Der Drachenjäger - John J. Jokes - E-Book

Der Drachenjäger E-Book

John J. Jokes

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Beschreibung

Etwas Dunkles regt sich in den Schluchten der Granitberge. Gerüchte über Tierverstümmelungen, Experimente an geraubten Jungfrauen und über Fremde in gruseligen Regencapes machen die Runde. Die Völker leben in Angst, Könige fürchten um ihren Thron. Da landet Michael Clopper, ein arbeitsloser Schauspieler, auf dem Planeten. Ist er der Held, der niemals prophezeit wurde, den Helgoort aber gerade jetzt am dringendsten braucht? Clopper will nur einen Drachen schießen, doch als er dabei eine Prinzessin befreit, steckt er schon mittendrin in der witzigsten Weltenrettungs-Geschichte seit … ja, seit wann eigentlich? Ein Fantasy-Reich, das von Science Fiction heimgesucht wird: Wenn der waffenstarrende Schauspiel-Söldner Michael Clopper den Schwarzen Ritter im unfairen Zweikampf besiegt, Waldelfen in Minenfelder lockt oder einen Troll zum Rauchen verleitet, bleibt kein Auge trocken. Länge: 397 Normseiten. Die illustrierte Printausgabe dieses Romans erschien 2006 unter dem Titel "Der Drachentöter" im Shayol-Verlag Berlin.

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Seitenzahl: 432

Veröffentlichungsjahr: 2014

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John J. Jokes

Der Drachenjäger

Fantasy-Komödie

 

 

 

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

I.

II.

III.

IV.

V.

VI.

VII.

VIII.

IX.

X.

XI.

XII.

XIII.

XIV.

XV.

XVI.

XVII.

XVIII.

XIX.

XX.

XXI.

Epilog

Making off: Vom Drachentöter zum Drachenjäger

Ebenfalls bei Electric Books

Impressum neobooks

Prolog

Auf dem Planeten Helgoort, in der Nähe der Granitberge, in denen es reiche Bauxitvorkommen gibt, was auf dieser Welt aber keinen interessiert.

Der Wald hatte einen Meister.

Hier unten, am Fuße der Granitberge, standen die mächtigsten Tannen, die auf dem Planeten Helgoort wuchsen. Saftiges Moos bedeckte den Boden, es gab bunte Waldblumen, schuppige Flechten und Pilze von der Größe eines Kohlkopfes. Leider wurden nur die giftigen Arten so groß, aber früher, schworen die alten Leute, früher seien auch die Speisepilze riesig gewesen.

Früher war alles größer und irgendwie besser gewesen als heute, mit Ausnahme vielleicht des prächtigen Hirsches, der soeben auf die Lichtung trat. Das Vieh war wirklich stattlich, mit einem Geweih von fünfzig Enden, die ihm in einem wirren Muster vom Kopf abstanden. Früher waren die Gehörne der Hirsche kleiner gewesen, das mussten sogar die Alten zugeben. Aber damals hatten die Tiere ja auch noch nicht so viele Giftpilze fressen müssen.

Der Hirsch richtete seinen glasigen Blick ins Unterholz, wo ein Wolfsrudel lauerte, vierundzwanzig graubraune Bestien, die jetzt angriffslustig auf die Lichtung schlichen. Zog man die Wölfe ab, die der Hirsch nur wegen seines übermäßigen Pilzkonsums sah, blieben zwölf Raubtiere übrig, aber das waren immer noch ganz schön viele. Ein Dutzend hungrige Bestien, von deren Zähnen Geifer tropfte. Zwölf Herrscher des Waldes. Aber seine Meister waren sie nicht.

Der Hirsch senkte drohend das Geweih. Er hatte genug freie Spitzen, um alle Wölfe aufzuspießen. Mit etwas Glück und einer reichlichen Pilzmahlzeit im Magen konnte ihm dieses Kunststück tatsächlich gelingen. Der Hirsch war der König des Waldes, aber auch er war nicht sein Meister.

Der Meister war der Mann, der hinter den Wölfen auf die Lichtung torkelte und einen Schluck aus einem Tonkrug nahm. Arogarn, der Waldläufer.

Er war in grünes Leder gehüllt, hatte schwarzes, zu Zöpfen geflochtenes Haar, das einer Pflegespülung bedurfte, und Schaum auf der Oberlippe. Er rülpste und hob seine Armbrust. Dabei lächelte er geringschätzig, obwohl er nur einen Schuss abgeben konnte, ehe sich die Wölfe auf ihn stürzen würden. Arogarn, der arrogante Waldläufer.

Die Wölfe ergriffen die Flucht. Sie kannten sich nicht mit Armbrüsten aus. Der Hirsch schüttelte sich und stakste in den Wald. Riesenpilze verursachten häufig Tollkühnheit.

Arogarns Bolzen traf einen Baum. Es lag am Bier, aber in den Dörfern würde man von Arogarns Gnade erzählen, denn dieser Mann war eine lebende Legende, der Meister des Waldes, der Waldmeister. Die Frauen liebten und die Kinder verehrten ihn. Ein Quellwasserhändler hatte sogar ein Erfrischungsgetränk nach ihm benannt.

Bei den Männern war Arogarn weniger beliebt. Er wusch sich selten, arbeitete nie und war ein Herumtreiber, auch wenn er sich auf Geheiß des Königs herumtrieb. Arogarn, der königliche Kundschafter. Mit diesem Titel konnte er jede Frau haben, die seinen Weg kreuzte. Die Männer schimpften, der Waldläufer sei kein Vorbild. In Wirklichkeit waren sie nur neidisch, weil sein Vorbild unerreichbar für sie blieb.

Arogarn pulte den Bolzen aus dem Baum und lud seine Armbrust. Er wollte vorbereitet sein. Zwei Wochen lang hatte er die Wälder durchstreift. Nun war er wieder auf der Jagd. Zwei Wochen waren eine lange Zeit für einen Mann wie Arogarn. Seine Beute hieß Marietta und wohnte in einem Dorf in den Bergen.

Bei Einbruch der Dämmerung wartete Marietta in der alten Scheune am Waldrand. Arogarn hielt sich nicht lange auf. Er tötete zwei Spinnen, die vom Dachsparren hingen, verscheuchte eine Mäusefamilie und nahm das rothaarige Mädchen im Heu. Marietta musste immer wieder staunen. Dieser Mann hatte einen Krug Schnaps getrunken und wurde trotzdem nicht müde. Er war voll animalischer Kraft, ganz anders als ihr eigener Mann, der niemals Schnaps trank und immer erst fragte, ob er sich ihr nähern durfte. Natürlich bekam der Trottel die Antwort, die ihm zustand, schließlich musste sich Marietta für Arogarns Besuche aufsparen.

An diesem Abend kam der Waldläufer zweimal, doch in den Schänken würde man später erzählen, es sei ein Dutzend Mal gewesen, weshalb Arogarn nicht mehr bei Kräften war, als es passierte.

Die Liebenden standen eng umschlungen am Scheunentor, über ihnen tauchte der Mond das Land in silbernen Glanz. Marietta hoffte, dass ihr Arogarn in dieser Nacht einen Antrag machen würde, Arogarn hoffte, dass ihm noch einmal eine Ausrede einfallen würde, und niemand weiß, wie die Sache ausgegangen wäre.

Ein Geräusch ließ den Waldläufer herumfahren.

Drei schwarz verhüllte Gestalten standen dort, magere Burschen mit Gesichtern wie Totenschädel. Skelettierte Klauen hielten gefährlich aussehende Rohre. Ein blauer Blitz zuckte an Arogarns Gesicht vorbei. Der Waldläufer hörte eine langstielige Axt zu Boden fallen, wandte sich um und sah einen breitschultrigen Bauern mit dümmlichem Gesichtsausdruck zusammenbrechen. Mariettas Ehemann. Er hatte sich von hinten an das Liebespaar herangeschlichen, doch nun hatte er ein rauchendes Loch in der Brust.

»Danke, Freunde, aber den hätte ich auch alleine geschafft«, lallte Arogarn, der arrogante Waldläufer.

Die Fremden richteten ihre Waffen auf ihn. Wie Freunde wirkten sie nicht. Der eine hielt einen Limonadenkrug aus gebranntem Ton und verglich das Bild auf dem Etikett mit Arogarns Gesicht. Aus der Brust des schwarzen Monstrums klangen blechern drei Worte, die übersetzt wohl Er ist es bedeuteten. Neben Begriffen wie Mama, Liebe oder Stirb, du Sackgesicht war das eine Redewendung, die in allen Sprachen leicht zu erkennen war.

Arogarn begriff, dass der Krug Quellwasser mit natürlichen Aromastoffen enthielt, das Getränk, das der geschäftstüchtige Händler nach ihm benannt hatte. Nach Arogarn, dem Waldmeister, dem Mann, der sich wie kein zweiter in diesem Land auskannte.

»Sag uns, wo die ???????????? ist«, verlangten die Knochengesichter. Ätzender Atem rasselte aus den Sieblöchern, die sie anstelle von Nasen hatten.

I.

Auf dem Planeten Helgoort, im Reich König Godors, der eine Tochter und ein Problem hat und beide gerne los wäre.

Es war zwei Jahre her, dass Prinzessin Orleia Pickel bekommen hatte. Damals hatte König Godor seinem Hofalchimisten befohlen, Schwefelpuder zu machen, und er hatte einen Barden dafür bezahlt, dass er in fernen Ländern von Orleias Schönheit sang.

Früher war Orleia ein liebes Mädchen gewesen, aufgeweckt und quirlig, ein Sonnenschein, dem niemand böse sein konnte. Selbst dann nicht, als die kleine Prinzessin den königlichen Schlachtrössern Locken in die Schwänze drehen wollte, wobei sie die Hitze unterschätzte, die von einem Brandeisen ausgeht. Godor musste einen Krieg verschieben, weil der Gegner den Respekt vor seiner Reiterei verloren hätte, solange die Pferdeschwänze nicht nachgewachsen waren. Trotzdem lachte der König nur und drohte seiner Tochter mit dem Zeigefinger. Orleia lachte ebenfalls und steckte sich den linken Daumen in die Nase.

Diese glückliche Zeit lag lange zurück. Godor hatte seit Monaten nicht mehr gelacht, soweit es seine Tochter betraf. Orleia war launisch und verschlossen, schlief lange, bewegte sich selten, und wenn sie redete, gab sie Widerworte. Meistens zog sie ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter und fiel am achten Tag in Gewitterstimmung. Der König wünschte, seine Frau wäre noch bei ihm, aber Saria war bei Orleias Geburt gestorben. Wahrscheinlich wusste sie, was kommen würde, dachte Godor. So blieb ihm nur Lucina, die Amme der Prinzessin, aber die winkte ab und erklärte, Orleias Übellaunigkeit würde eines Tages wieder vergehen. Godor war sich da nicht sicher. Lucina selbst war ein Beispiel dafür, dass Aufsässigkeit und schlechte Laune angeboren sein konnten.

»Die Prinzessin kommt ins heiratsfähige Alter, das ist alles«, geiferte Lucina. Godor legte die Fingerspitzen aneinander und dachte nach. Es war ihm schon aufgefallen, dass seine Tochter sich in letzter Zeit weniger für die Pferde und mehr für die Stallburschen zu interessieren schien. Aber natürlich lief da nichts. Die Knechte hatten Orleias Auftritt mit dem Onduliereisen nicht vergessen.

»Nehmt Rücksicht, das Mädchen ist in einer schwierigen Phase«, keifte Lucina.

Es war früher Nachmittag, und Godor hatte seine Tochter eigentlich nur wecken wollen. Er starrte die Amme hilflos an. Lucina war eine knochige Frau mit dünnem schwarzem Haar, dicken schwarzen Gewändern und schwarz unterlaufenen Augen, der ein bisschen Schlaf gut getan hätte. Aber Lucina schlief nie. Sie war immer zur Stelle, um Orleia in Schutz zu nehmen und auf dem König herumzuhacken.

Das heiratsfähige Alter, eine schwierige Phase, überlegte Godor und hatte einen Geistesblitz. Eine Hochzeit konnte seine eigenen Schwierigkeiten vielleicht beenden. Wenn es ihm gelang, seine mürrische Tochter in ein fremdes Land zu verheiraten, musste Lucina mit ihr gehen. Godor rieb sich die Hände und schickte dem Barden einen Herold hinterher. Bald wusste die gesamte bekannte Welt, dass im Lande Akera eine liebreizende Prinzessin auf einen Freier wartete. Der Mann, der ihr Herz eroberte, sollte als Mitgift das halbe Königreich und die ganze Amme bekommen.

Mein Herold muss überzeugend gewesen sein, aber dieser Barde ist ein wahrer Meister der Übertreibung, dachte Godor, als sich Monate später die Bewerber um die Hand der Prinzessin im Audienzsaal versammelten.

Fünf Prinzen hatten den weiten Weg auf sich genommen, um seine Tochter kennen zu lernen. Lucina stand mit gerunzelter Nasenwurzel im Schatten hinter dem Thron, aber Godor war in großartiger Stimmung. Die Bewerber gehörten zum Besten, was die Reiche zu bieten hatten.

Da war Robin, der Pilgerprinz, Sohn des Königs der Insel, ein drahtiger Mann, der viele Jahre in Askese zugebracht hatte und der die Umarmung einer jungen Frau sicher zu schätzen wusste, auch wenn diese ein wenig schnippisch war und eine bösartige Amme in die Ehe einbrachte. Robin war ein weit gereister, erfahrener Krieger, der mit seinem knotigen Pilgerstab besser kämpfte als andere Männer mit dem Schwert. Natürlich war Robin auch mit Schwert, Dolch, Lanze oder Wurfaxt gut. Es hieß, er habe alle Länder der Welt bereist und alle Abenteuer bestanden, die es für einen Mann zu bestehen gab. Weil sein Vater sich noch immer robuster Gesundheit erfreute und die Thronfolge warten musste, war Robin in das einzige Land gepilgert, in dem er noch nicht gewesen war. Das Land König Godors. Hier suchte er das einzige Abenteuer, das er noch nicht bestanden hatte: die Ehe mit einer verwöhnten Jungfrau.

Im Gegensatz zu dem kurz geschorenen Pilgerprinzen trug Ragnar von Halgonia sein Haar lang. Er hatte sich einen Pferdeschwanz gebunden, was Orleia vermutlich gefallen würde. Ragnar war der einzige Sohn des greisen Königs Halgon, der letzte, der verhindern konnte, dass sich die Blutlinie der Halgonier in den Wirren der Geschichte verlor. Sein neunzigjähriger Vater war für diese Aufgabe nicht mehr der richtige Mann; genau genommen war er überhaupt kein Mann mehr. Ragnar verfügte nicht über Robins Erfahrung, aber sein Reich lag auf der anderen Seite der Granitberge. Das würde Lucina davon abhalten, ständig zu Besuch zu kommen, sobald sie erst einmal in Halgonia war.

Allerdings wurde Ragnars Land von den Drakoniern bedroht, einem zornigen Steppenvolk, das auf Kriegswölfen ritt und ständig nach Beute, Sklaven und Streit gierte. Die Grundstückspreise in Halgonia fielen seit Jahren, und Ragnar musste jeden Verbündeten akzeptieren, den er kriegen konnte. Vielleicht konnte Lucina dafür sorgen, dass die Barbaren künftig einen Bogen um Halgonia machten.

Legoman, der Waldelf, würde einen einflussreicheren Schwiegersohn als Ragnar abgeben. Die Elfen waren eine uralte Rasse aus dem Westen. Den meisten Völkern waren sie unheimlich, mit Ausnahme vielleicht der Zwerge aus dem Osten, die unter der Erde hausten und sich nur selten mit Elfen abgeben mussten. Selbst die Drakonier hatten es bisher nicht gewagt, sich mit den Elfen anzulegen, die mit ihren Bogen hundert Pfeile pro Minutenglasfüllung abschießen und Feuerbälle aus ihren Handflächen schleudern konnten, wenn sie einen guten Tag hatten. Legoman sah aus, als habe er noch nie einen schlechten Tag gehabt. Er war ein hochmütiger Kerl mit beängstigenden Spitzohren und wie alle Vertreter seiner Rasse ein gefährlicher Krieger. Leise, unsichtbar, tödlich, ein Meister der Tarnung und des Langstreckenbogens. Er war der Kronprinz des Waldlandes, und das war immerhin das Reich mit der besten Luft auf ganz Helgoort. Angeblich war Legoman auch ein Magier. Godor überlegte, ob er den Elfenprinzen überreden konnte, ein paar Kupferstücke in Goldmünzen zu verwandeln.

Tifar, der Sohn des Großkomuls von Turkistan, war ebenfalls ein Exot. Er hatte olivfarbene Haut, eine Hakennase und trug einen Hut aus gewickelten Handtüchern. Das sah komisch aus, war auf Reisen aber praktisch, weil man im Handgepäck den Platz für das Badetuch sparte. Die Turkistani waren ein verschlagenes Volk, und wer über sie herrschte, musste schon sehr ausgekocht sein.

Tifars Familie war unsagbar reich, ihr Land sagenhaft schön. Godors Herold behauptete, in Turkistan herrsche immer Badewetter. Der König glaubte ihm, seit er die Kopfbedeckung des Prinzen gesehen hatte. Tifar wurde von einem Diener begleitet, einem Frogo aus den Sümpfen Tasmans. Die echsenähnlichen Froschgesichter waren beinahe ausgestorben. Wer sich solch einen Diener leisten konnte, musste nicht zaubern, um in Gold zu schwimmen.

Zuletzt fiel Godors Blick auf Rumbold, den Raufbold, einen Raubritter aus den sieben Grafschaften. Rumbold trug eine schwarze Rüstung über seinem schwarzen Herzen und war vielleicht der einzige unter den fünf Freiern, der es mit der Amme Lucina aufnehmen konnte. Der schwarze Ritter war ein übler Flegel, aber man durfte es sich nicht leichtfertig mit ihm verderben. Rumbold war stark. Er konnte ein Fünfzigliterfass Met eine halbe Stunde am ausgestreckten Arm halten und es danach in einer halben Minute leer trinken. Im Kampf focht er mit einem Bihänder rechts, einer Doppelaxt links und einem arglistigen Knappen hinter sich im Gebüsch, der eine Schnellspannarmbrust trug. Wenn es jemandem eines Tages gelang, die sieben Grafschaften unter einer Knute zu vereinen, dann war das gewiss Rumbold.

Dennoch, Godor mochte den fetten Raubritter nicht. Robin, überlegte der König, Robin wäre ihm der liebste Schwiegersohn, vielleicht auch Tifar oder der Waldelf. Ragnar war problematisch. Eine Bedrohung durch den Steppenfürsten Drakon durfte man nicht auf die leichte Schulter nehmen. Godor schielte zu Lucina. Die Steilfalte auf ihrer Stirn war tiefer geworden. Sie presste die Lippen zu einem Strich aufeinander und sah Godor ungehalten an. Das hieß wohl, er sollte zur Sache kommen.

Orleia, dachte er, was machst du nur für Sachen.

Das Bild einer dunklen Festung formte sich in seinem Kopf. Die Burg saß auf einem schroffen Fels, Moos wucherte auf der brüchigen Mauer. Weit oben flackerte ein winziges Licht. Im höchsten Turm der Burg, wo der Wind durch die Mauerritzen pfiff und der Küchenaufzug nicht hinreichte, wurde eine Jungfrau gefangen gehalten.

Eine grollende Stimme brachte Godor in die Wirklichkeit zurück. »Was ist, sollen wir hier Wurzeln schlagen?« Das war Graf Rumbold. »Wir haben noch etwas vor, falls Ihr versteht, was ich meine.« Rumbold ließ ein Raubritterlachen hören, während er sein Becken vor und zurück stieß. Die schwarze Rüstung quietschte im Takt. »Also, wo ist Eure Tochter, Godor?«

Der König holte tief Luft und erhob sich. Laut sagte er: »Das ist das Problem, edle Herren. Orleia ist nicht hier. Sie wurde von einem Drachen geraubt.«

Nun war es heraus. Das Spiel begann.

II.

Auf dem Planeten Erde, in einer kleinen Künstleragentur in Hollywood, wo es schon immer mehr Schauspieler als Filmrollen gab.

Als der Morgen graute, erschien ein bunter Fleck zwischen den Bäumen. Ein Ritter trat auf die Lichtung. Über seinem metallicblau gespritzten Kettenhemd trug er ein wollenes Wams mit Karomuster. Es waren kleine Karos, so viele wie es Farben gab. Falls Feinde in der Nähe lauerten, konnten sie den Ritter unmöglich übersehen, aber vielleicht würden sie die Augen irritiert zusammenkneifen, denn aus der Ferne sahen die Karos wie die wirren Punkte in einem Sehtest aus. Das würde dem Ritter wertvolle Sekunden schenken, und mehr brauchte er nicht.

Er war Balo, der Kampfprinz.

Balo war auf der Suche nach seiner Verlobten, einer goldgelockten, jungfräulichen Prinzessin. Was letztere Eigenschaft betraf, konnte Balo nicht ganz sicher sein, denn seine Geliebte befand sich in der Gewalt eines triebhaften Landvogts. Die Prinzessin hieß Ursel. Einfach nur Ursel, aber Balo suchte trotzdem nach ihr. Letzte Nacht hatte er das Sumpfland durchquert, um schneller bei seiner Verlobten zu sein, obwohl es auf einen Tag nicht mehr ankam. Der Vogt hatte die Prinzessin vor sieben Jahren entführt. Balo konnte sich jetzt erst darum kümmern, weil er lange im Ausland gekämpft hatte. Man nannte es einen Kreuzzug.

Balo zog ein Rasiermesser aus dem Waffengurt und schnitt sich die Blutegel aus dem Gesicht. Sie quietschten wie junge Haubentaucher, die in Panik gerieten, weil ihre Mutter seit mehr als einer Stunde unter Wasser war.

Knips.

Das Bild auf dem Wandmonitor fror ein. Balo grinste dümmlich. Ihm hing noch immer ein halber Egel im Gesicht.

»Erkennst du das Problem, Jack?«, sagte Michael Clopper. Er war der Mann mit der Fernbedienung.

»Die Spezialeffekte sind Scheiße.«

»Die Effekte sind okay. Das Problem ist: Es ist eine Komödie. Sehe ich aus wie ein gottverdammter Komiker?« Und als sein Gegenüber nicht gleich antwortete: »Ich bin Actionheld, das ist das Problem.«

Michael Clopper war ein großer Mann mit blondierten Stoppelhaaren, stahlblauen Augen und Muskeln, denen man regelmäßiges Training und eiweißhaltige Nahrung ansah. Sein Dreitagebart war aus der Mode, doch Mike wusste, dass die Stoppeln viele Frauen beim Sex in Ekstase versetzten.

Außerdem musste er sparen, wo er konnte, auch bei Rasierklingen, denn er war wieder einmal pleite. Michael Clopper war Schauspieler, aber der Erfolg ließ auf sich warten. Einige Male hatte er kurz vor dem Durchbruch gestanden, doch auf dem Weg in die erste Liga der Actionstars kam ihm jedes Mal etwas dazwischen.

Ein Film wie Balo, der Kampfprinz zum Beispiel.

Als die Studiobosse den Rohschnitt sahen, feuerten sie den Regisseur Fred Zumpel, sagten die Premiere ab und veröffentlichten den Streifen direkt für den Heimkinomarkt. Natürlich gab es ohne Regisseur keinen Endschnitt, Balo erhielt vernichtende Kritiken, und das Einspiel war kläglich.

»Ich hatte die Gage für die Fortsetzung fest eingeplant«, maulte Clopper. Der andere Mann horchte auf. Er hieß Jack Alamo und war Michaels Agent.

»Eine Fortsetzung? Zumpel wollte eine Fortsetzung drehen?«

»Ja, Balo, der Rückkehrer.«

»Ich weiß nicht, Mike. Mit diesem Helden konnte es nichts werden. Ich meine, Balo, das klingt nach einem tapsigen Bären, der Kinder fröhlich macht. Nicht mal deine Fans wollen dich in so einer Rolle sehen.«

»Meine Mutter hat sich den Film gekauft. Es gibt eine wirklich gute Szene, in der ich ein fieses Fechtskelett auseinander nehme. Ich habe extra mit Hohiro-san trainiert, aber Zumpel hat die Sequenz herausgeschnitten. Er behauptete nachher, ein Samuraischwert passt nicht in einen Fantasyfilm.« Michael Clopper zuckte mit den Schultern. »Ich durfte nicht mal meinen Spruch sagen.«

Der Spruch lautete Ich schieße dir zwischen die Augen, Baby und war Mikes Markenzeichen. Er hatte ihn in Killerkatze zum ersten Mal gesagt, einem Psychothriller, in dem er einen Ehemann spielte, der von seiner Frau misshandelt wird und der zurückschlägt, als er die Demütigungen nicht länger ertragen kann. Killerkatze war Cloppers erste halbwegs seriöse Hauptrolle gewesen. Er hatte verhaltene Kritiken bekommen, aber der Spruch kam bei den Fans gut an, und Michael hatte ihn in fast jedem seiner Filme unterbringen können.

»Ich hätte vielleicht einen Job für dich.« Jack Alamo war ein Mann mit schütterem Haar, wulstigen Affenlippen und mindestens einem Zentner Übergewicht. Er hatte scheinbar immer ein As im Ärmel und hielt zu seinen Klienten, auch wenn sie eine Pechsträhne hatten. Das fiel Jack Alamo nicht schwer, denn er besaß nicht viele Klienten, aber Michael Clopper betrachtete ihn als Freund.

»Was ist das für ein Job, ein Actionfilm?«

»Nicht direkt, aber Action wird es eine Menge geben, denke ich.« Der dicke Agent machte eine Pause. »Du sollst einen Drachen schießen, Mike.«

Die Schauspielerei war ein verzwicktes Geschäft. Es gab immer mehr Darsteller als freie Rollen. Jack hatte das Problem erkannt und betrieb nebenher eine Söldneragentur, weil es im Universum auch mehr Kriege als verfügbare Soldaten gab. Mit ein wenig Geschick konnte er das Missverhältnis zwischen beiden Branchen ausgleichen.

»Du warst Söldner, ehe du Schauspieler wurdest«, gab er zu bedenken.

»Das ist wahr. Aber ein Drache?«

»McCormick braucht einen Drachen.«

Max McCormick war ein schwerreicher Filmmogul, dessen Studio alle großen Blockbuster der letzten fünf Jahre produziert hatte. Clopper war dreimal zum Vorsprechen zu McCormick gegangen, aber er war schneller wieder draußen gewesen, als er den Mund zumachen konnte.

»Vergiss es, Jack. Ich mag McCormick nicht.«

Alamo schwieg eine Weile. Dann nickte er: »Cathy sagte mir, dass du es nicht machen würdest. Es liegt an dem Drachen, nicht wahr?«

Cathy Glory war Jacks Sekretärin. Eine dralle Blondine mit einem Hintern wie eine alte Bergmannsschaufel und vollen, mit Plastikon gefüllten Lippen. Clopper stand auf sie, besonders wenn er daran dachte, wozu Frauen mit solchen Lippen imstande waren. Cathy zog meistens halb durchsichtige Oberteile an und verzichtete auf einen Büstenhalter, nicht weil sie es konnte, sondern weil sie über ein übersteigertes Selbstbewusstsein verfügte. Aber Clopper fand es erotisch, wie alles, was mit Cathy Glory zusammenhing. Manchmal stellte er sich sogar vor, Sex mit ihr zu haben, während sie Lockenwickler trug. »Der Drache? Was meint Cathy damit, dass es am Drachen liegt?«

»Sie sagte, du würdest Bedenken haben, weil er groß ist.«

»Blödsinn.«

Jack Alamo sah, wie Cloppers Kieferknochen mahlten.

»Wozu braucht McCormick einen Drachen?«

Der Agent sprang aus dem Sessel und lief zu seinem Schreibtisch, auf dem der Vertrag lag. »Das ist eine witzige Geschichte, sie wird dir gefallen. McCormick benötigt nur ein Stück von der Haut des Drachen. Für seine Frau.«

»Verstehe, eine Transplantation.«

»Daneben, Mike. McCormick hat seiner Assistentin eine Handtasche aus dem Leder des letzten lebenden Komodowarans geschenkt. Das heißt, ursprünglich war es der letzte lebende Waran. Jetzt lebt er ja nicht mehr.« Alamo lachte kurzatmig. »Seine Gattin ist dahinter gekommen und will die Scheidung. Das würde McCormick ein paar Milliarden kosten. Deshalb will er die Frau mit einer Drachenledertasche besänftigen. Das kostet ihn bloß fünfzig bis sechzig Millionen, je nachdem, wie viel Material du verballerst.«

Alamo wedelte mit dem Vertrag. »Für dich ist eine halbe Million drin, Mike, und bei Erfolg kann ich sicher eine Filmrolle aushandeln.«

Das klang verlockend. Mit einer halben Million auf dem Konto und der Hauptrolle in einer Max-McCormick-Produktion würde Michael Clopper so gut wie ausgesorgt haben. Außerdem wollte er sich die Gelegenheit, Cathy Glory zu beeindrucken, nicht entgehen lassen. »Die Ausrüstung wird also gestellt?«, erkundigte er sich. Aber im Grunde stand seine Entscheidung fest.

»Vollautomatische Waffen, ein Scharfschützengewehr, Pistolen mit Ziellaser, Raketenwerfer, das volle Programm. Alles, was du willst. Lass nur genug von dem Drachen übrig, dass McCormick eine Tasche daraus zuschneiden lassen kann.«

»Ich möchte ein Samuraischwert mitnehmen«, sagte Clopper. Jack Alamo nickte sofort. Damit war es besiegelt. Mike würde die Schauspielerei für eine Weile an den Nagel hängen und zum Großwildjäger werden. Das Transportschiff startete übermorgen. McCormick stellte einen Valkyrie-Kampfgleiter, mit dem der Drachentöter auf dem fremden Planeten landen konnte. Dort hatte er vier Wochen Zeit, einen Drachen zu finden, ehe ihn das Frachtschiff auf dem Rückweg abholte.

»Wenn Cathy die Ausrüstung packt, soll sie darauf achten, dass sie das Tränengas nicht wieder durch Luftschlangenspray ersetzt. Das ist nicht witzig.«

Diese Bemerkung konnte sich Clopper nicht verkneifen. Sein letzter Auftrag als Söldner vor ein paar Jahren war in die Hose gegangen, weil Jacks Sekretärin bei der Arbeit häufig unkonzentriert war. Alamo musste ein Lösegeld stellen, und Michael war Schauspieler geworden.

»Wo leben heutzutage eigentlich noch Drachen?«

»Ich glaube, der Planet heißt Helgoort, Mike.«

III.

Auf dem Planeten Helgoort, im Reich König Godors, wo eine Prinzessin in Gefahr schwebt und die Retter allmählich in die Gänge kommen.

Prinz Tifar und sein froschgesichtiger Diener Quinal verließen Godors Burg als letzte. Die Sonne hatte den Zenit überschritten. Die Amme der Prinzessin stand mit verkniffenem Mund daneben, als sich der fremdländische Edelmann aufs Pferd schwang. Ihre Körperhaltung drückte Missbilligung aus. Tifar reckte seine Nase hochmütig in den Wind. Er war es gewohnt, bis Mittag zu schlafen, und um diese Zeit lief in Turkistan nicht viel. Aber nun war er unterwegs.

Die Hufe der Pferde wirbelten Staub auf, Steine spritzten in alle Richtungen. Tifar nahm sich die Zeit, sich im Sattel umzuwenden. Er sah Lucina in einer Dreckwolke stehen und fand, dass der Tag gut begann. Die verbliebenen Stunden würde er nutzen, um sich etwas auszudenken. Die anderen Prinzen besaßen einen Vorsprung, aber man musste nicht als Erster am Ziel ankommen, um das Rennen zu gewinnen. Es reichte, wenn man als Letzter auf den Beinen war. Wie sagte man in Turkistan? Die Ersten fressen die Drachen.

Nach einer Stunde gelangten sie an einen Wald aus Silbereichen und knorrigen Schwarzstämmen. In der Ferne sah Tifar ein Dorf, etwa zwanzig Häuser aus Stein. Wo so viele Wohngebäude standen, musste es eine Schänke geben. Doch um zur Schänke zu gelangen, mussten sie an den Männern vorbei, die den Weg versperrten.

Die Männer waren zu dritt. Raue Krieger in Lederrüstungen. Sie hatten sich Eisenringe auf die Wämser genäht. Diese Ringe waren ein passabler Schutz vor Dolchstößen, nachlässig geschossenen Pfeilen oder Disteln und würden wohl auch einen Schlag von Tifars Krummsäbel aushalten. Die Wegelagerer zogen ihre Schwerter und kamen entschlossen näher. Der Prinz und sein Diener hatten keine Chance, den grobschlächtigen Männern auszuweichen. Der Weg zum Drachenfels führte an diesen Kriegern vorbei. Die Alternative hieß umkehren und scheitern.

Gerade als sich Tifar für die Alternative zu erwärmen begann, hörte er hinter sich ein Geräusch. Zwei weitere Kämpfer hatten sich in einem Gebüsch versteckt. Jetzt schnitten sie den Reitern den Rückweg ab.

»Herr, Ihr allein gegen fünf«, flüsterte Quinal, der Begleiter des Prinzen, »das könnte eine von den Heldentaten werden, die Ihr Eurem Vater versprochen habt.«

Tifar warf dem Frogo einen Blick zu. »Was ist mit dir?«

»Ich werde natürlich an Eurer Seite sterben.«

»Nun, ich dachte eigentlich, dass du allein …«

Der Anführer der Wegelagerer unterbrach ihn. »Runter von den Pferden. Sonst werdet ihr leiden.« Er hatte einen struppigen Bart und trug einen Ehereif, was darauf hinwies, dass er etwas vom Leiden verstand. Die Männer an seiner Seite blickten ernst. Das Gesicht des einen war mit einem dichten Filz aus schwarzen Haaren überwuchert. Sie wuchsen ihm aus der Nase, aus den Ohren und sogar auf der Stirn. Der andere war kahl. Anstelle der Brauen hatte er horizontale Narben. Alle drei waren mit Schwertern bewaffnet.

»Und wenn wir tun, was ihr befehlt?«, fragte Tifar in der Hoffnung auf eine weitere Alternative.

Der Wortführer entblößte braune Zahnstummel. »Dann werdet ihr bloß sterben.«

Quinals Pferd tänzelte nervös zur Seite. Die Krieger in ihrem Rücken rückten drohend näher: ein Fleischkoloss mit einer doppelschneidigen Axt und ein Dürrer mit einem Kurzbogen. Ihr Atem verriet sie: Der Fettwanst mochte überwürzte Speisen, der Hänfling hatte letzte Nacht zuviel getrunken. Sein Arm zitterte, als er den Bogen spannte.

»Ihr kennt nicht zufällig den Weg zum Drachenfels?«, fragte Quinal, um Zeit zu gewinnen. Die Krieger lachten rau, aber dann hielten sie inne. Eine Stimme erklang am Waldrand: »Das ist eine verdammt gute Frage.«

Ein weiterer Mann trat zwischen den Bäumen hervor. Er war in fließende, grünbraun gemusterte Gewänder gekleidet, die seine Konturen mit dem Wald verschmelzen ließen. Er trug eine olivfarbene Schirmmütze. Um seine Schultern hing ein Umhang, auf den jemand Blätter gestickt hatte, die es in diesem Land nicht gab, und auch in keinem anderen, soweit Quinal das beurteilen konnte. Der Neuankömmling hob den Kopf. Zwei riesige silberne Augen blitzten auf.

Die Wegelagerer erstarrten. In den Augen des Fremden spiegelte sich Bosheit. Als sie genau hinsahen, erkannten sie, dass es ihre eigenen Gesichter waren.

Die Krieger blickten sich verunsichert um. Der Fette schwitzte stark, der Dürre begann zu zucken.

»Also, was ist?« Die Stimme klang dumpf. Wo bei anderen Männern der Mund saß, wuchs dem Fremden eine Art Muschel im Gesicht, aus der rasselnd Atem entwich.

»Der Drache, wo ist er?«

Plötzlich nahm der Mann die Augen von der Nase, klappte sie zusammen und steckte sie in die Brusttasche. Unter dem silbernen kam ein weiteres Augenpaar zum Vorschein. Diese Augen waren blau, und in ihnen spiegelte sich nichts, nur das Versprechen eines würdelosen Todes.

Der dünne Krieger ließ vor Schreck den Bogen los. Der Pfeil schwirrte von der Sehne und landete zwischen den Füßen des Fremden.

»Blöder Wichser«, sagte der Vieräugige.

Michael Clopper reagierte, wie er es als Söldner gelernt und als Filmheld perfektioniert hatte – mit rascher Vergeltung. Er warf eine Tränengasgranate und trat zur Seite, während die Planetenbewohner von Hustenkrämpfen geschüttelt zu Boden gingen. Auf Helgoort herrschten Zustände wie im Mittelalter auf der Erde. Das Gesetz musste mit dem Schwert durchgesetzt werden. Aber Schwerter waren nicht alles. Genau genommen herrschte das Recht des besser Bewaffneten, und Cathy Glory hatte ihm einen Rucksack mit erlesener Bewaffnung zusammengestellt.

Clopper zog ein Bündel Kabelbinder aus dem Sack und schnürte den Kriegern die Hand- und Fußgelenke zusammen. Die Kerle in den Lederrüstungen waren offenbar Räuber, und Clopper zog die Bänder ein bisschen fester als nötig. Die beiden Reisenden ließ er zufrieden. Sie schienen harmlos zu sein. Auch die Pferde fesselte er nicht.

Als sich das Tränengas verzogen hatte, nahm Clopper die Sauerstoffmaske vom Mund. Die Luft auf Helgoort war sauberer als auf der Erde, aber der Instrukteur im Raumschiff hatte darauf bestanden, dass Clopper die Maske während der Landung und eine Stunde danach trug. Jetzt war die Zeit um.

Die Planetenbewohner kamen zu sich. Die Wegelagerer sahen, dass sich der Fremde eine Fackel zwischen die Zähne steckte. Sie brannte schlecht, stank aber zum Fürchten. Die Räuber strampelten panisch mit den Beinen. Clopper paffte ein paar Züge, dann drückte er die Zigarre aus. Es war eine schlechte Angewohnheit, und eigentlich wollte er sich das Rauchen abgewöhnen. Außerdem hatte er zu arbeiten.

»Der Drache«, erinnerte er. »Ihr sagtet etwas von einem Drachenfels. Dort haust doch sicherlich ein Drache?«

Prinz Tifar setzte sich auf. Sein Schädel dröhnte und die Nase fühlte sich innen an, als habe ihm jemand einen glühenden Kienspan hineingestoßen. Aber der turkistanische Edelmann erkannte eine Gelegenheit, wenn sie ihm unverhofft begegnete. Dieser seltsame Fremde war so eine Gelegenheit. Also nickte Tifar. »Ihr seid nicht hinter der Prinzessin her?«, erkundigte er sich.

»Nein«, sagte Clopper. »Ich suche einen Drachen, keine Frau, obwohl das manchmal das Gleiche ist.«

Der Prinz streckte seinem Diener die Hand hin, und dieser musste ihn auf die Füße ziehen. Tifar lächelte dünn. »Nun, mein Freund, vielleicht können wir einander helfen.«

Die Pferde waren nicht wieder aufgestanden. Offenbar litten sie an einer Tränengasallergie, die eine unerwartete Reaktion ausgelöst hatte. Clopper beschloss, dieses Detail in seinem Bericht zu verschweigen. Aber der Prinz war ihm nicht böse. Er befahl seinem Diener, dem Fremden zu helfen, die gefesselten Räuber in die Büsche zu schleppen. Er selbst spritzte aus seiner Trinkflasche Zuckerwasser auf die besiegten Krieger. »Für die Blutwespen«, erklärte Tifar mit einem Fingerzeig auf das große Insektennest, das zwischen den Ästen eines Baumes hing. Danach erzählte er, wie diese ganze Geschichte angefangen hatte.

»Das müssen Graf Rumbolds Männer gewesen sein«, meinte der froschgesichtige Diener des Prinzen auf dem Weg ins Dorf. »Die tragen Lederrüstungen mit Eisenringen.«

»Es ist ein Kompromiss zwischen Panzerung und Preis«, sagte Clopper ernst. Er rekapitulierte: »Rumbold ist einer der Edelleute, die Prinzessin Orleia befreien wollen.«

»Ja, aber sein Blut ist nicht sehr edel«, erklärte Tifar.

»Rumbold ist dein Feind?«

»Eher ein Mitbewerber.«

»Ich sehe, ihr habt euch schon eine zivilisierte Sprachregelung zugelegt.«

»Ein Mitbewerber um die Hand der Prinzessin«, stellte Quinal klar.

»Ein Bewerber, der sich das halbe Reich unter den Nagel reißen will«, präzisierte Tifar.

Sie erreichten das Dorf. Ein paar Hühner und Gänse flohen gackernd und schnatternd über die Straße. Eine alte Frau starrte aus einem Giebelfenster. Sie schien enttäuscht, dass der Kampf gegen Rumbolds Schergen so kurz gewesen war.

»Wie sieht diese Prinzessin aus?«, wollte Clopper wissen.

In Tifars Augen stahl sich Misstrauen. »Ich habe sie noch nie gesehen«, wich er aus.

»Dann lohnt sich deine Suche vielleicht gar nicht, was?«

»Man sagt, Orleias Haar sei so golden wie die Morgensonne«, informierte Quinal. Tifar funkelte ihn warnend an.

»Sie ist also blond«, stellte Clopper fest. »Nicht übel.«

In der Dorfmitte fanden sie eine Schänke. Ein verbeultes Zunftzeichen hing über dem Eingang – ein schäumender Bierkrug, unter dem sich zwei fettige Schweinshaxen kreuzten. Der Wirt hatte einen enormen Wanst, über dem sich ein speckiger Lederschurz spannte. Tifar bestellte Wein.

Als der Wirt die Becher brachte, zeigte der Prinz auf Clopper und widmete sich konzentriert seinem Getränk. Überrumpelt reichte Mike dem Mundschenk seine Kreditkarte. Der Wirt nahm sie zögernd, beäugte sie von allen Seiten und biss ein Loch hinein.

»He!«, rief Clopper. Der Wirt gab ihm die Karte kopfschüttelnd zurück. Er hob zwei Finger.

»Was soll das heißen?«

»Er bietet Euch zwei Kupferstücke für die bunte Scheibe«, interpretierte Quinal die Geste.

»Zwei Kupferstücke. Was bekommt man dafür?«

»Einen Krug Dünnbier.«

Clopper steckte die Kreditkarte rasch weg. »Ihr habt sie ja wohl nicht mehr alle. Zwei Kupferstücke! Das ist eine Goldkarte. Da, wo ich herkomme, kriege ich dafür eine Kiste Chateau Rothschild 1815, ohne dass irgendjemand mit der Wimper zuckt.«

»Wie Gold sieht das aber nicht aus«, meinte Quinal zweifelnd, und dem Prinzen blieb nichts übrig, als den Wein aus der eigenen Börse zu bezahlen. Er zog einen prall gefüllten Beutel mit Goldstücken hervor, gab dem Wirt eine dicke Münze und wartete ungeduldig auf das Wechselgeld.

»Das ist Gold«, sagte Tifar herablassend.

Der Wirt brauchte eine Weile, dann brachte er einen Berg Kupferstücke, die er in seiner Schürze herbeischleppen musste. Stirnrunzelnd blickte der Prinz auf den Geldhaufen, der den halben Tisch in Beschlag nahm.

»Nimm es mit«, befahl er. »Und richte mir ein Zimmer!«

»Ein Zimmer?«, wunderte sich Quinal. »Wollen wir schon rasten, Herr? Die Prinzessin …«

Tifar fiel ihm ins Wort. »Die Prinzessin wird schneller frei sein, wenn du meinen Freund«, er wies auf Clopper, »auf dem kürzesten Weg zum Drachen führst. Ich wäre euch nur eine Last. Du weißt doch, mit meinen neuen Stiefeln kann ich unmöglich das Gelfmoor durchqueren. Meine Mutter würde mich töten.« Er wandte sich an Clopper. »Ihr habt sicher nichts dagegen, die Prinzessin mitzubringen, nachdem Ihr den Drachen getötet habt?«

Mike zuckte nur mit den Schultern.

»Dann ist es abgemacht«, rief Tifar und klatschte in die Hände. »Mein treuer Steigbügelhalter wird Euch alles erklären, was Ihr wissen müsst.«

Eine Viertelstunde später packten Mike und der Frogo ihre Sachen und verließen die Schänke. Der Gastwirt eilte herbei und öffnete beflissen die Tür. Clopper steckte ihm einen Dollarschein als Trinkgeld hinter den Schürzenrand, doch der Wirt wirkte nicht besonders glücklich.

»Woher weiß dieser König – Godor – eigentlich, wohin der Drache seine Tochter entführt hat?«, fragte Clopper seinen neuen Begleiter.

»Ich nehme an, der Kristall hat es ihm verraten.«

»Der König spricht mit einem Stein?«

»Es ist eine Zauberkugel. Sie zeigt Bilder. Der schwarze Kristall besitzt große Macht. Seit er in Godors Besitz ist, hat niemand es gewagt, Akera anzugreifen.«

»Wo hat Godor das Ding aufgetrieben?«

»Arogarn hat den Kristall aus dem Nordland mitgebracht. Er war in einem Tempel im Eis versteckt. Arogarn musste viele Monster töten, um in seinen Besitz zu gelangen.«

»Wow«, machte Clopper. »Klingt cool. Wahrscheinlich waren das aber nur Pinguine und dieser Kerl hat die Geschichte ein bisschen ausgeschmückt. Wer ist Arogarn?«

»Des Königs Waldläufer.« Quinal sagte das, als würde es alles erklären, und Clopper bohrte nicht weiter. Sie liefen eine Weile schweigend nebeneinander her. Dann räusperte sich der Frogo. »Es ist schwer, einem Drachen den Kopf abzuschlagen. Wenn wir das Untier gefunden haben, wie willst du es töten?«

Clopper griff nach seiner Zigarre, überlegte es sich aber anders und fischte einen Kaugummi aus der Beintasche. »Mal sehen, wahrscheinlich schieße ich ihm zwischen die Augen.«

IV.

In den Wäldern von Akera, einem Paradies aus unberührter Natur unter einer leuchtend gelben Sonne. Auf der Erde würde man Waldbrandwarnstufe II ausrufen.

Sie folgten einem alten Hohlweg tiefer in den Wald. Der Weg war ausgefahren und hatte tiefe Karrenspuren. Clopper kam in den Sinn, dass der Pfad nach den Maßstäben dieses Planeten eine Hauptverkehrsader war. Eine Autobahn, die direkt zum Drachenfels führte. Er fand, dass das zu einfach war, aber einen Haken würde es schon noch geben. Er fragte seinen Begleiter, und der Frogo bestätigte Mikes Vermutung.

»Wir müssen zunächst tausend Gefahren bestehen, ehe wir zum Drachenfels gelangen, Meister.« Seit Clopper mit seinem Kaugummi eine Blase gemacht hatte, nannte Quinal ihn Meister. Der Frogo zählte auf: das Gelfmoor, der Strom Yardon, der Netzwald. Für Clopper klang das nicht sehr gefährlich, aber er wollte seinen Begleiter nicht beleidigen. Das Froschgesicht sah hässlich aus, hatte sich jedoch als freundlich erwiesen und schien ein verlässlicher Kamerad zu sein. Quinal war das genaue Gegenteil von Cloppers Schauspielerkollegen. »Das sind drei Gefahren. Was ist mit den anderen neunhundertsiebenundneunzig?«

»Oh, außer Rumbold werden auch die anderen Prinzen versuchen, uns aufzuhalten. Nur derjenige, der Prinzessin Orleia als erster erreicht, kann ihre Gunst erringen.«

»Zuvor muss er aber den Drachen erledigen, oder?«

»Das ist richtig, Meister. Aber die Prinzen sind gute Kämpfer.« Quinal fing an, die Vorzüge der konkurrierenden Edelleute aufzuzählen. »Robin, der Pilgerprinz, ist schnell zu Fuß. Er hat sein halbes Leben mit Gewaltmärschen in heiligen Ländern zugebracht.«

Clopper behielt die Ruhe. »Robin wird vielleicht vor uns da sein. Aber ich habe eine Lindstrad-Büchse, mit einem Zielfernrohr von Zeiss. Treffsicher auf zwei Kilometer. Das lässt einen Vorsprung ganz schön schrumpfen, sage ich dir.«

Außerdem, überlegte Mike, war er nicht hier, um ein Wettrennen zu der halbwüchsigen Häuptlingstochter eines Naturvolks zu gewinnen. Er sollte einen Quadratmeter Drachenhaut besorgen, das war alles. Andererseits hatte er Tifar versprochen, die Prinzessin auf dem Rückweg mitzunehmen, falls es sich einrichten ließ. Vielleicht bekam er ja Gelegenheit, das Lindstrad-Gewehr auszuprobieren.

»Die Haare der Prinzessin – welches Blond haben die?«

»Wie meinst du das, Meister?«

»Es gibt verschiedene Arten von Blond. Platin, Gold oder Weizen. Aschblond, Strohblond, Strähnchen? Oder einfach nur Schlampenblond?« Er dachte an Jacks Sekretärin.

»Schlampenblond?«

»Das ist gefärbt, aber irgendwie halbherzig. So als sei es der Frau egal, wie sie aussieht. Sie hat sich die Haare nur blondiert, weil sie hofft, einen reichen Mann abzukriegen.«

Quinal dachte nach. »Ich habe die Prinzessin noch nie gesehen, aber ich glaube nicht, dass es ihr um Reichtum geht. Sie ist selbst sehr reich, Meister.«

»Auch wieder wahr. Das hatte ich vergessen.«

Sie begegneten einem Kaufmann, der einen Planwagen mit zwei Pferden fuhr. Er grüßte freundlich, aber auf dem Kutschbock neben ihm saß ein Mann mit einer nagelneuen Armbrust, der nicht grüßte. Seine Augen suchten wachsam den Hintergrund ab. Er sah aus, als hoffe er auf eine Gelegenheit, seine Waffe auszuprobieren. Clopper erwog, den Krämer in ein Verkaufsgespräch zu verwickeln, um die Geduld des Wächters auf die Probe zu stellen. Er trug Unterwäsche der Marke A®mor. Das war ein Wortspiel mit dem Namen des irdischen Liebesgottes und dem Begriff für Panzerung. Die Wäsche war atmungsaktiv, konnte aber jedem Pfeil standhalten, selbst wenn er von Amor persönlich abgeschossen wurde. Das behaupteten sie jedenfalls in der Werbung, und niemand würde es nachprüfen können, weil es den Liebesgott in Wirklichkeit nicht gab.

Clopper entschied, nichts zu kaufen, da er kein Zahlungsmittel besaß, das auf Helgoort akzeptiert wurde. Er konnte kein weiteres Loch in seiner Kreditkarte riskieren. Die Zangen, mit denen intolerante Bankangestellte Geldkarten entwerteten, stanzten zwei oder drei Löcher. Genau wusste er es nicht, aber seine Karte hatte jetzt schon ein Loch, und mehr wollte er nicht riskieren.

»Was ist so Gefährliches an diesem Gelfmoor, dass dein Prinz dort nicht hin will?«, fragte er, nachdem der Planwagen über die Hügelkuppe verschwunden war.

Der Frogo erbleichte unter seiner lederartigen Haut, als er antwortete. »Dort hausen die Todeswürger. Sie packen alles Lebende und ziehen es unter den Schlamm, wo es keine Luft gibt und wo es nach Grab riecht.«

»Jetzt spinnst du aber.«

»Bei Innoruk – nein!«

»Du hast behauptet, dass es keine Luft im Sumpf gibt. Wie sollte man dort also irgendetwas riechen?«

Zufrieden mit seiner Logik, zog Clopper einen Kopfhörer aus der Tasche und stöpselte ihn sich in die Ohren.

Quinal rüttelte an Cloppers Arm.

»Meister! Meister!«

»Was ist?« Ungehalten nahm Mike den Kopfhörer ab.

»Hörst du die Geräusche?«

Clopper sah sich um. »Nein. Was sollte ich hören?«

»Töne. Schauderhafte Musik, irres Kreischen.«

»Blödsinn. Das ist Brittany Honeydotter, in meinem MusiPlayer.« Er zeigte dem Frogo das feuerzeuggroße Gerät. Quinal sah mehr denn je wie ein Tümpelbewohner aus.

»Da ist ein Kristall drin«, ließ sich Clopper zu einer Erklärung herab. »So wie bei deinem König Godor, aber mein Kristall ist viel kleiner und auch nicht schwarz, sondern durchsichtig, nehme ich an. Genau weiß ich es nicht, weil ich nie nachgesehen habe. Es interessiert mich nicht. Hauptsache, das Ding funktioniert. Bei uns heißen die Kristalle übrigens Chips, und sie können nicht nur sprechen, sondern zeigen dir auch alle möglichen Bilder. Starke Computergrafik, falls du verstehst, was ich meine.«

Natürlich verstand Quinal nichts von dem, was Clopper ihm erzählte, aber er lächelte heiter und zeigte seine kleinen spitzen Zähne. Sie bestanden aus hartem Knorpel und dienten hauptsächlich zum Zerkleinern von pflanzlicher Nahrung. Frogos waren jedoch keine Vegetarier. Manchmal schnappte sich das Froschgesicht mit seiner langen Zunge ein Insekt aus der Luft, und Clopper sah dann geflissentlich woanders hin.

Mit der Zeit bekam er Durst und bereute es, dass er den Kaufmann nicht nach Wasser gefragt hatte. Seine Ausrüstung war umfangreich, aber seine Trinkflasche fasste nur einen Viertelliter Isogetränk, das er für Notfälle brauchte. Zum Beispiel für die letzten Meter einer Wüstendurchquerung.

Es gab immer etwas, das Cathy Glory verkehrt machte. Sie hatte ihm eine metallicgrüne Designer-Trekkingbottle mitgegeben, die einem Parfümflakon von Hugo Boss nachempfunden war. Die Flasche war etwas für Milliardäre, die abends um ihr Haus joggten. Für einen Drachentöter, der sich seine erste halbe Million auf einem unwirtlichen Planeten verdienen musste, war sie nicht geeignet.

Cathy Glory war eine oberflächliche Frau, aber das machte sie sexy. Man konnte mit ihr schlafen, ohne dass sie gleich von Hochzeit sprach. Am Morgen hatte sie vergessen, dass der Mann in der Nacht Dinge mit ihr getrieben hatte, die ihn normalerweise zur Heirat verpflichteten. Mike hatte noch nicht mit Jacks Sekretärin geschlafen, aber einmal war er nahe dran gewesen. Cathy hatte sich nur nicht daran erinnert, dass sie zum Abendessen verabredet waren.

»Wir werden einen Bach suchen, Meister«, schlug Quinal vor. Er winkte Clopper hinter sich her auf eine Wiese am Waldrand. Sie kämpften sich durch mannshohe Gräser, die in allen erdenklichen Braun-, Grün- und Rottönen leuchteten. Der Frogo, der kaum halb so groß wie der Mann von der Erde war, verschwand völlig darin.

Clopper zog sein Samuraischwert aus der Rückenscheide und schlug eine Schneise der Verwüstung in die wilden Halme. Neugierige Käfer zerplatzten unter den Sohlen seiner Dschungelkämpferstiefel, Vögel gewannen hektisch flatternd an Höhe. Mike genoss es, das Schwert zu schwingen und führte den einen oder anderen Trick vor.

»Das ist eine wunderschöne Klinge«, sagte Quinal.

»Weltraumstahl. Das Schwert besteht aus einem einzigen Molekül. Es ist unzerbrechlich und wird nie stumpf.«

Der Frogo akzeptierte die Erklärung ohne weiteres. »Unsere Zauberschwerter sind ähnlich. Hast du schon mal etwas vom alle Fesseln zerschneidenden, alle Mauern zertrümmernden, alle Feinde durchbohrenden dreischneidigen Beidhandschwert gehört?«

»Ich kenne nur Excalibur«, erklärte Clopper verärgert. Konnte dieser Echsenkopf nicht anerkennen, dass Technologie wunderbarer als eingebildete Zauberei war? Quinal war ein netter Kerl, aber ihm mangelte es an Ehrfurcht vor fremden Errungenschaften.

»Ex … Calibur?«, fragte der Frogo. »Ist das ein Zauberschwert aus deiner Heimat? Was haben eure Helden damit vollbracht? Haben sie nach ihm gesucht, um das Reich zu verteidigen?«

»Ja, aber dann haben sie es in einen See geworfen, wo es verrostet ist, weil es nicht aus Weltraumstahl war.« Clopper hielt Quinal das Samuraischwert unter die Nase. »Das hier rostet niemals.« Damit hielt er die Diskussion für beendet.

Michael dachte an seine Mission. Quinal hatte gesagt, dass es schwer sei, einem Drachen den Kopf abzuschlagen. Vermutlich stimmte das. Die Drachen auf den Abbildungen in der Schiffsdatenbank hatten dicke Hälse, die mit Hornschuppen bedeckt waren. Mit dem Weltraumschwert konnte er es theoretisch schaffen, aber es ging dabei nicht nur um die Schärfe der Klinge, sondern auch um Kraft. Das Schwert musste mit enormem Schwung geführt werden, um sich durch einen Schuppenhals zu hacken. Clopper trainierte viel mit Gewichten und hatte einen tollen Körper, aber er war nicht sicher, ob es für einen Drachen reichen würde.

Das war allerdings kein Problem. Cathy hatte ihm ein Pulver aus zerriebenen Krustenanemonen mitgegeben. Krustenanemonen waren die giftigsten Tiere der Erde. Sie lebten in einer kleinen Bucht vor Hawaii, was die meisten Menschen nicht glaubten, weil sie bei Hawaii nur an Frauen mit Blumengirlanden über den Brüsten dachten. Aber es stimmte. Clopper hatte es nachgelesen: Das Gift der Krustenanemone tötete zehnmal schneller als das Sekret, das kolumbianische Pfeilgiftfrösche absondern, wenn sie verärgert sind. Er könnte dem Drachen etwas von dem Pulver ins Futter mischen, und die Sache wäre erledigt. Aber das Gift war womöglich eine Anspielung. Cathy glaubte anscheinend noch immer, dass er sich nicht traute, es mit einer Fremdweltechse aufzunehmen. Clopper beschloss, das Pulver zu ignorieren und den Drachen im fairen Zweikampf zu töten. Vielleicht mit dem Raketenwerfer.

Krack!

Erschrocken sprang Clopper zurück. Er war mit dem rechten Kampfstiefel in ein Vogelnest getreten. Eierschalen knirschten, blauer Dotter schmatzte unter der Sohle. Helgoort war in der Tat eine rückständige Welt. Auf der Erde hätten Tierschützer das Betreten einer Wiese untersagt, auf der es Bodenbrüter gab.

»Tut mir Leid«, sagte Mike, »das war ein Versehen.«

Quinal winkte ab. »Das macht nichts, Meister. In diesen Eiern ist Fruchtgallert. Es muss über die Wiese verteilt werden, damit es von den Wirtsschlangen gefressen wird.«

»Was für Schlangen?«

»Wirtsschlangen. Sie verschlingen das Gallert, dann wachsen in ihren Körpern Küken heran und hacken sich, wenn sie stark genug sind, ihren Weg ins Freie. Diese Vögel bauen ihre Nester auf dem Boden, damit sie zertreten werden. Leider ist die Art sehr selten, weil die meisten Reisenden den Waldweg benutzen. Manchmal stellt der König einige Tagelöhner ein, damit sie durch die Wiesen rennen.«

Das musste Mike verdauen. Quinal interpretierte sein Schweigen falsch. »Mach dir keinen Vorwurf, du hast geholfen, den Kreislauf des Lebens aufrecht zu erhalten.«

Schließlich nickte Clopper. Was es nicht alles gab! Vögel, die aus Schlangen schlüpften. Ein exotischer Planet. Andererseits, wer sagte, dass es auf der Erde nicht auch so funktionieren würde? Vögel legten Eier, genau wie Schlangen, da konnte durchaus eine Verbindung bestehen. Die Tierschützer dachten bloß nicht so weit.

Am anderen Ende der Wiese fand Quinal einen Strauch, an dem grüne Beeren wuchsen. Clopper wunderte sich nicht, als der Frogo erklärte, die Früchte hätten genau die richtige Reife. »Iss eine Hand voll, Meister. Sie werden deinen Durst besser stillen als Wasser.«

Er behielt Recht. Allerdings fiel Clopper auf, dass der Strauch am Waldrand wuchs, dicht neben dem Weg. Sie hätten den Karrenpfad also gar nicht verlassen müssen, um die Beeren zu finden. Was hatte ihnen der Umweg über die zugewucherte Wiese gebracht? Nichts, wenn man von ein paar zertretenen Eiern absah. Clopper hegte den Verdacht, dass Quinal ein Tierschützer war.

In der Abenddämmerung erreichten sie einen Fluss. Quinal war mit der zurückgelegten Strecke zufrieden, wenngleich er betonte, dass dies nicht der Strom Yardon sei. Erst wenn sie den Yardon überschritten hatten, durften sie davon sprechen, sich dicht am Ziel zu befinden. Bis dahin konnten noch einige Tage vergehen, und vielleicht würden sie den sagenhaften Strom niemals zu Gesicht bekommen.

»Ich weiß«, sagte Clopper, »die tausend Gefahren.« Er hatte sein Kochgeschirr mit grünen Beeren gefüllt und sie unterwegs gegessen. Die Früchte waren ausgezeichnet; der Durst war nicht zurückgekehrt.

Mike nahm die Pilotenbrille ab. In der Dämmerung sah er mit den verspiegelten Gläsern nicht mehr so gut.

Quinal fasste sich ein Herz. »Was sind das für Augen?«

Clopper brauchte eine Weile, um zu erraten, dass er die Brille meinte. »Zusatzaugen«, erklärte er. »Sie helfen gegen die grelle Sonne, und wenn ich in der Luft bin, sehe ich die Konturen besser.«

»In der Luft?« Quinal erschrak.

»Ja, klar. Sieh mal hier.« Clopper zog sein linkes Augenlid herunter. »Kontaktlinsen. Ersatzaugen, wenn du so willst. Damit kann ich so scharf sehen wie als junger Mann. Ich könnte mir die Augen lasern lassen, aber Kontaktlinsen haben den Vorteil, dass man seine Augenfarbe ändern kann. Es gibt irre Muster. Zurzeit habe ich farblose Linsen drin.«

Quinal war sprachlos. Wenn er richtig gezählt hatte, besaß der Fremde nicht vier Augen, wonach es anfangs ausgesehen hatte, sondern sechs, und daheim hatte er noch mehr davon. Das war unglaublich, aber wahrscheinlich brauchte man als Drachentöter so viele Augen, falls einem mal eins ausgebrannt wurde.

Geräusche ließen sie herumfahren. Zwischen den Bäumen knackten trockene Äste, Blätter raschelten. Ein Tier, das Ähnlichkeit mit einer Hirschkuh besaß, rannte am Wald entlang. Es hatte zotteliges rotes Fell und schmale Hörner. Dann ertönte ein Grollen auf dem Fluss. Ein dicker Stamm trieb im Wasser, darauf saß ein Bär und fixierte die Hirschkuh mit hasserfüllten Augen. Den Wanderern schenkten die Tiere keine Beachtung. Sie waren in ihr eigenes Spiel vertieft – eine Jagd auf Leben und Tod.

»Nun sieh sich einer diesen Bären an«, rief Clopper kopfschüttelnd. »Verfolgt seine Beute auf einem Floß. Ein intelligenter Bursche.«

Draußen auf dem Fluss lief der Baumstamm auf eine Kiesbank. Die Hirschkuh sah es, eilte mit langen Sprüngen hinzu und spießte den Bären mit ihrem stilettspitzen Geweih auf, ehe der davonlaufen konnte. Der Hirsch röhrte triumphierend und entblößte messerscharfe Reißzähne.

»Ein Roter Damkiller«, erklärte Quinal. »Man kann sie leicht mit Hirschen verwechseln, was oftmals schlimme Folgen hat. Der Bär wollte übers Wasser fliehen. Damkiller können nicht schwimmen.«

»Dumm war es nicht, was er da vorhatte«, murmelte Clopper zerknirscht. Sie sahen zu, wie der Damkiller seine Beute ans Ufer zerrte und im Wald verschwand. In der Ferne schrien hungrige Jungtiere. Für Clopper hörte es sich wie das Blöken frisch geschorener Lämmer an, aber er behielt seine Meinung für sich. Dieser Planet ging ihm allmählich auf die Nerven. Wenigstens hatte die Begegnung etwas Gutes. Sie wussten jetzt, wo sie den Fluss überqueren konnten. Der Baumstamm lag noch immer auf der Kiesbank. Bärenblut klebte an der Borke.

Am anderen Ufer erhob sich sanft ein Hügel. Clopper deutete auf dessen Spitze und schlug vor, dass sie dort oben ihr Lager aufschlugen. Quinal schüttelte unbehaglich den Kopf.

»Das ist kein guter Platz, um zu rasten, Meister.«

»Natürlich ist es das. Man sollte immer versuchen, auf einem Hügel zu schlafen, weil da das Regenwasser besser abläuft. Das lernt man schon in der Grundausbildung.«

Er erklomm die Anhöhe. Quinal folgte ihm, wirkte aber alles andere als glücklich. Oben angekommen blickte sich der Frogo zweifelnd um.

»Du warst nie beim Militär, stimmt’s?«, sagte Mike. Er schlug seinem Begleiter kameradschaftlich auf die Schulter. »Macht nichts, es wird heute Nacht sowieso keinen Regen geben. Die Temperaturen bleiben angenehm, da muss ich nicht mal mein Zelt aufblasen. Wir können auf Decken schlafen und uns Geschichten erzählen.«

Clopper tippte auf seinen Handgelenkcomputer. Das Gerät, das wie eine zu dick geratene Armbanduhr aussah, enthielt eine Wetterstation, Wärmesucher, Kurzstreckenradar, Bewegungsmelder, Pulsfrequenzmesser und einen Taschenrechner mit den Grundrechenarten, Prozenttaste und Wurzelfunktion. Auch eine Weltzeituhr war eingebaut, die auf Helgoort aber nur eine Zeit anzeigte, weil noch niemand diese Welt in Zonen eingeteilt hatte. Die Satellitennavigation war unbrauchbar, da es im Orbit des Planeten keine Satelliten gab. Deshalb war Clopper froh, den kleinen Tasmanier dabei zu haben, der den Weg zum Drachenfels kannte.

Quinal trug eine Karte aus Wildleder bei sich. Die Wälder, Flüsse und Berge, an denen sie sich orientieren mussten, waren mit buntem Garn aufgestickt worden. Rechts unten befand sich ein Monogramm: TvT. Das hieß Tifar von Turkistan, wie der Frogo erklärte. Clopper fand es merkwürdig, dass jemand diese Karte in zeitraubender Handarbeit angefertigt hatte, wo die Befreiung der Prinzessin doch ein eiliges Kommandounternehmen sein sollte.

»Jeder Prinz hat so eine Karte«, antwortete Quinal. »Es hat auch jeder sein eigenes Monogramm. Die Amme der Prinzessin hat uns die Karten überreicht.«

»Kam dir dieser ganze Aufwand nicht komisch vor? Ihr hättet fragen sollen.«

»Vielleicht. Aber niemand war bereit, mit der Amme zu diskutieren. Lucina ist eine unangenehme Frau.«

Das konnte Clopper verstehen. Er kannte auch ein paar solcher Frauen. Meist saßen sie am Empfang bei den Vorsprechterminen. Sie hatten ihn schon manche gute Rolle gekostet. Wenigstens sah die Landkarte besser aus, als wenn der König jedem eine handgekritzelte Skizze gegeben hätte.

»Mach’s dir bequem«, forderte Clopper seinen Begleiter jetzt auf und deutete ins Gras. Das Froschgesicht blickte sich noch immer verunsichert um und wies dann auf einen grün marmorierten Felsbrocken, der in der Mitte des Hügels lag.

»Das ist ein Feenstein.«