Der depperte Hund - Isolde Peter - E-Book

Der depperte Hund E-Book

Isolde Peter

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Beschreibung

Daisy Dollinger ermittelt – mit Herz, Humor und Dackel! Ein toter Immobilienmakler und ein verschwundener Pfarrer am Starnberger See: Teil 2 der humorvollen bayerischen Krimi-Reihe von Isolde Peter Im schönen Sankt Aloisius am Starnberger See brodelt es gewaltig: Der angesehene Immobilienmakler Georg Weinberger wurde erschossen, der neue Pfarrer ist nie aufgetaucht, und böse Gerüchte machen die Runde – nur mit der Polizei will natürlich niemand reden. Da kommt es wie gerufen, dass Daisy Dollinger, Sekretärin der Münchner Staatsanwältin, ihren Dackel Wastl in der Welpenschule ihres alten Freundes Sigi anmelden will, denn die befindet sich in Sankt Aloisius. Bei der Gelegenheit kann Daisy doch mal ein bisschen die Ohren spitzen und ein paar Kontakte knüpfen, findet ihre Chefin. Bald stecken Daisy und Dackel Wastl mitten in ihrem zweiten Undercover-Einsatz. Dann fördert Wastls Spürnase bei einem harmlosen Spaziergang etwas Schockierendes zutage … Ihren ersten Undercover-Einsatz haben Daisy Dollinger und Dackel Wastl im vergnüglichen Bayern-Krimi »Der halbe Russ«.

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Seitenzahl: 416

Veröffentlichungsjahr: 2021

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Isolde Peter

Der depperte Hund

Ein bayerischer Krimi

Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.

Über dieses Buch

Im schönen Sankt Aloisius am Starnberger See brodelt es gewaltig: Der angesehene Immobilienmakler Georg Weinberger wurde erschossen, der neue Pfarrer ist nie aufgetaucht, und böse Gerüchte machen die Runde – nur mit der Polizei will natürlich niemand reden. Da kommt es wie gerufen, dass Daisy Dollinger, Sekretärin der Münchner Staatsanwältin, ihren Dackel Wastl in der Welpenschule ihres alten Freundes Sigi anmelden will, denn die befindet sich in Sankt Aloisius. Bei der Gelegenheit kann Daisy doch mal ein bisschen die Ohren spitzen und ein paar Kontakte knüpfen, findet ihre Chefin. Bald stecken Daisy und Dackel Wastl mitten in ihrem zweiten Undercover-Einsatz. Dann fördert Wastls Spürnase bei einem harmlosen Spaziergang etwas Schockierendes zutage …

Inhaltsübersicht

Motto

Motto

Prolog

1. Weltschmerz beim Autofahren

2. Brasilianische Torte

3. Ein Kommissar ist krank

4. Paartherapie im Glockenbachviertel

5. Keine Probleme, nur Lösungen

6. Señor Hoblmayr tanzt

7. Japanischer Tee und Rindsbouillon

8. Starnberger See statt Malediven

9. Im Pfarrhaus von Sankt Aloisius

10. Knöcherlsulz mit Blutzuckertablette

11. Augenringe trotz Botox

12. Der Wald gibt sein Geheimnis preis

13. Zufälle gibt es im Leben!

14. Von Frau zu Frau

15. Bei den Brüdern vom See

16. Fifty Shades of Sankt Aloisius

17. Bis auf die Unterhose

18. Alphatiere

19. Heilende Hände

20. Toskana-Stil

21. Frau ohne Dirndl

22. Bitterer Tee

23. Dackelliebe

24. Der Knochenjäger

25. Die schönsten Jahre

26. Hitzige Diskussion

27. Die Gerüchteküche brodelt

28. Butterweich

29. Küchenpsychologie

30. Wanderung am Seeufer

31. Die Silberbüchse

32. Die böse Hexe

33. Gute und schlechte Neuigkeiten

34. Eine Bootsfahrt auf dem See

35. Das letzte Geleit

36. Das Geschenk für den Boandlkramer

37. Schamanische Kräfte

38. Entscheidungen über Entscheidungen

39. Kojotengesang

40. Schokoladensüchtig

41. Medizinische Geschichten

42. Skrupel

43. Morgens um halb sieben

44. Winnetous Sohn

45. Der Kini ruft

46. Das war dein Leben

Schlussbemerkung und Dank

Du zuckst, wann i schiaß, konnst as Kracha net hörn,

ho la ria dei, ho la rei dei, ho la ro,

drum konnst a dei Lebtag koa Jaga net wern,

ho la ria dei, ho la rei dei, ho la ro.

 

Was tuat denn da Jaga da draußn im Wald?

ho la ria dei, ho la rei dei, ho la ro.

Was wird er denn toa? Auf a Gams passt er halt!

ho la ria dei, ho la rei dei, ho la ro.

Altbayerischer Jodler

Quelle: Bezirk Oberbayern – Zentrum für Volksmusik, Literatur und Popularmusik

Al cotorro abandonado

Ya ni el sol de la mañana

Asoma por la ventana

Como cuando estabas vos.

 

Y aquel perrito compañero,

Que por tu ausencia no comía

Al verme solo, el otro día

También me dejó.

 

In das verlassene Zimmer

kommt nicht mal die Morgensonne

mehr durch das Fenster hinein

wie damals, als du noch da warst.

 

Und das kleine Schoßhündchen

fraß nicht mehr, als du weg warst.

Es sah, dass ich ganz alleine war,

und hat mich auch verlassen.

Tango »La Cumparsita«

Musik: Gerardo Hernán Matos »Becho« Rodríguez

Text: Pascual Contursi und Enrique P. Maroni

Prolog

Georg Weinberger warf einen letzten Blick in den Spiegel. Er war immer noch ein fescher Kerl. Der Trachtenanzug, den er sich vor drei Jahren gekauft hatte, passte fast wie angegossen, nur das Atmen fiel ihm ein bissl schwer. Um drei Uhr morgens hätte er normalerweise im Bett gelegen und den Schlaf der Seligen geschlafen, aber dummerweise war er vorhin vom Klingeln seines Handys aufgeschreckt worden. Schlaftrunken hatte er den Anruf entgegengenommen und zugesagt, sofort zu kommen. Hinterher hatte er es natürlich bereut, dass er an das blöde Telefon gegangen war oder nicht sofort wieder aufgelegt hatte. Immer des Gfrett, dieser unnötige Stress, der viele Ärger! Nur wegen dem Neid auf sein Leben, seinen Erfolg als Immobilienmakler und seine Zukunft, die glänzend vor ihm lag. Was konnte er dafür, dass es bei anderen halt nicht so gut lief wie bei ihm.

Wer Erfolg hat, muss auf Neid und Missgunst nicht warten. Er hatte es eben gut getroffen, das gab ihm schon auch eine gewisse Bestätigung, gerade als Mann. Er hatte es weit gebracht. Trotzdem wollte Weinberger dieses elendige Spiel endlich beenden – und zwar am besten gleich und sofort! Um endlich reinen Tisch zu machen, hatte er sich bereit erklärt, doch noch loszufahren und ein für alle Mal, ganz persönlich und vielleicht als allerletzte Chance, klarzustellen, dass jetzt Schluss war. Mit allem. Besonders aber mit den Erpressungsversuchen und der ewigen Einmischung in sein Privatleben.

Zum Glück hatte er sich ein kleines, aber feines Apartment in München zugelegt, damit er wenigstens unter der Woche nicht vom Starnberger See in die Stadt pendeln musste. Ein bissl mehr Privatsphäre schadete natürlich auch nicht. In einem so kleinen Ort wie der Heimatgemeinde seiner Frau stand ein Mensch ständig unter Beobachtung.

Weinberger stieg ins Auto und stellte seinen Lieblingssender im Radio an. Beruhigende Gitarren- und Akkordeonklänge ertönten. Um wach zu bleiben, pfiff er die Melodie mit.

Als zwei Männerstimmen anfingen, sein Lieblingslied zu singen, gab es kein Halten mehr für ihn. Den Text kannte er auswendig:

Es war ein Schütz in seinen schönsten Jahren, der wurde weggeputzt von dieser Erd. Man fand ihn erst am neunten Tage, bei Tegernsee am Peißenberg.

Weinberger war selbst Jäger und wusste, wovon er sang. Leider hatte sich schon länger keine Gelegenheit mehr ergeben, seiner Leidenschaft nachzugehen. Aber auch das würde sich ändern, wenn sich jetzt endlich mal die Fronten klären würden.

Eine Schulfreundin seiner Mutter soll in den Sechzigerjahren so verzweifelt gewesen sein, dass sie angekündigt hatte: »Ich fahr zur Brückn und spring!« Zum Glück hatte Weinbergers Mutter ihr das damals ausreden können, aber jeder wusste, welche Brücke sie meinte. Fünfunddreißig Meter war die Eisenbahnbrücke hoch. Wer da runtersprang, fand normalerweise den Weg in den Tod. Kein Wunder, dass der Fußgängerüberweg inzwischen vergittert worden war, damit es den Selbstmördern nicht mehr gar so leicht gemacht wurde.

Als Weinberger sich der vereinbarten Ecke näherte, sah er eine Gestalt, bei der er sich auf den ersten Blick nicht sicher war, ob das jetzt wirklich seine Verabredung war oder doch eine lebensmüde Person, die er davon abhalten musste, sich umzubringen. Oder ob seine Verabredung sich vor seinen Augen umbringen wollte. Das fehlte ihm noch! Dann sah er die Waffe, die nur notdürftig vom Lodenmantel verdeckt war. Für einen Moment war er erleichtert, es war also alles, wie vereinbart, aber trotzdem wurde heute Nacht ein Spiel mit ihm gespielt, und ihm blieb nichts anderes übrig, als es mitzuspielen.

Erneut überkam ihn eine Woge von Ärger, dass er sich überhaupt auf dieses Treffen eingelassen hatte. »Bleib ruhig!«, redete er sich zu. »Das ist das allerletzte Mal. Danach ist Schluss.«

Vielleicht würde sich die ganze Angelegenheit friedlich regeln lassen.

1

Weltschmerz beim Autofahren

Ich habe eine Überraschung für dich, Honey.«

Bei diesen Worten zucke ich ein bisschen zusammen, denn als mein Ehemann Adrian mir im Auto zuletzt mit einer solchen Ankündigung kam, hatten wir hinterher einen Rauhaardackelwelpen.

»Einen Hund haben wir schon«, sage ich deshalb, streichle unserem Wastl übers Fell und lächle meinen Gatten an.

Adrian blickt vom Steuer kurz zu mir und grinst zurück. »Natürlich es ist kein Hund. Es ist ein Wochenendhaus. Stell dir vor, wie es sein wird. Wunderbar! Du, ich und Wastl in der Natur.«

Sein alter Traum! Schon seit Längerem erzählt mir Adrian, er würde am liebsten auf dem Land wohnen – oder in einem alten Bauernhof, der allerdings zu einer komfortablen Villa umgebaut worden sein sollte. Mit dem Mähen der Almwiesen und dem Melken der Kühe wären wir beide überfordert, deshalb kümmert sich geschultes Personal darum. So stellt sich mein Mann das jedenfalls vor.

»Wir könnten haben ein Haus ganz in der Nähe von deinem Dächselkofn«, fügt er hinzu.

Ausgerechnet Dachselkofen. Der Ort liegt im Bayerischen Wald, dort bin ich aufgewachsen, allerdings mit neunzehn auch schleunigst weggezogen. Es gibt viel Wald und viel Natur dort. Im Blochner-Hof, dem Elternhaus meines Vaters, wohnen die alten Blochners: mein Vater, mein Onkel und meine Tante. Wir sind gerade auf dem Weg zu ihnen. Ein Tagesausflug nach Dachselkofen ist meiner Meinung nach völlig ausreichend. Ich brauche kein Wochenendhaus, denn ich fahr abends gerne wieder zurück nach München.

»Nur hundert Kilometer nördlich von Dächselkofn ist das Haus«, wird Adrian konkreter. Nördlich von Dachselkofen beginnt allerdings bereits Bayerisch-Sibirien. So wurde dieser Teil Bayerns jedenfalls früher genannt. Nicht ohne Grund.

 

»Das ist ja dann schon Franken. Oder sogar Thüringen«, rufe ich aus. Adrian ist gebürtiger Texaner. Er ist riesige Entfernungen gewohnt. Hundert Kilometer sind für ihn ein Katzensprung.

»Nicht Thüringen«, fügt er hinzu. »Auf keinen Fall. Es ist Bayern. Nur da will ich sein. Die Natur, die Landschaft, das Wasser, die gute Luft. Ich liebe euer schönes Land.«

»Weißt du, Darling«, werfe ich ein. »Wenn schon ein Wochenendhaus, da gäb’s doch schönere Gegenden.«

»No problem. Er hat auch Häuser am Tegernsee, Chiemsee, Ammersee oder Starnberger See.«

»Wer er?«

»Harro de Vries.«

Da zucke ich innerlich schon wieder etwas zusammen, denn diesen Namen höre ich auf meiner Arbeit inzwischen täglich.

»Er hat mich angerufen und mir Häuser angeboten«, erzählt Adrian weiter. »Schöne Häuser und alle zu einem spöttischen Preis.«

»Spottpreis«, korrigiere ich. Adrian spricht hervorragend Deutsch, aber manchmal fehlt ihm der Sinn für sprachliche Feinheiten. Genau wie der de Vries ist auch mein Ehemann in der Immobilienbranche tätig. Das Unternehmen von Adrians Familie ist allerdings international ausgerichtet und nicht nur in München und Bayern ansässig, sondern vor allem in den USA und in England.

»Harro de Vries war der Geschäftspartner von Georg Weinberger«, kläre ich ihn auf. »Der tote Immobilienmakler von der Isar.« Meine Chefin, Staatsanwältin Dr. Liane von Papenburg, leitet die Ermittlungen im Mordfall Georg Weinberger, der erschossen unterhalb der Großhesseloher Brücke gefunden wurde.

»Harro de Vries gilt trotz Alibi derzeit als verdächtig.«

»Yes, I know«, sagt er. »Das ist ja das Gute. Wegen dem Toten er ist wirklich desperate, verzweifelt, und totally wild darauf, zu verkaufen.«

Wenn der de Vries sich solche Sorgen um sein Geschäft macht, dass er meinem Ehemann Häuser für lau verkaufen will, könnte das tatsächlich für Liquiditätsprobleme sprechen. Dem geht das Geld aus. Wer weiß, was der noch für Dreck am Stecken hat! Die Frau Doktor hat wie so oft den richtigen Riecher. Gut, dass sie den de Vries im Auge behält.

Allerdings ist es natürlich ungünstig, wenn mein Ehemann sich auf Geschäfte mit einem Verdächtigen einlässt.

»Ich glaube, du lässt das lieber bleiben«, sage ich zu Adrian.

Er schaut mich fragend an, also werde ich deutlicher: »Wer weiß, was da noch alles rauskommt? Am Ende ist der de Vries sogar in den Mord verwickelt.«

»Honey, wenn ich mit niemandem mehr Geschäfte machen würde, der könnte sein ein Mörder, ich hätte kein Business mehr.«

So kann man es natürlich auch sehen, die Immobilienbranche ist nun mal ein Haifischbecken. Das erzählt mir meine Cousine Immy jedes Mal, wenn ihr Vermieter die Miete erhöht – ob ich es hören will oder nicht.

»So ein Superpreis für ein Haus an ein schönen See ich werde nie wieder bekommen«, klagt Adrian.

»Ja, schade, aber du hast ja eigentlich sowieso keine Zeit für ein Wochenendhaus«, gebe ich meinem Ehemann zu bedenken. Seine Begeisterungsfähigkeit in allen Ehren, aber ich mag nicht alleine mit Wastl in einem Wochenendhaus herumsitzen.

»It’s true, du hast recht.« Mein Mann ist ein geborener Sonnenschein, aber jetzt scheinen in seinem Gesicht Wolken aufzuziehen. Dabei ist es früh am Nachmittag. »I am sorry, Honey. Ich bin kein guter Ehemann«, seufzt er. »Ich weiß, dass ich bin zu wenig zu Hause. Es ist schrecklich, und ich weiß nicht, wie ich es kann machen wieder gut.«

Zwar bin ich gewohnt, dass er als Texaner gerne übertreibt, in jeglicher Hinsicht, aber so viel Selbstanklage, das ist neu.

»Was ist denn los, Darling?«

Er starrt durch die Windschutzscheibe in die Landschaft, die hier vor allem aus Bäumen besteht. Wir sind schon fast in Dachselkofen.

»Weltschmerz?«, frage ich. Er liebt solche Wörter, die aus dem Deutschen stammen, aber auch in Amerika bekannt sind. Wie zeitgeist, wunderkind oder kindergarten. Normalerweise muntert es ihn auf, wenn ich so was sage, aber heute schaut er weiterhin griesgrämig drein.

»Ja, ich glaube, ich habe ihn.«

»Den Weltschmerz?«

»Yes.«

»Nur wegen dem Haus?«

»Ein super price.«

Mein Ehemann ist eben Geschäftsmann durch und durch. »Vielleicht überlegen wir uns das noch einmal ganz in Ruhe nach dem Urlaub«, lenke ich ein.

»No problem, Honey. Ich werde sagen: Meine Frau will kein wunderbares Haus, auch nicht mit Blick auf das Wasser. No, thank you.«

Das klingt ungewohnt biestig.

»Uns bleibt immer noch der Blochner-Bunker, Darling«, versuche ich es jetzt mit Humor. Diesen alten Bungalow hat mein Vater Ende der Siebziger in Dachselkofen am Waldrand hinstellen lassen. Optisch und von der Bausubstanz her ein einziges betoniertes Unglück. Seit mein Vater im letzten Sommer entführt und dort versteckt gehalten wurde, mag ich ohnehin nicht mehr darin wohnen. Adrian verzieht den Mund zu einem breiten Grinsen. Er dreht das Radio an, wir streiten uns im Spaß um den Sender, bis Adrian über sein Smartphone die Playlist mit den romantischen Liedern ansteuert, die bereits Freitagnacht und Samstagvormittag und gestern Nacht zum Einsatz kam.

2

Brasilianische Torte

Es dauert noch eine halbe Stunde durch Berg und Tal und Wald, bis wir in Dachselkofen landen. Da die Temperaturen auf herbstliche Gradzahlen gesunken sind, dampft der Wald vor sich hin, ebenso unser Atem. Wir stehen fröstelnd vor dem Blochner-Hof, in dem die Senioren der Familie wohnen. Bei besserem Wetter sitzt normalerweise mein Onkel Traugott auf einer Bank vor dem Haus und schaut, wer kommt, aber heute sind alle drin, selbst er.

Im Blochner-Hof steht die Tür tagsüber immer offen. Kaum sind wir im Hausflur, dringt ein Stimmengewirr aus der Wohnküche zu uns. Bruna, die Ehefrau meines Cousins, sieht uns als Erste und begrüßt Adrian und mich überschwänglich mit Umarmung und Küsschen. Wie durch ein Wunder schafft sie es trotz Schwangerschaftsbauch und Hängekleidchen grazil zu wirken. Mein Vater, der pensionierte Kriminalhauptkommissar Hieronymus Blochner, und sein Bruder, mein Onkel Traugott, pensionierter Finanzbeamter, halten nichts von übertriebenen Zuneigungsbekundungen. Sie sagen nur: »Die Daisy«, und nicken Adrian und mir zu. Die beiden Brüder sehen einander kaum ähnlich. Mein Vater ist groß und hält sein Gewicht, Onkel Traugott geht Jahr für Jahr mehr aus dem Leim. Tante Emerenz ist die Herzlichkeit in Person und kneift mich in die Backe, als ob ich fünf Jahre alt wäre.

Traugott junior steckt sich statt einer Begrüßung ein Riesenstück Torte in den Mund und winkt nur.

»Wo ist denn die Immy?«, frage ich ihn.

Er kaut genüsslich zu Ende, bevor er sich zu einer Antwort herablässt: »Ihre Rostlaube is ned angsprungen.«

»Warum nehmen sie nicht das Auto vom Maik?« Immys Freund Maik ist ein ansehnliches Mannsbild aus Sachsen, Fitnesstrainer und neuerdings sogar Ernährungscoach. Soweit ich weiß, fährt er zwar meistens Fahrrad, hat aber auch ein Auto, das wesentlich jünger ist als der VW meiner Cousine. Genau wie er selbst wesentlich jünger ist als die Immy.

»Wennst mich fragst,« sagt Traugott und kaut immer noch, »hört sich das nach Ehekrise an. Dabei ist sie ja gar ned verheiratet. Auf jeden Fall sollt sie sich ein neues Auto kaufen, statt mit ihrer Rostlaube die Umwelt zu verpesten.«

»Schenk ihr doch eins zum Geburtstag. Ein nigelnagelneues Elektroauto«, schlage ich vor.

»Bin ich Krösus?«

Nein, ist er nicht, aber fast, denn er arbeitet wie früher sein Vater beim Finanzamt und ist ein ausgesprochener Geizkragen, der sein Geld zusammenhält. Das weiß jeder in der Familie.

»Die Bruna hat eine brasilianische Torte gebacken. Da schleckts euch die Finger danach! Ihr kriegts auch gleich was.« Er küsst seine Bruna, die aus Brasilien stammt und ebenfalls im Finanzamt arbeitet, allerdings in der Kantine. Wir können uns alle nicht erklären, was sie an Traugott findet, außer dass sie ihn halt hat heiraten müssen, als sie von ihm schwanger wurde. Tante Emerenz und Onkel Traugott sind froh, dass ihr Sohn überhaupt noch eine Frau gefunden hat. Sie hatten sich schon Sorgen gemacht.

»Die Torte müssen wir unbedingt auf die Speisekarte setzen«, lobt Tante Emerenz. Sie jobbt trotz ihres hohen Alters als Kuchenbäckerin im Dachselkofener Café Dachsel und kennt sich bestens aus mit der Qualität von Backwaren.

»Wirklich guad«, bestätige ich nach einem Bissen. Die Füllung schmeckt wie ein zarter Vanillepudding und der Boden besteht aus knusprigem Blätterteig. Bruna, die Bäckerin dieses Gesamtkunstwerks, leuchtet wie eine Madonna, und Traugott wirft seiner Angetrauten immer wieder einen Blick zu, als ob er nicht nur die Torte, sondern auch sie am liebsten auffressen würde. Dann schaut er feierlich in die Runde: »So jetzt, wo der Adrian und die Daisy endlich da sind, können wir euch sagen, was der Doktor am Freitag beim Ultraschall gesehen hat.« Wenn er eine Trommel hätte, Traugott würde jetzt einen lauten Wirbel entfachen, damit er jegliche Aufmerksamkeit auf sich zieht.

»Was hat er denn gesehen, der Doktor?«, fragt Tante Emerenz, naiv, wie sie immer ist. »Hoffentlich fehlt dem Butzerl nix.«

»Dem fehlt nichts, ganz im Gegenteil. Der hat sogar was, was nur kleine Buben haben.«

»Ja, bravo!« Onkel Traugott, der bald Opa Traugott sein wird, klatscht in die Hände. »Hab’s doch gewusst, dass du kein Büchsenmacher bist.«

»Vielleicht hat sich der Doktor verschaut«, sagt mein Vater.

»Na, na, das war eindeutig! Und das, was der Doktor gesehen hat, war ned klein, sondern eher groß. Na ja, kommt halt ganz nach seinem Vater, der Bua.«

Der ersehnte Stammhalter sei Cousin Traugott gegönnt, allerdings benimmt er sich wieder mal so, dass ich ihm am liebsten eine Pflichtwatschn reinhauen möchte, damit er einen Gang runterschaltet. Stolz zeigt er das Ultraschallbild herum, auf dem ich, ehrlich gesagt, nichts erkenne außer einem Schneesturm in dunkler Nacht. Aber ich bin keine Expertin. Natürlich gratuliere ich ihm und Bruna trotzdem.

»Wenn der Kloane da ist, müssen wir drüber reden, ob ihr den Blochner-Hof nicht der Bruna und mir endlich überschreibts.« Damit stellt Traugott eine Forderung in den Raum, die von ihm zu erwarten war, geldgierig, wie er ist. Gereizt schaut mein Vater ihn an. Er wirkt, als ob er bei meinem Cousin am liebsten die berüchtigte Blochner-Methode anwenden und ihm die Ohren lang ziehen würde. Als Kriminalhauptkommissar in München hat mein Vater bei Verhören erstaunliche Resultate damit erzielt, musste dieses Jahr aber auch einige Kritik dafür einstecken, als ein dokumentarisches Video von ihm in Umlauf kam.

»Seit wann willst denn du überhaupt in Dachselkofen wohnen?«

Das ist eine gute Frage. Cousine Immy und ich sind in jungen Jahren nach München gezogen, und Traugott junior hat seine Ausbildung beim Finanzamt in Regensburg absolviert und ist dann dort geblieben. Der Blochner-Hof ist für heutige Verhältnisse eher bescheiden, sowohl von der Quadratmeterzahl als auch vom Komfort her.

»Kinder brauchen frische Luft und Platz«, behauptet Traugott. »Auf eins könnts euch nämlich verlassen: Bei der Bruna und mir ist noch mehr Nachwuchs zu erwarten.«

Mein Vater mustert seinen Neffen kritisch. »Übernimm di fei ned. So jung bist du auch nimmer.«

»In diesen Lenden steckt noch jede Menge Saft!« Statt saftiger Lenden schiebt sich beim Traugott allerdings ein enormer Knödelfriedhof über den Gürtel.

»Ein Glück, dass Immy ist nicht da.« Adrian hält kurz inne und schaut sich Beifall heischend um, weil er einen humorvollen Beitrag leisten möchte. Leider stehen ihm die sprachlichen Feinheiten im Weg: »Sie mag nicht, wie du redest, und sie schickt dir Frauenbewegungen an den Hals.«

»Kein Problem, Adrian, du alter Ami«, grinst Traugott angesichts dieser Steilvorlage. »Das macht überhaupt nix. Ich liebe Frauenbewegungen, nur rhythmisch müssen sie sein.«

Nicht diese Bemerkung meines missratenen Cousins, sondern die Erbschaftsfrage führt dann zu einem Streit zwischen Onkel Traugott und meinem Vater. Zuerst schreien sie, dann schweigen sie sich aggressiv an.

»Wie geht’s denn auf der Arbeit, Daisy?«, durchbricht mein Vater schließlich die unangenehme Schweigepause. »Bei euch ist doch der Fall Weinberger gelandet. Musst du den lösen, oder macht das diesmal der Hoblmayr?«

»Nein, der Hoblmayr ist schon zuständig.«

Mein Vater, als Kriminalhauptkommissar längst pensioniert, wurde in München »der große Blochner« genannt. Von Kriminalhauptkommissar Hoblmayr, dem ermittelnden Beamten im Fall Weinberger, hält mein Vater so gut wie nichts, obwohl dieser sogar noch bei ihm gelernt hat. Auf meine Chefin lässt mein Vater wiederum nichts kommen. Das ist jedoch kein Wunder, denn die Frau Doktor ist ein Typ Frau, auf den Männer mittleren und besonders älteren Alters unheimlich abfahren.

»Die Frau Doktor meint, das Mordmotiv könnte was mit dem Weinberger seinen Geschäften zu tun haben.«

»Mei, das Mordmotiv, das wird immer überschätzt«, winkt mein Vater ab.

Wie konnte ich das vergessen! Das ist eine seiner eisernen kriminalistischen Regeln: Die Leute morden – angeblich – oft einfach nur deshalb, weil bei ihnen eine Sicherung im Hirnkastel durchbrennt, und nicht, weil sie vorher großartig nachdenken würden, warum sie jemanden umbringen wollen.

»Die Tatwaffe war ein Jagdgewehr?«, fragt er.

»Woher weißt du das schon wieder?«

»Das hab ich heute in der Zeitung aus München gelesen, die bei der Rosi im Café hängt.«

Rosi ist die Wirtin des Café Dachsel in Dachselkofen. Während Tante Emerenz dort backt, sitzt mein Vater herum, um sich von der Wohngemeinschaft mit den anderen beiden Blochner-Senioren zu erholen und um seine Spezln, den Fonse und den Icke, zum Kartenspielen zu treffen.

»Ein Jagdgewehr als Tatwaffe spricht dafür, dass der Täter ein Jäger gewesen ist. Wer benutzt für einen Mord sonst schon ein Jagdgewehr? Schwer, unhandlich, laut.« Mein Vater macht eine kleine Pause, in der er überlegt. »In der Richtung sollt der Hoblmayr ermitteln, wenn er ein bissl was im Hirn hätt. Und euer junger Hupfer? Was sagt der?«

Ein junger Hupfer ist Kriminalkommissar Sepp Leutner nur aus Sicht meines Vaters. Der Leutner ist Mitte dreißig und wurde aus der Oberpfalz zu uns nach München versetzt. Der große Blochner hält von ihm ein kleines bisschen mehr als vom Hoblmayr, was womöglich damit zusammenhängt, dass der Leutner geholfen hat, meinen Vater aus den Fängen seines Entführers zu befreien. Zwar war ich diejenige, die sich nicht zu schade gewesen war, in Straßenmusiker-Kreisen zu ermitteln, und auf die entscheidende Spur stieß. Es ist aber nicht so, dass ich dafür von familiärer Seite großartig Lorbeeren eingeheimst hätte. Schon gar nicht von meinem Vater, der mir bis heute nicht verziehen hat, dass ich die Polizeiausbildung geschmissen habe und dann »nur« Sekretärin geworden bin.

»Der Leutner hat die Leute in Sankt Aloisius …«, fange ich an, aber da schreit Tante Emerenz dermaßen laut los, dass das Bild von der heiligen Therese von Konnersreuth an der Wand über der Eckbank zu wackeln beginnt.

»Sankt Aloisius, der Ritter der Unbefleckten! Er war so jung, als er gestorben ist.«

Tante Emerenz liebt Heilige. Die Therese von Konnersreuth blickt nicht ohne Grund von der Wand auf uns herab und wird von uns allen »die Resl« genannt. Ihr Blick wirkt düster, was daran liegen mag, dass sie immer noch nicht heiliggesprochen wurde. Das hält Tante Emerenz aber nicht davon ab, die Resl inbrünstig zu verehren, genau wie sie jetzt ein Herz für den heiligen Aloisius zeigt: »Der ist so jung gestorben. Pestkranke hat er gepflegt, sich aufgeopfert hat er. Und dann hats ihn selbst erwischt. Wie es halt immer ist. Undank ist der Welt Lohn. Die Engel nimmt der liebe Gott sofort zu sich.«

»Und wofür ist der heilige Aloisius zuständig?«, frage ich, um Tante Emerenz einen Gefallen zu tun, so gerne wie sie über ihre Heiligen redet.

»Der Aloisius hilft jungen Leuten auf dem Schimnasium und der Unischwersität bei dera Lernerei und bei Pest und Augenleiden, gegen des AIDS ist er auch gut. Für die Reinheit der Seele und des Leibes ist er zuständig.«

Unglaublich, was Tante Emerenz alles weiß, nur mit Fremdwörtern hat sie es nicht so.

»Was hat der Leutner denn jetzt in Sankt Aloisius zu tun gehabt?« Mein Vater kommt wieder auf den Mordfall Weinberger zurück.

»Das war der Wohnort vom Weinberger. Alle Leute dort haben gesagt, dass der Weinberger ein ehrenwerter Mann war.«

»Ja, die Leut reden viel, wenn der Tag lang ist …«

 

Nach einem Verdauungsspaziergang durch den wunderschönen Dachselkofener Wald soll es dann eigentlich eine Brotzeit geben. Ich schaue zum Wastl, der selig zu meinen Füßen schläft. Gerade jetzt, wo ich es gebrauchen könnte, dass er ungeduldig wird, ist er still. Ich kraule ihn vorsichtig, daraufhin fängt er an, sich zu räkeln, und bellt sogar ein bisschen.

»Ich glaub, wir müssen jetzt los«, kündige ich an. Ich schaue auf die Armbanduhr. »Morgen ist ja schließlich wieder Montag.«

»Ihr wollts doch jetzt ned schon gehen! Ich habe einen Presssack mitgebracht«, sagt Traugott. »Den habe ich am Freitag gekauft. Ist ein bissl drüber, aber schmeckt immer noch wunderbar.«

»Ja, das klingt wahnsinnig verführerisch, doch der Wastl braucht seinen gewohnten Rhythmus, und deshalb müssen wir los.« Seinen Presssack kann sich Traugott wirklich sonst wohin schieben.

»Und der Geburtstag von der Immy?«, fragt Tante Emerenz. »Sie hat doch immer noch ned gesagt, ob sie bei uns feiert.«

Ich habe den Verdacht, dass das Auto von der Immy genau aus diesem Grund nicht angesprungen ist: Sie will es vermeiden, über die Planungen für ihren Fünfzigsten sprechen zu müssen.

»Es wär doch schön, wenn sie hier in Dachselkofen feiern würd. Du hast gesagt, notfalls müssen wir sie halt zu ihrem Glück zwingen und mit einer Party überraschen.«

Als ich das großspurig angekündigt habe, hatte ich zu viele Gläser von dem komischen Kräuterschnaps intus, den Tante Emerenz immer von einem abgehalfterten Rauhaardackelzüchter namens Hirschbeiner kauft.

»Ich rufe sie nachher an«, sage ich.

»Aber verrat ihr nix, sonst ist es ja keine Überraschung mehr.«

Wo Tante Emerenz recht hat, hat sie recht.

 

Auf der Rückfahrt habe ich das Gefühl, der Weltschmerz ist wieder zurückgekehrt und peinigt Adrian erneut. So zerknirscht, wie er wieder schaut.

»Weißt du, ich überlege, ob ich bei dieser Welpenschule anrufe, die mir empfohlen worden ist. Die ist am Starnberger See.« Damit versuche ich ein Thema aufzubringen, bei dem Adrian normalerweise äußerst engagiert ist. Unser Dackel soll die beste Erziehung genießen können. »Was meinst du? Oder soll ich mich weiter umhören? Die Frau Leutner fragen?«

»Du machst das schon, Honey.«

»Nach unserem Urlaub geht es los.«

»Darüber will ich mit dir reden, Honey.«

»Worüber?«

»Über unseren Urlaub.«

»Was ist damit?«

Wir haben Anfang des Jahres in Amerika geheiratet und unseren Honeymoon schon einmal verschieben müssen, weil Adrian beruflich immer so stark eingebunden ist. In einer Woche soll es endlich losgehen.

»Mein Vater braucht mich. Ich muss nächste Woche nach New York.«

Jetzt wird mir klar, dass der Weltschmerz schon auf der Hinfahrt weniger mit dem Wochenendhaus als mit dem Honeymoon zu tun hatte.

»Für wie lange?«, frage ich.

»Das weiß ich nicht.«

»Und unser Honeymoon?«

»Wir müssen es verschieben.«

»Das glaub ich jetzt ned!« Ich fühle mich, als hätte mir jemand die Watschn verpasst, die Cousin Traugott vorhin verdient hat. Die Malediven sollen im Herbst wunderschön sein, und es war so schwierig, diesen Termin zu finden und die Reise zu buchen. An Weihnachten wollten wir gemeinsam zu seiner Familie nach Texas fliegen. Davor hat Immy noch ihren runden Geburtstag.

»Du könntest mitkommen.«

»Du hast doch sowieso keine Zeit für mich.«

»Du könntest ohne mich auf die Malediven fliegen.«

»Und was soll ich dort alleine?«

»Ich komme nach.«

»Das ist kein Honeymoon.«

»Jetzt du bist wie ein Bock.«

»Ich bin mit Recht bockig.«

»Wir holen es nach.«

»Wann?«

»Bald. Nur du und ich.«

»Meinen Urlaub kann ich nicht ständig verschieben.« Frau Doktor ist eine verständnisvolle Chefin, aber das geht zu weit.

»Du hast gesagt, du willst mit Wastl in die Welpenschule am Starnberger See. Du kannst dort Urlaub machen und bist relaxt. Du suchst ein schönes Hotel mit Blick auf das Kreuz, wo sich euer König ertrunken hat.«

Der Adrian! Seine amerikanische Sensationsgier kennt kein Erbarmen, schon gar nicht mit dem armen König Ludwig II.

3

Ein Kommissar ist krank

Krank gemeldet hat er sich«, höre ich am Mittwoch Hoblmayrs lautes Organ tönen, als ich die Tür zu meinem Büro öffne. Die Zwischentür zum Zimmer von Frau Doktor ist offen. Meine Chefin und der Kriminalhauptkommissar sitzen auf der Couch, und mir ist klar, dass sie sich über den nicht anwesenden Kriminalkommissar Leutner unterhalten.

»Einen Infekt hat er«, ergänzt Hoblmayr. »Mit Fieber und allem Drum und Dran. Hat man so was schon gehört? In den dreißig Jahren, die ich hier arbeite, bin ich nie krank gewesen!«

»Besser, er liegt im Bett, als dass er uns hier alle ansteckt«, erklärt Frau Doktor. Wie immer bringt sie Farbe in den grauen Alltag. Als Paradiesvogel mit hoch toupierten roten Haaren hat sie ihre Rundungen in einen meerblauen Hosenanzug verpackt, und selbst die Brille ist farblich abgestimmt, nämlich in einem satten Türkis. So sitzt sie neben dem Hoblmayr, der in einem gedeckten Seniorenbeige herumläuft.

»Haben Sie die Cupcakes mitgebracht?«, fragt mich Frau Doktor mit einem sehnsüchtigen Blick auf die Papiertüte in meiner Hand.

»Natürlich. Ich weiß doch, wie gerne Sie die essen«, schleime ich ein bisschen. Die Kurven von der Frau Doktor kommen ja nicht von ungefähr.

»Sie sind ein Schatz!« Frau Doktor wendet sich an den Hoblmayr. »Ich wüsste nicht, was ich ohne meine liebe Frau Dollinger tun würde. Im Grunde schmeißt sie hier den Laden.«

»Das müssen Sie aber nicht sagen, um Ihren Kaffee zu kriegen«, sage ich. Die Frau Doktor wäre allerdings tatsächlich aufgeschmissen ohne mich, so oft, wie ich sie entschuldigen muss, weil sie außerhäuslich unterwegs ist. Wegen ihrer vielen künstlerischen Hobbys ist sie zwangsläufig sehr freizeitorientiert, und mit dem Computer hat sie es auch nicht so. Zu viel Technik zerstört angeblich ihre kreative Ader.

»Cappuccino für Sie, und für den Herrn Hoblmayr schwarzer Kaffee ohne alles?«

Beide nicken. Ich gehe in die Teeküche. Frau Doktor hat uns einen sehr guten Kaffeevollautomaten spendiert, der alles herstellt, was das Herz begehrt. Als ich zurückkomme und ihnen die Kaffeetassen und den Teller mit den Cupcakes hinstelle, betrachtet mich Frau Doktor nachdenklich.

»Sagen Sie, Frau Dollinger, Ihr Ehemann, der hat nicht zufälligerweise den Weinberger gekannt?«

»Wie kommen Sie darauf?«, hake ich nach und denke sofort an das Gespräch mit meinem Ehemann vom Wochenende. Ahnt sie was? Stand was in den Akten?

»Ich dachte nur, weil Ihr Mann doch auch in der Immobilienbranche tätig ist.«

»Der Weinberger war ja bekannt wie ein bunter Hund durch seine Werbespots im Fernsehen«, sage ich. Vom Weinberger lief bis zu seinem Tod ein Werbevideo im Regionalfernsehen. Da stand er steif in seinem Trachtenanzug herum, in dem er auch ermordet wurde, und hat seine Häuser angepriesen.

Frau Doktor nickt. »Ja, er wirkte extrem hölzern. Ohne Schauspielunterricht ist es für Laien nicht leicht, vor der Kamera zu überzeugen.« Das kann ihr, die sie in einer Laienspieltruppe schauspielert, natürlich nicht passieren. »Leutners Befragungen in Sankt Aloisius haben wie so oft nichts Erhellendes ergeben. Und jetzt fällt unser ›Oberpfälzer Wunderkind‹ auch noch aus – was für ein schwerer Schlag!« Das ist eine gewaltige Portion Ironie, die die Frau Doktor zum Besten gibt. Sie und Hoblmayr halten den Leutner eher für einen Klotz am Bein denn für ein Wunderkind.

»Die Großhesseloher Brücke war doch bekannt für die vielen Lebensmüden, die da früher immer runtergesprungen sind«, gibt Hoblmayr seinen Senf dazu.

Frau Doktor und ich schauen ihn irritiert an: Worauf will er denn jetzt hinaus? Auf einen möglichen Selbstmord?

Bislang sieht es so aus, dass er sich unter der Brücke mit jemandem getroffen haben muss, der ihm drei Schüsse in den Rücken gejagt hat. Danach ist er noch ein paar Schritte gelaufen, aber dann war es ein für alle Mal aus mit ihm. Er wurde mit dem Gesicht nach unten auf den Kieselsteinen gefunden. Die Einschüsse im Rücken waren auf den Fotos, die ich gesehen habe, gut zu erkennen.

»Die Frage ist doch eher, was hat der Mann nachts um drei in der Gegend zu suchen gehabt?«, unterbricht Frau Doktor das Schweigen. »Wie war das noch mal mit seinem Handy?«

»Das wurde nicht gefunden, aber die Anrufe haben wir trotzdem rückverfolgen können«, erinnert Hoblmayr sie. »Abends hat er seine Frau auf dem Festnetz in Sankt Aloisius angerufen, danach kam nur noch ein Anruf herein, mit unbekannter Nummer, das muss ein Prepaid-Handy gewesen sein.« Frau Doktor nippt an ihrem Cappuccino. »Der de Vries hat ihn nicht angerufen?«

»Nur tagsüber«, sagt Hoblmayr.

»Mir sagt mein Instinkt, dass das Mordmotiv im geschäftlichen Umfeld liegen muss.«

»Das könnt natürlich sein, obwohl das Mordmotiv häufig überschätzt wird«, plappert Hoblmayr diese Weisheit des großen Blochner nach.

»Manchmal werden vermeintliche Freunde auch zu Feinden«, sagt Frau Doktor. »Den de Vries nehmen wir deshalb genau unter die Lupe. Jeder Aktenordner und jede Datei wird zehnmal umgedreht.« Sie überlegt einen Moment. »Unser lieber Gumpfel hat sich Zeit gelassen, um den Durchsuchungsbeschluss zu erteilen. Das hat die Sache unnötig verzögert.«

Gumpfel heißt der Ermittlungsrichter. Eigentlich ein sehr netter Mensch. Und eben auch sehr korrekt. Eine Durchsuchung von Geschäftsräumen und Akten ist schließlich ohne Anfangsverdacht schwer zu rechtfertigen.

»Jetzt können wir nur hoffen, dass sich was findet, damit der Gumpfel nicht wieder rummeckert.« Frau Doktors Augen funkeln wie bei einer Katze, die ihrer Beute vor dem Mauseloch auflauert. »Jäger ist er übrigens auch, dieser de Vries, das hat er bereits zugegeben. Wenn der Gumpfel sich nicht so geziert hätte, wäre das alles schon längst geklärt.«

»Gibt es auch einen Durchsuchungsbeschluss für die Wohnräume?«

Frau Doktor nickt. »Ja, sowohl für die Büroräume in München als auch für die Villa der Familie de Vries in Sankt Aloisius. Stellen Sie sich vor, noch während der laufenden Ermittlungen hat er sein eigenes Haus einem Käufer angeboten. Seine Frau wusste nichts davon. Die ist aus allen Wolken gefallen.«

Frau Doktor wirkt dermaßen empört, dass ich es lieber für mich behalte, dass genau dieses Haus vermutlich meinem Ehemann angeboten wurde.

»Wenn wir seine Wohnung und das Haus durchsuchen und seine Geschäfte genau unter die Lupe nehmen, werden wir etwas finden, das ihn belastet. Das sagt mir mein Instinkt.«

Frau Doktor und ihre Instinkte. Beruflich kann sie sich oft darauf verlassen, privat nicht unbedingt. Sonst hätte sie sich nicht den Hoblmayr als Mann für alle Fälle angelacht.

 

Nach der Arbeit mache ich mich auf den Weg nach Giesing, wo der Leutner und seine Mutter wohnen. Hannelore Leutner ist die Hundesitterin meines Dackels. Zwischen siebzig und achtzig Jahre alt muss sie mittlerweile sein. Eine Dame wie sie fragt man nicht nach dem genauen Alter, vor allem, da man es ihr nicht ansieht. Wir sind immer noch per Sie, was mir ganz recht ist, denn auf das Du mit ihrem Sohn habe ich mich viel zu schnell eingelassen und es hinterher bereut. Frau Leutner hat dieselben hellblauen Augen wie ihr Sohn, und rundherum sprießen die Lachfalten. Ihre pastellfarbenen Kostüme und Kleider sind selbst genäht und elegant, außerdem so altmodisch, dass sie fast schon wieder modern sind. Wastl, mein Rauhaardackel, wedelt und hüpft freudig, als Frau Leutner die Tür aufmacht.

»Der hat sehnsüchtig gewartet«, sagt sie zur Begrüßung. Sie schafft es, einem sofort ein schlechtes Gewissen zu bescheren.

»Ja, ich weiß, ich bin spät dran und muss gleich weiter zu meiner Cousine. Sie hat bald Geburtstag, und ich muss noch einiges mit ihr besprechen.«

»Wie alt wird sie denn?«

»Fünfzig. Sie haben die Immy bei der Hochzeit meines Cousins kennengelernt.«

»Weiß schon. Die Dame mit dem Kleid, das wie ein Sack ausgesehen hat. Ein paar Abnäher könnt ich ihr reinnähen. Dann würd’s besser sitzen. Ich war ja in der Modebranche tätig, bevor der Seppi auf die Welt gekommen ist und ich mich ganz ihm gewidmet hab.«

Bevor sie mit einem ausführlichen Bericht über ihr Leben, dessen Höhepunkt die Geburt ihres Seppi war, anfängt, lenke ich gleich auf den Knackpunkt: »Der Seppi ist krank?«

»Es hat ihn schwer erwischt. Schauens selbst.«

Sie führt mich ins Wohnzimmer, wo Seppi Leutner auf der Couch liegt. Ich halte Abstand und winke ihm zu. Er schnauft nur und bringt ein hingehauchtes »Servus, Daisy« heraus.

»Völlig erschöpft«, sagt Frau Leutner, »ein Häuferl Elend. Der Wastl hat gespürt, dass es dem Seppi nicht gut geht. Den ganzen Tag hat er sich immer wieder zu ihm auf die Couch gelegt. Eine Seele von Hund ist der Wastl.«

Seppi Leutner schaut wirklich nicht gut aus. Sein Gesicht glüht rot, und auf der Stirn steht ihm der Schweiß, aber er liegt auch unter einem dicken Federbett und einer Wolldecke begraben. Da dürfte jedem heiß werden.

»Meine Herrn, was hat denn dich für ein Virus erwischt?«, frage ich und bleibe sicherheitshalber noch ein Stückchen weiter von ihm entfernt stehen.

»Ich weiß es auch nicht«, fängt er im Jammerton an. »Mir war’s schon so komisch, als ich in Sankt Aloisius war. Ich hab gedacht, das ist meine Hausstauballergie, die mich plagt. Im Büro vom Pfarrhaus war es sehr staubig.«

»Ja, der Bub und seine Allergien. Alles Spätfolgen von damals, als er ein Baby war und …«

»Haben Sie Fieber gemessen?«, unterbreche ich sie, bevor sie mir wieder damit kommt, dass ihr Sohn geboren wurde, als das Atomkraftwerk in Tschernobyl explodierte, und er leider zu viel Strahlung abgekommen hat, was sich bis heute auswirkt. Nicht umsonst trägt er bei uns auf der Arbeit den Spitznamen Tschernobyl-Seppi, weil er alle mit dieser Story so nervt.

»Siebenunddreißig Komma zwei hat er«, informiert sie mich.

»Das ist ja eher erhöhte Temperatur.«

»In diesen Zeiten muss man auf Nummer sicher gehen. Der Doktor kommt heute Abend noch mal.«

»Wastl!«, ruf ich. »Komm her, wir gehen jetzt heim.« Fehlt mir noch, dass mein Hund sich beim Leutner ansteckt.

»Der Bub opfert sich so auf für seinen Beruf, jetzt muss er einmal an sich denken und sich auskurieren.«

»Der Hoblmayr wird schon ein paar Tage ohne den Seppi auskommen.« Kaum habe ich das gesagt, ist es, als ob Leutner wieder zum Leben erweckt wird.

»Daisy!«, sagt er. »Soll ich dir was sagen? Ich sag dir was. Der Hoblmayr hat ja keine Ahnung. In Sankt Aloisius sind ganz seltsame Dinge passiert.«

»Du darfst dich ned aufregen, Seppi«, sagt Frau Leutner und setzt sich zu ihm auf die Couch. »Das schadet nur deiner Gesundheit.«

»Ist schon gut, Mamm, ich muss es der Daisy sagen.«

Er richtet sich auf und schaut mich mit seinen blauen Babyaugen, die einen fiebrigen Schleier haben, an: »Menschen sind verschwunden in Sankt Aloisius. Einfach verschwunden.«

Meine Güte, dieser dramatische Tonfall, in dem er das sagt, klingt wirklich übertrieben, als ob er Halluzinationen oder irgendwelche Eingebungen hat.

»Die Haushälterin hat es mir erzählt.«

»Dann sollte sie eine Vermisstenanzeige aufgeben.«

»Der Pfarrer will ned.«

»Dann ist es vielleicht doch nicht so schlimm.«

»Ich sag dir was: Da ist was faul in Sankt Aloisius.«

Ich wünschte, der Wastl würde, wie sonst auch, unruhig hin und her tanzen und zum baldigen Aufbruch mahnen. Aber nein, als ob ihn interessiert, was der Seppi zu sagen hat, steht der Hund bewegungslos, fast andächtig neben mir.

»Wer ist denn verschwunden?«

»Barbara Nowalik. Die Pastoralreferentin vom Pfarrer Petzoldt in Sankt Aloisius. Hast du eigentlich gewusst, dass der heilige Aloisius …«

»Ja, ja, weiß schon, Seppi«, unterbreche ich ihn, bevor er mir jetzt auch noch mit Heiligenlegenden kommt. »Ich muss dringend los. Meine Cousine wartet, und mein Mann fliegt morgen in die USA.«

»Habts ihr nicht bald euern Honeymoon?«

Todkrank, normalerweise ein Gedächtnis wie ein Sieb, aber an solche Details erinnert er sich jetzt plötzlich, der Leutner.

»Dringende geschäftliche Angelegenheiten halten ihn leider auf, und wir müssen unseren Honeymoon verschieben.«

»Fliegst du alleine auf die Malediven?«

Selbst mein Reiseziel hat er sich gemerkt.

Ich schüttle den Kopf.

»Dann hast du ja ab nächster Woche viel Zeit.«

»Zeit ist relativ, Seppi. Das hat schon der Einstein gesagt.«

»Ich habe jetzt viel Zeit zum Nachdenken«, sagt er. »Ich denk ständig an das, was die Ernestine mir erzählt hat.«

»Welche Ernestine?«

»Die Haushälterin vom Pfarrer. Sie weiß alles, was in Sankt Aloisius vor sich geht.«

»Wenn die Ernestine alles weiß, dann weißt du ja auch alles, wenn sie es dir erzählt hat«, sage ich zu Seppi.

Mein ironischer Unterton beeindruckt ihn wenig. »Ich weiß zum Beispiel, dass die Barbara Nowalik unersetzlich war. Die hat sogar die Orgel in der Kirche gespielt. Und weil sie jetzt weg ist, gibt’s keine Livemusik in der Kirche mehr. Stell dir das vor! Das ist doch traurig.«

»Es gibt sicher Schlimmeres.«

»Als die verschwundenen Seelen?«

»Welche Seelen?«

»Ja, die Barbara halt – und der Inder.«

»Welcher Inder?«

Er grinst triumphierend. »Ja, das wüsstest du auch gerne! Aber er ist ja nicht aufgetaucht, dieser Inder.«

»Hast du das dem Hoblmayr erzählt?«

Als ich seinen Vorgesetzten erwähnte, verzieht Leutner das Gesicht, als ob ich ihm eine bittere Medizin verabreicht hätte. »Der Hoblmayr!«

»Wieder Krise bei euch?« Das brauche ich eigentlich gar nicht groß zu fragen. Bei den beiden ist Dauerkrise, schlimmer als bei manch zerstrittenem Ehepaar.

»Soll ich dir was sagen, Daisy? Ich sag dir was«, jammert Seppi. »Eigeninitiative wird nicht gefördert beim Hoblmayr. Die wird bestraft, weil er lieber Beamtenmikado spielen will.«

Wer sich zuerst bewegt, der ist raus. Das halte ich jetzt ehrlich gesagt für eine übertriebene Ansicht vom Leutner.

»Alle haben gesagt, dass der Weinberger unter der Woche ein hart arbeitender Geschäftsmann in München und am Wochenende ein treu sorgender Ehemann am Starnberger See gewesen ist.«

»Ja, und?«, sage ich. »Das ist doch wie aus dem Bilderbuch.«

»Das sagst du. Aber soll ich dir mal was sagen? Ich sag dir mal was: Ist das ned komisch, dass die eine Wochenendehe führen?« Das Wort »Wochenendehe« hört sich bei ihm wie ein Schimpfwort an. Der Leutner ist Single und wohnt immer noch bei seiner Mutter, das ist in meinen Augen viel komischer als eine Wochenendehe.

»Worauf willst du eigentlich hinaus?«, hake ich nach.

»Wir sollten uns Freunde und Feinde vom Weinberger anschauen.«

»Das sagen die Frau Doktor und der Hoblmayr auch«, werfe ich ein. »Genau deswegen nehmen sie den de Vries unter die Lupe.«

Sepp Leutner wirkt nicht überzeugt. »Der de Vries! Auf den hat sich deine Chefin von Anfang an eingeschossen.«

»Das Alibi einer treu sorgenden Ehefrau ist halt eine wacklige Sache«, verteidige ich die Frau Doktor. Es haben sich bislang kaum Zeugen gemeldet – außer den üblichen Verrückten und Wichtigtuern. »Hast du eine bessere Idee?« Das ist eine rein rhetorische Frage, denn der Leutner denkt natürlich immer, er weiß alles besser.

»Ein leidenschaftlicher Jäger soll der Weinberger gewesen sein. Das hab ich dem Hoblmayr bereits gesagt, aber es interessiert ihn nicht.«

»Der Weinberger hat einen Jagdschein, da ist schon klar, dass er Jäger war.«

»Soll ich dir was sagen?« Seppi macht eine bedeutungsvolle Pause. »Es gibt solchene und solchene Jäger. Die einen jagen das Wild, die anderen jagen den Schürzen hinterher, wennst verstehst, was ich meine.«

Ich ahne, worauf er hinauswill, aber lasse ihm die Freude, seine Idee noch ein bisschen weiter auszuführen.

»Der Weinberger war ein sogenannter Schürzenjäger.«

»Und das hat dir jetzt wer gesagt? Diese Ernestine?«

»Die Frau kennt sich aus in Sankt Aloisius, sag ich dir. Außerdem habe ich auch die Ehefrau befragt. Ganz freundlich und sachlich«, behauptet Leutner. »Frau Weinberger, wie ist es eigentlich mit Ihrem Mann gelaufen? Ist überhaupt noch was gelaufen? Oder war er eher ein Hallodri?«

Der Leutner ist für seine Feinfühligkeit bei Befragungen von Zeugen berüchtigt. Kein Wunder, dass der Hoblmayr sich über ihn aufregt. Die Ehefrau hat nämlich angefangen zu heulen wie eine Sirene und leider nicht mehr damit aufgehört. Ihr Arzt hat sie für nicht mehr vernehmungsfähig erklärt. Angeblich ein Nervenzusammenbruch.

Er hustet ein bisschen und fährt dann mit heiserer Stimme fort. »Ich weiß ned, warum die behaupten, ich hätt psychischen Druck auf die Frau ausgeübt. In München werd ich behandelt wie der letzte Depp, nur weil die Frau dermaßen hysterisch ist.«

»Ich schlag vor, du wirst erst einmal gesund, und dann zeigst du halt einfach nicht mehr ganz so viel Eigeninitiative.«

»Jetzt ist Schluss mit der vielen Ratscherei«, greift Frau Leutner ein. »Der Bub braucht Ruhe. Dem koch ich eine gute Rindsbouillon, damit der die ganzen Bazillen ausschwitzt, und Sie gehen jetzt besser, Fräulein Daisy.«

»Ja, kurier dich aus, Seppi«, sage ich. »Bis Ende der Woche hat die Frau Doktor bestimmt genug gegen den de Vries in der Hand, und der Fall ist womöglich schon gelöst.«

Diese Vorstellung scheint ihn nicht zu erfreuen. Er sinkt zurück auf sein Krankenbett.

Ich verabschiede mich mit einem Winken von beiden Leutners.

Seine Mamm bringt mich und Wastl zur Tür. »Vielleicht könnten Sie den Wastl diese Woche woanders unterbringen, Fräulein Daisy. Ich brauch meine ganze Kraft, damit der Bub wieder gesund wird. Sind Sie mir nicht bös, aber ich bin ja auch nicht mehr die Jüngste! Der Wastl braucht doch so viel Aufmerksamkeit.«

Die Kritik an Wastl ist neu. Normalerweise betont sie immer, wie pflegeleicht der Hund bei ihr ist.

»In Ordnung«, sage ich, obwohl sie offensichtlich vergessen hat, dass sie Wastl während unseres Malediven-Trips in Ganztagspflege nehmen wollte. Zwar bin ich nicht begeistert, dass ich jetzt Wastl die restlichen Tage bis zu meinem Urlaub mit ins Büro nehmen muss, aber immerhin muss ich mir das Gejammere vom Tschernobyl-Seppi nicht länger anhören. Vielleicht suche ich mir auf Dauer sowieso eine andere Hundesitterin, die keinen so betreuungsintensiven Sohn wie die Frau Leutner hat.

4

Paartherapie im Glockenbachviertel

Meine Cousine Immy wohnt seit ewigen Zeiten im ersten Stock eines Altbaus, im Erdgeschoss direkt darunter hat sie ihre Praxisräume, und deshalb gibt es am Haus auch ein Schild mit der Aufschrift »Immy Blochner, Praxis für Paarberatung und Psychotherapie«.

Wäre sie wie unsere Schwägerin Bruna in anderen Umständen, könnte ich ihre Aufmachung verstehen, aber sie ist schlank und rank, und trotzdem hängt ihr Sackkleid traurig an ihr herunter. Weder der Ringelpulli noch die dicken Edelsteinringe an den Fingern liefern irgendeinen positiven Beitrag zu ihrer Gesamterscheinung. Wie so oft muss ich daran denken, dass wir alle drei uns wirklich erstaunlich unähnlich sind. Traugott junior ist dreimal so breit wie seine Schwester, dafür zehn Zentimeter kleiner. Er hat kaum mehr Haare, Immy verfügt über eine Sturmfrisur aus hennaroten Locken. Als Älteste von uns und wegen ihres beruflichen Hintergrunds hält sich meine Cousine für eine Expertin für praktisch alles. Kaum habe ich mich hingesetzt und erwähnt, dass ich bald wieder losmuss, weil Adrian morgen in die USA fliegt, fängt sie mit einem Vortrag an: »Ihr müssts echt aufpassen. Das geht ganz schnell, dass man sich auseinanderlebt als Paar, wenn man zu wenig gemeinsame Zeit miteinander verbringt.«

Sie muss es wissen. Mit ihrem derzeitigen Lebensabschnittsgefährten Maik ist sie zwar noch nicht lange zusammen, aber sie müssen bereits ständig etwas für ihre Beziehung tun. Sport, Wellness, Bergtouren, Tantra-Wochenenden und was weiß ich. Wenn es stimmt, dass sich Unterschiede anziehen, sind Maik und Immy das ideale Paar, weil unterschiedlicher geht es kaum mehr. Er wohnt im Glasscherbenviertel, sie im Szeneviertel, er ist mehr Körper als Hirn, sie denkt, sie weiß alles, er ist fünfzehn Jahre jünger als sie, sie hat drei Töchter von zwei verschiedenen Vätern. Mit ihrer jüngsten Tochter Luzie ist Wastl sofort nach unserer Ankunft ins Kinderzimmer verschwunden.

»Was ist denn gegen ein bisschen Abstand in einer Ehe einzuwenden?«, sage ich zu Immy. »Der Leutner hat vorhin auch über Wochenendehen hergezogen, als ob er sich beim Thema Ehe auskennt. Dabei wohnt er immer noch bei seiner Mutter.«

»Der Wohnungsmarkt ist ja wirklich nicht einfach, schon gar nicht in München«, nimmt Immy den Leutner in Schutz, was mich erst recht aufregt.

»Jetzt ist er auch noch krank. Aber egal: eine große Hilfe im Fall Weinberger war er bisher sowieso nicht.«

»Der Weinberger, der Tote von der Isar, der Immobilienhai?«

Immy ist immer scharf darauf, dass ich ihr von unseren Ermittlungen berichte. Sie hat früher damit geliebäugelt, Profilerin zu werden.

»Genau, der Weinberger.«

»Der sich eine goldene Nase mit seinen Wochenendhäusern im Bayerischen Wald und den Villen mit Seeblick verdient hat?«

»Wir überprüfen gerade, wie golden diese Nase wirklich war.«

»Da bin ich gespannt.«

»Der Leutner hat die Befragung der Ehefrau vom Weinberger vergeigt, weil er sie als Erstes nach ihrem Sexualleben ausgehorcht hat.«

»Das ist doch auch interessant.«

»Wenn sie eine Paartherapie hätte machen wollen, ja, aber nicht, wenn ein Kriminalbeamter eine sachliche Routinebefragung durchführen soll.«

»Hat er denn sonst was rausgefunden?«

»Die Haushälterin vom Pfarrer in Sankt Aloisius erzählt herum, dass der Weinberger ein Schürzenjäger gewesen ist.«

»Sankt Aloisius? Das ist doch diese winzige Kirche am Starnberger See.«

»Genau. Die Kirche und der Ort heißen beide so.«

»Wahnsinn.«

»Wieso?«

»Ich habe vor ein paar Wochen einen Bekannten von früher getroffen, und der hat mir erzählt, dass der Sigi Heinzlmeier an den Starnberger See gezogen ist. Und jetzt rat mal, wohin?«

Ich tue äußerst desinteressiert, obwohl mein Herz zu klopfen beginnt: »Keine Ahnung.«

»Nach Sankt Aloisius.«

»So ein Zufall!«, sage ich.

»Ihr warts so ein schönes Paar. Damals hast du ihm zuliebe auf Hippiemädchen gemacht, und jetzt machst du auf treu sorgende Gattin deines schwerreichen Texaners. Du warst immer schon recht anpassungsfähig.«

Die Immy. Echt. Ich rolle mit den Augen, damit sie merkt, wie sehr mich ihr Getue nervt. Immer ihre Spitzen gegen den Adrian, und dass seine Familie nicht gerade am Hungertuch nagt.

»Der Sigi war ein echter Freigeist.«

»Vielleicht hättet ja ihr zusammengepasst, wo du ja auch so wahnsinnig unkonventionell bist«, stichle ich zurück.

»Ich nehme doch keinen abgelegten Liebhaber von dir. Der Sigi wäre mir auch zu alt. Der ist doch nur ein Jahr jünger als ich.«

»Wenigstens dein Bruder hält sich an die Konventionen und hat einen Sohn gezeugt.« Vorsorglich wechsle ich das Thema. Wenn es um Cousin Traugott geht, herrscht bei uns immer schnell Einigkeit. Ich würde ihn als Bruder nicht geschenkt haben wollen, und sie hat früher gedacht, dass der Storch ihr einen falschen, weil nicht bestellten Bruder, nach Dachselkofen gebracht hat. »Du hättest ihn gestern erleben sollen!«

»Mir reicht schon, was er mir am Telefon alles erzählt hat. Sein Stammhalter soll im Regensburger Dom getauft werden.«

»Der ist total größenwahnsinnig.«

»Dabei habe ich dafür gebetet, dass der Traugott ein Mädchen bekommt, das optisch und charakterlich ganz nach der Bruna kommt.«

»Als ob du beten würdest«, werfe ich ein. Immy wurde von Tante Emerenz zeitweise für eine Teufelsanbeterin gehalten, nachdem sie aus der Kirche ausgetreten war.

»Ich bete auf meine eigene Weise und rufe das Universum an.«