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Leo Kafka, 58, ist mit seinem Leben zufrieden: er liebt seine Arbeit als Coach und Martha, seine Lebensgefährtin, die nicht mehr Nähe sucht, als Leo zu geben bereit ist. Nach Jahren voller Scheiternsszenarien und kleiner Erfolge fühlt er sich wohl in der komfortablen Altbauwohnung in Berlin-Mitte. Auf seine wenigen Freunde kann er sich verlassen. Nach einem fulminanten Abschied von Martha, die auf Reisen geht, freut Leo sich auf die wöchentliche Pokerrunde mit seinen besten Freunden, die gegensätzlicher nicht sein könnten: Professor Thomas Borowski, mit dem er die Begeisterung für Neurowissenschaften teilt; Harry Kamphausen, der Leos Luxusauto am Laufen hält; Dr. Ferdinand Mahler, der Archivar mit einer Vorliebe für gedrechselte Sätze; Titus Vogel, Leos Qi Gong Lehrer und jüngstes Mitglied in der Runde. Aus dem entspannten Abend wird nichts. Leos Gedanken sind bei Petra Bastian, seiner derzeit schwierigsten und zugleich faszinierendsten Klientin. Seit Wochen fragt er sich, welches Ziel diese Frau wirklich verfolgt und welche Rolle er dabei spielt. Statt für Klarheit zu sorgen genießt Leo die Treffen mit der attraktiven Frau. Dieses widersprüchliche Verhalten belastet ihn zunehmend. Um sich auf die entscheidende nächste Sitzung vorzubereiten, sucht Leo Rat bei der Psychotherapeutin Anke Forster, einer Freundin aus Studienzeiten. Als Petra Bastian zu einem vereinbarten Termin nicht erscheint, ist es mit Leos Gelassenheit vorbei. Von Selbstzweifeln getrieben wegen seines unprofessionellen Verhaltens beginnt er, seine Klientin zu suchen. Nach Tagen der Ungewissheit die Nachricht: Petra Bastian ist tot. Leo fühlt sich schuldig und er fürchtet, dass sein exzellenter Ruf als Coach auf dem Spiel steht. Im Zuge der Ermittlungen wegen der ungeklärten Todesursache – auch ein Suizid wird in Betracht gezogen – begegnet Leo dem Ehemann seiner Klientin. Harald Bastian ist überzeugt, dass Leo zumindest eine Teilschuld an Petras Tod trifft.
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Seitenzahl: 347
Veröffentlichungsjahr: 2012
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Eva Pflüger
Roman
epubli
Der Coach Eva Pflüger Published by: epubli GmbH, Berlin www.epubli.de Copyright © 2012 Eva Pflüger Coverfoto: Copyright © istockfoto, helenecanada ISBN 978-3-8442-4144-0
Berlin-Kreuzberg, Sommer 1978
Im Licht einer Fotolampe leuchten die Blumen auf dem Sommerkleid und die tizianroten Haare um die Wette. Fasziniert von den Farben vor dem weißen Leder des Barocksessels, der in den schäbigen Raum ebenso wenig zu gehören scheint wie das Mädchen, bleibt er im Türrahmen stehen.
Sie löst den Kopf von der Rückenlehne des monströsen Möbels. Ihre Augen schicken ihm eine Einladung. Die Locken erinnern ihn an eine Darstellung der Venus auf einem Ausstellungsplakat, das seine Eltern als Geschenk von einer ihrer zahllosen Bildungsreisen mitgebracht hatten, was wie er fand ein bemerkenswerter Vorgang gewesen war. Für gewöhnlich verschenkten seine Eltern nur nützliche Dinge. Was sie veranlasst hatte, dieses Motiv, die Glorifizierung der erotischen Liebe, für ihn zu wählen, war ihm ein völliges Rätsel. Das Poster hatte ihm gefallen und er platzierte es in seiner Studentenbude zwischen Marx und Mao.
Die rothaarige Schönheit passt ganz und gar nicht in seine Pläne. Die Party ist ihm gleichgültig, die Gastgeber kennt er kaum. Er hofft, hier im 3.Stock eines Altbaus in Berlin-Kreuzberg einen seiner wenigen Freunde zu treffen, von dem er sich verabschieden will. Am nächsten Morgen wird er Berlin verlassen, die Stadt, in der er geboren ist. Er ist ein unglückliches Kind gewesen und ein schlechter Schüler. Auf sein Einserexamen ist er stolz; nun, am Ende seiner Studienzeit, verspürt er nicht den geringsten Ehrgeiz sich übergangslos den Zwängen eines konventionellen bürgerlichen Lebens auszusetzen. Griechenland ist seit einer Reise in der 10. Klasse für ihn der Inbegriff von Freiheit. Dorthin will er zurückkehren. Dann wird er weiter sehen, sich treiben lassen.
Er reißt sich los von dem verheißungsvollen Lächeln, den neugierigen Augen, die ihn vermessen haben: die hochgewachsene Gestalt, dunkelbraune schulterlange Haare, warme Teddyaugen, die dem fast ständig präsenten ironischen Lächeln die Spitze nehmen. Ohne Eile bewegt er sich durch das Chaos, eingehüllt in süßliche Shitwolken. Vorbei an einer Ansammlung von Matratzen ohne Bezüge, Schlafsäcken und Kissen, die sich vor den Wänden des Zimmers aneinander reihen. Vorbei an Jaffakisten, auf denen Räucherstäbchen langsam ihrem Ende entgegen glühen und tropfende Kerzen den Raum in Dämmerlicht tauchen. Ein paar Joints, ein paar Bier, den Freund finden, mit dem er hier verabredet ist, das ist sein Programm für die Nacht. Rote Haare, lange nackte Beine und ein einladender Blick passen da nicht rein. Heute nicht. Der Versuch, sich durch das Gedränge einen Weg in den nächsten überfüllten Raum zu bahnen, lässt ihn an einen seiner wiederkehrenden Albträume denken, in denen er, mit Armen und Beinen rudernd, verzweifelt versucht aus einem gigantischen Pudding zu entkommen.
Die Partygäste scheinen mit offenen Augen zu träumen. Sie lächeln, wirken miteinander verbunden und zugleich seltsam bezugslos, jeder in seinem eigenen Nirwana schwebend. Was sie reden ist für niemanden außer für sie selbst hörbar. Die Klänge von Led Zeppelin sind der Stoff, der sie zusammen hält. Auf seinem Weg zum nächsten Raum kickt er ein paar leere Flaschen zur Seite. Sein Fuß verfängt sich in einem Kabel, das dorthin führt wo es heller ist, zu einem Telefonapparat in dem endlos langen Flur. Der augenblickliche Benutzer hat den Hörer tief in seiner Mähne versenkt und scheint bei dem Versuch gegen die Klangtapete anzuschreien ebenso fest mit der Wand verschraubt zu sein wie der schwarze Apparat.
Er blickt sich um, sucht den Weg zur Küche und dem Biervorrat, schiebt sich weiter, entlang der blutroten Flurwände mit ihrer bunten Mischung aus Portraits angesagter Revolutionäre, Rockikonen und Anti-AKW-Postern, denen er keinen Blick gönnt. Überall die gleichen Bilder. In seinem Rücken ein Kinderlachen. Zum zweiten Mal an diesem Abend bleibt er irritiert stehen, dreht sich um. Die Rothaarige. Sie hält ihm eine perfekt gedrehte Tüte hin, die andere Hand streicht eine Korkenzieherlocke aus dem Gesicht, in der einzigen Absicht, sie wieder dorthin springen zu lassen. Das funktioniert. Ihre Augen laden ihn ein, sich der widerspenstigen Locke anzunehmen. Das funktioniert nicht. Er nimmt den Joint und steuert mit einem herablassenden Lächeln die Küche an, vorbei an der geöffneten Badezimmertür. Sein Blick fällt auf die Wanne, in der zwei Typen sitzen und trommeln. Das unvermeidliche Zappa-Poster hängt in dieser WG in der Küche, zwischen zwei Blechregalen mit dem von Müttern, Tanten, Großmüttern gespendeten Geschirr. Auf der Höhe von Zappas Hintern stehen vier Nutellagläser mit Aufklebern: Nico Susa Walter Hannes. Irgendjemand hat sich die Mühe gemacht, Zappas Revoluzzermiene durch das asketische Intellektuellengesicht des amtierenden Stellvertreters Christi auf Erden, Papst Paul VI, zu ersetzen. Der Rest ist Original Zappa auf dem Klo. Gegenüber der Esstisch, auf den ein Partygast sein müdes Haupt neben einen halb aufgegessenen Schokoladenkuchen gebettet hat. An der Wand darüber Bob Dylans Warnung in orange leuchtenden Pinselstrichen: THEY’LL STONE YA WHEN YOU’RE AT THE BREAKFAST TABLE! Neben der Tür zum Balkon endlich ein Stapel Bierkästen. Er öffnet eine Flasche, wirft einen Blick auf den Balkon. Ein Skelett mit Rokokoperücke und einem Dildo zwischen den gebleckten Zähnen bewacht dort den Sperrmüll.
Während er das Stillleben betrachtet, leert er seine Flasche. Er nimmt sich noch ein Bier, will die Küche verlassen, um weiter nach seinem Freund zu suchen. Im Türrahmen wartet die Rote und spielt mit ihren Locken. Wieder dieses verheißungsvolle Lächeln. An einem anderen Tag würde er das Angebot annehmen. Aber er hat noch nicht einmal seine Tasche gepackt. Sie bewegt sich nicht von der Stelle, als er versucht sie nicht zu berühren. Es wird eng. Den Duft ihrer Haut, die Hitze und ihr Lachen nimmt er mit.
Zurück in dem Flurschlauch, in dem eine Katze beschnuppert, was sie gerade ausgekotzt hat, ziehen psychedelische Klänge ihn in einen Raum gegenüber der Küche. In-A-Gadda-Da-Vida. Der 68er Song von Iron Butterfly ist sein Lieblingsstück, sein LSD-Ersatz. Eine knallrote Bogenlampe beleuchtet die abgewohnte Sauberkeit und Ordnung dieses Zimmers, in das die Gitarren- und Bass-Riffs ihn locken. Im grellbunten aufblasbaren Sessel sitzt ein Replikat von Farrah Facett. Davor kniet - endlich - der Freund in einer seiner selbstgeschneiderten Pluderhosen und begleitet mit seinen Händen das einsetzende Schlagzeugsolo auf den nackten Schenkeln der Schönen. Der Abschied vom Freund fällt kurz aus. Er überreicht ihm einen Schlüssel zu seinem WG-Zimmer und erinnert mit einem Blick auf das Farrah-Double daran, dass er den Raum heute selbst noch bewohnt.
Es ist zwei Uhr in der Nacht, als er das Fest verlässt. Im Flur geht er wortlos an der rothaarigen Venus vorbei. Die Tür fällt hinter ihm zu. Er ist erleichtert, das Spiel nicht mitgespielt zu haben. Auf der Straße umfängt ihn die milchige Sommerluft. Zuhause wird er noch seine persönlichen Sachen verpacken, bevor der Freund das Zimmer während der nächsten Monate übernimmt. Die Werke von Marx und Engels gilt es unbedingt vor unerwünschten Zugriffen zu bewahren. Den Band 23 „Das Kapital“ besitzt er zweimal, der erste Band zeugt mit den zerfledderten, von unzähligen Notizen bedeckten Seiten von seiner jahrelangen exzessiven Beschäftigung mit den Denkwelten der Kritiker der bürgerlichen Gesellschaft. Kopfschüttelnd erinnert er sich daran, dass er allen Ernstes einen der Bände in seine Reisetasche stecken wollte. Es ist in der Tat Zeit endlich alles hinter sich zu lassen, denkt er. Die Examenszeit war wie Einzelhaft mit gelegentlichem Freigang für Bibliotheks- und Institutsbesuche. Das Leben und die Ereignisse der letzten Monate sind an ihm vorbeigerauscht: Der erste Deutsche fliegt ins All; Breschnew droht mit der Neutronenbombe; in einem Großversuch wird die Pille für den Mann getestet; die Drogenkarriere der Christiane F. erscheint im Stern als Fortsetzungsserie.
Die Straße ist menschenleer. Sein Blick fällt auf den klapprigen 2CV, der nur wenige Meter vom Haus entfernt steht, das er gerade verlassen hat. Er hat vergessen das Stoffdach zu schließen, zieht es nun zu und steigt ein. Einen Augenblick lang lehnt er sich zurück. Er gähnt, die Biere und Joints haben ihn sediert. Da wird die Beifahrertür aufgerissen, ein langes nacktes Bein schiebt sich in den Wagen, eine Tasche fliegt hinterher. Die Göttin der Liebe ist aus dem Tizianplakat herab gestiegen, wischt den Müll vom Sitz und lässt sich hinein fallen. Er will etwas sagen. Mit diesem Kinderlachen, dass ihn schon auf der Party irritiert hat, kommt sie seinem Protest zuvor. Sie wendet sich ihm zu, beginnt ohne jede Hast und in der offensichtlichen Gewissheit nicht gestoppt zu werden, nach und nach alle Verschlüsse seiner Kleidung zu öffnen, unterbrochen von warmen hin gehauchten Küssen. Sie spricht kein einziges Wort. Sein Kopf bastelt an der Aufforderung sie möge verschwinden. Sein Körper ist längst woanders unterwegs. „Nicht bewegen!“ ist das einzige was sie sagt, während sie seine Hand nimmt und sie langsam abwärts führt, von ihrer Wange zum Hals, über den glatten Stoff ihres Kleides bis zu den nackten Beinen; eine Geste, sinnlich und verletzlich zugleich. Das Kleid ist so dünn. Er hat das Gefühl verrückt zu werden vor Verlangen. Es ist heiß in dem Auto.
Er hätte das verdammte Dach offen lassen sollen.
Unter dem Kleid ist nur ihre Haut. Sonst nichts. Der Augenblick, in dem er aufgibt, sie zu sich zieht. Das Gefühl, in unendlicher Langsamkeit in einem warmen See zu versinken. Wieder aufzutauchen, um in atemberaubendem Tempo und schwindelnden Höhen die Erde zu umrunden. Er vergräbt sein Gesicht in ihren Haaren. Hofft, dass sie seine Schreie einfangen.
Gut, dass er das Dach geschlossen hat.
Er könne schon mal starten, teilt sie ihm mit, während sie ihr Kleid überwirft. Fragt, ob er sie ein Stück mitnehmen könne. Wo sie wohne, will er wissen. Spandau, die entgegen gesetzte Richtung. Er ist schon viel zu spät dran, wollte längst zu Hause sein. Vielleicht ein anderes Mal, lügt er. Er weiß nicht einmal ihren Namen, fragt auch nicht. Dass er in wenigen Stunden Berlin für lange Zeit verlassen wird, lässt sie aufhorchen. Ein Anflug von Zorn verändert ihr Gesicht nur kurz. Sie schaut ihn an, nimmt die Tasche vom Boden, öffnet die Tür, dreht sich um, als sie draußen steht. „Du warst ziemlich gut, Arschloch!“ Ob sie noch etwas sagt, kann er nicht hören, sie knallt die Tür zu.
Er sitzt hinter dem Steuer, will sich sammeln, bevor er losfährt. Das ist definitiv ein sensationeller Einstieg in sein neues Leben gewesen. Er blickt in den Rückspiegel. Im Lichtkegel einer Straßenlaterne leuchten die roten Haare. Er startet den Motor und lässt die Ente langsam anrollen. Auf dem Bürgersteig kommt ihm ein Paar entgegen, das sich aneinander festhält und lachend in einem Hauseingang verschwindet. Bevor er abbiegt, schaut er noch einmal zurück. Alles ist ruhig. Sie winkt ihm zu, während sie rückwärts geht. Sein latent schlechtes Gewissen weicht einem federleichten Glücksgefühl.
Die Schatten, die sich weit hinter ihr am Ende der Straße aus dem diffusen Licht eines spärlich beleuchteten Schaufensters lösen, nimmt er nicht wahr.
Berlin-Mitte,April 2011
Der Gedanke einen Menschen getötet zu haben, hat lange Zeit mein Leben bestimmt. Es war mein Zwillingsbruder, den ich umgebracht haben soll, Tatort der Uterus meiner Mutter. Meine Kindheit und Jugend habe ich in der Überzeugung gelebt, dass es besser gewesen wäre, wenn ich mich gleich nach der Geburt wieder von der Welt verabschiedet hätte.
Meine Eltern legten weit mehr Interesse füreinander an den Tag als für mich, das ungebetene Ergebnis ihrer symbiotischen Beziehung. Um es auf den Punkt zu bringen: nachdem ich nun mal da war, hat man mich groß gezogen.
Meine Mutter hatte nicht den Hauch einer Ahnung, welche Schuld sie ihrem Sohn in den Kinderrucksack packte, als sie auf Familienfesten oder im Kreis der Freunde mit Begeisterung die immer gleiche Geschichte erzählte. Ich sei so wild entschlossen gewesen, als erster auf die Welt zu kommen, dass ich meinen hinter mir wartenden Bruder tot getrampelt haben müsse. Genau so drückte sie sich aus, pflegte an dieser Stelle amüsiert zu lächeln und hinzuzufügen, der andere Junge habe jedenfalls nicht mehr gelebt, als er ans Licht kam.
Ich habe meine Mutter dafür gehasst. Sie weiß nichts von meinen Qualen. Meine Gefühle prallen an ihr ab wie ein Wasserstrahl an einer Plastikplane. Ich habe eine Menge Zeit und Geld in Therapien investiert, bis ich meiner Mutter verzeihen konnte. Trotz allem kümmere ich mich um sie, besuche sie jeden zweiten Montag und, wenn ich es nicht vergesse, auch an ihrem Geburtstag. Vor diesen Ritualen drücke ich mich nur selten. Wenn ich die Wohnung in Berlin Charlottenburg betrete, in der ich aufgewachsen bin und in der meine Mutter noch heute, nach dem Tod meines Vaters, lebt, gebe ich mir Mühe, die Gedanken zu verbannen, die wie kleine kalte Fische durch meinen Kopf huschen und die mich bei jedem Besuch den Erlös berechnen lassen, den ich eines Tages mit dem Verkauf der elterlichen Wohnung erzielen werde.
Mein Name ist Leo Kafka. Ich will gleich an dieser Stelle anmerken, dass ich keine Ahnung habe, ob ich verwandt bin mit dem berühmten Schriftsteller. Eine Antwort auf diese Frage zu suchen ist nicht meine Absicht. Das hängt damit zusammen, dass ein Archivar und Spezialist für mittelalterliche Geschichte mir an der Theke einer Kneipe in Berlin Mitte ein Geheimnis verraten hat. Menschen, die unbedingt wissen wollen, wo sie herkommen und deshalb die Erforschung ihrer Ahnenreihe in Auftrag geben, würden in Insiderkreisen, also bei den Archivaren, als Geschlechtskranke bezeichnet. Er schien sich dabei köstlich zu amüsieren. Hätte ich jemals den Plan gehabt, in dieser Richtung tätig zu werden, jetzt war das Thema endgültig vom Tisch.
Meinen Lebensunterhalt verdiene ich als Coach. Die Arbeit mit Menschen, die das Bedürfnis oder den Auftrag haben, an ihren Potenzialen zu arbeiten und sich beruflich und persönlich zu entwickeln, gibt mir das Gefühl in meinem Leben etwas Sinnvolles zu leisten. Die Mischung aus Dankbarkeit, Respekt und Achtung, die nahezu alle Klienten mir am Ende der gemeinsamen Arbeit entgegen bringen, erfüllt mich mit einer widersprüchlichen Mischung aus Demut und Stolz. Ich habe gelernt mich auch über kleine Erfolge zu freuen, mit denen ich weder Revolutionen auslöse noch sonst irgendwie die ganze Welt verändere. Basis meiner Arbeit ist die tiefe Überzeugung, dass jeder Mensch als biologisches, soziales und geistiges Wesen für sein eigenes Denken, Handeln und Fühlen Verantwortung trägt; dass jeder ein grundlegendes Recht auf die Entwicklung eigener Ziele und Werte besitzt; dass zu einem erfüllten Leben der wechselseitige Anspruch auf Achtung, Wertschätzung und Respekt gehört.
Im Laufe von 15 Jahren habe ich es in meiner Profession zu einigem Ansehen gebracht. Heute kann ich mir alles leisten, was für mich zu einem komfortablen Leben gehört und meiner Vorstellung von Luxus entspricht. Meine großzügige Altbauwohnung in Berlin Mitte habe ich mit wenigen wertvollen und einigen bequemen Möbeln ausgestattet. Hier arbeite ich auch mit meinen Klienten. Der Anblick des Jaguar E Type Cabrio vor der Tür meines Mietshauses erfüllt mich jedes Mal mit postpubertärer Freude und einem schlechten Gewissen. In dieser Reihenfolge. Ich räume ein, dass meine Freude überwiegt. Und ich gebe zu, dass ihr manchmal eine Konnotation von Genugtuung beiwohnt. Nicht gegenüber konkreten Personen oder Ereignissen. Es ist eher ein diffuses Gefühl in Bezug auf meine nicht immer ruhmreiche Vergangenheit. Würde ich den Spießer in mir zu Wort kommen lassen, könnte ich sagen, dass ich es geschafft habe.
Tage wie dieser, es ist ein später Freitagnachmittag im Frühling 2011, und die Tatsache, dass ich alleine bin, keine Termine mehr wahrzunehmen habe, sind wie geschaffen für frei mäandernde Gedanken. Ich sitze in meinem Arbeitszimmer und betrachte, die Füße auf dem antiken Schreibtisch, die Kulisse vor dem Fenster. Gepflegte Altbauten unter einem grauen Deckel aus Regenwolken über Berlin. Mein bisheriges Leben oder Teile davon Revue passieren zu lassen ist wie der Blick durch ein Kaleidoskop, in dem ich eine atemberaubende Folge von bunten Mustern, Scheiternsszenarien und Erfolgen, beobachten kann.
Noch einige Jahre nach der Studentenzeit legte ich missionarischen Eifer an den Tag, wenn es darum ging, an den Grundfesten der bürgerlichen Gesellschaft zu rütteln. Als einer der Höhepunkte meiner Aktivitäten zur Bekämpfung des Klassenfeindes auf den Straßen Westberlins ist mir meine Faust in gefährlicher Nähe eines Polizisten in Erinnerung. Die Aktion brachte mir eine Nacht im Knast ein. Eine klaustrophobische Erfahrung, die ich niemals vergessen werde. Ebenso wenig wie das denkwürdige Ereignis auf dem Dach eines Hauses in Tanger, wo ich nach meinem Examen auf einer ausgedehnten Tour durch Europa und Nordafrika gelandet war. Am Rand des Daches stehend blickte ich in die Tiefe und breitete die Arme aus, nicht um meinem Leben ein Ende zu setzen, sondern weil ich so komplett zugekifft war, dass ich glaubte fliegen zu können. Ebenso deutlich habe ich eine meiner Berliner LSD-Halluzinationen in den 70er Jahren vor Augen, als ich mich aus dem Fenster meines WG-Zimmers lehnte und fasziniert beobachtete, wie die einzelnen Steine des unter mir liegenden Kopfsteinpflasters abwechselnd aufleuchteten und zu tanzen begannen.
Nach meinem Studium startete ich eine Achterbahnfahrt durch verschiedene Jobs in Forschungsinstituten und sozialen Einrichtungen. Brotlose Engagements in politischen Think Tanks wechselten mit Zeiten der Arbeitslosigkeit. Eine Karriere als Taxifahrer habe ich in meiner Biographie ebenfalls aufzuweisen. Von der Erfahrung zehre ich noch heute. In Berlin, zumindest im westlichen Teil der Stadt kenne ich jeden Winkel. Ich glaube auch, dass diese Zeit, in der ich Menschen aller sozialen Schichten und in vielen Stadien des Glücks und der Verzweiflung begegnet bin, in mir die unersättliche Neugier geweckt hat auf das was hinter den Fassaden an Faszinierendem, Liebenswertem, Überraschendem und Abgründigem zu sehen ist.
Das graue Einerlei des Tages ist einer tristen Dämmerung gewichen. Es regnet, mir ist kalt, ich schließe das Fenster. Auf der anderen Straßenseite stößt ein Hüne mit einer Hand einen Kinderwagen der Tausend-Euro-Variante vor sich her, der jedes Mal ein paar Meter unkontrolliert an der Bordsteinkante entlang rollt. Mit dem anderen Arm zerhackt der Mann die Luft um sich herum. Was er zu verkünden hat, gilt offensichtlich der Frau, die ihm mit einigen Schritten Abstand folgt. Außer ihr ist niemand in der Nähe. Ich kann seine Worte nicht verstehen, aber die mühsam verdeckte Aggression, die dieser Mensch ausstrahlt, spüre ich noch hinter geschlossenen Fenstern.
Die Aussicht auf ein entspanntes Wochenende mit einem Treffen meiner Pokerfreunde ist leicht getrübt durch zwei Herausforderungen, die am folgenden Montag auf mich warten. Die eine ist der Besuch bei meiner Mutter.
„Ich werde dir fehlen.“
Mit geschlossenen Augen sitze ich in meinem Arbeitszimmer. Denke über diesen Satz nach. Ich bin sicher, ihn schon einmal gehört zu haben. Wahrscheinlich ein Zitat aus einem Film.
Mit diesem Spruch hat Martha sich in der vergangenen Nacht von mir verabschiedet, um mich wieder einmal zu verlassen. Nicht für immer. Sie nimmt eine Auszeit von zwei oder drei Monaten, das hat sie schon öfter getan. Martha und ich sind ein Paar, seit mehr als zehn Jahren. Für uns beide die längste Beziehung, die wir je hatten. Vielleicht auch die beste. Wir haben gelernt zu akzeptieren, dass die unterschiedlichen Bedürfnisse gelebt und respektiert werden müssen, wenn wir ein Paar bleiben wollen. Genauer gesagt, hat Martha es gelernt. Ich habe schon immer nach meinen Vorstellungen gelebt.
Marthas Leidenschaft für ausgedehnte Reisen teile ich nicht. Wie ich meine Auszeiten gestalte, löst bei meiner Gefährtin resigniertes Kopfschütteln aus. Manchmal auch Besorgnis, sagt sie. Ich kann wochenlang hinter Bergen von Büchern verschwinden. Wenn ich wieder auftauche, verfüge ich über mehrere grob skizzierte Entwürfe für neue Beratungskonzepte, die ich dann eine Zeit lang für ebenso genial wie umsatzträchtig halte. Einige dieser Ideen setze ich um. Andere landen in der Bibliothek der nicht realisierten Visionen und ungelebten Träume, die ich in meinem Kopf eingerichtet habe. Dort werden auch die Vorsätze für einen gesünderen Lebensstil gesammelt, die ich von Zeit zu Zeit gerne fasse. Sie sind zahlreich und meistens folgenlos.
Es stimmt, Martha wird mir fehlen. Das leere Gefühl in mir kenne ich schon. Ich weiß, dass es vorübergehen wird. Nicht zum ersten Mal konnte ich mich nicht entschließen, meine Arbeit liegen zu lassen und Martha wenigstens bei einem Teil ihrer Reise zu begleiten. Der Vorstellung, mit ihr die Welt zu entdecken, kann ich durchaus etwas abgewinnen. Aber ich mache es dann doch nicht. Das hat im Laufe unserer Beziehung immer wieder zu größeren Verwerfungen geführt. Geändert hat das nichts, wir sind noch immer zusammen und Martha reist meistens allein. Manchmal habe ich ein schlechtes Gewissen. Das legt sich, wenn ich wieder in meine Arbeit eintauche.
In den Häusern auf der anderen Seite der Straße gehen die Lichter an. Es war mir entgangen, dass ich in der Dunkelheit sitze. Ein Glas Rotwein ist jetzt angesagt. Auf dem Weg in die Küche, vorbei an dem großen Spiegel in der Diele, begegnet mir ein Kerl mit grauen Bartstoppeln, ungekämmten Haaren, leicht kollabierter Haltung, in ausgebeulten Jogginghosen und fleckigem Sweatshirt. Zu allem Überfluss habe ich vergessen zu duschen. Aber egal, mit Gästen ist heute nicht zu rechnen, jedenfalls nicht ohne Vorwarnung.
Auf dem alten Holztisch in der Küche liegt ein seidig glänzender Morgenmantel und verbreitet einen Hauch von Martha. Ihre Abschiedsbotschaft. Hier bewirte ich meine wenigen Freunde mit aufwändig zubereiteten Menüs und guten Weinen. Aus zwei ehemals kleineren Zimmern hat der Eigentümer der Wohnung eine Küche gestaltet, in der sich jeder ambitionierte Freizeitkoch ungehindert austoben kann. Daher fühlen sich auch meine Freunde, die sich um den großen Tisch versammeln, nicht gestört von dem Chaos, dass ich bei meinen Kochorgien produziere. So kurz nach Marthas Abreise ist der Raum beklemmend leer. Ich habe keine Lust, mich länger an diesem Ort aufzuhalten. Mit einem sardischen Rotwein, den wir am Vorabend zu zwei Dritteln geleert haben, und einem Hauch von Marthas Duft kehre ich zurück an meinen Schreibtisch. Vorbei an dem Typen mit den depressiven Falten im Gesicht, der in der Diele auf mich gewartet hat.
Was ist los mit mir heute? Ich hatte mich in der Absicht, die kommende Woche zu planen, in mein Arbeitszimmer begeben. Der Monitor auf dem Schreibtisch glotzt mich mit seinem kalten schwarzen Auge an.
Is’ was, Doc?
Der Kultfilm aus den 70ern mit der bezaubernden Szene, in der Barbra Streisand dem ebenso liebenswürdigen wie schusseligen Musikprofessor Elmer Fudd mitteilt „Ich werde Dir fehlen!“ Mindestens fünfmal gesehen, zweimal mit Martha. Mir wird heiß bei der Erinnerung an den fulminanten Abschied, den Martha uns in der vergangenen Nacht bereitet hat. Bücher, Papiere, CDs, die ihr im Weg waren, hatte sie von dem schwarz lackierten antiken Schreibtisch gewischt. Alles lag auch jetzt noch verstreut auf dem Boden des Arbeitszimmers. Ein Sakrileg, es handelt sich schließlich um meine Arbeitsunterlagen. Ich war nicht fähig gewesen zu protestieren angesichts dessen was mich erwartete. Die einladende Bewegung, mit der Martha den leer gefegten Platz eingenommen hatte, gehört zu einer perfekten Inszenierung, die auch nach Jahren nichts von ihrer Faszination verloren hat. Beim ersten Mal hatte Martha erklärt, dies sei ihre einzige Chance, wenigstens für einige Minuten auf Platz Eins der Liste mit den wichtigsten Dingen in meinem Leben zu stehen, noch vor meinem Arbeitsplatz. Das ist natürlich völliger Unsinn, aber Martha glaubt fest daran und mir gefällt das Spiel.
Mit meinem Leben bin ich so zufrieden wie man es mit 58 Jahren und ohne Familie nur sein kann. Die paar Kilo zu viel, die bei meiner Größe nicht sonderlich auffallen, bewege ich mit großer Gelassenheit durch meine Welt. Auf andere wirkt das Tempo entweder beruhigend oder provozierend, das hängt vom jeweiligen Kontext ab. Die Frage eines Freundes, wie ich es schaffe, ständig den Eindruck zu erwecken, als wandle ich durch den Kreuzgang eines Klosters, während um mich herum das Leben tobt, kann ich nicht beantworten. Mein Tempo war immer schon so, egal ob ich mich morgens aus dem Bett quäle oder Gefahr laufe einen Zug zu verpassen.
Für gewöhnlich werde ich 10 Jahre jünger geschätzt. Außer dass es mein Ego bedient, bestärkt es mich darin, an der inzwischen weiß gewordenen Mähne im Trend der 70er Jahre festzuhalten. Die Haare in Hemdkragenlänge zu tragen ist aus der Mode, das ist mir bekannt. Und es ist mir gleichgültig. Es ist mir ebenso egal wie das Diktat der jeweils aktuellen Männermode oder der Kleiderordnung der Organisationen, in denen ich mein Geld verdiene. Es sind diese winzigen Nischen, die ich nutze, um einen Rest von Rebellion gegen das Diktat bürgerlicher Konventionen leben zu können.
Mir fällt ein Erlebnis aus den Anfängen meiner Karriere als Coach ein, das ich hin und wieder nach dem Genuss von Rotwein auch in Gesellschaft zum Besten gebe; aus der Reaktion der Zuhörer schließe ich, dass es einigen Unterhaltungswert hat. Damals hat der Vorfall für ein paar Stunden meine schwer zu erschütternde Balance gestört. Ein börsennotiertes Unternehmen war auf der Suche nach Coaches für sein Topmanagement und man hatte mich zu einem Probecoaching vor Publikum eingeladen. Das kam mir ungefähr so vor, als fordere ein einfallsloser Personalchef die erfahrene Bewerberin für einen Posten im Chefsekretariat auf, sich zu Testzwecken dem Diktat eines Geschäftsbriefes zu stellen. Ich war in meinem Lieblingsoutfit erschienen, schwarzer Anzug, schwarzes T-Shirt, eher eine Verkleidung, die Werbeleute als Erkennungszeichen für sich beanspruchen, aber ich fühle mich wohl darin, auch wenn ich nicht zu dieser Spezies gehöre. Die eleganten schwarzen Schnürschuhe waren mein Zugeständnis an die Zwänge der Businessmode. Sie sahen an diesem, und ich fürchte auch an jedem anderen Tag in meinem Leben aus, als habe ich in aller Eile versucht, ihnen mit Papiertaschentuch und Spucke zu etwas Glanz zu verhelfen. Meinen Schuhschrank füllt eine ganze Armada von bequemen Tretern. Nur die Tatsache, dass derartiges Schuhwerk bei meiner Klientel als Karrierebremse gilt, hält mich davon ab, auch bei geschäftlichen Anlässen die bequeme Variante zu wählen.
Zurück zu der Anekdote aus meinen Anfängen als Coach. Das Vorturnen vor den Managern des Daxunternehmens war hervorragend gelaufen. Noch nach Jahren erinnere ich mich an die sechs fahlgrauen Einreiher und die farbenfrohe Kopie eines Chanelkostüms auf langen Beinen, die mir als Coach allesamt hohe Kompetenz attestierten und daher umso mehr bedauerten, dass ich dem Topmanagement nicht zu vermitteln sei. Ich müsse verstehen, das lässige Outfit, die fehlende Krawatte. Mein Verständnis hatte sich in Grenzen gehalten. Hätte man mich um meine Einschätzung gebeten, was natürlich niemand tat, hätte ich die versammelten Leistungsträger darüber aufgeklärt, dass ich ihre Begründung für außerordentlich inkompetent hielt. Sie hatten den aufflackernden Zorn in meinen Augen nicht wahrgenommen, während ich jenes Haifischgrinsen erwiderte, das mir von der anderen Seite des Tisches entgegen blitzte und das ich so sehr verabscheute. Mit aufreizend langsamen Bewegungen hatte ich meine Papiere eingesammelt, in die Innentasche meines Mantels gestopft und den Saal mit ein paar höflichen Floskeln zum Abschied verlassen.
Während meine Gedanken an diesem Freitagabend weiter ungeordnet durch mein Hirn kreisen, muss ich, ohne es registriert zu haben, die Schreibtischlampe eingeschaltet, den Computer hochgefahren und Outlook gestartet haben. Außerdem ist die Rotweinflasche leer. Ich brauche Nachschub und etwas zu essen. Schlurfe wieder in die Küche und prüfe meine beachtlichen Weinbestände. Ich entscheide mich für einen Tempranillo, belade einen Teller mit Baguette und Käse sowie einem geschälten Apfel als Zugeständnis an eine wenigstens ansatzweise ausgewogene Ernährung.
Das alles trage ich zu meinem Schreibtisch, auf dem das gleiche Chaos herrscht wie augenblicklich in meinem Kopf. Der neugierige Betrachter kann unter der beständig wachsenden Papierflut die ganze Pracht des edlen, drei Meter breiten Empiremöbels nur erahnen. Das Chaos ist Ausdruck meiner unbezähmbaren Sucht, alles wissen und verstehen zu wollen. Besser zu sein als alle anderen.
Ein Blick auf den Outlook-Kalender lässt meine Befürchtung zur Gewissheit werden. Auf das Wochenende folgt wieder mal ein Montagnachmittag mit Mutter. Den Abend werde ich dann damit verbringen, den Abschlussreport für einen Klienten zu schreiben. Ich erinnere mich noch sehr präzise an dessen ersten Auftritt, obwohl seitdem mehr als 18 Monate vergangen sind.
Ein stark übergewichtiger Mann war mit raumgreifenden, zu allem entschlossenen Managerschritten, die vermutlich Entscheidungsfreude und Führungsanspruch signalisieren sollten, in meine Wohnung gestürmt. Obwohl er den Fahrstuhl in das dritte Obergeschoss genommen hatte, stand er nach Luft japsend vor mir. Er hatte sich telefonisch zu einem Vorgespräch angemeldet und teilte mir ohne Umwege über höfliche Konversation und mit seiner Kurzatmigkeit ringend mit, was der Grund seines Besuches sei. Er wolle seinen nächsten Karriereschritt in Angriff nehmen, wie er sich ausdrückte, und sich dabei von mir beraten lassen. Ich sei ihm empfohlen worden.
Hätte ich mich damals von meinem ersten Impuls und den wenig wertschätzenden Schlussfolgerungen leiten lassen, hätte der potenzielle Kunde, da bin ich sicher, dankend auf meine Dienste verzichtet. Wenn der Mann nicht bereit sein würde, seine Selbstwahrnehmung kritisch zu hinterfragen und in der Konsequenz seinen zweifellos ungesunden Lebensstil radikal zu ändern, wäre es mit der Karriere sehr schnell und vermutlich dauerhaft vorbei. Diese Gedanken behielt ich erst einmal für mich und besann mich auf meine Talente als empathischer Profi.
Die Geschichte, die ich zu hören bekam, nachdem der Besucher seine mehr als hundert Kilo zu meiner Verblüffung auf dem zierlichsten Stuhl platziert hatte, der in dem Coachingraum zu finden war, glich einem Parforceritt durch eine Welt gnadenloser Selbstausbeutung. Um die atemlose Jagd zu stoppen, nutzte ich eine Unterbrechung seines Vortrags, in der mein Besucher mit hochrotem Kopf nach Luft schnappte.
„Lassen Sie uns eine kurze Pause machen“, bat ich ihn, „ich denke, ein Wasser wäre jetzt gut.“
„Danke, ich brauche nichts.“
„Ich schon. Bin gleich wieder bei Ihnen.“
Er warf einen Blick auf seine Uhr. Ich ließ mir Zeit. Als ich mit einer Karaffe und Gläsern zurückkehrte, stand er am Fenster und starrte gebannt auf sein I-Phone. Noch ein Blick auf die Uhr, dann setzte er sich wieder, schaute mich mit einer steilen Unmutsfalte zwischen den Augen an. Ich betrachtete meinen Gast. Auftritte dieser Art gehörten so zuverlässig zum Standardrepertoire mancher gestresster Manager wie drittklassige Schauspieler in eine Daily Soap. In solchen Momenten fühlte ich mich stets ein wenig traurig, gleichzeitig waren sie die implizite Aufforderung an mich selbst, mich mit aller Aufmerksamkeit und Professionalität meinen Gesprächspartnern zuzuwenden.
Ich trank einen Schluck Wasser. Mein Besucher ergriff ebenfalls das Glas, das ich vor ihn hingestellt hatte und leerte es.
„Ich habe Ihr Anliegen gehört und fasse zusammen, was ich verstanden habe“, nahm ich den Faden wieder auf. „Sie wollen den nächsten Schritt in Ihrer Karriere planen und wünschen sich professionelle Unterstützung auf ihrem Weg. Bevor ich Ihnen meine Arbeitsweise erläutere und Ihnen etwas erzähle zu meinem Rollenverständnis als Coach und den Erwartungen, die ich an meine Klienten habe, würde ich Ihnen gerne eine Rückmeldung darüber geben, was mir durch den Kopf gegangen ist, während ich Ihnen zugehört habe.“
Der Besucher schaute mich mit großen Augen an. Verschränkte die Arme. Schaute auf sein Glas. Ich folgte der nonverbalen Aufforderung und füllte es erneut mit Wasser.
„Möchten Sie das hören?“
Er trank einen Schluck, platzierte die Arme erneut vor der Brust.
„Ja natürlich, deswegen bin ich ja hier.“
„Ich bin sehr beeindruckt“, leitete ich meinen Kommentar ein, „von den enormen Herausforderungen, die Sie ganz offenkundig in Ihrer Position zu bewältigen haben. Mehr noch beeindruckt mich die Power, die Sie ausstrahlen.“
Pause. Ich nahm einen Schluck Wasser.
„Darf ich Sie fragen, was Sie derzeit tun, um für diese Belastungen einen Ausgleich zu schaffen, der Sie in der Balance hält?“
Mein Besucher schwieg und betrachtete seine Hände, ergriff dann das I-Phone, das er auf dem Tisch platziert hatte und ließ es in seiner Jackentasche verschwinden. Ich wartete.
„Also, ich gehe gerne zum Joggen, so zwei-, dreimal die Woche.“
Ich war überrascht.
„Allerdings komme ich derzeit nicht dazu.“
„Gibt es noch etwas, wobei Sie entspannen können?“
„Surfen.“
Ich hatte gerade beschlossen, die Kiste meiner übereilt gefassten Vorannahmen ordentlich auszumisten, als mein Gast fortfuhr. „Im Internet meine ich. Das Surfen!“
Ich goss uns Wasser nach.
„Leider ist meine Frau davon nicht so begeistert.“
„Wann surfen Sie denn? Gleich, nachdem Sie nach Hause gekommen sind?“
„Nein, zuerst muss ich mal runterkommen von meinem Stresspegel.“
Ich lächelte den Manager erwartungsvoll an. Seine Augen flatterten durch den Raum, fanden Halt an dem Sofa, das in seinem Blickfeld an der gegenüberliegenden Wand stand.
„Wenn ich nach Hause komme, bringe ich meinen Sohn zu Bett und höre mir an, was er zu berichten hat. Dieses Ritual lasse ich mir nicht nehmen.“ Er presste die Lippen aufeinander, räusperte sich, prüfte den tadellosen Sitz seiner Krawatte. „Dazu gönne ich mir ein, zwei Gläser Wein.“
Der Anflug eines verlegenen Lächelns legte sich über die angestrengte Mimik.
Nach dieser unerwartet offenen Schilderung des abendlichen Entspannungsprogramms, wir kannten uns gerade mal eine Stunde, wirkte der Besucher eine Spur gelassener als zu Beginn, und ich hatte genug gehört, um später eine Entscheidung darüber treffen zu können, ob ich mit dem Mann arbeiten wollte.
Ich gab ihm die angekündigten Informationen zu den verschiedenen Stadien eines Coachingprozesses, meinen Methoden, unserem formalen und psychologischen Vertrag und wir verabredeten eine Bedenkzeit von einer Woche für beide Seiten.
Nachdem der Manager gegangen war, hatte ich ziemlich genervt die Fenster aufgerissen, um den Tabakgeruch loszuwerden, den er mitgebracht hatte. Ich war nicht sicher, ob ich diesen Kunden wirklich haben wollte. Als es zu einem Vertrag kam, verlegte ich die ersten Sitzungen während des Spätsommers kurzerhand ins Freie und sorgte für Bewegung im Görlitzer Park. Eine ebenso elegante wie sinnstiftende Lösung für die Arbeit mit einem Kandidaten, der auf dem besten Weg war, durch seinen ungesunden Lebensstil in rasantem Tempo das endgültige Aus für seine Karriere anzusteuern.
Nach anderthalb Jahren Arbeit am kommenden Abend den Abschlussreport zu schreiben, würde das reinste Vergnügen werden. Ich werfe einen Blick auf den ausgedruckten Feedbackbogen, den ich am Montagabend bearbeiten will. Die Bewertung ist ausgezeichnet, alles hatte gestimmt für den Kunden, die Rahmenbedingungen wie Ort und Dauer der Sitzungen, die Methoden und Instrumente ebenso wie die erlebten Änderungen des eigenen Verhaltens sowie die positiven Feedbacks aus dem Umfeld. Die Beurteilung des Beitrags, den der Coach geleistet hatte, konnte aus Sicht des Managers nicht besser sein.
Mit einem zweiten Glas Tempranillo in der einen und einem weiteren Käsebrot in der anderen Hand war ich meinen Erinnerungen in den Beratungsraum gefolgt. Er ist, wie die gesamte Wohnung, sehr minimalistisch möbliert. Ein Paradies für Putzfrauen. Und meine Putzfrau ist eine Fee, die zaubern kann. Ich habe Frau Plönzke am Kiosk ganz in meiner Nähe entdeckt. Sie ist die Schwester meiner Zeitungsfrau. Jeden Montag, seit fünf Jahren, widmet sie sich mit Hingabe den 180 Quadratmetern, die ich bewohne. Es gab nie den geringsten Anlass für Kritik. Was ich mich allerdings immer wieder frage ist, wie eine so unfassbar dicke Fee wie Frau Plönzke es schafft, auch in Ecken und Winkeln, hinter und unter Schränken und Betten, einfach überall für tadellose Sauberkeit zu sorgen. Ich traue mich nicht, sie danach zu fragen.
„Morgen, Doktor“. Diese Begrüßung, genau genommen klingt es mehr nach „Morjen, Dokta“, ist höchst kurios, denn der Tag ist bereits fortgeschritten, wenn Frau Plönzke kommt und ich verfüge nicht über einen Doktortitel. Darüber habe ich sie mehrmals aufgeklärt, aber sie ignoriert das konsequent. Wie sie mir erzählte, arbeitet sie ausnahmslos für Männer in Singlehaushalten, und ich fantasiere, dass sie allen Kunden einen akademischen Titel verpasst. Nach dem Motto „Man kann ja nie wissen.“ Ich verstehe es auch weniger als Begrüßung, es ist eher die Aufforderung an mich, jetzt zu verschwinden. Bis ich die Türklinke in der Hand habe, rührt die dicke Fee jedenfalls ihre Putzutensilien nicht an. Vielmehr ordnen ihre üppig beringten Finger vor dem großen Spiegel in der Diele die wasserstoffgebleichten Haare zu einer Art Brigitte-Bardot-Hochfrisur im Stil der längst vergangenen 60er Jahre.
Der Beratungsraum ist der größte und hellste in meiner Wohnung, mit zwei hohen Fenstern zur Straße, stuckverzierter Decke und einer wunderbaren, fachmännisch restaurierten Flügeltür, durch die ich mein Arbeitszimmer erreiche. Der Besucher, der den Raum von der Diele aus betritt, geht vorbei an einem ovalen Tisch, an dem bis zu sechs Menschen auf einladenden Stühlen mit Armlehnen und weichen Ledersitzen Platz finden. Zwei riesige Bananenpflanzen und ein mehr als zwei Meter hoher Kaffeestrauch trennen diesen Bereich von dem Teil des Raumes, in dem ich die Gespräche mit den Coachingkunden führe. In zwei weißen Schränken bewahre ich Arbeitsmaterial auf, vor den Fenstern steht ein kleinerer runder Holztisch. Wenige Gemälde, überwiegend in einer Palette variierender Weißtöne, hängen an weißen Wänden. Eines der Bilder zieht die Aufmerksamkeit aller Klienten an. Ein wunderschöner Frauenkörper, vor weißem Hintergrund auf einem weiß lasierten Balken balancierend. Eine mit einem feinen dunklen Strich angedeutete Stange in ihren Händen gibt ihr Halt. Die Betrachter wollen wissen, wer der Künstler ist. Nur eine Klientin fragte: „Wer ist diese Frau?“ Mein Lieblingsbild. Mir erzählt es eine Geschichte von Hingabe und Verlust, von Stärke und Zerbrechlichkeit.
Weiß sind Decke und Parkett, dazwischen Farbinseln im üppigen Grün der Pflanzen und den warmen Holztönen der Tische und Stühle. In dieser Umgebung kann ich mich hervorragend auf meine Besucher konzentrieren.
An einer der Seitenwände habe ich fünf Stühle aufgestellt, die sich in Form, Material und Entstehungsjahr voneinander unterscheiden. Jeder Gast wird gebeten, den Stuhl zu wählen, der ihn am meisten anspricht und ihn an dem runden Tisch dort zu platzieren, wo er sitzen möchte. Wenn ich bemerke, dass der Blick eines Besuchers auf das cremeweiße Sofa fällt, das an der Wand gegenüber zum Ausruhen verführt und wenn er dann diese Richtung ansteuert, teile ich ihm mit, dass der Platz nicht zur Wahl steht. Ich ergänze freundlich, dass Coaching harte Arbeit ist und kein Small Talk. Meine Hypothese ist, dass Besucher, die sich auf dem Sofa niederlassen möchten, zumindest zu diesem Zeitpunkt nicht wirklich daran interessiert sind, in ihrem Leben etwas zu ändern oder an ihrer Zukunft zu arbeiten. Für meine Entscheidung, ob ich einen Klienten annehme oder nicht, spielt diese Abwägung eine wesentliche Rolle. Ich bin in der komfortablen Lage, Aufträge ablehnen zu können. Die Besucher akzeptieren die verbotene Zone. In all den Jahren gab es nur eine Ausnahme.
Ich kehre an meinen Schreibtisch zurück, ohne nochmals einen Blick in den Spiegel zu werfen. Ich weiß, welcher Anblick mich erwartet. Das will ich jetzt nicht sehen. Martha hatte in der vergangenen Nacht angekündet, nach ihrer Rückkehr für uns beide Personal Trainer zu suchen, ob ich wolle oder nicht. Meinen Einwand, dass ich seit langem meine persönliche Trainerin gefunden habe, ordnete sie empört der Kategorie blödester Kalauer zu, der eines austrainierten Linksintellektuellen nicht würdig sei. Um dann mit lasziver Stimme vorzuschlagen, man könne es ja trotzdem mangels anderer Alternativen mal versuchen. Der Versuch endete auf meinem antiken Schreibtisch.
Ich lenke meinen Blick wieder auf den Terminkalender. Der erste Eintrag für den kommenden Montag, 2. Mai, 11 Uhr Frau Bastian, lässt den drohenden Besuch bei meiner Mutter wie einen Spaziergang in der Frühlingssonne erscheinen.
Petra Bastian, seit Herbst vergangenen Jahres meine Klientin, ist ohne jeden Zweifel meine schwierigste Kundin. Das ist eine ziemlich ungerechte Bewertung einer Situation, die alleine ich zu verantworten habe. Ich hätte diesen Kontrakt niemals eingehen dürfen. Eine Korrektur meiner damaligen Entscheidung ist unvermeidlich, wenn das bevorstehende Gespräch den Coachingprozess nicht in eine andere Richtung lenkt.
Das Unternehmen, in dem Petra Bastian zum obersten Management gehört, sie leitet den Marketingbereich der Leonardo Verlagsgruppe in Berlin und sitzt im Vorstand, berate ich schon seit ein paar Jahren. Frau Bastian hatte ich ein paar Mal gesehen, aber nie ein Wort mit ihr gewechselt. Im Herbst 2010 sprach mich der damalige Vorstandsvorsitzende an mit der Bitte, doch einmal ein Gespräch mit seiner Marketingleiterin zu führen. Er habe den Eindruck, dass sie Unterstützung brauchen könne. Sie habe selbst etwas in dieser Richtung angedeutet und sie wolle möglichst rasch einen Termin haben. Das klang alles andere als exotisch, der übliche Einstieg. Ich machte Frau Bastian den Vorschlag, den ich allen potenziellen Kunden mache, das Erstgespräch in einem der Besprechungsräume des Unternehmens zu führen. Das lehnte sie ab und bestand darauf, in meine Praxis zu kommen. Der Anflug von Ärger, den ich verspürte und mein anschließender Kurztrip in die Niederungen der Küchenpsychologie brachte die wenig originelle Erkenntnis, dass diese Frau wohl unbedingt die Kontrolle behalten wollte und ich, trotz fortgeschrittenen Alters, in meinem Narzissmus leicht zu provozieren war.
Einige Tage nach unserem Telefonat betrat die Verlagmanagerin meinen Beratungsraum. Nach einer businessmäßig glatten Begrüßung einschließlich einiger Floskeln über das Lebensgefühl in Berlin Mitte, der dann folgenden Wahl eines Stuhls mit Armlehnen und dem Übereinanderschlagen langer Beine in einem nicht zu kurzen Rock saß mir die Besucherin an dem kleinen runden Tisch gegenüber.
Und sagte kein einziges Wort. Heinrich Böll, Roman einer Ehe im Nachkriegsdeutschland. Es ist eine meiner Marotten und, ich gebe zu, es bereitet mir Vergnügen, Alltagsszenen mit Film- oder Buchtiteln und Zitaten zu kommentieren. Im Gespräch mit meinen Klienten behalte ich diese Assoziationen für mich. Ich ließ das Schweigen zu und achtete darauf, meinen Blick auf dem schönen Gesicht meiner Besucherin ruhen zu lassen und nicht zu ihren Beinen zu wandern. Das war eine Aufgabe.
Der Engel schwieg. Auch das der Titel eines Romans von Heinrich Böll. Aber Engel passte nicht wirklich zu der Frau, die da vor mir saß und vor deren verstörend grün schillernden Augen ich mich fühlte wie unter einem Scanner. Wobei sie bei meinen Schuhen angefangen hatte und auf meinem Gesicht stoppte.
Ich bin durch meine Arbeit daran gewöhnt, Phasen des Schweigens nicht nur gut ertragen zu können, sondern diese ganz besondere Form des zwischenmenschlichen Kontakts in der Coachingarbeit zu nutzen. Für mich selbst und für die Beziehung zwischen meinen Klienten und mir. Das Schweigen dieser Frau zu diesem Zeitpunkt, kombiniert mit dem Blick, der nicht in meinen Augen ruhte, sondern irgendwo mitten in meinem Gesicht, ich vermutete auf meiner Nase, verwirrte mich. Ich rettete mich in eine ebenso banale wie lächerliche Begründung für diesen prüfenden Blick. Martha hatte vor Jahren versichert, ich sei ein ziemlich attraktiver Typ, mit nur einem selbstverschuldeten Schönheitsfehler. Sie meinte die vereinzelten widerspenstigen Borsten, die aus meiner Nase schauten und die ich doch bitte regelmäßig entfernen solle. Weiter sei, zumindest äußerlich, nichts auszusetzen. Ich gebe zu, dass ich in der Hinsicht ziemlich nachlässig bin. Ich konnte mich jetzt, vor dem Scannerblick von Frau Bastian, nicht daran erinnern, wann ich zum letzten Mal meine Aufmerksamkeit auf die Beseitigung dieses Makels gerichtet hatte. Wahrscheinlich war es vor längerer Zeit. Vielleicht hatte mein bemerkenswerter Gast auch ganz andere Gründe, mich so intensiv anzustarren.
