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Der Coesfeld Skandal ist ein satirischer Verwaltungskrimi, der die Geschichte von Adrian Beermann erzählt, einem Mitarbeiter der Bauverwaltung der Stadt Coesfeld. Nach dem Freitod eines Kollegen übernimmt er die Leitung des Projekts 'COE-Jugendhaus', das in einer entweihten Kirche entstehen soll. Schnell gerät er in ein Netz aus politischen Intrigen, Korruption und Machtmissbrauch. Bürgermeister Ludger Rühmann treibt das Projekt mit undurchsichtigen Methoden voran, während der Bauunternehmer Herr Braun und dessen Bauleiter Dunkel-Braun im Zentrum von Skandalen und kriminellen Machenschaften stehen. Die Geschichte nimmt Fahrt auf, als eine Reliquie gefunden wird, ein Pater unter mysteriösen Umständen stirbt und immer mehr Ungereimtheiten ans Licht kommen. Adrian Beermann kämpft mit Hilfe von Verbündeten wie Laurenz Michel gegen das Schweigen und die Vertuschung in der Verwaltung. Am Ende gelingt es ihm, mit Mut und Zivilcourage die Wahrheit über Korruption, Machtmissbrauch und historische Schuld ans Licht zu bringen. Der Roman verbindet Humor, Gesellschaftskritik und Spannung zu einem unterhaltsamen und nachdenklichen Leseerlebnis.
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Seitenzahl: 248
Veröffentlichungsjahr: 2026
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Für meine Eltern
Protagonisten
Prolog
Bauverwaltung
Die Stabsstelle
Ausführung
Krumme Geschäfte
Wahrheitsfindung
Epilog
Danke
Bereits veröffentlicht
Adrian Beermann
Hauptfigur, arbeitet in der Bauverwaltung der Stadt Coesfeld und wird mit der Leitung des Projekts „COE-Jugendhaus“ betraut.
Ludger Rühmann
Bürgermeister der Stadt, treibende Kraft hinter dem Jugendhaus-Projekt, charismatisch, politisch erfahren, aber auch undurchsichtig und in zahlreiche Skandale verwickelt.
Pater Claudius
Vertreter des Bischofs und Verhandlungsführer der Kirche beim Grundstücksverkauf, später tödlich verunglückt. Seine Rolle ist für die Entwicklung des Skandals zentral.
Herr Braun
Bauunternehmer (Braun-Bau), erhält den Auftrag für das Jugendhaus, steht im Zentrum der Korruptionsvorwürfe und ist in kriminelle Machenschaften verwickelt.
Björn oder Bernd Dunkel-Braun
Bauleiter bei Braun-Bau, wird als Neonazi charakterisiert.
Laurenz Michel
Zentralrendantur Dülmen/Coesfeld, wird zum Verbündeten von Adrian bei der Aufklärung der Skandale.
Die Luft war erfüllt vom dröhnenden Explodieren der Granaten. Karl Nickel kroch durch nassen, kalten Grobsand. Neben ihm explodierte eine weitere Granate, oder etwas, was dafürgehalten werden konnte. Sand spritzte auf und regnete auf ihn herab. Er blickte auf den mit brackigem Wasser gefüllten Graben, den er durchqueren musste, um das Lager, das heutige Etappenziel, zu erreichen. Es galt jedoch vorher die in Bedrängnis geratenen Kameraden zu retten, und dazu hatten sie nicht mehr viel Zeit. Er hatte seinem Schulfreund Martin versprochen, ihn zu retten, wenn sie getrennt werden sollten. Doch war das eher im Scherz geäußert worden. Dass so viel Kampfrealität in seinen Dienstalltag einziehen würde, hätte er, als er sich für zwei Jahre zum Dienst in der Bundeswehr verpflichtet hatte, nicht gedacht.
Hinter ihm hörte Karl seinen Stabsgefreiten Feldhaus brüllen: „Vorwärts, wir haben nur noch 15 Minuten!“ Karl dachte bei „Vorwärts“ eher an die Parteizeitschrift, die er seit Beginn seiner scheinbar nicht enden wollenden Dienstzeit bezog, und nicht an die letzten 15 Minuten, die ihm wie eine Ewigkeit der Zeitverschwendung erschienen. Welchen Sinn hatte dieses Gefecht? Keine Seite würde gewinnen. Er hob den Kopf und zog sich auf seinen Unterarmen liegend weiter über den nassen Sand. Mit seinem linken Ellenbogen zerquetschte er einen der wenigen blühenden Löwenzähne, die im Sand Mühe hatten, Nährstoffe zu finden. Die Waffe in seiner rechten Hand erschien ihm immer schwerer.
„Achtung, Feind, auf 15 Uhr!“, hörte er den alten Schinder Feldhaus rufen.
In scheinbar unendlichen Übungen war ihm für solche Befehle ein Bewegungsablauf antrainiert worden. Er rollte sich auf die linke Seite, brachte seine Waffe in Schussposition und zog den Abzug der automatischen Waffe. Die Heckler & Koch feuerte in den vielleicht drei Sekunden, die er den Abzug durchzog, 40 Schuss ab. Karl wusste nicht wohin, irgendwo in Richtung 15 Uhr. Er war dem antrainierten Reflex gefolgt. Genauso antrainiert war der Wechsel des Magazins. Damit würde ihn sein Vorgesetzter in Ruhe lassen, wenn das hier vorüber war. Sein Kamerad, der neben ihm lag, knuffte ihm mit dem Kolben seiner Waffe in den Rücken. „Komm Karl, jetzt noch durch diesen scheiß Graben, dann haben wir es fast geschafft. Auf drei. 1, 2, 3.“ Vier seiner Kameraden sprangen zusammen mit ihm auf, brachten ihre Waffen in Anschlag und zielten mit den einstudierten Bewegungen in die avisierte Schussrichtung, immer weg von den Kameraden, vorwärts in Kampfrichtung. Karl betätigte den Abzug seiner Waffe, doch sah er kein Ziel, die Schüsse gingen ins Leere. Das war egal, alles war egal, Hauptsache diese Scheiße würde schnell vorbei sein. Einen Sinn konnte er in dem Ganzen ohnehin nicht erkennen. Er verharrte im Schritt. In der kurzen Feuerpause, die in diesem Augenblick herrschte, flog dröhnend ein Kampfhubschrauber über ihn hinweg. „Mann, Karnickel, sieh zu, dass du schnellstens vorwärts hoppelst!“ Sein Vorgesetzter gab ihm einen Stoß in den Rücken. Fast wäre er gefallen, doch konnte Karl den Stoß in Bewegung umwandeln und er lief los, auf den Graben zu. Den Rand des Grabens erreichend, war eine weitere der vielen Explosionen wahrzunehmen, denen die Soldaten heute schon ausgesetzt worden waren. Seine Reflexe ließen ihn auf den Boden fallen und eine Fontäne brackigen Wassers ergoss sich über die Kampfeinheit. Karl hatte den Eindruck, dass er das meiste abbekommen hatte. Nun fror er nicht nur, er war auch völlig durchnässt. Daran änderte auch seine hochmoderne Tarnkleidung, die aus mehreren Lagen Geotextilgewebe bestand, nichts. Seine Kräfte, die nach den letzten Tagen eigentlich schon am Ende waren, neigten sich dem Ende. Das Zittern seiner linken Hand setzte ein – für ihn ein Zeichen, dass er eine Pause machen müsste.
„Los ihr faulen Säcke, ab durch den Graben! Wir spielen hier nicht Karnickel in der Grube!“ Karl blickte über seine linke Schulter zurück und sah das vor wütendem Diensteifer verzehrte rote Gesicht Feldmanns, der in voller Größe hinter ihnen stand. Er sah sehr nass aus, aus seinem dichten Schnäuzer tropfte Wasser. Das war zumindest eine Genugtuung, dass dieser Schleifer auch mal eine Ladung abbekommen hatte.
Die Vier rappelten sich auf und stürmten den Graben hinunter. Karl verschätzte sich bei der Breite des Wassergrabens, den er hatte überspringen wollen. Bevor sein linker Fuß das andere Ufer erreicht hatte, trat er mit voller Wucht in das Wasser. Sein Fuß versank bis über den Rand seines Stiefelschafts in dem stinkenden Gemisch aus Wasser und fauligem Schlamm. Hinter ihm ertönte der Schlachtruf Feldmanns: „Vorwärts.“ Er würde das Parteiorgan nicht mehr lesen können, ohne an diese Zeit zurückzudenken.
Seine Kameraden lagen am oberen Böschungsrand und spähten in die Ferne. „Karnickel, rechts an dem Felsen vorbei und ihr links! Geballert wird nur, wenn nötig!“, der gebrüllte Befehl war kurz und einfach. Die jungen Männer sprangen hoch und stürmten, ohne Schüsse abzugeben, davon.
Karl lief rechts an dem Felsen vorbei. Es war eher ein großer Erdhügel mit steilen, scheinbar künstlich geschaffenen Böschungen, vielleicht 20 Meter lang, sodass er am Ende wieder auf seine Kameraden treffen würde. Der Gedanke war noch nicht zu Ende gedacht, da ertönte: „Waffe runter, ergeben Sie sich.“ – „Gott sei Dank“, dachte Karl, „nun beginnt die Pause.“
Doch begann die Pause nicht angenehm. Der Mann, der den Befehl gebrüllt hatte, wies Karl, nachdem er die Waffe gesichert und abgelegt hatte, an: „Hände auf den Rücken!“ „Was sollte das denn?“, fragte Karl sich. „Dieser Typ ist aber sehr ernst bei der Sache.“ Aus der Bodensenke tauchten zwei weitere Typen auf. Ganz in Schwarz, mit schwarzen Sturmhauben gekleidet, nicht die ansonsten übliche Uniform. Einer dieser beiden sprach leise mit dem Uniformierten. Der Dritte trat hinter Karl und riss die Arme, die Karl locker auf den Rücken gelegt hatte, brutal nach hinten. „Au, sind Sie verrückt, Sie kugeln mir gleich den Arm aus.“ Karl stöhnte unter der rüden Behandlung. Der Unbekannte fesselte ihm mit einem Kabelbinder die Hände. „Hey, das geht gar nicht, das steht nicht in unseren Dienstanweisungen. Ich werde Sie wegen Körperverletzung anzeigen.“ – „Halt die Schnauze, Bürschlein. Und nun vorwärts.“ Der Mann schubste Karl in die Richtung, aus der die zwei gekommen waren. Nach wenigen Metern erreichten sie die Senke mit dem angrenzenden kleinen Wald. „Bleib stehen.“ Der brutale Typ stand hinter ihm, und Karl bemerkte gerade noch, wie sein Haar etwas streifte – da war es dunkel um ihn geworden. Er fühlte den rauen Stoff eines Jutesacks, der ihm die Sicht nahm.
„Los vorwärts, Bürschen!“ Er wurde nach vorne gestoßen und stolperte über den unebenen Boden in die rüde gewiesene Richtung. Nur mit Mühe konnte er, nach unten blickend, den Boden sehen. Der Sack war noch nicht zugezogen worden. Der Mann hinter ihm stieß ihn immer wieder in den Rücken, um seine Schritte zu beschleunigen.
„Stehen bleiben!“ Karl gehorchte der aggressiv modulierten Stimme. Die Schiebetür eines Fahrzeugs wurde geöffnet, Karl erkannte das typische Geräusch der Laufrollen eindeutig. Der Mann packte seinen Arm und drückte ihn unsanft in das Fahrzeug. Als er den Fahrzeugboden unter seinen Kampfstiefeln spürte, wurde er zu Boden gestoßen. Eine neue Stimme wies ihn an, liegen zu bleiben.
Der Motor startete, Karl erkannte das Motorgeräusch als das eines luftgekühlten VW-Busses. Das Fahrzeug setzte sich in Bewegung. Nach einiger Zeit – Karl hatte sein Zeitgefühl verloren – bremste der Bulli.
„Liegen bleiben!“ Der unbekannte Mann öffnete die Schiebetür und fragte einen weiteren: „Wohin mit ihm, zu den anderen?“ – „Nee, bring diesen in Nummer 2, dann kann der General ihn sofort befragen.“ Karl traute seinen Ohren nicht, als er dies mithören musste. Welcher General? Er musste nun etwas unternehmen. Die kurze Fahrt in dem Bulli hatte seinen physischen Erschöpfungszustand etwas abklingen lassen. „Ich bin Gefreiter des Heeresbataillons Staufenberg und in Coesfeld stationiert und befinde mich in einer Übung. Ich protestiere gegen diese Behandlung, das können Sie nicht mit mir machen.“ – „Was wir mit dir machen können, ist was ganz anderes. Und Übung, das ist nicht, Bürschchen. Komm aus der Kiste raus!“ erwiderte einer der Männer. Karl konnte die Stimmen nicht mehr auseinanderhalten.
Was sollte das bedeuten: „Übung ist nicht mehr?“ Er befand sich mit seinen Kameraden seit einer Woche auf einer groß angelegten Übung der Heeresgruppe NRW und kroch nun schon die ganze Zeit durch den modrigen, nassen Sand des Westmünsterlands. Nun hatte er keine Lust mehr. „Lassen Sie mich sofort frei. Ich will zu meiner Einheit!“, schrie er – im Rhythmus seines immer schneller werdenden Pulses – die unsichtbaren Männer an. „Kleiner, deine Einheit wurde zerschlagen. Halt’s Maul, du bist unser Gefangener. Und nun hoch mit dir.“ Jemand fasste ihn am Arm, um ihn hochzuziehen. Der Griff war so fest, dass Karl scharf die Luft einzog. Das würde bestimmt ein großer blauer Fleck werden.
Stolpernd erreichten sie ein Gebäude. Er hörte, wie eine Tür geöffnet wurde, und fühlte den glatten Bodenbelag unter seinen schweren Kampfstiefeln. Er wurde einige Meter weitergeführt, die Schritte hörten sich anders an – so wie auf dem Flur zu seiner Stube. Eine weitere Tür wurde geöffnet, durch die Karl gehen musste. Jemand fasste ihn von hinten an den Schultern und brüllte: „Hinsetzen!“
Vorsichtig setzte er sich. Sein Puls raste und seine Hand zitterte so wie nie zuvor. „Was haben die mit mir vor?“ Die unausgesprochene Frage kreiste in seinem Kopf. Karl kannte die üblen Späße der Truppe, doch das hier war kein Spaß mehr. Er hatte Angst. „Lassen Sie mich frei! Sie dürfen das nicht!“, rief er in den Raum – und sein Herz hörte auf zu schlagen.
Martin schniefte und wischte sich mit der rechten Hand, die den Nassrasierer hielt, eine Träne aus dem Augenwinkel. Er war noch ganz verwirrt und hielt inne bei der Rasur meiner Schamhaare.
Er blickte mich mit traurigen Augen an und führte die Rasur langsam fort, die ohnehin länger gedauert hatte. Ich wünschte, ich hätte ihm nicht die Frage gestellt: „Warum bist du Krankenpfleger geworden?“
Martin hielt wieder vorsichtig meinen Penis hoch – es war eine peinliche Prozedur, die mich auf die Leistenbruchoperation vorbereiten sollte. „Ich habe nach dem Tod von Karl sofort den Dienst an der Waffe verweigert und hier im Krankenhaus Zivildienst geleistet. Daran anschließend die Ausbildung zum Krankenpfleger absolviert!“
Ich erzählte ihm nicht mehr, dass ich gerne Kampfschwimmer geworden wäre und warum es dazu nicht gekommen war. Ich wollte nur noch meine Hose hochziehen.
Der Wochenbeginn fing – wie fast immer bei uns in der Bauverwaltung – entspannt an. Das hieß: Kaffee trinken bis zum ersten Termin. Mein Fachbereichsleiter Ralf Teufel, der den Behördentrott der Bauverwaltung der Stadt Coesfeld noch nicht so verinnerlicht hatte wie ich – er war vor zwei Jahren aus der Privatwirtschaft zu uns gestoßen – hatte die wöchentliche Arbeitsbesprechung so gelegt, dass der montägliche private Informationsaustausch mit dienstlichen Belangen durchmischt wurde. Wenn auch ich meine ersten Wurzeln in der Privatwirtschaft geschlagen hatte, so war ich nach fünfjähriger Dienstzugehörigkeit vollständig assimiliert – mit allem, was dazugehört: dem Rhythmus der Amtsgänge, dem leisen Summen der Kaffeemaschine, dem Blick auf die Uhr, der nie Eile bedeutete.
Damit durchkreuzte Teufel meinen Mitteilungsdrang, der sich aufgrund des aktuellen Blockbusters angestaut hatte.
„Herr Beermann, Sie müssen gleich als Erstes in den Kindergarten ‚Dandelion‘. Dort wurde am Wochenende randaliert.“
„Was, die Kleinen haben Stress gemacht?“
„Blödsinn, am Wochenende sind keine Kinder im Kindergarten – wir sind hier nicht in Berlin. Die sind im Münsterland am Wochenende bei Oma und Opa!“
Teufel grinste mich an. Er hatte einige Jahre in Berlin gearbeitet und war wegen seiner Familie nach Coesfeld gezogen. „In einen geschützten Raum!“, wie er zu sagen pflegte – mit einem Tonfall, der zwischen Ironie und Sehnsucht pendelte.
Damit wurde nichts aus dem intensiven Erfahrungsaustausch mit den Kollegen – der erste Termin war früher gekommen als geplant, und mein innerer Filmkritiker musste sich erneut vertagen.
Mit einem gelben, mit roten Farbapplikationen – ganz in den Farben des Stadtwappens gehaltenen – dreigängigen Dienstfahrrad fuhr ich gemächlich zum Kindergarten. Nach einer Entscheidung des Stadtrates vor fünf Jahren waren diese Räder angeschafft worden; der Gebrauch der Dienstfahrzeuge war nur noch ab Dienstfahrten über fünf Kilometer gestattet. Die Fachbereichsleitung der Haupt- und Personalabteilung wachte über diese Regel sehr gewissenhaft – mit der Akribie eines Zollbeamten an der früheren innerdeutschen Grenze, wie mein Kollege Schröder gern zu sagen pflegte.
Wie immer auf dem Weg zu diesem Kindergarten fuhr ich ein Stück durch den Stadtpark und dann weiter an der Berkel entlang, Richtung Billerbeckstraße. Das Licht fiel flach durch die Bäume, ein Jogger mit neonfarbenem Stirnband überholte mich lautlos, und irgendwo klapperte ein Specht gegen einen Laternenmast. An der Ecke Sitterstiege lag der englischsprachige Montessori-Kindergarten. Die Stadt hatte das Gebäude vor über vierzig Jahren gebaut – ein flacher, leicht verwitterter Bau mit viel Glas und wenig Dämmung. Eigentlich sollte es vor fünf Jahren, als ich zur Stadt gekommen war, abgerissen werden. Doch durch eine Elterninitiative wurde der Montessori-Verein gegründet, und die Stadt war glücklich, als sie das Gebäude an den Verein vermieten konnte – glücklich im Sinne von: endlich raus aus der Verantwortung, ohne dass es jemandem auffiel.
Mein Hinweis auf die potenzielle Asbestbelastung war seinerzeit vom technischen Beigeordneten Dr. Ing. Heinz Blömer beiseitegeschoben worden – mit einem Lächeln, das irgendwo zwischen Arroganz und Müdigkeit pendelte, und dem Satz: „Ach, Herr Beermann, wenn wir danach gingen, müssten wir halb Coesfeld evakuieren.
Ich öffnete die Tür des Kindergartens, und sofort wurde ich von einer Schar Klein- und Kleinstkinder umringt, die zu mir aufsahen wie Ziegen im Streichelzoo, die auf ihr Futter warteten. Reflexartig streichelte ich einem kleinen, rothaarigen Jungen über die Haare. Er lachte mich mit weit geöffnetem Mund an und zeigte seine kleinen weißen Milchzähne – und einen Brei aus Keksen, auf dem Speichelblasen tanzten wie Seifenblasen im Wind.
Die aus Ungarn stammende Kindergartenleiterin Nóra Müller stand nun nicht mehr im Mittelpunkt der Kinderschar, sondern lachte mich an. „Good morning, Adrian, it’s nice to see you!“
Das Konzept des Kindergartens war die möglichst offene Erziehung als Vorbereitung auf eine internationale Karriere. Somit waren viele Kinder – von akademischen Double-Income-and-Two-Kids-Eltern – in diesem Kindergarten. Wenn diese Eltern, unter denen bestimmt auch Juristen waren, die nicht lange Rat suchen mussten, das mit dem Asbest erführen, dann gäbe es einen Skandal in Coesfeld, der sich gewaschen hätte. Ich hatte deshalb damals eigens eine Aktennotiz an Dr. Blömer gesandt und diese auch in meiner Privatakte – die ich in meiner Wohnung hinter einem Schrank versteckte – hinterlegt. Mein Kopf sollte schließlich nicht dem Prinzip „Die Kleinen hängt man auf, die Großen lässt die Verwaltung laufen“ zum Opfer fallen.
„Good morning, Nóra!“ Wir duzten uns seit unserer ersten Begegnung. Das ging auch gar nicht anders. Wer in ihre großen, dunklen Augen sah, wurde von einer überschäumenden Wärme empfangen, die direkt aus einem ungarischen Paprikafeld zu stammen schien – und die im krassen Gegensatz zum englischen Understatement stand, das als Erziehungsziel des Kindergartens ausgegeben war. Sie duzte fast jeden und jede.
„Please say it in German!“ Sie lachte mich an. „Gut, dass du da bist.“
„Was ist passiert?“
„Hinten im Snoezelraum wurde eine Scheibe eingeschlagen, und dann hat dort jemand übernachtet.“
Ich sah mir den Schaden an. Die Scheibe war kaputt, das war eindeutig. Zudem lagen zwei gebrauchte Kondome neben den gelben und blauen Matratzen auf dem Boden. Hier hatten zwei mit Ausdauer ein Schläferstündchen abgehalten.
„Na, da hatten wohl zwei kein Zuhause, um ihren Urtrieben nachzugehen.“
„Oh mein Gott, die habe ich ja noch gar nicht gesehen!“, rief Nóra mit vor den Mund gehaltener Hand. „So eine Sauerei! Die müssen sofort weg. Wenn das Eltern sehen, dann gibt es Ärger!“
„Schmeiß die aber nicht weg – mit den Kondomen haben die Täter ausreichend DNA hinterlassen, um sie irgendwann einmal zu verhaften. Hast du die Polizei eigentlich auch informiert? Die muss den Einbruch aufnehmen, damit die Versicherung für den Schaden aufkommt.“
„Nee, ich wollte zuerst, dass du dir den Schaden ansiehst.“
„Sehr schmeichelhaft – aber dann ruf jetzt mal die Ordnungshüter an. Ich warte derweil in eurem Generationskontaktraum.“
Der Generationskontaktraum sollte den oft abholenden Großeltern und Müttern, die meist noch vor dem gemeinschaftlichen Schlusslied der Kinder kamen, eine Wartezone bieten, damit diese nicht vor den verschlossenen Türen der Gruppenräume stehen mussten und dabei das pädagogische Gesamtkonzept störten. Ein großzügiger Spender hatte einen Kaffeevollautomaten hingestellt, der allerhand Kaffeeköstlichkeiten produzierte. Ich hatte den Raum mit einem ortsansässigen Maler hergerichtet und nun stand mir eine Belohnung zu. Deshalb drückte ich auf einen Knopf unter einem Kaffeesymbol – was auch immer das sein sollte –, die Maschine veranstaltete einen Höllenlärm. „Ob das normal war?“, ging es mir durch den Kopf. Ich sah hilfesuchend im Raum umher, es half nichts; mein Blick blieb lediglich an einem Schild hängen, auf dem stand: „Keinen Kaffee machen zwischen 8 und 10 Uhr“. Ein Blick auf meine Uhr zeigte mir: Es war jetzt 08:59 Uhr. Ich begnügte mich mit einem Kaffee mit herrlicher Crema – ein kleiner Triumph gegen die Bürokratie.
Nach einer halben Stunde und einem Buch über Ritter – ein kleines Mädchen hatte es mitgebracht, als sie sich zu mir auf das Sofa setzte und damit Kontakt zu einer anderen Generation suchte –, später kam die Polizei. Ich war froh, dass der Beamte da war. Ich hätte auch nicht mehr gewusst, wie ich einen weiteren Begriff wie „Abortreiniger“ hätte erklären sollen. Was hatte die für Fragen gestellt!
Die Polizei hatte ihren Einbruchexperten geschickt. Nachdem es Nóra gelungen war, den Beamten von den begeisterten Kindern zu separieren – die alle seine Dienstwaffe sehen wollten –, konnte dieser den Einbruch aufnehmen. Er sicherte akribisch die Spuren. Ich kannte seine Arbeitsweise und ließ ihn, mit dem Hinweis auf die Kondome, allein, um die zweite Tasse Kaffee zu leeren. Hier war so viel Unruhe, dass es nicht mehr auf den Lärm der Maschine ankam – und so ging der Morgen auch vorbei.
„So, Frau Müller, den Einbruch habe ich aufgenommen“, berichtete der Beamte. „Wir haben hier in Coesfeld immer häufiger mit solchen Einbrüchen zu tun. Es waren nach meiner ersten Einschätzung Jugendliche. Die haben Langeweile und wissen nicht, wohin sie sollen. Es gibt in Coesfeld zu wenig Angebote für junge Menschen.“
Nóra zuckte mit den Schultern und sagte: „Ja, da werden Sie wohl recht haben, Herr Krämer. Was hier in Coesfeld fehlt, ist eine vernünftige Einrichtung, in der sich die Jugendlichen treffen können. Das ist eine Angelegenheit, um die sich die Stadt kümmern muss!“ Nóra sah mich mit ihren großen dunklen Augen an, in denen nun etwas Drohendes lag. Doch war ich doch nur das kleinste Rad am Verwaltungskarren.
„Mich musst du da nicht ansehen. Ich lasse lediglich Fenster reparieren und Klemmschutz an Türen anbringen. Für viel mehr bin ich nicht zuständig. Da musst du schon einmal mit dem Bürgermeister Ludger Rühmann sprechen.“
„Haste recht.“ Die Drohung verschwand aus ihren Augen, und sie sandte hinterher: „Vielleicht baut die Stadt ja mal ein Jugendzentrum.“
Mein Weg zur Arbeit führte durch ein besonders schönes Stück Münsterland. Mit der Bahn durch die Baumberge zu fahren war immer wieder reizvoll – zumindest, wenn Mann oder Frau einen Kaffee dabeihatten. Wenn der Zug an Havixdorf vorbeifuhr, schweiften meine Gedanken oftmals zu der spannenden Zeit im Havixdorfer Rathaus ab. Dort hatte ich meine ersten Erfahrungen mit dem öffentlichen Dienst gemacht. Wenn ich heute Morgen mit dem ersten Zug fuhr und noch nicht viel sah, lag das daran, dass es schlicht noch nicht hell war. Der erste Zug war die ideale Verbindung. Mein Zug erreichte Coesfeld um 6:20 Uhr. Mein kurzer Fußweg vom Bahnhof über die Gartenstraße und Letterstraße zum Rathaus dauerte zehn Minuten. Damit war ich pünktlich zum ersten möglichen Arbeitsbeginn im Rathaus. Die Angestellten und Beamten der Stadt durften nach der geltenden Arbeitszeit-Dienstvereinbarung nicht vor 6:30 Uhr beginnen. So war es vor drei Jahren genauestens definiert worden.
Ich zog meine Zeiterfassungskarte um 6:25 Uhr durch das Zeiterfassungsgerät, kurz das ZFG. Damit hatte ich eine neue Bestzeit von Münster nach Coesfeld aufgestellt. Meist waren schon vier bis fünf Bedienstete – so die Gesamtmenge aus Angestellten, Beamten und Beamtinnen der Stadtverwaltung – im Rathaus. Doch die fehlenden fünf Minuten bis zum Beginn der offiziellen Arbeitszeit fehlten eben noch. Damit war es jetzt noch sehr leer. Ich ging auf die große, noch im Dunkeln liegende Freitreppe mit dem imposanten Treppenauge zu. Die Bewegungsmelder schalteten präzise der Reihe nach immer mehr Lichter ein. Die Kollegen der Haustechni-kabteilung hatten ganze Arbeit geleistet. Es wurde hell im Coesfelder Rathaus. Das hieß jedoch auch, dass in den letzten zwanzig Minuten noch niemand hierher gegangen war. Denn die Verzögerung, bis das Licht im Rathaus wieder ausging, betrug meist zwanzig Minuten.
Ich stieg zügigen Schrittes die Treppe hoch. Die Arbeitszeit lief, nun war Effizienz gefordert – der Bürgermeister hatte auf der letzten Personalversammlung nochmals darauf hingewiesen, dass die Zeit im Rathaus effizient genutzt werden müsse, nur so könne man die Aufgaben der Zukunft auch bewältigen.
Mein Fachbereich lag im zweiten Obergeschoss. Nur meine Schritte waren im Treppenhaus zu hören. Es herrschte Totenstille, was schon etwas unheimlich war in diesem großzügigen und hohen Treppenhaus. Sonst waren immer irgendwelche Schritte zu hören. Ich sollte zukünftig auch nicht mehr fünf Minuten vor der Zeit kommen – dann ersparte ich mir diese Unheimlichkeit.
Im zweiten OG schaltete sich das Licht ein. Mit einem Satz hatte ich den Treppenaustritt erreicht und blieb mit der Kante des linken Schuhs an der etwas vorstehenden Treppenstufe hängen. Ich konnte mich geschickt über die Schulter abrollen und blieb seitlich liegen. Ein dröhnender Schmerz vernebelte meinen sonst tadellosen Blick. Ich brauchte etwas, um klarzukommen, und blickte auf das direkt vor mir stehende Warnschild mit der Aufschrift „Vorsicht Rutschgefahr“ – aber nicht „Hängenbleibgefahr“. Das war es, ich sollte die Verwaltung verklagen, da nicht richtig gewarnt worden war. Schwerfällig richtete ich meinen sonst so dynamischen jungen Körper auf. Ich streckte mich und bewegte mich – alle Teile meines Körpers ließen sich bewegen, nichts gebrochen, Glück gehabt.
Der gerade Weg zu meinem Büro führte um das Schild herum. Mein Weg beschrieb einen kleinen Bogen. Dies wiederum führte dazu, dass in meinen Blickwinkel – meine Sehkraft war wieder bei 110 Prozent – ein sich leicht bewegendes Objekt schob. Es war nur ein Bruchteil eines Augenblicks. Doch genügte dies, um meine volle Aufmerksamkeit zu aktivieren. Meine Synapsen meldeten, dass da etwas Ungewöhnliches, etwas Seltsames gewesen war.
Ich hielt im Schritt vorsichtig inne – die Rutschgefahr war noch nicht gebannt – und bewegte mich etwas zur Seite, um einen besseren Blickwinkel zu bekommen.
Da hing einer!
Ich erkannte es genau. Vor Jahren hatte ich auch schon mal einen Menschen in einer hängenden Position tot aufgefunden. Damals war es der Mörder des Bodengutachters gewesen. Vielleicht wäre es besser, ich würde so tun, als hätte ich es nicht gesehen, um mir damit Unannehmlichkeiten zu ersparen – es war nicht gut, wenn ich in solche Sachen verstrickt wurde. Ich sah dabei nach oben und dachte an den Toten von damals. Damals hatte ich geholfen, ihn herunterzuholen, und das war nicht angenehm gewesen. Die Erinnerungen in mir krochen hervor. Den Kopf schüttelnd vertrieb ich die Geister in meinem Hirn und konzentrierte mich auf das Jetzt.
Vielleicht lebte der noch. Mit dieser spontanen Eingebung lief ich die Stufen zum nächsten Geschoss hinauf. Immer zwei auf einmal nehmend, war ich so schnell oben, dass die trägen Bewegungsmelder noch kein Licht eingeschaltet hatten. Es war kurzzeitig noch dunkel, nur das Licht von unten beleuchtete meinen grausigen Fund.
Dann wurde es hell, die Bewegungsmelder hatten mich eingeholt – man, was war ich schnell, trotz des Sturzes. Der Tote wendete sein Gesicht von mir ab. Ich musste zuerst um ihn herumgehen. Langsam bewegte ich mich, um sein Gesicht zu erkennen. Es war Helmut Sandschleper! Der dienstälteste Architekt in unserem Fachbereich, er hatte nicht mehr lange bis zur Rente.
Ich analysierte das Gesamtbild des Fundes, mein kriminalistisches Ich erwachte aus einem langen Schlaf. Er hatte ein Seil an der Öffnungsöse der Lichtkuppel befestigt und sich offensichtlich auf den Stuhl, der nun neben ihm lag, gestellt und war gesprungen. Seine Füße berührten fast den Boden. Helmut – wir hatten uns geduzt – war ein sehr exakter und gewissenhafter Kollege gewesen. Er hatte die Länge des Seils genau abgeschätzt. Mir fiel ein, dass ein Bauingenieur die Länge des Seils vermutlich berechnet hätte.
Ich fasste seine Hand an. Sie war kalt. Damit hing er schon länger hier.
Er war tot, eindeutig.
Schrecken stieg kurz in mir auf, legte sich jedoch genauso schnell wieder. Helmut war ja nicht der erste Tote, den ich fand – und auch nicht der erste tote Kollege, der an einem Seil baumelte. Nicht, dass ich das Unglück für Kollegen anziehen würde.
Ich schüttelte den Kopf, um den Denkapparat eines Homo faber aufzurufen. Ich musste nun nüchtern und logisch handeln.
In diesem Augenblick hörte ich die harten Ledersohlen auf dem Betonwerkstein des Foyers klackern. Es war 06:30 Uhr – die frühen Kollegen kamen an. Stimmen waren zu hören.
Ich rief: „Hallo! Kann mir mal jemand helfen?“ Ich wollte den toten Kollegen hier nicht allein hängen lassen.
„Wer ist denn da?“, wurde geantwortet. Es war eine männliche Stimme. Ich hatte nun keine Lust auf ein Frage-und-Antwort-Spiel. Deshalb kürzte ich mit einer Anweisung ab – das funktionierte im öffentlichen Dienst meist recht gut. Wenn eine Anweisung ausgesprochen wurde, dann hielt sich der Empfänger der Anweisung auch daran.
„Ruf mal die Polizei und die Feuerwehr! Hier hat sich ein Kollege aufgehangen!“, rief ich laut und deutlich. Meine Anweisung hatte jedoch eine versteckte Botschaft beinhaltet. Ich hatte das Wort „Kollege“ benutzt. Somit hörte ich eiligst die Treppe hinauf-laufende Schritte. Die Neugierde hatte über die Pflichterfüllung gesiegt. Der – scheinbar sportliche – Kollege kam oben am Treppenpodest an.
„Oh Mann! Da hängt ja einer! Wer ist es denn?“ Der junge Kollege, dessen Name mir nicht einfallen wollte, hatte weit aufgerissene Augen und vor Entsetzen die Hand vor den Mund gelegt, bewegte sich auf das Gesicht des Toten zu. „Oh, wie schrecklich! Der arme Helmut – der hatte doch in den nächsten Tagen sein 40-jähriges Dienstjubiläum. Warum hängt er sich auf?“
Ich antwortete dem Kollegen nicht, dass dazu vielleicht schon alleine 25 Jahre Dienstzeit führen könnten, sondern versuchte es mit einer weiteren Anweisung.
„Los, geh runter und ruf endlich die Polizei. Ich bleibe hier bei Helmut.“
Im Foyer waren weitere Stimmen zu hören, und der Kollege begann damit, langsam die Treppe herunterzugehen. Er dachte sich vielleicht, dass keine Eile mehr geboten sei, da Helmut ohnehin nicht wiederbelebt werden konnte. Es konnte jedoch auch sein, dass er wieder in seine normale Arbeitsgeschwindigkeit zurückgefallen war.
Ich war wieder allein mit Helmut. Helmut war alleinstehend. Seine Frau war vor fünfzehn Jahren gestorben. Seit der Zeit soll er nur noch wenig gelacht haben. Ich kannte ihn als einen gewissenhaften und sehr zuverlässigen Kollegen. Ich sah zu ihm auf, faltete die Hände und sprach: „Herr, gib seiner Seele den Frieden, den sie gesucht hat, und die Ruhe, die sie braucht. Amen.“ Wenn ich auch nicht der große Vorbeter war, so konnten diese wenigen Worte zumindest nicht schaden – denn ich wusste genau, dass Helmut ein gläubiger Christ gewesen war.
Im Foyer waren immer mehr Stimmen zu hören. Die Aufregung über den Tod des Kollegen hatte sich vermutlich noch schneller als ein Lauffeuer herumgesprochen. Auf der Treppe eilten Menschen nach oben. Es wurde Zeit, dass ich Helmut verließ und für seine Ruhe sorgte.
Ich stellte mich vor das „Rutschgefahr“-Warnschild und nahm die schaulustigen Kollegen in Empfang. „Da kann jetzt keiner hoch! Der Mensch, der dort hängt, muss zuerst heruntergenommen werden.“
Ein Kollege vom Standesamt fragte: „Ist es denn wirklich der Helmut? Sind Sie sicher?“
„Klar bin ich sicher. Ich habe mit dem Helmut zwei Jahre in einem Büro gesessen.“
Auf der Treppe hatten sich mittlerweile einige Kollegen, die sich den Helmut ansehen wollten, versammelt.
Einer fragte: „Wie sieht er denn aus? Ich muss ohnehin da hoch. Lassen Sie mich vorbei.“ Warum der Kollege aus der Finanzbuchhaltung – die in einem anderen Gebäudeteil lag – nach oben musste, erschloss sich mir nicht. Deshalb sagte ich ihm auch nur kurz: „Da geht jetzt keiner hoch! Zuerst kommen Polizei und Feuerwehr.“
Von etwas weiter hörte ich: „Das ist eine klare Ansage! Bitte halten Sie sich daran!“ Es war die Polizei, die mich nun unterstützte. Die Polizisten waren zu dritt. Dies war kein Einbruch – da wurden sofort mehrere Beamte ausgesandt. Herr Krämer schritt dem Trio voran und reichte mir die Hand.
„Guten Morgen sag ich nun mal nicht, Herr Beermann. Der Tote ist da oben?“
„Ja, es ist Herr Helmut Sandschleper, ein Kollege aus meinem Fachbereich.“
„Okay, wir übernehmen nun.“ Er drehte sich an die noch größer gewordene Menge der interessierten Kollegen und Kolleginnen um. „Sie können jetzt an Ihre Arbeitsplätze gehen. Wenn wir noch etwas von Ihnen wissen wollen, dann melden wir uns.“
