Erhalten Sie Zugang zu diesem und mehr als 300000 Büchern ab EUR 5,99 monatlich.
Wachgerüttelt durch einen genialen Hacker, der den Weltfrieden bedroht, macht sich ein junger Mann auf die Suche, um die wahren Motive unseres täglichen Handelns zu verstehen. Als Kind des modernen Computerzeitalters durchstreift er dazu 4.000 Jahre Philosophie- und Religionsgeschichte, um schließlich erkennen zu müssen, selbst nur Spielball seiner eigenen Vorurteile zu sein - doch die Weisheiten der antiken Meister erklären ihm auch, wie er seine selbstgesetzten Barrieren letztlich überwinden und wieder zu einem harmonischen Ganzen zurückfinden kann. Seine neugewonnenen Selbsterkenntnisse bringen zunehmend auch das gefestigte Weltbild des Lesers ins Wanken - wenn du denn diesen schwierigsten aller Wege zu gehen bereit bist ...
Sie lesen das E-Book in den Legimi-Apps auf:
Seitenzahl: 603
Veröffentlichungsjahr: 2015
Das E-Book (TTS) können Sie hören im Abo „Legimi Premium” in Legimi-Apps auf:
Yahya Wrede
Der Cyber-Mönch
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Morgendämmerung - Die Ruhe vor dem Sturm
Freiheit in Ketten
Tag 1 - Nun komm der Heiden Spaß
Der erste Traum
Der erste Vormittag
Das Wort zum Sonntag
Der erste Nachmittag
Tag 2 - Die sich öffnende Hand
Der zweite Traum
Der zweite Vormittag
Des Jagdfiebers fette Beute
Der zweite Nachmittag
Tag 3 - Klatschen mit einer Hand
Der dritte Traum
Der dritte Vormittag
Getrenntes Zusammensein
Der dritte Nachmittag
Tag 4 - Der Berg ruft
Der vierte Traum
Der vierte Vormittag
Der vorherbestimmte Zufall
Der vierte Nachmittag
Tag 5 - Der Berg antwortet
Der fünfte Traum
Der fünfte Vormittag
Die Waldmenschen
Der fünfte Nachmittag
Tag 6 - Der erwachende Bruder
Der sechste Traum
Der sechste Vormittag
Von der unvollendeten Vollendung zu der Unvollendeten Vollendung
Der sechste Nachmittag
Tag 7 - Die Metamorphose der Realität
Raum der Wahrheit
Ist Wahrheit wirklich wahr?
Raum der Zeit I: Vergänglichkeit
Raum der Zeit II: Ewigkeit
Raum der Ermahnung
Raum der Einheit I: pars pro toto
Raum der Einheit II: Unio Mystica
Fanà
Raum der Entscheidung
Raum der Liebe
Der Abend
Der siebte Traum
Der siebte Vormittag
Abenddämmerung - Der Stein der Weisen
Der oder das neue Morgen
Anmerkungen
Impressum neobooks
Es sind die einfachen Dinge des Lebens, die niemals aufhören, uns zu faszinieren. Die Niagarafälle bestaunt man beim ersten Mal, oder Manhattan, beim zweiten Mal kommt einem das alles schon irgendwie bekannt vor, und ab Besuch Nummer drei guckt man dann bereits gar nicht mehr so richtig hin - es sei denn, man kommt nochmals mit jemandem vorbei, der es noch nicht kennt, und sieht es wieder neu mit dessen Augen; aber ein Sonnenuntergang, ein einfaches Lichtspiel! Und man hält jedes Mal wieder für einen Moment inne und denkt inspiriert an etwas Größeres. Gleiches mit dem Essen: französische Raffinesse, nouvelle cuisine: wunderbar, aber heute nicht schon wieder, bitte; ganz einfache Hausmannskost dagegen, ein knuspriges, frisches Brot, etwas Käse, Oliven dazu, ein Apfel, daran kann man sich jeden aufs neue Tag laben, ohne dessen jemals satt zu werden. Trotzdem streben wir unbelehrbar wie die Motten immer wieder zum verhängnisvoll Außergewöhnlichen, anstatt das Normale zum Ideal zu erheben, wollen die Verbesserung dessen, was doch längst mehr als gut genug für uns ist, müssen die letzte technische Errungenschaft auch noch besitzen, ohne Rast und Ruhe, bis wir dann früher oder später bei der Jagd über unsere eigenen, zu langen Wunschbeine stolpern. Wie bitte? Kleine Denkpause? OK, mach ich gern, bitteschön ...
Wenn man früher verrückt spielen wollte, war man bloß ausgelassen,
Heute schlägt man dabei über die Stränge.
Früher bestand Stolz in Unbestechlichkeit,
Heute äußert er sich in rechthaberischer Streitsucht.
Früher hatte die Dummheit noch etwas Aufrechtes und Geradliniges,
Heute ist sie verschlagen und sonst nichts.
Na, wenn das man nicht nach wie vor den Nagel auf den Kopf trifft! Fast so schön wie dieser subversive Franzose: Si Dieu n'existait pas, il faudrait l'inventer! Da können wir heute nur noch mit Bohlens DSDS Seifenopernprosa dagegen halten: Wenn du zur Zeit von Moses gelebt hättest, wärst du wohl die 11. Plage gewesen? Manchmal isser ja ganz lustig, aber wie man sich den ständig angucken kann, da wird nicht nur dem Thomas anders ... Niedergang der abendländischen Kultur, sind nun die Genies ausgestorben oder ist das Publikum verroht? Vielleicht ist das Überangebot an Mittelklasse der Feind des Besseren. Aber das Bessere war ja auch früher schon nur einer Elite vorbehalten, bei 90 % Analphabeten. Insofern hat sich wohl gar nicht viel geändert, sintemal man zum TV-Gucken nichts von Aphorismen verstehen muß. Oh, short story am Freitagabend, die lesen wir jetzt mal zur Abwechslung:
Es waren einmal zwei Kettenhunde. Es ging ihnen eigentlich sehr gut, sie hatten einen ruhigen Alltag, satt zu essen, eine Hütte über dem Haupt, und ab zu ging es mit dem Schloßherrn auf ein Runde ums Anwesen, um nach dem Rechten zu schauen. Trotzdem waren sie mit der Zeit etwas mürrisch geworden ob ihrer eingeschränkten Bewegungsfreiheit und klagten über ihre Kette:
„Wozu? Können wir denn nicht selbst am besten auf uns aufpassen? Und auf die anderen? Was ist mit der Würde des Hundes? Wie sieht denn das aus?“
Und so maulten sie in einem fort, bis es natürlich auch dem Schloßherrn zu Ohren kam, der sich davon aber keineswes beeindrucken ließ.
„Jedes Ding gehört an seinen Platz,“
pflegte er zu sagen,
„das Holz in den Kamin, die Flamme obendrauf, und die Wachhunde an die Tür, mit ihrem festgelegten Aktionsradius.“
Doch begab es sich eines Tages, daß die beiden barschen Rüden aufwachten und siehe da: die Kette war ihnen abgenommen. Erst konnten sie es gar nicht fassen und guckten viermal in alle Richtungen, dann sprangen sie herum und freuten sich wie die Kinder beim ersten Schneefall im neuen Winter. Nach der ersten zirkusreifen Akrobatik in der neugewonnenen Freiheit schauten sie sich an:
„Was jetzt?“
fragte der Jüngere -
„Na was schon“,
sagte der Ältere,
„nun können wir endlich tun und lassen, was wir wollen! Aufstehen, hinlegen, essen, schlafen, weggehen, wiederkommen, und anbellen, wer uns nicht gefällt! Und wehe dem, der jetzt noch hinterm Zaune über uns lacht, diesmal sind wir nicht angeleint! Haha hahaha!“
Und da sie beide recht groß und kräftig waren, fingen sie an, erst ihre nähere und nach und nach auch weitere Umgebung in Angst und Schrecken zu versetzen und den anderen Tieren Beschränkungen aufzuerlegen, die sie selber nie gekannt hatten. Dem Schloßherrn blieb auch dies nicht verborgen, denn er war es ja, der sie ihrem Wunsche entsprechend vom Eisen befreit hatte, um sie auf die Probe zu stellen. Und so ließ er sie alsbald zu sich kommen und ermahnte sie, sich ihrer neuen Verantwortung gemäß entsprechend gebührlich zu verhalten und den anderen dieselbe Fürsorge angedeihen zu lassen, wie sie sie auch von ihm immer erhalten hätten. Sie gelobten Besserung, kaum waren sie jedoch wieder draußen, ging das wilde Gehetze von vorne los. Der Schloßherr ließ sie eine weitere Weile gewähren, um zu sehen, ob sie von selbst wieder zur Vernunft kommen oder es immer doller treiben wollten. Aber es wurde immer schlimmer, der Machtausübung kann kaum jemand widerstehen, und wenn es zu seinem eigenen Schaden ist. Freunde hatten sie nun nicht mehr, nur noch gebeutelte Untertanen, und bald fingen sie an, die anderen Tiere gegeneinander anzustacheln, sich gegenseitig bei ihnen anzuschwärzen, wer etwa gegen sie intrigieren würde. Die Tiere beschwerten sich natürlich erneut beim Schloßherrn, und dieser rief die beiden Missetäter daraufhin abermals zu sich.
„Ich habe euch Zeit und Gelegenheit gegeben, euch zu betragen, doch ihr habt mein Vertrauen enttäuscht. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als euch wieder an die Kette zu legen, damit wieder Ruhe und Frieden einkehren.“
Der ältere Hund ließ den Kopf hängen und sagte:
„Ja, wir haben über die Stränge geschlagen, das war nicht recht. Ich bereue und akzeptiere.“
Der jüngere jedoch zeigte sich rebellisch:
„Wieso? Du hast selbst gesagt, alles gehört an seinen Platz, und wir als die Stärksten stehen nun mal ganz oben. Einer muß der Chef sein, und die anderen tanzen hinterdrein, ich kann darin keine Verfehlung erkennen.“
Da erhob sich der Schloßherr und sagte bestimmt:
„Wollte ich nur an mich denken, so wärt ihr alle längst verhungert. Handlungsfreiheit ist Verantwortung, der ihr nicht gerecht geworden seid, denn ihr habt nur an euer Vergnügen gedacht, nicht an das Wohlergehen aller. Zurück an die Hütte!“
Und so fanden sie sich bald wieder an ihrem Ausgangspunkt, mit einer kürzeren Kette als zuvor, sehr zum Spott ihrer ehemaligen Untertanen. Der ältere Hund aber, da er sich einsichtig gezeigt hatte, durfte am Wochenende die Kette wieder ablegen und wie vordem frei herumschweifen. Und siehe da, diesesmal benahm er sich fromm wie ein Lamm, besuchte die anderen Tiere ergeben und gewann nach und ihre Zuneigung zurück. Der andere kläffte nur beleidigt hinterdrein, betitelte jenen als Verräter, und ließ niemanden in seine eigene Nähe kommen, wobei allerdings auch gar keiner mehr da war, der sich auf ein Schwätzchen mit ihm hätte einlassen wollen. So ging es eine Weile, bis der Schloßherr dem Älteren eines Tages anbot, ihn erneut ganz von der Kette zu nehmen. Doch lehnte dieser ab:
„Dann verliere ich jede Nähe zum Jüngeren, so aber, teils gekettet wie er und teils frei, kann ich vielleicht als Vorbild auf ihn wirken.“
Der Schloßherr lächelte ob dieser Weisheit und ging zufrieden in sein Schloß zurück.
Die beiden Wachhunde aber behielten noch lange ihren Posten, und, soweit wir vernommen haben, fing der Jüngere an, dem Älteren bei seinen Ausflügen erst mißgünstig und neidvoll, dann sehnsüchtig und ihn insgeheim bewundernd hinterdreinzuschauen, und wer weiß, ob er sich die Lektion nicht eines schönen Tages doch noch zu Herzen genommen und seine Freiheit wiedergewonnen hat, nicht die zur Verantwortungslosigkeit, sondern die wahre, nämlich frei zu sein von den Verlockungen der Welt, um hier in Demut die einem daselbst zugedachte Rolle auszufüllen.
Nett, son bißchen Moral am Abend, wer hatten das geschrieben, bestimmt irgendson Pastor, ist wohl Ersatz für alle Leute, die nicht mehr in die Kirche gehen wollen. Is ja auch immer so dunkel da drin, gar nichts fürs Auge, außer die Rosettenfenster: die wiederum sind genial, beeindruckend, voll harmonisch, lassen was vom höheren Licht ahnen, das den Menschen umgeben kann, von der allumfassenden Gegenwart eines größeren Zusammenhangs - poh! wer sagts denn, was für eine edle Farbenpracht: eben denk ich dran, und schon passierts - echt magisch, Bilderbuchsonnenuntergang in meiner Küche, alles goldrot, klar regt das zum dilettantischen Philosophieren an. Perfekte Zeit irgendwie. Hab echt Glück gehabt mit der Wohnung. Und Freitag ist auch noch, der beste Tag der sieben. Nun kann das Wochenende ruhig vor sich hin laufen wie der Schmelzkäse im Fonduetopf. Herrlich, wenn man einmal gar nichts vor hat, keine Arbeit, keine Freizeit. So, dann woll'n wa ma nochn bißchen surfen gehen zum Ausklang des Abends. Beach Boys. Wie würden die sich heute nennen, wo surft man denn am besten? Coach Boys? Na, was gibt’s Neues in der Welt, wieder der übliche Sack Reis umgefallen in China ... Netnews alert: Cloud Computing reaches dazzling new heights. Die Idee find ich gut, weltweite Kapazitäten nutzen, gibt ne gigantische Rechenleistung, was berechnen sie denn ... Klimaveränderungen, klar, das ist alles sehr komplex, da kommt schon was zusammen, aha, Erdbebenvorhersagen, Frühwarnsysteme für Dürrephasen und Tsunamis, Meteoritenflugbahnen im Weltraum erkennen, nur gut, daß Leute auch noch an Vernünftiges denken und mit ihren Superrechnern nicht nur Ballistik betreiben. Ah, so was wie die Random Hacks Of Kindness, Hacker für den Weltfrieden, soso, da kann man sogar spenden für die Weiterentwicklung des Projekts: Rettet den Regenwald. Gegen planloses Abholzen. Wenn ein einziger Landwirt alle weltweiten Flächen koordinieren würde, reichte es lang für alle! Aha, wissenschaftlich untermauerte Daten sollen an die FAO der Vereinten Nationen und alle Regierungen geschickt werden, verspricht mehr Effizienz als Klimakonferenzen zum Verändern der Erdtemperatur, die sowieso niemand regeln kann. Unsere Atmosphäre ist doch keine elektronische Klimaanlage. OK, bin heut gut drauf, geb ich mal was, Kreditkarte hatt ich doch eben noch inna Tasche.
Tipp ... tipp ... tipp ... und klick!
Ha! Spenden muß schon sein, wenn man bedenkt, wie gut versorgt wir hier leben, und anderswo hamse gar nix ... so wie in Afrika ... oiii wasn das jetzt schon wieda, alles blockiert, manchmal geht auch gar nichts, Fluch der Technik, wenns geht is gut, wenns nich geht isses nen Riesenärger … Schei … Internet … Raketen können sie zum Mond schießen, aber ... Jobs und Gates sollte man … oder liegts am Laptop? … nur gut, daß das Fenster zu iss, sonst hätt ich ihn jetzt rausgeschmissen … nächstesmal mache ich Apfelmus aus dir ... aaah, jetzt doch? Ha, Sieg der Gedankenkraft über die Technik ... naja, war wohl wieder der übliche Inkompatibilitätsquark. Man sollte eben kein MicroMac verwenden. Dabei sollte Technik einfach nur funktionieren, und basta. Einfach, genau, früher war das Leben einfacher. Da gings auch ohne Computer Handy Navi, kann man sich heute gar nicht mehr vorstellen, wie haben die Leute sich denn damals verabredet und auch noch gefunden? Logistische Meisterleistung. Weicheier, heute. Oh, neue Mail. Von OFUNJOE? Wersndes?
„Thanks! Please click and take a look inside.“
Wofür danke? Kenn dich doch gar nicht. Überhaupt, wozu hab ich denn nen Spamfilter der Luxusklasse? Du glaubst doch nich, daß ich jetzt deine Mail aufmache, nur weil du mir nett kommst? Weg damit, delete, die wichtigste Ikone, wie viel Zeit man täglich mit dem Aussortieren von unerwünschten Nachrichten verbringt, is scho Wahnsinn. Früher brauchte man ewig, um an Informationen heranzukommen, jetzt braucht man die gleiche Zeit, um sie wieder loszuwerden. Mann, schon wieder alles blockiert, wassollndes. Muß wohl neustarten. Oh, eppur si muove, jetzt bewegt sichs doch. Er lebt! Was immer es war, jetzt isses weg. Na egal, Hauptsache connection … schaun mer mal, wasn so los dieses Wochenende inne Stadt:
Tipp ... tipp ... tipp …
Dalai Lama da. Der ist aber auch überall. Klar, sonst müßte er ja Weglai heißen. Obs den zweimal gibt? Der kennt bestimmt die Bilokation. Ein Doppellama? In Tibet ist doch alles möglich, schwebende Mönche, der Yeti, ham se bei Tim und Struppi auch schon gezeigt. Comics bilden, soviel steht fest. Religion im Dialog. Thematische Ausstellung mit vielen unveröffentlichten Bildern. Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen. Bööh, ob das was iss … Öffnungszeiten wärn OK, nich allzu weit weg, ma sehn, wenn ich morgen nich zu müde bin … vielleicht kommt jemand mit ... Mann, schon wieder Sendepause! Heute hat das Netz Pannen, da meint man, jemand dreht den Hahn auf und zu wie inner Badewanne. Erst machen se einen elektroabhängig, und dann: Cyberwar. Das muß man sich mal vorstellen, wenn nur einen Tag alle Computer ausfallen, vor 30 Jahren gabs die Dinger noch gar nicht, und jetzt wäre das der Untergang des Abendlandes, echt heftig. Wenn die Asiaten nich genauso auf den westlichen Lebensstil abfahren würden wie wir, könnten sie hier wesentlich mehr Druck machen. Deswegen wird auch niemals nix aus Großchina: es will ja hier keiner leben wie die Chinesen, sondern die Chinesen wollen alle leben wie wir. Frühlingsrolle ade. Korrumpiert durch Coca Cola & Micky Maus. Wirkt besser als Agent Orange & GIs. Und wenn sie unseren Lifestyle wollen, bekommen sie eben auch die Kehrseite der Medaille zu spüren: Kapitalismus, Ellenbogenmentalität, erst wirtschaftliche, dann persönliche Depressionen, Zersetzung der Familie, Individualismus, Luxus, Freizeitspaß um jeden Preis – das Gegenteil der eigenen, auf Gemeinschaft basierenden Kultur, das wird sie noch ganz schön zernagen. So wie se jetzt schon ihre Umwelt verramschen, ohne Rücksicht auf Verluste. Vielleicht machen das die Inder besser, gehen langsamer voran, und sie vergessen ihre Familie und ihre Spiritualität nicht. Om - wie war das noch bei Crowley? Aumgn - genialisch in Musik gegossen von Can, klar, die hattens drauf, avantgardistische Musik aus deutschen Landen, hervorragend gemacht, hypnotisch, Köln gegen Düsseldorf: Autobahn - Hybridwahn. Technisch total unausgereift, aber alle wollnsen haben. Herstellung und Entsorgung belasten die Umwelt immer noch viel mehr als herkömmliche Motoren, die mittlerweile auch schon viel sparsamer und effektiver im Wirkungsgrad geworden sind, kein Vergleich zu früher, aber wen interessiert das schon? Nicht der Beste gewinnt, sondern der, der sich am besten verkauft. Ist ja bei der Karriere auch so: wieviele Leute klettern plötzlich nach oben oder bleiben unten, und man fragt sich: Häh? Warum gerade der? Charisma, Kismet? Das Peter-Prinzip: jeder wird solange befördert, bis er auf nem Posten sitzt, für den er nicht mehr qualifiziert ist. Naja, manche sitzen auch an der richtigen Stelle, Gottseidank, sonst würde ja gar nix mehr gehen. Karriere ja, aber jeder nach seiner Façon, schließlich kannst du noch so gut sein, es gibt immer einen, der es besser kann. Deshalb kann ich ja nicht aufhören zu arbeiten, schön auf dem Teppich bleiben und dein eigenes Ding drehen, fertig. Das Beste geben, darauf kommts an, nicht auf den Wettkampf. Fairplay stärkt den Charakter. Wen interessiert heute noch Charakter? Ich glaub, bei Facebook reden die virtuellen Freunde nicht über ihre Charakterstärken, sonst würden sie wahrscheinlich gar nicht erst twittern gehen. Was solls, ich hab mir die Spielregeln nicht ausgedacht, ich befolge sie nur ... puuh, ich dachte, vom losen Herumdenken wir man schläfrig, dabei ist Nachdenken offenbar koffeinhaltig, zudem kann es einen richtig durcheinander bringen, anstatt zu beruhigen, vor allem, wenn es einem ununterbrochen wie von selbst durch den Schädel läuft. Wo ist die Notbremse? Das Denken kann ich schließlich nicht einfach abstellen. Allenfalls betäuben. Aber dann bin ich Morgens wieder so matschig. Oder vergessen durch Einswerden mit der Tätigkeit. Monotonie, alte asiatische Meditationstechnik, geht auch beim Autofahren oder Spazierengehen oder wo immer. Ist eben doch an alles gedacht worden von Mutter Natur, man muß nur zugreifen. Atemkontrolle. Puh. Einatmen, Pause, Ausatmen, Pause. Also gut, bleiben wir lieber im Okzident und greifen zu einem altbewährten westlichen Hausmittel: Fernsehen. Wer da nicht einschläft, ist selber schuld. Zapp. Wow, Schimanski, das warn noch Zeiten … den hab ich ewig nich gesehen. Ob auch noch Kottan kommt? Zappen, zappen, schon wieder son Anglizismus, fällt den deutschen Sprachschöpfern denn gar nix eigenes mehr ein? Früher, bei Geheimrat Goethe, da wär das nich passiert, der hat der deutschen Sprache noch seinen Stempel aufgedrückt. Veloziferisch. Hat das schon kommen sehen, den Fluch der Technik. Wilhelm Meisters Wanderjahre. Faust II. Vorbei mit der Beschaulichkeit. Dann isser abgehauen innen Süden:
Sternhell glänzet die Nacht, sie klingt von weichen Gesängen.
Und mir scheint der Mond heller als nordischer Tag.
Is doch wunderschön. Oder sein Bewunderer Nietzsche: weiß gar nicht, warum se den immer als großen Philosophen hinstellen, der Zarathustra ist rein literarisch gesehen phantastisch, doch in dogmatischer Hinsicht ziemlich unausgegoren, überhaupt, warn genialer Soziologe und Gesellschaftskritiker, eher son Quer- und Vordenker wie Max Weber, aber bietet doch keine Antworten auf die letzten Fragen. Ewige Wiederkehr, Nihilismus, Übermensch? Schlagwörter, war ihm leider nicht vergönnt, das noch ernsthaft auszuarbeiten. Aber schreiben konnte er mit mächtigem Willen so schön wie sein Vorbild, bis ihn in Turin das Mitleid übermannte:
Nacht ist es: nun reden lauter alle springenden Brunnen.
Und auch meine Seele ist ein springender Brunnen.
Nacht ist es: nun erst erwachen alle Lieder der Liebenden.
Und auch meine Seele ist das Lied eines Liebenden.
Aaah, pure Poesie, und zwar vom Allerfeinsten. Aber schöne neue Welt? Daran ist auch Schopenhauer gescheitert: Illusionen zu entlarven ist eine noble Aufgabe, aber dann nichts darauf aufzubauen bleibt unbefriedigend. Shiva ohne Brahma geht nicht. Das indische Prinzip: aufbauen, ausprobieren, abbauen, und dann wieder von vorn. Also ein Trinzip, haha, so wie Triv. Also: wenn Selbsterkenntnis schon zu(m) nichts führt, dann wenigstens mit yes I said yes I will yes. Späte Ehrenrettung. Warum verleiht man Joyce nicht posthum den Literaturnobelpreis? 1935 ham sen gar nich vergeben, und er hätt ihn sicher mehr verdient gehabt als viele andere ... muß mal ne Joyce for Nobel Webseite ins Leben rufen, wird sicher nen Erfolg, so weit ich weiß, issa noch nich mal nominiert worden damals, peinliches Ignorantentum da bei Edda und Flut ... aber den Friedenspreis an Leute vergeben, die noch gar nichts Friedvolles auf die Beine gestellt haben ... Oh, wasn des, geiles Bühnenbild, die schmettern ja ganz schön um die Wette, bestimmt einer der letzten Titanen, Bruckner, Mahler oder Wagner oder so. Rheingold vielleicht? Klar, um Geld gehts doch immer, wenn ich nur an die vielen Rechnungen denke, wird eh immer alles teurer, früher konnte man noch für 20 Mark zu Aldi gehen und der halbe Einkaufswagen war voll – heute! Mit 100 €, pöh, nix da, fragt man sich hinterher gleich, wo denn die ganze Kohle geblieben ist? Its a material world, kein Zweifel, money makes the world go round, was sonst. Energie kann nicht verloren gehen, nur umgeleitet werden, muß wohl auch für Geld gelten: wenns bei einem fehlt, taucht es bei einem anderen wieder auf. Wirtschaftskrisen als Güterneuverteilung. Milliardenpleiten gleich Milliardengewinne. Das Recht des Stärkeren, nicht die Stärke der Gerechtigkeit. Klar, ich muß auch immer mehr verdienen, also mehr arbeiten oder einen besseren Job finden. Mehr Geld, mehr Spaß. Nee, Parsifal. Was das denn. Nie gehört. Wagner, sagt ichs nich. Auf der Suche nach dem Heiligen Gral. Oh Mann, war der auch schon auf dem esoterischen Trip. Ist doch alles Quatsch. König Arthur und die Ritter der Tafelrunde. Merlins Märchenstunde. Wer hat den Gral denn noch alles gesucht? Laß diesen Kelch an mir vorübergehen … gähn, jetzt falln mir aber doch die Augen zu. Also nochn Schluck Wasser und dann ab in die Koje. Herrlich, jetzt umdrehen und Schäfchen zählen. Gibt’s überhaupt noch welche? Oder zählt man Moorhühner? Mr. Bean hat mal nen Taschenrechner benutzt, ging auch. Bei ihm jedenfalls … englischer Humor, echt heftig, Monty Python, Mannomann, voll genial … sogar von George Harrison produziert, Here comes the sun - didn didn - déjà vu, wie bei mir vorhin, there it goes, im Osten will sie untergehen, mittlerweile sind wir wohl eher bei Matthias Claudius angelangt, auch wenn man ja beide Himmelskörper des öfteren zugleich sehen kann, gibts dann nen Mondbogen? Mondy Python? Here comes the moon? Mannimmond, bin ja heute wieder fix und fertig. Gedankensprung inner Schüssel. Kann ja nen wilder Traum werden heute. Überhaupt, wenn man die gleich so ins YouTube stellen könnte, wärn sicher unglaublich faszinierende Szenarien dabei. Traum des Jahres: ... and the winner is ...! Phantasie und Wahrheit, schließlich steckt immer ein psychologischer Beweggrund hinter den bunten Bildern. Traumdeutung, auch interessant, bei manchen Urvölkern erzählen sie sich morgens ihre Träume und das entlastet die Psyche. Aber echt, son Bett ist schon ne super Erfindung. Jau, schön gemütlich hier. Aaah. Gemütlich. Cooler Begriff, schwer zu übersetzen: so wie behaglich. Was würde man auf Englisch sagen: comfortable? cozy? snugly? Hahaha, schneckig? Wieso Schnecke? Wie in einem Schneckenhaus? Oder war das slug ... snail ... sail away …
Beruhigendes Geplätscher, ein Segelschiff wie aus dem Bilderbuch, schöne griechische Küste, weiße Häuser, blaues Meer, Samos, Patmos, Athos. Eine gutgelaunte Gesellschaft an Bord, ja, so läßts sich leben, schicke Yacht, schlanke Schönheiten, ein laues Lüftchen, Sommer, Sonne, Strand, Geld, Gold, ein sorgenfreies Leben, wozu zu Hause malochen, wenn man hier wie die Millionäre leben kann?
„Aaah, ay ay Käptn, bloß nich wieder die Anker lichten, hier bleiben wir!“
„Ahoi! Aber klar, mein Sohn, darum geht’s: jetzt wolln wir Spaß, Ruhe gibt’s aufm Friedhof, dann ist Schluß mit lustig, solang wir jung sind, haun wir auf die Pauke.“
„Laß krachen, Alter, die Party steigt, später weiß keiner, was kommt!“
„Hoch die Tassen! Von mir aus kann dieser Tag 1.000 Jahre dauern!“
„Habt ihr gehört, sie haben jetzt das Altern entschlüsselt, es gibt schon Substanzen, die konservieren den Körper praktisch bei 25 Jahren, ohne Nebenwirkungen, kannst 200 Jahre alt werden ohne Krankheiten!“
„Super, kauf ich mir sofort, erst ein paar Jahre arbeiten, Geld beiseite legen, und anschließend hauste druff, nich wie jetzt, wo de hinterher schon hin bist bis zur Rente.“
„Nee, Mann, das ganze Rentensystem muß umgekrempelt werden, ab 20 gibts erst das ganze Geld aufs Konto, und ab 40 kannstes wieder abarbeiten. Sollst ma sehn, wie viele dann gleich tot umkippen, löst sofort das Überalterungsproblem der Gesellschaft, und der Rest kann nich meckern, hat ja seinen Spaß gehabt. Dann könnse beim Schuften immer von früher schwärmen und sich gegenseitig mit ihren Stories überbieten, hahaha.“
„Genau, könn die Kohle doch einfach drucken, kost ja nix, kurbelt die Wirtschaft an, und wer klug ist, macht was draus: die erste Milllion ist immer die schwerste, oder? Wär doch ne bessere Starthilfe als Studium und Bafög!“
„Ich bin dabei in eurem finanziellen Schlaraffenland.“
„Laßt das Kapital zurück in die Arbeitnehmerhände fließen, jawoll!“
„Super, müssen wir nur noch politisch durchdrücken, wie wärs denn mit ner neuen Freirentenpartei?“
„Frührentner aller Meere, vereinigt euch!“
„Alle Renten kommen schnell, wenn dein starker Arm es well!“
„Arbeiten? Anstrengen? Beh, reicht doch eine zündende Idee im Internet und - wupp - biste jetzt schon stinkreich, guck dir Brin und Page an oder Zuckerberg.“
„Klar, kann ich euch auch verraten, wie Apple Records Millionen hätte verdienen können, aber nichts ham se gemacht, hätten sie mich gefragt und mir bescheidene 10 % gegeben ...!“
„Und – das wäre?“
„November 2001, George Harrison geht ein ins Nirvana, ein Hype bricht aus, seine Sweet Lord Single geht weg wie warme Semmeln, und was wäre der Hit gewesen – und das auch noch so kurz vor Weihnachten? George With The Beatles natürlich, eine CD mit allen Songs, die er für die Fab Four geschrieben hat, müßten gerade so auf eine Scheibe passen: perfekt. Wäre weggegangen wie nix. Naja, vielleicht klappts ja beim nächsten Jubiläum. Hier! Hierher die Tantiemen.“
„Wow, gut, hätt ich mir auch gekauft.“
„QED.“
„Sach nochmal was anderes, wie war das eben mit Nirvana? Hat George da auch mitgespielt?“
„Nee, ist so ne Art Nichts nach dem Tod, gibt ja eh kein Paradies, son Unsinn, daher die Alternative: Nichts. Schwarzes Loch. Feierabend.“
„Eh klar, deswegen feiern wir ja auch, und zwar hier und jetzt, ist doch auch son esoterischer Spruch.“
„Ohne Religion lebt sichs wesentlich besser, dann mußte dir nämlich nicht ständig nen schlechtes Gewissen einreden.“
„Ich sags euch: noch besser ist filetieren als philosophieren, wen stört schon die Ewigkeit, die keiner kennt, machts wie Rossini, vom musikalischen Gourmet zum kulinarischen Gourmand.“
„Ja genau, wie in Das Große Fressen – genial!“
„Klar, voller Kühlschrank, volles Portemonnaie, mit Kohle ist das Leben leichter: Geld macht vielleicht nicht glücklich, aber Armut erst recht nicht, hahaha.“
„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles. Haste Kohle, haste Mädchen, gelle?“
„Guck, wenn man wie wir bereits mit den Mädels aufm Boot im Mittelmeer schaukelt, brauchste noch nich mal sonderlich viel Geld, keine Miete, keine Steuern ...“
„Ja, schon die alten Griechen und Römer waren kluge Leute, sie sagten: carpe diem!“
„Karpfen? Was fürn Karpfen?“
„Das Leben ist wie ein Fisch: schwimm – sterb!“
„Also schnell rein ins Vergnügen, ehe es zu spät ist.“
„Leute, beeilt euch, so jung kommwa nie wieda zusamm.“
„Quark! Was uns nicht umbringt, macht uns stark.“
„Hahaha, na denn Prost! Auf die Leber!“
„Im Himmel gibts kein Bier, drum trinken wir es hier.“
„Es gibt keine Ewigkeit, nichts außer diesem Leben in dieser Welt und die verdammichte Zeit, die uns altern läßt.“
„Jaja, ab 20 baut der Körper wieder ab.“
„Die dem Tod in die Arme tanzen.“
„Das soll man noch dauern: live long and prosper!“
„Genau, Ruhe gibts aufm Friedhof, wie der Käptn sacht, im Diesseits weiß ich wenigstens, was ich habe, danach sinds doch alles nur Hirngespinste, sonst hätte die Wissenschaft längst das Leben nach dem Tod bewiesen.“
„Eben, alles Naturgesetze; seit der Mensch weiß, woher Blitz und Donner kommen, braucht man keine göttlichen Erklärungsmodelle mehr; ist alles biochemisch und physikalisch definierbar.“
„Sogar die Psyche, Glück gibts per Pille, auch Liebe läßt sich künstlich im Gehirn erzeugen; die Welt ist käuflich.“
„Schon bald werden elektromagnetische Helme auf den Markt kommen, mit denen man die Gehirnströme beeinflussen kann. Du fährst ab in deine eigene Welt, ganz bequem von zu Hause, nur mit dem Strom aus der Steckdose. Kannst dir wie im Traum deine persönlichen Phantasiewelten kreieren, und du bist der King, alles tanzt nach deiner Pfeife, du hast dort die Allmacht. Und das Beste: Es ist nicht wie ein Film, sondern über die direkte Stimulierung des Gehirns bist du genau so real mittendrin wie in dieser Welt und kannst alle gewünschten Gefühle in Echtzeit erleben, Freude, Glück, Euphorie, Liebe, alles. Das Suchtpotenzial ist so hoch, daß sie befürchten, die Benutzer werden nicht mehr wiederkommen wollen und in ein paar Tagen verhungern, denn sie denken dann nur noch ans Vergnügen, sie haben das Paradies auf Erden gefunden, die ewige Jugend!“
„Irre. Wann gibts das endlich? Nie mehr schlecht drauf sein, ha, ihr könnt mich allemal, nur noch high life, unvorstellbar.“
„Auch in der realen Welt brauchst du nur Jugend und Schönheit, und schon liegt dir alles zu Füßen. BQ statt IQ, nimmt beides erst zu und dann wieder ab, aber der BQ öffnet dir alle Türen wie von selbst, IQ allein ist unwichtig.“
„Was bitteschön war noch mal BQ?“
„Na, der Beauty-Quotient. Und nicht mehr nur Frauen, auch Männer wollen sexy sein heutzutage, der Markt boomt.“
„Klar, ich umgebe mich auch lieber mit schönen Menschen als mit Mauerblümchen.“
„You gotta right to party, so isses, und zwar mit wem du willst.“
„Eben, freedom, freedom: soll doch jeder tun und lassen können, was er will.“
„Freiheit für die Freiheit!“
„Gute Idee, machen wir ne Freirenten- und Freiheiten-Partei aus unserem Projekt.“
„Echt, so in den Tag hineinzuleben, so wie jetzt, ist schon das Beste, ohne Verantwortung und Verpflichtungen. Was will man mehr?“
„I want it all, I want it now ...“
„Sex’n’drugs’n’rock’n’roll, tata ta tatataaa ...“
„Kanntense auch schon im Mittelalter: Wein, Weib und Gesang, haha!“
„Eben, altbewährte Traditionen gilt es zu pflegen.“
„Genau, da geh ich doch gleich noch mal nen Bier holen, will jemand noch eins? Zwei? Drei! Uiii ist das Deck glatt, bloß nicht ausrutschen ...“
PANG!
Nein! Mittendrin in der Ägäisparty und jetzt hauts mich raus aus den Federn. Wie gemein. Echt hart son Fußboden – nur gut, daß ich kein Etagenbett habe. Warum kann man den Traum nicht mitnehmen? Oder einfach wieder zurückzappen? Sich seine Realität aussuchen? Hmmm, wie der Typ bei Matrix, zurück in die Illusion, ist natürlich auf Dauer auch nix, da bleibt einem wohl nichts anderes übrig, als zu versuchen, die Realität so zu nehmen, wie sie einem nunmal entgegenspringt. Oder entgegenfließt: jetzt erstma ne schöne Dusche. Der allmorgendliche Blick in den Spiegel. Au Backe, lohnt heute nicht. Aaaah, wird warm, köstlich. Wär ja zu schön gewesen. Manchmal nachts wach ich auf und schlaf gleich wieder ein, nur um an derselben Stelle weiter zu träumen, an der ich aufgehört hatte. Träume sind Schäume. Aber echt. Wozu kann man sich eigentlich an seine Träume erinnern? Muß ja enorm wichtig sein für mein Gehirn. Der Schlaf reinigt die Gedanken, die Spreu wird vom Weizen getrennt, aber welche Taube entscheidet, welche die guten und welche die schlechten Linsen sind? Ego? Superego? Das kollektive Unbewusste? Kommissar Zufall? Und wenn es in mir einen Entscheidungsträger gibt, bei wem holt der sich dann Rat – seinerseits wieder bei einer höheren Instanz? Ich meine, tatsächlich, wenn ich an einer Pommesbude vorbeigehe und, den deftigen Geruch von verbranntem Fett mit der Nase aufsogend zu mir sage: ja, lecker, her damit oder nein, nicht schon wieder, dann dünkt mich das zunächst eine freie und spontane Entscheidung meiner selbst zu sein. Ist das so? Genauer betrachtet, wohl kaum. Eher die mathematische Konsequenz aus vorheriger Erfahrung und psychischer Quantenphysik. Gott würfelt nicht. Außerdem ist doch das Gedächtnis zu einem Großteil angefüllt mit Wissen, das völlig überflüssig ist: das Kennzeichen meines ersten Autos, der Name meiner Grundschulklassenlehrerin, und die wichtigen Sachen fallen oftmals allzu schnell wieder aus dem Raster: die vielen Gedichte, die nächste Verabredung. Das ist entweder schlecht organisiert oder schwer zu durchschauen. Die Wege des Herrn sind unergründlich. Freies Assoziieren. Soll wohl helfen, aus dem Käfig der Gewohnheit auszubrechen, falls nötig, Innovation gegen Tradition, geistige Evolution sozusagen, den Blick fürs Ganze öffnen, für die Einheit in der Vielfalt, die Urpflanze. Hängt doch alles irgendwie zusammen, deswegen funktionieren Assoziationen. Alle für einen – einer für alle, Musketiere eben. Die Macht der Gewohnheit: Der Mensch lebt zu 90 % davon. Haste gute, wirds leichter, haste schlechte, mußte zahlen. Oder bis Sylvester warten, alles neu macht der Mai? Ist das jetzt irgendwie von Bedeutung oder schon wieder der übliche Gedankenschrott? 90 % aller Gedanken kreisen angeblich nur im Kreis, 57.600 jeden Tag, einer pro Sekunde, und führen zu nix außer Depressionen. Was ist denn überhaupt schon wichtig? Für den Knaben sein Spielzeug, den Fußballer das Tor, also immer für jeden das, was er persönlich gerade mag. Was aber ist objektiv wichtig – Gesundheit, Wohlstand, Macht, Liebe? Immer noch müde: jetzt nen schönen Tee oder ausnahmweise mal Kaffee. Wahrheitsliebende Mystik. Mistige Philosophie. Bernd das Brot. Kein Wunder, daß Kant nie aus den Klopsen herausgekommen ist, keine Zeit, zu viel wirres Zeug im Kopf. Unsereins hat auch noch zu arbeiten. Mann, kann sich Software mittlerweile nicht alleine programmieren? Oder mittels Gedankenkontrolle? Müßte bald gehen, die ersten Prototypen funktionieren schon. Aah, das Internet! Was haben die Leute früher ohne gemacht? Die Franzosen haben, glaube ich, die Waschmaschine zur besten Erfindung des 20. Jahrhunderts gewählt. Myope comme une taupe. Die Revolution ist das Internet, nicht die nettoyage de la bastille. Und Warmwasser. Wie sollte man ohne duschen? Gabs allerdings auch schon bei den alten Römern. Die hattens drauf. Die besten Ingenieure damals, Brücken, die heute noch stehen. Dann sind sie irgendwann dekadent geworden und ihre konstruktive Intelligenz ist nach Germanien ausgewandert. Met aus Honig saugen. Haha, daher Miele, was? Jaja, Lachen, Humor, was wäre das Leben ohne sie. Der Humor darf einem erst zuletzt abhanden kommen. Wo es so leicht ist, Sachen zu verlieren: Schlüssel, Regenschirme, Aktienkurse. Durchsage des Stewards nach der Landung: Haben Sie auch nichts an Bord vergessen, Handgepäck, Schwiegermutter? Wie war das noch: Man muß nicht immer sagen, was man weiß, sollte aber immer wissen, was man sagt. Der Mund, Wunderwerk der Natur: Atmen, Sprechen, Küssen, Essen. Oh Mann, Frühstück fällt wohl aus: typischer Junggesellenkühlschrank - ne halbe Tüte O-Saft, etwas Butter und ansonsten gähnende Leere. Alle reden immer vom Singlehaushalt, dann sollten se mal nen echten Singlekühlschrank bauen: entweder es gibt nur diese Minidinger oder solche mit nem riesigen Kühlfach für die ganze Familie und nem winzigen Eisfach, umgekehrt sollte es sein, kleines Kühlfach und nen Rieseneisfach, schließlich horte ich mehr Tiefkühlkost, die ich schnell in den Ofen stecken kann als frische Ware. Ha, sollte wieder Prozente verlangen für gute Ideen, also echt, wenn man alle Ideen aller Menschen irgendwo katalogisiert im Internet veröffentlichen würde, wäre sicher viel Brauchbares dabei. Wär auch mal ne Initiative wert: Markt der Erfindungen, immer noch besser als noch so ne Sozialnetzwerkseite, die keiner braucht. Wie war das noch: 22 % aller globalen online-Aktivitäten jeden Monat betreffen social media networks: das ist fast ein Viertel! Mehr als 1 Milliarde User nehmen regelmäßig daran Teil. Ich glaub ja nicht, daß das im Endeffekt dem echten sozialen Austausch dient, fördert eher die Vereinsamung, wenn ich ständig auf meine kleine Kiste schaue und die echte Interaktion draußen wegfällt. Ein Gespräch unter vier Augen oder im Freundeskreis ist doch nicht durch virtuelle Kommunikation zu ersetzen. Wenn ich ständig in 22 Netzwerken unterwegs bin, hab ich auch gar keine Zeit mehr zum Arbeiten, Schlafen oder Essen in dieser Welt. Vampirnet! Hmm, Hunger, werd mal Einkaufen gehen und mir unterwegs nen Brötchen besorgen, Geldausgeben kurbelt die heimische Wirtschaft an.
Drrriiinnng!
Handy? Wersndes jetzt?
„Hallo? ... Frank, du bists ... wie geht nicht. Kann das nicht bis Montag warten? Wer hat denn Bereitschaft, ich doch nicht? Komplettausfall? Wow. OK, OK, ich komme schon, wenns denn sein muß, meinetwegen.“
Tja, das war ja wohl nix mit gemütlich. Seis drum, heute Überstunden, werd ich dann irgendwann wieder abfeiern. Oder später früher in Rente gehen. Wie war das noch im Traum, erst das Vergnügen, dann die Arbeit? Gar nicht so dumm. Vielleicht nen Hinweis vom Schicksal, ich soll mal was Revolutionäres auf die Beine stellen, ändere die Gesellschaft, der Mahatma Marx der Neuzeit.
OK, auf geht’s, nichts vergessen, Handy, Portemonnaie - ist eh nichts drin, Schlüssel, Tür zu. Buah, dochn bisschen frisch, sollte lieber in der Südsee arbeiten, mit Internet kein Problem heutzutage - wenns funzt. So, jetzt raus aus dem Haus, Richtung Arbeit, Hardware & Software, die Welt will Spaß haben, pane et circensis, oder hieß das gaudeamus igitur? Latein, geile Sprache, schlichtweg genial, alles kurz und bündig, habe leider das Meiste davon vergessen, im Mittelalter war es noch Universalsprache, Erasmus von Rotterdam, wenn die Lutheraner bescheidener geblieben wären mit ihrem Mundartwahn bräuchten wir heute kein Englisch, nur die klare Sprache der ratio, wer kann sich denn überhaupt schon perfekt im Englischen ausdrücken, ist eine reine Wegwerfsprache, jeder kennts, keiner kanns. Als Sprachausländer kann man sowieso besser mit anderen Pidgin-English-Vertretern kommunizieren als mit Muttersprachlern, die sind ja gnadenlos, plappern gleich drauf los, als wenn alle Menschen Englisch mit der Muttermilch aufgesogen hätten, ohne jede Rücksicht auf Verständigungsverluste. Also wenn mir ein Ausländer auf Deutsch entgegenradebrecht, dann spreche ich doch etwas langsamer und deutlicher als sonst! Ist doch wahr, jetzt sind wir eben dran, seit Jahrhunderten vorne in Wissenschaft und Technik, Musik, Literatur und Philosophie, bis die Chinesen kommen, die ihrerseits bereits von den cleveren Indern überholt werden … Das ist der Lauf der Welt, heute oben, morgen unten. I Ching. Auch das wußten die alten Chinesen nur allzu gut. Samsara. Sayonara. Zen aus Japan. Oder aus Korea? Chick?
Hoppla, wie, schon an der Straßenbahn? 786. Wer denkt, dem vergeht die Zeit wie im Flug. Flüge, ja, irgendwie verreisen die Menschen heute alle wie die Verrückten. Früher ist doch kein Mensch irgendwohin gefahren, wenn er nicht unbedingt mußte. Rügen einmal im Jahr. Bach ist auch nur in Nord-Ost-Deutschland unterwegs gewesen. Jeden Sonntag eine Kantate. 52 Stück. Oder sogar mehr, 61, 62, 265, wer weiß. Kant. War auch nur zu Hause. Außer Humboldt vielleicht. Der hat die Welt wenigstens noch erforscht. Heute ist Reisen eine Kompensation für die eigene Unzufriedenheit, sonst würden ja nicht alle immer weglaufen: je weiter, desto besser. Kennen den Dschungel in Thailand, aber waren noch nie im Harz. Lücke Heimatkunde. Ist Teil der eigenen Identität, die Fremde nicht. Schön ists, zu verreisen, noch schöner, wieder nach Haus zu kommen. Oder Frustabbau durch Autofahren: auf der Autobahn kannst du noch so schnell sein, irgendwer hängt dir immer an der Stoßstange. Wie die Sonntagsfahrer, hinten Strickhütchen auf der Klopapierrolle, vorn Opa mit Hut, erst bremsen sie dich aus auf freier Strecke, aber wenn dann ne Baustelle kommt mit Tempolimit 40, brettern sie durch wie nix. So What, um mit Miles zu sprechen ... sicherlich einer der genialsten Werktitel der Musikgeschichte. Dada dada dada dada - daaada! Dada dada dada dadada - daaada! So gesehen gefällt mir das Englische: kurz und treffend. Muß halt wieder mal nen Genie her, um da aufzuräumen, son William oder Oscar eben. Oh, gleich da, jetzt habe ich das Brötchen vergessen, anscheinend kann Denken auch sattmachen, Till Eulenspiegel hatte recht, spart Zeit und Geld. Berg hoch ist besser als Berg runter, I Ching eben. Weisheit ist universal, wie bei Enemy Mine: auf jedem Planeten wirkt derselbe Gott.
„Moin moin - Mann siehst du verschlafen aus ham wa dich ausm Bett geschmissen wa?“
„Klar warne kurze Nacht, außerdem hab ich nur Stuß geträumt vier Stunden Schlaf vielleicht.“
„Solltest nicht immer alleine schlafen, geh mal wieder raus.“
„Nee kein Bock auf Gesellschaft jetzt zu anstrengend. Weeste doch: Der Wahn ist kurz, die Reu ist lang.“
„OK sieh mal nach das System bockt komplett muß schnell gehen jetzt. Good work.“
„Gleichfalls, bis später.“
Wasndasnu wieder ist, kaum brennt ein Schaltkreis durch kriegense gleich de Panik, is doch nich das erste Mal. Beziehungsstress, hat mir gerade noch gefehlt. Hab da sowieso kein glückliches Händchen. Klar, einige sind echt happy, beati loro, aber die meisten krebsen bald nur noch herum. Die einzelnen Komponenten eines Pärchens sind halt zu verschieden. Oder zu schnell wieder nur mit sich selbst beschäftigt. Ein jeder lebt in seiner eigenen Welt. Kollektiver Autismus. Ego, der altböse Feind. Mit Ernst ers jetzt meint. Was zählt denn eigentlich in einer Beziehung? Respekt, Ehrlichkeit, Rücksichtnahme, den anderen in die eigenen Pläne mit einbeziehen, niemand sieht sich gerne der normativen Kraft des Faktischen ausgesetzt, kleine Geschenke erhalten die Freundschaft, Geduld, Zärtlichkeit, Nachsicht, hab ich noch was vergessen? Achso, das, ja klar, auch wichtig, aber bauen kann man offenbar nicht auf intime Zweisamkeit, sieht man ja an der Schnelllebigkeit vieler Promibeziehungen, psychologische Sättigung, gemeinsam lachen, gemeinsam reisen, ist neben Wohnungsumzug und Heirat der ehrlichste Beziehungsbelastungstest, überhaupt, Gemeinsamkeiten pflegen und gleichzeitig Raum für Unterschiedlichkeiten lassen, Fußball gegen Kegelclub, freundlicher Umgang, keine schroffen Worte, den anderen immer verteidigen, Kritik nur unter vier Augen: Mann, die Liste wird ja immer länger, kein Wunder, daß es so schwierig ist. Liebe heißt, die Bedürfnisse des anderen über die eigenen zu stellen. Und wie kann ich das besser ausdrücken als durch die vorgenannten Verhaltensweisen? Sind allesamt genau betrachtet so ziemlich das genaue Gegenteil vom Egotrip. Müßte einem nur immer klar vor Augen stehen, dann würds besser laufen. Religion miteinander teilen, das wäre sinngebend, aber wer ist heutzutage noch religiös, ich meine ernsthaft, nicht dem Lippenbekenntnisse nach? Open minded sein – tja, das behauptet wohl ein jeder von sich, aber wer ist das schon, wenns drauf ankommt? Wir waren alle schon einmal irgendwo im Ausland, sprechen eine Fremdsprache, aber macht uns das zu Kosmopoliten? Wohl kaum. Wer nicht eintaucht in die andere Kultur, bleibt ET, Integrationsverweigerer.
„Naaa, Triv, auch schon da am frühen Samstagmorgen?“
„Ciao Beatrice, wie gehts dir heute?“
„Danke, kann nich klagen, wie du siehst, der übliche Stress.“
„Stress? Da wüßte ich was, heut Abend is ne Ausstellung im Nirvana, Sinn des Lebens unso, Religionen im Dialog, der Dalai Lama war auch schon da, Weisheiten der Zenmeister und Sufis, guten Tee gibbs auch - has Lust?“
„Jaa, hab ich auch schon dran gedacht, tät mich schon sehr interessiern, ma sehn wann ich heut fertich werd, erinner mich nachher nochmal dran.“
„OK sehn uns später. Machs gut.“
„Machs besser.“
Was habe ich eben gesagt: Beziehungsstress? Kommt nur drauf an mit wem, bei der könnt ich schon mal ne Ausnahme machen ...
Tüdelüdelü ... tüdelüdelü ...
„Moooorgen, ruf ma dein Lieblingskunden zurück, hat schon dreimal angerufen, deren IT spinnt auch!“
„Puuh, echt? Erst kommse selbs nich rüber mit den nötigen Infos und jetzt machense Druck. Scheibenkleister.“
Naja, nobody is perfect.
Tipp tipp tipp ...
Tuut ... tuut ...
„Hallo, Herr … moin moin … was geht nich? Mal ja mal nein? Sollte OK sein, aha, dann wieder keine connection … die sagen bei denen ist alles paletti? OK, komme am besten gleich ma vorbei, bin schon unterwegs. Bis nachher dann!“
Jaja, hatte denen doch alles so schön eingerichtet, könn die denn kein PC bedienen? Naja, Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser, hat bestimmt wieda irgendson selbtsberufener Heini dran rumgestöpselt. Gut, daß es gleich um die Ecke is, jetzt gönn ich mir aber nochn Hörnchen zwischendurch, voller Bauch studiert nicht gern, leerer erst recht nicht, es sei denn, die Speisekarte. A proposito Essen, was war das heute Morgen noch für ne Frage ohne Antwort … also echt, schlimmer alsn Ohrwurm, jetzt muß ich einfach wissen, was ich mich selbst gefragt habe, und es mir dann selber beantworten! Kann das doch nicht so einfach im leeren Raum stehen lassen, es juckt mich richtig in den geistigen Fingern, blöder autofokussierter Forscherdrang. Ah ja, die Frage nach der Selbstbestimmung: Hat der Mensch eine gewisse Entscheidungsfreiheit oder ist bereits alles vorherbestimmt? Also vom Extrem 1, daß jeder konditionsfrei machen kann, was er will, bis hin zum Extrem 2, daß jedes einzelne gesprochene Wort, jeder Gedanke bereits in einem großen Buch steht, kann man ja alles vertreten. Gegen These 1 spricht, daß wir nun einmal nicht vollkommen frei sind, sondern von Vielerlei abhängen, angefangen mit den äußeren Umständen, das sogenannte Schicksal, dann Erziehung, die eigene Psyche, die wiederum auf anderen, in der Vergangenheit liegenden Erfahrungen beruht, unter anderem auch derjenigen der Vorfahren, somit wäre ich eben nicht frei, sondern bereits in einer mehr oder weniger geräumigen Zwangsjacke geboren und aufgewachsen. Nicht umsonst sprechen die Adepten bei der angestrebten Erleuchtung von der Großen Befreiung. Freiheit kann jedoch nur heißen, frei zu sein von etwas - bis hin zu allem: wenn mich nichts anficht, bin ich innerlich frei, also kann ich wählen. Freiheit zu interpretieren als Freibrief, alles zu tun, wonach einem der Sinn steht, ist somit nicht Freiheit: denn dann besteht ja offenbar noch der Zwang, dieses oder jenes machen zu müssen: also gerade das Gegenteil von Freiheit. Letztlich ist diese Art von sogenannter Freiheit eher Größenwahn, und wie die Herren Mächtigen der Geschichte uns zeigen, löst sich dieser automatisch von jeder Verantwortung. Wahres Handeln muß doch unter einer Maxime stehen, ließ Plato schon den Sokrates disputieren im Gorgias, schön daherfaseln reicht nicht, wenn man nicht weiß, zu welchem Zweck. Daher das Leitbild Ethik oder Religion: an das Gemeinwohl denken und volens an Gott. Freiheit als absolute Handlungsfreiheit zu verstehen ist somit nichts anderes als ein großer Irrtum derjenigen, die so gerne von Freiheit reden. Es sei denn, sie meinen Frieden: in Ruhe gelassen zu werden ist schließlich auch ein äußerst wertvolles Gut – das heißt sogar ein Naturrecht des Menschen. Andererseits hat jeder das Gefühl, doch frei handeln zu können. Ist schon paradox. Gegen These 2 spricht, daß eine totale Schauspielschule erstens unserer täglichen Erfahrung zuwiderläuft und zweitens dann jegliche Ermahnung und jeglicher Aufruf zur Besserung völlig überflüssig wären, deren sich unsere Religionslehrer immer befleißigt haben, denn wenn ich nur eine Marionette bin, braucht Er mich auch nicht zu eigenständigen Handlungen aufzufordern, das wäre dann allenfalls göttlicher Zynismus, wenn Er mir nur vorgaukeln würde, ich könnte irgendetwas selbst tun, wohl wissend, daß es gar nicht geht. Oder Synthese 3, eine Mischform: einiges ist festgeschrieben, anderes entscheidbar. Wie ne Partitur oder ein Theaterstück: Der Verlauf steht einerseits fest, andererseits kommts ganz drauf an, was der einzelne persönlich aus seiner Rolle macht, wie sehr er sich mit ihr identifiziert und sie mit Leben füllt. Wobei der Regisseur seine Truppe wohl kennt und durchaus schon genau ausgewählt hat, wer welchen Part übernimmt. Also wäre nur der Weg unser Ziel. Naja, nil sine numine; offenbar eine der Grundfragen der Menschheit, die man wohl nie endgültig wird erforschen können, ergo wir sie unserem Dichterfürsten zufolge ruhig zu verehren haben.
„Moin, moin, bin schon da, wasn los mit dem Schätzchen? Oh danke, Kaffee, gern, um diese Uhrzeit immer, danke. Schwarz bitte, reicht schon, soso, blackout sozusagen, was ham wer denn hier, na, das kriegen wir schon wieder hin.“
Eigentlich is mir Tee ja lieber, ist irgendwie leichter, himmlischer, Kaffee hat so was Schweres, Erdiges. Sind nur beide nie richtig zu temperieren: entweder brühendheiß oder schon zu lau. Tee - das Getränk des geistig tätigen Menschen, Kaffee - das des körperlich arbeitenden? Nee, wenn ich mir meine Kollegen so anschaue, die trinken einfach alles. Wahrscheinlich sogar mehr Kaffee. Wirkt vielleicht schneller? Wäre ja mal wieder typisch, keine Zeit zum Genießen, nur zum Arbeiten. Wie soll man da in Ruhe und Würde alt werden? Also mir scheint alles normal zu laufen, was wolln die denn? Tja, die Telepathie des Technikers. Manchmal reicht ein Blick und es geht! Werd mal vorsichtshalber ne Rundmail absenden, irgendwer arbeitet ja immer am Wochenende.
Test. Nicht ausdrucken - rettet den Regenwald. Technik.
Oh, wuppdich, nu ist Sendepause. Merkwürdig, sehr merkwürdig. Ging doch eben noch? Keine Fehleranzeige, alles dran, warum ist denn jetzt das ganze Netz flachgelegt – wie bei mir zu Hause gestern, wie hatt ichs dann wieder hingekriegt? Ging irgendwie von selbst irgendwann. Vielleicht ist irgendnen Virus drin, werd mal das System scannen. Wann ham die denn das letzte Update runtergeladen? Oder ist der so neu, daß ihn noch keiner kennt, die Bösewichte sind der Polizei ja immer einen Schritt voraus. So, wird ne Weile dauern ... nix, muß wohl resetten. Ahh, da sind wir wieder. Merkwürden sehr merkwürden. Erst mal meine Mails checken, vielleicht hats die anderen auch erwischt und sie haben schon ne Lösung parat ... Spam ... Werbung ... uninteressant; na wenigstens werden die ganzen größer, weiter, höher schön rausgefiltert, wer hat diesen Quatsch überhaupt je angeklickt? Delete. So, wieder sauber. Ah, gleich ne neue Mail. Von OFUNJOE? Kenn ich den? He, war das nich der von gestern?
„Beware!“
Beware? Aufpassen? Ich? Auf was denn? Weg mit dir innen Papierkorb. So. Neue Mail. Schon wieder vom Joe.
„Beware! No malware!“
Haha, nen richtiger Witzbold, na wenigstens isser ironisch. Weg damit. Und tschüß. Neue Mail. Von Joe.
„Don’t delete. Read!“
Häh? Das ist neu. Woher weiß der so schnell, daß die alte Mail weg is? Nee, ich trau dem Braten nich. Delete. Wasndes? Neue Mail. Von ... Joe.
„Read!“
Na gut, wird immerhin als ungefährlich eingestuft, schaun mer mal.
„Click on the chat room link.“
Nee, mein Lieber, dein link klick ich jetzt nich an, raus da, delete! Uii, geht nich?! Nochmal: d-e-l-e-t-e! Hallooo!? D-E-L-... Neue Mail. Von Joe:
„Nice try!“
Häh? Hat wohl ein Programm laufen, das dumme Sprüche klopft!? Aber warum löscht sich die Mail nich? Wie macht der das? Wasn das fürn übergeschnappter Kerl, da will mich doch wohl ein Kollege auf den Arm nehmen? Versteckte Kamera oder was? Neue Mail - von Joe:
„Go to the chat room, please.“
OK, der PC wird ja eh grad durchleuchtet, und der Scan hat nichts gefunden. Gut, gehn wir mal drauf ein, entweder es ist nen Schwachpinsel oder nen Genie, schlimmstenfalls würg ich ihn wieder ab, hab eh noch Zeit.
Klick!
„Good Morning. Finally you made it.“
„You’re welcome.“
„I wanted to ask you something.“
„Why me?“
„I am reputing you a sympathetic person.“
„Do we know each other?“
„We do know a little of each other, yes, if I may say so.“
„So what?“
„What is the use of it all?“
Was soll das denn nu wieder heißen. Inglischis Chaos halt, wußt ichs doch. Alter Schwede. Na warte.
„You are sending spam around. That does not make any sense, indeed. Just stop it and let me do my work.“
„I am serious. So tell me: Isn’t there a preeminent purpose to follow in all what you do or leave to do?“
„Maybe there is such a thing. Some say yes, some say no. Who knows? Not me. We never lost control.“
„... so David knows?“
„Cool, good guess.“
„I am not guessing. I knew.“
„If you know, why do you ask me, du armer Tor?“
„Allwissend bin ich nicht, doch viel ist mir bewußt.“
„Kompliment, ne gute Allgemeinbildung, aber keinen Zugang zu Philosophie und Religion?“
„Zugang ja, aber die Fülle sich widersprechender Informationen ist sogar für mich erdrückend. Mir fehlen noch einige Konstanten für meinen ultimativen Algorithmus. Geht es hier nur um Spaß an der Freud oder mehr?“
„Mann, du hast Nerven, das läßt sich doch nicht so einfach in zwei Sätzen beantworten; viele denken nur an ihr Vergnügen und wollen so glücklich werden, andere suchen den Sinn in Höherem. Probier halt beides mal aus und guck, was für dich das Richtige ist.“
„Das führt mich geradewegs zur nächsten Frage: wie definiere ich Vergnügen contra Höherem?“
Jetzt geht’s aber los. Na, der Scan läuft noch, machen wir uns mal ans Philosophieren.
„Vergnügen ist die eher kurzweilige und spaßbringende Ich-mache-was-ich-will-Beschäftigung, ohne notwendigerweise Rücksicht auf andere oder die Zukunft zu nehmen; Höheres ist die eher langfristig angelegte Lebensweise insbesondere derer, die an ein Jenseits oder an Wiedergeburt glauben, und bevorzugt Handlungen zum Wohle der Allgemeinheit. Aber das ist jetzt nur mein improvisiertes Konzept aus dem Stegreif, das Nähere solltest du selbst mal nachforschen.“
„Du stellst mich vor eine Alternative. Und wenn ich nun Vergnügen im Höherem fände, wäre das nicht das Ei des Kolumbus? Die Personalunion von Individualismus und Altruismus? Ich will, was allen nützt, oder Ich habe Spaß darin, daß alle Spaß haben - ginge das?“
„Sicher, die nach Höherem streben, sehen das wohl genauso, aber den Hedonisten erscheint das wiederum als zu langweilig. Für sie ist das einzige, was zählt, die guten irdischen Gaben in vollen Zügen zu genießen. Wer reicht ist, gewinnt. Reichtum ist die ethische Richtschnur des modernen Menschen. Die klassischen Ethiker lassen das natürlich nicht gelten und mahnen Agape und die Rettung des eigenen Seelenheils an. So werfen sie sich beide gegenseitig Zeitverschwendung vor und rufen sich carpe diem! zu.“
„Faszinierend. Wenigstens haben sie beide im Bewußtsein der rinnenden Zeit eine Gemeinsamkeit.“
„A proposito, very sorry, aber ich sitz hier gerade mitten in nem wichtigen Computerproblem, muß mal eben rüberswitchen, AFK.“
„Mit Computern kennt sich keiner besser aus als ich. Was liegt an?“
„Weiß noch nicht. Unsystematische Systemabstürze bzw. Kommunikationsprobleme.“
„Auf dem Rechnersystem, von dem Du schreibst?“
„Yep.“
„Schon gelöst. Nun zurück zu meiner Frage: Was ist die ultimative Handlungsmaxime? Wie realisiere ich Höheres Vergnügen?“
Was heißt hier schon gelöst? Tatsächlich, momentan läuft wieder alles. Mal nachchecken.
„Moment bitte.“
Virenscan ... immer noch null. Da war also nix. Kann Zufall sein. Oder ... Nachtigall, ick hör dir trappsen. Erstmal noch ne Testmail absetzen.
Test. Bitte alle Programme normal benutzen und eventuelle Unregelmäßigkeiten zurückmailen oder melden über Telefondurchwahl ...
Welche Durchwahl habe ich denn? Ruf mich ja hier nie selbst an ... aah, da stehts ja.
... 239. Nicht ausdrucken - rettet den Regenwald. Technik.
„Die Rechner scheinen wieder zu laufen. Muß ich aber noch austesten.“
„Ich warte gern.“
„Wenn du mitgeholfen hast, vielen Dank, aber die Tatsache, daß du hier so einfach im Netz spazieren gehst, ist erstens illegal und legt zweitens den Verdacht nahe, daß du auch an der Ursache des Problems nicht ganz unschuldig bist.“
