Der Code Noir 1&2 - Insa Roland - E-Book

Der Code Noir 1&2 E-Book

Insa Roland

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Beschreibung

Nie hätte Eveline für möglich gehalten, dass das zufällige Zusammentreffen mit Madame Bonnet ihr Leben grundlegend auf den Kopf stellen könnte. Sicher, ihre aktuelle Situation war alles andere als das, was sie sich für ihr Leben gewünscht hatte. Anstatt als Diplom-Dolmetscherin zu arbeiten, hielt sie ein bescheidener Job in einem kleinen Café über Wasser. Es brauchte daher nicht viel, um Eveline auf unbekannte Pfade zu locken. Eine Irrfahrt in die Welt von Luxus, Leidenschaft, BDSM und Missgunst beginnt. Eine Reise, die nicht nur einmal um ein Haar böse geendet wäre.

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Seitenzahl: 482

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Der Code Noir

Roman von

Insa Roland

Der Code Noir & Der Code Noir Eve

Zusammengefügte Version

Inhaltsverzeichnis

1. Kapitel3

2. Kapitel12

3. Kapitel17

4. Kapitel29

5. Kapitel35

6. Kapitel43

7. Kapitel47

8. Kapitel51

9. Kapitel57

10. Kapitel65

11. Kapitel70

12. Kapitel76

13. Kapitel80

14. Kapitel83

15. Kapitel89

16. Kapitel96

17. Kapitel106

18. Kapitel115

19. Kapitel120

20. Kapitel128

21. Kapitel137

22. Kapitel144

23. Kapitel151

24. Kapitel159

25. Kapitel164

26. Kapitel172

27. Kapitel182

28. Kapitel187

29. Kapitel192

30. Kapitel198

31. Kapitel202

32. Kapitel209

33. Kapitel214

34. Kapitel219

35. Kapitel225

36. Kapitel229

37. Kapitel232

38. Kapitel237

39. Kapitel242

1. Kapitel

Es war erwartungsgemäß voll geworden in dem kleinen Pariser Eckcafé. Freitag nachmittags, bei strahlendem Sonnenschein, zog es viele in die gemütliche Lokalität, die mit ihrem verspielten Charme die Gäste zum Verweilen einlud. Das Lokal lag an einem kleinen Platz mit einem Bestand von jungen Bäumen, deren Blätter einen wohltuenden Schatten spendeten. Es war angenehm draußen, was viele Gäste dankbar nutzten. Das Innere des Cafés war verwinkelt. Dicke Holzpaneele hingen unter der Decke, ohne den Eindruck von bürgerlicher Spießigkeit zu vermitteln. Im Zentrum des Raumes befand sich eine aus roten Backsteinen gemauerte Bar, die mit dunklen Holzplatten gekrönt war. An beiden Seiten geöffnet, versprach sie kurze Wege zu den Tischen. Das Lokal war gefüllt mit kunstvoll gestalteter Dekoration, jede Einzelne von ihnen schien ein Unikat zu sein. Wie die Gemälde an den Wänden, die ihren Witz nur bei genauerem Betrachten preisgaben. Eveline eilte unermüdlich von Tisch zu Tisch, um Bestellungen aufzunehmen, zu servieren oder abzurechnen. Es bereitete ihr Spaß, wenn es hektisch wurde, verging so doch die Zeit schneller und sie traf manch interessanten Gast. Eveline eilte gerade mit einem Latte macchiato hinaus zu der Außenbestuhlung, als sie um ein Haar eine elegant gekleidete, schlanke Frau mittlerer Größe angerempelt hätte. Erleichtert sah sie, dass sie nichts verschüttet hatte, entschuldigte sich höflich und trug das Getränk nun etwas behutsamer an seinen Bestimmungsort. Als sie mit leeren Tassen und Tellern ins Café zurückging, sah sie, wie die Dame an einem Tisch im hintersten Winkel vor dem Klavier Platz nahm. Für einen Moment beobachtete sie die Frau, die unheimlich viel Eleganz ausstrahlte. Ihr wurde unwohl bei der Vorstellung, sie hätte genau dieser Frau das heiße Getränk über das edle Kleid geschüttet. Es wäre ihr äußerst peinlich gewesen und die Dame hätte mit Sicherheit ein riesiges Theater veranstaltet. Ein Herr wollte bezahlen und Eveline signalisierte dem Gast, sie wäre gleich bei ihm. An der Kasse angekommen, bongte sie den Tisch und ließ sich die Rechnung ausdrucken. Ihr Blick fiel erneut hinüber zu der Dame nahe dem Klavier. Sie hatte ein kurzärmliges Etuikleid an, das aus feinstem Stoff gefertigt war, soviel konnte Eveline erkennen. Ihre schulterlangen dunklen Haare waren voluminös, leicht toupiert. Stilvolles Make-up unterstrich die schlanke Form ihres Gesichts und ihrer Wangen. Es offenbarte, dass diese Dame es verstand, mit geübter Hand ihre Schönheit zu unterstreichen. Irgendetwas an dieser Frau, die sich mittlerweile eine schmale Lesebrille aufgesetzt hatte und nun begann, die Karte zu studieren, faszinierte Eveline. Sie schätzte sie auf Ende dreißig, auch wenn ihr perfekt gestyltes Äußeres bis hin zu ihrer Bewegung, sie reifer erscheinen ließ. Eveline sah die Dame in Gedanken versunken an, als diese zu ihr blickte. Eveline erschrak kurz, guckte schnell weg, nahm dann die Rechnung und ging zu dem Tisch mit dem Gast, der bezahlen wollte. Sie verabschiedete den Besucher, räumte den Tisch ab und vergewisserte sich noch einmal, ob alles sauber und bereit für die nächsten Gäste war. Als sie sich wieder Richtung Tresen umdrehte, bemerkte sie, dass die Dame zu bestellen wünschte. Eveline brachte schnell das abgeräumte Geschirr zu der Spüle, dann ging sie zu der Dame in der Ecke.

„Guten Tag, Madame, ich bitte nochmals um Entschuldigung wegen unseres beinah Zusammenstoßes. Ich habe sie einfach nicht gesehen. Was darf ich Ihnen bringen?“

Eveline wusste nicht, warum, aber ihr Herz raste und sie wurde nervös. Die Frau blickte sie über ihre Lesebrille hinweg schweigend an. Ihr Blick musterte Eveline, die abwartend vor ihr stand. Ihr Blick streifte über das luftige Sommerkleid, die verspielt hochgesteckten braunen Haare, das rosige durch dezentes Make-up modulierte Gesicht mit den großen blaugrauen Augen. Die Augen wanderten weiter ihren feingliedrigen Körper hinab. Eveline wurde begutachtet, in einer Art, die ihr den Atem stocken ließ. Nach einer gefühlten Ewigkeit formte sich im Gesicht der Dame ein Lächeln.

„Das ist schon okay, mein Kind“, sagte sie mit sanfter, aber bestimmter Stimme.

„Ich hätte gerne einen Earl Grey und ein Stück von dem Apfelkuchen, den ich am Tresen gesehen habe. Aber bitte ohne Sahne.“

„Earl Grey und Apfelkuchen ohne Sahne, sehr gern“, fasste Eveline die Bestellung zusammen, nickte und ging zurück zum Tresen.

Ein weiterer Tisch wollte zahlen und auch draußen vor dem Café waren Gäste in Aufbruchsstimmung. Eveline rechnete den Tisch ab, ging hinaus, kassierte dort ebenfalls und kehrte schwer beladen zurück ins Café. Auf halbem Weg zum Tresen geschah das Unglück. Ein Gast schob seinen Stuhl zurück, Eveline versuchte auszuweichen, verlor aber mit dem Tablett das Gleichgewicht. Von einem lauten Scheppern und Klirren begleitet, landete alles auf dem Boden. Mit hochrotem Kopf eilte Eveline beschämt zum Tresen, holte ein Kehrblech und beseitigte das Malheur. Nachdem sie anschließend einen Schluck Wasser auf den Schreck getrunken hatte, kümmerte sie sich um die Bestellung der attraktiven Frau. Während sie schließlich zu der Dame ging, bemerkte sie, dass diese an ihrem Laptop arbeitete und der halbe Tisch mit Unterlagen gefüllt war. Als Eveline am Tisch eintraf, blickte die elegante Frau auf. Sie lächelte und bevor sie auf dem Tisch Platz machte, sagte sie mit amüsierter Stimme:

„Ich mag die Art, wie Sie dienen.“

Sie machte nun Platz für Teller und Tasse und fügte hinzu: „Sie sind so wunderbar unbeholfen, mein Kind.“

Eveline schluckte, mit so einem Kommentar hatte sie beim besten Willen nicht gerechnet.

„Ich ...“, sie machte eine kurze Pause, „Es war nicht meine Schuld, Madame“, versuchte sie das Ungeschick zu erklären.

„Natürlich ist es Ihre Schuld gewesen, mein Kind. Es ist immer die Schuld derer, die dienen! Oder wollen Sie sagen, Ihre Kunden seien nicht König?“

Ihre Stimme war sanft, ihre Worte klangen aber vorwurfsvoll und vernichtend. Eveline errötete erneut und stellte sichtlich nervös die Bestellung ab.

„Nein, natürlich sind unsere Gäste bei uns König, Madame! Es war nur ...“

Die Dame legte ihren Zeigefinger auf die Lippen und gab somit Eveline zu verstehen, ruhig zu sein. Madame lächelte, doch schüttelte sie langsam den Kopf, während Eveline gebannt auf diese starke Geste blickte.

„Kein aber!“

Die Dame blickte kurz hinüber zum Tresen, an dem Evelines Kollegin am Arbeiten war.

„Sie könnten mir einen Gefallen tun. Ich habe gerade bemerkt, dass meine Zigaretten aufgebraucht sind. Auf der anderen Hofseite habe ich ein Tabakgeschäft gesehen, das bestimmt diese Sorte Slim Zigaretten führt, die ich rauche. Wären Sie wohl so freundlich, mir welche zu holen, mein Kind?“

Ohne auf Evelines Antwort zu warten, fischte sie einen Schein aus ihrer Tasche und legte ihn Eveline aufs Tablett.

„Ich danke Ihnen“, sagte sie sanftmütig und ihr Blick glitt zurück auf das Display des Laptops.

Für einen Moment blieb Eveline wie angewurzelt stehen. Innerlich aufgebracht fühlte sie Wut, in gleicher Weise jedoch auch eine rätselhafte Ehrfurcht vor dieser Frau, die sie tatsächlich wie ein Kind behandelte. Sie verstand ihre eigene Reaktion nicht. Sie fühlte eine lähmende Erregung, die ihren Körper durchströmte und die sonst so kesse Eveline zu einem handzahmen Lamm werden ließ. Madame verstand es, mit chirurgischer Präzision ihre Schwachstellen freizulegen und sie mit gekonnten Stichen zu reizen. Es schien ihr Freude zu bereiten, sie in Verlegenheit zu bringen. Sie wurde von ihr herausgefordert und es war unschwer zu erkennen, dass sie sich erhoffte, Eveline versagen zu sehen. Doch diesen Gefallen würde sie ihr nicht machen. Mehr noch, Eveline wollte von dieser Frau unbedingt gelobt werden. Erst als die Dame prüfend aufblickte, sammelte sie sich, drehte sich um und ging samt Tablett zurück zum Tresen. Draußen vor dem Café kündigte sich ein Sommergewitter an, der Himmel wurde dunkler und weniger Licht fiel durch die großen Fenster ins Café. Viele Gäste wollten nun zahlen, um noch vor dem drohenden Wolkenbruch zu gehen. Eveline hatte alle Hände voll zu tun. Kassierte die Tische ab, räumte auf und klappte draußen die Klappstühle zusammen. Als der Außenbereich geschlossen war, eilte sie über den Hof und kaufte die Zigaretten, die die feine Dame sich gewünscht hatte. Im Moment als sie den Tabakladen verließ, fing es an, wie aus Eimern zu schütten. Selbst die kurze Distanz zurück zum Café reichte aus, um Evelines Kleidung komplett zu durchweichen. Die Strähnen, die vorher verspielt von den hochgesteckten Haaren fielen, klebten nun traurig an ihrem Hals. Das Kleid war nass und sackte eher schlaff an ihr herunter, als locker zu fallen. Ihre Kollegin Rachel gab ihr, als sie zurück hinter den Tresen trat, mit einem Lächeln ein frisches Geschirrhandtuch und deutete auf ihre Brüste.

„Rubbel die mal trocken, deine Brustwarzen schimmern durch den Stoff, Eveline.“

Peinlich berührt hockte sie sich hinter den Tresen und versuchte, den Stoff notdürftig zu trocknen. Bis auf wenige Gäste waren die meisten gegangen. Am Fenster saßen noch ein paar und betrachteten das Naturschauspiel. Ansonsten war es, abgesehen von der Dame in der Ecke, die inzwischen ihren Kuchen gegessen hatte und ab und zu an ihrem Tee nippte, leer geworden. Als zumindest der obere Teil des Kleides etwas getrocknet war, brachte sie der Dame die geöffnete Schachtel, einen frischen Aschenbecher, ein Briefchen Streichhölzer mit dem Logo, Adresse und Telefonnummer des Cafés und das Wechselgeld. Lächelnd wurde sie am Tisch begrüßt.

„Sehr aufmerksam, mein Kind. Das Wechselgeld stecken Sie ein. Das geht extra.“

Sie blickte an Eveline hoch, ihre Augen erforschten das vom Platzregen etwas mitgenommene Erscheinungsbild.

„Eine Schande, dass Sie sich oben herum schon so übereilt abgetrocknet haben! Ich hätte gern gesehen, wie sich Ihre Brüste durch den Stoff hindurch abzeichnen. Ich denke, Sie haben einen schönen Busen.“

Eveline schnappte nach Luft. Die bestimmte Stimme, die nicht eine Sekunde unsicher wurde, als sie freundlich intime Dinge ansprach, ließ Eveline erzittern. Auch wenn sie es sich nicht eingestehen wollte, es erregte sie zunehmend, auf solch eine Weise gereizt zu werden. Nie hätte sie von sich erwartet, derart zu reagieren. Fast als würde sie auf die nächste Unverschämtheit hoffen, die sie erschaudern ließ. Ihr Körper bebte, was nicht unbemerkt blieb.

„So eine hübsche Frau und so schüchtern.“

Die Dame hob ihre Teetasse und trank beiläufig einen Schluck. Eveline suchte nach etwas, was sie der Frau entgegnen konnte. Sie war nicht schüchtern. Doch in diesem Moment fühlte sie nichts von ihrer sonst so versierten Schlagfertigkeit. Sie war wütend, wusste nicht warum und fragte sich, ob das überhaupt Wut war, was sie fühlte. Sie wollte sich zur Wehr setzen, wusste aber absolut nicht wie. Alles, was sie fühlte, war die unglaubliche Präsenz dieser Frau, der sie so gar nichts entgegenzusetzen vermochte. Die Dame stellte ihre Tasse ab und sagte mit ruhiger fast betörender Stimme:

„Bringen Sie mir bitte noch einen Tee, mein Kind. Ich glaube, Sie brauchen Beschäftigung.“

Sie hob das Tablett mit Kuchenteller und Teetasse über ihren Laptop und sah Eveline tief in die Augen.

„Bevor Sie gehen, sagen Sie mir bitte Ihren Namen, mein Kind.“

Eveline hielt sich am Tablett fest, konnte dem Blick nicht standhalten und blickte verschämt zu Boden.

„Ich heiße Eveline, Madame.“

„Das ist ein sehr schöner Name. Ein schöner Name für eine schöne Frau und nun geh.“

Sie wollte etwas antworten, aber der Blick, der sich wieder auf den Laptop fokussierte, ließ sie wissen, dass es nicht erwünscht war. Auch als sie den Tee brachte, gab sie ihr nur mit einem kurzen Handzeichen zu verstehen, dass sie ihn abstellen möge. Die Dame war beschäftigt. Der Rest des Nachmittags schleppte sich hin und nur wenige Gäste kamen. Evelines Kollegin machte Feierabend. Sie hätte protestiert, da sie nicht mit dieser Frau alleine gelassen werden wollte, doch wusste sie, dass das kindisch war und hatte ihre Kollegin wie jedes Mal mit einer innigen Umarmung verabschiedet. Das Unwetter hatte sich zu beständigem Dauerregen gewandelt. Es war grau in grau und Eveline fühlte sich wie das Wetter. Die Dame ging ihr allerdings nicht aus dem Kopf. Wer war sie und warum hatte sie sich gerade Eveline ausgesucht, um ihre Machtspiele zu spielen? Sie hatte schon oft mit unverschämten Menschen im Café zu tun gehabt, doch diese Frau war anders. Die Art, wie sie Eveline versuchte zu erniedrigen, war nicht verletzend. Es war vielmehr auf seltsame Weise erregend. Empfindungen, die sie so noch nicht erlebt hatte, jedoch neugierig machten. Gedanken prasselten auf sie ein, so wie draußen der Regen auf den Gehsteig. Als sie schließlich mit der Dame allein im Café war, blickte diese auf.

„Wenn du nicht selbst mit einem Auto hier bist, Eve, werden wir dich nach Hause fahren, sobald du Feierabend machst.“

Das „wir“ verwirrte Eveline.

„Sag mir bitte rechtzeitig Bescheid, Eve.“

Was immer diese Frau auch sagte, sie schaffte es, Eveline nur noch mehr zu verunsichern und zu irritieren. Sie wusste nicht mal mehr, ob sie das als bizarre Art von Flirt verstehen sollte. Ohne in ihrer Ratlosigkeit weiter nachzudenken, platzte es aus ihr heraus.

„Ich bin nicht lesbisch, falls Sie sich das erhoffen.“

Das schallende Lachen, das folgte, gab ihr zu verstehen, dass sie komplett auf dem Holzweg gewesen war.

„Dann kann ich ja beruhigt sein, Kind.“

Eveline schwieg kurz.

„Ich ...“

„Es ist gut, Eve. Niemand hat von dir verlangt, lesbisch zu sein.“

Sie fühlte sich für ihre Dummheit gemaßregelt, fühlte sich naiv und töricht. Diese Frau schien ihr immer einen Schritt voraus. Sie war unverschämt, aber Eveline konnte nicht benennen, was sie so verärgerte. Dass sie nun auch noch ungefragt zu einem „du“ übergegangen war, unterstrich die unverschämte Art. Eveline war verwirrt. Vielleicht hatte ihr auch nur jemand gezeigt, wie zerbrechlich und unsicher sie sein konnte. Oder aber, diese Frau personifizierte all das, was sie nie haben durfte. Eine weibliche Bezugsperson, zu der sie aufsehen konnte. Ihre Mutter war ein Albtraum und es tat gut, nichts von ihr zu hören. Der Gedanke ließ sie für einen Moment erstarren. Sie fing langsam an, im Café aufzuräumen, was die mysteriöse Dame als Aufbruch deutete und ihr Handy zücken ließ. Sie griff das Streichholzbriefchen und drehte es, damit sie die Adresse des Cafés lesen konnte, als jemand den Anruf entgegennahm.

„Hallo Jean, bitte holen Sie mich an dem kleinen Café in der Rue d’Ormesson ab. Wir warten. Nein, ich bin nicht allein.“

Eveline ließ sich ihre Verunsicherung nicht anmerken und wischte weiter den Tresen.

„Er ist in zehn Minuten da.“

Eveline legte den Lappen zur Seite und blickte auf.

„Das ist nicht nötig, Madame. Wirklich, ich hab es nicht weit.“

„Keine Widerrede, ich möchte nicht, dass eine junge Frau in einem durchnässten Kleid bei diesem Wetter durch die Straßen läuft.“

Sie hatte recht, Eveline hatte noch nicht einmal einen Regenschirm dabei. Die beiden Frauen verließen schließlich das Café. Eveline schloss ab und im selben Moment hielt ein dunkler Bentley unweit des Cafés. Madame winkte, um auf sich aufmerksam zu machen. Hinter dem Steuer saß ein adrett gekleideter Mann, bei dem es sich wohl um Jean handeln musste. Er öffnete die Fahrertür und stieg mit einem großen Regenschirm aus. Er eilte zu den beiden Damen unter die Markise, und während er Eveline zunickte, sagte er mit dunkler brummiger Stimme:

„Guten Abend, Madame Bonnet, lassen Sie mich Ihnen bis zum Auto behilflich sein.“

Er hob den Schirm über die beiden Frauen und am Wagen angekommen öffnete er ihnen höflich die Tür. So einen Service hatte Eveline nicht erwartet, was die Dame noch rätselhafter erscheinen ließ. Bonnet hieß die Frau also, die sie so gekonnt aus der Bahn warf.

„Es gab ein schlimmes Unwetter. Monsieur hat mich unterrichtet, dass zu Hause gerade die Welt unterging. Wo darf ich Sie hinbringen, Madame?“

„Eine gute Frage, Jean! Eve? Wo darf es hingehen?“

Eveline nannte ihre Straße und Hausnummer, mit der Jean nicht viel anfangen konnte. Also tippte er sie in das Navigationssystem ein, und als das Gerät begann, eine Route zu berechnen, nickte er.

„Fünfzehn Minuten bei dem Verkehr, Madame“, sagte er und blickte zu Madame Bonnet.

Sie nickte und wandte sich zu Eveline.

„Erzähl mir etwas über dich. Was machst du, wenn du nicht im Café Geschirr herumwirfst?“, fragte sie mit einem Lächeln im Gesicht, das Eveline zu verstehen gab, dass es nicht ernst gemeint war.

Sie schloss die Sichtblende zum Fahrer, sodass die Frauen unter sich waren, und sah Eveline neugierig an. Eveline atmete tief durch, war sie doch nun allein mit der Frau, die sie auf eine unheimliche Art faszinierte.

„Ich habe gerade mein Studium in Portugiesisch und Englisch abgeschlossen und hoffe nun, einen Job als Dolmetscherin zu finden.“

Madame Bonnet sah sie erstaunt an und nickte anerkennend.

„Das hätte ich jetzt nicht erwartet. Du überraschst mich sehr positiv. Hast du denn schon eine Adresse oder einen Job in Aussicht? Ich kann mir vorstellen, dass es nicht besonders einfach ist, etwas zu finden. Wenn man nicht weiß, an wen man sich wenden soll oder bereits Kontakte hat. Aber, sehr interessant.“

Sie lächelte Eveline mütterlich zu und blickte kurz aus dem Fenster.

„Und bis du etwas findest, dienst du in dem Café? Übrigens, ein sehr nettes Café.“

Eveline zuckte etwas hilflos die Schultern und ihr Gesicht wurde ernst.

„Ich habe noch nichts, Madame. Eigentlich mag ich den Job, aber die letzten Monate haben mich etwas ausgelaugt.“

Madame Bonnet legte ihren Kopf leicht auf die Seite und blickte Eveline besorgt tief in die Augen.

„Es füllt dich nicht mehr aus, Kind.“

„Ja, Madame, es war schön neben dem Studium, aber ich will nicht mein Leben lang in einem Café bedienen.“

„Das ganze Leben besteht aus Dienen auf die eine oder andere Weise. Glaub mir, meine kleine Eve.“

Eveline seufzte leicht, glaubte aber zu verstehen, was Madame ihr sagen wollte. Als sie die weiche Handfläche von Madame Bonnet sanft über ihre Wange streichen fühlte, erzitterte ihr Leib erregt, als würden kleine Blitze ihren Körper durchfahren und eine wohlige Wärme hinterlassen.

„Du bist noch jung, Eve, dir stehen alle Türen offen, durchschreiten musst du sie allerdings selbst.“

„Wir sind da, Madame Bonnet“, klang Jeans Stimme von vorne.

„Danke, Jean, bitte warte draußen und bring Eve noch bis vor die Tür.“

„Natürlich, Madame.“

„Das war sehr nett von Ihnen, Madame Bonnet, vielen Dank“, sagte Eveline, als sie ihre Tasche griff.

„Gern geschehen, Eve.“

Eveline nickte und drehte sich zur Tür, um auszusteigen.

„Oh, eine Sache noch!“

„Ja, Madame Bonnet?“

Eveline drehte sich fragend noch einmal um und gerade, als sie der Dame wieder in die Augen blickte, bekam sie von Madame Bonnet eine klatschende Ohrfeige. Geschockt blickte Eveline auf.

„Es macht mir nichts aus, dass wir so weit gefahren sind, Eve“, sagte Madame Bonnet mit ruhiger Stimme, „was ich allerdings überhaupt nicht leiden kann, ist, wenn man mich anlügt. Wie lange, glaubst du, wärst du durch den Regen marschiert? Ich hab es nicht weit ... Tue das nicht, Kleines, ich mag so etwas nicht und jetzt steig aus.“

Mit großen Augen und brennender Wange verharrte Eveline kurz, dann drehte sie sich schnell um und stieg aus.

An diesem Abend fand Eveline keinen Schlaf. Madame Bonnet ging ihr einfach nicht aus dem Kopf. Es waren viele Dinge, die sie irritierten. Warum nannte sie sie „mein Kind“? Sie war eine erwachsene Frau, hatte gerade ihr Studium abgeschlossen. Warum beharrte Madame auf dem Wort „dienen“, wenn es doch korrekterweise bedienen war, was sie im Café tat. Sie hätte es gerne als Arroganz abgetan, doch damit, dachte sie, machte sie es sich zu einfach. Am meisten erschrak sie jedoch davor, dass sie sich von dieser Frau wie magisch angezogen fühlte. Direkt nach dem Beinahe-Zusammenstoß, und als sie im hintersten Eck Platz nahm, musste Eveline immer wieder zu ihr blicken. Bei anderen Gästen war ihr das nicht so ergangen. Madame Bonnet umgab eine seltsame Aura, die bereits vor den ersten Worten auf sie wirkte. Darüber war sich Eveline nun im Klaren. Sie hatte aus der Not heraus und aus Unsicherheit gelogen. Es wäre ein langer und wohl auch peinlicher Weg nach Hause geworden. Sie müsste also dankbar sein, dass Madame sie auf so großzügige Art bis vor die Tür hat fahren lassen. Die letzte Ohrfeige bekam sie von ihrer Mutter, als sie eine pubertierende Göre war. Warum konnte sie Madame noch nicht einmal übel nehmen, sie auf diese Weise gemaßregelt zu haben? Je länger sie über Madame nachdachte, umso klarer sah sie sich selbst. Ihre Schlagfertigkeit in Gesprächen - war das nicht alles nur ein Schutz, um sich nicht selbst reflektieren zu müssen? Madame hatte ihr die Maske runtergerissen und Eveline ihre eigene Unsicherheit vorgeführt. Sie hatte ihr gezeigt, was es hieß, selbstsicher zu sein. Anders konnte sie sich den Nachmittag nicht erklären. Evelines Verwunderung wandelte sich in Bewunderung. Die Art, wie die Frau mit ihr umgegangen war, erregte sie auf eine Weise, die sicherlich Neuland für sie darstellte. Sie hätte jedoch viel dafür gegeben, Madame Bonnet noch einmal wiederzutreffen, um ihr zu beweisen, dass auch sie Selbstsicherheit besitzen konnte.

Den Rest des Sommers verbrachte Eveline damit, eine Stelle als Dolmetscherin zu finden. Sie wurde sogar zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen, doch es war sehr unbefriedigend verlaufen und hatte ihr nicht das Gefühl gegeben, für diese Firma arbeiten zu wollen. Es würde ihr nichts anderes übrig bleiben, als ihre Bemühungen zu globalisieren. Doch die Vorstellung im Ausland zu arbeiten, bereitete ihr ein mulmiges Gefühl. Vielleicht hätte sie sich nicht auf Sprachen spezialisieren, sondern etwas ganz Normales wie Jura oder Lehramt studieren sollen. Eveline fing an, ihren gesamten Werdegang infrage zu stellen. Sie hatte alles viel zu idealisiert gesehen und geglaubt, dass sie sich nach dem Studium eine Stelle aussuchen könne. Sie hatte Madame schon fast vergessen, schließlich war die erste Begegnung nun schon seit fast zwei Monaten her, da klingelte ihr Telefon.

„Hallo Eveline, hier war gerade ein Herr mit einem schicken Anzug, der mit einem teuren Auto vorgefahren ist. Er hat nach dir gefragt und einen Umschlag für dich abgegeben. Wer war das denn bitte ...?“, fragte ihre Kollegin aus dem Café neugierig.

„Das war Jean“, antwortete Eveline nur knapp und legte auf. Dann musste sie sich erst einmal hinsetzen. Warum sollte er etwas für sie abgeben? Doch die Idee, dass Madame Kontakt zu ihr aufzunehmen schien, nahm ihr den Atem.

2. Kapitel

Am darauffolgenden Tag nahm Eveline die Metro und fuhr ins Café. Auch wenn sie an diesem Tag nicht zur Arbeit eingeteilt war, so trieb sie doch die Neugierde. Auf ihrer Arbeitsstelle angekommen, bestellte sie sich einen Kaffee. Als ihr ihre Kollegin dann den Kaffee zusammen mit dem Umschlag servierte, sprang ihr Herz vor Aufregung fast aus der Brust. Sie mahnte sich zur Ruhe, goss etwas Milch in den Kaffee und beäugte, während sie das Getränk umrührte, den Umschlag. Er war aus edlem festen Papier mit einem goldenen Rand. Die Art Umschläge, in denen man Feierliches erwartete. Nach dem ersten Schluck fasste sie Mut und nahm den Umschlag in die Hand. Sie öffnete ihn und fand darin einen Brief zusammen mit einer Visitenkarte und einer aufwendig gestalteten Einladung. Sie legte die Karten beiseite und las den Brief:

„Mein liebes Kind,

ich habe zusammen mit meinem Mann lange über Dich geredet und nachgedacht. Sicherlich sind da einige Punkte, die mich stören und daran muss gearbeitet werden. Aber, Du bist jung und noch in der Lage zu lernen.

Daher haben wir beschlossen, Dich zu der anstehenden Party auf unseren Landsitz einzuladen. Wir möchten Dir die Chance geben, uns, aber auch andere Menschen kennenzulernen, die für Deine Zukunft interessant sein könnten. Da es eine formelle Feierlichkeit ist und ich nicht möchte, dass Du Dich unpassend gekleidet und fehl am Platz fühlst, habe ich meinem Designer Bescheid gegeben, dass Du ein schickes Abendkleid brauchst. Ich habe ihm berichtet, Du hättest Schuhgröße 38. Ich denke doch, dass ich da richtig lag. Bitte gehe schnellstmöglich zu ihm, damit er Zeit hat, das Kleid anzufertigen. Die Adresse findest Du auf der beiliegenden Visitenkarte (es ist nicht weit vom Café entfernt, schließlich habe ich nach einem Besuch bei ihm ja das Café entdeckt, in dem ich dann Dich gefunden habe). Wenn Maxime mir Nachricht gibt, dass Du das Kleid hast, werde ich Jean anweisen, Dich am Tag der Party abzuholen.

Wir freuen uns auf Dich,

Madame & Monsieur Bonnet“

Ungläubig ließ Eveline den Brief sinken. Es kam ihr vor wie ein Traum, der zu platzen drohte, würde man sie wach rütteln. Als Eveline aufblickte und ihre Kollegin amüsiert vor ihr stand, flüsterte sie:

„Bitte kneif mich mal.“

Ihre Kollegin lachte, drehte sich um und ging wortlos. Sie hatte weiter Gäste zu bewirten.

Eveline blickte auf die Visitenkarte. Die Adresse war tatsächlich nur wenige Straßen vom Café entfernt. Sie war schon oft an dem alten, in ein Büroviertel verwandeltes Backsteinkarree, vorbeigegangen. Sie trank ihren Kaffee aus und ging zum Tresen.

„Ich bin dann mal weg. Bitte wünsch mir Glück“ , sagte sie zum Abschied.

„Bei dem Gesicht, das du gerade gemacht hast, kannst du Glück bestimmt gebrauchen“, lachte ihre junge Kollegin und winkte ab.

Eveline streckte ihr die Zunge raus, lachte und wünschte ihr einen guten Tag, bevor sie aus dem Café in Richtung des alten Fabrikviertels spazierte. Auf ihrem Weg kaufte sie sich noch ein Eis, welches sie, am Ziel angekommen, nun doch nervös vor dem großen Schild mit all den ansässigen Firmen leckte. Praktischerweise war hinter den Firmennamen ein Buchstabe mit einer Nummer, mithilfe derer man auf dem Komplexplan das entsprechende Gebäude und den richtigen Eingang fand. Also schlenderte sie zu C-2/3. Am Gebäude angekommen fand sie das Namensschild vom Modedesignstudio wieder, warf den Eisstiel in einen am Eingang stehenden Aschenbecher und klingelte mit zittrigen Fingern. Die Neugierde hatte sich endgültig mit Angst gemischt und die Ungewissheit, was sie erwarten würde, drohte sie zu ersticken.

Nach kurzer Zeit meldete sich eine überdrehte Männerstimme.

„Ja, wer ist denn da?“, trällerte es in der Gegensprechanlage und Eveline war überrascht, dass sie keine bürokratisch korrekte Sekretärinnen Stimme hörte, wie sie es von todschicken Mode Design Studios erwartet hätte.

„Ich bin Eveline, Madame Bonnet schickt mich.“

„Och, das ging ja schnell! Na, dann komm mal rein, meine Gute! Dritter Stock, Aufzug gibt’s hier leider nicht.“

Eveline feixte erleichtert, dass sie sich anscheinend komplett geirrt hatte und drückte an der Tür, als sie den Summer brummen hörte. Gerade oben angekommen öffnete sich die Tür des Ateliers und ein kleiner, rundlicher, schrill aussehender Mann stand im Türrahmen, um sie zu begrüßen. Eveline dachte, dass er jedes, aber wirklich jedes Klischee eines Modedesigners erfüllte: offenkundig homosexuell, extravagant gekleidet und mit einem rotblonden Chihuahua bewaffnet.

„Madame Bonnet hat mir ja schon bereits von dir erzählt - aber, oh mein Gott, sie hat ja maßlos untertrieben! Du bist ja ein Engel.“

Aufgekratzt nahm er sie an der Hand und führte sie, vom Geknurre des Hundes begleitet, in seine Welt. Eveline, etwas von den übertriebenen Komplimenten errötet, blickte sich neugierig um. Schließlich war es das erste Mal, dass sie sich im Atelier eines Modedesigners befand. Noch dazu bei einem, dessen Name sie schon in diversen Modezeitschriften gelesen hatte. Eine Schneiderbüste reihte sich an die andere, dazwischen Schaufensterpuppen mit Kleidern, die für Eveline wie aus einer anderen Welt anmuteten. Am Ende des Raumes war das Stofflager, was für ihn das Mekka und der Quell von allem Edlen zu sein schien. Breite Tische mitten im Raum, auf denen Stoffbahnen ausgerollt darauf warteten, von Schnittmustern belegt und zugeschnitten zu werden. Ehe sie sich vollkommen in Bewunderung verlor, hüstelte er neben ihr.

„Aber was du da trägst, Mädchen! So ein Körper und dann das.“

Eveline lachte und schüttelte den Kopf.

„Ich glaub, so etwas nennt man den spätsommerlichen Casual Look“, antwortete sie übertrieben, grinste ihn an und drehte sich spielerisch um die eigene Achse.

Maxime verdrehte die Augen, guckte seinem Hund ins Gesicht und meinte:

„Hast du das gehört? Spätsommerlich Casual! Cesar, lass uns auf den Schreck etwas trinken.“

Er deutete Eveline ihm zu folgen und öffnete in der kleinen, hellen Bistroküche des Ateliers eine Flasche Champagner. Er reichte Eveline ein Glas und stieß mit ihr an. Maxime war ihr auf Anhieb sympathisch. Allein das Funkeln seiner Augen und seine lustige Natur weckten den Drang in Eveline, ihn in den Arm zu nehmen und herzhaft zu drücken. Dass sie vor wenigen Minuten noch vor Nervosität zitterte, kam ihr nun lächerlich vor.

„Ich werde es dir verzeihen. Deine großen Tage kommen ja erst noch, und solange man bei H&M einkaufen muss ...“, er machte eine andächtig dramaturgische Pause. Wieder verdrehte er fast angewidert seine Augen.

„Zumindest hast du ein Händchen dafür, ein stimmiges Outfit zusammenzustellen! Schlimmer geht ja immer.“

Er lachte und sie zauberte ein verspieltes Lächeln in ihr Gesicht. Sie mochte ihn, auch wenn sie mit seinem Hund heute wohl keinen Frieden mehr schließen würde. Nachdem beide den Champagner getrunken hatten, beäugte er sie eingehend.

„Madame möchte etwas Schlichtes, Elegantes und ich finde, es wird fantastisch an dir aussehen. Ich denke an gerade Linien, fast streng anmutend, aber doch verspielt im Gesamtbild ...“

Eveline guckte ihn verloren an, nickte dann aber, nicht wirklich verstehend, was er da verbal zu visualisieren versuchte. Maxime setzte seinen Hund in sein Körbchen und führte Eveline zum Stofflager. Er zog verschiedene Stoffballen hervor, schob Eveline daneben, guckte prüfend, schüttelte den Kopf und schob sie zum nächsten Ballen. Nach einiger Zeit und unschätzbar vielen Stoffballen später schrie er plötzlich begeistert auf.

„Da haben wir den perfekten Stoff für dich“, er zog den Ballen ganz aus dem Lager und stellte ihn neben Eveline.

Etwas abgerollt, wickelte er die ersten Meter des blauen Stoffs um sie, trat einen Schritt zurück und klatschte schließlich zufrieden in die Hände.

„Oh, das wird sehr gut an dir aussehen. Komm, ich muss Maß nehmen.“

Er führte Eveline zu einem Nebenraum, in dem ein großer Spiegel an der Wand hing. In einer Ecke war eine kleine, mit Vorhang abgetrennte Kabine, auf die er zeigte.

„Einmal frei machen bitte, damit wir nicht den Stoff von diesem Etwas, das du anhast, mit messen.

Eveline errötete und atmete tief durch.

„Ich trage nur einen Slip darunter.“

„Ja, und? Was meinst du, wie viele Frauen hier schon ganz nackt gestanden haben? Und falls du es noch nicht bemerkt haben solltest, ihr Weiber turnt mich nicht an.“

Eveline nickte. Natürlich hatte sie bemerkt, dass er schwul war, trotzdem war es ungewohnt sich vor einem Mann auszuziehen. Sie ging in die Kabine und zog sich das Kleid über den Kopf, legte es ordentlich neben ihre Tasche auf die kleine Ablage. Da war sie nun. Im Studio eines Stardesigners, der sie nun vermessen würde. Für ihr maßgeschneidertes Abendkleid. Welche junge Frau würde das erleben dürfen? Von ihren Freundinnen fiel ihr keine ein. Wohl aber Einige, die sie für so eine Gelegenheit umbringen würden. Kurz blickte sie an sich hinab, dann trat sie aus der Umkleide. Maxime wartete bereits mit dem Maßband. Gewissenhaft nahm er alle möglichen Längen und notierte alles akribisch in ein Notizbuch. Er ging noch mal alle aufgeschriebenen Maße durch, vergewisserte sich, ob er alles notiert hatte und blickte sie wie ein Arzt prüfend an.

„Na, das hat doch gar nicht wehgetan, oder? Sorry, aber die Lollis sind leider alle, Kleines.“

Eveline lachte und taute etwas auf.

„Ich werde dir zeigen, wie das Kleid in etwa aussehen wird. Komm mal mit“, sagte er mit bestimmender Stimme, als wäre ihm gerade ein Geistesblitz gekommen.

Nur mit Slip bekleidet, folgte sie ihm wieder in den großen Raum zu den Modepuppen. Er zeigte auf eine und drehte die Puppe dann langsam um die eigene Achse. Deren Kleid war bezaubernd und Eveline verstand jetzt, was er vorher versucht hatte, ihr zu erklären. Es war ein schlichtes, halblanges Kleid, hatte einen tiefen Ausschnitt, wirkte trotzdem bescheiden, besaß aber eine gigantische Präsenz. Die alleinige Vorstellung, sich selbst in so einem Kleid zu sehen, trieb ihr die Tränen in die Augen. Solch ein Kleid zu besitzen schien märchenhaft. Was waren das nur für Leute diese Bonnets? So ein Kleid extra für eine Party? Beängstigend, in welchen Sphären manche Leute lebten, dachte sie sich und sie fühlte, wie sich Druck in ihr aufbaute. Man würde sicherlich hohe Erwartungen an sie stellen. Er bemerkte es und nahm sie sanft in seine Arme.

„Alles etwas neu für dich, was? Gewöhne dich nicht zu schnell daran. Es bereitet mir große Freude, Menschen vor Glück weinen zu sehen, wenn sie von mir ein Kleid bekommen haben.“

Eveline schüttelte den Kopf.

„Ich weiß noch nicht einmal, wie ich das hier überhaupt gut machen soll, geschweige denn, wie viel das Kleid dann kostet.“

Maxime legte seinen Arm um ihre Hüfte, als sie zurück zur Anprobe gingen.

„Weißt du ...“, fing er mit ruhiger Stimme an zu reden,

„Madame Bonnet achtet nicht auf Geld, die Bonnets machen sich über ganz andere Dinge Gedanken. Aber wenn ich dir einen Rat geben darf, verhagel es dir nicht mit denen. Deren Kontakte sind Gold wert und werden dich in Kreise bringen, die du nur aus dem Fernsehen kennst: Politiker, Schauspieler, Künstler und so weiter. Du wirst auf der Party einen Eindruck davon bekommen, da bin ich mir sicher.“

Eveline schwieg und versuchte sich die auflodernde Panik nicht anmerken zu lassen. Warum sie? Diese Frage hämmerte immer lauter in ihrem Kopf. Irgendetwas an ihr schien Madame Bonnet gefallen zu haben. Gut genug um sie mit feinem Kleid auszustatten und auf eine Party einzuladen, die eigentlich Normalsterblichen verwehrt war. Vielleicht gab es gar keine Erklärung, außer das sie und ihre unbeholfene Art Madame gefallen hatte. Vielleicht machte sie sich viel zu viele Gedanken um das wieso und warum. Sie sollte dankbar und glücklich sein, solch eine einmalige Chance zu bekommen.

„Du bist eine junge, sehr attraktive Dame und, wie ich hörte, auch eine intelligente. Mit ein bisschen Sex-Appeal kann dir die Welt zu Füßen liegen. Ergreif die Gelegenheit beim Schopf, junge Frau.“

Wenn das mal so einfach wäre, dachte sie sich, als sie ihr altes Kleid anzog und mit ihrer Tasche schließlich wieder vor ihm stand.

„Du hast ja meine Visitenkarte. Praktischer wäre natürlich, du gibst mir deine, dann rufe ich dich an, sobald das Kleid fertig ist.“

„Ich habe keine Karten, kann aber die Nummer aufschreiben.“

Er nickte und reichte ihr das Notizblatt mit den Maßen. An der Tür nahm er sie zum Abschied fest in den Arm.

„Hab einen wunderschönen Tag, mein Engel.“

„Danke, er ist jetzt schon besser, als ich es mir je hätte erträumen können“, lächelte Eveline und ging selig die Treppe hinunter.

War das gerade wirklich passiert? Per Du mit einem der besten Modedesigner auf diesem Planeten? Dabei schien er so nahbar und bodenständig zu sein. Denn normalerweise, so dachte Eveline, war Arroganz auch Teil des Klischees, welches Modedesigner umgab.

3. Kapitel

Vier Tage nachdem sie im Modeatelier war, klingelte das Telefon und Maxime verkündete ihr, dass ihr Kleid nun fertig sei.

„Komm morgen Nachmittag vorbei! Dann können wir gucken, wie es passt und gegebenenfalls letzte Änderungen vornehmen.“

„Ja, aber natürlich. Ich bin schon aufgeregt, es zu sehen. Es ist bestimmt ein Traum von einem Kleid.“

„Gut, dann bis morgen“, antwortete er und Eveline konnte sein Lächeln förmlich spüren.

Als Eveline das Telefon beiseitelegte, hielt sie sich aufgeregt an ihrem Schreibtisch fest. Nun wurde es ernst. Bald würde sie wieder bei Jean im Auto sitzen und auf eine Party fahren, die so anders sein würde, als alles, was sie zuvor in ihrem Leben erlebt hatte. Sie ging in die Küche und schenkte sich ein Glas kalte Milch ein. An die Küchenzeile gelehnt, blickte sie durchs Fenster hinunter auf die Straße, hinter der ein kleiner Park lag. Es gab nicht viel Grün in der Stadt. Eine Fahrt auf das Land würde ihr eine willkommene Abwechslung bieten. Maximes Worte kamen ihr wieder in den Sinn. Was für Leute sie da wohl treffen würde, fragte sie sich. Aufregung erfüllte sie, begleitet von einem Gefühl der Angst. Auf einmal fühlte sie sich ganz klein. Was würde sie solchen Persönlichkeiten schon zu bieten haben? Sie, die frische Absolventin von der Universität, ohne Lebenserfahrung. Als die Panik sie vollkommen zu übermannen drohte, klingelte das Telefon erneut.

„Hallo, mein Kind“, erklang es am anderen Ende der Leitung.

„Maxime hat mir deine Telefonnummer gegeben und berichtet, dass du das Kleid morgen bekommst und bereit bist für das Wochenende auf dem Land. Ich bin gespannt, dich zu sehen.“

Eveline hielt den Atem an - Wochenende? Sie war davon ausgegangen, dass die Veranstaltung nur an einem Abend sei.

„Ja, er hat mich gerade angerufen und mich gebeten, morgen vorbeizukommen, um es abzuholen, Madame Bonnet“, sagte Eveline spürbar nervös.

Madame lächelte - fast hörbar - am Telefon und erwiderte mit ruhiger Stimme:

„Du musst nicht aufgeregt sein, aber bring dir bitte bequeme Kleidung und deinen Kulturbeutel mit. Jean wird erst am nächsten Abend Zeit haben, dich nach Hause zu fahren. So haben wir Gelegenheit, dich etwas besser kennenzulernen.“

„Natürlich, danke Madame, das ist alles sehr freundlich von Ihnen“, war alles, was Eveline hervorzubringen imstande war.

„Da ist jemand aufgeregt, ist es nicht so, mein Kind?“, bohrte Madame Bonnet nach.

„Ja, Madame! Das bin ich“, stotterte Eveline verlegen, als sie die Unsicherheit komplett überkam.

„Gut, das freut mich.“

Die Verbindung wurde beendet. Nun war es ganz um Eveline geschehen, Tränen verwässerten ihre Sicht. Sie fühlte sich schrecklich. Nein, sie würde es nie schaffen Madame das Wasser zu reichen, was die Selbstsicherheit anging. Wie töricht musste sie im Café gewesen sein, das nur im Ansatz anzunehmen? Madame war ihr weit überlegen und hatte Spaß daran sie das spüren zu lassen. In jeder anderen Situation hätte sie den Kontakt sofort abgebrochen. Doch mit dieser Frau verhielt es sich anders. Hier suchte sie förmlich die Erniedrigung. Sie wurde von ihr gekränkt und könnte sie sich nicht beherrschen, sie hätte sich dafür noch bedankt. Sie stellte die Tasse in die Spüle, ging ins Schlafzimmer, ließ sich aufs Bett fallen und fing an bitterlich zu weinen. Sie dachte, sie würde stark sein und nichts könnte sie aus der Bahn werfen. Madame Bonnet hatte ihr jedoch wieder einmal gezeigt, wie weit sie von diesem Charakterzug entfernt war.

Am nächsten Tag ging Eveline, nachdem sie ihre Schicht im Café beendet hatte, erneut zum Modedesignstudio. Maxime begrüßte sie freudig, warf einen kurzen Blick auf ihr Outfit, ersparte sich aber jeglichen Kommentar. Selbst Cesar schien ihr heute freundlicher gesonnen zu sein. Er schnupperte an ihr und wedelte freudig mit dem Schwanz. Nach einem Gläschen Champagner führte Maxime sie wieder in den Anproberaum. Auf einer Büste hing es, ihr Kleid. Eveline hielt sich an Maxime fest, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Es war umwerfend schön.

„Ich kann nicht glauben, dass ich das tragen soll. Es ist ...“, Eveline versagte ergriffen die Stimme.

Maxime lächelte und nahm es stolz von der Büste.

„Husch, husch ... ausziehen“, ordnete er an, was sie dann auch ohne Widerstand tat.

Allein der Kontakt mit dem Stoff auf ihrer Haut bereitete Eveline ein verzücktes Schaudern. Das Kleid floss weich um ihre Kurven, umspielte ihre Haut und was Eveline am meisten verwunderte, es war federleicht. Maxime schloss den Reißverschluss am Rücken. Eveline fühlte, wie es sie in Haltung zwang. Nicht dass es zu eng war, doch dirigierte es ihren Körper in eine anmutige Pose, als würde es wissen, was für Eveline am besten war. Maxime half ihr in ein Paar High Heels aus feinem schwarzen Leder. Dann legte er ihr schließlich ein aus vielen fein gegliederten einzelnen Kettchen verwobenes silbernes Collier um den Hals. An dessen tiefstem Punkt war ein Anhänger befestigt. Ebenfalls aus silbernem Metall war er geformt wie der Längsschnitt eines Schneckengehäuses und besetzt mit kleinen verstreuten Edelsteinen, bei denen Eveline nur erahnte, dass es sich um kleine Diamanten handeln könnte. Am Auffälligsten war aber ein Symbol, welches in den Anhänger gearbeitet war und sich nur aufgrund des matten Glanzes abzeichnete. Es war ein Ring mit einem Kreuz darin. Sofort musste Eveline an den Pluspol einer Batterie denken. Ihr gefiel das Zeichen, hatte es doch eine positive Aussage. Maxime nahm Eveline an der Hand und führte sie vor den großen Spiegel. Als Eveline sich erblickte, hielt sie sich eine Hand vor den Mund, um nicht aufzuschreien. Noch nie zuvor hatte sie sich so gesehen. Noch nie hatte sie so viel Anmut und Eleganz ausgestrahlt. Einzig ihre verblüffter und ungläubige Blick trübten dieses Bild. Sie schüttelte ungläubig den Kopf, als ihr die ersten Tränen über die Wangen liefen. Maxime trat einige Schritte zur Seite, sodass Eveline sich allein im Spiegel sah.

„Das bin ich nicht! Das kann ich nicht sein“, schluchzte Eveline fassungslos.

Maxime blieb still, was ungewöhnlich war, da er sonst sehr redselig alles und zu jedem Zeitpunkt kommentieren musste. Als Eveline zu ihm sah, bemerkte sie, dass auch er ergriffen war und sich gerade eine Träne mit einem Taschentuch aus dem Auge wischte. Er war glücklich, sie so zu sehen und niemand konnte ihm diesen Augenblick nehmen. Eveline blickte wieder in den Spiegel, musterte sich erneut, drehte sich ein wenig, um auch ihre Rückseite zu sehen. Dieses Kleid war ein Traum. Es brauchte keine Änderungen. Was er da geschaffen hatte, war ein Meisterwerk.

„Ich werde dir beim Ausziehen helfen“, sagte er schließlich mit belegter Stimme und führte sie zurück in die Umkleide. Er nahm das Collier ab, legte es zurück in eine edle Schatulle, dann half er ihr aus dem Kleid. Als auch das in einer Kleidertasche verstaut war, zog sie sich die Schuhe aus und schlüpfte wieder in ihre eigenen Klamotten. Sie fühlten sich rau an im Gegensatz zu dem weich fließenden Geschmeide, das sie gerade anprobiert hatte. Maxime verstaute Schmuck und Schuhkarton in einer Tasche und reichte Eveline beides zusammen mit dem Kleiderbeutel.

„Wenn du mich nun entschuldigst, ich habe noch zu arbeiten.“

Maxime blickte sie liebevoll an, während er sie zur Tür begleitete. An der Tür fiel sie ihm um den Hals und drückte ihn dankbar.

„Du bist ein großartiger Mann. Mir fehlen die Worte, um zu beschreiben, was für eine Freude du mir gemacht hast.“

Eveline sah ihm tief in die Augen und gab ihm einen Kuss auf die Wange.

„Du hast mir das bereits gezeigt, manchmal benötigt es keine Worte, mein Engel“, sagte er sanft und schob sie aus der Tür.

Mit ihren Kostbarkeiten zu Hause angekommen, öffnete sie die Kleidertasche erneut. Es war immer noch da. Ihr Kleid. Sie würde alles dafür geben, ihm gerecht zu werden.

Die Tage vergingen und das Wochenende der Party rückte näher. Sie verbrachte viel Zeit arbeitend im Café, auch wenn sie gedanklich bereits ganz woanders war. Oft dachte sie über Madame nach, auch darüber, wie sehr sie die herrische Art von Madame Bonnet beeindruckte und auf sonderbare Weise anzog. Könnte es sein, dass sie unbewusst genau solch eine Person schon immer gesucht hatte? Eine Person, die sie führte und wie einen rohen Diamanten schliff? Immer wieder hatte Eveline das Collier betrachtet. Es war nicht neu. Im Gegensatz zu Kleid und Schuhen hatte es feine Gebrauchsspuren. Eveline fragte sich, was für eine Geschichte dieses Schmuckstück wohl zu erzählen imstande wäre.

Am Morgen der Party klingelte das Telefon.

„Guten Morgen, Mademoiselle Eveline. Hier ist Jean, ich werde so gegen drei Uhr bei Ihnen sein.“

„Oh, hallo Jean. Vielen Dank für die Information, ich werde pünktlich bereitstehen.“

Eveline bedankte sich freundlich und legte auf. Nun war es also so weit. Ihre Sachen hatte sie schon am Vortag gepackt. Sie wollte verhindern, dass sie in der Aufregung irgendetwas vergaß. Die verbleibende Zeit verbrachte sie mit einem ausgiebigen Frühstück und einem langen Bad. In der Wanne rasierte sie ihre Beine, die Achseln und im Intimbereich. Sie wollte sich gepflegt fühlen, wenn sie in dem Kleid auf der Party erschien. Stoppelige Beine und Haarbüschel unter den Achseln würden dieses Gefühl stören. Die Augenbrauen hatte sie sich schon am Tag zuvor gezupft. Nach dem Bad wanderte sie nackt durch ihre Wohnung und ging im Geiste noch einmal ihren Kofferinhalt wie auf einer Checkliste durch. Kleid, Schmuck, Schuhe lagen griffbereit am Eingang. Ihre Toilettentasche war so weit vollständig, auch wenn sie ihre Zahnbürste noch einmal kurz vor der Abreise benutzen würde. Eine Tasche mit frischer Kleidung stand auch bereit. Eigentlich hatte sie an alles gedacht, selbst für den Fall der Fälle hatte sie ein paar Tampons eingesteckt. Zufrieden ging sie ins Schlafzimmer, cremte sich ein und schlüpfte in ein Kleid, welches sie auf der Reise anziehen wollte. Bis zur Abreise versuchte Eveline in einem Roman zu lesen, den sie sich gerade neu gekauft hatte. Um kurz nach drei klingelte es dann endlich. Eveline packte ihre Sachen und verließ aufgeregt ihre Wohnung. Unten auf der Straße angekommen wartete bereits Jean am offenen Kofferraum und nahm ihr die Gepäckstücke ab. Danach hielt er ihr die hintere Tür auf und sie stieg dankend ein. Das Schauspiel hatte Beachtung gefunden. Passanten und ein Nachbar, der gerade aus dem Haus gekommen war, verfolgten Evelines Einsteigen in die Limousine mit Neugierde. Sie biss sich unbehaglich auf die Lippe. Sie war weder so viel Aufmerksamkeit gewohnt, noch dass man sie neugierig beobachtete. Jean fuhr los und informierte Eveline, wie lange sie fahren würden und wohin die Reise genau ging. Ansonsten sagte er nicht viel. Die Fahrt würde fast zwei Stunden dauern und Eveline hatte viel Zeit, erneut von Zweifeln übermannt zu werden. Ab und an blickte sie aus dem Fenster, um sich abzulenken. Jeder Gedanke war besser, als zum tausendsten Mal darüber nachzudenken, was wer von ihr erwarten könnte. Zu oft hatten diese, ins Nichts laufenden Überlegungen, ihren Geist zerfressen. Es ging Richtung Küste, erst über die Autobahn, dann über immer schmaler werdende Landstraßen. Schließlich bog das Auto in eine kleine Straße entlang des Seine-Ufers ein. Auf der einen Seite der große Fluss, auf der anderen Seite dichter Wald. Eveline wurde aufgeregt, konnte es nun doch nicht mehr weit sein. Und tatsächlich hielt das Auto wenig später vor einem großen Tor. Jean drückte einen Knopf an einer Fernbedienung und das eiserne Tor öffnete sich wie von Geisterhand. Langsam fuhr das Auto durch einen als Park angelegten Wald, bis er die Sicht auf ein stattliches Herrenhaus inmitten einer wild blühenden Wiese preisgab. Die Wiese war eingerahmt von aufwendig in Form getrimmten Hecken. Eveline legte sich ihre Hand aufs Herz. Wie konnte man nur so idyllisch leben? Ein Leben, das ihr so fremd und fern dessen, was sie kannte, schien. Das Haus selbst war im Stil der Gründerjahre erbaut und erhob sich zwei Etagen über ein Naturstein-Fundament. Es hatte zwei Flügel. Einer reichte nicht über das Erdgeschoss hinaus, musste aber eine große Dachterrasse beherbergen. Jedenfalls befand sich dort ein ausladender Sonnenschirm. Das Eingangsportal, zu dem einige breite Stufen hinaufführten, war mit steinernen, runden Säulen gesäumt. Es wirkte majestätisch und flößte Eveline Respekt ein. Jean stieg aus und öffnete ihr die Tür. Als sie das Auto verließ, öffnete sich auch die Tür des Anwesens und Madame Bonnet kam, in Begleitung eines hageren Herren, die Treppe hinunter.

„Ich hoffe, dass die Reise angenehm war, mein Kind. Eveline, das ist mein Gatte. Bitte sei so freundlich und begrüße ihn, wie es sich für eine Dame gehört“, empfing Madame Bonnet Eveline freundlich.

Eveline nickte Madame lächelnd zu, sah dann den großen, hageren Mann an, der deutlich älter als Madame Bonnet war, und machte einen unbeholfenen Knicks. In Filmen hatte sie oft gesehen, das Damen in gehobenen Gesellschaften einen Knicks machen. Ob so etwas nach wie vor erwartet wurde, wusste sie jedoch nicht. Aber lieber höflicher als nötig als unhöflich, dachte sie sich. Er hatte kurze, grau melierte Haare, war adrett mit Anzug gekleidet und rauchte eine Pfeife, die einen würzigen Duft verströmte. Sein Gesicht besaß Charakter, hatte Lachfalten und wirkte freundlich. Seine Haltung war nicht steif, wirkte eher lässig und sportlich.

„Es freut mich sehr, Sie kennenzulernen, Monsieur Bonnet“, sagte Eveline leise und reichte ihm die Hand.

Erfreut über den Knicks nickte Madame mit einem Lächeln und wandte sich auch ihrem Mann zu.

„Die Freude ist auf meiner Seite, junge Frau. Bitte fühle dich willkommen in unserem Haus. Jean wird deine Sachen auf dein Zimmer bringen.“

Er blickte zu Jean und sagte nur knapp:

„Das gelbe Gästezimmer für Eveline, Jean.“

Jean nickte und ging zum Kofferraum. Madame Bonnet legte ihren Arm um Evelines Schulter und sagte leise:

„Komm, ich führe dich herum und zeig dir das Haus. Mein Mann wird später zu uns stoßen, er hat noch einige Dinge zu erledigen.“

Eveline lächelte erst Monsieur Bonnet an, der auch ihr zulächelte, dann blickte sie zu Madame Bonnet und bedankte sich herzlich für das freundliche Willkommen. Beide Frauen gingen langsam ins Haus, während die beiden Männer hinter ihnen zu reden begannen. Hinter der Tür öffnete sich der Raum in einen beeindruckenden Eingangsbereich, der im Zentrum eine weit geschwungene Treppe beherbergte. Säulen aus Stein bildeten den Anfang der schweren Handläufe. Der Boden war aus poliertem Granit. Jeder Schritt hallte wider in der Eingangshalle. Eveline guckte gebannt hinauf zu dem großen Kronleuchter, der funkelnd den Raum erhellte. Links und rechts gingen kurze Gänge ab, die wiederum Türen zu anderen Räumen Platz boten. Seitlich der großen Treppe konnte man in den hinteren Teil des Hauses gehen, was Eveline erst auffiel, als eine leicht dralle Dame erschien und im hinteren Bereich des linken Flügels, über dem sich die Terrasse befand, verschwand. Genau da, wo die Dame hergekommen war, führte Madame Bonnet sie nun. Wieder öffnete sich ein Raum, hinter dem sich ein Wintergarten befand. Die Ausmaße dieses Raumes hätten großzügig Platz für Evelines gesamte Wohnung geboten. Beeindruckt von der schieren Größe ließ Eveline ihre Blicke schweifen. Das Wohnzimmer, hinter dem der Wintergarten lag, war mit teuren Möbeln gefüllt. Kunstvolle Gemälde hingen an den Wänden, über deren Wert Eveline nicht nachzudenken wagte. Neben einem Ohrensessel aus dunklem Leder stand ein kleines Tischchen, das zum Teil mit Büchern beladen war. Die rechte Wand war geprägt von einem großen Kamin, auf dessen Sims kleine Statuen standen. Wo immer Eveline auch hinschaute, das Haus war gefüllt mit Kunst und Antiquitäten. Madame führte sie in den Wintergarten, der von Bediensteten bereits für die Party vorbereitet wurde. Buffet Tische und Getränkekühler wurden aufgebaut. Daneben eine kleine Cocktail Bar, an der während der Party wahrscheinlich ein Barmann jeglichen Cocktailwunsch erfüllen würde.

„Wie viele Gäste erwarten Sie denn, Madame“, erkundigte sich Eveline erstaunt über den Aufwand, der betrieben wurde.

„Es werden so um die fünfzig Freunde erwartet, mein Kind. Komm, lass uns Platz nehmen, du musst nach der Reise Hunger haben. Ich bin mir sicher, Marion wird dir eine Kleinigkeit bringen können.“

Sie schob Eveline zu einer gemütlichen Sofaecke am Rande des Wintergartens. Ausladende tropische Pflanzen, die in einem organisch geformten Pflanzbecken wuchsen, rahmten dieses gemütliche Plätzchen ein. Sie nahmen Platz, dann drückte Madame Bonnet auf dem Haustelefon eine Taste. Noch ehe Eveline nachdenken konnte, ob sie etwas essen wollte, stand Marion, die sie vorher schon an ihnen vorbeieilen sah, vor ihr.

„Marion, sei bitte so freundlich und bring unserem Gast eine Kleinigkeit und einen Saft. Sie wird nach der Fahrt eine kleine Stärkung gebrauchen können.“

Marion lächelte Eveline an und zählte auf, was sie auf die Schnelle anbieten könnte. Alles klang äußerst köstlich, so entschied sich Eveline für kleine Häppchen mit Lachs und Meerrettich. Dazu eine Apfelsaftschorle. Marion nickte, drehte sich um und eilte beschwingt zurück in die Küche. Das war es also, wo sie hineilte, dachte sich Eveline. Madame Bonnet wandte sich Eveline zu und sah ihr tief in die Augen.

„Ich möchte, dass du dir über einige Dinge im Klaren bist, Eveline. Ich werde es nicht dulden, wenn sich Gäste bedrängt fühlen. Wenn später ein berühmter Mensch vor dir stehen sollte, erwarte ich, dass du diese Person genau wie jede andere Person, die du nicht kennst, behandelst. Ich möchte vermeiden, dass Gäste hier von jungen Frauen mit Groupie-Anwandlungen belästigt werden. Ich hoffe, ich habe mich da klar ausgedrückt, mein Kind.“

Eveline schluckte. Sie wollte protestieren, denn sie wusste sich zu benehmen, doch zog sie es vor nicht dagegen zu halten.

„Das ist verstanden, Madame Bonnet“, antwortete sie knapp, als sie schon im Augenwinkel Marion mit einem Tablett heraneilen sah.

Madame schmunzelte und machte auf dem kleinen flachen Tisch vor dem Sofa Platz. Nachdem Marion wieder gegangen war, lehnte sie sich weit zurück, streckte sich und sagte mit verträumter Stimme:

„Das hier ist mein Lieblingsplatz im Haus. Der Duft der Blüten, die Sonne, wenn sie durch die Blätter hindurchscheint. Es gibt mir Ruhe und entspannt mich vom Stress des Alltags.“

Auch wenn Eveline nicht verstand, was bei so einem Leben stressig sein könnte, so verstand sie doch, warum Madame diesen Platz so mochte.

„Es ist wirklich traumhaft hier, alles was ich bis jetzt gesehen habe! Für einen Stadtmenschen wie mich kommt das hier alles unglaublich idyllisch vor, Madame.“

Sie trank einen Schluck von der kühlen Apfelschorle und nahm einen Bissen von dem schmackhaft aussehenden Amuse-Bouche. Madame beobachtete sie, das spürte Eveline genau. Als sie aufgegessen und getrunken hatte, guckte Eveline Madame Bonnet dankbar an.

„Das hat gut getan, vielen Dank, Madame! Ich würde mich gerne irgendwo frisch machen.“

Madame Bonnet lachte und erhob sich.

„Komm, ich werde dir dein Zimmer zeigen, Eve, dann kannst du auch in Ruhe auspacken, ehe die Party beginnt.“

Madame deutete Eveline, ihr zu folgen. Sie gingen die große Treppe hinauf und betraten ein Zimmer auf der rechten Seite. Es wirkte eher wie eine Hotelsuite, da es über ein Bad, einen kleinen Wohnbereich und Schlafzimmer verfügte. Einzig eine eigene Küche fehlte. Eveline sah sich um und kam erneut ins Schwärmen. Die Wände waren in einem leichten, warmen Gelbton gehalten, die Möbel aus hellem bis weißem Holz. Im Schlafzimmer stand schon ihr Gepäck und das Bett wirkte mehr als einladend. Die Bettwäsche duftete frisch gewaschen. Von ihrem Schlafzimmerfenster aus hatte sie einen wundervollen Blick auf das Grundstück hinter dem Haus bis hinunter zum Fluss, der sich träge und ruhig Richtung Meer bewegte. Madame verabschiedete sich. Sie wollte Eveline Zeit geben, sich einzugewöhnen. Erneut kam sie sich vor, als wäre sie in einem unwirklichen Traum gefangen. Warum konnte sie es nicht einfach genießen? Doch die Frage nach dem „Warum ich?“ hatte sich hartnäckig in ihrem Kopf eingenistet. Nachdem sie auf der Toilette war, packte sie das Wenige, dass sie dabei hatte, aus und verstaute es im Bad und Kleiderschrank. Wieder sah sie sich in ihrer edlen Unterkunft um. Wenn dies hier ein Gästezimmer war, Eveline wollte nicht weiter darüber nachdenken, wie wohl der Privatbereich der Bonnets aussah. Sie blickte gerade hinunter zum Fluss, als es an der Tür klopfte. Eveline ging zurück in ihr kleines Wohnzimmer und öffnete die Tür. Vor ihr stand Monsieur Bonnet und erkundigte sich lächelnd, ob alles zu ihrer Zufriedenheit sei.

„Oh, es ist ein Traum, Monsieur Bonnet! Meine kleine Wohnung kann nicht mal mit diesem Zimmer mithalten, schon gar nicht mit dieser wundervollen Aussicht.“

Monsieur Bonnet nickte zustimmend und sagte mit warmer dunkler Stimme:

„Es war genau diese Aussicht aus deinem Fenster und natürlich die Aussicht aus der Etage darüber, die mich dazu bewogen hat, dieses Haus mit den Ländereien zu kaufen. Ich kann dich daher sehr gut verstehen. Ich freue mich, dass du unserer Einladung gefolgt bist, auch wenn du dich sicherlich gefragt hast, warum wir dich eingeladen haben.“

„Darüber habe ich in der Tat nachgedacht, Monsieur. Doch eigentlich bin ich nur dankbar, dass ich eingeladen wurde, und Ihre Frau mir diese Gelegenheit geboten hat. Ihre Gattin ist eine bewundernswerte Frau, Monsieur. Die kurze Zeit, in der ich mit ihr gesprochen habe, hat einen tiefen Eindruck bei mir hinterlassen.“

Monsieur Bonnet nickte zustimmend.

„Und wieder kann ich dich sehr gut verstehen, Eveline! Ich wollte noch einmal kurz runter zum Boot gehen und habe mich gefragt, ob du mich vielleicht begleiten würdest. Da ich nicht die Gelegenheit hatte, dich kennenzulernen, wie meine Frau vorher schon, würde ich gerne ein bisschen mehr über dich erfahren, bevor ich mich mit Unwissenheit über deine Person vor unseren Gästen blamiere. “

„Ein Boot? Aber sehr gern, Monsieur Bonnet“, antwortete Eveline und nahm dankbar den Arm an, den er ihr anbot, und hakte sich ein.

„Eveline und ich sind kurz unten am Boot, Marie. Ich möchte doch gern etwas über sie erfahren, eh die anderen Gäste kommen.“

Ohne sie zu sehen, hörte sie Madame Bonnet aus dem Wohnzimmer.

„Du musst ihr aber nicht dein Seemannsgarn erzählen! Ich denke, sie ist auch so schon beeindruckt genug! Es wird ihr unten an der Seine bestimmt gefallen. Habt Spaß!“

Eveline guckte Monsieur Bonnet an, während er nickte und mit ihr Richtung Tür marschierte. Eveline fühlte sich wohl. Wie weggeflogen waren die Sorgen, ob sie den Bonnets wohl gefallen würde oder ob sie sich hier fehl am Platz fühlen würde. Bei ihm eingehakt fühlte sie sich beschützt und sehr wohl willkommen. Warum hatte sie solche Zweifel gehabt? Wäre sie nicht willkommen, hätte man sie wohl kaum eingeladen. Beide schlenderten den leicht abschüssigen Weg hinunter, der sich spielerisch schlängelnd zwischen den Bäumen am Rande einer langen Blumenwiese hinab zum Fluss zog. Nachdem sie ein Stückchen gegangen waren, war es Monsieur Bonnet, der das Gespräch wiederbelebte.

„Du hast also zwei Sprachen studiert und möchtest als Dolmetscherin arbeiten? Darf ich fragen, ob nur schriftlich oder auch Simultanübersetzung. Außerdem würde ich gerne wissen, wie alt du bist, Eveline. Bei jungen Frauen bin ich immer sehr unsicher im Raten des Alters und habe Bedenken, gründlich daneben zu liegen.“

Eveline sah ihn an und antwortete mit heiterer Stimme:

„Ich fange mit dem Alter an, denn das geht schnell, Monsieur. Ich bin achtundzwanzig Jahre alt. Ja, ich weiß, etwas älter als man es von einer Absolventin erwarten könnte, aber ich hab mir bewusst Zeit gelassen. Ich mache sowohl simultane als auch schriftliche Übersetzungen, Monsieur. Bei Simultanübersetzungen spreche ich vorab aber gerne mit dem Kunden, um den Dialekt zu verinnerlichen.“