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"Was beschäftigen Sie eigentlich für Halunken in Ihrer Firma? Erst fährt mich der Kerl über den Haufen und dann gibt er mir noch eine gefälschte Visitenkarte." Cynthia hätte nie gedacht, dass sie der Unfall aus ihrem ruhigen Leben in eine Welt der Drachenwandler führen würde. Diese leben neben anderen Wandlern mitten unter den Menschen, ohne sich zu erkennen zu geben. Darko, der älteste Sohn des Anführers des Drachenclans, genießt das Dasein in vollen Zügen und sucht angenehme Zerstreuung in Gesellschaft hübscher Frauen. Doch sein Vater ist der Ansicht, dass er sich endlich eine Gefährtin suchen soll. Nur kommt dafür nur eine Wandlerin in Betracht und ausgerechnet da läuft ihm Cynthia über den Weg, die für ihn die einzige Frau ist, die als Gefährtin infrage kommt. Nur ist sie leider ein Mensch und dies ist nicht das einzige Problem, dass ihm im Weg steht. Wie wird sie reagieren, wenn sie erfährt, was er ist?
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Veröffentlichungsjahr: 2023
Table of Contents
Title Page
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Leseprobe
Der Clan der Drachen
Darko
Cover: www.magicalcover.de
Das Werk aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Alle Rechte vorbehalten, einschließlich der Vervielfältigung, Übersetzung, Mikroverfilmung sowie Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
Alle in diesem Buch geschilderten Handlungen und Personen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen wären zufällig und sind nicht beabsichtigt.
Darko
Die Aussicht war immer wieder aufs Neue gigantisch, besonders dann, wenn wie heute kaum eine Wolke am Himmel stand. Hier aus dem sechzigsten Stock des Scale-Towers, dem Firmensitz des Clans meines Vaters, konnte ich meilenweit bis zum Horizont sehen. Gleichzeitig musste ich an die letzte Nacht zurückdenken. Wie hieß sie noch gleich? Yvonne, das war ihr Name. Vielleicht sollte ich sie doch anrufen, obwohl es bei mir eine Regel gab: Ruf nie eine Frau an, die du in der Bar kennengelernt hast und mit der du anschließend im Bett warst. Möglicherweise könnte ich bei ihr eine Ausnahme machen, denn im Gegensatz zu vielen ihrer Vorgängerinnen war sie eine echte Granate gewesen.
Ich schüttelte aber nur den Kopf, während ich mich wieder an den Schreibtisch setzte. Keine Abweichung von der Regel! Ich hatte zwar eine tolle Nacht mit ihr verbracht, aber es war letztendlich nur eine rein körperliche Beziehung. Spätestens beim zweiten oder dritten Mal wäre es für mich ohnehin langweilig geworden und sie würde sich vielleicht doch noch irgendwelche Hoffnungen machen. So, wie es jetzt war, blieb es halt bei einer Nacht, die für sie unvergesslich war - davon war ich überzeugt.
Eigentlich lief jeder Abend gleich ab, wenn ich es darauf anlegte. Ich ging in eine Bar oder einen Club, setzte mich irgendwohin und schon nach wenigen Minuten machten mir mindestens zwei oder drei heiße Frauen eindeutige Avancen. Diese Wirkung beruhte nicht nur auf mein sicheres Auftreten und die sportlich-durchtrainierte Figur, sondern vor allem auf etwas, was sie mit 'Mysteriös' umschrieben. Diese Kombination zog sie an wie das Licht die Motten. Frauen umschwärmten mich und versuchten, das Geheimnis zu lüften, was mich umgab. Bisher war es aber noch keiner gelungen und ich fragte mich schon seit einiger Zeit, wie sie wohl reagieren würden, wenn sie mich in meiner gewandelten Gestalt sähen. Aber das würde nicht geschehen, nicht bevor mir die einzige, die wahre Gefährtin über den Weg lief.
»Mr. Scales?« Meine Sekretärin hatte die Tür geöffnet und ihren Kopf ins Zimmer gesteckt. »Mr. Bernstein ist hier. Außerdem sollte ich Sie an den Termin mit Ihrem Vater erinnern. Er erwartet Sie in einer Stunde.«
Ich nickte nur zum Zeichen, das ich verstanden hatte, und sah auch schon unseren Hauptbuchhalter Ed Bernstein in mein Büro treten. Ich gab mich keinen Illusionen hin: Die nächste halbe Stunde würde zu den langweiligsten des ganzen Tages gehören.
*****
»Daher würde ich vorschlagen, dass Sie Ihrem Vater empfehlen, das Grundstück samt Gebäude in Schottland zu veräußern. Es bindet nur unnötig Kapital und bringt der Firma keinerlei Einnahmen.«
Es gelang mir nur mit Mühe, ein Gähnen zu unterdrücken. Über fünfzehn Minuten hatte er mir mit allerlei Tabellen und Zahlen aufgezeigt, dass dies die einzig logische Schlussfolgerung war. Er hatte ja auch vollkommen recht, nur war der Ort, den er so verächtlich abtat, zufällig der Stammsitz unseres Clans. Mein Vater würde eher seinen linken Arm - oder den Bernsteins - ausreißen, bevor er die alte Schlossruine verkaufte. Aber das würde die Krämerseele nie begreifen.
»Ich werde meinem Vater Ihren Vorschlag unterbreiten«, sagte ich schließlich, um das Gespräch endlich abzubrechen. Demonstrativ erhob ich mich, um damit anzudeuten, dass die Unterhaltung beendet war.
Bernstein begriff auch sehr schnell, denn er stand hastig auf, bedankte sich beinahe unterwürfig für die Zeit, die ich ihm geopfert hatte, und verschwand aus dem Büro. Ich warf einen Blick zur Uhr und entschied mich, noch einen kleinen Snack im Restaurant der Geschäftsleitung einzunehmen.
Ich musste dazu nur mit einem Nebenaufzug zwei Stockwerke nach unten fahren und kam in einen Saal, der es vom Ambiente her mit einem gehobenen Drei-Sterne-Restaurant aufnehmen konnte. Der Raum war völlig überdimensioniert, selbst wenn man berücksichtigt, dass hier auch die Firmengäste bewirtet wurden.
»Darf ich Ihnen die Speisekarte bringen?«, fragte mich die aufregende Blondine, nachdem ich mich gesetzt hatte.
Den Blick, den sie mir schenkte, kannte ich nur zu gut. Wenn ich es darauf anlegte, würde sie sich selbst auf die Karte schreiben. Aber danach stand mir gerade nicht der Sinn.
»Bringen Sie mir einen Salat und ein Wasser, bitte. Ich muss auf meine Figur achten.« Dabei zwinkerte ich ihr verschwörerisch zu. Sie lächelte breit und ließ dabei ein paar makellose Zähne aufblitzen. Als sie zur Küche ging, zeichnete sich ihr wohlgeformtes Hinterteil in dem engen Kleid ab. Schon stellte ich mir vor, wie es wohl darunter aussah und was es für ein Gefühl wäre, diesen entzückenden Hintern mit den Händen zu umfassen. Meine Hose spannte sich bereits im Schritt und ich musste mich zusammenreißen, um nicht doch eine Dummheit zu begehen. Natürlich hatte ich so etwas schon häufiger getan - ich erinnerte mich an eine dralle Brünette von vor einem Jahr, mit der ich es hier in den Nachtstunden getrieben hatte. Allerdings hatte ich an dem Tag auch keine Verabredung mit meinem alten Herrn, so wie heute.
Wenige Minuten später brachte sie mir die Bestellung und strahlte mich wieder mit einem Lächeln an, das alles versprach. Wie beiläufig strich sie mir mit ihrer Hand am Oberarm entlang und selbst durch die Bluse konnte ich sehen, wie ihre wohlgeformten Nippel auf die Berührung reagierten. Bei allen Drachen, sie machte es mir sehr schwer, die Contenance zu bewahren.
»Wann haben Sie heute Feierabend?«, fragte ich. Es rutschte mir einfach so raus, aber sie war wirklich ein Prachtstück von Frau.
»Wann immer Sie wollen!«, flüsterte sie zurück und kam mir mit ihrem Mund viel näher, als es eine Servicekraft beim Servieren sollte.
Ihr Geruch war süß, fordernd und sinnlich zugleich. Ihr Körper versprach eine wundervolle Nacht.
»Ich melde mich bei Ihnen!«, sagte ich schließlich und hoffte nur, dass sie sich nun entfernte. Es war nicht etwa so, dass mir ihre Gegenwart auf einmal nicht mehr gefallen würde, aber wenn sie noch länger in meiner Nähe blieb, bekäme ich Schwierigkeiten, aufzustehen.
*****
Der Salat war mindestens ebenso knackig wie die Bedienung, von der ich immer noch nicht den Namen kannte, aber die ich diese Nacht in- und auswendig kennenlernen würde. Das Wasser regte mich zumindest nicht weiter an, sodass ich schließlich in tadelloser Kleidung und Haltung in den einundsechzigsten Stock zu meinem Vater fahren konnte.
Unwillkürlich betrachtete ich mich noch im Spiegel, um den Sitz des teuren Anzugs zu überprüfen, bevor ich die Tür zum Vorzimmer öffnete. Hagrid, mein Vater, war schon sehr alt und sehr konservativ, auch wenn man ihm Ersteres nicht ansah.
Seine Sekretärin und Vorzimmerdame lächelte mich an, als sie mich sah. »Er erwartet Sie bereits, Darko.«
Ich bedankte mich und notierte mir im Gedächtnis, dass ich ihr bei Gelegenheit eine Schachtel Pralinen und Blumen mitbringen sollte. Immerhin hatten wir vor nicht allzu langer Zeit eine Nacht miteinander verbracht. Es war nichts Besonderes gewesen - zumindest für mich nicht - aber sie hatte es wohl sehr genossen. Ich fragte mich nicht zum ersten Mal, ob sie wohl wusste oder ahnte, was wir waren. Aber es war unwahrscheinlich, denn ich konnte mir kaum vorstellen, dass sie dann noch hier erscheinen würde.
Ich klopfte kurz an die Bürotür meines Vaters, riss sie auf ... und blieb erst einmal verdutzt im Türrahmen stehen. Eigentlich hatte ich mit dem üblichen Gespräch gerechnet. Er würde mir Vorhaltungen machen, weil ich immer noch keine passende Gefährtin gewählt hatte. Als Nächstes würde er auf sein Alter zu sprechen kommen und dass ich mich endlich darauf vorbereiten sollte, seine Nachfolge als Clanführer anzutreten - wofür unter anderem eine Gefährtin notwendig war. Ich würde seine Besorgnis zerstreuen und anschließend mit ihm Essen gehen.
Allerdings schien er diesmal ernst machen zu wollen, denn er saß zusammen mit einer Frau in der Sitzecke seines Büros, die ich schon oft genug gesehen hatte. Endlich hatte ich die Überraschung verdaut und brachte ein höfliches Begrüßungslächeln zustande.
»Hallo, Vater. Guten Tag, Miss Sanderson.« Ich entschloss mich, einen taktischen Rückzug zu versuchen. »Wenn Ihr beide noch etwas zu besprechen habt, komm ich in einer Stunde wieder.«
Mein Vater warf mir einen Blick zu, der deutlich genug ausdrückte, was er von meinem Verhalten hielt. »Setz dich, Darko. Du weißt doch wohl sehr gut, weshalb ich Farah zu dem Gespräch gebeten habe!«
Oh ja, ich wusste es. Ich hatte kaum eine andere Wahl, als den braven Sohn zu spielen, und mich zu ihnen zu gesellen. Hagrid war ja nicht nur mein Vater, er war auch mein Clanführer - und in dem Moment redete er wohl hauptsächlich in letzterer Funktion mit mir.
Farah Sanderson blickte mich an und aus dem kleinen Lächeln sprach gutmütiger Spott, als wollte sie mir sagen, dass sie all das schon unzählige Male vorher erlebt hatte. Es entsprach ja auch der Tatsache, denn sie wurde immer dann zu Rate gezogen, wenn es galt, einem Gestaltwandler eine passende Gefährtin zuzuführen. Ihr Ruf war legendär und es hieß, dass ihre Kartei eine reiche Auswahl an potentiellen Kandidatinnen enthielt. Nun, ich würde wohl schon sehr bald Gelegenheit bekommen, diese Aussage auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Eigentlich war ich auch nicht abgeneigt, eine Gefährtin zu finden, aber auf diese Art und Weise? Es kam mir fast so vor, als würde ich auf einen Viehmarkt gehen und das gefiel mir absolut nicht.
»Ich habe bereits mit deinem Vater über die infrage kommenden Frauen gesprochen und bin davon überzeugt, dass ich einige vielversprechende Kandidatinnen in meiner Kartei gelistet habe. Sie alle würden bestimmt sehr gerne den ältesten Sohn eines so mächtigen Clanführers näher kennenlernen.«
Oh ja, das konnte ich mir lebhaft vorstellen. Dennoch wagte ich, zu widersprechen. »Muss das denn sein, Vater? Mag sein, dass ich die richtige Frau bisher noch nicht gefunden habe, aber bin mir sicher, dass ich in nicht allzu ferner Zukunft ...«
»Red nicht so einen Unsinn!«, schnitt mir mein Vater das Wort im Munde ab. »Ich bin mittlerweile sehr alt und kann jeden Tag von meinen Ahnen in das Tal des ewigen Feuers gerufen werden. Ich will diese Reise im Wissen antreten, dass mein Nachfolger - also du - vorbereitet ist. Bei den Menschen sagt man, dass sich die jungen Männchen die Hörner abstoßen müssen. Wohlan, ich habe dir mehr als genug Zeit gegeben. Mittlerweile müsstest du dir die Hörner derartig abgestoßen haben, dass nur noch ein paar Stummel übrig sind. Farah hat sich trotz ihres vollen Terminkalenders bereit erklärt, dich bei deiner Suche zu unterstützen. Also wirst du dich mit ihr treffen und gemeinsam werdet ihr die passende Gefährtin aussuchen!«
Ich stieß geräuschvoll die Luft aus der Nase. Da spielte mein Vater also wie erwartet die Karte seines angeblich hohen Alters aus. Wenn man ihn so massig und vor Kraft strotzend im Sessel sitzen sah, wirkte sein Gerede von Hinfälligkeit und Ahnen umso skurriler. Aber er hatte sich entschieden und vielleicht hatte Farah ja tatsächlich eine Frau in der Kartei, die eine prächtige Gefährtin abgab. Wie gesagt: Ihr Ruf war legendär.
»Ich bin einverstanden«, sagte ich daher, obwohl ich immer noch einen bitteren Geschmack im Mund hatte.
»Natürlich bist du das, schließlich bist du mein ältester Sohn - und Nachfolger. Dann wäre das ja geklärt. Das wäre alles, Darko. Farah wird dich später anrufen, um einen Termin zu vereinbaren.«
Er wandte sich damit dem Vertrag zu, den sie ihm anscheinend bereits vorgelegt hatte. Ich war an diesem Punkt wohl überflüssig, auch wenn es mir entschieden missfiel, wie ein Lakai auf einen Anruf zu warten.
»Wenn Ihr mich dann bitte entschuldigt ...«, murmelte ich, um meinen Abgang etwas würdevoller zu gestalten, stand auf und verließ das Büro.
Draußen lehnte ich mich für einen Moment gegen die Tür und schloss die Augen, bis mir einfiel, dass ich ja nicht allein war. Vaters Vorzimmerdame sah mich jedenfalls beinahe mitleidig an. Sie wusste natürlich, wer Farah Sanderson war, auch wenn sie kaum eine Ahnung hatte, dass die Frau keine gewöhnliche Verkupplerin war.
»Ich bin wieder in meinem Büro«, sagte ich und ging gemessenen Schrittes aus dem Vorzimmer.
*****
Meine Sekretärin cancelte auf meine Anordnung hin sämtliche Nachmittagstermine. Ich wollte jetzt niemanden sehen und stand bestimmt eine Stunde am Fenster und blickte hinab auf die Straße tief unter mir. Vielleicht sollte ich eine der dreckigsten Spelunken der Stadt aufsuchen und eine Barschlägerei vom Zaun brechen. Ich wollte mich austoben, meine Muskeln spielen lassen, den einen oder anderen Knochen zertrümmern und ein paar Zähne ausschlagen. Fast gleichzeitig gingen meine Gedanken zu der Bedienung im Restaurant der Geschäftsleitung. Ich würde mich für eine Abendbeschäftigung entscheiden müssen.
Aber wieso eigentlich? Ich könnte doch zuerst ein Abendessen mit ... wie auch immer ihr Name war ... einnehmen, gefolgt von heißem, unverbindlichen Sex. Danach würde ich mich verabschieden und eine übel beleumdete Bar aufsuchen und den Abend ausklingen lassen. Je länger ich darüber nachdachte, desto besser gefiel mir die Idee.
Kurz entschlossen verließ ich das Büro und sagte meiner Sekretärin, dass ich nicht mehr zurückkommen würde. Anschließend fuhr ich hinunter in das Restaurant, um die Abendspiele beginnen zu lassen.
Cynthia
Auf dem mir zugeteilten Schreibtisch in der Unibibliothek sah es mittlerweile so aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen. Doch nicht nur der Tisch sah so aus, ich fühlte mich auch, als wäre ich im Zentrum dieser Explosion gewesen. In meinem Kopf hämmerten schon seit einiger Zeit Bauarbeiter herum und rissen anscheinend die Nervenbahnen aus der Verankerung, um sie neu zu verlegen. So konnte es nicht mehr weitergehen. Ich sollte endlich etwas essen und vor allem mal wieder ein paar Stunden schlafen. Aber das war leichter gesagt als getan.
Müde betrachtete ich die Stapel Bücher vor mir, mit denen ich den theoretischen Unterbau meiner Promotionsarbeit gestalten wollte. Doch was halfen mir die Abhandlungen in den Schriften, wenn mir noch der wichtigste Teil zur Arbeit fehlte.
»Haben Sie hier übernachtet, Miss Parker?«
Die Stimme erkannte ich, auch ohne mich umzudrehen. Hinter mir stand Professor Helmig, der meine Doktorarbeit betreute.
»Ich bin gerade dabei, das Kapitel über die verschiedenen Finanzierungsformen in Amerika zu schreiben. Zum Ende hin wollte ich es mit den Formen in Europa vergleichen.«
Er zog einen Stuhl heran und setzte sich neben mich. »Das beantwortet nicht meine Frage. Ich sehe sie fast jeden Tag in der Bibliothek. Entweder arbeiten Sie hier am Tisch oder aber Sie nehmen sich einen riesigen Stapel Bücher mit nach Hause. Sind Sie eigentlich schon vorangekommen auf der Suche nach einer Stelle, bei der Sie Ihre theoretischen Modelle dem Praxistest unterziehen können?«
Diese Frage musste ich verneinen. Ich hatte fast alle infrage kommenden Konzerne angeschrieben und bei mir zu Hause stapelten sich die Absagen.
Helmig stand auf und nickte, weil er mit der Antwort gerechnet hatte. »Ich habe Ihnen ja bereits angeboten, Ihre Arbeit auch dann zu betreuen, wenn Sie diese auf rein theoretischer Basis verfassen wollen. Denken Sie mal darüber nach ... und nehmen Sie sich einen Tag Auszeit. Sie sehen erschöpft aus.«
Er verabschiedete sich und ließ mich mit meinen Büchern allein. Ausruhen! Leichter gesagt als getan. Neben der eigentlichen Arbeit musste ich schließlich noch Geld verdienen.
»Hat er schon wieder gefragt, wie du vorankommst?«
Erneut hörte ich eine mir nur zu bekannte Stimme. Diesmal gehörte sie meiner Mitbewohnerin und besten Freundin Jessica. Das traf sich gut, denn ich brauchte wohl einen Packesel, wenn ich die ganzen Bücher nach Hause schleppen wollte.
Sie setzte sich auf die Tischkante, kaute auf ihrem Kaugummi herum, spielte mit den Fingern an einer widerspenstigen Haarlocke und sah aus wie das blühende Leben. Sie befasste sich gerade mit ihrer Masterarbeit, schien es aber nicht ganz so ernst zu nehmen wie ich. Manchmal beneidete ich sie um diese Leichtigkeit, die mir völlig abging.
»Er hat mir angeboten, dass ich auf den praktischen Teil verzichte«, beantwortete ich ihre Frage.
»Und? Wirst du?«
Ich seufzte leise. »Manchmal würde ich es gerne, aber ... es entwertet die Arbeit vollkommen. Außerdem möchte ich so einen Fuß in die Tür eines Konzerns bekommen, um endlich mal Geld zu verdienen - abseits von Pizzen ausliefern und betrunkenen Kerlen ein neues Bier servieren.«
Für einen Augenblick zog ein Schatten über ihr Gesicht. Ich hatte ihr unabsichtlich ein schlechtes Gewissen gemacht, denn ihre Eltern waren im Gegensatz zu meinen wohlhabend genug, sodass sie ohne Nebenjob durchs Studium kam.
»Hör mal ... ich habe dir ja angeboten ... falls es eng werden sollte ...«
Ich wusste, worauf sie mit dem Gestammel ansprach. Aber ich wollte ganz bestimmt nicht, dass sie - oder besser gesagt ihre Eltern - für die komplette Miete unserer gemeinsamen Wohnung aufkam.
»Darüber haben wir schon gesprochen!«, unterbrach ich daher ihr Gestotter. »Ich bezahle meinen Anteil an der Miete und an allen anderen anfallenden Kosten!«
»Ich wollte dir ja nur Hilfe anbieten.«
Ich deutete auf den Bücherstapel auf dem Tisch. »Die nehme ich auch gerne an. Du schnappst dir die oberen zehn Bücher und ich nehme den Rest.«
Sie verdrehte die Augen. »Du bist schuld, wenn ich irgendwann wie eine durch Steroide aufgepumpte Amazone aussehe.«
»Nicht so viel herummosern, sondern mehr schleppen!«, erwiderte ich und grinste dabei, weil sie besonders komisch aussah, wenn sie ihre Leichenbittermiene aufsetzte.
*****
»Ich bin fix und fertig!«, sagte sie stöhnend, nachdem sie die Bücher auf meinen Schreibtisch in unserer Wohnung abgeladen hatte. Sie hielt ihre vor Anstrengung zitternden Arme weit vom Körper gestreckt. »Ich frage mich immer noch, wie wir es bis hierhin geschafft haben.«
»Alles eine Frage des Trainings!«, erwiderte ich und ließ mich aufatmend in den Sessel fallen.
Jessica betrachtete kopfschüttelnd den Bücherberg, der sich im Laufe der letzten Wochen auf dem Tisch angesammelt hatte. »Nicht mehr lange, und die Studenten müssen hierhin kommen, wenn sie Literatur zu einem bestimmten Thema suchen.«
»Ist ja nicht für immer«, murmelte ich, während sie in die kleine Küche hinüberging. Jetzt, wo ich in einem gemütlichen Sessel lümmelte, spürte ich so richtig, wie müde ich war. Doch ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich nicht mehr allzu lange die Ruhe genießen konnte.
»Willst du auch etwas trinken?«, hörte ich Jessica rufen.
»Bring mir bitte eine Cola Light mit.«
Nach wenigen Augenblicken hielt ich die Büchse in der Hand, öffnete sie und trank sie mit ein paar tiefen Zügen halbleer.
»Ich begreif immer noch nicht, wie man dieses Zeug trinken kann«, meinte meine Mitbewohnerin, die sich ein Bier geöffnet hatte.
»Wenn ich Alkohol zu mir nehmen würde, dann wäre ich nachher kaum noch in der Lage, die richtige Adresse zu finden, wenn ich auf dem Fahrrad durch die Gegend strampel.«
Sie schüttelte den Kopf. »So wie du drauf bist, fällst du früher oder später ohnehin laut schnarchend vom Rad runter. Aber wenigstens bist du bei der Arbeit an der frischen Luft - im Gegensatz zu dem Kellnerjob in der miesen Spelunke.«
»So schlecht ist die Bar nun auch nicht. Außerdem bekomme ich da ordentlich Trinkgeld!«
»Welches du anschließend brav bei diesem Ausbeuter ablieferst, der dir davon zehn Prozent abgibt. Ich frage mich wirklich, ob deine Kolleginnen dort genauso ... ehrlich sind.«
Das hatte ich mich auch schon gefragt, aber ich konnte eben nicht aus meiner Haut. Ich trank die Cola aus, stand entschlossen auf und reckte mich, bevor ich mir wieder die Jacke anzog. »Ich muss los. Wird Zeit, dass ich ein wenig Geld verdiene!«
»Komm nicht unter die Räder!«, rief Jessica mir noch nach, als ich die Wohnung verließ, die Treppen nach unten hastete und mich auf den Weg zu meinem ersten Nebenjob machte.
*****
Mein Chef in der Pizzeria war heute wieder ganz besonders schlecht gelaunt. Einer seiner ausgebeuteten Drahteselfahrer hatte kurzfristig gekündigt und er musste daher einen ganz frischen Mitarbeiter einweisen. Ich fragte mich, wieso ich es immer noch hier aushielt, als ich seine überaus freundliche Begrüßung über mich ergehen ließ.
»Kommst du auch noch?«, blaffte er mich an, obwohl ich pünktlich zur Stelle war. Aber es brachte ohnehin nichts, ihn darauf hinzuweisen, da höchstens sein Kopf rot angelaufen und seine Laune weiter in den Keller gegangen wäre. »Hier!«, sagte er, packte drei Schachteln Pizza in den Spezialrucksack und drückte mir die Lieferadresse in die Hand. »Jetzt schwing dich auf das Rad und schieb ab!«
Anscheinend herrschte heute Hochbetrieb. Jedenfalls waren nur noch Firmenräder der besonders klapprigen Sorte vorhanden. Misstrauisch kletterte ich in den Sattel und war schon froh, dass der Drahtesel nicht direkt unter mir zusammenbrach.
»Willst du noch eine spezielle Einladung?«, rief mir mein cholerischer Boss durch die Tür zu. »Beeil dich gefälligst!«
»Wenn ich das Geld nicht so dringend brauchen würde ...«, knurrte ich und stieg in die Pedalen.
Vor allem musste ich einen Zahn zulegen. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, dass ich kaum mehr als eine halbe Stunde Zeit hatte, um die halbe Stadt zu durchqueren. Daher ignorierte ich rote Ampeln und Durchfahrverbote nach Kräften und scherte mich auch nicht um wütende Rufe, die mir nachschallten.
»Pfffff!«
Das Geräusch war mir nicht neu, aber ich konnte es im Augenblick überhaupt nicht gebrauchen. Schon fiel mir das Treten schwer. Es half nichts, ich musste absteigen. Ein Platten. Ein verfluchter, nichtsnutziger, beschissener Platten! Ich holte das Handy aus der Tasche und versuchte meinen Boss anzurufen. Ohne Erfolg. Wahrscheinlich war er gerade damit beschäftigt, einem seiner Mitarbeiter die Leviten zu lesen.
Ich untersuchte den Reifen und fand das Loch ziemlich schnell. Es ist ja auch nicht zu übersehen, wenn ein dicker Nagel herausragt. Dennoch dauerte es fast zehn Minuten, bis ich wieder unterwegs war. Selbst mit Flügeln hätte ich es nicht mehr in der vorgeschriebenen Zeit geschafft. Schweißüberströmt erreichte ich das Ziel, klingelte und sah in das feixende Gesicht des Kunden, der auf seine Uhr deutete.
»Ich hatte einen Platten«, sagte ich, noch völlig außer Atem.
»Nun, das ist ja nicht mein Problem!«, erwiderte der Dreckskerl. »In Ihrer Werbung steht, dass man die Lieferung nicht bezahlen muss, wenn man länger als 45 Minuten warten muss. Seit meiner Bestellung ist fast eine Stunde vergangen. Also ...«
Mit einem stummen Fluch auf den Lippen gab ich ihm die drei Pizzen, ohne dafür zu kassieren. Ich wagte gar nicht daran zu denken, was mein Boss sagen würde. Der geschniegelte Kerl bedankte sich höhnisch und schlug mir die Tür vor der Nase zu. Da stand ich nun - ohne Geld für die Lieferung und ohne Trinkgeld.
»Arschloch!«, murmelte ich, stieg auf mein Rad und machte mich auf den Rückweg.
*****
Mir taten mittlerweile die Beine weh, denn ich war den ganzen Nachmittag unterwegs gewesen, um Lieferungen auszufahren. Außerdem klingelte es mir immer noch in den Ohren, weil mein ausbeuterischer Chef von meinem Missgeschick mit dem Fahrrad nicht begeistert gewesen war. Zudem hatte er angekündigt, mir die Kosten für die Pizzen vom Tageslohn abzuziehen. Das reduzierte den Verdienst auf 'nicht der Rede wert.' Was für ein erfolgreicher Tag.
»Träumst du?«
Die barsche Stimme meines Chefs schreckte mich auf.
»Letzte Lieferung für heute. Ist ein Stammkunde. Versuch mal, keinen Mist zu bauen!«
Langsam hatte ich genug. Zum wiederholten Male nahm ich mir vor, mir endlich einen anderen Nebenjob zu suchen oder in der Bar zu bitten, mehr Stunden arbeiten zu dürfen. Sollte der Sklaventreiber doch sehen, wer ihm seine stinkende Pizza noch ausliefern würde.
Ohne etwas zu sagen, schnallte ich mir den Rucksack auf und schwang mich auf das Rad. Heute Abend würde ich ein schönes, heißes Bad nehmen. Mit diesen positiven Gedanken fuhr ich los. Mittlerweile war es bereits dunkel geworden und der Verkehr dichter. Ich konnte nur hoffen, dass die Typen in ihren dicken Limousinen auf eine kleine Radfahrerin mit wenig auffallenden Reflektoren achtgeben würden. Das fehlte gerade noch, dass ich unter einem Wagen landete.
Zumindest musste ich nicht so hetzen, denn diesmal hatte ich genug Zeit. Das Ziel war nicht allzu weit entfernt und daher ...
Woher die Limousine auch immer gekommen war, würde ich wohl nie erfahren. Selbst an den Zusammenstoß erinnerte ich mich nicht mehr. Eben noch war ich froh gewesen, dass ich genügend Zeit hatte, im nächsten Moment lag ich wie eine Schildkröte auf dem Rücken und streckte Arme und Beine in alle Richtungen. Über mir sah ich gerade noch das besorgte Gesicht eines Mannes in irgendeiner Livree, bevor sich der Kerl abwandte und den Schaden an seinem Fahrzeug begutachtete. Eigentlich hatte ich die Nebenstraße gewählt, weil hier so gut wie nie Verkehr herrschte und ausgerechnet heute begegnete ich einem solchen Bruchpiloten.
»Ist alles in Ordnung?«, fragte mich der Kerl auch noch.
Vorsichtig bewegte ich meine Gliedmaßen. »Gebrochen habe ich mir wohl nichts.«
»Gottseidank!« Der Kerl half mir auf und sah sich um, bevor er mir eine Visitenkarte zusteckte. »Hören Sie, ich habe es sehr eilig! Melden Sie sich bitte morgen Früh bei dieser Adresse. Dort wird man Ihren Schaden regulieren.«
Wenn ich nicht von dem Sturz noch so geschockt und leicht benebelt gewesen wäre, hätte ich den Typen an seiner Uniform wieder aus dem Wagen gezogen. Stattdessen lehnte ich nur groggy an einer Hauswand und sah den Rücklichtern der Limousine nach. War das eben wirklich passiert? Hatte mich der Kerl tatsächlich wie ein beschädigtes Möbelstück zur Seite geräumt und ging jetzt seinen ach so wichtigen Geschäften nach?
Geschäfte! Das war ein Stichwort. Ich sah nach meinem Rucksack. Der war zwar noch einigermaßen intakt, aber ich ging jede Wette ein, dass die Pizzen nicht mehr ganz in der vorgeschriebenen Form waren. Ein Blick auf das Fahrrad ließ aber die Sorge um die Lieferung in den Hintergrund treten. Mit dem Drahtesel würde ich keine zwei Meter mehr fahren können. Die Räder waren mehr oval als rund und ich hätte außerdem geschworen, dass das Fahrrad ursprünglich einen Sattel gehabt hatte.
Ich zog mein Handy aus der Hosentasche ... und musste mit ansehen, wie sich die Einzelteile meines Telefons über den Gehweg verstreuten. So ein Mist!
*****
Es dauerte rund eine Stunde, bis ich ramponiert, erschöpft und mit den traurigen Überresten des Drahtesels in der Hand vor der Pizzeria auftauchte. Wenigstens ließ mein Chef keine Schimpfkanonade los. Er nahm mir nur den Rucksack ab, brachte den Schrotthaufen, der mal ein Rad gewesen war, in den Hof ... und das war es. Er beachtete mich gar nicht weiter und sagte auch nichts mehr - jedenfalls bis zu dem Zeitpunkt, als ich nach meinem Tageslohn fragte.
Er blickte mich mit mühsam unterdrückter Wut an. »Verschwinde und komm bloß nicht mehr hierher!«
Ich kam dem Befehl wortlos nach, gelangte irgendwie nach Hause und legte mich voll angezogen auf das Bett, um mich vor Wut, Schmerz und Selbstmitleid in den Schlaf zu heulen.
Darko
Ich habe in meinem Leben schon einige unangenehme Sachen durchgestanden, aber vor dem heutigen Abend hatte ich doch etwas Angst. Ich war den gestrigen Tag mit Farah die möglichen Kandidatinnen durchgegangen und hatte mich schließlich für Sydney entschieden, eine Wandlerin - natürlich. Alle in Farahs Kartei waren Gestaltwandler, denn nur diese konnte untereinander Verbindungen eingehen. Menschen waren in unserem kleinen Universum nicht vorgesehen, was das anging.
Am Fenster stehend zog ich noch einmal Sydneys Foto aus der Tasche. Sie sah gut aus, keine Frage, doch war dies wirklich die Frau, mit der ich in Zukunft zusammenleben wollte? Würde ich eine unverbindliche Nacht mit ihr verbringen wollen? Auf jeden Fall, aber konnte es mehr werden?
Mit einem kleinen Seufzer steckte ich das Foto zurück in die Tasche und warf einen Blick zur Uhr. Mein Fahrer verspätete sich offensichtlich und ich hoffte für ihn, dass es einen guten Grund dafür gab. Zu seinem Glück meldete mir in dem Moment der Portier, dass der Wagen vorgefahren war. Ich nahm den Strauß roter Rosen, den mir meine Sekretärin für diesen Abend besorgt hatte, verließ meine Wohnung und fuhr mit dem Aufzug nach unten.
Mein Chauffeur wartete vor dem Haus am Fuß der Treppe und hielt dienstbeflissen den hinteren Wagenschlag für mich geöffnet. Aber ich merkte an seinen Bewegungen, wie nervös er war. Dafür hätte es den Angstschweiß, den ich roch, gar nicht gebraucht. Ich sah ihm misstrauisch in die Augen, was seine Nervosität noch weiter steigerte, und ging um den Wagen herum.
»Können Sie mir erklären, was das hier ist, Belfort?«, fragte ich ihn und deutete auf eine nicht zu übersehende Delle am vorderen Kotflügel.
»Das ... ich ... da war auf einmal eine Frau ...«
»Sie haben einen Unfall gebaut. Ist es das, was Sie mir mit Ihrem Herumstottern sagen wollen?«
Er nickte hastig. »Sie ist mir vor den Wagen gefahren. Ich konnte nichts mehr tun, um es abzuwenden. Sie war schuld, das versichere ich Ihnen.«
»Hat die Polizei den Unfall aufgenommen?«
Er schüttelte den Kopf und wagte es sogar, ein schiefes Lächeln aufzusetzen. »Nein, Sir. Ich gab ihr eine Visitenkarte ... eine falsche, natürlich. Sie werden dadurch keine Scherereien haben, Sir.«
Unzufrieden betrachtete ich die Beule und fühlte mich schuldig, weil eine harmlose Frau auf ihren Kosten sitzenblieb, nur weil mein Chauffeur Vaters Unternehmen aus möglichen negativen Schlagzeilen herauszuhalten versuchte. Es war unser Credo, unter dem Radar zu bleiben und diese Art von Publicity zu vermeiden, aber das war des Guten dann doch zu viel. Außerdem war es vollkommen überflüssig, wie ich fand.
»Wissen Sie, wer die Frau war?«, fragte ich ohne viel Hoffnung.
»Irgendeine Fahrradbotin ... Sandrinos Pizzeria, zumindest stand es auf ihrem Rucksack.«
Ich holte tief Luft und warf noch einen letzten Blick auf die Delle. »Ich werde mich darum kümmern. Fahren Sie mich jetzt ins 'Janine'!«
*****
Wir hatten das Restaurant fast schon erreicht, als mein Blick auf einen Blumenstand fiel.
»Halten Sie hier an, Belfort!«
Ich stieg aus und kaufte einen nicht zu üppigen Strauß Blumen, der aber nicht so aufdringlich wirkte wie die Rosen, die mir meine Sekretärin besorgt hatte. Ich wollte bei Sydney nicht mit der Tür ins Haus fallen. Es bestand ja die Möglichkeit, dass wir uns nicht ausstehen konnten.
Als wir das Restaurant erreichten, gab ich meinem Chauffeur für den Rest des Abends frei und betrat das Gebäude. Sofort eilte ein dienernder Ober auf mich zu, nahm mir den Mantel ab und begrüßte mich auf die übliche gestelzte Art. »Je suis heureux de vous accueillir ici, Monsieur.«
»Merci beaucoup«, erwiderte ich und ließ mich zu meinem reservierten Tisch bringen. Zufrieden registrierte ich, dass es sich dabei um einen erstklassigen Platz handelte. Daher gab ich dem Mann ein großzügiges Trinkgeld. »Ich erwarte noch eine Dame. Führen Sie sie bitte zu mir an den Tisch, wenn sie eintrifft, und besorgen Sie bitte eine Vase!«
»Sehr wohl, Monsieur!«
Die nächsten Minuten verbrachte ich damit, die Speise- und Weinkarte zu studieren. Gelegentlich warf ich einen Blick auf meine Uhr und wurde allmählich unruhig. In der Regel ließen mich Frauen bei Verabredungen nicht warten. Wahrscheinlich war ich dadurch etwas verwöhnt.
Endlich, nach fast einer halben Stunde, sah ich Sydney vorne am Eingang auftauchen. Sie wurde vom Ober an meinen Tisch geführt. Ich stand auf, richtete meine Krawatte und wollte ihr höflich, aber nicht zu aufdringlich, die Hand reichen. Damit traf ich aber nicht auf allzu viel Gegenliebe, denn sie ignorierte die ausgestreckte Hand und umarmte mich stattdessen, als ob wir uns schon ewig kennen würden. Ein paar Dinge fielen mir sofort auf. Zum einen, dass sie sich wohl Mut angetrunken hatte, denn der Kuss, den sie mir schenkte, schmeckte ein wenig nach Kirschlikör. Zum anderen besaß sie eine aufregende Figur, deren herausragende Attribute sie auch nicht versteckte. Das war mir nicht unrecht, wenn es auch nicht unbedingt zu dieser Umgebung passte. Aber da ich noch nie sehr viel Wert auf Konventionen gelegt hatte, störte es mich nicht. Der Abend versprach jedenfalls, interessant zu werden.
*****
»Und da stand ich auf einmal ... wusch ... als Tigerin mitten im Zimmer. Du hättest mal hören sollen, wie der Kerl geschrien hat!«
Sie lachte schrill, nachdem sie eine weitere Episode aus ihrem Leben zum Besten gegeben hatte. Ich sah mich um und bemerkte einige erstaunte und missbilligende Blicke von den Nebentischen.
»Sprich doch nicht so laut von diesen Dingen!«, raunte ich ihr zu.
Sie winkte nur ab. »Das glaubt uns doch ohnehin niemand von den Typen hier«, erwiderte sie in einem ziemlich verächtlichen Tonfall, während sie sich ein weiteres Glas Wein eingoss.
Ich war mit der Sichtweise nicht einverstanden. »Du weißt doch wohl, dass wir durchaus auch Feinde haben, die uns schon immer nicht gerade freundlich gesinnt waren.«
Sie kicherte leise. »Nun sag nur, ein so starker Drache wie du hat ...«
»Sei um Himmels willen still!«
Mittlerweile ging es mir nur noch darum, den Abend möglichst ohne größere Katastrophen zu überstehen. Mit Sydney würde ich kaum eine Nacht verbringen wollen, geschweige denn ein ganzes Leben. Sie war schrill, laut, unvorsichtig und alles andere als charmant.
Sie trank ihr Glas aus, langte über den Tisch und ergriff meine Hand. »Du bist heiß!«, flüsterte sie mir zu. »Ich will dich und ich will dich jetzt! Lass uns die Waschräume aufsuchen! Sofort!«
Ach du meine Güte! So, wie sie sich aufführte, fehlte nicht mehr viel und sie würde über den Tisch springen, genau auf mich drauf. Außerdem sah ich in ihren Augen, dass etwas tief in ihr vorging und ich befürchtete, dass sie kurz davor stand, sich zu wandeln. Das hätte gerade noch gefehlt. Auf jeden Fall würde ich mit Farah ein ernstes Wort sprechen müssen. Sydney gehörte nicht in ihre Kartei, sondern in ärztliche Behandlung, so wie sie sich gebärdete.
»Ich bin neugierig!«, säuselte sie und ihr alkoholgeschwängerter Atem drang in meine Nase. »Haben Drachen eigentlich wirklich so dicke, lange ...«
»Es ist schon spät!«, unterbrach ich sie hastig. »Wir sollten aufbrechen.«
Sie war dem Vorschlag alles andere als abgeneigt, und noch während ich die Rechnung bezahlte, überlegte ich krampfhaft, wie ich aus der Nummer ohne Blessuren herauskommen konnte. Sie stellte sich jedenfalls den weiteren Ablauf des Abends anders vor als ich. In Gedanken verwünschte ich Farah, der ich dieses merkwürdige Date verdankte. Der Ober warf uns einen indignierten Blick zu, während er das reichliche Trinkgeld einstrich. Ich konnte es ihm nicht verdenken, denn Sydney hatte die Weinflasche an den Mund gesetzt und trank sie mit großen Schlucken leer. Vor Scham wäre ich am Liebsten im Erdboden versunken. Es war zu offensichtlich, dass sie Alkohol nicht vertrug, aber ihn leider sehr gerne trank. Es war aber immer noch besser, als wenn sie nun in ihrer Tigergestalt am Tisch sitzen würde.
Sydney hatte schwere Schlagseite, während sie sich an mich klammerte und gemeinsam mit mir aus dem Restaurant wankte.
»Taxi!« Für einen Moment verwünschte ich meinen Einfall, Belfort für den Abend freigegeben zu haben. Allerdings hatte ich auch nicht erwartet, dass sich das Date zu so einer Vollkatastrophe entwickeln würde.
Im Wagen gelang es mir, ihre Handtasche zu durchsuchen, um ihre Adresse herauszubekommen.
»Die Lady hat wohl etwas viel getankt, oder?«, fragte der Taxifahrer gutmütig.
»Das können Sie laut sagen.« Endlich hatte ich ihren Ausweis in der Hand und hoffte nur, dass die Anschrift noch stimmte. Sie lehnte ihren Kopf halb bewusstlos an meine Schulter und sabberte mein Jackett voll. So leid es mir tat, aber es war mir immer noch lieber, als wenn sie mich zutexten würde und mitten im Taxi irgendwelche Geschichten über Verwandlungen zum Besten gab.
Ich gab dem Fahrer die Adresse und hoffte inständig, dass der weitere Verlauf des Abends keine neuen Überraschungen bereithielt. Ich sehnte mich nach meinem eigenen Bett. Am Ziel angekommen, trug ich Sydney in ihr Apartment und legte sie voll angezogen auf das Sofa. Ich hatte trotz allem ein ziemlich schlechtes Gewissen, als ich sie so dort liegen sah, aber ausziehen und zudecken wollte ich sie wirklich nicht.
»Schlaf dich aus!«, sagte ich, steckte den Hausschlüssel von innen ins Schloss und zog die Tür hinter mir zu. Aufatmend lehnte ich mich für eine Sekunde an die Wand im Flur, bevor ich eilig die Treppe nach unten ging. Bloß weg hier, bevor noch etwas dazwischenkam.
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Am nächsten Morgen rief ich meine Sekretärin an, damit sie all meine Termine cancelte, und sagte ihr, dass ich mir einen Tag freinehmen würde.
»Es war wohl gestern ein ziemlich wilder Abend«, erwiderte sie und ich stellte mir vor, wie sie wissend in den Telefonhörer lächelte.
»Er war ereignisreicher, als Sie sich vorstellen können.« Ich ließ es dabei bewenden, beendete das Gespräch und ging unter die Dusche.
