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Düstere, seltsame und verrückte Kurzgeschichten und Prosa.
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Seitenzahl: 187
Veröffentlichungsjahr: 2019
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Eine Art, Leben
Alltag
Callcenter
Feierabend
Existenzgründung
Aus der Sicht eines Straßenmalers
Die Praxis, von Dr. Gudrun Grabolle
Das Land Nod
Jesus
Die allerletzte Entscheidung?
Café
Die deprimistische Gummifotze
Schattenwelt
Ode an die Pestilenz
Erlösung
In eines Augenblickes
Der Fall Müller
Die Minen der Zukunft
Seelenrechner
Medien und Erinnerungen
Das Höhlengleichnis
Geisterscheiße?
Der Wecker klingelt. Ich wälze mich träge, mehr schlafend als Wach herum. Bisher habe ich beschissen gepennt. Wenn man das überhaupt so nennen kann. Draußen ist es schon hell, kolonnenweise rollen Fahrzeuge über die Straßen. Das Rauschen der Reifen, die Motoren und Windgeräusche erfüllen die Luft. Erst zwitschern die Vögel, dann rauscht der Verkehr. Ich weiß nicht was schlimmer ist. Für mich ist das alles Lärm. Im Flur lamentieren die Nachbarn. Eine ist aus Italienischem Hause. Sie ist wohl sehr nett, nicht das ich sie oft zu Gesicht bekomme, was aber nicht an ihr ihr liegt, sondern meinem Wunsch nach Einsiedelei. Auf jeden Fall spricht sie laut und quäkig und wie ein Wasserfall. Soll ich aufstehen? Warum denn? Wofür, für was? Um Hellwach den Tag zu überstehen? Ich drücke den Wecker aus, schließe die Fenster, lasse Wasser und begebe mich wieder ins Bett zurück um zu schlafen.
Stunden Später wache ich auf. Soll ich jetzt aufstehen? Ich bin immer noch sehr verdöst, aber, dieser Zustand, dösig zu sein, ist schon normal. Eigentlich nehme ich das auch gar nicht so wahr. Es ist mir egal.
Wieso müssen die immer auf dem Flur quatschen? Mir geht das auf die Nüsse! Ewig reden die da, lachen, tratschen. Demnächst trinken die noch Kaffee auf´m Flur! Leider finde ich das nicht lustig.
Meine Augen wollen nicht aufgehen. Schlafen kann ich nicht mehr, Richtig wach werde ich auch nicht. Ich warte darauf, das es trotzdem passiert. Das ich wach werde, richtig wach, hellwach. Das alle Sinne voll da sind, das man sich so fühlt, vollkommen klar zu sein. Aber es stellt sich nicht ein, wie schon seit Wochen.
Ich weiß nicht, was ich noch machen soll. Ist immerhin etwas, was ich weiß. Das Telephon klingelt. Wieso ruft mich jetzt jemand an? Ich schleppe mich zum Telefon. Nummer unbekannt. Scheiße Ich geh nicht dran und lass mich wieder ins Bett fallen, kuschel mich in meine warme Höhle aus Geborgenheit, die mich vor der brutalen Welt schützt.
Ich sollte etwas tun, irgendetwas! Ich wüsste, was ich tun könnte. Aber bin ich gut genug dafür? Gut genug für Alles? Ich muss irgendetwas machen. Ich drehe mich um. Aufstehen wäre ein Anfang. Ich will nicht. Ich will gar nix, ich will alles. Will nichts. Ein profaner Grund zum aufstehen wäre nicht schlecht. Ich könnte was essen. Was habe ich denn noch im Kühlschrank? Nichts Fertiges, ich müsste was kochen. Hab aber nix zum drin Kochen. Ich müsste erst spülen. Ätzend. Was Fertiges einkaufen? Dann müsste ich in die Stadt fahren. In den Stadtverkehr, raus aus dem Haus, in die Nachbarschaft, unter Leute. Menschen generell. Wie sie mich dann alle wieder ansehen werden! Von oben bis unten mustern sie mich. Sie bräuchten das gar nicht mehr, denn sie halten mich eh für einen Freak, oder einen Penner. Am liebsten würden sie mich von hier verbannen. Einst ein IT-Spezialist, jetzt Hartz vier. Ich passe hier nicht mehr hin, in den Speckgürtel meiner kleinen spießigen Provinzstadt, Refugium derer, die es „geschafft“ zu haben scheinen. Ich mit meiner ganzen Freizeit, meinen Freakfreunden. „Der schläft den ganzen Tag, macht nix“, höre ich sie sagen,“glotzt den ganzen Tag!“. Ich habe noch nicht mal einen Fernseher.
Auf den Straßen benehmen sich alle wie Idioten. Es ist verstopft, voll, laut und eng. Ich hasse Berufsverkehr! Soll ich also wie ein getretener Hund durch mein viertel zum Auto schleichen, um im Berufsverkehr einen klaustrophobisch induzierten Nervenzusammenbruch zu bekommen? Ich schlage dann immer auf das Lenkrad ein und schreie wie ein Irrer im Auto herum und denke dabei gelegentlich an Amok.
Also, was soll ich jetzt machen?
Eigentlich müsste ich noch Anträge und Formulare bearbeiten, mal eine Bewerbung schreiben, all so was eben. Irgendetwas muss ich machen! Ich könnte ne` Menge, aber was will ich eigentlich?
Ich dreh mich nochmal rum, kuschele mich ins Kissen, schlinge die Decke eng um meinen Körper und schließe meine Augen. Ich hab keine Ahnung, was ich will und es ist mir auch egal. Es ist mir egal auf eine Weise, tja, das es mir egal ist, ist mir egal. Das Egalsein, egal sein lassen. Ich bin mir noch nicht mal sicher, was mir eigentlich egal ist. Was ist das überhaupt, dieses „egal“? Ich glaube ob etwas egal ist oder nicht, spielt mir schon keine Rolle mehr. Es ist bedeutungslos. Nichts hat mehr eine Bedeutung, oder auch nicht. Mir ist gar nichts mehr so richtig klar.
Ich kann einfach nichts anderes mehr, als hier zu liegen und Atmen. Das reicht aber auch. Ich könnte hier ewig liegen bleiben. Für immer, wie Dornröschen. Vielleicht küsst mich ja jemand wach. Wach bin ich schon. Wach genug um zu wissen das ich wach bin. Wach. Ich habe meine Augen auf und sehe nach draußen, um nach innen zu sehen. Wacher gehts halt nicht.
Das Telephon klingelt schon wieder und versucht mich aus meiner Lethargie zu reißen. Ich will von der Welt nichts mehr wissen! Lasst mich gefälligst in Ruhe! Ich hasse Menschen, Dinge, ALLES! Es ist nicht wirklich Hass, doch wünsche ich mir das alles weg. Ich wünsche mich selbst weg von hier. An einen Ort, der aus Nichts besteht. Ein Ort ohne Regeln, Grenzen, Zeit und Pflichten. An den Ort, tief in mir.
Zeit darauf verschwenden zu müssen um Dinge zu tun, Gedanken zu denken die ich nicht will. Es fühlt sich an wie eine geistige Zwangsjacke. Ein Gedanken-Korsett. Ich will keine Formulare ausfüllen, ich will nicht acht Stunden im Büro herum sitzen und vor Langeweile vergehen. Ich will nicht putzen und aufräumen.
Wie sähe denn eine Sinnvolle Tagesgestaltung aus, oder könnte :
08:30
Aufstehen, Frühstücken, Morgentoilette, Tageszeitung
09:30
Papierkram, Finanzamt, Rechnungen, usw...
10:30
Kundenakquise, Konzeptausarbeitung, Leute anrufen
12:30 14:00
Mittagspause Musik machen, generell kreatives Schaffen, Kundenbesuche, Trainings, usw...
17:00
Sport, putzen, aufräumen, Wäsche machen, usw...
20:00
Freunde treffen, entspannen, Film gucken, usw...
23:00 01:00
Bettfertig machen, lesen Schlafen
Und so sieht´s aus :
ca. 13:43
Das erste Gefühl von Wachheit (erste Aufwachphase)
ca. 14:00
Man schläft nochmals ein (Nachschlafphase)
ca. 14:30
Man kann nicht mehr fest einschlafen, döst aber noch vor sich hin (Schlummerphase)
ca. 15:00 ca. 15:00:00:01
Das Bewusstsein scheint voll da zu sein In diesem Augenblick wird mir klar, was ich alles sinnvolles tun müsste und
habe sofort keine Bock auf all das und wünschte mir, ich wäre irgendwoanders
ca. 15:30
Ich bin irgendwo anders, tief in mir drin, angekommen
ca. 16:00
Ich will nicht aus mir und vor allem dem Bett nicht raus
ca. 16:30
Ich stehe, warum auch immer, tatsächlich auf und ziehe mich an
ca. 16:45
Einkaufen, Videos ausleihen, Essen und Videos gucken
ca. 20:00
Endlich leicht angesoffen. So angesoffen, das mir egal ist, ob ich weiß was dieses Wort bedeutet, oder nicht
ca. 20:15
Ich nehme die Klampfe in die Hand und mache tatsächlich Musik. Nichts tolles, aber es reicht, um sich emotionalauskotzenderweise abzureagieren
ca. 01:00
Endlich total besoffen. So besoffen und in einem geistig pathologischen Zustand, das mir egal ist, ob mir egal ist, das mir etwas egal ist oder nicht und darüber hinaus. Ich spiele Computer und kann dabei total klasse abschalten, mich entspannen und abreagieren. Ich bin vollkommen in einer anderen Welt und genieße es. Ich sollte ins Bett gehen, kann aber nicht schlafen, wie die ganzen letzten Wochen
ca. 07:00
Ich bin so fertig, besoffen und lädiert, das ich endlich pennen kann.
Sind natürlich nur Extreme, die allerdings nicht so weit von der Realität abschweifen, als noch Gesund wäre. Dieser Gedanke der Gesundheit liegt mir derzeit allerdings fern. Er gehört zu der Sorte Gedanken, die ich am liebsten einfach abschalten möchte. Was ist gut für mich, was schlecht, die sind so weit weg, wie der Mars. Ich werde immer fetter und mein Verdauungssystem dreht auch ab. Kurzum, mein Körper geht vor die Hunde. Ich habe keine Lust, was dagegen zu tun. Mir gefällt das zwar nicht, aber was soll´s.
Das Telephon klingelt schon wieder. Meine beste Freundin ruft an. Soll ich jetzt ans Telephon gehen?
„Hi....naja, geht so.....nee, ich bin heute lieber allein......ja ich weiß.........nein, ich weiß nicht wie lange noch.......ja, ja, es geht schon, ich melde mich.....alles klar...Danke! Dir auch...und viele Grüße...ja, ciao...“ (´klick`)
Was wollen die eigentlich alle von mir? Ich mag sie ja auch, aber ich will mir das nicht schon wieder anhören. Es geht einfach nicht. Sie kann das derzeit nicht verstehen. Sie akzeptiert es, kann es aber doch nicht verstehen.
Ich bin ohnehin nicht so ein Gesellschaftsmensch. Viele brauchen ständig irgendwelche Leute um sich rum. Mir geht das auf die Nüsse. Meistens ergehen sich Gespräche in Oberflächlichkeiten. Sogar die meisten Leute sind langweilig. Vielleicht bin ich selbst oberflächlich, das ich Menschen so sehe oder betrachte, oder so mit ihnen umgehe. Ich bin halt ein Klugscheißer, weiß alles besser. Nützt mir alles nix. Alles vermeintliche Wissen nützt mir gerade nix. Letztendlich kommt eh immer das Selbe raus.
„Naja, mach halt mal wieder was. Du kriegst das schon hin! Also, was ich dir noch erzählen wollte...“ und dann geht das weiter, blablabla...
Wir trinken dabei immer Wein. Besser ist das, sonst würde ich vom Balkon springen. Ich kann das sonst nicht ertragen. Wenn sie nicht mit ihrem Partner klar kommt, dann kann man da ne Menge machen, wenn man denn will. Will sie aber nicht, sonst hätte sie es schon probiert und würde mir nicht ständig davon erzählen. Also, warum soll ich mir das immer und immer wieder anhören? Sie ist halt meine beste Freundin und ich mag sie sehr gerne. Es tut mir im Grunde sogar leid so zu sein, ich hasse mich sozusagen dafür. Ich kann da nur nix machen. Auch das Wort „Begeisterung“ hat sich in Bedeutungslosigkeit verloren.
Ich fühle mich einsam. Ich könnte das ändern, will aber lieber allein sein.
Schon wieder klingelt das Telephon. Scheiße
„Ja hi.....nee, hab ich vergessen.....tut mir leid....ich weiß, ich weiß.....jetzt bleib aber mal locker! Du bist auch ganz schön verplant, ja.....ja, ist schon ok....Ich mach mich auf den Weg, bis gleich...ja, tschö...“
So ein gottverdammter FUCK!
Eine der Sachen, die ich immer wieder versuche zu verdrängen, holt mich ein. Ich muss jetzt arbeiten...ÄTZEND!
Nicht Arbeit generell, sondern DIESE Arbeit, unter diesen Umständen.
Mit jemandem zusammen arbeiten, der beginnt senil zu werden, ist kein Spaß! Er vergisst die Hälfte. Jedes Treffen beginnt immer wieder mit Wiederholungen. Als wäre ich ein blödes Erinnerungs-Tonband. Und da gibt es nur Sachen zu erledigen, die todöde sind. Immerhin habe ich jetzt einen Grund, vor die Tür zu gehen und auch mal einzukaufen. Allerdings hab ich da keinen Bock drauf. Der Straßenverkehr, die ganzen Leute im Laden. Ätzend. Vor allem muss ich mit denen reden. Ich will aber nicht reden. Jedes Gespräch geht mir auf die Nerven. Es versteht mich sowieso kaum jemand. Das lesen von Büchern und die Bemühungen um korrekte Sprachverwendung und Artikulation sind nicht mehr en vogue. Das merkt man auch. Dann noch in den dunklen Laden runter und Arbeiten.
Ich leg mich wieder ins Bett, nachdem ich mich bei diesen Gedanken widerwillig angezogen habe. Ich habe noch zehn Minuten. Aus den zehn Minuten werden zwanzig, ohne das ich das merke, weil ich weggedöst bin. Ich will zum einen überhaupt nicht und bin auch noch zu spät.
Ich mache mir furchtbare Gedanken übers zu spät kommen. Ich komme immer zu spät, zu allem und jedem. Ich versuche wirklich immer pünktlich zu kommen, schaffe das aber nie. Mir kommen zehn Minuten manchmal wie fünf vor. Was soll man denn da machen? Soll ich jetzt fortwährend auf die Uhr starren? Dann schaffe ich auch nix. Einen Wecker, der alle zehn Minuten klingelt? Nee! Das Ding würde ich nach spätestens einem Tag in die Tonne kloppen. Ich kann mit Zeit nun mal nicht umgehen. Wie soll ich das nur irgendwem erklären? Und wenn ich´s täte, würde es jemand verstehen oder überhaupt interessieren? Kein Mensch fragt danach. Die einzige Entschuldigung für zu spät kommen ist „höhere“ Gewalt. Also irgendein Unglück, Biblischen Ausmaßes.
Wenn die Probleme bei mir liegen, und für mich auch tatsächlich Probleme sind, mit denen ich mich schlecht fühle, und trotz des Versuches der Besserung, dann interessiert das keinen. Dann bin ich eben ein Idiot oder Trottel. Schlimmstenfalls, bekommt man noch schnöde Tipps. Als hätte man das alles nicht schon ausprobiert, was man so zu hören bekommt. Wenn man dann erwähnt, das es nicht funktionieren würde, erntet man beleidigte Blicke. Das könne ja gar nicht sein, man hätte nur etwas falsch verstanden. Nee, hat man nicht, man hat es schon ausprobiert und festgestellt, das nix was hilft. So kann es eben auch laufen. Manches mal beneide ich viele Menschen um ihre simple, beinahe primitive Einfachheit. Ich würde ja auch ein Schlaflabor aufsuchen, aber was wenn der Chef davon erfährt? Da kann ich auch gleich gehen. Abgesehen davon kann ich mir das eh nicht leisten.
So hetze ich mich mit dem Auto durch die Gegend und kann von Glück reden, wenn ich keinen Unfall baue. Ich fahre wie eine Drecksau und bin wirklich sehr gestresst. Ich verfluche alles und jeden. Meine Gedanken landen bei der Betrachtung des tieferen Sinnes von Amok, und in diesem Zusammenhang kann ich, in diesem Augenblick, tatsächlich einen gewissen Sinn dahinter finden. Ich glaube es könnte eine Art Bedürfnis sein, wie jedes andere auch. Wie Essen, Atmen, Schlafen und ausgewählte Gesellschaft. Warum auch nicht? Warum sollte man nicht einfach mal das Gefühl haben dürfen, alles einfach auszulöschen, weil man sich davon bedroht und beengt fühlt. Und das meine ich ernst! Bedroht und beengt! Sie bedrohen mich mit ihren Blicken und ihrem Verhalten mir gegenüber. Ich bin nun mal anders und wollte das auch immer sein. Das habe ich jetzt davon! Manchmal kommt man sich wie ein Vogelfreier vor. Als wäre man Freiwild. Die meisten Menschen können einfach nicht anders, als jedes bisschen Macht zu nutzen, und sei es nur um sich abzureagieren. Wer ist dafür besser geeignet, als ein geschwächtes menschliches Subjekt? Wie bei den blöden Hühnern wird rumgehackt. Tolle gebildete Zivilisation. Tolle Kultur und so weit entwickelt, vor allem geistig. Evolution? Fehlanzeige. Sieht alles nur hübsch aus.
Kaum kommt man mal in ein Gespräch, mit Hoffnung auf Tiefgang, stellt mein Gegenüber fest, das ich eigentlich relativ unkompliziert bin und durchaus zu inspirieren weiß. Nach so einem Gespräch wird man bestenfalls nicht mehr als Freiwild betrachtet. Komisch oder? Oft kommen mir Menschen so feindselig vor, das ich mich tatsächlich bedroht und beengt fühle. Mir kommt in solchen Momenten der Gedanke an einen Rugby-Spieler, der sich vollkommen wahnsinnig geworden, durch die gegnerischen Reihen kämpfen will. Meistens fällt es mir leicht, die Kontrolle über diese Art Wut zu behalten, aber manchmal drehe ich im Auto völlig durch. Das schlimmste daran ist der Wunsch, sie eigentlich gar nicht beherrschen zu wollen, sondern seine Wut fließen zu lassen. Im Auto geht das halbwegs. Ich schreie dabei infernalisch rum „Fahr schneller du bepisstes Aaaaaarrrschloooch!! Laahmaaarschige Dreeeeecksauuu!!!“ Also nichts besonderes, aber eben mit vollem Einsatz und dem Gefühl von Wahnsinn.
Es ist ein Wunder, das mein Lenkrad noch ganz ist.
Manchmal möchte ich nicht bremsen, sondern richtig auf´s Gas treten, um dem Arsch vor mir voll reinzufahren! Ich mache das natürlich nicht, aber mich hält nicht meine Moral davon ab es zu tun, sondern ausschließlich finanzielle Aspekte. Hätte ich mehr Geld, hätte ich das schon ein paar mal öfter gemacht. Meistens kriege ich es irgendwie kompensiert, brauche aber ne Weile dafür. Ich will dann mit niemandem reden. Ich werde dann sehr pampig und ungehalten. Das ist natürlich unfair, interessiert mich in solchen Momenten aber genauso wenig, wie andere mein Problem mit Zeit umzugehen. Tut mir leid.
Ich reagiere genervt, auf alles, was mir gesagt wird. Vor allem, wenn ich jemandem in so einer Stimmung auch noch was erklären muss und mein Gegenüber einfach nix rafft, oder nicht bei der Sache ist, dann werde ich beinahe ausfallend. Früher war das noch schlimmer. Da musste ich keine fünf Kilometer zur Arbeit fahren, sondern hunderte(!) Kilometer am Tag, bzw. täglich(!!!) über Jahre hinweg. AAAAAAAAHHHHHHHHH!!!!!
Blöderweise war es hier nicht möglich, sich gehen zu lassen. Den ganzen Tag habe ich den Kram in mich hineingefressen. Abends kam ich nach Hause und habe mich sehr weit weg gewünscht. Wie soll man denn damit auch umgehen?
Oft habe ich das Gefühl, Schwierigkeiten mit meiner Wahrnehmung zu haben. Werden diese Dinge von anderen denn nicht gesehen? Wenn ich von meinen Wahrnehmungen erzähle, leuchtet es ein. Nützt aber wieder nix. Ich habe nicht so viele Filter wie andere, oder mehr meinetwegen, wie auch immer. Ich brauche ziemlich lange, um die ganzen ungefilterten Eindrücke zu verarbeiten. Stunden und Tage bisweilen. Ich will dann einfach niemandem begegnen, mit niemandem verkehren. Einfach überhaupt keinerlei zwischenmenschliche Kontakte, gleich welcher Art. Das braucht seine Zeit, aber dafür bekommt man auch viel Offenheit und Einblicke, die andere vielleicht nicht so erleben.
Leider geht das nicht immer. Meistens muss ich mit meinem vollgestopften Geist mit irgendwem umgehen. Grässlich! Es fühlt sich an, als würde man in ein soziales Rollen-Korsett eingeschnürt. Als würde einem die Luft ausgehen, wie Ersticken fühlt sich das an. Ein Gefühl wie Platzangst. Man möchte raus, fliehen, weg, unter allen Umständen! Man braucht Raum, Platz, Luft und Leere.
Am liebsten würde ich alle von mir weg schubsen, die Vorstufe von dem Amokgefühl.
Und so quält man sich durch den Schlick sozialer Animositäten und dem Morast menschlicher Oberflächlichkeiten.
Ich frage mich manchmal, ob ich nicht zu kompliziert bin. Zumindest denke ich das manchmal, oder dachte es vielmehr. Eigentlich fühle ich das aber nicht so. Warum die meisten glauben, sie müssten mir drei Stunden was erklären, was ich schon längst weiß? Mache ich den Eindruck, völlig blöde zu sein? Hält man mich für blöd? Ich glaube manchmal schon. Ich stelle nun mal viele Fragen. Was die Leute gar nicht merken, ist, das ich mit meinen Fragen immer auch etwas auslöse, Dinge, die vielleicht auch unangenehm sind. Vielerlei Unwissen hat sich so schon offenbart. Aber meistens scheitern Gespräche daran, das meine Partner nicht wünschen, sich in Tiefgründigkeit zu „verlieren“. Smalltalk ist für den Einstieg, keine generelle Gesprächsgrundlage. Viele verstehen das nicht. Man fängt an übers Wetter zu reden, um später über etwas ganz anderes zu reden. Natürlich bin ich ein Klugscheißer, aber das stört mich nicht. Wenn ich im Unrecht bin, dann sehe ich das schon ein irgendwann. Ich provoziere gerne, nach Möglichkeit Charmant. Unglaublich, wie viele damit ein Problem haben und sich tatsächlich beleidigt fühlen. Auf einmal fühlen sie sich in die Ecke gedrängt, von einem Klugscheißer, den sie für blöde gehalten haben. Dieses Gefühl, für blöde gehalten zu werden, erscheint einem irgendwann als wahr und man fängt tatsächlich an sich blöde zu benehmen, ohne wirklich zu wissen warum. Es ist wie eine selbsterfüllende Prophezeiung
Man beginnt totalen Unsinn zu reden, stottert und fuchtelt dämlich mit den Händen herum. Innerhalb kürzester Zeit merkt man, wie das Gegenüber abschaltet und gereizt, bzw. genervt scheint. Man versucht das Gespräch wieder in Gang zu bringen. Währenddessen fragt man sich, wie man mal wieder in so eine dämliche Situation gelangen konnte. Man versteht einfach nichts mehr, hat einfach den faden verloren. Resignierend stellt man fest, das man wieder mal nicht verstanden wird, diesmal allerdings nicht ganz grundlos, was man allerdings trotzdem nicht versteht. Verzweifelt sucht man nach Worten, die die Situation retten könnten, doch man spürt es ganz deutlich, die Sache ist gelaufen. Hier ist nichts mehr zu holen, das Gespräch ist gestorben. Das fühlt sich an, als ob auf einmal die Telephonleitung abgerissen wäre. Als würde man urplötzlich vor einem Wildfremden Menschen stehen, den man noch nie gesehen hat. Ein Gefühl der Ablehnung, Abneigung strömt einem entgegen.
Das Gespräch haben wir ja beide angefangen. Meinem Gegenüber ist die Enttäuschung des Gesprächsverlaufes mehr als deutlich anzusehen. Man meint sogar dessen Gedanken hören zu können: „Keine Ahnung, was du Vollidiot hier wieder für nen Müll verzapfst! Spinner!“, usw....
Was kann ich denn dafür, wenn die Pfeife zu wenig Grips hat, um meinen Ausführungen zu folgen? Natürlich ist das gemein, aber solche Gedanken kommen mir dann schon. Damit einher geht auch, schlimmstenfalls, das Gefühl der Ablehnung meinerseits. Wir werden also nicht mehr lange versuchen miteinander zu sprechen. Das ist leider nicht so wie beim Flirten, wo man merkt, ob man sich anziehend findet und nur aus Verlegenheit keine Worte findet. Eine solche Situation ist easy, die andere nicht. Man schafft es nun auch kaum, sich zu lösen, aus Furcht unhöflich oder sogar beleidigend zu sein, sollte das bis hierher noch nicht geschehen sein. Das schweigen drückt sehr. Was tun?
Ich sage etwas und versuche dieses Etwas mit einem Abschied zu verbinden, oder einer Verpflichtung, welche einen Ortswechsel verlangt. Ich bekomme eine düpierte Antwort, die neutral klingen wollte, es aber nicht geschafft hat. Wir werden in Zukunft wohl nicht mehr so oft reden. Eigentlich schade, aber so sieht es eben aus.
Jetzt ist man vollends so verunsichert, das man sich wirklich wie ein Blödian benimmt.
Wer will schon gerne ein Blödmann sein?
Ich kann aber auch nicht verhindern, das mir andauernd Sachen passieren, die andere, die mir nicht zwangsläufig egal sind, denken lassen, ich wäre einer. Zu Hause einschließen für immer wäre eine Maßnahme. Aber ich kann doch nicht immer die Klappe halten oder?
Doch!
Und das mache ich auch schon eine ganze Weile. Ich höre erst mal zu, bevor ich zu erzählen anfange. Oft brauch ich dann gar nix sagen, was bisweilen sehr praktisch sein kann. Eigentlich geht mir das auf den Keks, aber was soll man denn machen? Kaum das ich meinen Mund aufmache, ernte ich fragende Blicke. Irgendwie habe ich Probleme mit Smalltalk.
Mich interessiert das aktuelle Popkulturelle Geschehen überhaupt nicht. Ich habe keinen Fernseher und bin nicht unglücklich darüber. Manchmal gucke ich mir einen Scheissfilm nur deshalb an um überhaupt noch bei irgendwas Unverfänglichem mitsprechen zu können. Es ist nicht so, das in der Glotze nur Bullshit laufen würde, doch um ausgewählt Fernzusehen müsste ich mich mit dem Programm beschäftigen und für all das ist mir meine Zeit zu schade. Ich könnte über vieles reden, nur nicht über all das, was die meisten Menschen interessiert.
