein paar Tage ruhen. Dann brachten sie die vielen Säcke zum Schloss.

Doch der König bezahlte den Köhler nicht. Stattdessen gab er die doppelte Menge Kohle in Auftrag. Ohne zu murren, ging der Köhler zurück zu seiner Waldlichtung, und der Lehrbursche folgte ihm. Kaum waren sie dort angekommen, schichteten sie das letzte trockene Holz zu einem großen Berg auf. Höher als zuvor. Und wieder hütete der Köhler das Feuer selbst, denn ein so königlicher Auftrag verlangte nicht weniger als das Können des Meisters selbst.

Und wieder brannte das Feuer Tag für Tag und Nacht für Nacht und wurde aufmerksam gehütet. In der letzten Nacht jedoch schlief der Köhler wieder so tief und fest, dass das Feuer abermals zu ersticken drohte. Wie beim letzten Mal erwachten die drei Mäuse des Burschen und sprangen schnell in den Holzhaufen. Wieder brannte das Feuer die ganze Nacht hindurch. Ganz so, wie es sein sollte.

Am nächsten Morgen erwachte der Köhler und war außer sich. »Es wird Zeit, dass ich mich zur Ruhe setze.“ Rief er laut aus. Doch er sah sogleich, dass alles in bester Ordnung war. Und wieder wurde eine der Mäuse über Nacht rabenschwarz. Doch auch diese Maus war dem Lehrburschen so recht wie zuvor. Er ordnete seine Sachen und machte sich an die Arbeit. Das Feuer wurde gelöscht, die Holzkohle ruhte ein paar Tage, dann brachten sie die Säcke zum Schloss. Doch der Köhler wurde wieder nicht entlohnt. Stattdessen erteilte der König einen neuen Auftrag. „Mache mir ein einziges Stück Holzkohle. Es muss so meisterlich geschaffen sein, dass es sieben Tage und sieben Nächte so heiß wie die Sonne glühen kann. Schaffst du das, soll dein Glück gemacht sein.“

Da ging der Köhler mit seinem Lehrburschen zur Waldlichtung zurück. Doch dort war kein einziger Baumstamm mehr, den man zu Holzkohle hätte machen können. Selbst die alten Bäume, die zu Vaters und Großvaters Zeiten geschlagen wurden, waren längst zu Holzkohle geworden.

Müde setzte sich der alte Mann an die Feuerstelle. Aus den letzten Zweigen machte der Bursche ein Feuer und hing den Kessel mit der restlichen Suppe darüber. Sie aßen, soviel eben noch da war, und schliefen alsbald erschöpft ein. Sogleich sprangen die drei Mäuse aus dem Bündel des jungen Burschen. Gemeinsam gruben sie eine Höhle direkt unter der Feuerstelle. Dann sammelte jedes Mäuschen soviel Brennbares, wie es nur konnte, und gab es in die Höhle. Anschließend suchten sie drei kleine Haselzweige, die sie in die Mitte der Höhle betteten. Wie von selbst begann die Höhle zu brennen. Die Mäuse verschlossen die Zugänge und hüteten das Feuer bis zum Morgengrauen.

Als der Lehrbursche erwachte, war das Feuer längst erloschen. Er machte ein neues Feuer und hing den Wasserkessel darüber. Dann besah er wie jeden Tag seine Habseligkeiten. Alle drei Tonmäuse waren schwarz geworden. Jede hielt einen Haselzweig, der in der Nacht zu tiefschwarzer Kohle geworden war. Da wusste der Bursche gleich, dass diese drei Kohlestücke recht für den König seien.