Der Drachenschrein - J.L. Ginger - E-Book

Der Drachenschrein E-Book

J.L. Ginger

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Beschreibung

Es ist wieder einmal Zeit für ein Magierfest im Land der Wooden und Flowen. Auch ein Dra, Vertreter des befreundeten Drachenvolkes, ist anwesend, um als Unparteiischer für Gerechtigkeit bei den Wettkämpfen zu sorgen. Während des Festes taucht am Himmel eine unheimliche Wolke auf, deren Art sich die Magier nicht erklären können. Unheimliches geht von ihr aus und sie erinnert an eine alte Prophezeiung: Wenn die Luft Augen hat, seht euch vor, wenn das Wasser spricht, flieht, doch wenn die Erde sich erhebt, dann ist es zu spät ...

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Seitenzahl: 384

Veröffentlichungsjahr: 2020

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Meiner Mutter und meinen Töchtern gewidmet.

J.L. Ginger

Der Drachenschrein

© 2020 J.L. Ginger

Umschlagbild: Judith Lange / Hans-Jürgen Lange

Lektorat, Korrektorat: Hans-Jürgen Lange, Liliana Lange,

Meike Laudon-Eni

Verlag&Druck: tredition GmbH

Halenreie 40-44 / 22359 Hamburg

ISBN: 978-3-7497-7376-3 (Paperback)

ISBN: 978-3-7497-7377-0 (Hardcover)

ISBN: 978-3-7497-7378-7 (e-Book)

Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung des Verlages und des Autors unzulässig. Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.

Wie die Erzählerin zum Originalmanuskript der Geschichte um den Drachenschrein kommt

Das Leben nimmt eigenartige Wege. Nicht immer sind sie geradlinig und lassen erkennen, wohin sie einen letztlich bringen.

Zurzeit ist mir, als führe es mich eine Gasse entlang, die irgendwann im Nirgendwo endet. Es ist mir gänzlich verschlossen, wozu die letzten Monate meines Lebens einmal dienlich sein sollen. Dies wäre meiner Großmutter, lebte sie noch, gar nicht recht. Und doch ist gerade sie es, die mich dazu bringt, zu tun, was ich tue. Nein, dies wird keine dieser Geschichten, in denen die Ahnen aus dem Jenseits die Geschicke ihrer Nachkommen auf unheimliche Weise lenken. Nein, oder zumindest hat all das nichts mit Unheimlichem zu tun. Also, was ist nun mit meiner toten Großmutter? Nun, sie erzählte gern Geschichten. Und ganz im Gegensatz zu ihrer sehr bodenständigen Art zu leben, waren ihre Geschichten immer ziemlich märchenhaft. Ich fragte mich damals schon, wo in aller Welt sie die ganzen Einfälle hernahm. Häufig drehten sich die Geschichten um eine Welt, die sie Pandosia nannte. Es war alles ein wenig wie in unserer Welt und doch gab es die phantastischsten Dinge. Als ich sie einmal fragte, ob all das wahr sei, antwortete sie, allerdings sei dies der Fall, es stehe alles schwarz auf weiß in einem alten Buch, das sie von ihrer Mutter geerbt hätte. Zeigen konnte sie es mir aber nicht, angeblich wusste sie nicht, wo es sei. Und dann lächelte sie. Ha, ha! dachte ich damals, nur weil ich erst zehn Jahre alt war, meinte meine Großmutter wohl, mich auf den Arm nehmen zu können. Aber da hatte sie sich geirrt. Ich glaubte ihr kein Wort. Trotzdem hörte ich die Geschichten gern, fragte aber nicht mehr nach ihrer Herkunft. Bald darauf starb Großmutter. Sie ist nun schon fast 35 Jahre tot und ihre Geschichten waren längst in Vergessenheit geraten.

Das Haus übernahmen die älteren Schwestern meines Vaters, die, beide alleinstehend – Martha verwitwet, Ruth nie verheiratet – gemeinsam das Haus ihrer Mutter bewohnten. Ich besuchte sie damals nur selten. Wir lebten ja in der Stadt. Auch in den letzten Jahren waren wir nur selten dort. Ab und zu tauchte eine der Gestalten aus Großmutters Märchen aus der Versenkung auf, wenn die Tanten dann meinen Kindern Geschichten erzählten. Aber diese hatten wenig Zusammenhang, wahrscheinlich hatten auch Ruth und Martha nicht mehr alles taufrisch in Erinnerung.

Aber zurück zu mir. Schließlich starben beide Tanten kurz nacheinander im letzten Jahr und ich hatte plötzlich ein Gehöft auf dem Lande, mit dem ich nichts anfangen konnte. Große Scheunen, Stallungen, alte landwirtschaftliche Geräte, Heu, Baumaterialien, Werkstatt, Garagen, ein Traktor!, Kartoffeln, Rüben … und alles recht gut in Schuss, soweit ich das beurteilen konnte. Meine Tanten hatten immer darauf geachtet, dass alles gewartet wurde. Die Handwerksfirmen hatten in den letzten Jahren nicht schlecht verdient. So kam es auch, dass zu all den Gebäuden leider kein Vermögen vererbt wurde, mit dem man vielleicht hätte alles in Stand halten können. Nach Einrechnung aller unumgänglichen Zahlungen war es vielmehr so, dass die Erbschaft vor allem in Schulden bestand. Kurzzeitig war ich versucht, sie auszuschlagen, aber dann nahm ich sie doch an und sitze nun da mit all dem und versuche einen Käufer zu finden, der das Anwesen ein wenig zu schätzen und zu nutzen weiß. So kam es, dass ich am Jahresende begann, das Haus auf- und auszuräumen. Was für eine Arbeit! Wo anfangen? Oben. Also auf dem Dachboden. Und dort fiel es mir in die Hände. Das Buch. Das Buch mit den Geschichten meiner Großmutter. Ich erkannte es vor allem an den Abbildungen darin. Die Gestalten sahen denen aus den Erzählungen meiner Großmutter so ähnlich, dass es nur diesen Schluss gab. Der Text allerdings war mir anfangs schwer verständlich. Vieles reimte ich mir aus der Erinnerung zusammen. Das Deutsch in dem Buch war stark veraltet, einige Begriffe kannte ich gar nicht und konnte mir bei vielen auch nicht vorstellen, dass es sie gab oder besser je gegeben hatte. Am Ende des Buches fanden sich Notizen mit einer Art Übersetzung in der Schrift meiner Großmutter. Ich bemerkte, dass sie die Geschichte meinen Hörgewohnheiten und meinem Verständnis weitgehend angepasst haben musste. Trotz der schwer verständlichen Textteile nahm mich die Geschichte erneut gefangen und je mehr ich las, desto mehr tauchte in meinem Gedächtnis wieder auf. Ich beschloss, den Text in eine heute verständliche Fassung zu übertragen, um sie meinen Kindern und deren Kindern zu erhalten. Wie sinnvoll es auch sein mag, dies ist nun das Ergebnis:

Prolog, in dem Pandosia und seine Bewohner vorgestellt werden

All das begab sich vor langer Zeit. Und ob es Pandosia noch gibt, ist nicht gewiss.

Es ist eine Welt, die der unseren in Vielem gleicht. Es gibt Wälder, Seen, Wüsten, Berge, Höhlen, Wärme, Kälte, Wasser, Feuer und all die anderen Elemente und Dinge, die uns vertraut sind. Und doch ist vieles anders.

Die Tiere sind nicht immer so, wie wir sie kennen. Über so manches Wesen würden wir uns wundern. Zum Beispiel gibt es Reitdrosseln, straußengroße Singvögel mit kräftigen kurzen Schwingen, die aber anders als unsere Straußen fähig sind, sich in die Lüfte zu erheben. Außerdem sollten die Waldhunde erwähnt werden. Auch sie sind von beträchtlicher Größe und werden von den Winzen als Haustiere gehalten. Und dann sind da noch die Drachen, die heute versteckt und zurückgezogen leben.

Zu der Zeit, als die Drachen noch unter all den anderen Völkern Pandosias lebten, bewohnten sie die beiden Länder, die das Gebiet der Flowen und der Wooden, beides Wald- und Wiesenvölkchen, umschlossen.

Drachen gab es zweierlei Arten. Das eine Volk waren die Dra und das andere die Chen.

Beide entsprangen ursprünglich ein und demselben Stamm. Seit unendlich langer Zeit jedoch lebten sie getrennt.

Das hatte seinen Grund in der Verschiedenheit ihrer Charaktere, jedenfalls nahm man das an. An den genauen Grund der Trennung konnte sich niemand mehr erinnern.

Die Dra waren gutmütig, friedliebend und sanft, während die Chen hinterhältig und aggressiv waren.

Im Laufe der Jahre hatte sich auch ihr Aussehen verändert, so dass sie sich auch hierin unterschieden. Wie der Lauf der Dinge so ist, sah man den Drachen ihren Charakter nicht an.

Die Dra waren in den verschiedensten Blautönen gefärbt.

Zwei Flügel und ein langer Schwanz ragten aus dem – im Gegensatz zum mächtigen Kopf – winzig geratenen Rumpf.

An den Füßen hatten sie große, scharfe Krallen.

Runde Schuppen mit vereinzelten Pusteln bedeckten ihren Körper. Der Kopf war mit pickeliger Haut überzogen, aus der einige wenige Federn sprossen.

Ihre Pickel, deren flüssiger Inhalt eine starke heilende Wirkung hatte, verströmten, kam man ihnen nahe, einen ziemlich strengen Geruch. Der Gang der Dra allerdings hatte etwas Majestätisches. Hoch erhoben trugen sie ihr Haupt und bewegten ihren plump anmutenden Körper mit großer Eleganz.

Die Chen dagegen hatten ein für Drachen recht angenehmes Äußeres. Sie waren etwa genau so groß wie die Dra, aber ihr Körper war wohlproportioniert. Zwei Schwänze waren ihr besonderer Stolz. Mit ihnen konnten sie gleichzeitig in zwei Richtungen Stacheln schleudern. Ihr ebenmäßiger Rumpf hatte eine zart grüne Färbung, wie das Grün von Frühlingsblättern. Ihre großen Krallen waren von ausnehmend schönem Rot. Über den Rücken führte ein dunkelblaues Band aus Zacken, das sich an den Schwänzen in zwei verschiedenfarbige Bänder teilte. Am Hals baumelte ein Säckchen von feurigem Rot, in dem sich – für keinen zu ahnen – ekliger, klebriger, betäubender Schleim befand.

Ihre Ohren waren dreigezackt und von unterschiedlicher Tönung. Das Schönste an ihnen aber waren die großen hellblauen Augen, mit deren sanften Blicken sie ihre Opfer täuschten.

Im Maul versteckt befanden sich tödlich giftige Zähne.

Beide Drachenvölker achteten streng darauf, dass sie das Territorium des anderen nicht verletzten. Denn es war prophezeit worden, dass, wenn die Dra und die Chen sich wieder begegneten, es hinterher nur noch einen Stamm gäbe. Doch niemand wusste, welcher es sein würde.

Ihre Gebiete befanden sich weit auseinander. Das dazwischenliegende Land gehörte zwei Winzstämmen, den Wooden und Flowen. Diese waren sich grundsätzlich zugetan, mischten sich aber nur selten in die Angelegenheiten des jeweils anderen Stammes ein.

Es ging friedlich zu, man trieb Handel und zuweilen wurde gemeinsam gefeiert, z.B. das alle drei Sommer wiederkehrende Fest der Magie. Hier stellten sich angehende Wooden- und Flowenmagier zum Wettkampf. Es gab die Disziplinen: Waldhundhypnose, darauf freuten sich immer alle am meisten, Reitdrosseldressur, Zukunftssehen und Schweben. Bei diesen freundschaftlichen Wettkämpfen gab es immer viel zu lachen.

Jede Seite hatte ihre Spezialgebiete, die sie besonders gut beherrschte, so waren die Wooden die besseren Hypnotiseure, da sie besonders mit den Waldhunden vertraut waren; sie benutzten sie als Reit- und Zugtiere. Die Flowen arbeiteten besonders gern mit den Reitdrosseln, die sie nicht nur zum Reiten, sondern auch als Transportmittel für allerlei Waren nutzten. Besonderes Ansehen genossen solche Magier, die sich mit den Tieren verständigen konnten.

Diese bekleideten meist führende Positionen in der Schar der Magier. Aus ihrer Reihe wurden auch die Obermagier gewählt. Diese wiederum hatten in den einzelnen Niederlassungen ihre Untermagier, die sie ausgebildet hatten. Sie waren Anwärter auf die Nachfolge der Obermagier. Wie in allen Gemeinschaften, in denen es Posten zu ergattern gibt, gab es auch hier kleine Reibereien zwischen den Auserwählten.

Aber sie beschränkten sich meist auf die Hoffnung, die anderen beim Wettkampf zu besiegen.

Der Obermagier hatte seinen Sitz in der jeweiligen Hauptniederlassung des Volkes und dies war bei den Wooden Waldstadt und bei den Flowen Blütenia.

1. Kapitel, in dem Bansein und andere wichtige Personen vorgestellt werden und man einen Blick nach Waldstadt werfen kann

Es stand wieder einmal ein Magierfest in Waldstadt vor der Tür. Bansein, der Obermagier der Wooden, saß grübelnd in seinem Haus unter der großen Milde am Waldrand. Wie so oft, wenn er eine Entscheidung zu treffen hatte, sah er auch heute aus dem Fenster, als könne er dort eine Lösung finden. Die Bäume, die den lichten Rand des Waldes begrenzten, reckten ihre Äste weit über die freie Fläche vor Banseins Fenster hinaus und spendeten Schatten. Die Sonnenstrahlen blinzelten durch die Blätter und bildeten auf dem mit Klee und Gras bewachsenen Boden bizarre Muster, die sich mit dem Wind immer wieder änderten. Die knorrige Ache mitten auf der Lichtung wirkte seltsam unbeweglich.

Am Rand der Lichtung begann das eigentliche Gebiet von Waldstadt. Kleine Häuser begrenzten es. Zum Inneren der Niederlassung hin wurden die Bauten immer größer. Die meisten Behausungen waren jeweils um oder an einen Baum gebaut, mit vielen kleinen Fenstern und meist mit einem Dach aus Blattwerk.

Zwischen Geschwatze und Gekicher, das herüber schallte, mischte sich lustiges Kinderlachen und von Zeit zu Zeit das seltsame, etwas knarrende Bellen der Waldhunde.

In der Ferne war das Haus des Woodenältesten zu sehen, das als einziges mit Holz gedeckt war. Es war nicht nur größer als die anderen Häuser, weil hier Versammlungen abgehalten wurden. Es sah auch sehr besonders aus. Das kam daher, dass das Haus an den jeweils nächsten Amtsinhaber weitergegeben wurde, wenn es dafür Zeit war. Die Ältesten und ihre Familien lebten während ihrer gesamten Amtszeit hier. Es war den Bewohnern möglich, Veränderungen an dem Domizil vorzunehmen, solange es den Wohnbereich betraf und die bebaute Grundfläche des Hauses nicht veränderte, weil rund um das Gebäude andere Behausungen standen, die nicht in Mitleidenschaft gezogen werden durften. Da aber jeder Älteste seine eigenen Ideen für das Haus hatte, gab es im Laufe der Jahrhunderte verschiedene Veränderungen, die sich in seinem Äußeren immer dann niederschlugen, wenn angebaut, abgerissen, aufgebaut worden war. Die meisten hatten vor allem in die Höhe gebaut, aber auch verschiedene Balkone und Erker waren zu sehen. Und so überragte das Haus nun alle anderen und bildete eine Art seltsamen Mittelpunkt, der sich über den Dächern der anderen Häuser fast ein wenig spinnennetzartig oder vielleicht eher wie eine Baumkrone ausbreitete.

Bansein wandte seine Augen von dem sonderbaren Bau in der Ferne ab und hielt seine große gerade Nase in den lauen Wind, der den milden, aromatischen Duft der Blüten ins Zimmer trug. An dem schütteren grauen Haar und den Falten um die verschmitzt blickenden Augen konnte man sehen, dass der Magier den Zenit des Lebens längst überschritten hatte. Und doch wirkte er kraftvoll und jugendlich. Um seinen schmalen Mund spielte fast immer ein kaum merkliches Lächeln, so als mache er sich über die vielen kleinen Dinge des Lebens lustig. Und in der Tat nahm er die meisten Dinge, die ihn umgaben, mit Humor. Besonders seine Kleidung. Selten wählte er diese mit Bedacht. Um Farben und Formen so zu kombinieren, wie er es tat, bedurfte es schon einer gehörigen Portion Selbstbewusstseins und Gleichgültigkeit gegenüber den mehr oder weniger wohlmeinenden Ratschlägen der Mitmenschen, die häufig unweigerlich und ungefragt erteilt wurden. Vor allem Koman, einer der anderen Magier, wurde hierin nicht müde. Heute zum Beispiel trug Bansein grellgrüne Beinkleider, dazu alte rote Schuhe und ein leuchtend orange-blau gestreiftes Hemd. Sein alter brauner Umhang lag unordentlich über dem Sessel. Auf dem Kopf trug er fast ständig eine lange Bommelmütze aus vielfarbigem Filz, um seinen immer kahler werdenden Kopf zu verbergen – eine der wenigen Eitelkeiten, die der alte Magier sich gestattete. Aus irgendeinem Grund war er der Meinung, eine Glatze sei eines Magiers unwürdig.

Bansein schaute noch immer nachdenklich aus dem Fenster. Er liebte dieses Haus, hierher zog er sich zurück, wenn er beschäftigt war. Der Duft der Milde beruhigte und beflügelte ihn. Meist fielen ihm hier die besten Lösungen für die schwierigsten Probleme ein.

Diesmal musste er die drei Wooden-Magier auswählen, die am Wettkampf teilnehmen durften.

Nicht weit von seinem eigenen Haus, drüben an den großen Wurzeln der Aspanie sah Bansein in einer Gruppe junger Winze Horps stehen. Nicht sehr groß, mit feinen Gliedmaßen, sah man ihm auch von Weitem an, dass er gelenkig und wendig war. Sein glattes, schwarzes, kurz geschnittenes Haar unterschied sich von den meist langen Haaren der anderen jungen Männer. Es stand in besonders krassem Gegensatz zu den fast hüftlangen, roten Locken seines besten Freundes Wadensein, der ihm gegenüberstand. Das breite Lachen auf dessen Gesicht gab ihm etwas Gutmütiges, das man bei der kräftigen Statur Wadenseins nicht auf den ersten Blick erwartete. Und doch war dies eine seiner wesentlichen Eigenschaften. Beide jungen Männer kannte Bansein besonders gut, obwohl sie nicht aus Waldstadt stammten. Er hatte einen Teil ihrer Ausbildung bestritten. Alle Jungmagier mussten einige Zeit auf Wanderschaft, um sich zu vervollkommnen, ehe sie die Magierprüfung ablegen durften. Mit sehr wenigen Ausnahmen war außerdem die erfolgreiche Teilnahme am Magierwettstreit Voraussetzung dafür. Nahm ein vollständig ausgebildeter Jungmagier nicht am Wettstreit teil, erhielt er irgendwann den Titel eines Hilfsmagiers. Dies geschah aber nicht allzu häufig, da die Begabung zur Magie nur selten zu finden war und ein Jungmagier meist seine Chance bekam, an einem der Wettstreite teilzunehmen. Damit kehrten Banseins Gedanken wieder zu seiner eigentlichen Aufgabe zurück.

Acht Kandidaten gab es diesmal für den Wettstreit.

Von diesen acht kamen fünf in die nähere Auswahl. Die anderen waren noch zu jung oder seiner Meinung nach einfach unfähig. Der alte Magier war in den meisten Künsten äußerst bewandert, gab weise Ratschläge und war überhaupt in fast allem unschlagbar. Aber eben nur fast. Eine seiner wenigen Schwächen bestand in seiner tiefen Abneigung, anderen Unangenehmes mitzuteilen. Das ist nun an sich nichts Schlechtes, nur muss ein Obermagier, der von der Ordnung der Welt und ihrem Gleichgewicht überzeugt ist, nun einmal akzeptieren, dass nicht alles gut und wunderbar ist, und dies auch seinen Schutzbefohlenen vermitteln können. Doch gerade das verursachte Bansein immer wieder das Gefühl, Tee aus den Blüten der Falschen Milde getrunken zu haben, was sich normalerweise in Übelkeit, schweren Magenbeschwerden, starkem Schluckauf und anschließendem plötzlichem Tiefschlaf äußerte. Bis auf den Tiefschlaf stellten sich fast immer alle Symptome ein. So sah er es als äußerst günstig an, dass die Ablehnungen zum Magierwettbewerb nicht begründet werden mussten. Was hätte er denen, die er für ungeeignet hielt, sagen sollen, ohne sie zu kränken? Gelogen hätte er auf keinen Fall, das lag nicht in seiner Natur, außerdem war vollkommene Ehrlichkeit eine der Grundbedingungen, den Titel eines Obermagiers führen zu dürfen.

Fünf kamen also in die engere Wahl und die Entscheidung fiel schwer. Immerhin gab es den Wettstreit nur alle drei Jahre und die aufgestellten Mannschaften erlangten mit der Teilnahme am Wettstreit schließlich die Berechtigung, sobald sie die Wanderschaft hinter sich hatten, ihre Magierprüfung abzulegen. Es gab nur wenige Ausnahmen, in denen Magier außer der Reihe die Magierprüfung ablegten und so den gleichen Rang erreichten wie die Wettkämpfer. Und nicht zuletzt war es natürlich eine Frage der Ehre, den Sieg für die eigene Gemeinschaft, in diesem Fall die der Wooden, zu erringen.

Da waren Horps, Wadensein, Burmann, Xinusia und Purga. Alle fünf hervorragende Hypnotiseure, das war wichtig. Die anderen Disziplinen waren unterschiedlich ausgeprägt. Horps’ Stärken lagen im Schweben – hier war er ein wahrer Künstler – und im Zukunftssehen. Letzteres beherrschte aber auch Purga sehr gut, außerdem konnte sie wie kein zweiter Woode Drosseln dressieren. Xinusia war in allen Disziplinen recht gut, war sehr ehrgeizig und hatte außer einem sehr guten Gedächtnis und erstaunlichem Fleiß keine besonderen Stärken, dafür war sie aber ausnehmend hübsch. Und wenn Bansein bedachte, dass in der Jury auch Pisur sitzen würde … Pisur war zwar Flowe, konnte aber der Schönheit nicht widerstehen. Und wenn es um die Mannschaftswertung ging, konnte ein Punkt der gegnerischen Jury sehr nützlich sein. Ebensolche Gründe sprachen für den imposanten Wadensein. Pamilia, die Flowenprinzessin, würde ebenfalls in der Jury sitzen und es war Bansein klar, dass auch sie eher für die starken Beine eines Kandidaten zu begeistern war als für sein magisches Können. Solche Überlegungen waren zwar eines Magiers unwürdig, doch würde Pipelt, der Obermagier der Flowen, genauso denken, denn auch unter den Mitgliedern der Woodenjury gab es Pamilias und Pisurs.

Und dann war da noch Burmann. Auf ihn setzte Bansein große Hoffnung. Zu seinen herausragenden Fähigkeiten auf magischem Gebiet kam vor allem ein Vorzug: Burmann nutzte seinen Verstand und sein Herz.

Somit hätte Burmann Favorit sein können für die Teilnehmerliste. Er hatte nur einen Fehler, er war der Neffe Banseins und der alte Magier fürchtete, in den Verdacht der Vetternwirtschaft zu geraten, wenn er Burmann auswählte.

„Burmann …, Wadensein …, Purga …, Horps …, Xinusia …“, flüsterte er immer wieder vor sich hin und dachte dabei eigentlich schon gar nicht mehr an den Magierwettkampf. Er hätte auch Ene, Mene, Mopel flüstern können. Seine Gedanken waren gefangengenommen von einem Vogelpaar, das sich vor seinem Fenster um einen Wurm stritt. „Moins, moins“, schimpfte der eine durch die Schnabelspalte.

„Neun, neun“, tschilpte der andere, ohne seinen Schnabel einen Spalt weit zu öffnen. Sie zogen, als wollten sie mit dem Wurm etwas durchsägen, gleichmäßig mal in die eine, mal in die andere Richtung. Plötzlich hielt der erste inne und piepste ziemlich deutlich: „Diesmal lasse ich mir meinen Fang nicht von dir wegnehmen. Diesmal nicht!“ Und in ehrlicher Entrüstung sah er zu dem anderen hin. Doch der war samt Wurm längst über alle Berge und scherte sich wohl kaum um die Schimpftiraden seines Rivalen, so deutlich er auch piepste.

Bansein schmunzelte. Der Blick des Piepmatzes war zu drollig. Der Magier griff neben sich in eine Schale und entnahm ihr einige Krümel, die er aufs Fensterbrett streute. Flugs, ohne Angst zu zeigen, war der Vogel auf dem Fensterbrett und schon waren die Krümel weg, kurz darauf auch das Tier.

Wieder einmal ging dem alten Magier auf, wie viel all jenen doch entging, die die Sprache der Tiere nicht zu deuten verstanden. Es gab einige Tiere, deren Laute er tatsächlich zu übersetzen in der Lage war. Bei anderen musste man die Geräusche und Gesten in Verbindung bringen und ihnen einen Sinn entlocken, was nicht nur nützlich, sondern auch sehr vergnüglich sein konnte und manchmal auch zu Missverständnissen führte.

2. Kapitel, in dem Bansein eine Lösung für sein Problem findet

Bansein fiel gerade auf, dass er schon wieder an alles andere dachte, als an den Wettkampf, als es klopfte.

„Herein!“, rief Bansein. Ein junger Mann trat ein. Er hatte schulterlanges, dunkelbraunes Haar und wirkte ein wenig unrasiert. Seine dunkelblauen Augen fielen sofort auf und fesselten jeden, der den jungen Mann ansah. Es war Banseins Neffe Burmann. Die lange gerade Nase ließ an der Verwandtschaft keinen Zweifel aufkommen. Der Mund mit den schmalen, geschwungenen Lippen verlieh Burmann ein Aussehen, als würde er ständig an irgendetwas zweifeln. Wenn dieser Mund sich aber zu einem Lachen von einem Ohr zum anderen verzog, konnte man nicht anders als mitzulachen. Burmann war groß und fast dürr. Seine Kleidung schlotterte um seine schlaksigen Glieder, war aber im Gegensatz zu Banseins zerstreuter Kleiderordnung ausgesucht praktisch. Die Hosen bestanden aus hellbraunem Webstoff, das Hemd aus dem gleichen Stoff war aber eine Spur dunkler. Ein einfacher Baumledergürtel wand sich um die schmale Taille. Der Umhang hatte entgegen der Mode keinen Fransenbesatz und war nur knielang. Die Kapuze hing locker über die Schulter des Jungmagiers hinab und fand ihr Ende in einer dreigeteilten Spitze – wohl dem einzigen Schmuckelement an seiner Kleidung. Selbst die Taschen an Umhang und Beinkleid waren nur Schlitze und kaum zu bemerken. Viele der anderen Winze trugen fast üppigen Schmuck, angefangen bei den Schuhen, deren Verschlüsse aufwändige Schnörkel bildeten, bis hin zu Knöpfen und Besatz an der Oberbekleidung. Burmann hatte einmal seiner Mutter auf die Frage, ob er sich nicht ein wenig modischer kleiden wolle, geantwortet: „Was soll ich mit all dem Zeug? Damit bleibt man nur überall hängen!“

Bansein hatte gegen die Meinung seines Neffen nichts einzuwenden.

„Hallo, Onkel, wie geht es? Grübelst du noch immer oder stehen die Teilnehmer schon fest?“

„Du bist zu neugierig, Burmann. Ich darf dir ja sowieso nichts sagen, also frag’ nicht.“

„Aha, du hast dich noch nicht entschieden, alles klar“, stellte Burmann lächelnd fest.

Eine Pause trat ein. Sollte Bansein etwas erwidern? Nein, entschied er, Burmann kannte ihn viel zu gut, um aus Ausflüchten nicht noch mehr herauszulesen. Stattdessen lud er seinen Neffen zu einem Spaziergang ein. Dieser war hoch erfreut und meinte: „Ja, lieber Onkel, so ist es richtig, entspanne dich, mach dir nicht zu viele Sorgen um den Wettkampf.“

„Aber es geht doch auch um dich, ist dir das Ergebnis egal?“, entfuhr es Bansein.

„Nein, natürlich nicht, ich würde gerne mitmachen, aber ich weiß auch, dass ich nicht der einzige bin, der gut genug ist, und die anderen es sich genauso wünschen. An deiner Stelle würde ich mir jemanden suchen, der mir bei der Auswahl hilft. Schade eigentlich, dass du nicht einfach die Zukunft befragen kannst, wer bei dem Wettkampf mitmacht.“

Beide kicherten, denn sie stellten sich das Ergebnis eines solchen Versuches vor. In der Zukunft konnte man immer nur Möglichkeiten sehen oder Dinge, die unverrückbar feststanden. Ansonsten würde sich der Waldhund ja in den Schwanz beißen, pflegte Bansein zu diesem Problem zu sagen. In diesem Fall würde er seine eigene Entscheidungsunfähigkeit sehen. Höchstwahrscheinlich gäbe es ein vergnügliches Durcheinander aus den Körpern der fünf Kandidaten, da er in seiner Zukunftssicht aus den Fünfen drei machen musste. Bansein stellte sich vor, wie die einzelnen Figuren aussehen könnten, die der Zufall da zusammenwürfeln würde: Xinusias hübsches Gesicht mit ihren schönen grünen Augen und dem kecken Mund würde möglicherweise auf dem drallen, athletischen Rumpf Purgas und dieser auf den ziemlich dünnen Beinen Burmanns landen. Eigentlich ein großer Spaß, aber nützen würde er nichts. Da kam ihm eine Idee. Vielleicht konnte der Zufall sein Problem tatsächlich lösen, auf eine höchst einfache Weise.

Nun sagte Bansein zu Burmann: „Mach dir mal keine Sorgen, ich weiß schon, wie ich mich entscheide.“ Und damit ging er zu einem anderen Gesprächsthema über: „Wie geht es deiner Mutter? Sag ihr, dass ich euch demnächst mal besuchen komme, vielleicht am Baumtag.“

Eine Weile gingen sie schweigend nebeneinander her. Sie mussten nicht die ganze Zeit reden. Bansein schaute sich seinen Neffen an. Aus dem ehemals übermütigen Jungen, der mit seinen magischen Kräften nicht umzugehen wusste und so manchen Schabernack getrieben hatte, den nicht jeder witzig fand, war nun ein ausgewachsener Magier geworden. Er war reif für die Prüfung, der Magierwettstreit käme da gerade recht – eigentlich eine Verschwendung, wenn er weitere drei Jahre warten sollte, auch wenn Geduld zu den Tugenden eines Magiers gehörte. Aber auch die anderen Kandidaten waren so weit.

Eine Stunde später saß Bansein in seinem Zimmer und bastelte Lose. Das Verfahren war zwar ungewöhnlich, aber nicht verboten. Vor langer Zeit hatte es so einen Fall sogar schon einmal gegeben. Damals war der Obermagier kurz vor Bekanntgabe der Teilnehmer verstorben und man hatte Lose benutzt.

Bansein legte die kleinen Röllchen in einen Behälter, der nur eine kleine, handgroße Öffnung besaß. Dann stellte er zufrieden die Schachtel weg und machte sich einen leckeren Kriffel-Wurzelsalat mit Mildenblütendressing. Nur dem Oberhaupt der Wooden musste er seine Idee noch schmackhaft machen. Doch das sollte nicht schwerfallen. Der behäbige Bedun war für gewöhnlich für jeden Spaß zu haben. Je kurzweiliger sich etwas gestaltete, desto besser gefiel es ihm. Und alles, was mit Glück zu tun hatte, konnte nur kurzweilig sein. Bansein erlaubte sich den Spaß, ein wenig in die Zukunft zu blicken, um sich auf Beduns Reaktion einzustellen. Wie erwartet, sah er den nicht mehr ganz jungen Mann, wie seine kleinen Äuglein unter den buschigen Augenbrauen zu funkeln begannen. Seine kleine, spitze Nase bewegte sich, wie immer in Zeiten der Vorfreude, leicht auf und ab und um den zu einem kleinen Kreis gekräuselten Mund bildeten sich Fältchen in dem sonst so glatten Gesicht. Bansein schmunzelte. Interessanterweise zeigte sich nicht die Spur einer Alternative. Bedun war eher einfacher Natur. Er entschied klar und schnell, aber häufig auch so endgültig, dass es fast unmöglich war, ihn von einer ungünstigen Entscheidung wieder abzubringen.

Am nächsten Morgen begab Bansein sich zu Bedun, um ihm sein Vorhaben zu erläutern. Schon von Weitem fielen die mannigfaltigen Türmchen, Balkone und Erkerchen ins Auge. Irgendwie mochte Bansein den Anblick, obwohl die einzelnen Teile deutlich das Geltungsbedürfnis ihrer Bewohner zeigten. Ein noch nicht ganz fertig gestellter Turm auf der Südseite des Hauses zeugte davon, dass auch Bedun nicht frei von dieser Eigenschaft war. Die Häuserteile schienen genauso zufällig entstanden zu sein wie die Zusammenstellung von Banseins Kleidung. Vielleicht war es das, was ihm gefiel.

Im Inneren des Hauses des Oberwooden angekommen, setzte sich der Eindruck fort, nur dass er jetzt entschieden übertrieben wirkte. Dicke bunte Stoffe überlagerten jede klare Form, die das Haus einmal ausgemacht hatte.

Nun öffnete er die Tür zur Amtshalle. Der Gedanke, dass es eine wirklich weise Entscheidung gewesen war, sie von willkürlichen Veränderungen durch die Hausbewohner auszuschließen, drängte sich ihm auf. Schon als er sie betrat, stellte sich eine angenehme Ruhe ein. Die altehrwürdige Halle, die trotz eines gewissen Prunkes Klarheit bewahrte, lag in ihrer Schönheit vor ihm. Jedoch hatte er nicht lange Zeit darüber nachzudenken, denn Bedun polterte herein.

Bansein kam gleich zur Sache. „Also, Bedun, die Sache ist folgende: Ich habe fünf Kandidaten für den Wettkampf, von denen ja nur drei teilnehmen können. Da aber mein Neffe unter den Fünfen ist, werde ich das Los entscheiden lassen, damit niemand denkt, ich würde jemanden bevorteilen.“ Die Reaktion war wie vorhergesehen.

Bedun war nicht nur einverstanden, er machte auch sogleich einen Vorschlag: „Und ich denke, wir sollten das Glück morgen vor aller Augen entscheiden lassen.“ Er versprach sich außer einer Entscheidung viel Spaß und Spannung und wollte aus dem Losverfahren ein Fest machen.

Wenn das Improvisieren auch sonst nicht seine Stärke war – ein Fest konnte er jederzeit und überall feiern und nicht nur er. Diese Stärke besaßen fast alle Wooden. Schließlich war es noch früh und der ganze Tag stand für die Vorbereitung zur Verfügung. Schon schickte er seine Köchin los, die anderen zu informieren, bevor Bansein dazu etwas sagen konnte.

So verbreitete sich die Neuigkeit in Windeseile in der Umgebung Waldstadts, denn auf dem Gebiet der Nachrichtenübermittlung waren die Wooden unschlagbar.

3. Kapitel, in dem die Auslosung stattfindet und Xinusia einen großen Fehler macht

„Huah“, gähnte Burmann und schaute verwundert in die Runde, denn er war von lauten, ungewohnten Geräuschen wach geworden. Sein Zimmer lag ein wenig im Halbdunkel, da die Morgensonne nicht voll hereinscheinen konnte. Burmann hasste es, geweckt zu werden, bevor es unbedingt sein musste. Er hatte das grelle Licht der ersten Sonnenstrahlen, die ansonsten mit voller Schärfe in sein Fenster hereinfallen würden, mit Hilfe eines Geflechts aus biegsamen Zweigen vor seinem Fenster ausgesperrt. Und so ließen sich die wenigen Gegenstände im Raum – ein Stuhl, über dessen Lehne Burmanns Kleidung lag, ein einfacher Tisch und ein hoher Schrank – nur schemenhaft erkennen. Vor seinem Bett lagerte eine junge, zottige, grün und schwarz gestreifte Waldhündin, die nun den Kopf hob und knurrte.

„Na, Bomsel, dir geht der Krach auch auf den Geist, was?“, murmelte Burmann und strich dem Tier, das halb so groß wie er selbst war, über das Fell. Bald würde Bomsel ausgewachsen sein und dann wohl kaum noch im Haus wohnen können. Bomsel antwortete mürrisch: „Das wird ein Fest, bestimmt, Bomsel kennt Feste, Bomsel hasst Feste.“

„Ja, ich weiß, sie sind laut und das ist nichts für dich, aber was feiern die?“ Wie man sieht, kam Burmann – wahrscheinlich als einziger in der Umgebung – aus dem Mustopf. Er begann zu grübeln, welches Fest er wohl vergessen hatte. Plötzlich stand er aufrecht in seinem Bett: „Ist heute der Magierwettstreit? Einen anderen Anlass zum Feiern gibt es in dieser Jahreszeit doch nicht. Verdammt, aber wer ist denn … Nein, das kann nicht sein. Maaama!“

Burmanns Mutter stürzte herein: „Was ist?“, fragte sie erschrocken.

„Was wird da draußen gefeiert?“

„Du weißt es nicht? Das haben doch gestern Nachmittag schon die Federlinge von den Dächern gepfiffen. Heute werden die Teilnehmer für den Magierwettstreit ausgelost.“

„Ausgelost?“, fragte Burmann verblüfft. „Der Schlawiner! Hätte mir ja auch was sagen können. Dann werde ich mich mal fertig machen.“

„Ja, mach das, mein Sohn. In zwei Stunden geht es los.“

Burmann atmete einmal tief durch und ging sich am Bach hinter dem Haus waschen. Er hätte auch warmes Wasser aus der Küche haben können, aber er hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich kalt zu waschen. Auf jeden Fall war er danach vollends wach und bei seiner Vorliebe für ein gemütliches Bett war das hilfreich.

Seine Mutter begab sich in die Küche, um ihrem Sohn ein Frühstück zu bereiten, das er ansonsten mit Sicherheit vergessen würde. Wie sehr ähnelte er doch ihrem Bruder, charakterlich wie im Aussehen! Es wurmte sie immer wieder, dass ihr Sohn weder seinem Vater noch ihr ähnlich war. Im Gegensatz zu ihm war sie von kleiner Statur und neigte ein wenig zur Fülligkeit, was aber auch auf das gute Essen zurückzuführen war, das sie wie keine andere Woodin zuzubereiten verstand. Seit ihr Mann vor vielen Jahren gestorben war, tat sie das zu ihrem großen Bedauern häufig für sich allein, denn Burmann machte sich wenig aus Essen. Sie schüttelte ihren Kopf. Eine Locke ihres noch immer vollen Haares fiel ihr widerspenstig in die Augen, obwohl sie es hochgesteckt hatte. Sie kräuselte die kleine Nase und zog die Augenbrauen zusammen. Mit einer schnellen Bewegung strich sie die Strähne zurück und steckte sie wieder fest. Etwas Mildenblütenmarmelade blieb in ihrem Haar zurück.

Zur gleichen Zeit waren die Vorbereitungen für das Fest in vollem Gange. Bansein legte sein Magiergewand an und setzte den achteckigen Würdenhut auf. Noch immer kam er sich mit dieser Kopfbedeckung irgendwie albern vor. Immer hatte er den Eindruck, die anderen würden leise über ihn kichern. Dabei war dieser Hut eines der erstrebenswertesten Attribute des Woodenvolkes. In solchen Augenblicken rief sich der Obermagier ins Gedächtnis, wofür die acht Ecken des Hutes standen. Eine jede war Symbol für eine der Magierfunktionen, die der Obermagier sämtlichst in sich vereinen musste, um dem Amt gerecht zu werden. Die erste Ecke stand für die Beraterfunktion des Ältesten, die zweite symbolisierte den Einfluss auf Ereignisse der Natur. Die dritte bis sechste Ecke standen jeweils für eine der Aufsichten, die der Obermagier zu führen hatte: über die Ausbildung der Heiler, die Ausbildung des magischen Nachwuchses, die magischen Ereignisse im Land und den Umgang mit fremden Welten und anderen magischen Wesen. Die siebente erinnerte an das Führen der Chronik und die achte stand für die Unterhaltung, für die ein Obermagier in Friedenszeiten verantwortlich war. Wenn Bansein all dies bedachte, konnte er sich mit der Kopfbedeckung abfinden.

Er rückte sie zurecht, klemmte den Kasten mit den Losen unter den Arm und machte sich auf den Weg zu Bedun, um mit ihm seinen Platz auf der Tribüne einzunehmen. Auf dem Weg begegneten ihm geschäftig herumlaufende Wooden und Woodinnen. Einige trugen Blumen, andere Töpfe mit Leckereien und Krüge mit verlockend duftenden Getränken.

Bansein drängelte sich durch die Menge. Plötzlich machte es KRCCHH. Bansein blieb stehen und horchte. Das Geräusch hörte sich verdächtig nach reißendem Stoff an. Etwas mitleidig sah er sich um, da war wohl jemand einem anderen auf den Mantel getreten. Er schickte sich zum Gehen an, kam aber nicht weit. Seine Beine verhedderten sich in irgendetwas und er stolperte, blieb aber an der vor ihm Gehenden hängen, so dass er sich nicht weh tat. „Hoppla, Obermagier!“, sagte seine unfreiwillige Stütze, als sie ihn erkannte, und half ihm, sich wieder zu entheddern. Sie gingen etwas zur Seite und jetzt bemerkte Bansein, dass es sein Mantel gewesen war, der vorhin dieses verhängnisvolle Geräusch von sich gegeben hatte, und der war auch für sein Stolpern verantwortlich. Er starrte verzweifelt auf das klaffende Loch in seinem Gewand.

Was sollte er nun tun? So konnte er doch unmöglich die Zeremonie durchführen!

„Wie wär’s mit ein wenig Magie?“, fragte die Woodin, die seinen verwirrten, ratlosen Blick richtig gedeutet hatte.

„Ah, ja!“, antwortete Bansein erleichtert und murmelte leise eine Formel vor sich hin. Und vor den Augen der Woodin fügte sich der Stoff wieder aneinander. „Sehr verbunden“, sagte Bansein, „danke, ich muss jetzt …“

Mit etwas Verspätung gelangte Bansein bei Bedun an. Dieser wartete schon, fragte aber nicht. Er hatte überhaupt keine Lust auf eine der Geschichten, die dem Obermagier mit schöner Regelmäßigkeit passierten. Sie gingen auf den Festplatz und setzten sich auf die Tribüne.

Um sie herum füllten sich jetzt die Plätze. Man hatte darauf gewartet, dass die hohen Herren sich setzten. Musik erklang und Bansein konnte die zierliche Woodin sehen, die da unten auf der Bühne stand und auf der Wargel, einem Schlag-Zupfinstrument aus geharzter Rinde, spielte.

Als sie endete, brandete Applaus auf, doch als Bedun sich erhob, trat erwartungsvolle Stille ein.

„Meine lieben Wooden,“, begann er, „wir sind heute hier, um die Teilnehmer an dem diesjährigen Wettbewerb der Magier zu ermitteln. Und zwar diesmal etwas anders als in den vorigen Jahren. Ich muss zugeben, dass ich das sehr schön finde. Die ganze Geheimniskrämerei ärgert mich schon lange. Also kurz und gut, wir losen dieses Mal.“

Lang anhaltendes Klatschen folgte.

„Ja, wie ich sehe und vor allem höre, findet ihr das auch nicht schlecht, und deshalb schlage ich vor, dass wir es von nun an immer so machen.“ Wieder Klatschen.

‚Oh mein Gott!’, dachte Bansein, das musste er verhindern, aber dazu hatte er ja noch drei Jahre Zeit und vielleicht hatte Bedun das Ganze dann ja auch schon vergessen. Ausnahmen konnte es schon einmal geben, aber mit der Tradition ganz brechen!? Das ging nicht an. Schöne Bescherung, die er sich da eingehandelt hatte! Er hätte es wissen müssen, nichts hatte nur eine Seite. Nicht immer zeigte die andere sich so schnell und klar, aber noch nie war eine Aktion ohne Reaktion geblieben. Doch jetzt musste er sich auf die Auslosung konzentrieren.

Da sagte Bedun auch schon: „So, und jetzt gebe ich das Wort an unseren Obermagier“, und leise raunte er noch: „Rede nicht so viel wie ich.“

„He, em … Na dann wollen wir mal!“, begann Bansein, „In die engere Wahl kommen folgende Kandidaten: Xinusia, …“ Sie schritt nach oben und warf ihr langes Haar kokett nach hinten. „… Purga, …“ Sie machte weniger Aufsehen. „… Wadensein, Horps und Burmann.“

Die Menge tobte. Als sich die Begeisterungsstürme wieder gelegt hatten, fuhr Bansein fort: „Sie alle werden jetzt aus diesem Kasten ein Los ziehen.“ Er hielt ein Kästchen in die Höhe, das aus einer Wurzel geschnitzt war und eine schmale Öffnung hatte, in die gerade eine Hand passte. „Diejenigen, deren Los sich in eine Taube verwandelt, werden ausgewählt.“

Solche Späße liebten die Wooden, es würde also auch noch lustig.

Xinusia begann. Sie griff in die Schachtel, zog ihre Hand wieder heraus, zögerte und plötzlich erhob sich aus ihrer Faust eine weiße Taube. Die Zuschauer klatschten. Xinusia strahlte siegesbewusst.

Und wieder verschwand eine Hand in der Schachtel, es war die Wadenseins. Er zog sie heraus und öffnete sie. Ein Zettel lag darin und er verwandelte sich nicht. Die Menge stöhnte mitleidig auf.

Nun trat Horps an den Kasten. Er langte lächelnd nach dem Los und hielt es hoch. Doch auch dieses verwandelte sich nicht, es gab nur einen dumpfen Knall von sich. Enttäuscht trat er zurück. Eigentlich wäre nun klar gewesen, wer die anderen Tauben haben würde. Doch der alte Magier hielt die Lose trotzdem Purga hin, die zögernd zugriff. Wieder passierte nichts. Verwirrung spiegelte sich auf den Gesichtern. Alle Augen ruhten auf Bansein, der gelassen dastand, und Burmann den Kasten hinhielt. Dieser nahm das letzte Los. Gespannt schaute man nun auf seine Hand. Diesmal tat sich etwas. Der Zettel verschwand, er löste sich in Rauch auf, in grünen.

Die Menge staunte, verstand aber nichts.

„Ich bin euch wohl eine Erklärung schuldig“, sagte nun Bansein. Die erwartungsvolle Stille gab ihm Recht. Die kurze Pause, die nun folgte, hielten die meisten für einen theatralischen Trick, um die Spannung zu erhöhen. Burmann allerdings fand, dass dieses Gehabe nicht zu seinem Onkel passte. Aber bevor er sich Sorgen machen konnte, fuhr Bansein fort und seine Worte schienen die Meinung der Zuschauer zu bestätigen. „Iiich wollte das Ganze ein wenig spannender und lustiger machen, ich kenne euch Wooden doch. Jaaa, da habe ich eben ein wenig Spaß gemacht. Wie ihr euch erinnert, habe ich gesagt, wer eine Taube zieht, sei ausgewählt, aber nicht wozu. Nun …, in diesem Fall als Verlierer.“

Xinusia, deren Gesichtszüge in den letzten Minuten Gefühle von Triumph über Verblüffung bis zur Enttäuschung gezeigt hatten, sah jetzt hasserfüllt zu Bansein, stürzte die Treppe hinunter und verschwand. Die Umstehenden fanden diese Reaktion übertrieben.

Bansein wandte sich wieder der gespannten Menge zu. „Die andere Niete habt ihr ebenfalls gesehen, es war der grüne Rauch bei Burmann. Schade, er ist ein sehr guter Magier, aber auch die anderen sind gut. Und deshalb werden die anderen drei am Wettstreit teilnehmen. Mein Glückwunsch!“

Die drei Auserwählten strahlten. Schon hatte die Menge Xinusia und Burmann vergessen und trug nun die Sieger auf ihren Schultern in das Festzelt, um zu feiern. Langsam verhallte das begeisterte Rufen der Wooden: Horps! – Wadensein! – Purga! – Horps! …

Während die Wooden feierten, ging Bansein nachdenklich nach Hause. Sein kleiner Scherz hatte sich verselbstständigt. In seinem Haus unter der Milde wartete schon Burmann auf ihn. Er hatte keine Lust zu feiern.

„Oh“, begrüßte Bansein seinen Neffen, „was machst du hier?“

„Du wirst dir sicher denken können, dass ich zum Feiern nicht aufgelegt bin. Bei dem Los, das ich gezogen habe, hätte ich auch ausschlafen können“, meinte der junge Magier. „Aber Xinusia muss dein Taubenscherz sehr getroffen haben. Hast du ihren Gesichtsausdruck gesehen? Ich kann ja verstehen, dass sie enttäuscht war, aber sie sah ja geradezu hasserfüllt aus. Vielleicht war der Scherz mit der Taube doch ein wenig bösartig. Das hätte ich dir gar nicht zugetraut.“

„Ich mir auch nicht“, erwiderte Bansein,

„Aber sie hat sich vor allem über sich selbst geärgert und natürlich auch über mich.“ „Aber du konntest doch nichts für ihr Pech.“

„Nun, so ganz stimmt das nicht. Ehrlich gesagt, war ich selber sehr überrascht, als Xinusia tatsächlich eine Taube in der Hand hatte. …Das mit der Taube war nur ein Scherz, den ich, nachdem sich alle genug gewundert hätten, aufklären wollte.“

„Willst du damit sagen, dass Xinusia sich durch Zauberei einen Vorteil verschaffen wollte?“

„Genau das ist passiert. Ich habe das Ganze als einen Wink des Schicksals gesehen und die Taube dann als Niete ausgegeben.“

„Und hatte sie nun eigentlich wirklich die Niete?“

„Nein, die hatte Horps“ „Aber“, erwiderte Burmann, „dann ist jetzt jemand, der eine Niete hatte, ausgewählt. Warum konnte es nicht meine Niete sein? Findest du das Ganze nicht ein wenig ungerecht?“

„Nein, ganz und gar nicht, denn letztlich habe ich die Entscheidung getroffen, die sowieso nur mir zustand.“

„Also hast du dich ganz bewusst gegen mich entschieden“, stellte Burmann etwas beleidigt fest.

„In gewissem Sinne ja, zumindest in dem Moment, als ich mich entschied, das Losverfahren nicht zu wiederholen und nur den grünen Rauch als Niete nannte. Und ich denke, das ist auch gut so, mir ist, als würde diese Entscheidung für die Zukunft wichtig sein.“

Burmann fragte jetzt nicht weiter. Er wusste, dass solche Gefühle meist unkonkret und nicht erklärbar, aber ernst zu nehmen waren. Seine Gedanken kehrten zu Xinusia zurück.

Er sagte: „Eins verstehe ich aber immer noch nicht. Warum hat Xinusia so hasserfüllt ausgesehen? Sie hätte dir doch eher dankbar sein müssen, dass du sie nicht vor allen bloßgestellt hast.“

„Das schon, aber ich weiß von ihrer Entgleisung und das gefällt ihr nicht. Außerdem hat sie gemerkt, dass sie sich selbst ihre Chance verdorben hat. Die Schuld gibt sie mir. Sie konnte ja nicht einmal die Entscheidung anfechten, dann hätte sie sich ja selbst entlarven müssen.“

„Ja, das leuchtet mir ein. Was wirst du jetzt tun? Wirst du sie strafen?“

„Nein, ich denke, sie hat sich selbst genug gestraft, aber ich werde sie beobachten. Denn entweder hat sie daraus gelernt oder aber sie wird wieder unehrlich sein. Und es ist meine Aufgabe, auf die Einhaltung der Regeln unter den Magiern zu achten.“

Burmann nickte. Dann verabschiedete er sich und ging nach Hause, um sich dort in sein Bett zu legen, doch er konnte nicht schlafen. Das eben Erfahrene regte ihn zu sehr auf.

Er war enttäuscht von Xinusia. Er hatte sie gemocht. Jetzt war er wütend auf sie.

4. Kapitel, in dem Xinusia Waldstadt verlässt

Xinusia war nach der Niederlage auf dem Fest nach Hause geschlichen. Ihr war klar, dass sie sich ihre Chance auf eine Teilnahme am Wettstreit selber verdorben hatte, und es war ihr auch klar, dass Bansein sie durchschaut hatte. Nur eines war ihr nicht klar: Warum hatte er nichts gesagt? Dass er sie erpressen wollte, konnte sie sich nicht vorstellen. Die Ungewissheit aber und der Ärger, dem alten Magier ausgeliefert zu sein, sich womöglich eine Moralpredigt anhören zu müssen, vor allem aber der Ärger über sich selber, nagten an ihr. Um nichts in der Welt wollte sie eine solche Demütigung ertragen. Und selbst wenn Bansein dichthielt, er wusste es. Mit diesen Gedanken beschäftigt, beschloss sie, Waldstadt zu verlassen.

Sogleich begann Xinusia ihre Habseligkeiten zusammenzupacken. Sie musste gut auswählen. Einerseits durfte sie sich nicht zu sehr belasten, andererseits wusste sie nicht, ob sie je zurückkehren würde. Sie nahm aus einer Kammer im hinteren Teil ihres Hauses einen verblichenen Sack mit Riemen aus festem, aber geschmeidigem Flechtzeug. Fast liebevoll strich sie über den Stoff und fühlte die Stärke der Riemen. Als sie das das letzte Mal getan hatte, war die Farbe des Beutels noch ein tiefes Blau gewesen, die Tragebänder hatten eine satte braune Farbe gehabt, von der nun kaum noch etwas zu erahnen war. Sie selbst war noch ein Kind gewesen, das ihrer Mutter die Erlaubnis abgeschwatzt hatte, nach Waldstadt gehen zu dürfen und die Ausbildung als Magierin zu beginnen. In der ihr so eigenen Extravaganz vergaß sie ihre vorherige Eile und legte das Behältnis vor sich auf einen kleinen runden Tisch. Als erstes nahm sie eine Schale aus dem Regal über der Tür, griff mehrere kleine Fläschchen aus einem niedrigen Schrank und verrührte einige Tropfen in dem Gefäß mit Wasser. Xinusia beträufelte den Stoff und das Geflecht mit der entstandenen gelblichen, dünnen Flüssigkeit, murmelte einen Spruch und knetete die Tinktur in den Stoff ein. Dann setzte sie sich hin und beobachtete, wie sich die alten Farben der Tragetasche wieder herstellten. Der Sack war wieder wie neu. Xinusia war zufrieden mit sich. Doch dieses Gefühl hielt nicht lange an, denn gleichzeitig erinnerte sie die Tasche an ihr Vorhaben. Entschlossen stand sie auf und begann zu packen. Kleidung gelangte kaum in ihr Gepäck. Sie benötigte nicht viel. Veränderungen in Farbe und Form konnte sie magisch erreichen. Die Stoffe selber waren durch einen Zauber, den ihr Bansein einmal als Belohnung für fleißiges Lernen gezeigt hatte, vor dem Zerfall geschützt. Er hatte ihr fast alles beigebracht, was sie wusste, sie immer dazu angehalten, ihr an sich schon gutes Gedächtnis zu schulen. Er hatte sie an den kleinen Privatstunden, die er seinem Neffen angedeihen ließ, häufig teilhaben lassen und ihr für die Wanderschaft gute Magier für die Ausbildung empfohlen. Immer hatte er an sie geglaubt. Mit Wehmut, aber auch Bitternis dachte sie: ‚Ha, da ist mir der alte Magier also auch noch bei diesem Vorhaben behilflich! Ob er das so gut findet?’ Gedankenverloren packte sie weiter.

Allerdings fand dagegen etliches Schminkzeug den Weg in den inzwischen wieder tiefblau glänzenden Beutel. Für das Schminken benutzte Xinusia keine Zauberei. Sie wusste recht gut, warum sie lieber die Finger von magischen Veränderungen ihres Körpers ließ. Es war ihr noch gut in Erinnerung, wie eine ältere, durchaus erfahrene Magierin versucht hatte, sich ihre Falten zu glätten. Die Falten waren nach dem magischen Eingriff tatsächlich weg, leider aber auch ein Teil ihrer Nasenflügel. Und die Ärmste hatte einfach nur ein wenig zu laut gesprochen!

Weiterhin legte Xinusia etliche ihrer Flacons und einige Döschen mit Pasten aus dem kleinen Schränkchen, behutsam eingewickelt, zum Gepäck. Hinzu kam noch eine kleine Pfeife aus Weidenrinde und die Schale sowie einige Rührstäbchen aus einem strapazierfähigen und vor Zerstörung durch Tinkturen sicheren Holz, das mit Sicherheit nicht aus diesem Teil des Landes stammte.

Sie belegte ihre Tür mit einem Schließzauber und schlug den Weg in nördlicher Richtung ein. Es war inzwischen Abend geworden. Niemand bemerkte ihr Fortgehen.