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Die junge Kriegerin Çeda rüstet sich zur letzten Schlacht: das Finale der epischen 1001-Nacht-Fantasy »Die Legenden der Bernsteinstadt« von Bradley Beaulieu Im Kampf um die Freiheit der exotischen Wüstenmetropole Sharakhei mussten die Rebellen einen herben Rückschlag hinnehmen. Viele sind aus der Stadt geflohen, unter ihnen auch Çeda. Nun fasst sie einen verzweifelten Plan, um die tyrannischen Zwölf Könige doch noch zu stürzen: Heimlich wird sie nach Sharakhei zurückkehren und die Asirim freisetzen, jene ebenso gefährlichen wie mächtigen Sklaven der Könige. Diese versuchen alles, um Çeda aufzuhalten, doch ihre Einigkeit bröckelt. Mehr als ein Verrat wird geplant, und in der flimmernden Hitze der Wüste ziehen sich die Fäden des Schicksals immer enger zusammen. »Eine faszinierend andere Fantasy-Welt.« Phantastiknews.de »Opulent und unglaublich unterhaltsam.« Michael J. Sullivan In der Fantasy-Saga "Die Legenden der Bernsteinstadt" von Bradley Beaulieu bereits erschienen: "Die Zwölf Könige" "Der Zorn der Asirim"
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Seitenzahl: 1086
Veröffentlichungsjahr: 2019
Bradley Beaulieu
Die Legenden der Bernsteinstadt 3
Aus dem Amerikanischen von Kerstin Fricke
Verlagsgruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG.
Im Kampf um die Freiheit der exotischen Wüstenmetropole Sharakhai mussten die Rebellen einen herben Rückschlag hinnehmen. Viele sind aus der Stadt geflohen, unter ihnen auch Çeda. Nun fasst sie einen verzweifelten Plan, um die tyrannischen Zwölf Könige doch noch zu stürzen: Heimlich wird sie nach Sharakhai zurückkehren und die Asirim freisetzen, jene ebenso gefährlichen wie mächtigen Sklaven der Könige.
Diese versuchen alles, um Çeda aufzuhalten, doch ihre Einigkeit bröckelt. Mehr als ein Verrat wird geplant, und in der flimmernden Hitze der Wüste ziehen sich die Fäden des Schicksals immer enger zusammen.
Widmung
1. Kapitel
2. Kapitel
3. Kapitel
4. Kapitel
5. Kapitel
6. Kapitel
7. Kapitel
8. Kapitel
9. Kapitel
10. Kapitel
11. Kapitel
12. Kapitel
13. Kapitel
14. Kapitel
15. Kapitel
16. Kapitel
17. Kapitel
18. Kapitel
19. Kapitel
20. Kapitel
21. Kapitel
22. Kapitel
23. Kapitel
24. Kapitel
25. Kapitel
26. Kapitel
27. Kapitel
28. Kapitel
29. Kapitel
30. Kapitel
31. Kapitel
32. Kapitel
33. Kapitel
34. Kapitel
35. Kapitel
36. Kapitel
37. Kapitel
38. Kapitel
39. Kapitel
40. Kapitel
41. Kapitel
42. Kapitel
43. Kapitel
44. Kapitel
45. Kapitel
46. Kapitel
47. Kapitel
48. Kapitel
49. Kapitel
50. Kapitel
51. Kapitel
52. Kapitel
53. Kapitel
54. Kapitel
55. Kapitel
56. Kapitel
57. Kapitel
58. Kapitel
59. Kapitel
60. Kapitel
61. Kapitel
62. Kapitel
63. Kapitel
64. Kapitel
65. Kapitel
66. Kapitel
Dank
Glossar
Reiche und Orte
Orte in Sharakhai
Die Zwölf Könige
Personen
Organisationen und Gruppierungen
Die Götter
Weitere Dinge von Bedeutung
Für Rob, für deine Freundschaft und weil du mich immer auf den Boden der Tatsachen zurückholst.
Çeda kniete an einem Wasserbecken in einer Höhle tief unter der Wüste. Die Dunkelheit der Höhle und die kühle Luft umfingen sie. Es roch sauber hier, unbefleckt, ein Ort, der während der ganzen Regentschaft der Könige Sharakhais verborgen geblieben war, vielleicht noch länger.
In den Händen hielt sie ein schweres goldenes Armband. Sie drehte und wendete es, immer und immer wieder, fühlte sein Gewicht, berührte den ovalen Stein, rieb über die filigranen Verzierungen im Gold.
»Sprecht zu mir«, sagte sie. »Sprecht dieses Mal zu mir.«
Das Echo schien endlos von den Wänden der Höhle widerzuhallen.
Einst hatte dieses Armband König Mesut, dem Schakalkönig, gehört, doch nun war es eine Anklage gegen alle Könige und sogar die Götter selbst. Es war nicht das Band an sich, in dem der Beweis für ihren Verrat ruhte, es war der Onyx, der darin eingelassen war. Selbst in diesem Moment konnte sie die Seelen der darin gefangenen siebzehn Asirim spüren – wie sie ihre Freiheit forderten, wie sie darum flehten, entlassen zu werden. Çeda wünschte sich nichts mehr, als dieser Bitte nachzukommen, aber auch nach sechs Wochen hatte sie keine Ahnung, wiesie es anstellen sollte.
In der Nacht der großen Schlacht im Königshafen hatte Mesut die Seelen als Wiedergänger beschworen und auf Çeda und Sehid-Alaz gehetzt. Sehid-Alaz, der König des Dreizehnten Stamms, der gekrönte Asir, der sie auf die Stirn geküsst und sie auf diesen wundersamen neuen Weg geführt hatte. Es war ein Moment der Verzweiflung gewesen, doch es war ihr gelungen, Mesuts Hand abzuschlagen und ihm das goldene Band zu nehmen. Sie hatte die geisterhaften Seelen angefleht, ihren Zorn gegen Mesut zu richten, und daraufhin waren sie wie Bussarde auf ihn herabgestürzt. Jeder Hieb ihrer schrecklichen Krallen hatte sie in Euphorie versetzt, ihnen einen Moment lang ersehnter Rache geschenkt, aber die Freude war nur von kurzer Dauer gewesen. Kaum war Mesut seinen Wunden erlegen, wurden sie zurück in ihr Gefängnis gezogen und waren einmal mehr in Ketten gelegt. Seither war es ihr nicht gelungen, das Kunststück zu vollbringen, sie zu befreien.
»Bei deiner Gnade«, flüsterte Çeda an die Göttin Nalamae gerichtet.
Sie öffnete das Medaillon ihrer Mutter, das wie die Flamme einer Kerze geformt war, und entnahm ihm das letzte ihrer Adichara-Blütenblätter. Bei dem floralen Geruch wurde ihr der Mund wässrig, und als sie es unter ihre Zunge legte, durchströmte sie der mineralische Geschmack. Er wärmte ihre Glieder, verjagte die feuchte Kühle der Höhle auf eine Weise, wie ein Feuer es niemals vermocht hätte. Sie ließ das Medaillon zuschnappen, atmete tief ein, schloss die Augen und hieß die Empfindungen und Eindrücke, die auf sie einströmten, willkommen.
Sie spürte den Asir, Kerim, irgendwo weit über sich. Er hielt sich außerhalb der Höhle auf, streifte zwischen den Felsen herum, wie sie vermutete. Er wirkte verschlossen, als verberge er seine Gefühle und Gedanken vor ihr. Er mochte das Armband nicht. Das hatte er ihr gesagt. Sie konnte die Abscheu in ihm spüren, obwohl sie nicht sicher war, ob es daran lag, dass es ihn beständig an sein eigenes Schicksal erinnerte, oder an der Sorge um die darin gefangenen Seelen.
Sie erweiterte ihren Geist und rief die Seelen näher zu sich. Als sie sich zurückzogen, versuchte sie die Grenzen des Onyx auszuloten, versuchte sich eine Vorstellung davon zu machen, um mehr über die darin gefangenen Seelen in Erfahrung zu bringen. Aber wie jedes Mal zuvor fühlte sich der Stein unergründlich an – ein Stern am Himmel, der sich dem Geist eines Sterblichen entzog. Wann immer sie in der Vergangenheit Blütenblätter eingenommen hatte, in oder nahe Sharakhai, war sie in der Lage gewesen, die Blühenden Ebenen und die Asirim darunter zu erspüren, die dort in ihren sandigen Gräbern gefangen waren. Selbst jetzt konnte sie sie fühlen, weit westlich der Höhle, in der sie und Kerim sich verbargen. Sie hatte gedacht, mithilfe der Blütenblätter die Asirim in dem Onyx erspüren zu können. Sie hatte gehofft, sich seine Geheimnisse erschließen zu können, die Bindung zu den Asirim zu nutzen, um sie aus ihrem Gefängnis zu befreien oder, falls das scheiterte, wenigstens mit ihnen zu sprechen, wie sie es mit Kerim tat. Erfolglos. Wieder und wieder war sie gescheitert. Nicht ein einziges Mal in den Wochen nach der großen Schlacht im Königshafen hatte sie das Gefühl gehabt, ihrem Ziel nahe zu sein.
»Sprecht«, sagte sie, und das einzelne Wort hallte durch die Höhle. »Nur ein Wort, damit ich weiß, dass Hoffnung besteht.«
Die einzige Antwort, die sie erhielt, war ein Miasma aus Schmerz, Furcht, Verwirrung und Hass. Das Gleiche wie immer.
Wie so oft in der letzten Zeit wurde sie vom Knurren und Jaulen der Wölfe in ihrer Konzentration gestört. Sie war versucht, es zu ignorieren, doch dann nahm die Intensität der Geräusche zu, sie spürte, wie Kerim panisch wurde, und entzog sich den Seelen in dem Armband.
»Vergebt mir«, flüsterte sie und eilte den kurvenreichen Tunnel hinauf in Richtung Sonne.
Völlig außer Atem erreichte sie den Höhleneingang, wo sich ihr Rudel Mähnenwölfe zu einem Schutzwall aufgefächert hatte. Sie hatten sich zwischen Kerim und dem Eingang zur Höhle positioniert. Direkt vor Kerims zusammengekauerter Gestalt sah sie Nebel, eine weiße Wölfin, in Lauerstellung, sie hatte die Ohren zurückgelegt, die Zähne gefletscht, und ein dunkles Grollen kam aus ihrer Kehle. Es war die Wölfin, auf die Çeda und Emre bei ihrem ersten Ausflug zu den Blühenden Ebenen gestoßen waren, die Wölfin, die sie geheilt und hierhergeführt hatte, damit sie sich von ihren Wunden erholen und überlegen konnte, wie es weitergehen sollte.
»Kerim!«, sagte Çeda, als sie näher kam.
Kerim beachtete sie nicht. Er starrte Nebel an, die gelb angelaufenen Augen wild und hektisch, als wäre er sich nicht sicher, wie er hierhergekommen war. Seine Verwirrung wurde zunehmend schlimmer, je länger sie sich vor den Truppen der Könige verbargen.
Kerim, zurück.
Als sie sich näherte, rückten die Wölfe enger zusammen und versperrten ihr den Weg. Der größte von ihnen, ein vernarbter Wolf, den sie Stachel getauft hatte, trottete hinter Kerim. Obwohl das Rudel versuchte, sie zurückzuhalten, drängte Çeda sich zwischen ihnen hindurch und stürmte mit rudernden Armen auf Stachel zu, der mit still gefletschten Zähnen auf Kerim losging.
»Stachel, nein!«
Kerim fuhr mit erhobenen Armen in genau dem Moment herum, als Stachel nach ihm schlug und mit seinen Krallen Wunden in die verschrumpelte, geschwärzte Haut grub. Kerim hätte ihn mit einem Schlag töten können – Asirim waren übermenschlich stark –, doch er tat es nicht. Er wich zurück und wehrte Stachels Angriffe mit weit ausgebreiteten Armen und Händen ab. Doch die Gefahr war lange nicht vorbei. Während sie sich auf Stachel konzentriert hatte, war Nebel an ihre Seite getrottet und hatte so einen Weg zu Kerim geschaffen.
»Zurück!«, schrie Çeda und stellte sich zwischen Kerim und die weiße Wölfin.
Nebels Augen wanderten zwischen Kerim und Çeda hin und her, aber sie gehorchte, und Çeda rannte los, um Stachel aufzuhalten.
Kerim heulte, die blutunterlaufenen Augen panisch aufgerissen. Er schlug wild und zornig nach Stachel. Çeda hörte einen dumpfen Schlag, als Kerims Faust auf den riesigen Kopf des Wolfes traf. Stachel war der größte der Wölfe, mit seinen langen Beinen ragte sein Kopf höher auf als Çeda – und doch schleuderte die Wucht des Schlags ihn zur Seite. Er stieß ein wildes Jaulen aus, und seine Wut war neu entfacht, was auch den Rest des Rudels dazu trieb, näher heranzurücken. Sie hatten die Köpfe gesenkt, und ein Knurren grollte zwischen ihren gebleckten Zähnen hervor. Bis jetzt hatten sie Çeda gehorcht, aber nun, da Kerim ihren Anführer angegriffen hatte, waren sie bereit, dieses verhasste Wesen für immer aus ihrem Rudel zu entfernen.
Çeda zerrte an Stachels Mähne. »Lass ihn in Ruhe!«
Doch Stachel fuhr herum und stürzte sich auf sie. Seine Kiefer schnappten zu und erwischten sie am Handgelenk. Es gelang ihr, den Arm zurückzuziehen, doch dabei zog sie sich mehrere tiefe Wunden zu. Sie taumelte rückwärts und fiel, während Stachel weiter auf sie zukam und nach ihren Knöcheln schnappte, als sie versuchte, ihn zu treten. Er hatte gerade ihre Wade zwischen den Zähnen, als ein weißer Blitz zwischen sie fuhr.
Ihr Bein war wieder frei, während Nebel und Stachel sich anknurrten, miteinander kämpften und sich im Sand wälzten. Die anderen Wölfe sahen angespannt zu. Der Kampf wurde so wild, dass Çeda schon glaubte, sie würden sich gegenseitig umbringen, doch als Kerim sich abwandte und über den Sand davonrannte, trennten sich die Wölfe schließlich voneinander.
Von einem Moment auf den anderen hatte das Knurren und Jaulen ein Ende. Sie waren außer Atem und noch auf der Hut, doch Kerims Abwesenheit schien sie zufriedenzustellen. Stachel war der unruhigste von allen und ließ den Blick immer wieder zwischen Çeda und Nebel hin und her wandern, doch dann galoppierte er davon, hinein in den Schatten der Felsnase nahe dem Höhleneingang, wo er sich wachsam niederließ, als forderte er jeden heraus, sich ihm zu nähern. Auch Çeda.
Nebel trabte zu Çeda und leckte das Blut von ihren Wunden. Sofort fühlten sie sich besser an, wie die Verletzungen vor einigen Wochen. Nebel wiederholte die gleiche Prozedur an den Schrammen an ihren Waden, während Çeda die Finger durch ihre weiche Mähne gleiten ließ. »Danke«, sagte sie, dann humpelte sie hinter Kerim her.
Sie folgte den Fußabdrücken und schwarzen Blutspuren über den Sand und bahnte sich ihren Weg zwischen den Felssäulen hindurch, die wie Wächter in der Landschaft aufragten. Sie fand ihn in einer Viertelmeile Entfernung, wo er mit überkreuzten Beinen zwischen den Dünen saß und die Knie an die Brust drückte wie ein Kind, das sich in der Wüste verirrt hatte.
Sie kauerte sich neben ihn, sorgsam darauf bedacht, ihn nicht zu berühren, und doch nahe genug, dass er ihre Wärme spüren konnte. »Du musst nicht bleiben.« Sie machte eine Geste, die die Wüste um sie herum einschloss. »Du kannst gehen, in die Wüste fliehen. Sicher gibt es einen Ort in der Großen Mutter, an der du deinen Frieden finden kannst.«
Sie wollte nicht, dass er ging. Nicht wirklich. Sie wollte ihn befreien oder, wenn ihr das nicht gelang, dann wollte sie, dass er seine Gelegenheit zur Rache an den Königen bekam, und wie sollte sie das alles bewerkstelligen, wenn er nicht mehr da war? Aber sein Kummer war so groß, dass sie es versuchen musste.
Seine einzige Reaktion bestand darin, dass er den Kopf drehte und den Blick auf ihr linkes Handgelenk heftete, wo das massive goldene Band Mesuts ruhte. Çeda spürte die Seelen in dem Onyx, obwohl sie stumm waren, wie immer, wenn die Sonne am Himmel stand. Als könnte er den Gedanken an sie nicht länger ertragen, hob Kerim den Blick und sah ihr in die Augen, ein stummes Flehen, dann sah er zu dem Schwert an ihrer Seite. Ihre Ebenklinge. Sie legte die Hand auf den Knauf, wohlwissend, dass er hierüber, über seine letzte Erlösung, schon nachdachte, seit sie Sharakhai verlassen hatten.
»Ich werde es tun, wenn es das ist, was du wünschst.«
Kerim öffnete den Mund, um zu sprechen. Ein lang gezogenes Röcheln kam heraus. Er schluckte und versuchte es noch einmal. »Ich …«, krächzte er. »Ich möchte …«
Sie erhob sich und legte bestimmt die Hand auf Flusstochters Heft. »Das hier?«
Er nickte.
Çedas Herz pochte laut in ihren Ohren. Sie wollte nicht allein hier draußen sein, und sie wollte auch kein Leben beenden, das möglicherweise helfen könnte, anderen die Freiheit zu schenken, doch es war ihr ernst. Niemand verdiente es, so leben zu müssen wie Kerim.
Und doch …
»Du musst es sagen, Kerim.« Sie leckte sich über die Lippen und betete, dass er Nein sagen würde. »Ich kann es nicht tun, wenn du nicht sagst, dass du es willst.«
Kerim erhob sich, die geschwärzte Haut seiner Stirn legte sich in Falten. »Ich …«, sagte er erneut, doch dann wandte er sich ruckartig nach rechts, und Çeda folgte seinem Blick.
Hinter einigen Dutzend Ansammlungen stehender Steine sah sie es, ein geschmeidiges Schiff, viereckige Segel, die eine Linie durch den Horizont zogen – dem Anschein nach eine königliche Jacht. Sie hielt nicht direkt auf sie zu, aber ein Späher im Geiernest könnte sie jeden Moment entdecken.
Sie duckte sich und zog Kerim mit sich. Ihre Finger wurden klebrig von dem dunklen, trocknenden Blut auf seinem Arm.
Er schaute auf das Blut hinab, hob den Blick zu dem Schiff in der Ferne und sah dann einmal mehr Çeda an. »Ich kann dich nicht verlassen.«
Sie war versucht, ihn zu fragen, ob er sich sicher war, aber ihre Erleichterung war so groß, dass ihr die Worte fehlten. »Komm«, sagte sie zu ihm. »Wir müssen hier weg.«
Während sie sich hastig und geduckt auf den Weg zu der Höhle machten, wo sich das Rudel im Schatten versammelt hatte, spürte sie, wie Kerims Sorge wuchs. Bis jetzt hatte er sich dem Ruf der Könige entziehen können, aber würde ihm das auch noch gelingen, wenn eine Klingentochter ihn aus so geringer Distanz rief oder, noch schlimmer, ein König? Vor ihnen buddelte Nebel im Sand, vermutlich suchte sie nach einer Echse, die sie fressen oder Çeda geben konnte, aber sie hielt inne, als sie sich näherten. Ihre Ohren stellten sich auf, und sie hob den Kopf. Vielleicht spürte sie Çedas Beunruhigung ebenso, wie sie selbst Kerims Beunruhigung spürte, in jedem Fall kehrte Nebel wieder zu ihrem Rudel zurück und legte sich zu ihnen.
Einmal mehr als Rudel vereint, drängten sie sich eng aneinander, während in der Ferne die Jacht über den Horizont glitt. Sie änderte einmal den Kurs, und Çeda dachte schon, dass man sie entdeckt hatte, doch den Göttern sei Dank setzte sie ihren Kurs dann einfach in einer geraden Linie fort.
Als die Segel beinahe außer Sicht waren, wagte Çeda wieder zu atmen, doch Nebel war noch immer angespannt. Sie gab ein leises Bellen von sich und starrte zu den Felsen über ihnen hinauf, dann schnaufte sie und schnappte nach Çedas Handgelenk. Wachsam erhob Çeda sich und erklomm leise wie ein Skarabäus die Felsen, wo sie auf der flachen Oberfläche bis zum Rand kroch.
Im Sand unter ihnen, in etwa einhundert Schritt Entfernung, drängten sich drei Skiffs hinter einer Ansammlung von Felsen. Drei Frauen und ein Mann mit einem langen, sandigen Bart standen in der Nähe. Sie blickten zum Horizont, wo man die Masten der Jacht noch in der Hitze flimmern sehen konnte.
Vier Mann für drei Skiffs?, dachte Çeda. Da müssen noch mehr sein.
Normalerweise wurde ein Skiff von mindestens zwei Personen gelenkt, aber aus der Menge an Ausrüstung im Inneren der Boote schloss sie, dass gut ein Dutzend hier sein musste. Die Fußspuren, die von den Skiffs wegführten, bestätigten ihre Befürchtungen.
Sie war nicht mehr geübt in der Kunst, den Herzschlag anderer um sich herum zu erspüren. Sie versuchte es jetzt, ungeschickt, und registrierte zu spät, dass andere bereits ganz in der Nähe waren, dass einige gerade den Felsen umrundeten, auf dem sie lag …
»Aufstehen«, sagte eine Stimme hinter ihr. »Langsam.«
Sie stand auf und drehte sich um. Eine Frau und ein Mann standen mit Shamshiren bewaffnet nur wenige Schritte entfernt. Çeda hob die Hände als Zeichen des Friedens, während die steife Brise an ihren bernsteinfarbenen Thawbs riss. Ihre Gesichter waren hinter den Schleiern von Turbanen verborgen, doch Çeda erkannte Verachtung, wenn sie sie sah.
»Dein Schwert«, sagte die Frau. »Sachte.« Sie trug einen schwarzen Turban, der mit goldenen Stickereien überzogen war. Die kleinen Münzen, die die Fransen schmückten, klimperten sachte im Wind.
»Du hast mir nichts zu befehlen«, sagte Çeda und senkte die Hände, bis sie locker an ihren Seiten hingen.
»Dummes Mädchen«, sagte der Mann und trat vor, um ihr den Shamshir an die Brust zu setzen – ein kleiner Schnitt, als Warnung, sollte sie nicht kooperieren. Er war nachlässig dabei, überzeugt davon, dass sie sich einschüchtern lassen würde, doch das war ein tragischer Irrtum. Bevor seine Klinge sie berühren konnte, wirbelte sie herum und folgte der Bewegung seines Hiebs. Er versuchte das Gleichgewicht zurückzuerlangen, doch jetzt hatte sie seine Abwehr durchbrochen, und sie war blitzschnell. Als er seinen Shamshir zurückriss, packte sie mit der einen Hand die Waffe dicht am Heft, mit der anderen griff sie nach seinem Handgelenk und folgte seiner Bewegung. Sie lenkte das Schwert zurück und nach oben, wand sich darunter hindurch und lenkte ihn dabei so, dass sein Körper praktisch jeden Vorstoß seiner Gefährtin blockierte.
Sie hatte mehr als genug Spielraum, um sein Handgelenk zu brechen oder ihm den Arm auszurenken, doch sie warf ihn einfach über seinen ausgestreckten Arm und nahm ihm dabei das Schwert ab.
Die Frau näherte sich ihr mit deutlich mehr Vorsicht, doch Çeda verschwendete keine Zeit. Sie packte den Shamshir mit beiden Händen und schlug den ersten Hieb der Frau nach oben, wich aus, als der erwartete Abwärtshieb erfolgte, und ließ ihr eigenes Schwert mit einem mächtigen zweihändigen Schlag nach unten auf die Waffe der Frau krachen. Der Fremden entglitt die Klinge, und sie landete klappernd auf dem Stein.
Die Situation eskalierte viel zu schnell, doch als die Frau die dumme Entscheidung traf, nach ihrem Schwert zu greifen, blieb Çeda keine andere Wahl, als dem Mann die Klinge gegen die Kehle zu pressen. Zum Glück stoppte das die Frau, und sie trat mit erhobenen Händen einige Schritte zurück.
Ohne die beiden aus den Augen zu lassen, bückte Çeda sich und hob die Klinge vom Boden auf. »Wer seid ihr?«
Es war die Frau, die ihr antwortete: »Du hast kein Recht, unser Land zu betreten, unser Wasser zu stehlen und uns Fragen zu stellen.«
Çeda dachte einen Moment nach, dann sagte sie: »Du hast recht.« Sie drehte die beiden Schwerter, eines in jeder Hand, sodass sie sie bei der Klinge halten konnte, und streckte sie ihnen hin. Die Frau nahm ihre wachsam entgegen, der Mann beugte sich vor und schnappte sich zornig die seine.
Zum Glück machte keiner von beiden Anstalten, sie anzugreifen.
Çeda zog den Schleier vom Gesicht und verbeugte sich vor der Frau. »Mein Name ist Verrain, und ich komme aus Sharakhai. Ich habe vor etwa zwei Wochen mein Skiff im Treibsand verloren, und seitdem bin ich hier und hoffe, dass …«, sie zeigte in Richtung der Skiffs bei den Felsen, »… nun, dass jemand vorbeikommt.«
Kerim war in der Höhle, und seine Furcht um Çeda wuchs. Bei Rhias Gnade, bleib, wo du bist, bat sie ihn. Versteck dich tief in der Höhle, es sei denn, du hältst es nicht mehr aus. Es drängte ihn, heulend aus dem Höhleneingang zu stürmen. Wenn das passierte, dann würde Blut fließen, und es würde vermutlich erst ein Ende nehmen, wenn viele den Sand der Wüste mit ihren Leben genährt hätten.
Die Brauen der Frau zogen sich zu einem Stirnrunzeln zusammen, doch dann erregte etwas ihre Aufmerksamkeit, und ihr Blick glitt hinab zum Eingang der Höhle. Çeda blickte kurz nach unten. Ein Dutzend Männer und Frauen in ähnlich hellen Thawbs traten gerade in den Schatten vor der Höhle. Einige hatten schwarze Turbane auf dem Kopf, die wie bei der Frau mit Münzen versehen waren, andere trugen konische Helme mit schnörkeligen Verzierungen und einem Vorhang aus Kettengewebe an den Seiten und im Nacken. Zweifellos hatten sie das Geräusch von Stahl auf Stahl gehört. Nun hatten sie die Wölfe entdeckt und musterten sie wachsam. Einige nahmen Bogen von ihren Rücken und begannen sie zu spannen. Drei hatten sich von der Gruppe gelöst und waren auf dem Weg auf die Felsen, doch als die Frau mit dem goldverzierten Turban die Hand hob, blieben sie stehen und warteten.
Den Göttern sei Dank regte Kerim sich nicht, während die Frau Çeda ruhig musterte, zum Glück eher neugierig als feindselig.
»Und die Wölfe?«, fragte sie.
»Sie waren hier, als ich angekommen bin. Wir haben uns das Wasser geteilt.«
»Dann macht es dir sicher nichts aus, wenn wir einige davon töten.«
»Besser nicht.«
Die Frau dachte ein paar Herzschläge lang nach, dann entfernte sie ihren Schleier. Çeda blickte in ein strenges, wettergegerbtes Gesicht mit blauen Tätowierungen auf den Wangen, der Stirn und der Nase. Sie steckte das Schwert ein und gab dem Mann zu verstehen, es ihr gleichzutun. Ihre rechte Hand ruhte jedoch weiterhin auf dem Heft des Shamshirs, eine Warnung, dass Vertrauen in der Wüste etwas war, das mit der Wahrheit erkauft werden musste.
»Wie kommt eine Klingentochter in das Gebiet der Salmük?«
»Ich bin keine Tochter.« Eine einfache Aussage, und sie war wahr. »Ich habe das Kleid und die Klinge gestohlen.«
»Die Töchter haben nicht die Angewohnheit, ihre Kleider zu verlegen, und noch weniger, ihre Klingen zu verlieren.«
»Das stimmt, aber sie beschweren sich auch nicht mehr, nachdem ihr Blut die Große Mutter genährt hat.«
Die Augenbrauen der Frau hoben sich, und sie wechselte einen Blick mit dem Mann. »Du erwartest, dass ich dir glaube, dass du eine Klingentochter getötet hast?«
»Das tue ich.« Çeda musterte ihre Gesichter aufmerksam und wartete, wie vor allem die Frau reagieren würde. Sie hatte nun zwei Möglichkeiten: Entweder sie präsentierte sich ihnen als Feindin der Könige oder als das Gegenteil. Je nachdem, wo die Loyalitäten des Stamms Salmük lagen – beziehungsweise die der Gruppe, die sich um sie geschart hatte –, war es möglich, dass sie die falsche Wahl traf. Doch die Art, wie die Frau auf ihre Behauptung, eine Klingentochter getötet zu haben, reagiert hatte, war ein guter Hinweis. Da hatte doch so etwas wie Bewunderung mitgeschwungen.
»Vielleicht«, fuhr Çeda fort, »hat mittlerweile die Kunde von einer Schlacht in Sharakhai eure Zelte erreicht. Ich habe daran teilgenommen. Ich habe gegen die Töchter und die Könige gekämpft.«
Die Frau wies mit dem Kinn in Richtung Horizont, wo die Jacht verschwunden war. »Also hat das Schiff nach dir gesucht?«
Çeda nickte. »Sie sind seit Wochen hinter mir her.«
Die Tätowierungen in den Augenwinkeln der Frau zogen sich zusammen, als sie Çeda noch einmal neu in Augenschein nahm. »Du bist eine von den Skarabäen?«
Sie meine die Skarabäen der Mondlosen Schar, Soldaten, die gegen die Könige kämpften, um sie zu stürzen. »Nein«, antwortete Çeda, »aber unsere Interessen überschneiden sich.«
Als die Frau sich dem Mann zuwandte, veränderte sich etwas unter ihnen. Stachel stieß ein dumpfes Knurren aus und näherte sich einem Mann des Wüstenvolks, der einen Pfeil in seinen Bogen gespannt und ihn ins Visier genommen hatte. Çeda stieß einen scharfen Pfiff aus, und zum Glück verstummte Stachel und zog sich zurück.
Die Frau beobachtete die Szene und hob eine Augenbraue. »Sie waren schon da, als du hier ankamst, sagtest du?«
Çeda zuckte mit den Achseln. »Wir haben uns arrangiert.«
Nun hoben sich beide Augenbrauen, und sie lachte. »Das kann man wohl sagen!« Sie musterte Çeda einen Moment lang. »Du bleibst hier.« Und damit schritt sie die Neigung des Felsens hinab und bedeutete dem Mann, ihr zu folgen.
Dann sprachen sie eine Weile mit dem Rest des Wüstenvolks, leise genug, dass Çeda sie trotz des Blütenblatts nicht über den Wind verstehen konnte. Die Frau sprach die meiste Zeit. Ab und an sah jemand zu ihr herauf. Der Mann gestikulierte an irgendeinem Punkt wild Richtung Norden – vielleicht der Ort, an dem sich die Salmük gesammelt hatten. Als die Unterhaltung beendet war, winkte die Frau Çeda zu sich, und sie machte sich auf den Weg hinunter zum Höhleneingang. Dabei klopfte ihr Herz so heftig, dass Kerims Panik in neue Höhen schoss.
Bleib, sagte Çeda, so ruhig sie es vermochte. Alles ist gut.
Sie hörte ein leises Stöhnen aus dem Höhleneingang, aber zum Glück mischte es sich in das Seufzen des Windes, und niemand sonst nahm es wahr.
Als Çeda vor den versammelten Wüstenbewohnern stehen blieb, faltete die Frau die Hände und neigte den Kopf vor ihr, eine Geste des Friedens in der Wüste, eine Geste, die Çeda hastig erwiderte. »Mein Name ist Beril«, sagte sie, »und du bist willkommen auf unserem Land. Unser Scheich ist nur einen Tag Schiffsreise entfernt. Ich hoffe, du kommst mit uns und sprichst mit ihm.« Sie musterte Çeda von oben bis unten. »Ich nehme an, du könntest etwas zwischen die Zähne gebrauchen, und wir hören gerne Geschichten aus der Stadt.«
»Ein Handel also?«, fragte Çeda.
Die Frau namens Beril neigte zustimmend den Kopf, jedoch nicht ohne ein schiefes Lächeln. »Ein Handel.«
Çeda konnte nicht ewig hier bei dem Wolfsrudel bleiben und sich von Echsen und Käfern ernähren. Berils Angebot anzunehmen bedeutete, dass sie zumindest vorübergehend von Kerim getrennt sein würde, aber es ging nicht anders. Sie hatte die letzten Wochen in der Wüste darauf gewartet, dass sich der aufgewirbelte Staub in der Stadt legte, und die Zeit genutzt, um mehr über Mesuts Band und die darin gefangenen Seelen herauszufinden, aber nun war es Zeit, weiterzuziehen. Sie musste zurück nach Sharakhai, und zwar bald. Es gab so viel zu tun, nicht zuletzt mehr über die Fesseln der Asirim herauszufinden. Mit Kerim hatte sie jemanden gefunden, der dem Ruf der Könige widerstehen konnte. Vielleicht gab es noch mehr. Vielleicht konnte sie ihnen helfen, die Fesseln für immer zu brechen. Das musste möglich sein. Seit Jahrhunderten wurden sie immer schwächer; sie musste nur einen Weg finden, das für sich zu nutzen.
Und dann war da noch der Silberne Schatz, etwas, von dem sie sicher war, dass ihre Mutter es in der Nacht vor ihrer Festnahme und Hinrichtung zu finden gehofft hatte. Dardzada, ihr Ziehvater, hielt es für eine Schimäre. Am Ende hatte ihre Mutter das wohl ebenfalls gedacht, aber Çeda wollte die Wahrheit herausfinden. Sie musste versuchen, die Schritte ihrer Mutter in jener Nacht auf dem Tauriyat zurückzuverfolgen.
Und dann waren da noch die Klingentöchter. Sie brauchte Verbündete. Und was wäre da besser geeignet, als eine der größten Stärken der Könige zu ihrem Vorteil zu nutzen? Da war einmal Zaïde, doch es war Zeit, auch andere außerhalb des Dreizehnten Stamms davon zu überzeugen, dass die Geschichte der Könige – die Asirim seien heilige Krieger, die sich in der Nacht von Beht Ihman geopfert hätten – nie mehr als eine große, abscheuliche Lüge gewesen war.
Und doch war es keine einfache Entscheidung. War Berils Scheich Freund oder Feind? Während ihrer Zeit bei den Klingentöchtern hatte sie viel über Scheich Hişam gelernt, der die Salmük seit dreißig Jahren anführte. Er war engstirnig und bekämpfte verbissen die benachbarten Stämme, wobei er seine Kontrolle über den Zugang zu den Handelsrouten nach Malasan wie eine Keule schwang. Und doch war er kein großer Freund der Könige Sharakhais. Er würde sie vermutlich nicht für Lösegeld ausliefern, nicht ohne sich zuvor ihre Geschichte anzuhören und herauszufinden, welchen Nutzen sie seinem Stamm bringen könnte. Vielleicht gab er ihr sogar ein Skiff.
»Also gut«, sagte Çeda. »Ich gehe meine Sachen holen.«
Und das tat sie dann auch. Das Wüstenvolk ging in die unterirdische Höhle und füllte seine Wasserschläuche. Kerim hatte sich zum Glück tief in die Dunkelheit zurückgezogen. Sie spürte seinen lange unterdrückten Hunger einmal mehr erwachen, als ob die Anwesenheit der Fremden den einen Wesenszug eines Asirs wiedererweckte, dem er nicht entkommen konnte: dem Hunger nach menschlichem Blut.
Du hast es schon so lange unter Kontrolle, sagte sie zu ihm. Du hältst es noch länger aus. Bleib, wo du bist, Kerim, aber halte dich bereit, uns zu folgen, wenn wir gehen.
Schon bald wurde Çeda zu den Skiffs hinter den Steinen geführt. Die Wölfe folgten ihnen eine Weile, Nebel trottete vorneweg und jaulte und sprang, als wollte sie spielen. Doch Çeda wusste, dass dies nicht der Fall war, natürlich nicht.
Sie kraulte der Wölfin das Fell hinter den Ohren, dann kniete sie sich neben sie und umarmte sie, wobei sie die Finger tief in Nebels graue Mähne grub. »Wir sehen uns wieder«, sagte sie und küsste die Wölfin auf die Schnauze. Und dann flüsterte sie: »Danke, dass du mich gerettet hast.«
Kurz darauf segelten sie über den Sand davon, während Nebel ihr noch lange, nachdem die anderen Wölfe sich zurückgezogen hatten, hinterherblickte. Schon bald war sie in der Ferne zusammengeschrumpft und verschwand schließlich ganz, als Felsansammlungen sich zwischen sie schoben. Sie segelten den ganzen Tag, und die Besatzung war seltsam still. Sie hatten den Blick aufmerksam zum Horizont gerichtet, vielleicht fürchteten sie die königliche Jacht oder rivalisierende Stämme.
»Ich habe Geschichten über Hişam gehört«, sagte Çeda, als sie Fladenbrote mit Zwiebel und Lauch aßen. »Alle sagten, er sei ein guter Mann, ein gerechter Anführer.«
Alle in dem Skiff erstarrten und warfen sich verstohlene Blicke zu; alle außer Beril, die Çedas Blick unverhohlen erwiderte: »Hişam ist tot.«
Çeda zog es den Sand unter den Füßen weg. »Meine Tränen für euren Verlust«, sagte sie und begegnete jedem der auf sie gerichteten grimmigen Blicke. Hişam hatte keine Kinder gehabt, das bedeutete, dass es vielleicht Unsicherheit bezüglich der Nachfolge gegeben hatte. War das vielleicht eine Erklärung für die allgemeine Anspannung? »Wer ist nun euer Anführer?«
»Das wirst du früh genug sehen«, antwortete Beril.
Von diesem Moment an änderte sich die Atmosphäre der Reise. Çeda fühlte sich nicht länger wie ein Gast, auch nicht wie ein Eindringling auf ihrem Land, sie fühlte sich wie eine Gefangene. Ihr erster Impuls war es, zu fliehen oder zu kämpfen, sollte es nötig sein – und mit Kerim, der ihnen in einiger Entfernung folgte, standen ihre Chancen gar nicht schlecht. Aber wenn sie hier draußen in der Wüste überleben wollte, dann musste sie mehr über die Stämme herausfinden. Sie wollte diesen Mann, diesen Scheich, sehen und herausfinden, was er plante.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit erhob sich eine Ansammlung von Schiffen am Horizont. Sie hatten sich um eine große Felszunge versammelt, die aussah wie der schartige Kopf einer Axt, der aus dem Sand ragte. Als sie sich näherten, kamen Zelte zum Vorschein. Drei Pferde waren an Pfosten nahe dem größten Schiff angebunden. Menschen gingen ihrer Wege. Ein Feuer loderte in der Mitte des Lagers.
Als ihr Skiff ankam, wies Beril auf Çedas Gürtel. »Ich nehme deine Waffe an mich, bis du mit unserem Scheich gesprochen hast.«
Die anderen beobachteten sie aufmerksam. Was blieb Çeda anderes übrig? Sie hatte gewusst, dass sie das verlangen würden, und doch widerstrebte es ihr so sehr, Flusstochter, das Kennzeichen einer Klingentochter, aufzugeben, dass sie überlegte, Beril herauszufordern, es ihr zu nehmen. Doch der Scheich hatte keinen Grund, ihr schaden zu wollen. Wenn sie umsichtig war, konnte sie vielleicht sein Vertrauen gewinnen, etwas, das unmöglich sein würde, wenn sie sich jetzt widersetzte. Also nahm sie das Schwert samt Scheide von ihrem Gürtel und überreichte es Beril, die kurz nickte. Die Erleichterung auf ihren harten Zügen war unübersehbar.
Nachdem sie bei den größeren Schiffen Anker gesetzt hatten, betrat Beril das größte der Zelte am Feuer und nahm Çedas Schwert mit sich. Nach einer Weile kam sie heraus, gab den anderen ein Zeichen, und Çeda wurde von vier Stammesmännern zu dem Zelt geführt. Niemand hatte die Hand an der Waffe, aber sie beobachteten sie wachsam aus dem Augenwinkel.
Ihre Ankunft erregte Aufmerksamkeit: von Männern, Frauen, Kindern, manche bereiteten gerade Essen zu, andere arbeiteten an den Schiffen. Die meisten starrten sie mit Misstrauen im Blick an. Diejenigen, die Çeda nicht bemerkt hatten oder kein Interesse an dem Neuankömmling zeigten, wirkten freudlos, erschöpft, selbst wenn sie nur einfache Arbeiten wie das Kneten von Brotteig oder das Pflegen von Pferden und Schiffen erledigten.
»Wann ist euer gütiger Herr, Hişam, von euch gegangen?«, fragte Çeda. Das war die einzige Erklärung, die ihr einfiel, um die seltsame Stimmung zu erklären.
Der Mann an ihrer Seite antwortete nicht, sondern führte sie einfach nur mit den anderen zu dem großen Zelt.
Um sie herum schienen alle langsamer zu arbeiten. Alle Augen richteten sich auf sie. In der Wüste spürte sie Kerim – dem sich plötzlich ein Stachel aus Furcht ins Herz bohrte, nur wenige Sekunden bevor ein Hüne aus dem Zelt stampfte. Er war ein Tier von einem Mann, eineinhalb Köpfe größer als Çeda, Arme wie Fleischkeulen. Er trug eine schwarze Rüstung, die einst edel gewesen sein musste, jetzt jedoch mit Schrammen übersät, stellenweise verrostet und an der Schulter eingerissen war, sodass sie etwas schief an seiner massigen Gestalt hing. Das schwarze Haar klebte ihm an Stirn und Wangen und rahmte freudlose, tief sitzende Augen ein, die ihn aussehen ließen wie eine der schrecklichen Hyänen, die Schwarzen Lacher, die durch die Wüste streiften.
Jetzt war ihr klar, woher das Verhalten des Stamms rührte und warum Kerims Herz voller Furcht war.
Denn vor ihr stand Onur, der König der Feste, der König der Speere, und grinste, als hätte er gerade sein nächstes Mahl erblickt.
Aus einer dunklen Gasse in Sharakhais dicht besiedeltem Westen beobachtete Emre ein Fenster auf der anderen Straßenseite. Dort im dritten Stock saß ein alter Mann, der stoisch Pistazienschalen zu einem stetig wachsenden Haufen türmte. Seine Hände verschwanden stets kurz in der Dunkelheit des Raums und tauchten dann wieder mit neuen Schalen im Sonnenlicht auf, was zeigte, wie geschickt er darin war, die Nüsse zu schälen.
Oder wie hungrig er ist, dachte Emre.
Der Zarte Lemi stand hinter Emre und lehnte seine riesige Gestalt gegen die Schlammziegelwand. Er ließ laut die Knöchel knacken. »Zeit raufzugehen, Emre?«
»Noch nicht, Lemi. Leise.«
»Ich weiß. Hast du gesagt. Es ist nur …« Er blickte die Straße hinauf und hinunter, und kurz flackerte Furcht in seinem Gesicht auf, das allzu oft Zorn und Drohung zeigte und nur wenig sonst. »Ich hasse es, hier draußen zu sein«, sagte er. »Fühl mich wie ein verdammtes Lamm, das auf den Schlachter wartet. Verstehst du?«
»Ich weiß, Lem. Ich will nur sichergehen, dass wir nicht in eine Falle laufen.«
Der Zarte Lemi schien seine Worte kaum wahrzunehmen. »Ich bin kein Lamm, Emre.«
»Ich weiß, Lemi.«
Lemi verlagerte das Gewicht, ließ seine Halswirbel knacken und starrte in beide Richtungen die Straße hinab. »Kein verdammtes Lamm.«
Emre behielt weiterhin das Gebäude im Auge – die Fenster, das Dach, die Gassen. Nicht viele waren auf den Straßen der Untiefen unterwegs, und die, die es waren, wussten, dass es nicht klug war zu verharren.
Seit den Kämpfen im Hafen waren gerade einmal vier Wochen vergangen, es war eine Nacht, die in der ganzen Stadt mittlerweile Beht Savaş genannt wurde, die Nacht der Endlosen Schwerter. Im Großen und Ganzen war das nicht viel Zeit, doch Emre war sich sicher, dass die Jagd noch Monate andauern würde, dass mit jedem Tag mehr Druck auf die Widerstandsbewegung ausgeübt werden würde, die als die Mondlose Schar bekannt war.
Es verging keine Nacht, in der er nicht von jemandem hörte, der an den Toren zum Tauriyat aufgeknüpft, mit dem Gesicht nach unten im trockenen Flussbett des Haddah aufgefunden oder zu einer Privataudienz mit dem König der Wahrheit geschleift worden war. Er war sich sicher, dass er eines Tages zu der heruntergekommenen Hütte, die er sich mit dem Zarten Lemi teilte, zurückkehren würde, nur um einen Trupp Silberner Speere dort vorzufinden oder zu erfahren, dass Macide, der Anführer der Mondlosen Schar, getötet worden war, weil er überraschenderweise – und dummerweise – in der Stadt ausgeharrt hatte, nachdem sein Vater Ishaq in die Wüste zurückgekehrt war.
Zwei Kinder rannten die Straße entlang, beide ließen ein verblichenes grünes Band hinter sich herflattern. Plötzlich fühlte Emre sich wie ein Dummkopf. So weit ist es also mit mir gekommen. Ich erzittere beim Anblick verlassener Straßen, sehe Geister in leeren Eingängen.
»Komm, Lem. Zeit, mit dem Mann zu sprechen.«
Trotz seiner zur Schau getragenen Selbstsicherheit fühlte Emre sich, als zielte jemand mit einem Pfeil zwischen seine Schulterblätter, als sie die Straße überquerten und das gedrungene Schlammziegelhaus betraten. Es kribbelte ihm im Nacken. Als sie in die Schatten und die Kühle, die mit ihnen kam, eintauchten, zuckte er mit den Schultern und hoffte vergeblich, das Gefühl abschütteln zu können. Das Kribbeln in seinem Nacken verstärkte sich und gab ihm das Gefühl, ein elender Feigling zu sein.
Er drehte sich um und fuhr Lemi an: »Hör auf, mir auf die Fersen zu treten, ja?«
Der Zarte Lemi schaute nach unten und wirkte verwirrt. Er war nicht auf Emres Fersen getreten, dennoch sah er so zerknirscht aus, als wäre er es. »Tut mir leid, Emre, ich habe nicht …«
»Halt einfach etwas Abstand. Du sitzt mir regelrecht im Nacken.«
»Tut mir leid, Emre.«
Emre fühlte sich wie ein Schuft, aber er sagte nichts, als sie die Stufen in den dritten Stock hinauf erklommen und ein gutes Dutzend Eingänge passierten. Vor noch einem Monat wären diese Eingänge offen gewesen, damit der Luftzug hindurchblasen konnte, doch heute waren alle mit Stofffetzen oder Decken verhängt – alle bis auf den letzten, wo ihr Ziel lag.
»Galliu«, sagte er, als er bei dem Durchgang ankam.
Gegenüber, in einem Stuhl am Fenster, saß ein greiser alter Mann mit einem Haufen Pistazien im Schoß. Mit geübter Leichtigkeit nahm er eine der Pistazien, stemmte sie mit einer leeren Schale auf und warf sich die blassgrüne Nuss in den Mund. »Emre«, sagte Galliu kauend.
Während er sprach, sah er Emre nicht an, genauso wenig wie den wachsenden Haufen auf dem Fensterbrett, als er ein weiteres Paar leerer Schalen darauflegte. Er war blind, oder zumindest nahezu, sodass es keinen Unterschied machte.
Auf einer Pritsche in der Ecke saß ein einsamer Junge, zwölf, vielleicht dreizehn Jahre alt. Der Rest der schmalen Pritschen – insgesamt fünfzehn – war leer, und auf jeder lag sauber gefaltetes Bettzeug.
»Einer?«, rief Emre aus und fragte sich, was Macide dazu sagen würde.
Das letzte Mal, als Emre hier gewesen war, hatte er Galliu für das Rekrutieren Freiwilliger für die Mondlose Schar bezahlt. Das war nur kurz vor der Nacht der Endlosen Schwerter gewesen, einer Nacht, in der zwei der Kammern mit lebensspendenden Elixieren der Könige zerstört worden waren. Emre zusammen mit Macide, Ramahd Amansir und Meryam, der Königin Qaimirs höchstselbst, war in Abendruh, den Palast Kirals, dem König der Könige, eingedrungen, wo sie seine Kammer zerstört hatten, während seine Kameraden sich um die in Ihsans Palast gekümmert hatten. Die dritte Kammer, Zehebs, war von den Truppen des Blutmagiers Hamzakiir gefunden worden, bevor die Mondlose Schar dort ankam. Hamzakiirs Männer und Frauen hatten die Elixiere gestohlen, sodass sie gemeinsam zwar den Königen den Großteil ihrer magischen Tränke entwendet, aber auch eine entscheidende Portion Macht an Hamzakiir abgegeben hatten.
Das war, gelinde gesagt, eine beunruhigende Entwicklung der Dinge. Hamzakiir hatte sich zunächst als Verbündeter Ishaqs und seines Sohns Macide ausgegeben, doch schon bald hatte er sie verraten und seine Macht genutzt, um so viel wie möglich von der Unterstützung abzuziehen, die die Mondlose Schar von den Scheichs der Wüstenstämme und anderen einflussreichen Leuten in Sharakhai erhielt. In den Tagen vor Hamzakiir war die Mondlose Schar zwar immer wieder Schwierigkeiten begegnet, doch wenigstens war sie von Hoffnung erfüllt gewesen. Doch jetzt … Emre starrte den Jungen auf der Pritsche an und sah ihn mit anderen Augen. So weit ist es gekommen. Nur ein einziger mutiger Junge ist unserem Ruf gefolgt. Der Junge wirkte klein und verletzlich, wie er da so mit dem Rücken an der rissigen Ziegelwand kauerte, die Knie an die Brust gezogen, und das wiederum ließ ihre Unternehmung wirken wie ein Haus aus Sand, das beim ersten Heulen des Wüstenwinds zu Staub zerfallen würde.
Galliu kicherte, als er Emres Reaktion bemerkte. »Hast du eine Armee erwartet?«
»Ich habe erwartet, dass mehr mutige Seelen sich erheben würden.«
»Vielleicht sind die Seelen dieser Stadt nicht so mutig, wie du dachtest.«
Emre warf dem Zarten Lemi einen Blick zu, der einfach nur mit einem Schulterzucken antwortete. Einer, dachte Emre. Einer mehr, der für unsere Sache kämpfen wird. »Du hast ihnen gesagt, welchen Lohn wir bieten?«
Galliu wackelte mit dem Kopf. »Das habe ich, aber vielleicht sorgen sie sich ja, ob ihr bezahlen könnt. Es geht das Gerücht um, dass es nicht Macide ist, der das Geld hat, sondern ein anderer.«
Hamzakiir. Er meinte Hamzakiir, der mit ihnen um die Herzen derer wetteiferte, die mit der Mondlosen Schar sympathisierten. Seit der Dämmerung zu Beginn der Nacht der Endlosen Schwerter hatte er beständig gegen Macide und Ishaq gearbeitet und nach und nach einen Keil zwischen sie und ihre Gefolgschaft getrieben – dafür gesorgt, dass Zweifel aufkamen, ob sie wirklich in der Lage waren, die Geknechteten Sharakhais zu befreien. Er hatte ihnen Geld und Schutz geboten, doch anders als Macide war er auch in der Lage gewesen, ihnen beides zu geben.
Emre ließ zehn Sylval in Gallius ausgestreckte Handfläche fallen und sagte: »Erhöht die Entlohnung auf ein Rahl pro Person.«
Die Münzen verschwanden. »Der Preis eines Menschenlebens in Sharakhai.«
»Spar dir deine billigen philosophischen Weisheiten«, sagte Emre und gab dem Jungen ein Zeichen, ihm und dem Zarten Lemi zu folgen. »Erledige, wofür du bezahlt wirst.«
»Selbstverständlich«, sagte Galliu und ließ die letzten Nüsse in einen Leinensack zwischen seinen Füßen fallen. Er behielt eine in der Hand, die er öffnete und aß, doch dann tat er etwas Seltsames. Er legte die Schale auf das Fensterbrett, ließ sie jedoch über die Kante gleiten, etwas, das er bislang sorgsam vermieden hatte. Bis jetzt.
Emre fuhr herum, mit einem Mal misstrauisch. Aus dem Flur hörte er das Klirren einer Zimbel, wieder und wieder. Auch durch das offene Fenster konnte er es hören, es hallte von den Schlammziegelgebäuden wider. Es klang, als käme es aus ihrem Gebäude.
Lemi lehnte sich aus dem Eingang und blickte den Flur hinunter. Der Junge war unauffällig näher an ihn herangerückt, und als er sah, dass Lemi ihn nicht beachtete, schoss er mit einem Messer, das plötzlich in seiner Hand aufgetaucht war, auf ihn zu.
»Lemi!«
Der Zarte Lemi drehte sich gerade noch rechtzeitig um, um den Jungen heranstürmen zu sehen. Er versuchte der Klinge auszuweichen, doch es gelang ihm nur, einen Schritt zurückzumachen, als der Junge zum Sprung ansetzte und die Spitze des Messers in seine Brust bohrte. Im nächsten Moment hatte Lemi das Handgelenk des Jungen gepackt und es nach oben verdreht. Der Junge schrie auf, und das Messer fiel klirrend zu Boden. Dann hob Lemi ihn blitzschnell wie einen Sack Mehl in die Luft und knallte ihn auf die trockenen Holzbretter des Bodens. Der Aufprall erschütterte die Wände. Es klang wie der Einschlag eines Rammbocks. Der Junge rollte sich zusammen wie ein Farn, während er darum kämpfte, seinen Atem zurückzugewinnen. In diesem Moment schnappte Lemi sich das blutige Messer.
»Nein!«, keuchte der Junge. »Ich musste es tun!«
Er bekam nicht die Gelegenheit, mehr zu sagen, bevor das Messer durch die Luft sauste und mit einem dumpfen Geräusch in seiner Brust landete.
Er versteifte sich und umklammerte das Handgelenk des Zarten Lemi, sein Mund stand offen in einem Flehen nach der Güte der Götter, in den letzten Sekunden seines Lebens.
Emre wandte sich Galliu zu, als er das Stampfen von Stiefeln im Flur hörte. In einem Anfall von Wut packte er seinen Shamshir. »Ich erkläre dich zum Verräter der Al’afwa Khadar!«
Galliu, der seltsam nachdenklich wirkte, starrte stur geradeaus. »Das kommt darauf an, wen man für den Anführer der Al’afwa Khadar hält.«
Emre fühlte weißglühenden Zorn in sich brennen. Er meinte Hamzakiir. Galliu, einer von Ishaqs ältesten Soldaten in Sharakhai, war irgendwie ebenfalls dazu gebracht worden, die Seiten zu wechseln. Mit einem schnellen Hieb zog Emre das Schwert über Gallius Kehle und stieß ihn dabei von seinem Stuhl auf den staubigen Boden, wo Blut aus dem Schnitt quoll. Es sammelte sich auf dem schmutzigen Boden und verlieh ihm die Farbe einer staubigen Rose.
Im Flur brüllte eine Frauenstimme: »Im Namen der Könige Sharakhais, legt eure Waffen nieder!«
Der Zarte Lemi stand an der Tür und hielt sein Schwert in der Hand, während Blut ihm die Brust hinunterlief. Einen anderen Mann hätte ein derartiger Blutverlust stark beeinträchtigt, doch nicht Lemi. Er stand da, bereit zum Kampf, während seine wilden Augen nach einem Ausweg suchten. Emre ging zum Fenster, um zu sehen, wie viele unten warteten, doch kaum kam er ihm nahe, schoss ein schwarzer Pfeil in den Raum. Er streifte ihn mit einem scharfen Brennen am rechten Arm. Es war ihm gerade gelungen, dem Pfeil auszuweichen, als weitere aus unterschiedlichen Winkeln in den Raum flogen.
Emre schüttelte den Kopf in Lemis Richtung, dessen Blick sich verhärtete. »Ich bin kein verdammtes Lamm, Emre.«
»Nein«, bestätigte Emre. »Ich auch nicht.« Er würde eher sterben, als sich dem König der Wahrheit auszuliefern. Aber was sollten sie tun? Beide Ausgänge waren versperrt.
Erneut der Ruf: »Legt die Waffen nieder!«
Und nun konnte Emre sie sehen, eine Klingentochter in ihrem schwarzen Kampfkleid, mit Schleier und Faustschild. Die Ebenklinge in der rechten Hand ließ sie aussehen wie einen Racheengel, der gekommen war, um ihn zu holen. Hinter ihr befanden sich zwei weitere und dahinter eine Reihe Silberner Speere.
Emre sah zum Fenster, zu dem sterbenden Galliu, zu dem Jungen, der nun leblos dalag. Während der Zarte Lemi mit der Klingentochter kämpfte und das Klirren von Stahl den ohnehin beengten Raum noch enger erscheinen ließ, wurde ein Kletterhaken heraufgeworfen und fand am Fensterbrett Halt. Pistazienschalen wurden überallhin geschleudert. Emre zog sein Messer und stürmte zum Fenster, dabei achtete er darauf, aus der Sichtlinie der Bogenschützen zu bleiben. Er riskierte den Versuch, das Seil durchzuschneiden, doch im gleichen Moment bohrte sich ein Pfeil durch das Fleisch seines Unterarms und drang dann tief in das Holz des Fensterrahmens ein.
Mit gegen den Schmerz zusammengebissenen Zähnen packte er den Schaft des Pfeils und riss ihn in einem scharfen, brutalen Bogen nach oben. Der Schaft brach im gleichen Moment, in dem das Seil durchschnitten wurde. Blut strömte seinen Arm hinunter, und weitere Pfeile bohrten sich in den Boden. Für einen kurzen Moment hatte er sehen können, wie viele dort draußen warteten: zwei Töchter und ein Dutzend Speere.
Er setzte sich ans Fenster, den Rücken zur Wand. Unter schrecklichen Schmerzen riss er das, was von dem Pfeilschaft noch übrig war, aus seinem Arm. Er schloss die Augen, als der Schmerz seinen Höhepunkt erreichte. Als er sie erneut öffnete, fiel ihm auf, wie heruntergekommen eine Ecke des Raums war, wie sehr die Ziegel dort bröckelten, und ein verrückter, verzweifelter Gedanke kam ihm in den Sinn.
Er erhob sich in eine gebückte Haltung und näherte sich der Tür. Nur eine Armlänge entfernt brüllte der Zarte Lemi vor Zorn, und sein Schwert blitzte, während er sich gegen die unglaubliche Geschwindigkeit der Klingentochter behauptete. Emre achtete nicht auf den Kampf, sondern rannte zur Mauer und warf sich mit der Schulter dagegen.
Etwas in seiner Schulter knirschte. Schlammziegelsplitter regneten herab, doch die Wand hielt.
Der Zarte Lemi wich in den Raum zurück und blickte in seine Richtung. Seine Augen wurden groß wie bei einem Kind, dem man das erste Mal einen Kartentrick zeigte. In stummer Übereinkunft nickte er, als Emre eine der schweren hölzernen Pritschen anhob. Sein Arm brannte von der blutigen Pfeilwunde, und seine Schulter fühlte sich an, als würden die Knochen dort zu Staub zermahlen, doch es gelang ihm, die Pritsche zu heben und damit auf den offenen Eingang zuzustürmen, während Lemi die Tochter mit drei harten, präzisen Schlägen attackierte, ehe er sich zurückzog.
Emre stürmte mit der Pritsche voran und rammte die Klingentochter damit, als sie versuchte, in den Raum vorzustoßen. Er erwischte sie unvorbereitet, und sie wurde von dem riesigen, massiven Stück Holz zurückgedrängt. Sie machte Anstalten, sich dagegenzustemmen, doch es war zu spät, Emre stieß sie zurück in den Flur und drängte auch die hinter ihr Stehenden zusammen.
Während Emre sich nach seinem Schwert bückte, warf Lemi sich gegen die Wand wie ein Akhala-Hengst. Die gesamte Wand fiel nach innen in sich zusammen, und ein hölzerner Pfeiler brach entzwei, als Lemi mit Ziegelsteinen und einer Wolke aus Staub in den kleinen Wohnraum nebenan brach. Die Stützbalken über der Wand gaben ebenfalls etwas nach, und noch mehr Ziegel bröckelten in beide Räume hinab.
Aus dem Stockwerk darüber hörte man die gedämpfte Stimme einer alten Frau, die etwas auf Kundhunesisch rief. Eine fünfköpfige Familie kauerte in dem Raum nebenan und starrte den Zarten Lemi und das riesige Loch in ihrer Einraumwohnung mit großen Augen an.
Als die Klingentochter die Pritsche zur Seite schleuderte und auf ihn zukam, rammte Emre einen weiteren der hölzernen Stützpfeiler. Er war knochentrocken und kaum dicker als sein Arm. Er warf sich mit seiner guten Schulter dagegen und betete, dass Rhia ihm gnädig sein möge.
Gerade als die Ebenklinge der Tochter einen Bogen durch die Luft beschrieb, traf Emre auf den Pfeiler. Er splitterte beim Aufprall, und das Stockwerk über ihnen begann herabzuregnen.
Die Tochter versuchte ihm zu folgen, bevor die Trümmer auf sie herabfallen konnten, doch der Zarte Lemi hatte einen schweren eisernen Topf aufgehoben, den er jetzt am Griff schwang und mit aller Macht auf den Kopf der Klingentochter herabsausen ließ. Sie versuchte sich wegzurollen, doch der Schlag traf sie mit einem Knirschen, das von dem Krachen der immer zahlreicher herabstürzenden Trümmer übertönt wurde.
Emre rannte auf den offenen Ausgang zu, doch der Zarte Lemi stand nur da und starrte mit lodernden Augen auf die Gestalt der Tochter hinab.
»Schnell jetzt!«, zischte Emre und packte den Zarten Lemi am Arm. »Sonst sind wir beide tot!«
Er war sich nicht sicher, ob Lemi ihn hörte, doch einen Moment später wandten seine Augen sich ihm zu. Das Feuer darin ließ etwas nach, und er sah sich in dem zerstörten Raum um. Dann kehrte etwas Furcht zurück, und sie rannten los, in den Flur, hinter fliehenden Männern, Frauen und Kindern her. Die meisten wussten vermutlich nicht einmal, wovor sie wegrannten. Nur wenige schauten zurück. Sie rannten einfach nur, weil sie spürten, dass zu bleiben den sicheren Tod bedeuten würde. Die Untiefen förderten solche Instinkte.
Als sie zu einer Treppe kamen, wollte Lemi dem Strom folgen, doch Emre packte ihn am Arm. »Hier lang«, sagte er und führte ihn in einen nahen Raum. In der Mitte gab es einen Ofen, um den warmes Brot lag, das in der Panik zurückgelassen worden war. Auf der anderen Seite des Raums gab es ein Fenster und dahinter einen Spalt, der gerade breit genug war, dass ein Mann seitlich hindurchpasste – einer der Unfälle, die entstanden, wenn schnell und ohne Sinn und Verstand gebaut wurde wie hier in den Untiefen. Sie befanden sich in drei Stockwerken Höhe, doch die Nähe des anderen Gebäudes war hier von Vorteil. Emre ließ sich in die Lücke gleiten, einen Fuß an der Wand gegenüber, den Rücken an der anderen Mauer. Sich an beiden Seiten abstützend, glitt er nach unten und riss sich dabei einige Male schmerzhaft die Haut auf, weil er es zu eilig hatte, festen Boden zu erreichen.
Der Zarte Lemi folgte ihm. Als sie im Staub landeten, schoben sie sich hastig den Spalt entlang und quetschten sich durch die enge Lücke am Ende. So gelangten sie in eine der vielen namenlosen Gassen der Untiefen.
Sie rannten, immer weiter und weiter. Je mehr sie sich von Gallius Wohnhaus entfernten, desto untröstlicher wurde der Zarte Lemi.
»Er war nur ein Kind, Emre. Warum musste er mich so mit dem Messer angreifen?«
»Ich weiß es nicht, Lemi. Die Dinge in der Stadt verändern sich.«
Der Zarte Lemi, gebadet in seinem eigenen und dem Blut des Jungen, schien ihn nicht zu hören. »Er war nur ein verdammtes Kind.«
In der qaimirischen Botschaft klopfte es an Ramahd Amansirs Tür.
»Herein«, rief er.
Als die schwere, mit Schnitzereien versehene Tür knarrend nach innen schwang, hörte Ramahd auf zu schreiben. Er blickte auf und fand nicht wie erwartet seinen Diener vor, sondern Amaryllis.
Es war Winter in der Wüste, und der Frühling nahte. Es war kühl in der Stadt, manchmal sogar kalt, aber man hätte ihr das nicht angesehen. Sie trug Kleider, die denen einer Hure aus dem Westen der Stadt ähnelten: ein geschlitzter Rock, der bei jeder Bewegung den Blick auf ihre wohlgeformten Beine freigab – auch über das Knie hinaus –, und ein ärmelloses Hemd, das sie an der Taille zu einem Knoten gebunden hatte, um ihren Bauch zu enthüllen und die Rundungen ihrer Brüste zu unterstreichen. Beide Kleidungsstücke waren in einer lebendigen Mischung aus Orange und Rubinrot gefärbt, passend zu den Dutzenden Schleifen, die sie sich ins Haar geflochten hatte. Gemeinsam bildeten Kleider und Schleifen einen perfekten Kontrast zu ihrem dunklen Haar, das sich über ihre Schultern lockte, und unterstrichen ein ohnehin bereits sinnliches Aussehen.
»Können wir reden?«, fragte sie.
»Ist es wichtig?«
»Es geht um Tiron.«
Ramahd stellte die Feder sofort zurück ins Tintenfass. »Hast du ihn gefunden?«
Sie setzte sich in einen der beiden Stühle an den offenen Terrassentüren hinter ihm. Der Stuhl war so groß und Amaryllis, die jetzt einen Fuß auf die Sitzfläche zog, wirkte so entspannt, dass sie aussah wie eine Lumpenpuppe, die man hingeworfen und vergessen hatte. »Ich habe ihn gefunden.«
Ramahd gesellte sich zu ihr ins Sonnenlicht, das ihn beinahe über das angenehme Maß hinaus wärmte. »Wo?«
»In den Untiefen. In einer Drogenhöhle, die von einer Frau betrieben wird, die man die Witwe nennt.« Der Ausdruck, der jetzt auf Amaryllis’ Gesicht lag, war einer von Bedauern oder Verzweiflung. Vielleicht beides. »Er ist dem Rauch völlig verfallen. Wenn er dort bleibt, hält er keine zwei Wochen mehr durch.«
»Hast du mit ihm gesprochen?«
»Ich habe es versucht, aber er lag einfach nur da und starrte die Shisha an.« Amaryllis hielt inne, ihre Lippen kräuselten sich vor Abscheu, während sie durch ihn hindurchblickte. »Es war ein Schweinestall, Ramahd. Überall Menschen, nackt, verdreckt. Es stank wie in einem Leichenhaus für die Verdammten.«
»Ist er noch dort?«
Amaryllis zuckte mit den Achseln. »Vermutlich. Wahrscheinlich hat er im Voraus bezahlt, damit sie ihn dortbehalten und mit der Droge versorgen, bis die Münzen verbraucht sind.«
Ramahd kniff sich in den Nasenrücken und erinnerte sich an den früheren Tiron. Er war immer mürrisch gewesen, aber stark wie Stahl, die Art Mann, auf den man sich in der Wüste, fern der Heimat, verlassen konnte. Welche Bürde Ramahd ihm auch immer zugemutet hatte, er hatte sie still ertragen.
Bis zu der Nacht der Endlosen Schwerter, als sie in König Kirals Palast eingedrungen waren. In jener Nacht waren er und Meryam, die sich als Amaryllis getarnt hatte, mit Tiron, seinem Cousin Luken und elf weiteren losgezogen, um König Kirals Elixiere in einer Kammer unter Abendruh zu zerstören. Dabei war Luken von einem albtraumhaften Dämon – hautloser Körper, augenloser Kopf, riesige, gewundene Hörner – getötet worden. In ihrer Verzweiflung hatte Meryam sich von Lukens Herz genährt und sie mit der daraus gewonnenen Macht alle gerettet.
Tiron war ein harter Mann, doch Luken war wie ein Bruder für ihn gewesen. Selbst der härteste Mann kann mürbe werden, ohne dass man es von außen sieht. Er trug schwer an seiner Trauer und brach schließlich darunter zusammen, wandte sich dem Schwarzen Lotus zu und schloss ihn in seine Arme wie eine neue Geliebte. Obwohl er zunächst versucht hatte, seine Sucht zu verbergen, war es schon bald ein offenes Geheimnis. Jeder in der Botschaft wusste davon, und Ramahd hatte lange den Blick abgewandt in der Hoffnung, dass es Tiron helfen würde zu vergessen, dass er die Willenskraft aufbringen würde, von selbst aufzuhören. Doch nachdem er beobachtet hatte, wie Tiron eine Treppe hinunterstürzte und den Schmerz kaum wahrnahm, konfrontierte er ihn. Tiron wurde wütend, wütender, als Ramahd ihn seit Jahren gesehen hatte. Er stritt alles ab, und für eine Weile besserte sich sein Zustand, doch dann begann Tiron, die Nächte in der Stadt zu verbringen. Er behauptete, wegen einer Frau. Einer Näherin, die wunderschöne Stickereien anfertigte. Er brachte sogar ein paar Stücke mit, um sie Ramahd zu zeigen.
Aus einer Nacht hier und da wurden bald mehrere Tage, und schon bald war klar, dass Tiron irgendwo in der Stadt eine Shishahöhle gefunden hatte. Ramahd verlangte von ihm, damit aufzuhören. Ihr Streit ließ die Wände erzittern, und Tiron stürmte aus dem Raum. Seitdem hatte er ihn nicht mehr gesehen. Das war zwei Wochen her.
Ramahd hatte Amaryllis und andere auf ihn angesetzt – wenn er die Zeit fand, unternahm er sogar selbst Nachforschungen –, doch bis heute hatten sie nichts von ihm gehört.
Ramahd blickte zu seinem Arbeitstisch, zu dem halb fertigen Brief auf der ledernen Schreibunterlage. Er arbeitete daran, Meryams Macht in Qaimir gegen jene zu verteidigen, die jemand anderen auf dem Thron sehen wollen. Er arbeitete auch daran, ihre Macht hier in Sharakhai zu erhalten. Keines von beidem war sicher. Seine Arbeit war wichtig. Er musste ein gutes Dutzend weiterer Briefe fertigstellen, bevor am Morgen eine Karawane nach Qaimir abreisen würde.
Aber Tiron war auch wichtig.
»Gehen wir und holen ihn.«
Amaryllis nickte, und der besorgte Ausdruck auf ihrem Gesicht milderte sich. Sie waren gerade auf dem Weg zur Tür, als es ein weiteres Mal klopfte. Die Tür öffnete sich, ehe Ramahd die Gelegenheit zu einer Antwort bekam, und Basilio, der stämmige Fürst, erster Botschafter Qaimirs in Sharakhai, trat ein.
Basilios rundes Gesicht war fleckig, als wäre er die Treppen nach oben gerannt. Er wirkt verängstigt, dachte Ramahd.
Basilio holte ein Taschentuch hervor und tupfte sich die Stirn trocken. »Ihr müsst sofort mit mir kommen.«
»Das wird bis zu meiner Rückkehr warten müssen.«
»Eure Königin verlangt Eure Anwesenheit.«
»Sagt der Königin, es sei wichtig. Sie wird es verstehen.«
»Das wird sie sicherlich nicht.«
Ramahd schob sich an ihm vorbei.
»Fürst Amansir!«, jammerte Basilio. »Ein Bote aus Abendruh ist angekommen. Man verlangt nach der Anwesenheit der Königin, und sie hat sich entschieden zu gehen und …«
Ramahd fuhr herum. »Was?«
Basilio straffte sich. »Aus irgendeinem Grund«, er zog die Weste nach unten, um mehr von seinem Bauch zu bedecken, »verlangte sie, dass Ihr statt meiner sie begleiten sollt.«
In Ramahds Magen rumorte es – wie immer, wenn ihm wieder bewusst wurde, wie heikel Meryams Position hier in Sharakhai war. Sie wollte eine Einladung Kirals, des Königs der Könige, annehmen? Bei den Göttern, wenn sie nur nach der Nacht der Endlosen Schwerter die Stadt verlassen hätte, wie Ramahd sie angefleht hatte. Die Könige mochten vier aus ihrer Mitte verloren haben – Azad, Külaşan, Yusam und Mesut –, doch sie waren noch immer gefährlicher als eine Skorpiongrube. Es wäre besser, wenn Meryam sich mit ihnen aus der Sicherheit Almadans heraus auseinandersetzen würde. Ganz egal, wie oft sie betonte, dass in der Bernsteinstadt zu bleiben zur Verbesserung des Verhältnisses zwischen Qaimir und Sharakhai beitragen würde, den Königen von Angesicht zu Angesicht zu begegnen hieß das Schicksal herausfordern, nicht mehr und nicht weniger.
Amaryllis wirkte so nervös, wie Ramahd sich fühlte. Auch Basilio, dessen Blick zwischen ihnen hin und her wanderte, fiel das auf. »Wollt Ihr mir nicht erzählen, was in jener Nacht geschah?«
Es kam selten vor, dass Basilio sich so verletzlich zeigte, normalerweise versuchte er Ramahd stets herauszufordern, seine Autorität demonstrativ zur Schau zu stellen und sich zu versichern, dass er
