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Roman zum großen ARD-Film »Winterwalzer«
Martha und Albert Gottwald waren ein Traumpaar. Sterne am Turniertänzerhimmel. Der langsame Walzer war ihr Tanz. Doch seit Marthas Tod fühlt sich Alberts Leben eher wie ein trauriger Finnischer Tango an. In seiner Verzweiflung bittet er Gott, an den er eigentlich gar nicht glaubt, um ein Zeichen. Dieses könnte eindeutiger nicht ausfallen. Sicher wäre es Albert gelungen, seinem Leben ein Ende zu setzen, hätte nicht seine Tochter Ina einen Komplott zu seiner Rettung geschmiedet: Sie schleust die Psychiaterin Hanne Hanken, in einen Anfänger- Tanzkurs, den ihr Vater leitet. So soll dieser unbemerkt therapiert werden. Dumm nur, dass Hanne hoffnungslos unbegabt ist, was das Tanzen betrifft.
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Seitenzahl: 411
Veröffentlichungsjahr: 2021
Buch
Martha und Albert Gottwald waren ein Traumpaar. Sterne am Turniertänzerhimmel. Der langsame Walzer war ihr Tanz. Seit Marthas Tod fühlt sich Alberts Leben allerdings nicht mehr nach Walzer an, eher wie ein verdammter Finnischer Tango. In seiner Verzweiflung bittet er Gott, an den er eigentlich gar nicht glaubt, um ein Zeichen. Dieses könnte eindeutiger nicht ausfallen. Sicher wäre es Albert gelungen seinem Leben ein Ende zu setzen, hätte nicht seine Tochter Ina ein Komplott zu seiner Rettung geschmiedet. Zu diesem Zweck schleust sie die Psychiaterin Hanne Hanken in den Anfänger-Tanzkurs fünfzig plus »Die Herbstrosen«, den ihr Vater leitet. So soll dieser unbemerkt therapiert werden, denn Ina weiß, dass ihr Vater nie im Leben freiwillig zu einem Seelenklempner gehen würde. Dumm nur, dass Hanne hoffnungslos unbegabt ist, was das Tanzen betrifft.
Autorin
Edda Leesch wurde in Bayern geboren, wuchs in Mecklenburg-Vorpommern auf, absolvierte eine Ausbildung zur Maskenbildnerin und studierte dann an der Hochschule für Schauspielkunst »Ernst Busch« und an der Hochschule für Musik und Theater in Hannover. Seither hatte sie Engagements an verschiedenen Theatern und war im TV und Kino zu sehen. Seit mehreren Jahren ist sie vor allem als Drehbuchautorin aktiv. »Der Donnerstagsmann« ist ihr erster Roman.
Edda Leesch
Der Donnerstagsmann
Roman
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»Tanz ist ein Telegramm an die Erde mit der Bitte um Aufhebung der Schwerkraft.«
Fred Astaire
Für Ilse, meine Mutter
Der Finnische Tango
Als der Tango 1913 nach Finnland kam, wurden die Finnen von den Russen unterdrückt. Der Tanz offenbarte, worüber zu sprechen unmöglich war. Er wird meistens in Moll gespielt. Die Texte handeln stets von unglücklicher oder verloren gegangener Liebe.
Der Tag, an dem Albert Gottwald beschloss, sich ins Jenseits zu befördern, war kein besonderer. Er war der letzte in einer langen Reihe von Tagen, die nach immer demselben Schema abgelaufen waren, bevor sie in einem Meer aus Leere und Bedeutungslosigkeit versanken. In den Nächten wurde er von dunklen Träumen gequält, aus denen das Erwachen keine Erleichterung brachte.
Es war November. Die Welt vor dem Schlafzimmerfenster war matschig und grau wie überreife Pilze auf der Unterseite. Der Wind heulte und riss die letzten Blätter von den Ästen der Robinie im Garten.
»Verdammter Finnischer Tango«, stöhnte Albert und zog sich die Decke über den Kopf. Bis vor ein paar Jahren hatte er es geliebt früh aufzustehen, noch bevor die Stadt erwachte. Jetzt überlegte er, ob er nicht einfach liegen bleiben sollte. Niemandem würde auffallen, wenn er im Bett blieb. Ina kam erst nach 19 Uhr, würde also nichts merken. Marthas Duft wehte zu ihm herüber. Ihre Seite des Bettes war seit 1278 Tagen leer. Dennoch bezog er das Bettzeug jeden zweiten Samstag und sprühte Marthas Parfüm auf das Kissen.
Nein, er konnte nicht liegen bleiben. Das ging einfach nicht. Keine Krankheit, kein Fieber, nicht einmal die Flitterwochen hatten das geschafft. Sobald es hell wurde, musste er aufstehen. Tagsüber liegen zu bleiben fühlte sich für Albert so falsch an, wie … Autofahren in England.
Ächzend hievte er sich hoch und ging den Tag theoretisch durch. Freitag also. Nach der Morgentoilette würde er sich gewissenhaft kleiden. Er war immer gut angezogen. Es gab keinen Grund, damit aufzuhören. Anschließend würde er runtergehen in die Küche. Punkt 7 Uhr würde der Kaffee durch die Maschine blubbern und tröstlichen Duft im Haus verbreiten. Er würde Futter ins Vogelhäuschen streuen und nicht vergessen Wasser in der Tränke zu wechseln. Genau wie Martha es immer gemacht hatte.
Zum Frühstück würde er sich vor das Fenster zum Garten setzen und den Vögeln zusehen. Er würde keinen Appetit haben. In letzter Zeit schmeckte alles nach Seife, und beim Schlucken musste er neuerdings immer an die Gänse denken, die seine Mutter früher um diese Jahreszeit gestopft hatte, damit sie zu Weihnachten fett waren. Dennoch würde er sich zwingen zu essen, denn das hatte er Ina versprochen, und er hielt grundsätzlich, was er versprach.
Das Rotkehlchen würde als Erstes da sein. Albert mochte den kleinen Vogel mit den großen schwarzen Augen. Er weckte ihn bei Sonnenaufgang mit perlend langstrophigem Gesang. Überdies war er außerordentlich zutraulich. Sobald Albert in den Garten ging, hüpfte er unerschrocken um seine Füße, mitunter so nah, dass er befürchten musste draufzutreten. An einem sonnigen Morgen im April hatte Albert seine Jacke an die Schuppentür gehängt. Als er sie gegen Mittag abnehmen wollte, sah er sich vor vollendeten Tatsachen: Das Rotkehlchen hatte in seiner Tasche ein Nest gebaut. Er ließ die Jacke dort hängen, bis die Jungen flügge wurden.
Mit einigem Glück würde heute vielleicht das dicke Eichhörnchen vorbeikommen. Es sah komisch aus, wenn es sich ins Vogelhäuschen quetschte. Manchmal brachte es Albert zum Lachen.
Anschließend der tägliche Spaziergang. Fünfhundertsechsundzwanzig Schritte nach rechts, den Finkensteig runter, zweihundertvierundvierzig den Meisenweg entlang, achthundertsiebzehn den Waldhüterpfad zurück, der nur noch dem Namen nach etwas mit einem Wald zu tun hatte. Früher waren die Straßen hier rechts und links von Robinien gesäumt gewesen, von knorrigen Baumpersönlichkeiten mit verblüffend zartweißen Blütentrauben im Juni, die einen betörenden Duft verströmten. Süß, dabei nicht schwer. Später, wenn die Blüten herabschneiten, spazierte man auf einem weißen duftenden Teppich, bis der nächste Regen kam und alles verdarb.
Martha war überzeugt, dass der Duft der Robinie aphrodisierende Wirkung hat. Und tatsächlich wurden neun Monate nach der Robinienblüte mehr Kinder geboren als zu anderen Zeiten im Jahr. Auch Ina war so ein Robinienblütenkind. Albert jedenfalls hatte nie etwas Besseres gerochen als den Duft blühender Robinien. Von Martha einmal abgesehen, versteht sich.
Die alten Bäume waren verschwunden. Die alten Nachbarn auch. Alles hatte sich verändert, doch an guten Tagen konnte er die Straße sehen wie sie früher war, mit den Augen von vor zwanzig Jahren: die patente Frau Kaiser und ihren Gatten von schräg gegenüber. Täglich, Punkt 10, nach dem Waldspaziergang mit Wotan, ihrem Jagdhund, schlugen sie im Duett ihre Wanderschuhe aneinander, damit sich die Erde aus den Profilen löste.
Die Hofmanns aus 104 a waren Gott sei Dank vor zwei Jahren nach Mallorca ausgewandert. Man konnte nur hoffen, dass das Klima sie friedfertiger gemacht hatte.
Kemps, die beiden Doktoren mit ihren vier fabelhaften Kindern (zwei davon Robinienblütenkinder) aus 104 b waren weggezogen, weil ihnen, nachdem das fünfte unterwegs war, das Haus zu klein wurde. Schade. Albert vermisste das fröhliche Kinderlachen.
Doris, die alleinstehende Architektin, zwei Häuser weiter …Was wohl aus der geworden sein mochte? Eines Tages, nach Marthas Tod, war sie sang- und klanglos verschwunden.
Was dem alten Van de Vries von Gegenüber passiert war, wusste Albert ganz genau. Seine undankbare Brut hatte ihn in ein Heim gesteckt, damit sie das Haus, welches in der Niedrigzinsphase immens an Wert zugelegt hatte, verkaufen konnten. De Vries hatte immer den schönsten Garten von allen gehabt. Einen Garten wie eine Sinfonie. Martha und Albert waren oft am Zaun stehen geblieben und hatten die sorgfältig komponierte Pracht bewundert. Wenn beispielsweise die Tulpen welkten und sich deren Blätter unansehnlich gelbbraun verfärbten, wurden sie im de Vriesschen Garten bereits von einem strahlend blauen Vergissmeinnichtteppich überdeckt. Der alte Mann war ein Meister der Übergänge gewesen, nur sein letzter war ihm komplett missglückt. Dem Garten war es nicht besser ergangen. Dort, wo einst Tulpen und Vergissmeinnicht um die Wette blühten, parkten nun zwei SUV auf grauem Beton. Die neuen Nachbarn hatten sich nicht vorgestellt. Albert bekam sie selten zu Gesicht. Deren Sohn, ein Wesen mit tief ins Gesicht gezogener Kapuze, sah er ab und zu. Der Bengel grüßte nie.
Die Dame vom Ende der Straße, die ihren blinden weißen Pudel dreimal täglich in einer Sportkarre spazieren geschoben hatte und an deren Namen sich Albert nicht erinnern konnte, lebte jedenfalls nicht mehr. Letztes Jahr, an Heiligabend, hatte der schwarze Kombi vom Beerdigungsschröder vor ihrem Haus gestanden. Was aus dem Pudel geworden war, wusste Albert nicht.
So viele Schicksale wie Namen. Kein Leben wie das andere, und doch liefen alle auf dasselbe hinaus.
Früher hatte man wenigstens auf die eine oder andere Art am Leben des anderen teilgehabt, hatte sich gegrüßt, geholfen, gemeinsam Zäune repariert oder Dachrinnen gereinigt. Man hatte Nachrichten, Romane und Zeitungen getauscht, sich ab und an ein Tässchen Zucker oder ein Ei geborgt, Geburtstage gefeiert, Hochzeiten und Beerdigungen. Man hatte gestritten, geneidet, getröstet, geklatscht, sich für den anderen gefreut oder war einfach mal so vorbeigekommen auf eine belanglose Tasse Kaffee. Heute war jeder für sich.
Eigentlich ganz gut, dachte Albert, der noch immer auf der Bettkante hockte. Was hatte er mit den Neuen schon abzumachen? Den lieben langen Tag waren sie auf Achse, wuselten umher wie geschäftige Ameisen, deren Bahnen einer nicht nachvollziehbaren Choreografie folgten, ohne erkennbaren Rhythmus, dabei stets in Eile. Sie waren Fremde und würden es für immer bleiben.
Früher hatten die Kinder auf der Straße Himmel und Hölle gespielt oder Federball, heute konnte man von Glück sagen, wenn man heil auf die andere Seite kam. Jedes einzelne Kind wurde von seinen Eltern zur Schule, zum Kindergarten, zum Sportplatz geshuttelt und anschließend wieder abgeholt. Kolonnen von Autos waren das Resultat.
Früher war Ina mit Horden Gleichaltriger den ganzen Tag draußen unterwegs gewesen. Hatte jemand Hunger, fand sich immer ein gnädiger Nachbar, der eine Stulle aus dem Fenster reichte. Kein Mensch hatte sich um Pädophile Sorgen gemacht. Das Wort war vermutlich nicht mal erfunden.
Früher hatte Albert jeden Morgen seine Zeitung vom Kiosk geholt und frische Brötchen vom Bäcker. Der Bäcker hatte dichtgemacht. Dort, wo der Zeitungskiosk gestanden hatte, war ein blaues Raumschiff gelandet, eine Tankstelle, deren grelles Licht in das Schlafzimmer der Gottwalds flutete. Früher schien da nur der Mond hinein.
Albert konnte sich noch gut erinnern, wie er Martha beim Aufhängen der schweren Übergardinen behilflich war, die es auch nicht schaffen sollten, das Licht fernzuhalten.
»Die Welt wird immer hässlicher«, hatte er geklagt. Martha aber hatte nur mit den Achseln gezuckt und gesagt:»Sie verändert sich, Schatz, und wir können nichts dagegen tun.«
Nie hatte sie sich über irgendetwas beschwert. Nicht ein einziges Mal. Das war gar nicht ihre Art.
Eine Weile hatte Albert seinen guten Willen gezeigt und wie alle anderen in der Tankstelle Zeitungen und Brötchen gekauft, obwohl er das ausgesprochen kulturlos fand. Seit es Martha nicht mehr gab, kaufte er dort, mal abgesehen von Benzin, nichts mehr. Was auch nicht nötig war, denn seine Tochter versorgte ihn mit Lebensmitteln.
An Zeitungen hatte er ohnehin das Interesse verloren. Er hatte keine Lust mehr auf Neuigkeiten, die täglich wechselten, aber immer gleich schrecklich waren. Aus demselben Grund schaltete er auch den Fernseher nicht mehr ein. Er verstand die Welt nicht mehr, und sie verstand ihn nicht.
Der tägliche Spaziergang also.
Er würde eine Hürde überwinden müssen, die genauso aussah, wie sie hieß: Gitte Pietsch. Die Pietsch war seine Nachbarin. Ausgerechnet die war von allen übrig geblieben. Hätte es nicht wenigstens Doris sein können? Mit ihr hätte er wenigstens über Martha reden können. Oder de Vries. Der hätte ihn in das Geheimnis der jahreszeitlichen Übergänge einweihen können, aber die Pietsch?
Das Leben hatte einen grausamen Sinn für Humor.
Als Martha und er vor fast vierzig Jahren die rechte Hälfte des Hauses gekauft hatten, waren sie komplett ahnungslos, was Doppelhaushälften betraf.
Es hatte gute Argumente für den Hauskauf gegeben. Die Gegend war ruhig und grün. Überall gab es diese fantastisch duftenden Bäume. Zum Wald, zum See war es ein Katzensprung. Kindergärten, Schulen und diverse sportliche Einrichtungen waren fußläufig erreichbar. Und natürlich war der Preis ausschlaggebend gewesen. Ein frei stehendes Haus, eines, um das man herumlaufen konnte, wie Albert es sich gewünscht hatte, konnten sie sich nicht leisten.
Alle anderen Bewohner der umliegenden Doppelhaushälften kamen prima miteinander aus. Nur Albert und Martha hatten sich, wie sich zeigen sollte, in ein Wespennest gesetzt.
Flankiert von den Hofmanns, einem besserwisserischen Lehrerehepaar auf der rechten Grundstücksseite, Wand an Wand mit der Familie Pietsch, war so ziemlich das Übelste, was einem nachbarschaftstechnisch passieren konnte. Detlef Pietsch war ein Korinthenkacker, wie er im Buche stand. Häufig und lautstark stauchte er Frau und Sohn zusammen, wie sie durch die dünne Trennwand mit anhören mussten. Albert war ja dafür gewesen, sich rauszuhalten, für Martha jedoch kam das überhaupt nicht infrage. Schon bald nach dem Einzug war sie rüber marschiert und hatte dem Pietsch die Meinung gegeigt, dass dem Hören und Sehen verging, was zur Folge hatte, dass er ihnen fortan das Leben schwer machte und dabei keine Gelegenheit ausließ.
Ob es nun um die Hausnummer ging, die nicht vorschriftsmäßig beleuchtet war, oder der Weg vor dem Haus, der nicht pünktlich um 8 Uhr morgens von Eis und Schnee befreit war, es hagelte Anzeigen.
Wenn Ina am Weihnachtsabend Stille Nacht auf dem Klavier klimperte, standen wenig später Ordnungshüter vor der Tür und verwarnten sie wegen nächtlicher Ruhestörung.
In der Hoffnung, ihre Nachbarn würden irgendwann des Stänkerns müde werden, wenn sie einfach nicht reagierten und freundlich blieben, übten sich die Gottwalds in Gelassenheit, was Albert ein Magengeschwür einbrachte. Er ertrug es tapfer, schon wegen Ina, die sich mit Phillip, dem Sohn der Pietschens angefreundet hatte. Dennoch: Trotz allerbester Vorsätze ging die Strategie nicht auf. Als der Pietsch verlangte, die Robinie im Garten zu fällen, war das Maß voll. Sie nahmen sich einen Anwalt, der ein exorbitant hohes Honorar verlangte, und klagten mit eiserner Beharrlichkeit zwei lange Jahre mit dem Resultat, dass der Baum bleiben durfte und Phillip der Umgang mit Ina verboten wurde.
Die Menschen, auf die Martha wütend war, konnte man an einer Hand abzählen. Detlef Pietsch war einer von ihnen. Nach der Geschichte mit dem Baum hatte sie ihn nur noch den Blockwart genannt, und irgendwie war der Name im Viertel durchgesickert und an ihm kleben geblieben wie das Pech an der Schwester von Goldmarie.
Jedenfalls trauerte kein Mensch um ihn, als er im letzten Jahr bei dem Unterfangen, die Hecke zu stutzen, die die Gärten voneinander trennte, was streng genommen in Alberts Zuständigkeitsbereich fiel (die Hecke durfte kein Blättchen höher sein als zwei Meter), von der Leiter stürzte, unglücklich auf der Zipfelmütze seines Lieblingsgartenzwerges aufschlug und sich das Genick brach.
Nach dem Tod ihres Mannes hatte Frau Pietsch die Kontrolle über das Viertel übernommen, wenn auch in abgemilderter Form. Sie legte sich eine Katze zu, was Albert schon wegen der Mäuseplage im Garten begrüßenswert fand. Warum sie das Tier Loveday nannte, war ihm schleierhaft. Allerdings wäre er nie im Leben auf die Idee gekommen nachzufragen, wusste er doch, dass er sie nicht mehr loswerden würde. Sie lauerte ihm bei jeder Gelegenheit auf, und wenn sie ihn erwischte, was meistens der Fall war, wenn er kam oder ging, monologisierte sie ohne Punkt und Komma, erzählte belangloses Zeug, immer in epischer Breite, immer detailliert vorgetragen, stundenlang, bis Albert ganz schummerig davon wurde. Einen Sinn in ihren Wortgirlanden auszumachen war wie Nebel mit der Hand fangen.
Das Schlimmste jedoch war ihr Parfüm. Sehr süß, wobei die Basisnote etwas Erdiges sein musste, wie etwas Totes, das zu lange in der Sonne gelegen hatte.
Um der Pietsch zu entkommen, hatte Albert seit Wochen darauf verzichtet, Post aus dem Kasten zu holen. Schnell wie der Wind war er nach dem täglichen Spaziergang zurück ins Haus gehuscht, doch nur selten war es ihm gelungen, die Haustür hinter sich zu schließen, bevor sie die ihre öffnete.
Heute musste der Briefkasten mal wieder geleert werden, denn der quoll bereits über. Albert hatte eine Idee. Er würde sich das Handy ans Ohr halten, sobald er das Haus verließ. Wenn dann die Pietsch ihre Tür aufriss, würde er so tun, als ob er sich gerade in einem enorm wichtigen Telefonat befand. Er freute sich über seinen Einfall.
Vorausgesetzt, sein Plan funktionierte, würde er die Post durchsehen, die vor allem aus Rechnungen und Werbung bestehen würde, obwohl auf dem Briefkasten ausdrücklich stand: »Keine Werbung!«
Gelegentlich flatterten noch Einladungen zu Tanzturnieren herein. Manchmal wurde er gebeten, als Juror zu fungieren. Er beantwortete diese Anfragen nie und entsorgte sie zusammen mit der Werbung im Kamin. Die Welt des Tanzes war einmal die seine gewesen, aber auch das war Geschichte.
Nach der Post würde es nicht mehr viel zu tun geben. In den warmen Monaten hatte ihn der Garten auf Trab gehalten und ihm am Ende des Tages das befriedigende Gefühl gegeben, etwas Sinnvolles getan zu haben. Zu keiner Zeit war dieses Stückchen Erde so gut in Schuss gewesen wie in den letzten drei Jahren. Jedes Frühjahr grub er eigenhändig fünfhundertachtzig Quadratmeter Rasenfläche um und legte den Rasen neu an, obwohl das absolut nicht notwendig gewesen wäre.
Jetzt gab es draußen nichts mehr zu tun. Die Rosen waren eingepackt, der Mulch angehäuft, Laubhaufen für die Igel zusammengeharkt, Holz für die nächsten Jahre gehackt. Die Kübelpflanzen standen in ihrem Winterquartier, Schuppen, Garage und Keller waren aufgeräumt, alles picobello also.
Gegen 16 Uhr würde er den Kamin anheizen, sich ein oder zwei Gläschen Whisky genehmigen, Mozarts Requiem auflegen, vielleicht das von Fauré, mal sehen. Er würde im Sessel sitzen und sein Leben an sich vorbeiziehen lassen. Zumindest den Teil, der wichtig für ihn war und der in Fotos dokumentiert über dem Kamin hing.
Das Jahr steuerte der dunkelsten Zeit entgegen. Albert störte das nicht, ganz im Gegenteil. Die Dunkelheit passte hervorragend zu seiner Stimmung.
Er liebte es, am Nachmittag im Sessel zu sitzen und zuzusehen, wie die Scheinwerfer der vorbeifahrenden Autos die Fotogalerie über dem Kamin beleuchteten. Die Lichtkegel huschten über die Fotos, Martha und Albert als Hochzeitspaar, Martha und Albert als frischgebackene Hausbesitzer, Martha und Albert auf Tanzturnieren, in unterschiedlichen Jahrzehnten, in prachtvollen Kostümen … Martha und Albert auf dem Siegertreppchen … mit Ina als Baby … Ina als Kleinkind … als Schulkind … mit der pubertierenden Ina … der Studentin Ina und schließlich der weiß bekittelten Ina … bis hin zu einem Foto von Martha, kurz bevor sie krank wurde. Sein Leben im Schnelldurchlauf also.
Erst gegen 20 Uhr, wenn die Kolonne der shuttelnden Elternschaft endlich durch war, wenn auch das letzte Kind von seinen sportlichen Aktivitäten abgeholt worden war, würde er Licht anmachen und die Lautstärke der Musik hochdrehen, um die Pietsch nicht hören zu müssen, die um diese Uhrzeit mit soprangreller Stimme ihren Kater lockte und eine Spieluhr anwarf, die Jingle Bells klimperte.
»Loveday liebt Weihnachtslieder«, hatte sie ihm letzten August erklärt, als er sie an der Hecke entdeckte, wo sie bei fünfunddreißig Grad im Schatten, mit Jingle Bells Geklimper, umhergekrochen war.
Zwei Whiskys später würde ihm Martha im Ohrensessel gegenüber erscheinen. Sie würde stricken, wie sie es jeden Abend getan hatte. Sie würden Dinge besprechen, Dinge, die anfielen. Zum Beispiel die Mäuse. Albert wollte den Schuppen im Garten abreißen. Er vermutete Heerscharen von Mäusen darunter, wahrscheinlich in mehrstöckigen Wohnanlagen. Der zu Hilfe gerufene Kammerjäger hatte unverrichteter Dinge wieder abziehen müssen, als sich herausstellte, dass es sich nicht um gewöhnliche Hausmäuse, sondern um Waldmäuse handelte, Waldmäuse, die unter Naturschutz standen, wohlgemerkt.
Erst gestern Abend hatte sich Albert bei Martha über die Mäuse beklagt.
»Sie ernähren sich vom Vogelfutter. Ich verstehe sowieso nicht, wieso die Vögel das ganze Jahr gefüttert werden müssen«, hatte er gesagt, was nicht stimmte, denn Martha hatte es ihm mehr als einmal erklärt. Wegen der aussterbenden Insekten, der Flurbereinigung und so weiter. Aber er wollte diskutieren.
»Das Problem an der Sache ist, dass wir auf diese Weise Mäuse züchten! Die klettern ins Vogelhäuschen, fressen sich fett und vermehren sich prächtig!«
Martha hatte schweigend zugehört und ihn nur gelegentlich über den Rand der Brille angeschaut. Erst nachdem er seine Tirade beendet hatte, sagte sie in dem ihr eigenen ruhigen Ton: »Wir sind in ihren Lebensbereich eingedrungen, Schatz. Vergiss das nicht. Früher war hier einmal Wald.« Dann hatte sie gelächelt, wie nur sie lächeln konnte, und Albert hatte die Mäuse vergessen.
»Wie hab ich dich geliebt, mein Engel«, sagte er jetzt zu Marthas Foto an der Wand. »Wie liebe ich dich immer noch. Niemals werde ich damit aufhö…«
Es raschelte. Albert schob den Nachttisch beiseite und sah schwarzbraune reiskorngroße Köttel: Mäusekacke! Er hatte es ja geahnt: Die Viecher machten sich bereits im Haus breit! Er musste zum Baumarkt und Fallen besorgen. Also los!
–––––––
Zunächst war alles wie immer.
Futterhaus reinigen, Futter einstreuen, Wasser wechseln.
Als das erledigt war, setzte er sich an den Tisch vor der Terrassentür, um zu frühstücken. Wie gewohnt kam als Erstes das Rotkehlchen vorbei.
Er fragte sich, ob Rotkehlchen nicht eigentlich Zugvögel waren, und schaute in Marthas Vogelbuch nach. Ja richtig, dort stand, dass Rotkehlchen in diesen Breitengraden normalerweise im Oktober in den Süden ziehen und erst im März zurückkehren.
Er fragte sich weiter, wieso »sein« Rotkehlchen immer noch da war, was ihn zu der Frage führte, wieso er eigentlich immer noch da war?
Er war jetzt 63 Jahre alt. Die Lebenserwartung von Männern in diesem Land lag bei 79,1. Somit hätte er noch 16,1 Jahre vor sich. 16,1 Jahre ohne Martha …
Die Brötchenbutterhonigmasse in seinem Mund verklumpte zu einem pappigen Batzen. Traurigkeit schnürte ihm die Kehle zu.
Das Räderwerk des Tages kam scheppernd zum Stillstand.
Obwohl Albert Gott immer für ein Gerücht gehalten hatte, faltete er nun die Hände, schloss die Augen und murmelte:»Lieber Gott, gib mir ein Zeichen, dass das alles irgendeinen Sinn ergibt, dass ich weiterleben soll.«
Das Erste, was er bemerkte, als er die Augen öffnete, war der zuckende Schwanz einer Katze, hinter dem Laubhaufen für die Igel.
Loveday!
Er visierte das Rotkehlchen an, das nichts ahnend in der Vogeltränke badete.
»Neeein!«, schrie Albert und stürzte zur Terrassentür. Doch bevor er die Tür entriegelt und geöffnet hatte, schnappte sich der Kater das Rotkehlchen und galoppierte mit seiner Beute von dannen.
Albert rutschte auf den glatten Steinen der Terrasse aus, rappelte sich hoch und verfolgte den Kater bis in den hinteren Teil des Gartens.
»Lass den Vogel los, verdammtes Mistvieh!«, brüllte er, »Lass ihn sofort los!« Er hatte nicht die leiseste Chance. Der Kater brachte sich und seine Beute mit einem lässigen Sprung über den Zaun in Sicherheit.
Die Pietsch war von dem Tumult im Garten von ihrer Teleshoppingsendung aufgeschreckt und zum Fenster geeilt. Was war denn da los? Sie sah ihren Nachbarn am Gartenzaun. Mit fuchtelnden Armen und in Socken (!) schrie er Loveday an, der in ihrem Garten hinter den Büschen etwas zerrupfte. Federn stoben.
Albert sank auf die Knie. Er spürte den Regen nicht, der auf ihn herabfiel, und auch nicht den Matsch, in dem er kniete.
Gib auf, flüsterte eine Stimme nah an seinem Ohr. Gib endlich auf.
Lange hatte er nicht mehr geweint. Jetzt löste sich etwas in ihm, und das war nicht etwa schrecklich, sondern sehr befreiend. Gott hatte gesprochen. Seine Botschaft hätte nicht eindeutiger sein können.
Jedes Leben endet. Alle Herzen werden gebrochen. So ist das nun einmal.
Für den Moment wurde alles friedlich und still, als wäre er allein auf der Welt.
Doch dann: »Was ist denn los, Herr Gottwald?«
Die Pietsch!
Albert stöhnte. Wie würde er es lieben, tot zu sein.
»Sie haben ja gar keine Schuhe an!«, rief sie. »Alles in Ordnung mit Ihnen?«
Er drehte sich zu ihr um und brüllte: »Nichts ist in Ordnung, Frau Pietsch! Absolut gar nichts! Ihr Scheißkater hat soeben mein Rotkehlchen gekillt! Statt hier die Mäuse zu dezimieren, killt das Mistviech Vögel!«
»Aber … das machen Katzen nun einmal«, stammelte die Pietsch.
Albert ging zurück ins Haus und knallte die Terrassentür hinter sich zu. Er würde dieser Farce ein Ende setzen. Und das Datum stand bereits fest.
–––––––
Vor einem halben Jahrhundert, als Frau Dr. Hanne Hanken noch das »Hannele« war, wurde ihr geweissagt, dass sich das Glück erst spät in ihrem Leben einstellen würde, nämlich dann, wenn sie die Mitte ihres Lebens bereits überschritten hatte. Nun denn, falls sie nicht hundertdreizehn werden würde, war davon auszugehen, dass sie die Lebensmitte bereits überschritten hatte. Das Glück jedoch war zuverlässig ferngeblieben.
Vielleicht findet es ja in einem Paralleluniversum statt, dachte Hanne, oder die Kartenlegerin hat ganz einfach Unsinn geredet, was wahrscheinlicher war.
Sie konzentrierte sich wieder auf ihre Patientin, die auf der anderen Seite des Schreibtisches saß und schweigend auf ihr verbundenes Handgelenk starrte.
Vera Schilling, siebenunddreißig Jahre alt, von Beruf Castingfrau, spezialisiert auf die Besetzung von TV-Serien, verheiratet, ein Kind. Suizidversuch.
Der Tag, an dem Vera nicht mehr leben wollte, war der fünfte Geburtstag ihres Sohnes.
Am Abend zuvor hatten sie und ihr Mann gesprochen. Die Trennung war beschlossene Sache. Vera hatte die ganze Nacht wach gelegen. Woher sie die Kraft für ein Lächeln am nächsten Morgen genommen hatte, mit dem sie den kleinen Konrad geweckt und ihm zum Geburtstag gratuliert hatte, wusste sie selbst nicht. Aber sie hatte es geschafft, hatte sich die dunklen Schatten unter den Augen überschminkt, sich in positiven Farben gekleidet, Luftballons aufgeblasen, die Wohnung hübsch dekoriert, eine Geburtstagstorte gebacken, Snacks und Getränke bereitgestellt und eine heitere Miene aufgesetzt, dem Anlass gemäß.
Die kleinen Geburtstagsgäste kamen, eine fröhlich ausgelassene Schar, wild entschlossen, sich nach Kräften zu amüsieren.
Während Vera in der Küche den Kartoffelsalat schnippelte, den es bei den Schillings traditionell an jedem Geburtstag gab, war ihr mit einem Mal alles so sinnlos vorgekommen. Tränen waren in die selbst gemachte Mayonnaise getropft, die sich daraufhin einfach nicht verfestigen wollte.
Sie solle sich gefälligst zusammenreißen, hatte ihr Mann gesagt, wenigstens heute. Wenigstens. Aua!
In der Absicht, den Orkan zu beschwichtigen, der in ihrem Inneren tobte und blühende Landstriche in triste Mondlandschaften verwandelte, hatte sie zwei Beruhigungstabletten mit Hochprozentigem runtergespült. Auf diese Weise war es ihr gelungen durchzuhalten, bis ihr zukünftiger Ex die Kinder in den VW-Bus verfrachtete, um mit ihnen in den Zoo zu fahren. Lächelnd küsste sie ihren Sohn zum Abschied, lächelnd winkte sie dem Auto nach, bis es um die Ecke gebogen war. Dann endlich konnte sie aufhören zu lächeln.
Sie hatte sich die Schnapsflasche geschnappt und war ziellos durch Regen und Wind geirrt, querfeldein über Wiesen und Felder, die Landstraße entlang, bis sie sich, erschöpft und vollkommen durchnässt, in einen Straßengraben legte, wo sie die Flasche leerte, an einem Stein zerschlug und sich mit den Scherben an den Pulsadern ihres linken Handgelenkes zu schaffen machte …
Es würden hässliche Narben bleiben, wusste Hanne, wulstige Male.
Nach ihrem Krankenhausaufenthalt war Vera Schilling in die Psychiatrie überstellt worden. Hanne sollte nun entscheiden, ob die Indikation für eine Zwangseinweisung vorlag. Unterbringungsbeschluss ja oder nein, geschlossene oder offene Station, 2 a oder b.
War die Patientin noch suizidal oder nicht? Das war hier die Frage.
»Ihr Mann war zu diesem Zeitpunkt also mit den Kindern im Zoo?«, fragte Hanne.
Vera Schilling nickte. »Er fand, ich solle besser nicht mitkommen. Ich sei unzumutbar. Un-zu-mut-bar«, wiederholte sie, als sei jede Silbe eine Peitsche, mit der sie sich geißelte. Sie beugte sich vor, stützte den Kopf in die Hände und schluchzte los. Ihre Tränen tropften auf die gläserne Schreibtischplatte. Klong, klong, klong (nicht etwa platsch, platsch, platsch wie in Comics).
Hanne hasste das Geräusch von Tränen auf ihrem Schreibtisch. Mehr noch hasste sie die scheußlichen Ränder, die sie hinterließen und die zu entfernen eine aufwendige Sache war. Die Reinigungskräfte hatten dafür keine Zeit, also blieb das Wegpolieren an ihr hängen.
Sie schob Vera Schilling eine Packung Papiertücher hin und lehnte sich zurück, in der Hoffnung, die Patientin würde es ihr nachtun und aufhören, ihre Schreibtischplatte vollzutropfen. Es funktionierte.
Hanne machte eine Notiz für Betty Büthe, ihre Sekretärin: Papiertücher ordern, neuen Schreibtisch anfordern, keine Glasplatte! Ihr Magen knurrte laut und vernehmlich. Sie überlegte, wann sie das letzte Mal gegessen hatte, und konnte sich nicht erinnern. Achtundvierzig Stunden Dienst lagen hinter ihr.
Auf der psychiatrischen Akutstation hatte es in der letzten Nacht vier Neuzugänge gegeben. Zwei randalierende Alkoholiker, ein Schizophrener, der sein Elternhaus abfackeln wollte, und eine Minderjährige, die die Polizei von der Autobahn gefischt hatte. Barbusig war sie dem Verkehr entgegengelaufen, voll auf MDMA. Sie hatte nicht eingesehen, wieso sie in »die Klapsmühle« sollte, sie wollte ja nur ihrer Mutter eins auswischen, »weil die nervig war«. Arme Mutter, hatte Hanne gedacht und das Mädchen eingewiesen. Eine Woche Schonfrist für die Mutter.
Als sie endlich etwas essen wollte, bekam der Schizophrene einen Tobsuchtsanfall, riss die Bilder von den Wänden und weckte alle Maniker auf, die daraufhin beschlossen, dass die Nacht nun für sie vorbei war und sie sich erst mal einen Kaffee machen mussten. Da war es zwei Uhr morgens. Nicht mal eine besonders schlimme Nacht, nur der ganz normale Wahnsinn. An Schlaf jedenfalls war nicht zu denken gewesen, an Essen schon gar nicht.
Hannes Magen knurrte erneut.
Vera Schilling fragte, ob sie Hunger habe. Hanne antwortete nicht und spulte den Fragenkatalog zur Abschätzung der Suizidalität nach H. J. Möller ab: »Haben Sie in letzter Zeit häufig daran denken müssen, sich das Leben zu nehmen? Halten Sie Ihre Situation für aussichts- und hoffnungslos? Haben Sie schon einmal einen Selbstmordversuch unternommen? Hat in Ihrer Familie, in Ihrem Freundes- oder Bekanntenkreis jemand einen Selbstmordversuch unternommen?«
Während sie die Antworten notierte, spürte sie wieder diesen Zorn in sich aufsteigen, der sie in letzter Zeit öfter überkam, wenn sie es mit Suizidpatienten zu tun hatte. Ganz und gar unprofessionell, zweifelsohne, dennoch: Die Frau hatte ein Kind, verdammt noch mal! Sie war gesund, nicht dumm, jung, sah blendend aus, hatte einen Bombenjob, ein Leben, um das sie die halbe Welt beneiden würde, ohne Krieg, ohne Hunger, ohne Not. Warum zum Teufel schickte sie den treulosen Gatten nicht einfach in die Wüste und suchte sich einen anderen? Vermutlich würde sie nicht mal lange suchen müssen.
Hanne schüttelte den Kopf über sich und nahm sich vor, das Thema demnächst mit Frau Dr. Göttler, ihrer Supervisorin, zu besprechen.
»Er hat mich doch geliebt«, wimmerte Vera Schilling. »Wieso ist es denn auf einmal vorbei? Das will nicht in meinen Kopf.«
»War es denn wirklich auf einmal vorbei?«, hakte Hanne nach. »So etwas hat doch immer eine gewisse Entwicklung. Gab es keine Anzeichen für den Zustand Ihrer Beziehung?«
Vera verneinte. Sie vermied Augenkontakt, doch zwischen ihren Augenbrauen zuckte es einmal kurz, kaum wahrnehmbar.
Das Gegenüber zeigt alles. Gerade wenn es versucht, es nicht zu zeigen. Hanne war Expertin im Lesen von Mikroexpressionen, jenen flüchtigen Gesichtsausdrücken, die willentlich kaum zu unterdrücken sind. Sie konnte in Gesichtern lesen wie andere in einem Buch.
»Die Sedativa, die Sie genommen haben, sind verschreibungspflichtig«, sagte sie. »Wer hat sie Ihnen verordnet?«
»Der Hausarzt.«
»Aus welchem Grund?«
Vera Schilling antwortete nicht. Hannes Handy piepte und erinnerte sie daran, dass die Zeit abgelaufen war. Auf der Station wartete man bereits auf sie. Gerade überlegte sie, wie sie die Sitzung möglichst sensibel beenden konnte, da fing Vera Schilling an zu sprechen. Sie sprach sehr leise.
»Er blieb immer länger weg. Wenn er nach Hause kam, hatte er schlechte Laune. Wenn ich ihn fragte, was los sei, fand er erbärmliche Ausreden, sagte, ich sei hysterisch, würde mir alles nur einbilden. Das ist das Schlimmste. Wenn man sich auf niemanden mehr verlassen kann, nicht mal auf seine eigene Wahrnehmung.«
Hanne schaute professionell ungerührt, doch sie spürte deutlich den Zug an ihrem Herzen, so, als hätte jemand ein Gummiband daran befestigt und liefe mit dem anderen Ende weg.
»Wir schliefen nicht mehr miteinander«, sagte Vera Schilling. »Seit einem Jahr ging er mir aus dem Weg, lag auf der Kante seines Bettes, so weit außen, dass ich befürchtete, er könnte jeden Moment herausfallen. Dabei konnten wir uns früher nie nah genug sein. Wir haben immer in der Löffelchenstellung geschlafen. Wissen Sie, was ich meine?«
Warum sollte ich nicht wissen, was sie meint?, fragte sich Hanne. Ich bin eine Frau und kein Neutrum. Sie ärgerte sich. Dass man als Frau ab einem gewissen Alter für die männliche Spezies unsichtbar wurde, war ja hinlänglich bekannt, nicht aber, dass sie von Frauen nicht mehr als Frau wahrgenommen wurde.
»Ich kann mich schwach erinnern«, knurrte sie.
»In letzter Zeit hab ich fünf Kilo zugenommen«, sagte Vera. »Ich war einfach nicht mehr anziehend für ihn. Er mag keine dicken Frauen.«
Unfassbar, fand Hanne. Die Frau, die vor ihr saß, war schlank und hatte mit »dicken Frauen« nicht das Geringste zu tun.
Sie notierte: Verdrängung, Primäre Aggression gegen das Ich.
Vera Schilling sah sie an. Zum ersten Mal richtig. Frau Dr. Hanken war nicht mehr jung. Sie war dünn, eher dürr. Ihr Haar, ohne Aufwand zu einer Art Dutt zusammengezwirbelt, war nicht lockig, sondern struppig und stumpf, von verblassendem Rot, welches an trockenes Laub erinnerte. Die Idealbesetzung für eine Hexe, dachte Vera. Schade, dass es in TV-Serien so wenig Hexen zu besetzen gab.
Ihr wurde bewusst, dass sie, wäre ihr Selbstmordversuch erfolgreich gewesen, niemanden mehr besetzt hätte, schlimmer noch: Sie hätte ihren Sohn nie wiedergesehen.
Hanne sah den Musculus depressor anguli oris in Veras Gesicht zucken und schob ihr prophylaktisch die Box mit den Papiertüchern hin. Und richtig, Vera fing erneut an zu weinen.
»Das kann doch nicht vorbei sein, wir waren doch so glücklich …«
Klingt wie ein Schlagertext, dachte Hanne. Nun ja, von irgendwoher mussten die ja schließlich kommen. Sie sagte laut zu sich: »Blödsinn!«
Vera Schilling zuckte zusammen: »Wie bitte?«
»Nichts«, sagte Hanne.
Das Telefon klingelte. Betty Büthe drängte zur Eile. Die Visite war überfällig, und den Termin um 14 Uhr bei der neuen Personalchefin, Frau Fröhlich-Hacker, solle sie nicht wieder vergessen. Hanne dankte und legte auf.
Eine Entscheidung musste her.
Sie musterte Vera Schilling. Was war die Motivation ihres Suizidversuches? Wollte sie ihre Umgebung kontrollieren oder manipulieren? Ihren Mann erpressen oder bestrafen? Hatte sie ein mangelhaft entwickeltes Selbstwertgefühl und versuchte, es auf diese Weise zu retten? Als narzisstische Plombe? Wollte sie wirklich sterben? Oder war das Ganze schlicht ein Hilferuf?
War ihr bewusst, was für ein Trauma sie ihrem Sohn verpasst hätte, wenn die Aktion erfolgreich gewesen wäre?
Wie hätte der Junge mit dieser Erinnerung weiterleben sollen? Hatte sie auch daran gedacht? Und warum unternahm sie ihren Suizidversuch ausgerechnet an seinem Geburtstag? Verdammt noch mal, wer machte so was, am Geburtstag seines Kindes?
Sie wischte alle unprofessionellen Gedanken beiseite und gab sich die Antwort: jemand, der sehr verzweifelt war.
Sie schlug Vera Schilling vor, ein paar Tage zu bleiben, damit sie hier in geschützter Umgebung und in aller Ruhe ihre Gedanken ordnen könne. Fürs Erste hielt sie es nicht für erforderlich, sie darauf hinzuweisen, dass sie sie auch ohne richterlichen Beschluss und gegen ihren Willen zweiundsiebzig Stunden festhalten konnte. Erwartungsgemäß kam, was kommen musste: Widerstand.
»Ich kann nicht bleiben«, sagte Vera. »Ich muss nach Hause. Konrad braucht mich jetzt.«
Aha! Das war alles, was Hanne wissen musste. Vera Schilling wollte nicht sterben. Sie schrieb in die Krankenakte: keine akute Suizidgefahr, Verdacht auf appellativen Parasuizid, Spontanhandlung. Manipulativ?
Die endgültige Diagnose musste nicht im Erstgespräch gestellt werden.
»Meine Sekretärin, Frau Büthe, wird Sie zur Station bringen und erklärt Ihnen alles Weitere.«
Damit war die Sitzung beendet.
Der Boogie-Woogie
… wurde auch Hottentottenmusik genannt. Er entstand Ende der Zwanzigerjahre in den US-amerikanischen Gettokneipen der Schwarzen.
Sein Großvater ist der Swing, sein Kind der Rock ’n’ Roll. Der Boogie-Woogie wird im Viervierteltakt bis zu achtundvierzig Takten pro Minute getanzt.
Das ist schnell. Verdammt schnell.
Ein ähnliches Tempo würde Albert vorlegen müssen, wenn er bis Sonntag um 9 alles schaffen wollte.
Nun mag man sich fragen: Wozu die Eile? Warum ausgerechnet Sonntag um 9? Ganz einfach, weil viele wichtige Ereignisse in Alberts Leben an Sonntagen um 9 passierten. Er war an einem Sonntag um 9 geboren worden, er hatte Martha an einem Sonntag um 9 einen Antrag gemacht, sie hatten sonntags um 9 geheiratet, Martha war an einem Sonntag um 9 gestorben. Da lag es auf der Hand, diese Welt auch an einem Sonntag um 9 zu verlassen. Zumindest für Albert.
Was er brauchte, war ein Plan.
Der Zeitpunkt für sein Vorhaben war insgesamt günstig, denn Ina musste übers Wochenende zu einer Fortbildung. Heute würden sie sich also zum letzten Mal sehen. Der Gedanke quetschte sein Herz zusammen, als hätte es jemand in einen Schraubstock gespannt. Wie konnte er es hinkriegen, am Abend unbeschwert zu wirken, damit Ina keinen Verdacht schöpfte?
Was das Verstecken oder Vortäuschen von Gefühlen anging, war Albert nie ein Meister gewesen. Sicher, als Turniertänzer musste er auf Knopfdruck lächeln. Es hatte eine Weile gedauert, bis er es einstudiert hatte, doch von da an war es sein Leben lang abrufbar und erleichterte so einiges. Allerdings konnte er mit seinem Profilächeln vielleicht das Publikum oder die Preisrichter überzeugen, seine Tochter nicht. Im Gegenteil. Wenn er es heute Abend aufsetzen würde, würde sie die Nachtigall trapsen hören, augenblicklich ihre Fortbildung absagen und sich um ihn kümmern, denn sie war eine gute Tochter.
Sie arbeitete so gut wie immer. In ihrer knapp bemessenen Freizeit kümmerte sie sich um ihn.
In ihrem Alter sollte man ein eigenes Leben haben, dachte Albert. Ein Grund mehr, den Weg frei zu machen.
Er überlegte, was ihn heute Abend unbeschwert stimmen konnte. Was brachte ihn zum Lachen? Ihm fiel nichts ein. Als hätte ein magischer Radiergummi jede heitere Erinnerung aus seinem Hirn entfernt. Was hatte ihn in letzter Zeit zum Lachen gebracht? Das dicke Eichhörnchen vielleicht, aber das war ja nicht auf Kommando zur Stelle.
Worüber hatte er früher lachen müssen? Er dachte an seine erste Verabredung mit Martha. Sie wollten ins Kino. Albert hatte einen Film mit Fred Astaire vorgeschlagen. Doch Martha wollte unbedingt einen Dick und Doof-Film sehen. Albert fand Dick und Doof-Filme kindisch, aber weil er so sternhagelverliebt war, willigte er ein. Vielleicht hatte es daran gelegen, dass Marthas Lachen so ansteckend war, oder daran, dass sie sich, als es dunkel im Kino wurde, zum ersten Mal küssten, oder weil er den ganzen Film über ihre Hand hielt, in der Gewissheit, dass der glücklichste Teil seines Lebens soeben begann, jedenfalls hatte auch er an diesem Abend ungeheuer gelacht. So sehr, dass er anderntags Muskelkater davon hatte.
Er nahm also Stift und Block und notierte:
1. Dick und Doof-Film besorgen.
2. Abschiedsbrief schreiben.
In dem Brief musste er Ina begreiflich machen, dass seine Entscheidung nichts mit ihr zu tun hatte oder damit, dass er sie nicht liebte. Ganz im Gegenteil. Nur ihretwegen hatte er ja überhaupt so lange durchgehalten. Irgendwie musste es ihm gelingen, ihr glaubhaft zu versichern, dass sie keine Schuld traf, dass sie genug getan hatte, dass auch die Therapie, zu der sie ihn seit Monaten vehement drängte und die er ebenso vehement abgelehnt hatte, nichts an seiner Entscheidung geändert hätte.
Er wollte einfach nicht mehr und basta, oder richtiger: Er konnte nicht mehr, sosehr er auch wollte.
Der nächste Punkt war ebenfalls schwierig.
Um jeden Preis musste er verhindern, dass Ina ihn fand. Es würde schwer genug für sie sein, den Vater zu verlieren, noch dazu auf diese Weise. Sie musste nicht auch noch seinen toten Körper finden. Das würde er ihr ersparen. Er notierte:
3. Verhindern, dass Ina mich findet.
4. Strick überprüfen/handwerkliche Vorbereitung treffen.
Erschießen hätte er besser gefunden. Das hatte irgendwie Stil. Aber woher mal eben eine Pistole kriegen? Und dann das viele Blut … Sicher war Ina als Ärztin an Blut gewöhnt, aber das des eigenen Vaters?
Die Pulsadern aufzuschneiden schied aus denselben Gründen aus.
Föhn in Badewanne … absurd. Sich aus großer Höhe von irgendwo herunterzustürzen kam nicht infrage wegen seiner Höhenangst.
Hätte er noch Marthas Schlaf- und Schmerztabletten gehabt, hätte er sie ohne zu Zögern mit Whisky runtergespült.
Letztes Frühjahr hatte er es versucht. Als er, wohlig betäubt, draußen im Mondlicht Walzer tanzte, hatte seine Nachbarin die Feuerwehr gerufen. Auch das würde Albert der Pietsch nie verzeihen. Bedauerlicherweise hatte Ina nach dem Vorfall den restlichen Tablettenbestand konfisziert.
Blieb also nur der Tod durch den Strick.
Alberts Recherchen zufolge sollte es schnell gehen, vorausgesetzt, man stellte es richtig an. Und das würde er. Weder beim Haken noch beim Seil würde er Kompromisse machen.
Weiterhin musste er dafür sorgen, dass er nicht zu früh gefunden wurde, denn war das Genick nicht in einem Rutsch durch, könnte man reanimiert werden und musste womöglich weiterleben, gelähmt, verblödet oder beides.
Er würde also das Haus sorgfältig verriegeln, musste aber gleichzeitig dafür sorgen, dass ihn jemand fand … Die Quadratur des Kreises. Wie nur, wie, sollte er das hinkriegen?
Er vertagte die Lösungsfindung bis auf Weiteres.
Noch was? Albert ließ den Blick über sein akribisch ausgetüfteltes Ablagesystem schweifen. Was er sah, erfüllte ihn mit tiefer Befriedigung. Er hatte es immer geliebt, sein Leben in sinnvolle Kapitel einzuteilen.
Ein Todesfall macht Arbeit. Und Ina hatte wirklich schon genug um die Ohren. Er würde ihr so viel wie möglich abnehmen, Kündigungen und Abmeldungen schreiben. Einen kurzen Moment überlegte er, ob er nicht auch gleich die Traueranzeige selbst verfassen sollte. Er verwarf den Gedanken, weil ihm absolut niemand einfiel, dem er seinen Tod mitteilen wollte. Er fügte seiner Liste den nächsten Punkt hinzu:
5. Kündigungen und Abmeldungen schreiben.
Sollte er Marthas Grab noch einen letzten Besuch abstatten? Nein. Auf dem Friedhof war sie ihm nie nah gewesen.
Apropos Friedhof. Er musste seine Beerdigung organisieren.
Punkt sechs auf der Liste lautete folglich:
6. Beerdigung organisieren.
Was mit seinem Körper geschehen sollte, war bereits entschieden. Er würde sich einäschern lassen, die Urne würde im Friedwald neben der von Martha vergraben werden. Der Gedanke an die Einäscherung gefiel ihm nicht sonderlich, aber so war nun mal die Verabredung.
Albert beschloss, mit Punkt vier zu beginnen (Strick überprüfen/handwerkliche Vorbereitung treffen).
Wie viel Zeit blieb ihm? 46 Stunden und 50 Minuten. Nun aber los!
–––––––
Schnellen Schrittes wehte Hanne im weißen Kittel durch den lichtdurchfluteten Eingangsbereich der Klinik. Sie liebte das Plätschern des Brunnens, welcher in der Mitte stand. Am Tage konnte man es nicht hören, weil es im Lärm der Menschenmenge unterging.
Die Zeiger der großen Uhr in der Halle standen auf zwölf. Hanne legte einen Schritt zu. Bis 14 Uhr musste alles geschafft sein, weil die neue Personalchefin sie zu sprechen wünschte. Hoffentlich gab es Neuigkeiten, was die dringend benötigten Einstellungen betraf. Wie überall in dieser Klinik, (und nicht nur in dieser) mangelte es auch auf der Psychiatrischen an Personal. Diverse therapeutische Maßnahmen konnten nicht mehr angeboten werden, was zu Lasten der Patienten ging. Noch dazu wurde die Kinder- und Jugendpsychiatrie saniert, und das schon ewig.
Sie ließ den Fahrstuhl links liegen. Jede Chance auf Bewegung war mehr als willkommen. Im Eiltempo nahm sie die Treppen.
Selbst wenn man die Stunden des Tages verdoppeln würde, war das Pensum, welches sie alltäglich zu bewältigen hatte, nicht zu schaffen. Immer blieb etwas liegen. Immer war da dieses ungute Gefühl am Ende des Tages, dieser dumpfe Druck im Nacken, wie damals, als sie zur Schule ging, es Sonntagabend war und die Hausaufgaben noch nicht gemacht waren.
Früher, als Hanne noch daran glaubte, dass das Hamsterrad eine Leiter war, an deren Ende eine Belohnung auf sie wartete, hatte ihr das Ganze nicht so viel ausgemacht. Oder war es faktisch einfach nur weniger gewesen?
Ja doch, war es.
Alles wurde immer mehr. Nicht umsonst häuften sich die Fälle von emotionalen und körperlichen Erschöpfungszuständen, Burn-out genannt.
Die digitalen Medien, die Zeit sparen sollten, hatten sich als Zeitfresser entpuppt. Die Flut von Informationen, die immerfort signalisierte: »Wichtig!«, »Lies mich!«, »Reagiere!«. Ständige Erreichbar- und Verfügbarkeit, kaum ein Ort, an dem man sich in Ruhe sortieren konnte.
Die Psychiatrie war so ein Ort. Hier durfte der Mensch menschlich sein. Andere mochten es als Hölle empfinden, für Hanne war es eine Art Zwischenwelt, eine Insel, ein Wartesaal. Man hatte Gelegenheit, sich in aller Ruhe auf die Reise vorzubereiten, sich auszuruhen, was man mit sich schleppte zu sortieren oder zurückzulassen. Es gab Umsteigende, solche, die spontan ihr Ziel änderten, und die, die für immer blieben.
Hanne blieb stehen und rang nach Luft. Ich muss wirklich was für meine Kondition tun, dachte sie.
Ein Pfleger trabte leichtfüßig an ihr vorbei, immer zwei Stufen auf einmal nehmend. Ohne anzuhalten, erkundigte er sich, ob mit ihr alles in Ordnung sei.
»Al … les … in … Ord … nung«, japste Hanne und winkte ab.
Während sie langsam weiterging, hörte sie Vera Schilling in ihrem Kopf: »Das kann doch nicht vorbei sein, wir waren doch so glücklich …«
Wie oft hatte Hanne Sätze wie diese gehört? Die Fassungslosigkeit ihrer Patienten, wenn »ihr Glück« (als hätten sie’s gepachtet!) vorbei war, verblüffte sie jedes Mal aufs Neue. Jemand, der nicht mehr an den Weihnachtsmann glaubte, konnte doch nicht allen Ernstes erwarten, dauerhaft glücklich zu sein? Nein, das Glück war ein launischer Begleiter, ein Schnappschuss, ein schnell verblassendes Polaroid.
Sie hatte die Schleuse zur geschlossenen Abteilung erreicht und gab den PIN ein. Ein leises Surren ertönte.
Auf der Station herrschte Ruhe. Drei Patienten schoben sich mit stumpfen Blicken an den Wänden lang.
Die diensthabende Ärztin, Frau Chmielewski, und die Stationsschwester, Schwester Birgit, erwarteten Hanne bereits. Sie besprachen den Allgemeinzustand eines jeden Patienten, Symptome, Ressourcen, Orientierungsfähigkeit, Verhalten in der Gruppe, Interaktion mit den Mitpatienten, Verbesserung, Verschlechterung, Medikation, Wundversorgung, Infusionen … et cetera pp.
Einer der Alkoholisierten von letzter Nacht war ausgenüchtert und konnte entlassen werden, dem anderen würde man einen Entzug vorschlagen. Seine Leberwerte waren alarmierend, nächster Stopp Insuffizienz.
Die Minderjährige, die man von der Autobahn gefischt hatte, sollte fürs Erste bleiben. Man würde mit der Mutter besprechen, wie es mit ihr weitergehen sollte.
»Was machen wir mit Kai Meyer?«, fragte Dr. Chmielewski. »Hier kommen wir mit ihm nicht weiter. Sollte er nicht besser in eine Kinder- und Jugendeinrichtung?«
»Hab überall angefragt, alles belegt«, sagte Hanne. »Ich schau nachher noch mal zu ihm rein.«
Als Nächstes die Dienstpläne. Aber vorher fix einen Kaffee.
»Dr. Meidinger hat schon wieder Vaterschaftsurlaub beantragt«, berichtete Schwester Birgit, während sich Hanne einen Kaffee einschenkte.
Hanne seufzte. Schön, dass der Kollege so fruchtbar war, schön auch, dass Väter heutzutage bei ihren Kindern blieben, für sie und die Kollegen jedoch bedeutete es letztlich mehr Arbeit.
»Ist der nicht eben erst aus einem zurück?«, fragte Hanne. »Wie viele Kinder hat der eigentlich? Vier, fünf?«
»Das ist das sechste!«, wusste Birgit. »Ich vermute, er will den demografischen Wandel im Alleingang aufhalten.« Sie lachte.
Hanne mochte, wie sie lachte. Allerdings stimmte etwas mit ihrer Mimik nicht. Die Augenpartie war eigentümlich starr, die Stirn auffallend glatt.
»Sag mal, hast du dich botoxen lassen?«, fragte sie.
»Sieht gut aus, ne?« Schwester Birgit streckte ihr das Gesicht entgegen.
»Hm«, machte Hanne.
Für jemanden wie sie, die in Gesichtern lesen konnte wie keine Zweite, war Botox direkt berufsschädigend.
»Ach Mensch! Hätt ich fast vergessen. Ich war bei Dr. Gruber. Christian Gruber. Soll dich schön grüßen.«
Hanne verschluckte sich an ihrem Kaffee.
»Er sagte, ihr kennt euch von früher.«
»Flüchtig«, hustete Hanne.
»Das schien er aber ganz anders zu sehen. Er hat mir seine Karte gegeben. Mit seinem Privatkontakt. Warte, wo hab ich sie …« Schwester Birgit kramte die Karte aus ihrer Handtasche. Hanne steckte sie ein, ohne einen Blick darauf zu werfen.
»Wusstest du, dass er geschieden ist?«
»Ich hab die nächsten zwei Tage frei, setz mich auf Abruf«, sagte Hanne, schnappte sich die Akte von Kai Meyer und den Schlüssel zum Materialraum, und weg war sie.
Aha. Chris war jetzt also Schönheitschirurg, und er war geschieden. Na und? Was ging sie das an? Der Mann war Schnee von gestern.
–––––––
Kai Meyer: 16, Spinaltrauma L1–L5 nach Suizidversuch, Sturz aus der Höhe. Paraparese mit Restmotorik.
Er war von der Gebrüder-Grimm-Brücke gesprungen. Die Brücke galt als Geheimtipp unter Selbstmördern und das nicht erst, seit es soziale Netzwerke gab.
Es war zum Verzweifeln. Seit Jahren schrieb Hanne Eingaben an die Stadt wegen der Brücke und forderte mit Nachdruck Sicherheitsvorkehrungen, aber nichts passierte. Nur einmal hatte sie ein Antwortschreiben erhalten, in dem man ihr in umständlichem Amtsdeutsch mitteilte, dass die Denkmalschutzauflagen der Gebrüder-Grimm-Brücke keine baulichen Veränderungen zuließen. Denkmalschutz hin oder her, wer von der Brücke sprang, war mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit tot. Kai Meyer aber hatte den Sturz überlebt. Er war als »selbstgefährdet« eingestuft worden. Drei Wochen war er nun schon hier und hatte immer noch kein einziges Wort gesprochen, was nicht etwa daran lag, dass er nicht sprechen konnte.
Kai saß im Rollstuhl am Tisch. Er sah aus wie Schneewittchens kleiner Bruder. Seine Haut war weiß wie Schnee, seine Locken schwarz wie Ebenholz, die Lippen rot wie Blut.
Hanne grüßte und legte Zeichenblock, Stifte und Fingermalfarbe vor ihm ab. Wenn er schon nicht sprach, malte er vielleicht, was ihn bewegte. So die Hoffnung.
»Wie geht es Ihnen heute?« Keine Antwort, keine Reaktion, nicht mal ein Zucken. Kais Blick ging starr an ihrem linken Ohr vorbei. Er verweigerte sich. Verständlich. Er hatte sterben wollen und es nicht geschafft.
»Wenn Sie zeichnen könnten, was Sie fühlen, was würden Sie zeichnen?« Hanne schob ihm das Malzeug hin. Ein kurzes Flackern in seinen Augen. Dann wieder nichts.
Als sie bereits in der Tür stand und einen letzten Blick zurückwarf, sah sie, wie er mit unendlicher Langsamkeit einen Stift nahm und etwas malte. Es war ein schwarzer Kreis. Das schwarze Loch, in dessen Tiefe er zu versinken drohte.
–––––––
Boogie-Woogie pfeifend tänzelte Albert in Sechserschritten zur Garage.
Im Handumdrehen fand er einen geeigneten Strick, fettete ihn ein, machte die erforderliche Schlaufe, legte sich diese um den Hals und zog zu. Es funktionierte einwandfrei, was seine Laune weiter hob. Immer noch tänzelnd schaute er nach einem Haken. Er hatte immer um die fünfundsiebzig Kilo gewogen. Sicherheitshalber wählte er einen Haken, der spielend zweihundert Kilo tragen konnte.
