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ätigkeit traten, wenn politische oder sociale Interessen in's Spiel kamen. Mit einem Worte, sie waren, wie man seit den letzten Jahren zu sagen pflegt, "die großen politischen und militärischen Berichterstatter". Indeß wird man bei näherer Betrachtung sehen, daß sie die Thatsachen und ihre Consequenzen meist auf besondere Art und Weise ansahen, da sie eben jeder seine besondere Manier hatten, zu sehen und zu urtheilen. Da sie jedoch stets mit Freimuth handelten und bei jeder Gelegenheit ihr Möglichstes thaten, so würde man Unrecht thun, sie deshalb zu tadeln. Der französische Correspondent hieß Alcide Jolivet. Harry Blount war der Name des englischen Reporters. Sie begegneten sich eben zum ersten Male bei dem Feste im Neuen Palais, über welches sie ihren Journalen Bericht erstatten wollten. Die Verschiedenheit ihres Charakters in Verbindung mit einer gewissen Geschäftsvorsicht, konnte ihnen nur wenig gegenseitige Sympathie einfl&oum
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Seitenzahl: 456
Veröffentlichungsjahr: 2021
„Sire eine neue Deesche
— Von woher?
— Aus Tomsk
— Ueber diese Stadt hinaus ist die Leitununterbrochen?
— Sie ist seit gestern gestört
— General Sie werden von Stunde zu Stunde ein Telegramm von Tomsk einfordern und mich auf dem Laufenden erhalten
— Zu EwMajestät Befehl“ antwortete der General Kissoff
Diese Worte wurden gegen zwei Uhr Morgens gewechselt als ein im Neuen Palais abgehaltenes Fest eben in höchstem Glanze strahlte
Die Caellen der Regimenter von Preobrajensky und von Paulowsky sielten zu dieser Soirée die gewähltesten Nummern ihres Reertoires Polkas Mazurkas Schottische und Walzer ununterbrochen aufImmer neue Paare von Tänzern und Tänzerinnen rauschten durch die rächtigen Salons dieses Palastes der sich nur wenige Schritte entfernt von dem „alten Hause aus Stein“ erhebt in welch’ letzterem sich so viele furchtbare Dramen abgesielt haben und das jetzt nur die flüchtigen Melodien der Quadrillen wiederhallte
Der Oberhofmarschall fand bei Erfüllunseiner delicaten Pflichten sehr beachtenswerthe UnterstützungDie Großfürsten selbst deren Adjutanten die Kammerherren vom Dienst und die Hausofficiere des Palastes unterzogen sich des Arrangements der TänzeDie von Diamanten strahlenden Großfürstinnen und die Hofdamen in gewähltester Galatoilette gingen den Frauen und Töchtern der höchsten Militär und Civilbeamten mit aufmunterndem Beisiele voranAls das Signal zur Polonaise ertönte als die Eingeladenen jedes Ranges herbeieilten zu dieser rhythmischen Promenade welche bei derartigen Festlichkeiten die volle Bedeutuneines Nationaltanzes erlangt da bot das Gemisch der langen sitzenüberwebten Roben und der an Ordensschmuck so reichen Uniformen bei dem Glanze der hundert Kronleuchter deren Lichtmeer die ungeheuren Siegel noch zu verdoeln schienen dem Auge ein entzückendes kaum zu beschreibendes Bild
Dazu lieferte der große Salon das schönste der Gemächer im Neuen Palais für diese Versammlunhoher und höchster Personen und verschwenderisch geschmückter Frauen einen entsrechend rachtvollen RahmenDie reiche Decke mit ihren von der Zeit schon etwas gemilderten Vergoldungen erschien wie besäet mit blitzenden SternenDer Brokat der Gardinen und der in schweren Falten herabfallenden Portièren färbte sich mit warmen Tönen welche sich nur an den schärferen Kanten des kostbaren Stoffs lebhafter heraushoben
Durch die Scheiben der großen Rundbogenfenster drandas Licht des Innern nur wenigeschwächt ähnlich dem Wiederschein einer Feuersbrunst nach außen und stach grell ab von dem nächtlichen Dunkel das seit weniStunden diesen glitzernden Palast umhüllteDieser Contrast mochte auch die Aufmerksamkeit zweier Ballgäste erregen welche am Tanze keinen Antheil nahmenIn einer der Fensteröffnungen stehend konnten sie mehrere jetzt nur undeutlich sichtbare Glockenthürme wahrnehmen deren riesige Silhouetten sich am Himmel abzeichnetenUnten bewegten sich schweigend das Gewehr wagrecht über die Schulter gelegt zahlreiche Wachtosten auf und ab und auf den Sitzen ihrer Pickelhauben blitzte es dann und wann von dem darauf fallenden Lichte aus dem PalasteJene vernahmen wohl auch den Schritt der Patrouillen auf den Steinlatten des Vorlatzes der gewiß taktgerechter war als manchmal die Bewegungen der Tanzenden auf dem Parket des FestsaalesDann und wann hörte man den Zuruf der Schildwachen von Posten zu Posten und manchmal mischte sich ein hellschmetterndes Trometensignal harmonisch mit den Accorden des Orchesters
Noch weiter unten erschienen dunkle Massen in den ungeheuren von den Fenstern des Neuen Palais ausgeströmten LichtkegelnDas waren Schiffe die auf dem Strome herabglitten dessen Wellen überstrahlt von den grellen Lichtbündeln mehrerer kleiner Leuchtfeuer den Fuß der Terrassen des Palastes besülten
Die Hauterson des Balles der Festgeber des heutigen Abends dem gegenüber General Kissoff jene nur den Souveränen zukommende Anrede benutzte erschien einfach in der Uniform eines Officiers der GardejägerSeinerseits lahierin keine Affectation sondern die Gewohnheit eines Mannes der für äußeren Pomweniemfindlich istSeine Erscheinuncontrastirte demnach mit den rachtvollen Costümen die sich um ihn drängten und ebenso zeigte er sich auch gewöhnlich inmitten seiner Escorte von Georgiern Kosaken und Lesghiern jener rächtigen Reiterleibwache in den brillanten Uniformen des Kaukasus
Jener hochgewachsene Mann mit freundlichem Gesicht ruhiger Physiognomie aber bisweilen sorgenvoller Stirn ginleutselivon einer Grue zur andern srach aber weniund schien selbst weder den heitern Gesrächen der jüngern Welt eine besondere Aufmerksamkeit zu schenken noch den ernsteren Worten seiner höchsten Staatsbeamten oder der Mitglieder des dilomatischen Cors welche die Hautstaaten Euroas an seinem Hofe vertratenZwei oder drei dieser scharfsichtigen Politiker – geborene Physiognomiker – glaubten auf dem Antlitz ihres hohen Wirths einige Zeichen von Unruhe bemerkt zu haben deren Ursache ihnen zwar unerklärlich blieb aber ohne daß Einer derselben sich erlaubt hätte eingehender danach zu forschenAuf jeden Fall laes daran war gar nicht zu zweifeln in der Absicht des Officiers der Gardejäger durch seine Geheimnisse die Festesfreude in keiner Weise zu beeinträchtigen und da er einer der seltenen Fürsten war dem fast eine ganze Welt sogar im Gedanken zu gehorchen sich gewöhnt hatte so wurden auch die Vergnügungen des Balles nicht einen Augenblick unterbrochen
Indessen wartete General Kissoff von dem Officier dem er das Telegramm aus Tomsk überreicht hatte auf die Erlaubniß sich zurückziehen zu dürfen; aber jener verharrte in SchweigenEr hatte das Blatt angenommen durchlesen und mehr und mehr Wolken lagerten sich auf seine StirnUnwillkürlich faßte seine Hand nach dem Degengriff und erhob er diese wieder bis an die Augen welche er einen Augenblick bedeckteEs schien als blende ihn der Schein der tausend Flammen und als suche er etwas Schatten um besser in sein Inneres blicken zu können
„Wir sind also begann er wieder nachdem er den General Kissoff in eine Fensternische geführt seit gestern ohne alle Verbindunmit dem Großfürsten?
— Ohne Verbindung Sire und es steht zu befürchten daß die Deeschen bald nicht einmal die Grenze Sibiriens mehr überschreiten können
— Aber die Truen des Amurgebietes sowie die von Transbaikalien haben die Ordre emfangen sofort nach Irkutsk aufzubrechen?
— Diesen Befehl enthielt das letzte Telegramm welches über den Baikalsee hinaus zu senden möglich war
— Doch mit den Gouvernements Jeniseisk Omsk Semialatinsk und Tobolsk stehen wir seit Beginn des Einfalls stets in directer Communication?
— Gewiß Sire dahin gelangen unsere Deeschen und wir sind sicher daß die Tartaren zur Stunde den Irtysch und Obi noch nicht überschritten haben
— Und von dem Verräther Iwan Ogareff hat man noch keine weitere Kunde?
— Nein antwortete General Kissoff; der Polizeichef vermanicht zu sagen ob jener die Grenze überschritten hat oder nicht
— Sein Signalement werde sofort nach NishnyNowgorod Perm Jekaterinburg Kassimow Tiumen Ichim Omsk Elamsk Kolywan Tomsk und überhaut nach allen Stationen gesandt mit denen wir noch in telegrahischem Verkehr stehen
— EwMajestät Befehle werden unverzüglich ausgeführt werden erwiderte der General
— Kein Wort über alles Dieses!“
Nach einem stummen Zeichen ehrfurchtsvoller Ergebenheit verneigte sich der General mischte sich erst unbefangen unter die Gäste verließ aber bald die Salons ohne daß sein Verschwinden irgend welches Aufsehen erregte
Der Officier blieb träumerisch noch kurze Zeit stehen und als er sich den verschiedenen Gruen von Dilomaten und Militärs wieder näherte hatte sein Gesicht die einen Augenblick verlorene Ruhe vollständiwiedergefunden
Die sehr ernste Ursache jener schnell gewechselten Worte war aber keineswegs so unbekannt als der Gardejägerofficier und der General Kissoff glauben mochtenMan srach zwar nicht officiell davon ja nicht einmal officiös da die Zungen jetzt noch nicht gelöst waren aber verschiedene hochgestellte Personen hatten doch mehr oder weniger genaue Berichte erhalten über die Vorgänge jenseit der Grenze
Was man nur so vom Hörensagen wußte davon unterhielt man sich nicht nicht einmal die Mitglieder der Dilomatie unter einander; zwei Eingeladene aber welche weder eine Uniform noch sonst welche Auszeichnunals berechtigt zu dieser Festlichkeit kennzeichnete srachen mit gedämfter Stimme über diese Angelegenheit und schienen sehr genaue Informationen zu besitzen
Auf welchem Wege durch welches Zwischenmittel wußten aber diese beiden einfachen Sterblichen das was andere und selbst sehr einflußreiche Personen kaum muthmaßten? – Niemand hätte das sagen könnenWaren sie mit einem Vorgefühl oder mit einer Voraussicht begabt? Besaßen sie noch einen sechsten Sinn der es ihnen ermöglichte über den begrenzten Horizont hinaus zu blicken der sonst die Tragweite des Menschenauges abschließt? Hatten sie eine besonders scharfe Witterung um die geheimsten Neuigkeiten auszusüren? Sollte sich ihre Natur bei der tief eingewurzelten Gewohnheit von und durch die Information zu leben gänzlich verändert haben? Man wurde versucht das zu glauben
Diese beiden Männer der eine Engländer der andere Franzose waren lange hagere Gestalten – dieser gebräunt wie die Südländer der heißen Provence – jener roth wie ein Gentleman aus LancashireDer abgemessene kalte hlegmatische mit Bewegungen und Worten haushälterische AngloNormanne schien nur bei der Auslösuneiner Feder zu reden und zu gesticuliren die von Zeit zu Zeit in ihm wirkteDer lebhafte fast ungestüme GalloRomane dagegen srach gleichzeitimit Lien Augen und Händen und schien seine Gedanken auf zwanzigerlei Art mitzutheilen während seinem Partner nur eine zu Gebote stand welche stereotyisch in seinem Hirn fest saß
Diese hysischen Unterschiede hätten des oberflächlichen Beobachters Urtheil gewiß leicht irre führen können; der Physiognomiker aber der diese beiden Persönlichkeiten aus der Nähe beobachtete hätte den hysiologischen Contrast der sie charakterisirte gewiß in die Worte zusammen gefaßt daß der Franzose „ganz Auge“ und der Engländer „ganz Ohr“ sei
In der That hatte sich der Gesichtssinn des Einen durch den Gebrauch ganz außerordentlich geschärftSeine Netzhaut besaß dieselbe Augenblicksemfindlichkeit wie die der geübten Taschensieler welche eine Karte schon beim schnellen Mischen oder an einem so unscheinbaren Zeichen erkennen daß es jedem Anderen zweifellos entgehtDieser Franzose besaß also in höchstem Grade das was man so bezeichnend „das Gedächtniß des Auges“ nennt
Der Engländer im Gegentheil schien ganz seciell organisirt nur zu hören und in sich aufzunehmenTraf seinen Gehöraarat der Ton einer Stimme nur ein einziMal so vergaß er diesen niemals mehr und hätte diese Stimme nach zehn nach zwanziJahren unter tausend anderen wieder herausgehörtSeine Ohren besaßen zwar sicherlich nicht das Vermögen sich so zu bewegen wie die der Thiere welche mit sehr entwickelten Ohrmuskeln versehen sind; da die Gelehrten aber außer Zweifel gesetzt haben daß die äußeren Ohren des Menschen nur „nahezu“ unbeweglich sind so wäre man anzunehmen berechtigt gewesen daß die des genannten Engländers sich mußten strecken verschieben und winden können um die Schallwellen unter den günstigsten Verhältnissen aufzunehmen so daß einem Sachverständigen ihre Bewegungen wohl nicht entgangen wären
Es sei gleich hierbei bemerkt daß diese Vervollkommnundes Gesichts und Gehörs den beiden Männern bei ihrer Beschäftigunsehr zu Statten kam denn der Engländer war ein Corresondent des DailyTelegrah der Franzose Corresondent des … ja welches oder welcher Journale das sagte er nicht und wenn man ihn darum fragte so antwortete er scherzend er corresondire mit „seiner Cousine Madelaine“Im Grunde war dieser Franzose trotz seines legèren Auftretens ein sehr scharfer Beobachter und wenn er so in den Tahinein lauderte vielleicht um seine eigentliche Absicht desto mehr zu verdecken so gab er sich doch niemals eine BlößeGerade seine Redseligkeit diente ihm dazu zu schweigen und wahrscheinlich war er eigentlich verschlossener und discreter als sein College vom DailyTelegrah
Wenn Beide diesem in der Nacht vom 15zum 16Juli im Neuen Palais gegebenen Feste beiwohnten so geschah das in ihrer Eigenschaft als Journalisten und zwar zur größten Erbauunihrer Leserkreise
Es versteht sich ganz von selbst daß diese beiden Männer für ihre Mission in der Welt wirklich begeistert waren; daß sie es liebten sich wie Sürhunde auf die Fährte der unerwartetsten Neuigkeiten zu stürzen daß Nichts sie zurückschreckte oder abhielt zu ihrem Ziele zu gelangen und daß sie das absolut unerregbare kalte Blut und den wirklichen Muth dieser Helden von der Feder besaßenWahrhafte Jockeys dieser Steelechase dieser Jagd nach Neuigkeiten srangen sie über die Hecken flogen über die Flüsse setzten über die Hürden mit dem unvergleichlichen Feuereifer jener Vollblutrenner die entweder die Ersten am Ziele sein oder sterben wollen
Uebrigens geizten ihre Journale nicht mit dem Gelde jenem bis jetzt sichersten schnellsten und vollkommensten Mittel sich zu informirenZu ihrer Ehre sei aber hier eingeflochten daß weder der Eine noch der Andere je über die Mauer des Privatlebens sah oder horchte und daß sie nur dann in Thätigkeit traten wenn olitische oder sociale Interessen in’s Siel kamenMit einem Worte sie waren wie man seit den letzten Jahren zu sagen flegt „die großen olitischen und militärischen Berichterstatter“
Indeß wird man bei näherer Betrachtunsehen daß sie die Thatsachen und ihre Consequenzen meist auf besondere Art und Weise ansahen da sie eben jeder seine besondere Manier hatten zu sehen und zu urtheilenDa sie jedoch stets mit Freimuth handelten und bei jeder Gelegenheit ihr Möglichstes thaten so würde man Unrecht thun sie deshalb zu tadeln
Der französische Corresondent hieß Alcide JolivetHarry Blount war der Name des englischen ReortersSie begegneten sich eben zum ersten Male bei dem Feste im Neuen Palais über welches sie ihren Journalen Bericht erstatten wolltenDie Verschiedenheit ihres Charakters in Verbindunmit einer gewissen Geschäftsvorsicht konnte ihnen nur wenigegenseitige Symathie einflößenJedoch sie vermieden sich deshalb nicht ja sie suchten sich sogar um Einer dem Anderen die Neuigkeiten des Tages abzulockenSie waren Alles in Allem zwei Nimrods die auf dem nämlichen Gebiete jagtenWas der Eine fehlte konnte ja dem Anderen zum Schusse gelegen kommen und ihr Interesse verlangte es daß sie immer so weit Fühlunbehielten um einander zu sehen und zu hören
An diesem Abend befanden sich Beide auf dem AnstandeOffenbar laetwas in der Luft
„Und wenn’s nur ein Volk Enten wäre sagte sich Alcide Jolivet einen Flintenschuß wird’s doch werth sein!“
Die beiden Corresondenten kamen also in ein Gesräch während des Balles kurze Zeit nachdem General Kissoff die Salons verlassen hatte und Beide kloften erst gegenseitiauf den Busch
„Wahrlich mein Herr dieses kleine Fest ist reizend! begann Alcide Jolivet mit der liebenswürdigsten Miene von der Welt die Unterhaltunmit dieser ausgesrochen französischen Phrase einleitend
— Ich habe schon telegrahirt: slendid! antwortete frostiHarry Blount mit besonderer Betonundieses Wortes welches jeder Bürger des Vereinigten Königreichs als Ausdruck seiner Bewunderunzu gebrauchen flegt
— Ich jedoch fügte Alcide Jolivet hinzu glaubte meiner Cousine …
— Ihrer Cousine?… wiederholte Harry Blount erstaunt indem er seinen Collegen unterbrach
— Ja wohl fuhr Alcide Jolivet fort ich stehe mit meiner Cousine Madelaine in Briefwechsel sie hat es gern schnell Alles zu erfahren meine Cousine!… Ich glaubte ihr also mittheilen zu müssen daß die Stirn des Souveräns bei diesem Feste doch von einigen Wölkchen beschattet gewesen sei
— Mir dagegen schien sie strahlend frei antwortete Harry Blount der wahrscheinlich seine Ansicht über diesen Gegenstand zu verbergen suchte
— Und in Folge dessen haben Sie sie auch in den Salten des DailyTelegrah ‚strahlen‘ lassen?
— Gewiß
— Erinnern Sie sich Herr Blount srach Alcide Jolivet weiter was im Jahre 1812 in Zakret vorgekommen ist?
— So genau als ob ich dabei gewesen wäre erwiderte der englische Reorter
— Nun sagte Alcide Jolivet so ist Ihnen bekannt daß man bei einem dem Kaiser Alexander zu Ehren gegebenen Feste diesem die Nachricht brachte daß Naoleon mit der französischen Vorhut soeben den Niemen überschritten habeDer Kaiser verließ jedoch das Fest nicht trotz der Wichtigkeit dieser Nachricht die ihm seine Herrschaft kosten konnte und bekämfte äußerlich jede Unruhe …
— So weniwie unser Wirth eine solche zeigte als ihm General Kissoff die Meldunmachte daß die telegrahischen Verbindungen zwischen der Grenze und dem Gouvernement von Irkutsk unterbrochen seien
— Ah Sie kennen diese Einzelheiten?
— Ich kenne sie
— Ich muß wohl davon unterrichtet sein da mein letztes Telegramm bis Udinsk gelangt ist bemerkte Alcide Jolivet mit einer gewissen Genugthuung
— Und die meinigen nur bis Krasnojarsk erwiderte Harry Blount etwas unwirsch
— So wissen Sie auch daß schon Befehle an die Truen von Nicolajewsk abgegangen sind?
— Ja wohl mein Herr gleichzeitials man den Kosaken des Gouvernements Tobolsk telegrahisch die Ordre zugehen ließ sich zu sammeln
— Sehr richtig Herr Blount auch diese Maßnahmen sind mir vollkommen bekannt und glauben Sie meine liebenswürdige Cousine wird schon morgen Einiges davon zu erzählen wissen
— Ganz so wie die Leser des DailyTelegrah davon unterrichtet sein werden Herr Jolivet
— Das kommt davon wenn man Alles sieht was ringsum vorgeht …
— Und wenn man Alles hört was gesrochen wird!
— Da wird’s einen interessanten Feldzuzu verfolgen geben
— Dem ich mich anschließe Herr Jolivet
— O dann kann sich’s treffen daß wir uns auf einem minder sicheren Terrain als das Parket dieses Saales wieder begegnen
— Wohl einem minder sicheren aber auch …
— Einem weniger glatten!“ antwortete Alcide Jolivet der seinen Collegen in den Armen auffing als dieser eben beim Rückwärtsgehen fast umgefallen wäre
Säter trennten sich die beiden Collegen ganz zufrieden zu wissen daß Keiner dem Andern um eine Nasenlänge voraus war
Jetzt srangen die Thüren der anstoßenden Säle aufDort zeigten sich verschiedene große und rächtiservirte Tafeln schwer beladen mit kostbarem Porzellan und goldenen GefäßenAuf der mittelsten für die Prinzen Prinzessinnen und die Mitglieder des dilomatischen Cors reservirten Tafel glänzte ein Tafelaufsatz von unschätzbarem Werthe aus Londoner Werkstätten und rund um dieses Meisterwerk der Juwelierarbeit siegelten sich unter dem Glanze der Lustres die unzähligen Stücken des herrlichsten Geschirrs das jemals die Manufacturen von Sèvres verlassen hatte
Die Gäste des Neuen Palais begaben sich nach den Seisesälen
In diesem Augenblicke näherte sich der General Kissoff der inzwischen zurückgekehrt war rasch dem Officier der Gardejäger
„Nun wie steht’s? fragte dieser lebhaft
— Die Telegramme gehen nicht über Tomsk hinaus Sire
— Sofort einen Courier!“
Der Officier verließ den großen Saal und zosich in ein daneben liegendes großes Gemach zurückEs war das ein mit Eichenmöbeln sehr einfach ausgestattetes Arbeitscabinet an einer Ecke des Neuen PalaisEinige Bilder darunter einzelne Oelgemälde von Horace Vernet hingen an den Wänden
Der Officier riß schnell ein Fenster auf als habe es seinen Lungen an Sauerstoff gemangelt und soauf einem mächtigen Balcon die laue Luft der schönen Julinacht ein
Vor seinen Augen breitete sich in sanftes Mondlicht gebadet eine Art Festungswerk aus in welchem sich zwischen zwei Kathedralen drei Paläste und ein Arsenal erhobenRings um dasselbe die bestimmt unterschiedenen Städte: KitaïGorod BoloïGorod und ZemlianoïGorod das ungeheure euroäische tartarische und chinesische Quartier überragt von Thürmen und Minarets von den Kueln der dreihundert Kirchen mit ihren grünen Dächern und dem silbernen Kreuz daraufEin kleiner Fluß mit vielgewundenem Laufe glänzte manchmal in den Strahlen des MondesDas Ensemble bildete eine wunderbare verschieden gefärbte Mosaik welche ein zehn Stunden langer Rahmen umschloß
Dieser Fluß war die Moskowa; diese Stadt war Moskau jenes Festungswerk war der Kreml und jener Officier der Gardejäger der mit gekreuzten Armen und träumerischer Stirn nur halb den Lärmen des Festes hörte der sich aus dem Neuen Palais über die alte Stadt der Moskowiter verbreitete – das war der Czaar
Wenn der Czaar so unerwartet und gerade in dem Augenblicke als das Fest welches er den Sitzen der Civil und Militärbehörden gab in schönstem Glanze strahlte die Salons des Neuen Palais verließ so kam das daher daß sich jenseit des Ural sehr wichtige Ereignisse vorbereitetenEs war gar nicht zu bezweifeln: eine furchtbare Invasion drohte die sibirischen Provinzen der russischen Autonomie zu entziehen
Das asiatische Rußland oder Sibirien bedeckt eine Oberfläche von 560000 Quadratmeilen (französische Lieues) und zählt etwa zwei Millionen EinwohnerEs erstreckt sich von dem Gebirgszuge des Ural der es von dem euroäischen Rußland trennt bis nach dem Gestade des Pacifischen OceansNach Süden zu schließt es Turkestan und das Chinesische Reich mit einer häufiunbestimmten Grenze ab im Norden der arktische Ocean von dem Karameere bis zur BehringsstraßeEs wird in Gouvernements oder Provinzen getheilt nämlich die von Tobolsk Jeniseisk Irkutsk Omsk und Jakutsk; ferner umfaßt es zwei Districte die von Ochotsk und von Kamschatka und besitzt endlich zwei Länder welche jetzt dem moskowitischen Sceter unterthan sind das Land der Kirghisen und das Land der Tschuktschen
Diese ungeheure Strecke von Steen in der Längenausdehnunüber 110 Graden von Westen nach Osten umfassend bildet den Deortationsort für Verbrecher das Exil für diejenigen welche ein Ukas mit Verbannunbelegte
Zwei Generalgouverneure vertreten die Oberherrschaft des Czaaren in diesem weiten ReicheDer Eine residirt in Irkutsk der Hautstadt des westlichen SibiriensDer Tchuma ein Nebenfluß des Jenisei trennt die beiden Hälften des Territoriums
Noch furcht keine Eisenbahn diese unendlichen Ebenen unter denen einige ausnehmend fruchtbar sind; kein Schienenweentlastet die reichen Mienen welche bei ihrer Ausdehnunüber große Strecken den Boden Sibiriens unter der Erde kostbarer erscheinen lassen als auf der OberflächeIm Sommer reist man daselbst im Tarantaß; im Winter im Schlitten
Eine einzige Verbindung aber eine elektrische verknüft die beiden Grenzen im Westen und im Osten Sibiriens durch einen Draht der nicht weniger als 8000 Werst (gleich 8536 Kilom) lanistNach Ueberschreitundes Ural assirt er Jekaterinburg Kassimow Tiumen Ichim Omsk Elamsk Kolyvan Tomsk Krasnojarsk NishnyUdinsk Irkutsk VerkneNertschinsk Strelink Albazine Blagoweshensk Radde Orlomskaya Alexandrowskoë Nicolajewsk und kostet jedes bis an das äußerste Ende zu befördernde Wort 6 Rubel 19 Koeken (= fast genau 20 Mark oder 10 Gulden östr)Von Irkutsk aus verläuft eine Zweigleitunnach Kjachta an der mongolischen Grenze von wo aus die Deeschen das Wort für 30 Koeken (= 967 Pfoder 483 Kreuzer) in weiteren vierzehn Tagen bis Pekinbefördert werden
Jene Drahtleitunwar zuerst zwischen Jekaterinburund Nicolajewsk nachher vor Tomsk und einige Stunden säter zwischen Tomsk und Kolyvan durchschnitten worden
Eben deshalb hatte der Czaar nach der zweiten Mittheilung welche General Kissoff ihm machte nur geantwortet: „Sofort einen Courier!“
Seit kurzer Zeit nun stand der Czaar bewegungslos am Fenster seines Cabinets als die Huissiers wiederum dessen Thüren öffnetenDer erste Chef der Polizei erschien auf der Schwelle
„Tritt ein sagte der Czaar kurz und theile mir Alles mit was Du über Iwan Ogareff weißt
— Es ist das ein sehr gefährlicher Mann Sire erwiderte der hohe Polizeibeamte
— Er hatte den Raneines Obersten?
— Ja Sire
— Und war ein intelligenter Officier?
— Gewiß sehr intelligent aber unmöglich zu zügeln und von sinnlosem Ehrgeiz der vor nichts zurückschreckteEr verwickelte sich sehr bald in verschiedene Intriguen und wurde damals von Srkaiserlichen Hoheit dem Großfürsten erst degradirt und säter nach Sibirien verwiesen
— Wann ungefähr?
— Vor etwa zwei JahrenNach sechsmonatlicher Verbannundurch EwMajestät Gnade erlöst kehrte er nach Rußland zurück
— Und seit dieser Zeit wandte er sich nicht wieder nach Sibirien?
— Doch Sire aber diesmal kehrte er freiwillidahin zurück“ antwortete der Chef der Polizei
Dann fügte er mit etwas zurückgehaltener Stimme hinzu:
„Es gab eine Zeit Sire da man nicht zurückkehrte wenn man nach Sibirien ging!
— Masein so lange ich lebe soll aber Sibirien ein Land sein aus dem man auch wiederkehrt!“
Der Czaar hatte wohl ein Recht auf diese Worte einen besonderen Ausdruck zu legen denn wiederholt hatte er durch seine Milde bewiesen daß die russische Justiz auch zu verzeihen vermöge
Der Polizeichef erwiderte nichts aber offenbar war er kein Freund von halben MaßregelnSeiner Ansicht nach durfte Keiner der den Ural unter Bedeckunvon Gensdarmen überschritten hatte jemals daran denken es noch einmal zu thunAnders war es aber jetzt unter der neuen Regierung und der Chef der Polizei bedauerte das aufrichtigWie! Es sollte keine andere Verbannunauf Lebenszeit mehr geben als für Verbrechen gegen das gemeine Recht? Politische Sträflinge kehrten von Tobolsk von Jakutsk von Irkutsk in das Vaterland zurück? Wahrlich der Polizeichef gewöhnt an die autokratischen Ukase welche jede Amnestie ausschlossen konnte sich mit dieser Art und Weise zu regieren niemals aussöhnenDoch er schwieund wartete es ab daß der Czaar ihn weiter fragen werde
Das ließ nicht lange auf sich warten
„Ist Iwan Ogareff begann der Czaar nach dieser Reise nach den sibirischen Provinzen einer Reise übrigens deren eigentlicher Zweck wohl unerkannt blieb nicht auch ein zweites Mal nach Rußland gekommen?
— Gewiß Sire
— Und seit dieser Rückkehr hat die Polizei seine Sur verloren?
— O nein denn ein Verbannter wird von dem Tage seiner Begnadigunan erst gefährlich!“
Ueber die Stirn des Czaaren floeine leichte WolkeVielleicht fürchtete der Polizeichef etwas zu weit gegangen zu sein obwohl das Festhalten seiner Ideen gewiß nicht größer und stärker war als seine unbegrenzte Ergebenheit gegen seinen HerrnDer Czaar aber der solche indirecte Vorwürfe bezüglich seiner innern Politik unbeachtet ließ fuhr einfach in seiner Fragestellunfort:
„Und wo befand sich Iwan Ogareff zuletzt?
— Im Gouvernement von Perm
— In welcher Stadt?
— In Perm selbst
— Was that er daselbst?
— Er schien unbeschäftigt und erregte durch seine Lebensweise keinerlei Verdacht
— Er stand nicht unter olizeilicher Aufsicht?
— Nein Sire
— Zu welcher Zeit hat er Perm verlassen?
— Etwa im März
— Und wandte sich wohin?
— Das ist mir unbekannt
— Seit dieser Zeit weiß man auch nicht was aus ihm geworden ist?
— Niemand weiß es
— Recht schön aber ich ich weiß es! antwortete der CzaarGeheime Nachrichten welche die Bureaux der Polizei nicht assirten sind an mich gelangt und in Berücksichtigunder Thatsachen welche sich jetzt jenseit der Grenze vollziehen habe ich allen Grund an die Richtigkeit derselben zu glauben!
— Wollen Sie damit sagen Sire rief der Polizeichef daß Iwan Ogareff bei der TartarenInvasion die Hand im Siele habe?
— Ja General und ich will Dir auch sagen was Du noch nicht weißtIwan Ogareff überschritt nachdem er das Gouvernement Perm verlassen den UralEr begab sich nach Sibirien in die Steen der Kirghisen und hat dort nicht ohne Erfoldie Nomadenvölker aufzuwiegeln gesuchtDarauf hat er sich weiter nach Süden bis nach dem unabhängigen Turkestan begebenDort fand er in den Khanaten von Bukhara Khokhand und Kunduz Häutlinge welche bereit waren ihre Tartarenhorden in die sibirischen Provinzen zu werfen und einen allgemeinen Aufstand gegen die russische Herrschaft in Asien hervorzurufenDie ganze Bewegunist sehr geheim geschürt worden sie bricht aber jetzt wie ein Donnerschlaaus und schon sind alle Wege und Communicationsmittel zwischen dem östlichen und dem westlichen Sibirien abgeschnitten! Dazu trachtet Iwan Ogareff von Rache getrieben meinem Bruder nach dem Leben!“
Als er so srach war der Czaar erregter geworden und ginmit raschen Schritten auf und niederDer erste Chef der Polizei erwiderte kein Wort aber er sagte sich daß Iwan Ogareff’s Pläne zur Zeit als die Selbstherrscher aller Reußen niemals einen Exilirten begnadigten nicht hätten zur Reife gedeihen können
Still vergingen einige Augenblicke dann näherte er sich dem Czaaren der sich in einen Fauteuil geworfen hatte
„EwMajestät sagte er haben unzweifelhaft Befehl gegeben daß dieser Einfall so schnell als möglich zurückgewiesen wird?
— Ja antwortete der CzaarDas letzte Telegramm das NishnyUdinsk hat erreichen können hat auch die Truen der Gouvernements Jeniseisk Irkutsk und Jakutsk sowie diejenigen der Amurrovinzen und des Baikalsees in Bewegunsetzen müssenGleichzeitiziehen die Regimenter von Perm und NishnyNowgorod in Eilmärschen nach der Grenze am Ural; leider brauchen sie aber mehrere Wochen bevor ein Zusammentreffen mit den Tartarenhorden möglich ist!
— Und EwMajestät Bruder SekaiserlHoheit der Großfürst der in diesem Augenblicke allein im Gouvernement Irkutsk weilt steht mit Moskau in keiner directen Verbindunmehr?
— Nein
— Er muß aus den letzten Deeschen aber die Maßregeln EwMajestät erfahren haben und auch wissen welche Hilfe er aus den Irkutsk zunächst gelegenen Gouvernements zu erwarten hat?
— Das ist ihm bekannt erwiderte der Czaar er weiß aber nicht daß Iwan Ogareff sich unter falschem Namen bei ihm zu dienen anbieten wirdGelanes ihm dann sein Vertrauen zu gewinnen so wird er wenn die Tartaren Irkutsk angreifen die Stadt ausliefern nebst meinem Bruder dessen Leben unmittelbar bedroht istDas sind die Nachrichten welche ich erhielt die aber der Großfürst nicht kennt und folglich sofort erfahren muß!
— Nun wohl Sire ein tüchtiger muthiger Courier …
— Den erwarte ich
— Und beeilen muß er sich fügte der Chef der Polizei hinzu denn Sie gestatten mir auszusrechen Sire daß dieses ganze Sibirien zur Rebellion sehr geneigt ist!
— Glaubst Du General daß die Sträflinge mit den Feinden gemeinschaftliche Sache machen könnten? rief der Czaar der bei dieser Andeutundes Polizeichefs ganz außer sich gerieth
— Verzeihung Majestät!… entgegnete stammelnd der Chef des Polizeiwesens denn wirklich war das der Gedanke gewesen der in seinem unruhigen und mißtrauischen Kofe aufgestiegen war
— Ich traue den Verbannten mehr Vaterlandsliebe zu! erwiderte der Czaar
— In Sibirien befinden sich auch andere Sträflinge als die olitischen Verbannten antwortete der Polizeichef
— Die Verbrecher! O General die überlasse ich Dir! Das ist der Auswurf des menschlichen Geschlechts; diese haben überhaut kein VaterlandDie Erhebung oder vielmehr der Einfall ist aber nicht gegen den Kaiser gerichtet sondern gegen Rußland gegen die Heimat welche die Verbannten doch noch einmal wieder zu sehen hoffen und die sie wieder sehen werden!… Nein nein nie wird ein Russe sich auch nur eine Stunde lanmit einem Tartaren verbinden um die moskowitische Macht zu untergraben und zu schwächen!“
Der Czaar war berechtigt an den Patriotismus Derjenigen zu glauben die seine Politik zeitweiliverbannt hatteJene Milde der Grundzuseiner Justiz wenn er dieselbe selbst handhabte die weitgehenden Erleichterungen bei Ausführunder früher so schrecklichen Ukase garantirten ihm daß er sich hierin nicht täuscheAber auch ohne diese mächtige Beihilfe zu einem Erfolge der TartarenInvasion gestaltete sich die Sachlage überaus ernst denn es stand mindestens zu befürchten daß sich ein großer Theil der Kirghisenbevölkerunden Angreifern anschließen werde
Die Kirghisen zerfallen in drei Horden die Große die Kleine und die Mittlere und zählen etwa 40000 „Zelte“ dhgegen 2000000 SeelenVon diesen verschiedenen Tribus sind die Einen ganz unabhängig Andere erkennen entweder die russische Oberhoheit an oder die der Khanate von Khiwa Khokhand oder Bukhara dhder mächtigsten Häutlinge von TurkestanDie Mittlere Horde die rechte ist übrigens auch die bedeutendste und ihre Lager bedecken den ganzen Raum zwischen den Wasserläufen des SaraSu des Irtysch des obern Thim und dem Hadisang und AksakalseeDie Große Horde welche die östlich von der Mittleren gelegenen Gegenden bewohnt dehnt sich bis zu den Gouvernements Omsk und Tobolsk ausEmörten sich diese Kirghisenvölker so überschwemmten sie das asiatische Rußland und rissen Sibirien östlich vom Jenisei los
Zwar sind diese Kirghisen nur Neulinge in der Kriegskunst und weit mehr nächtliche Räuber oder gewohnt die Karawanen zu überfallen als reguläre SoldatenLevchine sagte von ihnen: „Eine geschlossene Front oder ein Quarré tüchtiger Infanterie widersteht einer zehnfach größeren Anzahl Kirghisen und eine einzige Kanone richtet sie in Massen zu Grunde“
Das mawohl wahr sein aber erst ist es doch nöthig daß ein Quarré Infanterie in dem emörten Lande bei der Hand sei und daß die Feuerschlünde die Artilleriearks der russischen Provinzen verlassen welche immerhin zwei bis dreitausend Werst entfernt sindAußer auf der directen Straße von Jekaterinburnach Irkutsk sind aber die häufisumfigen Steen nur schwieriassirbar und mehrere Wochen mußten unzweifelhaft vergehen bevor die russischen Truen in die Lage kamen die Tartarenhorden zu Paaren zu treiben
Omsk das Centrum der Militärorganisation von Westsibirien ist dazu bestimmt die Kirghisenbevölkerunin Resect zu erhaltenDort verlaufen die Grenzen welche die halbunterjochten Nomaden wiederholt verletzt haben und im Kriegsministerium nahm man nicht ohne Ursache an daß Omsk schon sehr bedroht seiDie Linie der Militärcolonien dhder Kosakenosten welche von Omsk bis Semialatinsk vertheilt sind war gewiß an verschiedenen Punkten durchbrochen und es stand zu befürchten daß die „Großsultane“ welche die Kirghisendistricte regieren entweder freiwillioder gezwungen die Herrschaft der Tartaren Muselmänner so wie sie selbst anerkannten und dabei der durch ihre Botmäßigkeit schon genährte Haß sich durch den Antagonismus der muselmännischen und griechischen Religion verstärkte
Schon seit langer Zeit suchten thatsächlich die Tartaren von Turkestan und vor Allen die aus den Khanaten von Bukhara Khiwa und Khokhand durch Gewalt ebenso wie durch Ueberredung die Kirghisenhorden dem moskowitischen Sceter zu entreißen
Ueber diese Tartaren nur einige Worte
Seciell gehören die Tartaren zu zwei verschiedenen Racen der kaukasischen und der mongolischen Menschenrace
Die kaukasische Race diejenige von der Avon Rémusat sagt „daß sie in Euroa als der Tyus der Schönheit unserer Menschenklassen angesehen wird weil alle Völker dieses Erdtheiles von ihr abstammen“ umfaßt unter demselben Namen die Türken und die Eingeborenen ersischer Abkunft
Die rein mongolische Race finden wir bei den Mongolen den Mandschus und den Thibetanern
Die Tartaren welche damals das russische Reich bedrohten gehörten zur kaukasischen Race und waren vorzüglich in Turkestan zu HauseDieses weite Gebiet wird in verschiedene Staaten getheilt welche von Khans daher auch der Name Khanat regiert werdenDie wichtigsten Khanate sind die von Bukhara Khokhand Kunduz usw
Das Khanat von Bukhara war jener Zeit das einflußreichste und mächtigsteSchon mehrmals hatte Rußland Kriegeführt mit seinen Häutlingen welche aus ersönlichem Interesse und um sie unter ihr Joch zu beugen die Unabhängigkeit der Kirghisen gegen die moskowitische Herrschaft vertheidigtenDer dermalige Häutling FeofarKhan folgte ganz den Fußstafen seiner Vorgänger
Dieses Khanat von Bukhara erstreckt sich von Süden nach Norden vom 37bis zum 41Breitengrade von Osten nach Westen vom 61bis 66Längengrade dhüber eine Fläche von gegen 10000 Quadratmeilen
Die Bevölkerundes Staates schätzt man auf 2500000 Einwohner mit einer Armee von 60000 Mann Fußvolk welches in Kriegszeiten auf das Dreifache verstärkt wird und etwa 30000 ReiternEs ist ein reiches Land mit großen Schätzen aus dem Thier Pflanzen und Mineralreiche und noch durch den Hinzutritt der Territorien von Balkh Aukoï und Meïmaneh nicht unwesentlich vergrößertEs besitzt neunzehn bemerkenswerthe StädteBukhara umschlossen von einer acht englischen Meilen langen und von Thürmen flankirten Mauer eine berühmte Stadt deren schon die Ovicenna’s und andere Gelehrte des 10Jahrhunderts erwähnen wird als Mittelunkt muselmännischer Wissenschaft betrachtet und zu den Hautlätzen Centralasiens gerechnet; Samarkand mit dem Grabe Tamerlan’s und jenem berühmten Palaste mit dem blauen Stein darin auf welchen sich jeder Khan bei Antritt seiner Regierunsetzen muß wird von einer ungemein starken Citadelle vertheidigt; Karschi mit seiner dreifachen Mauer und gelegen in einer Oase mit sumfiger von Schildkröten und Eidechsen wimmelnden Umgebung erscheint fast uneinnehmbar; Tscharoschui wird von einer Volksmenge von fast 20000 Seelen vertheidigt; endlich KattaKurgan Nurata Djizah Païkande Karakul Khuzar und andere – sie alle bilden einen Kranz von schwer zu bändigenden StädtenDieses durch seine Berge geschützte und durch seine Steen isolirte Khanat von Bukhara ist demnach ein in Wahrheit zu fürchtender Staat und Rußland muß ihm stets nicht unbeträchtliche Streitkräfte entgegenwerfenDamals beherrschte nun der ehrgeizige und wilde Feofar diesen Winkel der TartareiGestützt auf die andern Khans – vorzüglich die von Khokhand und von Kunduz zwei grausame und beutegierige Kriegsmänner welche stets bereit waren sich zu betheiligen wo es ihr Interesse galt – und unter Mitwirkunder Häutlinge welche alle die Horden in Centralasien befehligten stellte er sich an die Sitze dieser Invasion deren eigentliche Seele Iwan Ogareff warDieser Verräther hatte getrieben durch einen sinnlosen Ehrgeiz und gestachelt von wildem Hasse die Bewegunso geleitet daß man zuerst die große sibirische Straße in seine Gewalt bekamIn Wahrheit ein Tollhäusler glaubte er die russische Macht brechen zu können und auf seine Anordnunüberschritt der Emir es ist das der Titel den sich die Khans von Bukhara ausnehmend beilegen die russische GrenzeEr fiel in das Gouvernement Semialatinsk ein woselbst die zu schwachen Kosakenosten sich vor seiner Uebermacht hatten zurückziehen müssenSogar über den Balkhachsee draner vor und riß die Kirghisenbevölkerunmit sich fortRaubend sengend und brennend wälzte sich der Schwarm von Stadt zu StadtWer sich unterwarf ward eingereiht in’s Heer wer Widerstand leistete umgebrachtSo draner vor gefolgt von den unausbleiblichen Anhängseln eines orientalischen Souveräns seiner aus den Frauen und Sklaven bestehenden Hausdienerschaft – immer mit der gedankenlosen Tollkühnheit eines modernen GengisKhan
Wo stand er in diesem Augenblicke? Bis wohin waren seine Schaaren zu der Stunde vorgedrungen als die Nachricht von dem Einfall nach Moskau gelangte?
Bis zu welchem Punkte in Sibirien hatten die russischen Truen zurückweichen müssen? – Niemand vermochte das zu sagenDie Verbindungen waren gestörtHatten den Draht zwischen Kolyvan und Tomsk aber nur einige Reiter aus der Vorhut der Tartarenarmee zerschnitten oder überzoschon der Emir selbst die Provinzen von Jeniseisk? Stand das ganze südliche Westsibirien in Flammen? Reichte die Emörunschon bis nach den Gebieten im Osten? – Keiner wußte esDer einzige Kundschafter der weder die Kälte noch die Hitze fürchtet weder die Rauhigkeit des Winters noch die verdorrende Gluth des Sommers und der dahin fliegt mit der rasenden Schnelligkeit des Blitzes der elektrische Funke konnte nicht mehr durch die Steen laufen war außer Stande den Großfürsten zu benachrichtigen von der Gefahr die ihm in Irkutsk durch den Verrath Iwan Ogareff’s bedrohte
Nur ein Courier konnte den unterbrochenen Strom einigermaßen ersetzenDieser Mann bedurfte einer gewissen Zeit um die 5200 Werst (= 5523 Kilom) von Moskau bis Irkutsk zurückzulegenEr mußte um die Haufen der Rebellen und der Feinde zu durchbrechen einen so zu sagen übermenschlichen Muth und eben solche Klugheit entwickelnDoch mit Kof und Herz kommt man ja weit!
„Werde ich diesen Kof und dieses Herz finden?“ fragte sich der Czaar
Bald öffnete sich die Thür des kaiserlichen Cabinets und der Huissier meldete den General Kissoff
„Nun der verlangte Courier? fragte rasch der Czaar
— Ist schon da Sire antwortete der General
— Du hast einen geeigneten Mann gefunden?
— Ich wage mich EwMajestät dafür zu verbürgen
— Stand er in Palastdiensten?
— Ja Sire
— Du kennst ihn?
— Persönlich; und mehrmals hat er schon schwierige Missionen zur Zufriedenheit ausgeführt
— Im Auslande?
— Gerade in Sibirien
— Woher ist er?
— Aus Omsk also selbst ein Sibirier
— Er besitzt kaltes Blut Intelligenz und Muth?
— Gewiß Sire er besitzt alle Eigenschaften auch da zu reussiren wo Andere vielleicht scheitern könnten
— Wie alt?
— DreißiJahre
— Es ist ein gesunder kräftiger Mann?
— Sire er vermaFrost Hunger Durst und Anstrengunbis zum Aeußersten zu ertragen
— Er hat einen Körer von Stahl?
— Ohne Zweifel Sire
— Und ein Herz?…
— Ein Herz von Gold
— Sein Name?
— Michael Strogoff
— Er ist bereit abzureisen?
— Im Saale der Garden erwartet er EwMajestät Befehle
— Er soll hierher kommen“ sagte der Czaar
Einige Augenblicke säter trat Michael Strogoff in das Cabinet des Kaisers ein
Michael Strogoff war hochgewachsen kräftig hatte breite Schultern und eine volle BrustSein mächtiger Kof zeigte die besten Merkmale kaukasischer RaceSeine wohlgebildeten Gliedmaßen erschienen wie eben so viel mechanische Hebel zur sicheren Ausführunkräftiger BewegungenDer äußerlich ansrechende Mann mit gewinnendem Auftreten schien nicht leicht wider Willen aus seiner Stellungebracht werden zu können denn wenn er seine Füße auf den Boden gesetzt hatte schienen sie schon mehr darin zu wurzelnAuf seinem nicht eben kleinen Kof mit breiter Stirn kräuselte sich üiges Haar das in Locken herabfiel wenn er es mit der moskowitischen Mütze bedeckteVeränderte sich sein gewöhnlich etwas blasses Gesicht so geschah das nur wenn ihm das Herz schneller schlug unter dem Einflusse einer beschleunigten Blutcirculation welche jenes lebhafter färbteSeine tiefblauen Augen mit geradem offenem und sicherem Blicke glänzten unter dem vollen Bogen der durch ihre Muskeln etwas zusammengezogenen Augenbrauen und verriethen seinen Muth „jenen Muth ohne Zorn den die Helden besitzen“ wie die Physiologen sagenSeine nicht zu kleine Nase beherrschte einen symmetrischen Mund mit ein wenihervorsringenden Lien jenem Zeichen eines edelmüthigen und guten Charakters
Michael Strogoff besaß das Temerament des entschiedenen Mannes der seinen Entschluß schnell zu fassen gewöhnt ist der nicht in der Ungewißheit die Nägel zernagt sich nicht im Zweifel hinter den Ohren kraut und nicht unentschlossen mit den Füßen stamftKarin Bewegungen und Worten stand er vor seinem Vorgesetzten still wie ein Soldat; wenn er jedoch ging so zeigte seine Haltuneine große Leichtigkeit eine auffallende Sicherheit der Bewegungen – ein Zeichen des Selbstvertrauens und der Lebhaftigkeit seines GeistesEr gehörte zu den Leuten die immer etwas vorzuhaben scheinen und die Ausführunnicht zu verzögern flegen
Michael Strogoff trueine elegante Uniform ähnlich jener des Officiercors der berittenen Feldjäger Stiefeln Soren anliegende Beinkleider und einen elzverbrämten Dolman mit gelben Schnüren auf braunem GrundeAuf seiner breiten Brust glänzten ein Kreuz und verschiedene Medaillen
Michael Strogoff gehörte zu der Secialabtheilunder Couriere des Czaaren und stand bei dieser Elitetrue in OfficiersrangGanz zweifellos erkannte man an seinem Gange seiner Physiognomie seiner ganzen Person und leicht genuerkannte es auch der Czaar daß dieser Mann gewöhnt war einem erhaltenen Befehl unbedingt nachzukommenEr besaß also eine der in Rußland schätzenswerthesten Eigenschaften eine Eigenschaft welche nach Aussage des berühmten Schriftstellers Turgénjew im Moskowitenreiche die Staffel nach den höchsten Ehrenstellen bildet
Gewiß wenn Einer diese Reise von Moskau nach Irkutsk glücklich vollenden in jenem emörten Gebiete alle Hindernisse besiegen alle Gefahren überwinden konnte so war es Michael Strogoff
Ein für das Gelingen jenes Vorhabens sehr günstiger Umstand war es daß Michael Strogoff das zu durchziehende Land vollkommen kannte und die verschiedenen Srachen desselben verstand; nicht weil er jenes schon bereist hatte sondern weil er wie erwähnt von Geburt selbst Sibirier war
Sein Vater der vor zehn Jahren verstorbene Peter Strogoff bewohnte die in dem gleichnamigen Gouvernement gelegene Stadt Omsk woselbst seine Mutter Marfa Strogoff noch jetzt lebteDort in jenen wilden Steen der Provinzen Omsk und Tobolsk war es wo der furchtbare sibirische Jäger seinen Sohn Michael „verstählt“ hatte wie der landläufige Ausdruck hießSommer und Winter im glühenden Sonnenbrande wie in der grimmigsten Kälte streifte er über die endlosen Ebenen durch die Lärchen und Weidengebüsche durch die düstern Kiefernwälder legte seine Fallen aus verfolgte das kleinere Wild mit dem Gewehre das große mit dem Sieße und dem WaidmesserUnter großem Wilde verstand man hierbei aber den sibirischen Bären eine furchtbare und sehr wilde Art welche an Größe ihren Verwandten in den Polargegenden vollständigleichkommtPeter Strogoff hatte mehr als neununddreißiBären erlegt das will sagen daß auch schon der vierzigste unter seiner Hand gefallen war – und man weiß ja wenn den Jagdgeschichten aus Rußland einigermaßen zu trauen ist wie viele Jäger bis zum neununddreißigsten Bären glücklich davon kamen und beim vierzigsten unterliegen mußten!
Peter Strogoff hatte diese Unglückszahl also überschritten ohne auch nur eine Schramme davon zu tragenVon da ab unterließ es der damals elfjährige Michael Strogoff niemals seinen Vater bei den Jagdausflügen zu begleiten wobei er die „Ragatina“ trug dheine Art Gabelsieß um seinem Vater der meist nichts als ein Messer bei sich führte im Nothfall zu Hilfe zu kommenMit dem vierzehnten Jahre hatte Michael Strogoff seinen ersten Bären erlegt und zwar ganz allein was nicht so gar viel heißen will; nachdem er diesen aber abgezogen hatte er auch das Fell des riesigen Thieres bis nach dem mehrere Werst entfernten väterlichen Hause geschlet – was bei dem Kinde eine ungewöhnliche Kraft voraussetzen ließ
Diese Lebensweise bekam ihm gut und als er das Mannesalter erreichte vermochte er Alles zu ertragen Frost und Hitze Hunger und Durst Mühsal und Plage
Er war mit einem Wort so wie die Jakuten des unwirthbaren Nordens ein ganzer Mann von EisenEr hielt leicht vierundzwanziStunden aus ohne etwas zu essen zehn Nächte ohne zu schlafen und begnügte sich mit einem Lager in der freien Stee wo tausend Andere sich zum Tode erkältet hättenBegabt mit unendlich feinen Sinnen durch die weiße Ebene geführt von einem reinen Delawareninstinct wenn auch der Nebel den ganzen Horizont verhüllte und das selbst in höhern Breiten wo die Polarnacht schon mehrere Tage anhält fand er doch immer seinen richtigen Weg wo Andere nicht mehr gewußt hätten wohin sie den Fuß setzen solltenAlle Geheimnisse seines Vaters waren auch ihm bekanntEr wußte sich nach kaum bemerkenswerthen Anzeichen zu richten nach der Lage der Eisnadeln der Stellunder dünnsten Baumzweige nach schwachen Gerüchen welche von außerhalb der Grenze des Horizontes herkamen nach der Sur der Blätter im Walde nach den schwächsten Geräuschen in der Luft oder nach entfernten Detonationen wie nach dem Zuge der Vögel in der dunstigen Atmoshäre – nach tausend Einzelheiten welche für den Kenner eben so viel Wahrzeichen sindDabei hatte er der von dem Schneetreiben abgehärtet war wie der Stahl in den Wassern von Damascus wirklich eine Gesundheit von Eisen und doch wie der General Kissoff ganz richtigesagt hatte dabei ein Herz von Gold
Eine einzige Leidenschaft besaß Michael Strogoff die Liebe zu seiner alten Mutter Marfa welche nicht zu bewegen gewesen war das alte Haus der Strogoff’s in Omsk an der Grenze von Irtysch zu verlassen in dem sie so lange Zeit mit dem alten Jäger vereint gelebt hatteAls der Sohn sie verließ geschah es um seinem Triebe nach einem größeren Wirkungskreise zu genügen; aber er versrach ihr dabei stets zeitweilizu ihr zurückzukehren sobald die Umstände es erlaubten – ein Versrechen das mit religiöser Strenge eingehalten wurde
Es war beschlossen worden daß Michael Strogoff mit seinem zwanzigsten Jahre in den ersönlichen Dienst des Kaisers von Rußland eintreten sollte und zwar in das Cors der Couriere des CzaarenDer kühne intelligente eifrige und sich wacker aufführende junge Sibirier fand die erste Gelegenheit sich auszuzeichnen bei einer Sendunnach dem Kaukasus mitten durch das von einigen unruhigen Nachfolgern Schamyl’s aufgewühlte Land; säter bei einer wichtigen Mission welche ihn bis Petroolawsk in Kamtschatka nach den äußersten Grenzen des asiatischen Rußland führteWährend dieser so weiten Reisen legte er wiederholte Proben seiner ausgezeichneten Eigenschaften seiner Kaltblütigkeit Klugheit und seines Muthes ab welche ihm die Anerkennunund das Wohlwollen seiner Vorgesetzten erwarben und seine Carrière beschleunigtenDen ihm nach so mühseligen Exeditionen mit Recht zukommenden Urlaub versäumte er nie seiner alten Mutter zu widmen – und wenn er auch Tausende von Wersten entfernt war von ihr und der Winter alle Wege fast ungangbar machteJetzt hatte Michael Strogoff der im Süden des Reichs vielfach beschäftigt wurde die alte Marfa zum ersten Male seit drei Jahren für ihn drei Jahrhunderte – nicht gesehen! In weniTagen sollte er seinen reglementsmäßigen Urlaub antreten und hatte auch schon alle Vorbereitungen zur Reise nach Omsk getroffen als die uns schon bekannten Ereignisse eintraten
Michael Strogoff wurde vor den Czaaren geführt in vollständiger Unkenntniß dessen was derselbe von ihm verlangen würde
Einige Augenblicke betrachtete ihn der Czaar ohne ein Wort zu reden mit durchdringendem Blicke während Michael Strogoff unbeweglich stehen blieb
Dann wendete sich der Czaar offenbar befriedigt von dieser Vorrüfung nach seinem Schreibtische machte dem Chef der Polizei ein Zeichen sich dahin zu setzen und dictirte ihm mit leiser Stimme einen Brief von weniZeilen
Nach Vollendundes Schreibens durchlas es der Kaiser noch einmal mit größter Aufmerksamkeit und unterzeichnete es nachdem er seinem Namen noch die Worte: „Byt o semu“ welche „So geschehe es“ bedeuten und eine gewöhnliche Bestätigungsformel der russischen Kaiser ausmachen vorgesetzt hatte
Der Brief ward dann in ein Couvert gesteckt und mit einem Siegel mit dem kaiserlichen Waen verschlossen
Der Czaar erhob das Schriftstück und winkte Michael Strogoff sich zu nähern
Dieser that dann einige Schritte vorwärts und blieb wieder unbeweglich vor seinem Kaiser stehen
Noch einmal sah der Czaar ihn durchdringend Auge in Auge in’s GesichtDann begann er:
„Dein Name?
— Michael Strogoff Sire
— Deine Stellung?
— Kaitän bei den Courieren des Czaaren
— Du kennst Sibirien?
— Ich stamme daher
— Du bist geboren?
— In Omsk
— Hast Du Verwandte in Omsk?
— Meine alte Mutter“
Der Czaar unterbrach einen Augenblick die Reihe seiner AnfragenDann fuhr er fort indem er dem Courier den Brief zeigte den er in der Hand hielt:
„Hier ist ein Brief den ich Dich Michael Strogoff beauftrage dem Großfürsten eigenhändig keinem keinem Anderen! – zu überliefern
— Ich werde ihn besorgen Sire
— Der Großfürst befindet sich in Irkutsk
— Ich werde nach Irkutsk gehen
— Es handelt sich hier aber darum ein von Rebellen unsicher gemachtes von den Tartaren überfallenes Land zu durchreisen in welchem jene Meuterer ein Interesse haben könnten diesen Brief aufzufangen
— Ich werde hindurch kommen
— Und wirst Dich vor Allem vor einem Verräther Iwan Ogareff zu hüten haben dem Du auf dem Wege vielleicht begegnen könntest
— Ich werde ihm auszuweichen wissen
— Kommst Du über Omsk?
— Mein Weführt mich dahin
— Wenn Du Deine Mutter sehen wolltest würdest Du Gefahr laufen erkannt zu werdenDu darfst Deine Mutter nicht besuchen!“
Michael Strogoff zögerte einen Augenblick mit seiner Antwort
„Ich werde sie nicht sehen sagte er
— Schwöre mir daß nichts Dich vermögen wird Dir zu entlocken wer Du bist und wohin Du gehst
— Ich schwöre es
— Michael Strogoff fuhr der Czaar fort indem er dem jungen Courier das Schreiben einhändigte so nimm diesen Brief von dem das Heil Sibiriens und vielleicht das Leben meines Bruders des Großfürsten abhängt
— Dieser Brief wird in die Hand SrHoheit des Großfürsten gelangen
— Du wirst also auf jeden Fall durchzudringen suchen?
— Ich dringe hindurch überall bis man mich tödtet
— Ich bedarf aber Deines Lebens
— Ich werde auch lebend durch Sibirien kommen“ antwortete Michael Strogoff
Der Czaar schien mit der einfachen und ruhigen Sicherheit der Antworten Michael Strogoff’s wohl zufrieden
„So geh’ also Michael Strogoff sagte er geh’ mit Gott für Rußland für meinen Bruder und für mich!“
Michael Strogoff grüßte militärisch verließ sofort das Cabinet des Kaisers und wenige Minuten säter das Neue Palais
„Ich glaube Du hast eine glückliche Hand gehabt General sagte der Czaar
— Ich glaube es Sire antwortete General Kissoff und EwMajestät können versichert sein daß Michael Strogoff alles thun wird was ein Mann zu leisten vermag
— In der That das schien ein ganzer Mann zu sein!“ bemerkte der Czaar
Die Entfernung welche Michael Strogoff von Moskau nach Irkutsk zurückzulegen hatte betru5200 Werst (= 5523 Kilom)Als noch kein Telegrahendraht den Zwischenraum zwischen den Bergen des Ural und der Ostküste Sibiriens übersannte wurde der Deeschendienst durch Couriere versehen deren schnellster mindestens achtzehn Tage bedurfte um sich von Moskau nach Irkutsk zu begebenDas war aber nur eine Ausnahme und dauerte die Reise durch das asiatische Rußland gewöhnlich vier bis fünf Wochen obwohl alle Beförderungsmittel den Abgesandten des Czaaren zur Verfügungestellt wurden
Als ein Mann der weder Frost noch Schnee fürchtete hätte es Michael Strogoff vorgezogen während der rauhen Winterszeit zu reisen welche es erlaubt die ganze Strecke zu Schlitten zurückzulegenDann sind alle Schwierigkeiten mit denen man sonst des Fortkommens wegen zu kämfen hat bei der Nivellirunder endlosen Steen durch den Schnee merklich vermindertKein Wasserlauf tritt hindernd in den WegUeberall die glatte Eisfläche auf welcher der Schlitten leicht und schnell dahin gleitetZwar sind zu dieser Zeit gelegentlich wohl verschiedene Naturerscheinungen zu fürchten wie andauernde dicke Nebel sehr strenge Kälte lange andauerndes furchtbares Schneetreiben dessen Wirbel manchmal ganze Karawanen verwehen und begrabenEs kommt wohl auch vor daß von Hunger gequälte Wölfe die Ebenen zu Tausenden bedeckenDoch immer wäre es noch besser gewesen sich diesen Gefahren auszusetzen denn bei solch’ hartem Winter mußten die tartarischen Eindringlinge sich vorzugsweise in den Städten aufhalten ihre Marodeure hätten die Steen nicht unsicher gemacht jede Truenbewegunwäre unausführbar gewesen und Michael Strogoff leichter hindurch gekommenIndeß er konnte weder Zeit noch Stunde selbst wählenWie auch die Umstände lagen er mußte sie hinnehmen und abreisen
Derart war also die Lage welche Michael Strogoff klar überschaute und er richtete sich darauf ein sich mit ihr abzufinden
Dazu kamen ihm nicht die gewöhnlichen Verhältnisse eines Couriers des Czaaren zu StattenIm Gegentheil durfte Niemand während seiner Fahrt diese Eigenschaft vermuthenIn einem von Feinden überschwemmten Lande wimmelt es auch von SionenWard er erkannt so war auch seine Mission comromittirtAuch als General Kissoff ihm eine bedeutende Summe einhändigte welche zur Reise hinreichen und dieselbe nach Möglichkeit erleichtern mußte gab er ihm keinerlei schriftliche Ordre mit der Bezeichnung: „Secialdienst des Kaisers“ das Sesam dessen Kräfte nie versagenEr begnügte sich ihm nur einen „Podaroshna“ auszustellen
Dieser Podaroshna lautete auf den Namen eines Kaufmanns Nicolaus Koranoff wohnhaft in IrkutskEr berechtigte denselben sich gegebenen Falles von einer oder mehreren Personen begleiten zu lassen und daneben enthielt er die ausdrückliche Bemerkung daß er selbst dann giltisei wenn das Gouvernement von Moskau auch jedem Anderen den Austritt aus Rußland verbieten sollte
Der Podaroshna war nichts Anderes als ein Erlaubnißschein Postferde zu requiriren; Michael Strogoff aber sollte davon nur Gebrauch machen in dem Falle wenn dieser Schein keinen Verdacht bezüglich seiner Eigenschaft hervorrufen konnte dhso lange er sich auf euroäischem Boden befandHieraus folgte daß er in Sibirien wenn er die aufständischen Provinzen durchreiste sich nicht als Gebieter den Postrelais gegenüber benehmen noch sich vor Anderen Pferde verschaffen noch endlich Transortmittel für seine eigene Person requiriren konnteMichael Strogoff durfte das nicht vergessen; er war nicht mehr ein Courier sondern ein einfacher Kaufmann Nicolaus Koranoff der sich von Moskau nach Irkutsk begab und als solcher allen Zufälligkeiten einer gewöhnlichen Reise unterworfen
Unbemerkt hindurch zu kommen – ob mehr oder weniger schnell – aber jedenfalls hindurch zu kommen darin laseine Aufgabe
Vor dreißiJahren bestand die Escorte eines Reisenden von Stand aus nicht weniger als zweihundert berittenen Kosaken zweihundert Mann Fußvolk fünfundzwanziBaskiren zu Pferde dreihundert Kameelen vierhundert Pferden fünfundzwanziWagen zwei tragbaren Booten und zwei Stück KanonenDas war das nöthige Material bei einer Reise durch Sibirien
Michael Strogoff freilich sollte weder Reiter noch Fußsoldaten oder Saumthiere habenEr reiste zu Wagen zu Pferde wenn das möglich war; zu Fuß wenn es nicht anders anging
Die ersten 1400 Werst (= 1493 Kilom) die Strecke zwischen Moskau und der Grenze Rußlands konnten keine besonderen Schwierigkeiten bietenEisenbahnen Postwagen Pferde zum Wechseln an verschiedenen Stationen Damfschiffe – standen hier Jedermann zur Verfügunund waren folglich auch dem Courier des Czaaren zur Hand
Am Morgen des 16Juli begab sich Michael Strogoff ohne jede Uniform aber mit einem Reisesack den er auf dem Rücken trug bekleidet mit einem gewöhnlichen russischen Anzug einem an der Taille geschlossenen Oberrock dem herkömmlichen Mujik (Gürtel) weiten Beinkleidern und an den Knöcheln anschließenden Stiefeln nach dem Bahnhofe um den nächsten Zuzu benutzenEr führte wenigstens dem Anscheine nach keine Waffen bei sich unter dem Gürtel aber stak ein Revolver und in seiner Tasche einer jener langen Dolche welche das Mittel zwischen dem Messer und dem Yatagan bilden und mit dem ein sibirischer Jäger einen Bären sauber auszuweiden im Stande ist ohne dessen kostbares Fell zu beschädigen
Auf dem Bahnhofe in Moskau war ein ansehnliches MenschengedrängeDie Perrons der russischen Eisenbahnen bilden häufigewissermaßen Versammlungsörter ebensowohl für Diejenigen welche abreisen als für Solche welche der Abfahrt nur zusehenDort ist fast eine kleine Börse für Neuigkeiten
Der Zug den Michael Strogoff benutzte sollte ihn nach NishnyNowgorod führenDort war jener Zeit das Ende des Schienenweges der Moskau mit StPetersburverbindet und bis zur Grenze Rußlands fortgeführt werden sollDie Strecke bis dahin maß etwa 400 Werst (= 426 Kilom) welche der Zuin ungefähr zehn Stunden zurücklegen mußteIn NishnyNowgorod angelangt wollte Michael Strogoff je nach den Umständen entweder zu Lande weiter reisen oder die Wolgadamfboote benutzen um die Berge des Ural so schnell als möglich zu erreichen
Michael Strogoff machte es sich in seiner Ecke so bequem wie ein braver Bürger den seine Geschäfte nicht übermäßibeunruhigen und der sich die Zeit durch Schlafen zu vertreiben sucht
Da er in dem Coué aber nicht allein war schlief er auch nur mit einem Auge hörte aber dabei mit beiden Ohren
Der Aufstand der Kirghisenhorden und der Einfall der Tartaren machte doch schon einigermaßen von sich redenDie Leute mit denen der Zufall ihn zusammenwürfelte lauderten ebenfalls davon doch immer noch mit einer gewissen Zurückhaltung
Diese Reisenden waren ebenso wie die meisten Insassen des Zuges Kaufleute die sich zur großen Messe nach NishnyNowgorod begaben eine erklärlicher Weise sehr gemischte Gesellschaft welche aus Juden Türken Kosaken Russen Georgiern Kalmücken und Anderen bestand die sich indessen Alle der Nationalsrache bedienten
Man besrach das Für und Wider der ernsthaften Ereignisse welche sich eben jenseit des Ural absielten; auch schienen diese Kaufleute zu fürchten daß die russische Regierunsich veranlaßt sehen könnte einige beschränkende Maßregeln mindestens in den Nachbarrovinzen der asiatischen Grenze zu ergreifen – Maßregeln unter denen der Handel ohne Zweifel leiden mußte
Diese unverbesserlichen Egoisten betrachteten den Krieg dhdie Unterdrückunder Rebellion und die Abwehr jenes Einfalls nur von dem einen Standunkte ihrer bedrohten InteressenDie Anwesenheit eines einfachen Soldaten in Uniform – man weiß ja wie groß der Einfluß der Uniform gerade in Rußland ist – hätte gewiß hingereicht die Zungen dieser Handelsleute zu zügelnIn dem von Michael Strogoff benutzten Coué ließ nichts die Gegenwart einer Militärerson vermuthen und der Courier des Czaaren der sein Incognito bewahren mußte hütete sich wohl seinen wahren Charakter zu verrathen
Er horchte gesannt
„Man sricht von einer Preissteigerundes Karawanenthees sagte ein Perser den man an seiner mit Astrachan besetzten Mütze und dem abgetragenen braunen und weitfaltigen Rocke erkannte
— O der Thee hat auch keine Baisse zu fürchten erwiderte ein alter Jude mit verschmitzten ZügenWas davon in NishnyNowgorod am Markte ist wird nach Westen hin willigen Absatz finden; leider steht es mit den Teichen aus Bukhara aber anders
— Wie? Sie erwarten eine Sendunaus Bukhara? fragte ihn der Perser
— Das zwar nicht wohl aber aus Samarkand und Waarensendungen von dorther sind eher noch mehr gefährdetVerlassen Sie sich einmal auf Zufuhren aus einem Lande das durch die Khans von Khiva bis zur chinesischen Grenze in helle Emörungebracht ist
— Gut! meinte der Perser wenn die Teiche nicht ankommen so ist das von den Verräthern noch weniger zu erwarten denke ich
— Und der Profit? heiliger Gott Israels rief der Jude rechnen Sie den für nichts?
— Sie haben Recht mischte sich ein anderer Reisender in das Gesräch asiatische Artikel werden am Platze emfindlich fehlen; die Teiche aus Samarkand ebenso wie die Wollenwaaren die Seifen Oele und die Shawls aus dem Morgenlande
— Ei nehmen Sie sich in Acht Väterchen antwortete ein russischer Reisender mit söttelnder Miene Sie werden sich furchtbare Fettflecke in ihre Shawls bringen wenn Sie sie mit den Seifen und Oelen zusammenacken!
— Das kommt Ihnen wohl sehr komisch vor! versetzte etwas sitzider Kaufmann der solche Scherze nicht besonders liebte
— Nun und wenn man sich die Haare ausraufen und Asche auf’s Haut streuen wollte fuhr jener Reisende fort würde das den Lauf der Dinge ändern? Nein! Um keinen Deut mehr als den Transort der Meßgüter
— Man erkennt es daß Sie kein Kaufmann sind bemerkte der kleine Jude
— Meiner Treu nein würdiger Nachkomme Abraham’s! Ich verkaufe weder Hofen noch Theer Honioder Wachs weder Hanfsamen noch Pökelfleisch Caviar Holz Wolle Bänder nicht Hanf oder Leinen keine Maroquins oder Pelzwaaren!…
— Aber kaufen Sie vielleicht davon? fragte der Perser den Redestrom des Reisenden unterbrechend
— So wenials möglich und nur für meinen Privatbedarf antwortete jener mit den Augen zwinkernd
— Das ist ein Saßvogel raunte der Jude dem Perser zu
— Oder ein Sion! erwiderte dieser mit gedämfter StimmeHüten wir uns und srechen nicht mehr als nöthigDie Polizei ist bei jetzigen Zeiten nicht sehr zart und man weiß nie mit wem man zusammen sitzt“
In einer andern Ecke der Wagenabtheilunsrach man etwas weniger über Handelsgeschäfte aber etwas mehr von dem Einfalle der Tartaren und dessen möglichen Folgen
„Man wird in Sibirien die Pferde requiriren äußerte sich ein Reisender und die Communicationen zwischen den verschiedenen Provinzen Centralasiens werden sehr erschwert sein!
— Bestätigt es sich fragte sein Nachbar daß die Kirghisen der Mittleren Horde mit den Tartaren gemeinschaftliche Sache gemacht haben?
— Man sagt es antwortete der Reisende halblaut wer kann sich aber in diesem Lande rühmen etwas Bestimmtes zu wissen!
— Ich hörte schon von Truenzusammenziehungen an der Grenze srechenDie Donischen Kosaken sollen bereits längs der Wolga versammelt sein und man will sie den aufrührerischen Kirghisen entgegen werfen
— Wenn die Kirghisen dem Ufer des Irtysch gefolgt sind wird auch die Straße nach Irkutsk unsicher sein bemerkte der NachbarUebrigens wollte ich gestern ein Telegramm nach Krasnojarsk senden das hat aber nicht bis dahin gelangen könnenEs steht zu befürchten daß die Tartarenhaufen binnen Kurzem das ganze östliche Sibirien isolirt haben werden!
— In Summa Väterchen srach sich der erste Frager aus diese Handelsleute da haben alle Ursache wegen ihrer Geschäftsabwickelunbesorgt zu seinNach Requisition der Pferde werden die Schiffe an die Reihe kommen dann die Wagen und überhaut alle Transortmittel bis es endlich nicht mehr erlaubt sein wird im ganzen Reiche einen Fuß zu bewegen
— Ich fürchte sehr in NishnyNowgorod werde die Messe nicht so brillant enden wie sie begonnen hat antwortete der Zweite kofschüttelndAber die Sicherheit und Integrität des russischen Gebietes geht über Alles! Geschäfte sind eben doch nur Geschäfte!“
Wenn in diesem Coué der Gegenstand der Unterhaltunnicht sehr wechselte so war das auch nicht mehr der Fall in den anderen Wagen des Zuges; ein strenger Beobachter würde aber in allen Reden der Reisenden unschwer eine ungemeine Zurückhaltunentdeckt habenWagten diese sich einmal auf das Gebiet der Thatsachen so gingen sie niemals so weit weder die Absichten der moskowitischen Regierunvorauszusehen noch deren Maßnahmen zu kritisiren
Dieselbe Beobachtunmachte auch ein Reisender in einem der vorderen Wagen des ZugesDieser – offenbar ein Ausländer – hatte seine Augen überall und warf zwanzigerlei Fragen auf welche nur ausweichende BeantwortunfandenFortwährend betrachtete er dabei auch durch das Wagenfenster dessen Scheibe er stets zum großen Unbehagen seiner Reisegefährten niedergelassen hielt die Gegend bis zum fernen HorizontEr erkundigte sich nach den Namen der unbedeutendsten Ortschaften ihrer Lage ihren Handelsbeziehungen und Gewerbsverhältnissen nach den Einwohnerzahlen der mittleren Sterblichkeit beider Geschlechter usw und Alles was er erfahren konnte schrieb er in ein mit Bemerkungen überladenes Notizbuch
