Der Drache aus den Highlands - Harriet P. Clark - E-Book

Der Drache aus den Highlands E-Book

Harriet P. Clark

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Beschreibung

Als Jennifer mit ihrer kleinen Tochter eine Arbeitsstelle auf Burg Dragonsclaw antritt, ahnt sie noch nicht, dass sich damit ihr gesamtes Leben ändern wird. Ihr Arbeitgeber Lord Xandur erweist sich zunächst als reichlich unnahbar und ein Geheimnis scheint ihn zu umgeben. Xandur erwartet die Teilnehmer an einer Versammlung aller Drachenclans, auf der er als oberster Anführer bestätigt werden soll. Nur eine Formalität, aber die Ankunft einer neuen Angestellten bringt alle Pläne durcheinander. Er fühlt sich zu ihr hingezogen, aber eine Verbindung zwischen einem Drachen und einem Menschen ist ein Ding der Unmöglichkeit.

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Veröffentlichungsjahr: 2023

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Der Drache aus den Highlands

 

Inhaltsverzeichnis

Title Page

Kapitel 1

Kapitel 2

Kapitel 3

Kapitel 4

Kapitel 5

Kapitel 6

Kapitel 7

Kapitel 8

Kapitel 9

Kapitel 10

Kapitel 11

Kapitel 12

Kapitel 13

Kapitel 14

Kapitel 15

Kapitel 16

Kapitel 17

Kapitel 18

Kapitel 19

Kapitel 20

Kapitel 21

Kapitel 22

Kapitel 23

Kapitel 24

Kapitel 25

Kapitel 26

Kapitel 27

Kapitel 28

Kapitel 29

Epilog

Impressum

1 Kapitel

Jennifer

Für jemanden wie mich, der sein ganzes Leben in den Lowlands an der englischen Grenze zugebracht hat, waren die Highlands von Schottland eine völlig neue Welt. Selbst der Minibus, der meine Tochter und mich nach Dragonscross brachte, schien einer anderen Zeit entsprungen zu sein. Auch die Straße, auf der wir fuhren, stammte wohl noch aus dem Zeitalter der Clankriege.

»Wie weit ist es noch, Mom?«

Kira, meine achtjährige Tochter, blickte seit Anbeginn der Fahrt aus dem Fenster, aber allmählich hatte sie sich wohl an der wilden Landschaft sattgesehen. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, ob ich ihr nicht zu viel zumutete. Der Ort, dem wir entgegensteuerten, hatte mit dem Leben in einer mittelgroßen Stadt, wie sie es gewohnt war, nicht allzu viel zu tun.

»Is' nich' meh' woi'!«, erwiderte unser Fahrer an meiner Stelle in diesem seltsamen Slang, dessen er sich bediente. Es kam mir vor, als ob es ihm zu viel Mühe bereitete, den letzten Buchstaben eines Wortes auszusprechen. »Da vor' is' es scho'!«

Er deutete auf eine Anzahl von Häusern, die unter uns in einer kleinen Talsenke lagen.

»Das sieht hübsch aus«, meinte Kira und ich gab ihr recht. Es wirkte alles ruhig und eigentümlich gemütlich, als ob die Zeit spurlos an ihr vorübergegangen wäre.

»'s wohne' a' gute Mensche' da«, brummte unser Chauffeur, reckte sich und stellte den Rückspiegel neu zurecht.

Etwas außerhalb der Stadt bemerkte ich ein großes Gebäude, eine seltsame Mischung aus Schloss und Burg. Im Gegensatz zu den urigen Dorfhäusern wirkte dieses massige Ungetüm recht düster, geradezu unheimlich. Es fehlten eigentlich nur ein paar Raben, die die Zinnen mit schaurigem Krächzen umflogen. In dem Moment fragte ich mich, ob meine Entscheidung richtig gewesen war, denn schließlich befand sich meine neue Arbeitsstelle genau in diesem Spukschloss.

»Und das ist dann wohl die Burg, die dem Ort seinen Namen gab, oder?«, fragte ich den Fahrer, obwohl ich die Antwort schon kannte.

»Jo, das is' Dragonsclaw, wo uns' Herr lebt.«

Herr! Die Bewohner des Dorfes nannten meinen neuen Arbeitgeber also tatsächlich Herr! Unwillkürlich stellte ich mir den Burgherrn als einen gebeugten, buckligen, alten Mann vor, der auf einem Stock gestützt dort oben an den Fenstern stand und auf seine Untertanen herabblickte. Vielleicht hätte ich mir von der Agentur, die mir die Stelle vermittelt hatte, doch besser ein Bild von ihm zeigen lassen sollen. Aber ich war so begierig auf den Job gewesen, dass es mir zweitrangig erschienen war. Das Angebot war überaus großzügig. Kira konnte im Nachbarort zur Schule gehen und um den Transport würde sich mein Arbeitgeber kümmern. Kost und Logis waren ebenfalls frei, also hatte ich gar nicht lange überlegt.

Der Fahrer steuerte den Wagen in das Dorf und parkte vor einem kleinen Gasthof, der 'Zum feurigen Drachen' hieß. Allmählich fand ich es schon seltsam, dass sich alle Namen auf diese mystischen Echsenwesen bezogen. Falls die Bewohner damit Touristenströme ins Dorf locken wollten, schien das Vorhaben fehlgeschlagen zu sein. Jedenfalls deuteten die Häuser und das Fehlen von Andenkenlädchen darauf hin.

»Hier könne’s übern’cht’n«, sagte mein Chauffeur, der mich wohl aus dem Wagen hinauskomplimentieren wollte.

Stimmt ja. Ich hatte erwähnt, dass mich ein Bediensteter von der Burg am nächsten Morgen abholen würde.

»Was bin ich Ihnen schuldig?«, fragte ich.

Der Mann winkte ab. »Scho' rech'. Behalt'n’s Ihr Geld. War mir an' Ehr'.«

Ich stieg mit Kira an der Hand aus und sah dem Wagen nach, der umdrehte und in eine Seitenstraße einbog.

Meine Tochter hatte bereits begonnen, die Umgebung zu inspizieren. Aber sie fand wohl nicht allzu viel, was interessant war. Jedenfalls deutete ihre Miene darauf hin.

»Langweilig«, sagte sie, rümpfte ihre Nase und zeigte hinauf zur Burg. »Können wir nicht direkt dorthin gehen?«

»Morgen, Spätzchen.«

»Ob es da Geheimgänge gibt?«

Sie sah eindeutig zu viele Filme und las zu viele Bücher. »Lass uns erst einmal etwas zu Abend essen, bevor wir uns darüber Gedanken machen. Komm, die haben bestimmt auch Eis zum Nachtisch.« Bei Letzterem war ich mir zwar nicht so sicher, aber wenigstens war Kira nun Feuer und Flamme, in den Gasthof hineinzugehen.

*****

Auf Touristen war das Restaurant absolut nicht eingestellt, aber das Zimmer war sauber und das Essen reichhaltig. Sogar das von mir versprochene Eis hatte die Wirtin auftreiben können - woher auch immer. So war Kira gesättigt und zufrieden und hatte daher auch nichts dagegen, als ich sie recht früh ins Bett brachte. Ich hingegen wollte mir einen ersten Eindruck vom Dorf verschaffen und legte daher noch einen kleinen Abendspaziergang ein.

Viel zu sehen gab es allerdings nicht. Die Häuser erschienen mir alle recht alt zu sein und an Geschäften gab es hier nur das Allernötigste. Nach kaum einer halben Stunde stand ich daher wieder in der Gaststube, wo mich die Wirtin mitleidig lächelnd begrüßte.

»Na? Schon alle Sehenswürdigkeiten erkundet?«

»Bei Tageslicht ist es bestimmt interessanter.«

»Das wohl eher nicht. In den letzten fünfzig Jahren hat sich hier nichts verändert, wenn ich meinen Eltern glauben darf.«

»Leben Sie schon immer hier?«

Sie nickte heftig. »Seit ich denken kann. Hier zieht eigentlich selten jemand weg. Warum auch? Unser Herr sorgt gut für sein Dorf. Das war schon immer so.«

Erneut diese Bezeichnung. Allmählich wurde ich doch neugierig und hielt damit auch nicht zurück.

Ich merkte sofort, wie unangenehm ihr diese Frage war. »Ist halt so«, meinte sie und zuckte mit den Schultern. »Er wurde schon immer als Herr angesehen.«

Bevor ich weitersprechen konnte, nahm sie irgendeinen Lappen zur Hand. »Ich muss noch etwas erledigen. Sollten Sie noch etwas wünschen, geben Sie uns bitte Bescheid.«

Danach ließ sie mich stehen. Irgendwas war hier seltsam und ich nahm mir vor, die Stelle sofort abzulehnen, falls morgen auf der Burg irgendetwas Merkwürdiges vor sich ging - was auch immer.

Kira war schon eingeschlafen, als ich unser Zimmer betrat. So leise, wie es mir möglich war, zog ich meinen Schlafanzug an und schlüpfte ins Bett. Obwohl mir einige Sachen durch den Kopf gingen, schlief ich doch sehr bald ein.

2 Kapitel

Jennifer

Die Wirtin war die Freundlichkeit in Person, als Kira und ich am nächsten Morgen zum Frühstück erschienen. Meine Tochter war aufgedreht und nervös, was aber kein Wunder war. Schließlich würden wir heute zur Burg fahren und sie kam außerdem in zwei Tagen auf ihre neue Schule. Daher sagte ich auch nichts, als sie ständig aufsprang und zum Fenster eilte, um nachzusehen, ob der Wagen bereits angekommen war.

Als ich die Rechnung für die Übernachtung begleichen wollte, erwartete mich eine angenehme Überraschung.

»Die hat der Herr schon im Voraus beglichen«, sagte die Wirtin.

Ich ließ ein paar Münzen auf dem Tisch als Trinkgeld zurück, als auch schon ein Fahrzeug in den Hof fuhr.

»Das ist Sean, der Chauffeur des Herrn«, sagte die Wirtin, während sie durchs Fenster blickte. »Er ist eine Seele von Mensch, auch wenn er nicht so aussieht«, ergänzte sie, weil sie meine Skepsis bemerkte.

Der Mann war bestimmt zwei Meter groß, trug einen struppigen Vollbart in seinem wettergegerbten Gesicht und wirkte reichlich finster und draufgängerisch. Selbst Kira ergriff schutzsuchend meine Hand, was so gar nicht ihre Art war.

Er füllte beinahe den gesamten Türrahmen aus, als er den Gastraum betrat. Suchend blickte er sich um, sah mich und zog seine Mütze ab, worunter eine dunkle, wollene Mähne zum Vorschein kam. »Sind Sie Miss Byron?«, fragte er mich.

Ich nickte stumm und er wandte sich nun meiner Tochter zu.

»Dann musst du die kleine Kira sein!« Er zog eine hübsch geschnitzte Holzfigur aus seiner Hosentasche und reichte sie ihr. »Hab ich selbst gemacht. Ist für dich!«

Sie sah mich an und ich nickte erneut, also griff sie nach der Figur.

»Und wie sagt man?«, stellte ich die Frage, die wohl jede Mutter schon einmal gestellt hatte.

»Danke«, hauchte Kira.

Sean, der Chauffeur, lächelte, was einen Teil seines finsteren Aussehens vertrieb. »Hab ich gerne gemacht. Wenn Sie so weit sind, kann ich Sie nach Dragonsclaw fahren.«

Ich akzeptierte, verabschiedete mich von der Gastwirtin und wollte meine Reisetasche vom Boden aufheben, aber Sean kam mir zuvor. In seiner Pranke wirkte die Tasche wie ein Kinderspielzeug.

Das Fahrzeug war eine geräumige Limousine, fast schon luxuriös zu nennen. Einen solchen Wagen hatte ich an diesem Ort nicht erwartet. Die Fahrweise unseres Chauffeurs ließ nichts zu wünschen übrig - was mir sehr wichtig war, denn er würde ja Kira jeden Tag zur Schule fahren.

Vom Dorf aus hatte die Burg ja recht unheimlich ausgesehen, doch je näher wir ihr kamen, desto drohender, fast gespenstisch wirkte sie auf mich. Es lag zu einem guten Teil an den Fensteröffnungen, die mich dunkel und kahl wie blinde Augen anstarrten. Kira sah es wohl eher als ein großes Abenteuer an und malte sich wohl bereits aus, wie sie das Gemäuer nach Geheimgängen absuchen würde.

»Gibt es auch ein Schlossgespenst?«, fragte sie in dem Moment unseren Chauffeur.

Der warf einen verdutzten Blick in den Rückspiegel, bevor er so heftig zu lachen begann, dass er sich beinahe verschluckte. »Tut mir leid, wenn ich dich enttäuschen muss, Mädchen, aber in der Burg hat es noch nie gespukt.«

»Schade«, murmelte sie und war innerlich wohl schwer enttäuscht.

»Aber wir haben unten in den Kellergewölben noch alte Überbleibsel aus der Zeit, als die Burgherren mit Feuer und Schwert über ihre Umgebung herrschten!«, ergänzte er und gab sich dabei alle Mühe, seine Stimme möglichst geheimnisvoll klingen zu lassen.

Nun war für mich höchste Zeit, einzugreifen. »Du treibst dich aber nicht dort unten herum, hörst du?«, sagte ich Kira nachdrücklich. »Geh den Angestellten nicht auf die Nerven!«

'Und spiel nicht mit den Folterinstrumenten!', setzte ich in Gedanken hinzu.

Mittlerweile waren wir am Burggraben angekommen und es gab tatsächlich noch eine Zugbrücke, über die wir in den Innenhof fuhren. Ich blickte skeptisch zum Seitenfenster hinaus und sah mit Schaudern, dass es recht tief hinabging. Falls der Bär hinterm Steuer eine falsche Lenkbewegung machte …

»Gibt es da Krokodile oder Piranhas im Wasser?«, fragte meine Tochter, die wohl immer noch auf der Suche nach etwas Gruseligem war.

»Jetzt nicht mehr, aber vor vielen Jahren hielt der Urgroßvater unseres Herrn dort tatsächlich Krokodile, und wenn sich Dorfbewohner oder Bedienstete etwas hatten zuschulden kommen lassen, dann …«

»Wir müssen das Thema jetzt nicht vertiefen!«, unterbrach ich den Mann. Schließlich sollte Kira keine ausgeschmückten Geschichten aus alten Zeiten hören.

»Och, menno …«, maulte sie leise, bevor sie von der großen Burg abgelenkt wurde.

Kira und ich waren gerade ausgestiegen, als sich die gewaltige Eingangstür öffnete und ein recht betagt aussehender Mann ins Freie trat.

»Das ist Mr. Connor, der Butler«, raunte mir der Chauffeur zu, während er meine Reisetasche neben mir abstellte. »Dies sind Miss Byron und ihre Tochter Kira«, ergänzte er laut.

»In Ordnung, Sean«, erwiderte der Butler. »Parken Sie den Wagen und helfen Sie dann Florence bei den Vorbereitungen für das Abendessen.« Derweil unser Fahrer wieder ins Auto stieg, wandte Connor seine Aufmerksamkeit uns zu. »Willkommen auf Dragonsclaw! Ich werde Sie nun zu Ihrer Wohnung führen. Später stelle ich Ihnen noch die Angestellten vor, die außer mir und Sean hier beschäftigt sind. Außer Ihnen natürlich, jetzt, wo Sie eingetroffen sind.«

Er traf keinerlei Anstalten, meine Reisetasche an sich zu nehmen. Vermutlich war dies unter seiner Würde, zumal er einen ziemlich steifen und förmlichen Eindruck auf mich machte.

»Und wann lerne ich den Burgherrn kennen?«, fragte ich, während wir das Innere der Burg betraten.

Er schenkte mir einen strengen Blick. »Lord Xandur ist sehr beschäftigt und pflegt keinen Umgang mit den Angestellten - außer mit mir, selbstverständlich, und den Dienern, die sich um seine Räumlichkeiten kümmern.«

»Und mit dem Chauffeur, wie ich annehme.«

»Unser Herr verlässt die Burg äußerst selten. Es ist aber auch nicht Ihre Aufgabe, sich in die Angelegenheiten seiner Lordschaft einzumischen!«

Das war deutlich. Ich hielt also lieber den Mund, da ich nicht direkt am ersten Tag meinen Job verlieren wollte. Dafür war er zu gut bezahlt. Kira sah sich bereits neugierig um, doch ich hielt sie an der Hand, damit sie nicht sofort auf eine Entdeckungsreise quer durch die Burg verschwand. Den Mund konnte ich ihr aber schwerlich zuhalten.

»Sind Sie schon lange Diener?«, fragte sie völlig unbekümmert. Er schenkte ihr einen vernichtenden Blick, der aber an meinem Mädchen einfach abperlte. »Sind Sie?«

»Ich habe die Ehre, seit fünfzig Jahren in den Diensten des Lords zu stehen, davon die letzten drei Jahrzehnte als Butler!«

»Und was macht …«

»Nun frag Mr. Connor doch nicht gleich Löcher in den Bauch, Kira!«, unterbrach ich meine Tochter. »Das ist unhöflich.«

Eingeschnappt kniff sie den Mund zusammen und beschränkte sich nun darauf, die Gegend mit ihren Blicken zu inspizieren. Ich sah Kira schon wie einen Burggeist durch sämtliche Räume stromern und mir war klar, dass ich noch ein ernstes Gespräch mit ihr würde führen müssen.

»Wir sind da«, sagte Connor und öffnete eine Tür. »Diese Wohnung steht ausschließlich zu Ihrer Verfügung.«

»Und wohin gehen die anderen Türen?«, fragte Kira.

»Nicht alle Räumlichkeiten sind derzeit in Benutzung. Seine Lordschaft empfangen zurzeit kaum Besucher und hat deswegen die Anzahl der Bediensteten reduziert.« Er überreichte mir einen Schlüsselbund. »In einer Stunde nehmen wir das Abendessen ein und ich werde Sie anschließend noch in Ihre Aufgaben einweisen. Seien Sie bitte pünktlich.«

 

3 Kapitel

Jennifer

Es hatte nicht viel Zeit in Anspruch genommen, unser Gepäck in die Schränke zu räumen. Die Wohnung war äußerst großzügig geschnitten und bestand neben zwei Schlafzimmern aus einem Bad und einer kleinen Küchenzeile, sowie aus einem großen Wohnzimmer. Kira hatte sich sofort in ihr Bett verliebt - vor allem in den Baldachin, der dort angebracht war. Nun betrachtete sie den riesigen Fernseher und warf mir hin und wieder auffordernde Blicke zu. Ich wusste natürlich, dass ihre Lieblingsserie bald begann, und gab ihr schließlich die Erlaubnis, das Gerät einzuschalten. Es war mir auch sehr recht, denn Kira hatte keinen Appetit und das Abendessen stand auf dem Programm.

»Hier sind noch zwei Sandwiches, falls du doch noch Hunger bekommst. Im Kühlschrank findest du etwas zu trinken … und du verlässt die Wohnung nicht, hast du verstanden?«

Sie nickte beiläufig und mir war klar, dass sie nur mit halbem Ohr zugehört hatte, weil ihre gesamte Aufmerksamkeit dem Fernseher galt - und nicht ihrer Mutter.

»Was habe ich gesagt?«, fragte ich daher.

»Sandwich … Kühlschrank … nicht rausgehen …«, murmelte sie.

Das war ein besseres Ergebnis, als ich zu hoffen gewagt hatte. Ich drückte ihr einen Kuss auf die Stirn und verabschiedete mich.

*****

Den Weg bis ins Erdgeschoss fand ich noch, doch dann stand ich ziemlich verloren in der großen Eingangshalle. Wo zum Henker aßen die Angestellten zu Abend? Ich traute mich auch nicht, irgendeine Tür zu öffnen. Nachher stand ich bei diesem Lord im Arbeitszimmer und fünf Minuten später samt Tochter und Reisetasche auf der Straße.

»Hier entlang, Miss Byron!« Wie aus dem Nichts war der Butler aufgetaucht und wirkte nicht begeistert, als er mich in der hochherrschaftlichen Halle stehen sah. »Benutzen Sie bitte beim nächsten Mal die Treppe im Dienstbotentrakt!«

Bis dahin hatte ich nicht gewusst, dass es so etwas überhaupt gab. Aber ich nickte nur folgsam, murmelte eine Entschuldigung und folgte dem älteren Mann in den Flügel für die Angestellten, wie er sich ausdrückte.

Auf dem Weg dorthin zeigte er mir die verschiedenen Salons, die Bibliothek und das sogenannte Rauchzimmer, bevor wir den Trakt für die Dienstboten erreichten. Die Unterschiede zwischen den für den Burgherrn reservierten Räumlichkeiten und den eher ärmlich und zweckmäßig ausgestatteten Angestelltenzimmern waren eklatant, beinahe erschreckend. Andererseits hatte ich auch nicht erwartet, in Zukunft unter Kristalllüstern zu dinieren. Außer Sean, dem Chauffeur, waren noch zwei Personen anwesend: das Zimmermädchen Florence und die Köchin Heather. Das Essen stand bereits auf dem Tisch und nach einer kurzen Eingewöhnungsphase plauderten wir alle miteinander, als ob wir uns schon länger kennen würden. Eine Ausnahme bildete der Butler Mr. Connor, der sich vornehm zurückhielt.

»Sie sind gerade rechtzeitig hier angekommen«, sagte Florence zu mir. »Nächsten Monat treffen ein ganzer Haufen Gäste hier ein.«

»Gibt es dafür einen bestimmten Anlass?«

»Das hat uns nicht zu interessieren, Miss Byron!«, erwiderte Connor und runzelte die Stirn. »Seine Lordschaft hat sicher Gründe dafür, die er Ihnen aber zweifelsfrei nicht auf die Nase binden wird.«

»Ich wollte ja nur wissen …«

»Miss Byron!«, unterbrach er mich. »Ich habe hier Ihren Dienstplan vorbereitet und Sie werden feststellen, dass Ihre Pflichten keineswegs beinhalten, sich um die Planungen unseres Dienstherrn zu kümmern!«

Er schob mir einen Schnellhefter zu, legte seine Serviette sorgfältig neben den Teller, erhob sich, nickte kühl und verließ anschließend den Raum.

Ich blickte noch verwundert und verärgert zugleich auf die Papiere, als mir Florence tröstend eine Hand auf den Unterarm legte. »Nehmen Sie es sich nicht zu herzen, Jennifer. Es dauerte eine gewisse Zeit, bis man lernt, Mr. Connor richtig einzuschätzen. Er ist nicht so knallhart, wie er immer tut.«

»Seinen weichen Kern verbirgt er aber sehr gut«, murmelte ich.

Florence legte nun auch ihre Serviette zur Seite. »Wenn wir abgeräumt und gespült haben, zeige ich Ihnen die verschiedenen Räume und was unsere Hauptaufgaben beinhalten. Mr. Connor hat Sie bestimmt nur im Schnelldurchgang hindurchgeführt. Die Einarbeitung überlässt er in der Regel uns. So war es zumindest früher, als hier mehr als drei Dutzend Angestellte beschäftigt waren.«

*****

Es war ein Glücksfall, dass sich Florence so viel Zeit nahm, denn auf mich allein gestellt wäre ich völlig aufgeschmissen gewesen. Obwohl ein großer Teil der Zimmer derzeit nicht in Betrieb war, gab es in den restlichen Räumen mehr als genug zu tun. Es zeigte sich, dass jeder einzelne Schlüssel an dem Bund, den mir der Butler überreicht hatte, auch seine Bedeutung hatte.

»Das Silber für den großen Saal wird nur zu besonderen Gelegenheiten benutzt«, sagte Florence, während wir vor einem riesigen Schrank standen. »Dennoch muss es natürlich immer völlig sauber sein. Das und die Aufsicht über die Wäschekammer ist Ihre wichtigste Aufgabe. Sorgen Sie dafür, dass der Silberschrank immer gut verschlossen ist!«

Ich nickte geistesabwesend und ließ den Blick über die zahlreichen blitzenden Tabletts, Teller, Becher und Kerzenhalter gleiten, während ich instinktiv den ungefähren Wert überschlug. Es war eine ziemlich große Zahl, jedenfalls höher als der höchste Betrag, den ich jemals besessen hatte.

Als ich mich wieder Florence zuwandte, lächelte sie ein wenig. »Mr. Connor scheint viel von Ihnen und Ihren Referenzen zu halten, wenn er Ihnen diese Aufgaben überträgt. Bisher ließ er niemanden auch nur in die Nähe des Silbers, wenn er nicht anwesend war.«

»Ich hatte nicht den Eindruck, dass er mich besonders schätzt.«

Ihr Lächeln wurde noch etwas breiter. »Wie gesagt: Es dauert seine Zeit, bis man ihn richtig einzuschätzen lernt.«

Ich verschloss sorgfältig den Schrank und steckte den Schlüsselbund ein.

»Jetzt zeige ich Ihnen noch die Bibliothek«, sagte Florence. »Wenn Gäste im Haus sind, halten sie sich nach dem Diner oft genug dort auf und man wird auch von Ihnen erwarten, dort zu bedienen.«

*****

Nach der ausführlichen Einweisung setzte ich mich noch ein paar Minuten in den Aufenthaltsraum der Angestellten und trank einen Kaffee, während ich meinen bisherigen Werdegang Revue passieren ließ. Wie immer wenn ich über mein Leben nachdachte, wunderte ich mich, dass ich an einem Ort wie diesem gestrandet war. Als Dienstbotin in einem Herrenhaus - eine Tätigkeit, die eigentlich schon längst aus der Zeit gefallen war. Wo gab es denn noch Häuser wie das hier, in dem man Zimmermädchen und Hausdiener beschäftigte? Hatte ich nicht Wirtschaftswissenschaften studiert?

'Habe ich, aber keinen Abschluss erreicht!', dachte ich, während ich die Tasse leerte und einen Blick auf die Uhr warf. Höchste Zeit, zu meiner Tochter zurückzukehren und den Fernseher auszuschalten. Lange genug saß sie ja nun schon davor.

Immerhin erinnerte ich mich noch problemlos an den Weg zur Wohnung. Es wäre zu peinlich gewesen, Mr. Connor zu suchen und ihn zu bitten, mich wie ein verlorenes Schaf auf den rechten Weg zu bringen. Wahrscheinlich hätte es ihm sogar gefallen, aber vielleicht tat ich ihm auch Unrecht.

Während ich die Stufen hinaufstieg, musste ich zum ersten Mal an den merkwürdigen Namen des Burgherrn denken: Xandur. Was war das denn überhaupt für ein Name? So richtig schottisch klang er ja nicht. Andererseits kannte ich mich mit den Adelstiteln nicht aus - und es ging mich ja auch nichts an.

Zu meiner Überraschung war der Fernseher bereits abgeschaltet und von Kira war im Wohnzimmer keine Spur mehr zu finden. War sie denn so müde gewesen? Auf Zehenspitzen schlich ich zu ihrer Zimmertür und horchte kurz, bevor ich sie so leise wie möglich aufzog.

Das Bett war unbenutzt! Ich eilte hinüber zum Badezimmer, aber dort stand die Tür sperrangelweit offen und meine Tochter war immer noch wie vom Erdboden verschluckt. Ich rief ein paar Mal ihren Namen und forderte sie auf, aus ihrem Versteck zu kommen - ohne den geringsten Erfolg. Das fing ja gut an. Wo steckte sie nur?

Ich durchsuchte die gesamte Wohnung, sah sogar in den Schränken und unter den Betten nach - ohne Ergebnis. Langsam wurde ich ärgerlich - und gleichzeitig bekam ich Angst. War sie etwa in den Keller gegangen und hatte sich aus Versehen irgendwo eingesperrt? Vielleicht gab es auch irgendwelche Fallgruben … nein, das war Unsinn. Schließlich sah ich ein, dass ich alleine nicht mehr weiterkommen würde. Dafür kannte ich mich hier zu wenig aus. Ich verließ die Wohnung, um Hilfe zu besorgen.

4 Kapitel

Xandur

Von hier oben betrachtet sah alles so ruhig und friedlich aus. Ich liebte es, am späten Abend auf den oberen Zinnen meiner Burg zu stehen und ins weite Land hinauszusehen. Unwillkürlich musste ich an meine Vorfahren denken, die zu einer weitaus wilderen und raueren Zeit gelebt hatten. Ob sie sich wohl auch die Muße genommen hatten, hier oben ihren Gedanken nachzuhängen? Wahrscheinlich nicht. Viele von ihnen waren zu beschäftigt gewesen, ihr Gesinde zu drangsalieren und die Bauern in der Umgebung auszupressen. Nun, die Zeiten waren vorbei.

Allmählich drang das Verlangen nach einem guten Wein und dem prasselnden Kaminfeuer in meine Gedanken. Charles hatte bestimmt schon alles vorbereitet, dessen konnte ich mir sicher sein. Wie lange diente er bereits unserer Familie? Es waren über fünfzig Jahre, wenn ich mich nicht irrte. Und so rüstig, wie er war, würde es auch noch etliche Jahre so bleiben.

Nach einem letzten Blick auf mein Land wandte ich mich um, stieg die Treppe hinab und verriegelte sorgfältig die Falltür über mir. Den Schlüssel steckte ich in meine Hosentasche, denn dort oben hatte außer mir niemand etwas verloren.

Schon von Weitem roch ich den feinen Rauch des Kaminfeuers, das mit dem speziell von mir ausgesuchten Holz unterhalten wurde. Da war ich ziemlich eigen, denn es war dieser einzigartige Geruch, der mich an die Kinderzeit erinnerte, als alles noch viel einfacher gewesen war. Ich versuchte, den Gedanken an die Versammlung, die sehr bald in meiner Burg stattfinden würde, zu verdrängen. Lange genug hatte ich diese Angelegenheit aufgeschoben, aber nun war es an der Zeit, einige Entscheidungen zu treffen.

Der Stress, der sich bereits wieder aufbaute, fiel direkt von mir ab, als ich den Raum betrat, der mir von allen in der Burg der liebste war. Wie von mir gewünscht, prasselte das Feuer im Kamin und eine Flasche Wein stand auf dem zierlichen Tisch neben einem Clubsessel. Charles war wirklich nicht mit Gold aufzuwiegen. An der Tür blieb ich einen Moment lang stehen und nahm die Atmosphäre des Raums in mich auf. Die vielen, edlen Bücher in den Regalen, die urgemütlichen Sessel, die Wärme, die ein offenes Feuer abgab … nur hier fühlte ich mich wohl.

Ich trat an den Kamin, entnahm aus einem zierlichen Kistchen, welches auf dem Sims stand, eine Zigarre und entzündete sie. Jetzt noch einen Schluck Wein, ein gutes Buch und nichts würde mich noch aus der Ruhe bringen können.

Das Geräusch der sich öffnenden Tür in meinem Rücken ließ mich ärgerlich herumfahren. Wer wagte es, mich zu stören? Rosalie war es bestimmt nicht und Charles wusste genau, dass er mich für wenigstens zwei Stunden in Ruhe lassen musste, also konnte es nur jemand anderes sein. Überrascht blickte ich auf den Eindringling, den ich noch nie zuvor gesehen hatte.

»Du hast es aber schön hier!«, sagte das kleine Mädchen, das völlig ungeniert in den Raum trat und sich alles genau einzuprägen schien. »Wie heißt du denn?«

Schon allein wegen der Störung war ich ziemlich ungehalten, aber dass mich die freche Kröte auch noch duzte, das war der Gipfel der Unverschämtheit!

»Was hast du hier zu suchen?«, fuhr ich sie an und erreichte so, dass sie mich etwas eingeschüchtert anblickte. »Wer bist du überhaupt?«

»Ich bin Kira und heute mit meiner Mom angekommen«, sagte sie leise und wagte kaum, mich dabei anzublicken.

»Setz dich!«, befahl ich ihr und deutete auf einen der beiden Clubsessel. »Achte aber darauf, dass du nichts dreckig machst!« Ich wartete noch, bis sie der Aufforderung nachgekommen war, und ging danach hinüber zur gegenüberliegenden Wand, um nach Charles zu läuten.

»Warum hast du denn an der Kordel gezogen?«, fragte das Mädchen sofort.

»Das geht dich eigentlich nichts an, aber ich will es dir trotzdem sagen. Ich habe meinen Butler gerufen.«

»Mr. Connor?«

»Es gibt hier nur einen Butler, also ja, ich habe nach ihm geläutet.«

»Wird er sehr wütend sein, weil ich nicht auf meinem Zimmer bin?«

»Nur wenn ich ihm es befehle.«

»Und? Wirst du?«

Allmählich wurde mir bewusst, dass ich überhaupt keine Ahnung hatte, wie man mit Kindern umgeht. Hoffentlich beeilte sich Charles und befreite mich von ihrer Gegenwart. Mit ihrer Mutter würde ich aber noch ein ernstes Wort reden müssen. Sie sollte gefälligst mehr auf ihre Tochter achten.

In diesem Moment betrat mein Butler das Zimmer. »Eure Lordschaft haben geläutet?« Es war mehr eine Feststellung, weniger eine Frage. Gleichzeitig fielen ihm beinahe die Augen aus dem Kopf, als er das Mädchen in einem der Sessel sitzen sah.

»Kennen Sie sie?«, fragte ich ihn und deutete anklagend auf das Kind.

Charles hatte unterdessen seine Fassung wiedergefunden. »Ja, Sir. Sie ist die Tochter der neuen Wirtschafterin. Ich bitte in ihrem Namen um Entschuldigung, wenn das Mädchen Sie gestört hat.«

»Ich war doch ganz ruhig«, protestierte das Kind und sorgte dafür, dass meinem Butler die Gesichtszüge entgleisten.

»Ich will mit der Mutter reden!«, sagte ich, um die Diskussion abzukürzen.

»Wie Eure Lordschaft befehlen. Auf welche Uhrzeit soll ich sie in Ihr Arbeitszimmer bringen?«

»Ich will sie sofort sprechen! Dann kann sie auch gleich ihr Kind von hier entfernen.«

»Soll ich sie holen?«, fragte das Mädchen und stand bereits aus dem Sessel auf.

»Charles wird sie zu uns bringen«, sagte ich. »Du wartest hier. Setz dich wieder hin!«

Sie zog eine beleidigte Grimasse und ließ sich in den Clubsessel fallen. Mein Butler hob nur eine Augenbraue, deutete eine kurze Verbeugung in meine Richtung an und verließ den Raum, um den Auftrag auszuführen.

Ich schnippte die Asche von der Zigarrenspitze in den Aschenbecher und trank einen Schluck vom köstlichen Wein, aber die Zeit für meine abendliche Muße war noch nicht gekommen.

»Du hast aber viele Bücher«, meldete sich erneut das vorlaute Kind zu Wort. »Unten gibt es einen Raum, wo auch die ganzen Wände damit vollstehen.« Sie deutete mit beiden Armen eine große Fläche an und hätte bei dieser Bewegung beinahe die Flasche Wein vom Tisch geworfen.

»Sei vorsichtig und verhalte dich ruhig«, sagte ich, während ich gleichzeitig alles Zerbrechliche aus ihrer Nähe entfernte und an mich nahm.

Sie reagierte kaum auf meinen Befehl, sondern stand auf und trat an ein Regal heran. »Hast du die alle gelesen?«

»Zum größten Teil.«

»Hast du auch etwas von Stephen King?«

»Wie bitte?« Ich konnte es kaum glauben. »Bist du nicht etwas zu jung für diese Art von Büchern?«

»Das sagt Mom auch immer«, wisperte sie verschwörerisch. »Aber ich grusel mich so gerne, vor allem nachts unter der Bettdecke! Also: Hast du?«

»Ich glaube nicht. Die meisten der Bücher enthalten philosophische und historische Abhandlungen.«

Sie rümpfte die Nase. »Das klingt aber langweilig.«

»Mich interessiert es und dies ist ja wohl die Hauptsache. Jetzt setz dich wieder hin!«

Murrend folgte sie der Aufforderung und ich verwünschte allmählich meinen Butler, weil der so lange brauchte, um ihre Mutter aufzutreiben.

Für ein paar Sekunden herrschte Schweigen, doch lange hielt die Ruhe nicht an.

»Hast du hier keine Heizung?«, fragte sie und deutete auf den Kamin. »Weil du das da benutzt.«

»Ich liebe offenes Feuer«, erwiderte ich.

»Kann ich etwas von dem Holz hineinwerfen?«

Sie hatte natürlich schon den Holzstapel in der unmittelbaren Nähe des Kamins entdeckt. »Die Flammen haben noch genug Nahrung und wir sollten ihnen nicht noch mehr davon geben.«

»Warum?«

»Weil … weil … weil ich es nicht will, deswegen!«

Sie holte schon Luft, um wohl die nächste Frage abzufeuern, als zu meiner Erleichterung die Tür aufschwang. Charles und eine mir unbekannte Frau betraten den Raum.

»Hier steckst du also, kleines Fräulein!«, rief sie auch schon aus. Ihre Stimme besaß diese eigenartige Mischung aus Angst, Freude und Ärger. »Hab ich dir nicht ausdrücklich gesagt, dass du in der Wohnung bleiben sollst?«

»Och, Mom …«

Erst jetzt schien die Frau zu bemerken, dass noch jemand anwesend war, und eine zarte Röte überzog ihr Gesicht. »Oh, entschuldigen Sie bitte, Sir, ich habe … ich bin …«

Endlich gelang es Charles, zu Wort zu kommen. »Wenn Sie gestatten, Eure Lordschaft, möchte ich Ihnen Miss Byron vorstellen, die Mutter der kleinen Kira.«

»Ist gut, Charles«, sagte ich. »Ich will nun mit Miss Byron unter vier Augen sprechen. Bitte bringen Sie das Kind nach unten.«

Er neigte leicht seinen Kopf zum Zeichen, dass er verstanden hatte, nahm das Mädchen an die Hand und zog sie zur Zimmertür.

»Darf ich nicht bei dir bleiben, Mom?«, rief sie und sträubte sich dagegen, aus dem Raum geführt zu werden.

»Ich bin gleich wieder bei dir. Geh jetzt mit Mr. Connor zurück in die Wohnung.«

Ich atmete unwillkürlich auf, als mein Butler und die kleine Nervensäge nicht mehr im Zimmer waren. Ich wandte mich der Frau zu und bedeutete ihr, im Sessel Platz zu nehmen. Beinahe schüchtern folgte sie der Aufforderung. Der Höflichkeit halber bot ich ihr ein Glas Wein an, aber sie lehnte ab. Auf das Angebot einer Zigarre verzichtete ich und setzte mich stattdessen in den zweiten Clubsessel.

»Es wird nicht wieder vorkommen, Sir!«, begann sie, bevor ich überhaupt etwas sagen konnte.

Ich nickte kühl. »Charles wird Sie doch bestimmt darauf hingewiesen haben, welche Räumlichkeiten für Sie - und natürlich auch für Ihr Kind - tabu sind.«

»Das hat er, Sir.«

»Gut. Nehmen Sie bitte zur Kenntnis, dass ich dies unter allen Umständen respektiert zu sehen wünsche! Die Ermahnung erscheint mir schon vor dem Hintergrund wichtig zu sein, dass in ein paar Wochen hochrangige Gäste hier eintreffen werden. Eine ganze Menge hängt vom Verlauf der Konferenz ab und ich will nicht erleben, dass sich Ihre Tochter in den Gästezimmern herumtreibt. Habe ich mich klar genug ausgedrückt?«

Vielleicht war ich doch zu scharf gewesen, denn ihre Unterlippe begann zu zittern und sie schien kurz davor zu sein, in Tränen auszubrechen. Das stand nicht in meiner Absicht, also versuchte ich mich an einem Lächeln, um sie zu beruhigen.

»Nun, ich denke, wir können das kleine Missverständnis vergessen und morgen wieder von vorn beginnen.« Ich streckte ihr die Hand hin, was mich selbst überraschte, weil es völlig gegen meine Gewohnheit war. »Herzlich willkommen auf Burg Dragonsclaw. Ich hoffe, Sie leben sich hier schnell ein.«

Hastig drückte sie meine Hand, schnellte aus dem Sessel empor und murmelte ein paar Dankesworte, bevor sie sich umdrehte und zur Tür eilte. Dort wandte sie sich noch einmal um und deutete tatsächlich so etwas wie einen altmodischen Knicks an, bevor sie die Tür öffnete und das Zimmer verließ.

Ich nahm an, dass sie nun ebenso erleichtert war wie ich, denn nun konnte ich mich meiner erloschenen Zigarre und dem köstlichen Wein widmen. Ein Genuss, auf den ich mich schon den ganzen Tag lang gefreut hatte. Ich zog ein Buch aus einem der Regale, ließ mich in einen der Sessel nieder und vertiefte mich darin. Doch schon nach wenigen Minuten ließ ich es wieder sinken. Aus irgendeinem Grund ging mir diese Miss Byron nicht aus dem Kopf. Ärgerte ich mich denn so sehr über sie, weil sie nicht auf ihre Tochter aufgepasst hatte? War es das? Nein, es musste etwas anderes sein. Ärgerlich klappte ich das Buch zu, legte es auf den Tisch und starrte stattdessen ein paar Minuten in die Flammen, bevor ich mit einem kleinen Seufzer aufstand. Wenn ich schon nicht zur Ruhe kam, dann konnte ich auch anfangen, die ersten Vorbereitungen für die Konferenz in Angriff zu nehmen.

---ENDE DER LESEPROBE---