Der den Teufel weckt - Maxi Hill - E-Book

Der den Teufel weckt E-Book

Maxi Hill

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Beschreibung

Der Lehrer Jan Stein findet nachts im Park seine Schülerin Nina - sturzbetrunken. Sofort hat er eine Ahnung davon, wem die Schuld dafür zugeschrieben wird. Ihm. In seinem Experiment gegen das Koma-Trinken vermittelt er seinen Schülern praktische Erfahrung im Umgang mit Alkohol. Nur was man am eigenen Leib erfährt, erfährt man nachhaltig. Wen wundert es, wenn nicht nur sein Experiment in harscher Kritik steht. Ihm selbst wird ebenso übel mitgespielt.

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Seitenzahl: 351

Veröffentlichungsjahr: 2016

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Maxi Hill

Der den Teufel weckt

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Vorwort

Jan Stein

In der Klinik

Nina Joswig

Die Sache mit Vera Hensel

Schulalltag

Das Rad beginnt sich zu drehen

Hacke dicht

Gute und schlechte Gedanken

Karim Üljaz

Der coole Lehrer

Ein gutes Gespann

Der ernsthafte Kämpfer

Der Elternabend

Das Trinkexperiment

Klassenfahrt

Zarte Bande

Intrigen

Eltern und Liebe?

Verlorenen Illusion

Liebe in Licht und Schatten

Der Bumerang

Recht und Gerechtigkeit

Bittere Enttäuschung

Das Treffen

Androhungen

Rettung in letzter Minute

Osterfeuer

Das schreckliche Ende

Vertrauen

Maxi Hill

Impressum neobooks

Vorwort

Der Alkoholkonsum von Jugendlichen hat sich in den letzten Jahren verändert. Während die Zahl der Alkohol Trinkenden leicht rückläufig ist, hat sich das Rauschtrinken besorgniserregend verdoppelt. Zu den häufigen Folgeproblemen bei Gesundheit und Entwicklung zählt der Anstieg von Gewalttaten unter Alkoholeinfluss.

Die Landesregierung Brandenburg legte im Jahre 2007 ein vielgliedriges Präventionsprogramm auf, das Lehrern und Eltern für die ihnen anvertraute Jugendliche erfolgreiche und nachhaltige Wege für einen verantwortungsbewussten Umgang mit Alkohol zu zeigen ermöglicht.

Einen Baustein bildet das Projekt »Lieber schlau als blau« der Salus Klinik Lindow von Doktor Johannes Lindenmeyer.

Der mutige Ansatz liegt hierbei in der Selbsterfahrung der Jugendlichen unter autorisierter Anleitung und Kontrolle.

»Nur was man am eigenen Leib erfährt, erfährt man nachhaltig.« So sagt es der Protagonist in diesem Buch – ein junger Lehrer, der den praktischen Wert der Maßnahme den wirkungslosen Abstinenzpredigten vorzieht. Nicht zuletzt, weil wir in einem Kulturkreis mit gestörter Trinkkultur leben. Alkohol ist allgegenwärtig, aus unserer Kultur nicht wegzudenken. Zugleich aber gibt es keine Normen und Regeln, die jungen Leuten im normalen Leben vermittelt werden. Dieses Projekt schließt die Lücke, ist aber sehr umstritten. Ja es löst bisweilen so heftige Kontroversen aus, dass mutigen Akteuren die Kraft abhandenkommt. Erschreckend die Lobby derer, die auf strikte Verbote plädieren und die Jugend somit aus der mitteleuropäischen Kultur herausheben möchten.

Wie dem jungen Lehrer Jan Stein in diesem Buch muss es im realen Leben mehr als einhundert geschulten Lehrkräften ergangen sein, wenn sie bisher noch nicht den Mut hatten, das ihnen vermittelte Wissen mit Leben zu erfüllen.

Ich wünsche diesem unkonventionellen Weg vertrauensvolle Akteure, gut informierte Eltern und aufgeschlossene Schüler.

Maxi Hill

Jan Stein

Die reinste Form des Wahnsinns ist, alles beim Alten zu lassen und gleichzeitig zu hoffen, dass sich was ändert. (Albert Einstein)

Kaum zu glauben, dass er das Chaos in seinem Kopf noch beherrschen könnte. Er trinkt nur selten. Heute ist ein besonderer Tag. Das Fernsehen hat den Beitrag über sein Trinkexperiment ausgestrahlt und Sellinger vom Ministerium sagte: Das musste gefeiert werden. Das Chaos in seinem Kopf gibt ihm zu denken. Schlimmer ist, seine Schüler haben ihn gesehen, mitten im Spektakel. Einmal im Jahr feiert die Stadt ein Kneipenfest – aufwendig geplant - mit Bus-Shuttles von Kneipe zu Kneipe. Kein Problem – Aber genau dagegen hatte er vor der Klasse gewettert und heute war er dabei … Morgen bekommt er die Quittung. Morgen muss sein Kopf klar sein für das, was er vorhat und was ihm viel wichtiger ist, als alles andere.

Er ist kein Sterngucker, kein Kind von Traurigkeit. Er ist zweiunddreißig, ledig und Lehrer für Sport und Mathematik. Zum Glück an einem Gymnasium, wo die Disziplin noch nicht in den Ausbruchsversuchen Pubertierender versinkt.

Sein Schritt stockt. Eine Gruppe junger Leute zieht mit Gejohle vorbei. Einer läuft zu einem Baum, bückt sich und ruft die anderen heran. Jetzt kann er nicht weitergehen. Es könnten Schüler von ihm dabei sein. Dieses Alter hat ein feines Gespür für die Schwächen der Lehrer. Die Bank bei der großen Platane kommt ihm gelegen.

Er stützt seinen Kopf in beide Hände. Eine kurze Nacht. Zum Glück kann er ausschlafen.

Nach einigem Hin und Her trollt sich die Gruppe lautstark davon.

Er spürt, wie die Welt sich unter seinen Füßen dreht. Hat er tatsächlich ein, zwei Bier zu viel …? Er ist untertrainiert!

Karim sagte, er muss Vorbild sein, wenn er will, dass man ihm vertraut. Und wie er das will. Dafür hat er weiß Gott genug erdulden müssen. Kämpfen. Niederlagen einstecken. Verluste verkraften. Sellinger ist überzeugt: Nach diesem Fernsehbeitrag kommt die Akzeptanz für das Trink-Experiment. Mag sein. Es gibt einen Verlust bei der Sache, und den wird er nicht akzeptieren. Karim. Nur eine Arglist reichte aus. Karim will nichts mehr von ihm wissen; er wird sie nicht bedrängen.

Wankend setzt er seinen Weg fort. Das Hochhaus mit seiner kleinen Wohnung hebt sich ab vom Sternenhimmel. Noch drei Minuten, dann kann er sich ausstrecken. Schlafen. Nur noch schlafen.

Morgen wird er mutig sein und Karim anrufen … Nein, er wird zu ihr gehen … mit Blumen.

Am Baum links vom Weg stoppt sein Schritt. Jemand liegt an den Stamm gelehnt. Sturzbetrunken. Er hadert mit sich. Dann tritt er näher und sieht ein jammervolles Geschöpf, über und über vom eigenen Erbrochenen bedeckt.

Ein ähnlich würdeloses Bild hatte er bei der Vorbereitung zu seinem Experiment seinen Schülern gezeigt. Zur Abschreckung. Ein Foto nur. Nichts Reales. Ein hilfloses Mädchen auf einer Bank. Vollgekotzt. Schamlos entblößt.

Wenn einer so besoffen daliegt ist es eigentlich schon zu spät, hat er damals gedacht. Zu den Schülern hat er gesagt:

»Möchte jemand von euch einmal dieses Bild abgeben? «

»Abgeben nicht. Angucken schon«, erheiterte Pattrick Lörmann die Runde.

Pattrick! Diesem Jungen hätte es gut getan, sich am Experiment zu beteiligen. Sein Absturz zur Klassenfahrt in Peenemünde war beinahe folgerichtig; diese Erfahrung hat sich in seinen Lehrerstolz geritzt. Leider hatten Pattricks Eltern keine Chance, ihren Fehler zu erkennen.

In ziemlicher Dunkelheit beugt sich Jan zu dem leblosen Etwas. Die Kotze stinkt nach süßem Fusel. Im Halbdunkel das entstellte Gesicht von Nina Joswig.

Lange kann er keinen vernünftigen Gedanken fassen. Nur eines geht ihm durch den Kopf. Wie konnte er sich in Nina so irren?

Was da vor ihm liegt ist der vollgekotzte Beweis: Nina Joswig hat ihm die ganze Zeit etwas vorgemacht. Was jetzt vor ihm liegt, ist Teufelswerk. Hatte es nicht viele deiner Kollegen genauso prophezeit?

Wer sich auf Teufel komm raus betrinken will, der wird es nach diesem Experiment erst recht tun ...

Trotz Nebel im Kopf wird ihm klar, was Sellinger meinte. Der Weg des Mutes kennt zwei Ziele: Thron oder Schafott.

Was blieb ihm übrig, als den steinigen Weg zu gehen, der die Schüler selbst erfahren lässt was passiert, wenn man Alkohol trinkt. Die wenigsten hatten eine Ahnung, welch Teufelszeug in ihren Drinks steckt.

Die kühle Nachtluft streicht um seine Stirn, macht ihn munterer. Mit einem Male ist er stocknüchtern: Wenn Ninas Absturz bekannt wird, kommt genau der Ärger auf ihn zu, auf den Vera Hensel spekuliert; Vera mit ihrem Unfehlbarkeitssyndrom.

Wenn es zwei Frauen gibt, die den größtmöglichen Abstand halten sollten, dann Karim und Vera. Zu spät. Karim ist für ihn wieder unerreichbar. Sie gibt ihm dieses Gefühl. Und er hat entschieden, ihren Willen vorerst zu respektieren.

Er muss jetzt alles klug arrangieren: Hilfe für Nina anzufordern bedeutet, die Soko Suff auf den Plan zu rufen. Das ruiniert sein Ansehen endgültig. Lässt er Nina einfach ihren Rausch ausschlafen, bleibt immer noch Zeit für Erziehung … Ab Montag. Aber die Nächte sind empfindlich kalt, und Nina könnte noch einmal erbrechen und an ihrem Erbrochenen ersticken …

Der Park ist dunkel und ruhig. Kein Kneipenlärm. Kein Disco-Licht. Kein übermütiges Lachen. Nichts. Ist dieses Stück Welt nicht friedlich und still?

Vielleicht hätte er auch heute so gedacht, wäre nicht Karim eines Tages so aufgebracht gewesen. Ein Vorfall wurde im Kollegium kaum zur Kenntnis genommen. Man hatte in diesem Park zwei junge Asiaten übel zusammengeschlagen.

Jan drückt mit der Rückhand an die Halsader des Mädchens. Irgendwie aus Gewohnheit. Vielleicht aus Selbstbetrug. Freilich lebt sie, aber ansprechbar ist sie nicht. Er weiß nicht, wo Nina wohnt. Sie geht in die Neun A.

Ein Lufthauch lässt die Blätter über den Köpfen zittern. Sonst bleibt alles still, eine Stille, die mutlos macht.

Soviel Jan auch nachdenkt, er kann das Bild nicht ausstehen, auch wenn die Dunkelheit es verklärt. Aus dieser Dunkelheit löst sich seine Stimme, die Ninas Vater zu überzeugen versucht hat, seinem Trinkexperiment zuzustimmen:

Nun Herr Joswig, ich kann nur hoffen, dass man Sie niemals in die Rettungsstelle bittet, wo Ihre Tochter liegt. Vielleicht mit bleibenden Schäden. Vielleicht erfroren oder unterkühlt. Vielleicht in ihrem hilflosen Zustand von gewissenlosen Männern missbraucht …

In der Klinik

Am hellen Sonntag erwacht ein Mädchen im Klinikum in einem fremden Hemd, beäugt von fremden Gesichtern. Es hat nicht geschlafen. Es war nicht ohnmächtig. Es war zu. Völlig zu. Das wird ihm jetzt klar, und ihm dämmert es auch, warum sich das Innere nach außen kehren möchte. Alles kann sich nach außen kehren, nur nicht die Seele.

Die behält es bedeckt. Die geht keinen etwas an.

Dem Mädchen ist kotzelend. Eine Krankenschwester steht neben dem Bett. Das herbe Gesicht spiegelt weder Sorge noch Strenge. Abscheu vielleicht. Oder Kälte?

Die Frau fragt etwas, doch das Mädchen antwortet nicht. Es schließt die Augen und dreht sich zur Wand.

Schwester Beate muss gar nicht fragen. Sie weiß alles über das halbe Kind, das jetzt weniger erbärmlich aussieht als noch in der Nacht.

Nina Joswig. Noch nicht einmal sechzehn Jahre alt. Schülerin am Heine-Gymnasium.

Da draußen im Gang saß die halbe Nacht ein Kerl, der nicht eher gehen wollte, bis er erfahren hat, wie es um sie steht.

Erst als die Mutter des Mädchens kam, war er zu bewegen.

Hilflos stand die Frau herum, rang mit den Händen und wusste nicht, was man von ihr erwartete. Entgiftung. Das traf sie schwer. Schwerer noch trafen Mutters Tränen das blassblaue Kind.

»Dass du uns so etwas antust! Was sag ich bloß Papa. Nun siehst du es selber. Er hatte doch recht mit dem Experiment…« Sie zog ein Zellstoff aus der Tasche und wischte ziellos in ihrem Gesicht herum, »…ist der Teufel erst geweckt …!«

Das Mädchen weint seitdem und redet noch immer nicht.

»Es musste so kommen«, hat die Frau gesagt und ist von einem Bein auf das andere getreten, wie die Irren auf den Gängen der Anstalt.

Nichts muss so kommen, denkt Beate und spricht gedämpft auf Nina ein. Der schmale Körper hebt und senkt sich, aber er gibt keinen Laut frei.

Beate kennt andere Typen, die es den Schwestern schwer machen, sobald sie wieder ein bisschen Orientierung spüren. Manche werden aggressiv und randalieren herum. Einmal kam ein Dreizehnjähriger mit zwei Promille im Blut. Aber er stand senkrecht – nicht sicher, aber doch auf eigenen Füßen. Ein Dreizehnjähriger!

Andere kommen in fast komatösem Zustand, wo alle Schutzreflexe fehlen, wo die Atmung gefährlich langsam geht, bisweilen aussetzt. Die meisten sind unterkühlt, wie dieses Mädchen auch. Es brauchte eine Infusion; der Blutzucker war drastisch abgesunken. Und es brauchte neben der Windel, in die es sich komplett entleert hat, auch sehr viel Flüssigkeit.

Der Mann sagte, das Mädchen habe sich schon im Park übergeben. Komplett, wie es ihm schien.

Dieses Mädchen randaliert nicht, es keift nicht und lässt auch sonst alles geschehen. Dieses halbe Kind spürt eine Scham in sich, die nichts anderes erträgt als die weiße Wand neben ihrem Bett.

Besuch wäre Gift. Kein Besuch ist es auch. Die Mutter hatte verstanden, dass ihre Worte nicht hilfreich waren. Der Vater sei gottlob nicht in der Stadt. Der würde nicht lange fackeln, sagte die Mutter.

Seit einer Stunde sitzt schon wieder dieser Kerl draußen im Gang. Er gibt vor, Nina gefunden zu haben und endlich Auskunft zu erwarten.

Nina Joswig

Sie hat es sich nicht so schwer vorgestellt: Liebe. Aber sie hätte es wissen können. Sie ist kein Kind mehr. Sie weiß, was Liebe ist.

Sie hat nur keine Erfahrung, wie es ist mit dem Nachgeben … mit der Bewunderung … mit dem Vertrauen?

Durch ihr müdes Bewusstsein zieht die Stimme ihrer Mutter: »Wir helfen dir, aber du musst es wollen. « Vorher hatte Vater gepredigt: »Du bist jetzt selbst dafür verantwortlich, was du tust. «

Also hätte sie sich anders entscheiden müssen? Anders heißt gegen Pattrick und das wiederum bedeutet, sich für einen Verlust zu entscheiden.

Über eine solche Geschichte hatten sie im Deutschunterricht mit Frau Hensel geredet. Aber hier und jetzt geht es nicht um eine Romanfigur, hier geht es um sie und ihre Liebe.

Als Pattrick im neuen Schuljahr an diese Schule kam, war er ihr sofort aufgefallen. Jeder bewunderte ihn. Wenn sie mit dem Fahrrad zur Skatbahn fuhr, stand er schon da - sein Sturzhelm auf die Sitzbank gebunden, dunkle Brille und Gel im Haar. Mit Augen zu Schlitzen verengt, schickte er weiße Kringel aus Zigarettenqualm in die Luft und grinste so süß, dass die Haut an ihren Armen fror.

Sie war zufrieden, wenn er sie nicht übersah. Ein paar Worte. Ohne Bedeutung. Ein Blick, wenn er tollkühn die Halfpipe nahm. Breites Lachen, wenn er sein Handgelenk am Gashebel verdrehte, bis der Motor aufheulte.

Im Unterricht hielt er sich zurück, schalt die Fleißigen als Streber und jene als Weicheier, die sich an Mädchen hielten. Dabei war er ihr selbst sehr nah gekommen. Es prickelte auf der Haut, wenn er sein Gesicht von hinten über ihre Schulter schob. Von diesen Momenten an gab es immer einen Grund, dass sie sich zu ihm traute. Er lachte nur, wenn sie nichts anderes wusste, als über Mathe zu reden.

»Voll analog. Aber ich mach jetzt ´n Abgang. Kein Bock, hier rumzustressen.«

Klar war sie enttäuscht, aber dann sah sie das ganz besondere Funkeln in seinem Blick, als er versprach:

»Irgendwann ziehen wir beide unser Ding durch. «

Sie hat ihn nicht daran erinnert, weil er sie Kirsche nannte. Kirsche. Das erste Mal beim Karneval.

An diesem Tag hatte er getrunken. Er sagte, zum Karneval gehöre es dazu. Aber später einmal leugnete er zuerst, dann brüstete er sich damit vor anderen, und ihr sank der Mut, wieder von seinem Motorrad abzusteigen. Sie hätte es wissen müssen. Spätestens in Peenemünde.

In all den Monaten zuvor war sie oft genug mit sich selbst uneinig. Zu viele Mädchen himmeln Pattrick an. Er nennt sie alle Ische oder Brumme. Nur sie nennt er Kirsche und grinst dabei. Er sagt es zu Rille, und zu Kaktus, und manchmal auch zu Janetta, was bei der die Zornesröte in die Augäpfel treibt.

Einmal hatte sie Janetta sagen hören: »Lass dich mit der Ische eindosen, aber blümelt nicht vor unseren Augen rum. «

Auf einmal ist ihr klar, dass sie keinem anderen Mädchen ihr Gefühl gegönnt hat, sobald sie Pattrick in die Augen schaute. Bis gestern dachte sie: Ein starker, zufriedener Typ. Ein selbstsicherer Junge. Jetzt weiß sie nicht mehr, was richtig ist.

Noch niemals hatten sie Gedanken an die Liebe so stark berührt. Sie hatte so ihre Wünsche an das Leben. Vorstellungen, die im Nichts endeten, weil Erfahrung fehlte. Und dann sein erster Kuss. Ihr war, als habe der Augenblick des Lebens gut für sie entschieden. Als sei dieser Junge nur für sie geboren worden.

Gestern auf seiner Geburtstagsfeier wollte er esendlich tun, irgendwo im Hinterhof der Disco. Ihr fehlte der Mut. Sie hatte sich das erste Mal mit einem Jungen romantischer vorgestellt. Er meinte, nach drei Jägermeistern sei es leichter …

Wie fremdgesteuert gleitet eine Hand über die Stelle, wo er sie berührt hat. Die Wangen sind schlaff, schlaffer als ihr Geist, der zu ahnen beginnt, was bald folgen wird.

Wenn sie sich einem einzigen Menschen anvertraut, ist sie Pattrick los. Für immer. Mehr noch – und das drückt viel stärker gegen ihr Herz – wer Pattrick zum Feind hat, der hat es schwer in der Clique.

Ob er wirklich achtzehn geworden ist? Warum hinkt er zwei Jahre hinterher?

Bis gestern hätte sie ein Ende nicht für möglich gehalten. Nicht in ihrem Herzen. Was ist das für ein Freund, der sofort eine Andere knutscht, wenn er nicht bekommt, was er will. Ausgerechnet Janetta! Sie weiß, dass sich Janetta seit einiger Zeit diversen Jungen hingibt. Womöglich haben sie es dann miteinander getan, als sie heulend weggelaufen ist.

Sie hatte sich eine fröhliche Art zu feiern gewünscht, aber Pattrick war nicht zu überzeugen, dass es auch ohne Alkohol schön wäre. Sein Lachen war gemein. Jetzt sieht sie die Bilder vor sich und sie hört seine höhnischen Worte und die von Janetta. Warum musste sie auch von dem Trinkexperiment anfangen. Warum grinste Janetta? Sie hat doch selbst den Test absolviert. Sie hat sogar zu Herrn Stein gesagt, dass sie endlich begriffen hat.

War das noch derselbe Tag, auf den sie sich so gefreut hatte? War das noch derselbe Freund, den sie so gerne geküsst hat. Auf einmal küsste er Janetta! Und wie er sie küsste!

Ihre Augen füllen sich mit Feuchtigkeit. Klare, salzige Feuchte, die der Welt ihre Konturen nimmt. Alles verschwimmt, nur die Erinnerung an diesen Schmerz verschwimmt nicht so schnell.

Fünf verschiedene Drinks. Das war sein Geburtstagswunsch, und alle johlten laut: Binge-drinking! Ihr war so elend zumute und sie glaubte doch nur, es sei die Enttäuschung, die immer klarer, immer schmerzhafter auf sie zurollte. Pattrick und Janetta? Janetta die Brumme. Genau weiß sie nicht, ob das Wort gut oder schlecht ist. Auf Janetta passt es. Flapsige Sprache. Bunte Strähnen im wirren Haar. Piercings an Brauen, Zunge und Nabel. Janetta brummt.

Ob es das ist, was Pattrick gefällt?

Das Weinen bringt Erleichterung. Warum hat sie auf Herrn Stein gehört? Und dann fällt ihr ein, dass sie gar nicht auf ihn gehört hat, und dass sie deshalb hier liegt …

Zwei Einheiten, das war ihr persönliches Maximum nach dem Experiment. Nicht fünf. Und womöglich waren die drei Jägermeister doppelte, so genau kennt sie sich nicht aus.

Sie schiebt ihren Kopf, in dem sich alles dreht, auf den Ellenbogen. An der Wand verschwommen sein Bild. Sie weiß, dass sie ihm nur schwer verzeihen kann, aber sie muss ihn wiederhaben. Nur wie? Kann man sich für die Liebe an Unmögliches gewöhnen?

Was wäre jetzt, wenn sie mit ihm gegangen wäre?

Vielleicht wäre alles gar nicht so schlimm gewesen. Vielleicht läge sie nun für immer in seinem Arm ... Vielleicht hat Karim Üljaz recht: Manchmal haben die Jungen plötzlich genug von einem Mädchen, wenn sie es einmal hatten … Aber Frau Üljaz ist eine Türkin ...

Die Stunden bei Tage strecken sich. Was kommt jetzt noch? Was bedeutet Entgiftung?

Der Schatten steht wieder hinter ihr.

»Ich bin Schwester Beate. Kann es sein, dass der Mann, der dich im Park gefunden hat, dein Lehrer ist? «

Sie antwortet nicht. Ihr Körper hebt sich ruckartig, das Gesicht wühlt sich in die Kissen. Das Weinen wird stärker. Warum passieren ihr jetzt so peinliche Dinge. Sie schnellt in die Höhe. Vom äußeren Rand einer Zentrifuge fällt sie zurück auf das fremde Bett.

»Welcher Lehrer? «

»Stein heißt er und sitzt draußen im Gang. «

Verdammte Scheiße. Warum Herr Stein. Warum konnte man sie nicht liegen lassen, bis sie verreckt wäre … Immer noch besser als diese Blamage.

Zum ersten Mal in ihrem Leben möchte sie sterben. Nicht richtig zwar, nur um zu sehen, ob Pattrick um sie trauert. Die Furcht vor ihrem Vater, die Scham vor ihrem Lehrer, verdrängt sie.

Sie ahnt nicht, dass ihr Mathelehrer Jan Stein schon in der Nacht Stunden auf dem Gang der Notfallstation zugebracht hat. Jetzt sitzt er wieder da und grübelt, was falsch gelaufen ist.

Die Sache mit Vera Hensel

Die Krankenschwester sagt, pro Jahr werden fünfzehn bis zwanzig Jugendliche in diesem Zustand in der Notaufnahme eingeliefert. Am schlimmsten ist die Zeit um Himmelfahrt und zu den Osterfeuern. Auffällig ist, dass in letzter Zeit zunehmend Mädchen behandelt werden müssen.

»Das liegt daran, dass die Jungen robuster sind«, erwidert Jan Stein.

Bei sich denkt er: Nina ist alles andere als robust. Kein Kollege hätte Nina so etwas zugetraut.

Er lehrt gern am Heine-Gymnasium. Zwar sind die Kollegen dickfelliger als in seiner Kleinstadt-Schule und bisweilen hört er merkwürdige Grundsätze: Ein Gymnasium setzt die Prioritäten nicht auf Erziehung. Wer sein Kind hierher gibt, hofft auf hohe Bildung?

Geschwafel. Junge Erfolge wachsen auf dem Dung alter Denkfehler!

Er geht seinen Weg unbeirrt – trotz Rückschlag.

Was haben all die Erlasse gebracht, mit denen die große Politik ihr Gewissen reinwäscht? Besteuerung von Alkopops. Ausschankverbote. Preisschrauben. Die leichten Drinks waren es, die junge Zungen an hartes Zeug gewöhnten. Was nutzen öffentliche Verbote, wenn in den Wohnzimmern vorgeglüht wird. Er wirft seinen Kopf zurück.

Meine Methode ist besser geeignet als tausend Verbote und hundert Gesetze, auch wenn viele sie verteufeln. Erfahrung ist der beste Lehrmeister. Kontrollierte Erfahrung. Gerade für Heranwachsende.

Sellinger sieht klar: Flatrate-Saufen, 50-Cent-Partys und all diese Erfindungen! Je mehr die Jugend davon hört, desto spannender wird es. Allein das Wort Komasaufen erzeugt den Reiz, einmal auszuprobieren wie es ist, total besoffen zu sein ...

Jan Stein fühlt sich angekommen in seinem Beruf. Nicht lange zuvor war noch ein Zweifel in ihm. Die Anforderungen an einem Gymnasium sind hoch. Inzwischen weiß er es besser. An dieser Schule kocht man auch nur mit Wasser. Jeder lehrt nach seinem Gutdünken. Es gibt keine offenen Scharmützel. Nein. Aber es gibt diese gewisse Hackordnung, die jeden an seinen Platz befiehlt, der die Rangfolge missachtet. Nicht selten erwischt einen der Stoß des Nebenmannes, weil man ihm zu nahe kommt.

Zugegeben. Irgendwie war er Vera Hensel zu nahe gekommen? Aber womit genau, bleibt diffus.

Schon in der Nacht des endlosen Wartens in diesem Gang der Nothilfestation war Jan Stein zu keinem Ergebnis gekommen. Keinem, das mit Nina Joswig zusammen geht – aber sehr viel, was mit ihm selbst zu tun hat.

►Als er damals an diese Schule kam, fiel sie ihm sofort auf. Vera Hensel. Jeder im Kollegium wusste, was unter ihrem Examen stand: Mit Auszeichnung.

Nicht nur der Abstand zwischen ihrem und seinem Examen flößte ihm Respekt ein. Vera war für ihn ein Sinnbild des Schönen. Er brauchte sie nur zu sehen, schon war er gefangen von ihrer Helligkeit. Nicht das Haar allein, auch ihr Kopf war helle und die Stimme, die das innere Strahlen nach außen trug. Scheinbar. Damals glaubte er, es sei eine Freude ihr zuzuhören. Manchmal wollte er meinen, sie zitierte Goethe wenn sie sprach. Ihre Worte stets in knappe Sätze gefasst trafen schnell und präzise den Kern einer Sache.

Wann fing es an, dass sein Interesse an Vera Tropfen für Tropfen versickerte?

Mit Karim? Eigentlich lange zuvor?

Karim sagt: Was nicht gut ist, kann auch nicht schön sein - auch wenn der Fliegenpilz uns narrt.

Karim hat recht. Schönheit ohne Seele ist wie Sonne ohne Wärme. Karim. Warum hatte er bei Karim keine ähnliche Absicht wie bei Vera? Weil Karim Referendarin war und bald wieder gehen, Vera aber in seiner Nähe bleiben würde? Weil Karim zu jung, zu unverbraucht, zu schade für eine Affäre war? Und mehr wollte er nicht. Meistens. Schließlich hatte er einen Grundsatz: Lebensgefährte, da steckt schon zwangsläufig das Wort Gefahr drin.

Vera Hensel unterrichtet Deutsch und Geschichte und sie wohnt in einem kleinen Dorf unweit der Stadt. Wenn sie morgens mit ihrem Cabrio auf den Schulhof gefahren kam und ihre hellen Haare im Wind flatterten, stand er schon im oberen Stock an einem der Flurfenster und wartete auf diese Szenerie, die einem Film entnommen schien.

Zur Weihnachtsfeier der Schule kam er ihr näher. An diesem Abend sah Vera nicht aus wie sonst. Sie trug ein blaues Kostüm. Royalblau. Ihre Frisur war ziemlich mondän und sie wirkte älter als an jedem normalen Tag. Er wusste, wie lange er es aushielt, nichts zu sagen, nichts zu tun und nichts zu bemerken. Vera saß neben ihm und redete leise über die missratene Neun B. Sie saß so nah bei ihm, dass er ihre Wärme spürte. Trotzdem war da ein Gefühl, das er nicht wollte und das ihn doch überkam: Warumredet die jetzt über seine Arbeit?

Freilich hat er so seine Methodik bei seiner Klasse. Manch einer im Lehrkörper nennt die Neun B schwierig. Er selbst kann nicht schlecht reden. Die Elfer sind eher schwierig. Aber seine Neuner machen keine Probleme. Nicht bei ihm. Er geht stets locker mit ihnen um, und sie nennen ihn ihren X-Man Einstein. Er findet nichts dabei, auch wenn sich manch Kollege darüber echauffiert.

»Bleib einfach cool und lass dich ein bisschen auf deren Niveau herab«, hatte er Vera geraten. Diese Erfahrungen war pädagogisch nicht zu erklären. Soweit gab er ihr recht. »Dann bring` sie dazu, über sich selbst nachzudenken. «

»Deine Neun … über sich selbst?« In das Wort deine hatte Vera eine eigentümliche Betonung gelegt.

»Zuerst schuf der liebe Gott die Idioten«, zitierte er einen seiner Sprüche, »und als er seinen Fehler bemerkte, erfand er die Schule. «

Vera wurde rot bis in die Haarwurzeln. Seine Flapsigkeit tat ihm leid.

Er, den das Leben gelehrt hat, immer auf plötzliche Veränderungen gefasst zu sein, schob seine Hand unterm Tisch zu Veras Hand. Ein Ruck ging durch ihren Körper, das war nicht zu leugnen.

»Sorry«, lächelte er. »Ich kläre gern beim ersten Mal die Fronten. «

Er sagte es so, dass man alles heraushören konnte. Alles. Aber Vera hörte nur, was sie wollte.

»Mathematisch oder sportlich? « Auf ihrem Gesicht lag ein seltsam dünnes Lächeln.

»Genau in dieser Reihenfolge«, grinste er und fügte wie beiläufig einen seiner Sprüche nach: »Der Wert einer Leistung liegt im Geleisteten. «

»Einstein«, spuckte sie aus, und das war deutlich abwertend, sofern nicht neidisch.

»Richtig, Einstein. Aber es gibt auch ganz passable für den Deutschunterricht. « Er musste nicht lange überlegen: »Geil ist kein ganzer Satz, geil ist ein halber Zustand. «

»Aus deinem Mund klingt alles wie Nachhilfe in Sexualkunde. «

»Bingo! «

Diese Art Gespräch gefiel ihm nicht. Was kümmerte es ihn, ob die Schülerauch mal geil sagten. Das war nicht sein Thema. Die jugendliche Trägheit zu überwinden, das war sein Thema: Bewegung bremst Aggression. Geistige Bewegung eingeschlossen. Das kleine Einmaleins ohne einen Taschenrechner. Und der Sport. Er meint Beweglichkeit, nicht Aktionismus und keine der Übertreibungen dieser Zeit, die mit Sport nichts gemein haben.

Er kann sich nicht erinnern, jemals in seinem Leben große Pläne gemacht zu haben. Alles ist einfach so gekommen, wie es ist.

Veras Wendung inbegriffen. Sie war zu dieser Verabredung gekommen. Er gab sich locker. Seine Blicke wanderten ungeniert über ihren Körper, wie die Scheinwerfer der Disco über den Himmel strichen und an den Wolken verzagten. Seine Wolken waren Textilien, die ihren Körper bis zum Hals verhüllten.

Sie saßen in einer Bar, hoben die Gläser und tranken einander zu. Er spürte genau, dass auch sie unruhig war, dass auch sie etwas zu sagen beabsichtigte. Fürs Erste musste er seine Antennen ausrichten. Vera war schwer zu durchschauen. Irgendwie brachte sie die Kälte aus der Schule mit in diese Kneipe, mit in seine Pläne. Zuerst begriff er gar nicht, was ihr spitzer Mund so eisig zu ihm herüber wehte:

»Du fischst in fremden Gewässern.«

War das eine Frage? Eine Warnung? Ist sie nicht mehr frei? Verdammt.

Ihre doppelt geschwungenen Brauen rutschten zur Nasenwurzel hin. Das sah nicht liebenswert aus, eher diabolisch. Ihr Brustkorb senkte sich, als falle eine ganz bestimmte Last heraus.

»Warum hast du dieses Trink-Projekt ausgesucht?« Das Wort Projekt hat sie herausgespuckt wie Sauermilch, ehe ihre Augen lauerten. »Komasaufen hat weder mit Sport noch mit Mathematik zu tun? « Vera lehnte sich zurück. Befreit. Gelangweilt? Sie schnippte mit den rotlackierten Fingernägeln irgendetwas von ihrem Kragen. Angewidert?

Abgesehen davon, dass auf ihrem Kragen nichts war, verschlug ihm eine Erkenntnis die Sprache: Wenn Vera sein Experiment verreißt, hatte er ein Problem. Er wusste schon damals von den verknöcherten Ansichten im Kollegium. Er weiß nur bis heute nicht, von wem sie am Leben gehalten werden.

»Wer sich auf Teufel komm raus betrinken will, der wird es nun erst recht tun. Man sollte vielmehr rigide gegen jede Art Kontakt der Jugend mit Alkohol vorgehen. «

»Das ist kleinkarierte Gewissensbefriedigung«, winkte er ab. »Das ändert nichts an der Tatsache. « Warum fiel ihm erst jetzt auf, wie teuflisch Vera aussehen konnte. Er redete schnell weiter, um sich von diesem Gefühl zu befreien. »Alkohol gehört zur Kultur des Abendlandes. Und in dieser Gesellschaft ist er ein gewinnträchtiges Verbrauchsgut. Hier liegen die Ursachen, die keiner beheben wird. Keiner. «

Klar, dass man bisweilen mit dem Finger auf die jungen Familien zeigt. Ganz unrecht hat niemand. Solange es normal ist, dass Eltern zum Abendessen täglich Bier oder Wein trinken, solange sie den Kindern das Gefühl geben, bei Frust muss man sich einen einschenken, solange ein volles Glas als Belohnung gilt, solange erkennt das Kind den Alkohol als Problemlöser an. Es gibt kaum eine Geselligkeit ohne Alkohol.

Trotzdem sind viele elterliche Sorgen auch seine. Das Komasaufen nimmt überhand. Es gibt keine Strategien. Nirgendwo. Es gibt kaum Wege der Kontrolle. Bingedrinking, Flatrate in der Disco, Tequila bis zum Exzess, und das beileibe nicht nur von Kindern aus sozial schwachem Umfeld.

Sein Experiment ist besser geeignet als tausend Verbote und hundert Gesetze. Warum also sollte er vor Vera klein beigeben.

»Falls dir da etwas entgangen ist«, versuchte er es noch einmal, wenn auch lakonisch. »Dieses Projekt ist eine anerkannte Prävention, entwickelt im Auftrag der Landesregierung. «

»Was hast du mit dem Ministerium zu schaffen?« Veras Frage blies eine Menge heiße Luft mit sich fort.

Noch heute gesteht er sich ein, selbst nicht genau zu wissen, warum er einen Stein im Brett bei Sellinger hat. Sellinger hatte zwei kluge Menschen beauftragt, das Projekt praxistauglich zu entwickeln. Ist Sellinger in der Klemme, weil die Umsetzung stagniert?

Immerhin war es Sellinger höchstpersönlich, der die Medien informiert hat. Das Fernsehen.

»Mein Projekt ist nicht schlechter als deines«, keifte Vera. »Ich bekomme diese Aufmerksamkeit nicht, weil keiner den Wert erkennt …«

Vera erging sich in der Schilderung diverser Vorteile ihres Sprachprojekts für Schule und Beruf, für Staat und Wirtschaft. Wenn er ehrlich ist, liegt Veras Projekt in der Tat auf ähnlicher Ebene. Die Jugendsprache - eine andere Art von Entgleisung.

Er grinste sie an und sagte beiläufig: »Shakespeare – voll geil. Die Klasse hat mir davon erzählt. «

Vera trank hastig einen Schluck. So musste sie zunächst keine Meinung haben. Doch ihr Wesen kam gar nicht umhin:

»Shakespeare! Als ob es nur um Shakespeare geht. «

Die Jugendsprache im Deutschunterricht zu analysieren war eine prima Sache. Es konnte nicht schaden, wenn die Schüler eine Reflexion davon bekamen, was ihre Sprache vom Hochdeutsch entfernte, auch wenn es an ihrer Schule nicht gar so drastisch war mit dem Jargon. Bisweilen, wenn man die Ohren spitzte, regierte auf der Straße sehr wohl das Abgleiten bis zur Fäkalsprache. Bisweilen vergriff auch er sich an den lässigen Worten der Jugend. Oder nachlässigen? Bislang erklärt kein Experte der Welt, ob die Jugend einen fälligen Sprachwandel anschiebt, oder den fatalen Untergang der zivilen Sprachkultur einläutet.

Inzwischen verstand er Veras Aufstand als Versuch, die ihr zustehende Beachtung einzufordern.

»Du willst dich profilieren«, zischte sie plötzlich, und aus ihren Augen funkelte etwas, was nicht zu seinen Plänen für diesen Abend passte.

»Bei deinem Ruf verständlich. « Sie zog die Mundwinkel nach unten und schob etwas über ihre Lippen, was nach schlechter Laune roch: »Aber wenn es zulasten der Schüler geht, werde ich einzuschreiten wissen. «

Er trank einen Schluck, setzte das Glas zurück auf den Tisch und versuchte, seine Lage nicht peinlich werden zu lassen.

»Zugegeben. Die Sache mit dem Alkohol und dem Jugendjargon liegt auf ähnlichem Level. Alkohol kann in seiner Wirkung für den Einzelnen bitterer werden. «

Er prostete ihr zu - ein verteufeltes Ritual, sein Gegenüber aufzufordern, es ihm gleich zu tun. Dabei fiel ihm ein, dass alles, was er über Vera wusste, auf einem Bierdeckel Platz finden würde, wenn er es aufschreiben müsste.

Dann beugte er sich eine Winzigkeit näher zu ihr.

»Wenn ich bedenke, wie wichtig es ist, richtig auszudrücken, was man meint …«

»Und? Was meinen der Herr Pädagoge? «

Vera blieb trotz seiner Zote kalt und unnahbar und ihm schwante, dass er sich in etwas verrannt hatte. Also blieb er sachlich.

»Die Verführung schlecht hin. Wie kann man Schüler dazu bringen, den Straßen-Trends zu widerstehen? Man muss sich ernsthaft Gedanken machen. Etwa fünfzehn Prozent kommen mit den Anforderungen nicht zurecht. Kein Wunder also, dass sie …«

»Wir haben Wahlfreiheit«, unterbrach sie ihn forsch. »Es gibt Schulen mit weniger Anforderungsprofil.« Vera spitzte ihren Mund und fixierte ihn, feindselig, immer hellwach, immer auf dem Sprung, ihm erneut ins Wort zu fallen.

Er lehnte sich weit zurück: »Die Erwartungen der Gesellschaft sind hoch. Die der Eltern inbegriffen. Ich denke sogar, unter Gleichaltrigen haben sie noch schlechtere Argumente gegen ihr Versagen. Sie finden keinen Schuldigen außer sich selbst, wenn sie nicht mithalten können. Der Druck nimmt zu. « Er hob sein Glas und grinste ganz unpassend. »Um mal wieder runter zu kommen, ist Alkohol eine wunderbare Sache. Warum sollte die Jugend anders denken als wir? Prost! «

Gute Freunde hätten seine Art Selbstironie erkannt. Vera nicht. Ihre Lippen schoben sich vor, als schmollte sie. Für dieses kindliche Bild klangen ihre Worte ungewohnt barsch.

»Die Jugend muss lernen, sich an die Normen der Gesellschaft zu halten. «

Welche gesellschaftliche Norm der Alkohol einnahm, wollte er nicht erörtern, aber im Provozieren stand er ihr nicht nach: »„Hat die Schule dafür keinen Lehrauftrag? «

»Zum Alkoholtrinken ganz bestimmt nicht, für gute Sprache aber schon.«

Wer kannte diese Sätze nicht. Er winkte ab, eine Geste, die Vera durchaus missdeuten konnte.

»Dafür gibt es Gesetze …«, wehrte sie sich, weil er noch damit beschäftigt war, ein bisschen Genugtuung aus ihrer Empörung zu lecken.

»Verbote waren nie eine Lösung, sie verlagern das Problem nur«, sagte er, obwohl er wusste, dass kein einziges Wort noch dem Sinn des Abends genügte. »Wer aus eigener Unwissenheit sein Schlupfloch finden will, der findet es. Die Gesellschaft hat versagt. Und man weiß es, ist aber nicht willens, nach neuen Wegen zu suchen. «

»Aber du?«, herrschte Vera ihn an.

»Der Wille allein versetzt keine Berge. « So ruhig er sich gab, so unruhig scharrten seine Füße auf dem Boden unterm Tisch.

»Du willst mir doch nicht weismachen, selbst von der Sache überzeugt zu sein? « Jeder kannte Veras fragende Behauptungen und auch Sätze, wie der folgende, waren legendär: »Die meisten Menschen behaupten sich nicht, weil sie von etwas überzeugt sind, sondern weil sie behauptet haben, von etwas überzeugt zu sein. «

Er blieb ruhig. Das gab ihr wohl das Gefühl, er habe kein halbwegs vernünftiges Argument mehr. Ihre Stimme wurde umso beherrschender.

»Willst du noch mehr Porzellan zerschlagen? Merkst du eigentlich, wo du inzwischen stehst? Beim Kollegium wie bei den Eltern. «

Freilich wusste er längst, wie man gegen ihn schoss. In diesem Moment aber schien Vera zu spüren, wie untauglich ihre Angriffe waren.

»Wer gute Argumente hat …«, seine Stimme klang, als könnte ihn nichts auf der Welt aus der Ruhe bringen. »Der kann auch mal gegen den Strom schwimmen. Ich komme damit klar. «

Jeder im Kollegium wusste es, keiner sprach es aus. Vera Hensel war die Konsequenz in Person, selbstsicher und unantastbar. Nur bei der Obrigkeit schleimte sie ständig. Offenbar hatte sie ihn sofort verstanden.

»Kannst du eigentlich auch ein netter Mensch sein?«, fauchte sie mit selbstgerechter Stimme. Ihre Hand, die das Glas anhob, gab dem geschminkten, aber bebenden Mund Deckung.

In diesem Moment wurde sein Blick glasklar, dafür überwog der Selbstzweifel. Er hasste so dick geschminkte Lippen. Und er hätte sich schwer getan, sie auch nur flüchtig zu küssen. Mit einem Ruck überwand er das letzte bisschen Taktgefühl, das ihm anerzogen war. Vielleicht ein halbes Dezibel lauter als gewollt, vielleicht mit unkontrolliertem Zorn quoll es aus ihm heraus:

»Wer oft mal in den Fettnapf tritt, leckt meistens keinen Speichel. «

Die Röte in Veras Gesicht nahm zu. Schlagartig. Gegen ihr Bestreben.

»Du bist ein solcher Mistkerl, Jan Stein. Glaubst du wirklich, diesem Schwachsinn von Experiment wird auch nur ein einziger Mensch zustimmen. Auch wenn du jeden Einzelnen in diese Kneipe schleppst und freihältst …«

Die Stuhlbeine kratzten über das Parkett, ein Zehn-Euro-Schein flog auf den Tisch. Hastige Schritte durchquerten die Bar, die Tür schlug hart zurück und er saß da wie der letzte Idiot im Blitzgewitter hämischer Blicke ringsum.

Sein Leben war nicht von Frauen und Sexaffären bestimmt. Aber er hatte auch mal Affären mit Frauen. Es gab in seinem Leben durchaus Zeiten, wo er verliebt war. Doch das waren jene, wo er reihenweise in Minenfelder trat. Wohl deshalb blieben zwei Dinge für sein Leben entscheidend. Ungelobt zu arbeiten. Und ungeliebt zu leben. Beides war niederschmetternd.

Die Blamage, Vera zu folgen, wollte er sich nicht geben, obwohl ihm das Sitzen am Tisch so ganz allein gar nicht behagte. Er schaute sich um. Kein annähernd bekanntes Gesicht in diesem Laden. An der Wand saßen zwei Frauen, die seit Veras Abgang verführerische Blicke herüber blitzen ließen. Nichts für ihn. Zu eingefärbt.

Sein Tag war lang gewesen, und er hatte keine Lust, länger über Frauen nachzudenken.

Im Dunst des Abends lümmelten ein paar junge Leute am Tresen. Kids aus der Stadt. Sie tranken im Stehen aus halb hohen Gläsern. Nur einer – der jüngste - trank Bier.

»Wie geht’s so? «, fragte er einen rothaarigen Jungen.

»Es geht nicht, Alder. Es haut rein wie du siehst. «

»Läuft aldi«, sagte sein Nebenmann, als müsste er eine Bresche für den anderen schlagen.

»Und du? Läufst du auch noch aldi. « Er glaubte das Wort zu kennen, das auch seine Schüler für bestens benutzten, aber sicher war er sich nicht.

»Bluff nicht so΄n Affenschrott …«

Man rempelte ihn, aber die Augen der Jungen sprachen alles auf einmal aus, was ihm seit Langem auf der Seele brannte.

Er legte einen Schein auf den Tresen und zeigte mit knapper Geste auf den Tisch, wo bereits wieder jemand Platz genommen hatte.

»Siebzehn fuffzig«, zischte der Mann durch die Zähne.

»Stimmt so«, sagte Jan. Mit schrägem Nicken auf die Kerle, von denen zwei noch minderjährig schienen, fragte er den Barkeeper:

»Muss das sein? Die sind noch nicht sechzehn. «

Der Mann zog den Kopf seitlich zu dem Jungen mit dem Bierglas in der Hand.

»Der da war auch noch nicht dabei, als bestellt wurde. Ich bin kein Helleseher und die Polizei bin ich auch nicht. «

»Aber Sie kennen die Gesetze? «

Der Mann schwieg und zapfte drei Biere.

»Haben Sie Kinder? «

Der Mann schwieg weiter, dafür redeten die Jungen alle durcheinander. Sie hatten längst mitbekommen, worum es ging.

»He, nudel hier nicht rum, geh abschimmeln. «

Wie zufällig rempelte ihn ein Hüne, der grundlos an den Tresen drängte. Alle lachten laut. Ein anderer hinter seinem Rücken redete im selben Jargon:

»Man ey, hast ΄n Clown gefrühstückt? Drück deine Peanuts ab und schwirr los. Bergdrossel! «

Der älteste der Gruppe maulte, dass diese Advokatenzöglinge schuld seien, wenn der Jugend der Spaß abgehe. Der Jackenkragen dieses Kerls kam ihm gerade recht, um zuzufassen - zugegeben, für einen Lehrer ziemlich gefährlich.

»Niemand hat etwas gegen Spaß, klar? Ihr sollt ihn haben. Aber so mancher Spaß hat etwas gegen euer Leben …«

Durch seinen Kopf raste blitzschnell der Sinn seines Projektes: Es ging vorerst nicht darum, die Jungen vor der Abhängigkeit zu bewahren. Es ging darum, sie vor körperlichen Schäden durch Unfälle, Schlägereien sexuelle Übergriffe zu bewahren, und vor dem Tod …

Die Tür ging auf und es strömten Leute herein, drängten sich um den Tresen und redeten lauthals durcheinander. Beim Gehen hörte er den Jüngsten aus der Gruppe sagen: »Den ham ´wa ausgetaktet.«

Auf seinem Weg durch die nächtliche Stadt musste er lange nachdenken, ehe ihm ein Abend mit Freunden einfiel, an dem kein Alkohol geflossen war. Er fragt sich nicht mehr, wie man der deutschen Kultur Herr werden kann. Wäre er nicht hinter Vera her gewesen, hätten diese Jungen vor ihm und vermutlich jedermann ihre Ruhe gehabt.

Schulalltag

Am riesigen Stundenplan ein gelber Chip bedeutete für ihn: Mathematik in seiner Neun B. Er bahnte sich den Weg zum Klassenraum, oben im Westflügel. Das Gewühl der umziehenden Schüler in die Fachkabinette und das Stimmengewirr - das tiefe der Jungen und das kreischende der Mädchen - waren Musik in seinen Ohren. Es störte ihn nie. Heute aber gab es deutliche Anzeichen einer Veränderung. Ihm schien, als schauten die Vorbeiziehenden lauernd zu ihm. Bisweilen glaubte er, Hände vor die Münder huschen zu sehen, wenn man ihn kommen sah.

Er ging in langen Schritten den Flur entlang. Der Geruch von Farbe stand noch in den Gängen und im Treppenhaus. Im letzten Sommer war die Schule renoviert worden. Es war höchste Zeit. Durch die Fenster hatte es gezogen und die Fußböden waren marode, die Wände abgenutzt. Auch brauchte es moderne Schließfächer für die persönlichen Dinge der Schüler, die sich jetzt - ein wenig zu bunt für seinen Geschmack - an den Wänden der Gänge entlang zogen. Schon im ersten Winter war der Sinn der Investition deutlich spürbar geworden.

Er hörte einige Schüler direkt hinter sich. Sie stiegen plaudernd die Stufen hinauf und kamen mit langen, schlurfenden Schritten den blank gewischten Gang entlang. Es war ein schöner Tag. Trotzdem trugen einige Jungen Pullover mit Kapuzen, die sie über die Köpfe gezogen hatten. Bei anderen hing der Hosenboden bis tief unter das Gesäß. Zu tief.

»Guten Morgen«, hob sich eine Stimme deutlich heraus.

»Hallo Pattrick«, erwiderte er. »Wieder gesund? «

»Äh? War icke krank? Das wüsst´ ick aber. «

Er gab sich geschlagen. Immerhin lag eine anderslautende Entschuldigung vor. Aber Volker Brauer wusste von der Sache. Pattrick war sturzbetrunken nachts im Club. Pattricks Freunde hatten den Notdienst holen müssen. Nur wegen der Kälte, wie sie sagten. Pattricks Eltern, die noch niemals die Schule aufgesucht hatten, glaubten offenbar an das Märchen vom Burnout ihres Sohnes. Vielleicht gab es diesen zwingenden Arztbesuch sogar?

Bei den Mädchen passierte so etwas noch höchst selten. Gottlob.

Es störte ihn, von Pattricks Absturz zu wissen und zugleich nicht die Wahrheit zu kennen. Außerdem war es ihm lieber, seine Schüler allein nach der Leistung zu beurteilen. Diesen Pattrick Lörmann kannte er noch nicht sehr gut. Er war erst in diesem Schuljahr an das Heine-Gymnasium gekommen. Er schätzte aber, Pattrick würde nicht über den Durchschnitt kommen. Seine Schüler sollten nicht büffeln, schon gar nicht auswendig lernen. Verstehen, das war es, was blieb. Und den Respekt vor der Leistung durften sie nicht verlieren. Das war gar nicht mehr selbstverständlich.