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Dreimal war ich gewarnt worden. Dreimal von Personen, die sich nicht kannten. Dreimal in einer völlig unterschiedlichen Situation. Was sie mir sagten, war immer das Gleiche: Mein Name steht auf einer Liste der Securitate, der gefürchteten Geheimpolizei Rumäniens. Ich war gewarnt. Ich wusste, ich würde abgeholt werden, und nun saß ich im Verhörraum der Securitate. Im Keller die berüchtigten Folterkammern. Vor mir der Verhörspezialist. Ich musste ruhig bleiben und mir jedes Wort, das ich sagte, genau überlegen. Stunde um Stunde verging. Am Fenster draußen stand ein großer Baum, auf einem Ast, ganz nah an der Fensterscheibe saß ein Dompfaff mit seiner roten Brust. Mir wurden immer mehr Fragen gestellt. Die ganze Zeit saß der Dompfaff unbeweglich auf dem Ast und sah in den Raum. Soll man da nicht an etwas Übersinnliches und an eine Seele glauben, die auf einen aufpasste? Ich glaubte daran. Angela Hoffmann erzählt die Geschichte von Magdalena in Siebenbürgen, Rumänien, die Zeit vor und nach dem II. Weltkrieg und die Jahre danach, eine Zeit, geprägt von Aushebungen, Terror, der Angst, frei zu sprechen, da überall Spitzel des Regimes sein konnten und selbst der Besitz einer Schreibmaschine einem gefährlich werden konnte. Unvorstellbare Ereignisse und Drangsalierungen stehen dem unbändigen Freiheitswillen einer Frau gegenüber, die niemals aufgibt ...
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Seitenzahl: 200
Veröffentlichungsjahr: 2025
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Für meinen Ehemann Klaus
Dieser Roman wurde von historischen Ereignissen inspiriert. Namen und bestimmte persönliche Vorkommnisse in der Privatsphäre, die Zeitzeugenberichte betreffen, wurden geändert. Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen wären daher rein zufällig. Bestimmte Schreibweisen der damaligen Zeit wurden beibehalten.
Vorwort
Eine gefährliche Situation
Erstes Kapitel
Die Gesellschaft unter dem Nussbaum oder Wie es einmal war
Zweites Kapitel
Die Hochzeit
Drittes Kapitel
Das Honterusfest
Viertes Kapitel
Die Reise nach Wien, München und Budapest
Fünftes Kapitel
Der Umsturz und der Krieg
Sechstes Kapitel
Das Gefangenenlager und die Aushebung
Siebtes Kapitel
Die Goldmünzen
Achtes Kapitel
Die Schreibmaschine, das Kaderbüro und weitere Goldmünzen
Neuntes Kapitel
Der Dompfaff
Zehntes Kapitel
Das Hufeisen
Elftes Kapitel
Die Freiheit
Zwölftes Kapitel
Wie es weiter ging
Über die Autorin
Eine gefährliche Situation
Dreimal war ich gewarnt worden. Dreimal von Personen, die sich nicht kannten. Dreimal in einer völlig unterschiedlichen Situation. Was sie mir sagten, war immer das Gleiche:
Mein Name steht auf einer Liste der Securitate, der gefürchteten Geheimpolizei Rumäniens.
Ich war gewarnt. Ich wusste, ich würde abgeholt werden, und nun saß ich im Verhörraum der Securitate. Im Keller die berüchtigten Folterkammern. Vor mir der Verhörspezialist. Ich musste ruhig bleiben und mir jedes Wort, das ich sagte, genau überlegen. Stunde um Stunde verging. Am Fenster draußen stand ein großer Baum, auf einem Ast, ganz nah an der Fensterscheibe saß ein Dompfaff mit seiner roten Brust. Mir wurden immer mehr Fragen gestellt.
Die ganze Zeit saß der Dompfaff unbeweglich auf dem Ast und sah in den Raum. Soll man da nicht an etwas Übersinnliches und an eine Seele glauben, die auf einen aufpasste? Ich glaubte daran.
Die Gesellschaft unter dem Nussbaum oder Wie es einmal war
Wenn meine Eltern mir von ihrem Leben berichteten, dann erzählten sie immer besonders viel von den ersten Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts. In diesen Jahren war es meinen Eltern gut gegangen. Die Unmoralität spielte sich im Verborgenen ab, und besonders in Österreich-Ungarn gab es festgefügte gesellschaftliche Strukturen. Die Militärangehörigen hatten viele Privilegien. In jeder Garnison hatte das Militär eigene Casinos, in den feudalsten Badeorten sogar eigene Hotels. Selbst Kleinstädte hatten eine Redoute, es gab Theateraufführungen, Bälle und ein ausgeprägtes gesellschaftliches Leben. Wer dazu gehörte, war Jemand.
Meine Großmutter, die einem alten deutsch- ungarischen Adelsgeschlecht entstammte, hatte drei Töchter. Zwei Söhne waren gestorben, einer schon als Kleinkind, der zweite mit 21 Jahren an Tuberkulose. Die drei Töchter wurden wie es damals in diesen Familien üblich war, erzogen. Sie kamen zuerst in eine Klosterschule und dann in ein Internat. Mit den Töchtern und einer Mamsell besuchte meine Großmutter jedes Jahr mindestens einmal einen beliebten Badeort oder reiste nach Italien. In den Hotels, die dem K. u. K. Offizierscorps gehörten, konnte man, wenn man zum Militär gehörte, sehr preiswert übernachten, teils sogar kostenlos. Später staunte ich, wo meine Mutter, eine der drei Töchter, schon überall gewesen war. Und das zu einer Zeit als es keine Autos gab und die Eisenbahn erst knapp ein paar Jahrzehnte alt war. Meine Großmutter reiste mit ihren drei Töchtern nach Wien, Budapest, Ischl und Venedig. Sie war damals bereits Witwe. In den riesengroßen Koffern, die mit auf die Reise genommen wurden, befanden sich die Roben, die vor jedem Ausgang von der Mamsell gebügelt und hergerichtet werden mussten. Die damaligen Kleider und Hüte waren sehr voluminös. Damals gab es noch keinen knitterfreien Stoff. Alle drei Töchter heirateten Offiziere und mussten eine Kaution mitbringen. Man hatte einen Offiziersburschen, ein Dienstmädchen und meist auch eine Köchin, obwohl das Einkommen der Offiziere dafür meistens nicht reichte. Daher mussten die Ehefrauen ein beträchtliches Vermögen mit in die Ehe bringen, um den Lebensstandard der Familie abzusichern, was dazu führte, dass sie natürlich sehr selbstbewusst waren. Ihr Leben war für die damalige Zeit schön und luxuriös, vor allem mussten sie sich keine existenziellen Sorgen machen. Aber das änderte sich später.
Das rumänische Militär hatte damals keinen besonders guten Ruf. Es ging um Korruption. Die einfachen Soldaten gingen oft barfuß in zerfetzten Uniformen oder in Opanken, eine aus Autoreifen zusammengeschnürte Fußbekleidung. Es waren ganz arme Bauernsöhne, die sich vom Militärdienst nicht mit einem Pferd freikaufen konnten. Die Kasernen waren dreckig, das Essen miserabel. Oft starb so ein armer Soldat an Unterernährung. Dann ging ein elender Leichenwagen die Langgasse hinunter zum Gesprengberg. Vorne ein Soldat mit einer Trompete, mit der er eine Melodie spielte, die mir heute noch in den Ohren klingt. Hinter dem Leichenwagen ging ein armes Bauernpaar, auch in Opanken, die vielleicht oder wahrscheinlich ihre letzten Groschen zusammengekratzt hatten, um ihren Sohn auf dem letzten Weg zu begleiten. Der Friedhof hinter dem Gesprengberg war nur für die Ärmsten der Armen. Er war nicht eingezäunt und es standen nur einfache Holzkreuze dort. Er war verwildert und ungepflegt. Selten sah man ein Wiesenblumensträußchen an ein Kreuz gebunden.
Es war damals ein offenes Geheimnis, dass es Korruption gab und dass das Geld für die Ernährung der Soldaten unterschlagen wurde. Alle Eltern mussten ihren Söhnen, die den Wehrdienst ableisten mussten, Lebensmittel schicken. Selbst von diesen Lebensmitteln, wenn Speck oder Schinken dabei war, gaben die Armen mehr oder weniger freiwillig ihren Offizieren etwas ab. Die Offiziere hingegen kleideten sich nach französischer Mode und gingen zur Maniküre. Man puderte sich damals sogar das Gesicht. Dass man sich in der Sonne bräunte, entsprach nicht dem damaligen Schönheitsideal.
Nach dem ersten Weltkrieg wurde die Welt meiner Eltern vollkommen zerstört. Mein Vater zog als Hauptmann in den Krieg und kam äußerlich unverwundet zurück. Was der furchtbare Krieg aber in ihm angerichtet hatte, konnte ich nur erahnen. Er sprach niemals darüber. Nach dem Krieg gab es in Rumänien am Anfang der Besetzung Hausdurchsuchungen und Beschlagnahmungen bei Ungarn und bei Deutschen. Es gab für diese Dinge kein Gesetz oder Kriegsrecht. Man enteignete den dort lebenden Deutschen und Ungarn, was nur möglich war. Selbst altverbriefte Rechte wurden nicht geachtet. Einmal wurde mit dem Bajonett in die Matratze im Kinderbett gestochen, in dem ich als Baby lag. Man nahm meinem Vater seine geliebten fünf Pferde weg, was er nie richtig überwunden hat. Auf seinem Schreibtisch lag ein Hufeisen bis 1944 die sowjetischen Soldaten kamen und Rumänen wie Sowjets wiederholten, was sich 1918 schon einmal abgespielt hatte.
Dieses Hufeisen sollte später noch eine Rolle spielen.
Mein Vater versuchte sich als Reitlehrer, aber das konnte die Familie nicht ernähren. Dann versuchte er es als Fechtlehrer, aber auch da reichte das Einkommen nicht. Schließlich besuchte er einen Handelskurs und arbeitete in der Buchhaltung.
Nach Kriegsende forderte man die ehemaligen K. u. K. Offiziere auf, in das rumänische Heer überzutreten. Einige entschlossen sich dazu und machten dort unglaubliche Karrieren. Mein Vater lehnte es ab. Er konnte es nicht mit seiner Ehre vereinbaren. Für ihn war es wie Verrat. Damit begann für ihn und uns ein Leben in Unsicherheit und es gab immer wieder Streit zwischen meinen Eltern. Er wollte nicht für Rumänien optieren, daher verweigerte man ihm die Staatsbürgerschaft. Da die Regierungen oft wechselten, befanden wir uns immer in einer unsicheren Situation. Mal erhielt mein Vater seine Majorspension, mal wurde sie gekürzt, dann wieder wurde sogar erklärt, er hätte sie zu Unrecht erhalten und müsste sie zurückzahlen.
Als ich fünf oder sechs Jahre alt war, kamen drei Herren mit Aktentaschen in unser Haus. Meine Mutter empfing sie im Wohnzimmer und sie eröffneten ihr, dass laut einem Dekret wegen unrechtmäßigen Bezugs der Pension das Haus enteignet worden sei. Es würde ein Kindergarten daraus gemacht werden. Wir müssten binnen 48 Stunden das Haus räumen und würden nach Ungarn ausgewiesen und über die Grenze geschafft. Die Wohnung müsste geräumt werden.
Ich sah, wie meine Mutter im Stuhl nach hinten kippte, blass wurde, die Arme schlaff hinunter hingen und ich begann zu schreien: “Sie haben die Mama umgebracht, sie haben die Mama umgebracht!“ So lief ich durchs Haus, so dass die Mieter zusammenliefen, voraus die beherzte Frau Dirk aus einer Apothekerfamilie, die mit ihrer Familie im Stockwerk über uns wohnte. Als Frau Dirk kam, waren die drei Herren schon verschwunden. Auf dem Tisch lag die Anordnung mit der gerichtlichen Drohung. Mein Vater wurde nach Hause gerufen und es begann eine Aufregung und Hektik ohnegleichen. Man lief von Pontius zu Pilatus, zu Rechtsanwälten, einflussreichen Bekannten, zu Behörden, zwischendurch wurde ohne System und ohne Sinn gepackt. Es war das reinste Chaos. Um den ganzen Haushalt mitnehmen zu können, hätte man zwei Zugwaggons gebraucht, aber in 48 Stunden waren die nicht zu beschaffen. Fünf Minuten vor 12 kam Hilfe und die ganze Aktion wurde gestoppt. Ich saß auf Koffern und Kisten mit meiner Mutter auf dem Bahnhof. Meine Mutter weinte ununterbrochen. Mein Vater sollte nachkommen. Plötzlich brachte man meiner Mutter ein Schreiben. Sie schrie auf: „Wir können zurück, wir können zurück!“ Mein Vater hatte die Aktion stoppen können, aber damit war die Sache noch lange nicht beendet. Es begann ein viele Jahre dauernder Kampf, der ungeheure Summen verschlang. Meine Eltern fielen immer wieder auf Menschen herein, die sie mit Versprechungen hinhielten, darunter Hochstapler und falsche Freunde, die behaupteten, dass sie über gute Beziehungen bei der jeweiligen Regierung verfügten.
Ein hoher Offizier, den mein Vater noch von früher kannte, der jetzt bei der rumänischen Armee war, hätte sicher helfen können, aber er lehnte es rundweg ab. Teilweise war es ein groteskes Spiel, das in dieser Zeit mit meinen Eltern gespielt wurde. Man zog ihnen mit leeren Versprechungen das Geld aus der Tasche. Auch einige Politiker beteiligten sich daran und machten Versprechungen, unternahmen aber nichts. Zurückdenkend habe ich das Gefühl, dass meine Eltern ein besonderes Talent hatten, an solche Leute zu geraten und sich ausnehmen zu lassen.
Mein Vater war im Gegensatz zu meiner Mutter ein sehr friedfertiger Mensch, der Unannehmlichkeiten und Streit aus dem Weg ging. Meine Mutter warf ihm öfter vor, wenn er nicht das machte, was sie wollte, dass er nichts in die Ehe eingebracht hatte. Das Haus, in dem Wohnungen vermietet waren, gehörte ihr.
In den dreißiger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts begann sich die Wirtschaft und das Leben in Mitteleuropa wieder ein wenig zu stabilisieren. Vieles war vollkommen zerstört worden, aber man versuchte, wieder einen gewissen Lebensstandard zu erringen. Das waren die wenigen Jahre meiner Jugend, in denen man nach Bildung strebte, die deutschen Schulen in Siebenbürgen angesehen waren und die kulturellen Veranstaltungen ein hohes Niveau hatten. Siebenbürgen, das von den Siegermächten des ersten Weltkrieges von Österreich-Ungarn losgelöst worden war, wurde an Rumänien, das damals noch ein echter Balkanstaat war, angeschlossen.
Wir lebten in Siebenbürgen, so auch in meiner Geburtsstadt Kronstadt mit den orthodoxen Rumänen, den Ungarn, Juden und Armeniern friedlich zusammen. Es spielte keine Rolle, welchen Glauben man hatte. Bei den Einen wie den Anderen gab es Vereine, Schulen und Feste, die offiziell gefeiert wurden. Jedes Glaubensbekenntnis hatte sein Gotteshaus, Kirche oder Synagoge. Feindseligkeiten gab es höchstens, wenn Wahlen anstanden, da gab es schon mal Prügeleien, aber nur zwischen den Parteianhängern, nicht zwischen Nationalitäten.
Die Predigten vom evangelischen Stadtpfarrer und späteren Bischof Glondys waren hervorragend und immer, wenn er predigte, war die Schwarze Kirche voll besetzt.
Auch Menschen anderer Konfessionen, Juden und Katholiken, hörten ihn predigen. Und auch meine Mutter ließ sich keine Predigt von Dr. Glondys entgehen.
Die deutschen Kirchen, Schulen und andere große Gebäude, die den Siebenbürger Sachsen verblieben waren, wurden immer sehr gepflegt und in Stand gehalten. Dazu gehörte die „Redoute“, ein großer Saal, in dem ein schönes Theater war. Dort fanden im Winter auch sämtliche Bälle statt.
Die Schule, in die ich ging, war protestantisch. Da ich katholisch war, mussten meine Eltern sehr viel Schulgeld zahlen. Ansonsten hätte ich in die rumänische Staatsschule oder ins ungarische Kloster gehen müssen.
Die deutschen Schulen waren sehr begehrt, durften aber pro Klasse und Schuljahr nur drei bis vier fremde Kinder mit Sondergenehmigung aufnehmen. Warum dieser Drang in die deutsche Schule so groß war, ist mir nicht ganz klar, denn das Lernpensum war vom Kultusministerium vorgeschrieben und angeblich in allen Schulen gleich. Außerdem wurden von den rumänischen Behörden an unserer Schule mal die Anzahl der Schuljahre, mal die Anzahl der Klassen, mal die Anzahl der aufzunehmenden Schüler beschnitten. Ich war nur mit einer Sondergenehmigung aufgenommen worden.
Ich fragte mich oft, warum meine Eltern mich nicht in die rumänische Schule schickten. Beide konnten nicht Rumänisch, sie waren in der österreich-ungarischen Monarchie aufgewachsen und sie dachten, dass die Besetzung Siebenbürgens und des Banats nicht von Dauer sein konnte. Meine Mutter sprach und schrieb perfekt Deutsch und Ungarisch und lernte später noch Französisch. Mein Vater hatte absolut kein Talent für Sprachen und sprach nur Deutsch.
Natürlich lernten wir in der Schule auch Rumänisch, aber es blieb für uns eine Fremdsprache, wie Französisch oder Latein. Englisch hatten wir nicht. Schon mit 9 und 10 Jahren musste ich zu den Behörden gehen, weil ich mich schon in der Landessprache verständigen konnte. Überall bei Ämtern und Behörden hingen Tafeln mit: „Vorbiti Romaneste“ (Sprechen Sie rumänisch). Konnte man es nicht, wurde man schlecht oder gar nicht bedient. Kam aber so ein nettes, kleines Mädchen und gab sich auch noch Mühe, sich gut auszudrücken, ging alles bestens. Dies war in mancher Hinsicht eine gute Schule, denn es nahm mir für alle Zeiten die Angst vor Behörden.
Hätten mich meine Eltern in die rumänische Schule geschickt, hätte ich später ganz andere Berufschancen gehabt. Vor allem hatte unser Gymnasium damals nur fünf Klassen. Danach mussten wir eine Prüfung machen, die als kleines Abitur bezeichnet wurde, später aber nicht als solches anerkannt wurde. Wir bekamen zwar eine sehr gute Allgemeinbildung, aber zur Hochschulreife langte es nicht. Als ich die fünf Klassen Gymnasium beendet hatte, um Abitur machen zu können, aber dafür in eine Staatsschule oder nach Hermannstadt hätte gehen müssen, sperrten sich meine Eltern dagegen. Ich bat und bettelte, sie mögen mich doch nach Budapest oder Wien auf eine Kunstakademie oder Kunstgewerbeschule schicken. Aber darauf gingen sie nicht ein. Ich musste einen zweijährigen Handelskurs besuchen, danach lernte ich Hauswirtschaft und machte noch einen Schneiderkurs bei verschiedenen Saloninhaberinnen, was mir immer sehr von Nutzen war.
Meine Mutter sagte mir einmal: „Wenn Du nicht heiraten solltest, von dem Erbe kannst Du immer leben“. Sie hatte viele Ländereien von ihrer Mutter geerbt. Eines Tages war das ganze Erbe weg und wieder einmal bewahrheitete sich das Wort: „Alles kann man einem Menschen nehmen, aber das, was er gelernt hat, also das, was er im Kopf hat, kann einem niemand nehmen!“ In den zwanziger Jahren hatte meine Mutter während der Weltwirtschaftskrise und des Bankenkrachs den größten Teil ihres Vermögens verloren.
Es gab damals zwei Studentenverbindungen, die Handelsschüler waren die „Mercurianer“, die Hoterusschüler die „Honterianer“. Jede Verbindung hatte ihre eigene Couleur, die Mercurianer grün und die Honterianer blau, dazu den Flaus, eine schwarze Samtjacke, die mit Schnüren verziert war. Jede Verbindung hatte außerdem ihre eigene Musikkapelle. Wenn die jungen Männer zu unseren Volksfesten aufmarschierten, blieben alle Passanten am Straßenrand stehen und freuten sich über den schönen Anblick. Als Nazis später den Flaus verboten und ich unsere Studenten nur im weißen Hemd aufmarschieren sah, hatte ich das erste Mal Herzweh. Man hatte uns etwas genommen und es sollte unwiederbringlich sein.
Alle Veranstaltungen und besonders die Bälle im Winter waren ein besonderes Ereignis. Die beiden Coeten versuchten, sich gegenseitig zu übertrumpfen. Die Säle wurden geschmückt, die Eltern steuerten allerhand Sach- und Geldwerte bei. Hatte ein Student ein Mädchen, wurde sie persönlich eingeladen und von den Eltern freiverlangt, die aber auch mit eingeladen wurden. Der junge Mann kam mit einem Blumenstrauß und holte das Mädchen mit einem Schlitten oder dem Taxi ab. Besonders beim ersten Ball war es sehr aufregend.
Dann kam der Frauenvereinsball, zu dem man eine persönliche Einladung brauchte. Man bangte immer und fragte sich, kommt die Einladung oder kommt sie nicht. Da meine Eltern sehr viele ungarische Freunde und Bekannte hatten, wurden wir immer eingeladen. Besonders schön war es auch, wenn man ein Ständchen erhielt. Es war eine Huldigung an das Mädchen, das man verehrte. Natürlich wurde das Ständchen bei den Eltern angemeldet, das Tor an dem Abend nicht zugesperrt, und gerade als man sich ins Bett begeben wollte, begann der Studentenchor unter dem Fenster zu singen. Das Herz klopfte bis zum Hals und vor Überraschung stiegen einem die Tränen in die Augen. Meistens spendierte der Vater des Mädchens dem Chor etwas.
Bei den Bällen saßen die Eltern in den Logen auf den Emporen und feierten mit ihren Kindern mit. Ich hatte mich in einen jungen Mann verliebt und er machte mir den Hof. Michael war meine erste große Liebe. Wir liebten es, Walzer zu tanzen. Bei den Bällen gab es Zitronen- oder Orangenbowle, ein Getränk, in dem der Alkohol mit Sprudel verdünnt worden war und nicht gar so viel anrichten konnte. Allerdings gab es in den Nebenräumen die Möglichkeit, auch noch andere Getränke zu erstehen und es gab Väter, die uns mal ein Glas Sekt spendierten. Alle Veranstaltungen wurden mit Spendengeldern der Eltern finanziert.
Unsere Verwandtschaft war sehr groß. Einmal im Jahr, immer im Juli, feierten wir alle Geburtstage, Namenstage und sonstige Gedenktage bei uns im Garten. Unter den großen Nussbäumen wurde ein langer Tisch gedeckt. Das weiße Tischtuch war obligatorisch, ohne ein solches Tischtuch wurde damals kein Essen serviert. Unmengen von Speisen wurden vorbereitet und in der Gartenlaube deponiert. Jede Art von Getränken wurde herbeigeschleppt. Für die Getränke war allein mein Vater zuständig. Natürlich fehlten die auf dem Nussbaum aufgehängten Papierlampions nicht. Große Geschenke waren verboten und so bekamen nur wir Kinder Schachteln mit Datteln und Feigen oder kandierten Früchten.
Damals hatte jeder Haushalt, der etwas auf sich hielt, ein oder zwei dienstbare Geister. Meistens waren es ungarische Bauernmädchen, die für ein paar Jahre in die Stadt kamen, um sich die Aussteuer zu verdienen. Oft waren sie sehr mit uns verbunden und kamen noch später, wenn sie geheiratet hatten und Bäuerin waren, zu Besuch. Die Köchin meiner Großmutter, die einen Arbeiter geheiratet hatte und in der Stadt geblieben war, kam mindestens zweimal in der Woche und half im Garten und beim Silberputzen. Sie kannte unsere ganze Familiengeschichte, weil sie alles mitbekam und bis zu ihrem Tod Freud und Leid miterlebt hatte. Ihr Mann war Arbeiter in einer Tuchfabrik und außerdem gelernter Gärtner. Er pflegte nebenher die Gärten der Direktoren. Damals gab es für Arbeiter noch keine Altersversorgung und als der arme Mann schon mit 50 Jahren schwer an Rheuma und Gicht litt und selbst den Weg in die Fabrik nicht mehr schaffte, ging ich zu den Direktoren der großen Tuchfabrik und bat sie, dem armen Mann doch monatlich etwas Geld zu geben. Schließlich hatte er doch sein ganzes Leben und seine Gesundheit dem Betrieb und den Direktoren geopfert. Zuerst wurde ich zuständigkeitshalber von einem der Herrn zum anderen geschickt, wie eine Bettlerin behandelt und von allen abgewiesen. Dies wurde später meine Erklärung für den Kommunismus, denn dass der Mann keine Unterstützung erhielt, war in meinen Augen ungerecht. Nur, dass der Kommunismus, den ich dann erleben musste, für die Arbeiterklasse fast genau so wenig tat wie der sogenannte Kapitalismus. Meine Mutter unterstützte das Ehepaar mit Geld und mit Obst und Gemüse aus dem Garten.
Ähnlich war es mit dem Offiziersburschen meines Vaters. Der Mann war von einer unbeschreiblichen Treue zu uns. Nach dem Krieg hatte mein Vater ihm eine Stelle als Geschäftsdiener in einem Geschäft eines Freundes verschafft, wo er bis Ende des zweiten Weltkrieges blieb. Aber es verging keine Woche, ohne dass Radu ins Haus kam und frug, ob er irgendwo helfen könne. An den Gartenzäunen war immer etwas zu reparieren, wurde im oder am Haus etwas renoviert, der Radu kam und half. Als wir klein waren, brachte er uns feinen Sand zum Burgenbauen und Kisten und Schachteln aus dem Geschäft, die sich zum Spielen eigneten.
Die Dienstmädchen, die bei den wohlhabenden Familien in Rumänien arbeiteten, stammten oft aus Ungarn. Sie kamen meistens in die Stadt, um sich die Aussteuer zu verdienen, oft auch, um mit ihrem Lohn die Eltern zu unterstützen. Sie blieben selten länger als drei bis vier Jahre. Meistens wurden sie miserabel behandelt. Wenn ich heute zurückdenke, dass sie noch Kinder von 15 oder 16 Jahren waren und dass sie 14 bis 15 Stunden am Tag arbeiten mussten, dann weiß ich, warum der Kommunismus kam und die Gewerkschaften kommen mussten. Bei uns wurden sie gut behandelt. Sie bekamen wie unser gesamtes Personal das gleiche Essen wie wir, was nicht selbstverständlich war. In anderen Familien wurde für das Personal separat gekocht und sie erhielten nicht so hochwertiges Essen wie die Herrschaft. Bei meiner Mutter mussten sie auch im Garten arbeiten. Das war nicht sehr beliebt, denn sie waren ja gerade von der Arbeit auf dem Feld bei ihnen zu Hause in die Stadt gekommen. Aber die Gartenarbeit war nur ein Teil der Arbeit. Das andere betraf Hausarbeit, Kochen, Waschen und Hygiene. Meine Mutter versuchte, ihnen alles zu vermitteln, was ihnen später, wenn sie geheiratet hatten, nutzen würde.
In der Nähe unseres Hauses befand sich ein Bäcker, der sehr gutes Brot und Semmel hatte, aber die meisten Hausfrauen machten damals den Teig für das Brot selbst. Der Teig wurde zum Bäcker gebracht und dort im Backofen gebacken. Hinterher wurde die äußere Rinde mit einem stumpfen Messer abgeschlagen und an die Schweine verfüttert. Die Kruste dieses Brotes war goldgelb und schmeckte herrlich.
Kronstadt hatte zwei Synagogen, die in der Burggasse gehörte den orthodoxen Juden, die in der Waisengasse den weltlicheren Juden, mit denen wir öfter in Verbindung waren. Es waren sehr gebildete und vornehme Familien. Man verkehrte mit ihnen wie mit jedem anderen auch. Was man im Textilgeschäft des Herrn Sander nicht fand, versuchte man beim Berbecaru, beim Herrn Schütz oder beim Czink und Verzar zu erhalten. Kein Mensch frug nach der Nationalität oder dem Glaubensbekenntnis. Wir lebten alle friedlich zusammen.
Mein Vater war mit Herrn Dirk, dessen Kompagnons, einigen angesehenen Kaufleuten und Fabrikanten in einem Kegelklub. Uns Kindern machte es großen Spaß nach einem Kinobesuch oder einer Tanzstunde unsere Väter im Kegelklub heimzusuchen, weil wir dann von ihnen mit Süßigkeiten verwöhnt wurden und auch mitspielen durften. Es ging dort immer unbeschwert und fröhlich zu. Der zweite Lieblingsort meines Vaters war das Café Central in der Klostergasse vis à vis von der Kornzeile, dem Nachmittagskorso der Studenten. Das Café Central war ein ungemein gemütlicher Ort, ein Relikt aus der K.-u.-K.-Zeit. Für einen kleinen Kaffee (türkisch, Kapuziner usw.) konnte man stundenlang dort sitzen und sämtliche Zeitungen und Zeitschriften aus Deutschland und Österreich, sowie die Modejournale aus Frankreich lesen und durchblättern.
Im hinteren Raum konnte man Schach, Tarock und Preference spielen. Dort saß oft mein Vater und wenn ich später dann als junge Frau in der Stadt war, guckte ich immer hinein und setzte mich neben ihn. Ab 20:00 Uhr begann eine Kapelle zu spielen und wenn sich auch Freunde und Bekannte einfanden, blieben wir oft länger und es wurde getanzt. Nach einem Theater- oder Konzertbesuch und nach jedem Ball bekam man hier eine herrliche Korhelyleves, das ist eine Katersuppe aus Krautsuppe und geräuchertem Fleisch.
Wir haben viele fröhliche Stunden dort verbracht. Mit den Jahren wurde dieses Caféhaus meines Vaters zweites Zuhause, denn meine Mutter stritt immer mehr mit ihm. Die Atmosphäre in unserem Haus war oft so unerträglich, dass ich, noch keine zehn Jahre alt, mir den Tod wünschte.
Weihnachten eskalierte der Streit zwischen meinen Eltern jedes Jahr mehr. Ich begann mich vor dem Fest immer mehr zu fürchten. Spätestens bei den Vorbereitungen zum Fest brach meine Mutter einen Streit vom Zaun. Dann gingen meine Eltern sich aus dem Weg. Jeder legte seine Geschenke unter den Baum und zog sich schnell zurück. Irgendeiner zündete die Kerzen an und dann stand ich allein da. Oft haben Freunde und Verwandte und auch ich versucht, sie zu versöhnen. Manchmal gelang es, aber immer nur für kurze Zeit. Mein Vater war immer versöhnungsbereit, aber er konnte es ihr nie rechtmachen. Ich habe nie erlebt, dass sie sich für ein Geschenk bedankte. Immer wurde es erst kritisiert.
Es war die Zeit, als die Elektrifizierung begann und die Häuser an das Stromnetz angeschlossen wurden. Ich erinnere mich noch an die Petroleumlampen, die wir vorher hatten, an das Schneiden der Dochte, an die verrußten Lampengläser und die schönen Lampenschirme.
