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Durch eine Erfindung wurden alle Atomwaffen abgeschafft. Auch Russland gibt sich demokratischer, als es noch vor kurzem für denkbar erschien. Es gibt plötzlich die Hoffnung auf echten Frieden. Aber wird die Welt tatsächlich friedlicher, wenn die atomare Abschreckung der Großmächte nicht mehr greift? Der Autor erlebte den Krieg als Kind und Jugendlicher. Er hasste den Krieg und alle, die ihn verursachten, oder es immer noch tun. Als dieses Buch über den Dritten Weltkrieg geschrieben wurde, gab es den Ukrainekrieg 2022 noch nicht. Zumindest nicht in der schlimmen Form, wie er derzeit berichtet wird. Doch es gab eine Vorahnung, dass die Welt sich entscheiden muss: Will sie einen weiteren Weltkrieg verhindern?
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Seitenzahl: 616
Veröffentlichungsjahr: 2022
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Nichts ist beständiger als der Wechsel. Alles fließt, und nichts bleibt.
Heraklit, griechischer Philosoph 520–460 v. Chr., Ephesos
Sie schaffen eine Wüste und nannten es Frieden
Publius CorneliusTacitus, 54–120, römischer Historiker
We’re the first race in the world.
Cecil Rhodes, 1852–1902, britischer Diplomat, Südafrika
Diese Vertreibungen, mit höchster Brutalität, eine unsterbliche Schande, all derer die sie veranlasst oder sich damit abgefunden haben.
Victor Gollancz, 1893–1967, britisch-jüdischer Menschenrechtler
Freiheit ist das Recht, anderen zu sagen, was sie gar nicht hören wollen.
George Orwell, 1903 – 1950 britischer Schriftsteller »1984«
Warum so etwas schreiben? Weil er alle Kriege hasst und diejenigen, die sie verursacht haben, und es immer noch tun.
Der Autor
Zu jedem Buch gehört an und für sich ein Prolog. Und was schreibt man da? Was man so denkt, oder über irgendetwas aus seinem Leben? Wen interessiert das wirklich?
Doch, ich sollte erklären, weshalb ich als fast Neunzigjähriger angefangen habe, über etwas zu schreiben. Ob sinnvoll oder nicht, weiß man meistens erst hinterher. Ich hatte zwar viele Bücher gelesen. Doch selbst welche schreiben? Ich glaubte, irgendwas anderes ganz gut zu können. Aber was Längeres schreiben? Ich erkläre das in der Sprache meiner Enkel: Da hatte ich nicht den geringsten Bock drauf.
Mein Liebesleben fing an, als ich sechzehn war. Sie war erst fünfzehn. Wir sind über siebzig Jahre zusammengeblieben, immer ein richtiges Liebespaar. Vierundsechzig davon waren wir verheiratet.
Jetzt die Tragik: Meine Frau wurde dement. In den letzten drei Jahren ihres vorher so wunderschönen Lebens hat sie mich nicht mehr erkannt. Da braucht man Hilfe. Ich hatte gute Ärzte und zwei Altenpflegerinnen. Alle waren lieb zu ihr und gaben ihr Bestes.
Meine Frau ist vorletztes Jahr verstorben, in meinen Armen, mit einem friedlichen Lächeln.
Ein großes Bild von ihr hängt in unserem Schlafzimmer. Ich spreche täglich mit ihr. Ich hatte das Gefühl, dass sie zu mir gesagt hat, du hast jetzt keine Aufgaben mehr. Du musst irgendetwas Vernünftiges tun.
Schreib mal ein Buch!
Das wäre das Letzte, dachte ich. Bei Aufsätzen in der Schule hatte ich immer die schlechtesten Noten, meistens eine Drei, manchmal sogar eine Vier. Daraus kann doch nur Murks werden.
Als Homo sapiens sapiens erkannte ich die Notwendigkeit, zumindest darüber nachzudenken. Da fiel mir etwas ein. Trotz der Krankheit meiner Frau und der vielen Hilfskräfte, die sich bei uns um sie kümmerten, hatte ich viel Zeit zum Lesen. Meine Frau las am liebsten Familiengeschichten, dicke Wälzer. Sowas wollte ich nicht.
Besser etwas über Geschichte, mein Lieblingsfach.
Das mit den Sumerern kannte ich schon und vieles, was danach geschah.
Am wenigsten wusste ich über unsere Geschichte nach 1871, der Reichsgründung, und über die Weltkriege. Ist das für ein Mitglied des zweifachen Schurkenstaates überhaupt notwendig? In der Schule wurde ich doch genügend informiert. Den Ersten Weltkrieg vermasselte der Kaiser und den Zweiten Weltkrieg Adolf Hitler. Und hinterher haben uns diejenigen geholfen, mit denen wir mit aller Gewalt Krieg wollten. Wir, natürlich wir. Das sagten zumindest unsere Lehrer.
*
Trotzdem fing ich an zu lesen: internationale wissenschaftliche Historiker. Aber die hatten eine völlig andere Meinung, ich nach ungefähr 25 Büchern ebenfalls. Plötzlich waren wir gar nicht mehr der alleinige Schurkenstaat, sondern andere ebenso. Das sagten die Bücher, die meisten jedenfalls, mehr oder weniger.
Ich habe versucht, mit einigen meiner Bekannten darüber zu reden. Ich hatte allerdings keine Chance, gegen den Mainstream anzukommen. Es sagte zwar niemand, dass ich eine Macke hätte. Aber gedacht hatten die das schon. Einige wenigstens, glaube ich. Was also nun? Ein paarmal Scheiße zu sagen, bringt ja auch nicht viel. Doch darüber zu schreiben?
Ich hatte da eine Ahnung. Bestimmt ergibt das ein ziemliches Problem: Wer will so etwas überhaupt lesen? Und wenn du die Vergangenheit zumindest andeutest? Und dann stellst du dir vor, wie die Zukunft werden könnte, und machst daraus ein Märchen?
Mach das doch wie die Amis in Hollywood: eine Science-Fiction-Geschichte. Da kann man theoretisch den größten Blödsinn produzieren. Nein, bitte keinen Blödsinn! Einfach, wie du dir die Zukunft vorstellst. Die Vergangenheit gehört leider dazu. Und die Mahnung, dass so etwas nie wieder vorkommen darf, trotz aller Zweifel.
*
Die Erinnerung kommt zurück. Wir, meine Mama, mein Papa und meine beiden Schwestern saßen zusammen vor unserem Radiogerät. Und ich natürlich. Da schrie Hitler durch den Volksempfänger. Ich konnte die Stimme nie gut ab. Wir marschieren gerade in Polen ein. Meine Mama weinte. Mein Papa sagte. »Das geht nicht gut.«
Ich war gerade neun, hatte aber schon viel gelesen, über Geschichte, fing wieder mit den Sumerern an vor ungefähr sechstausend Jahren. Sobald die aufhörten, in Höhlen zu leben und anfingen, Städte zu bauen, begannen sie mit Kriegen. Nach den Sumerern kamen die Babylonier, dann die Assyrer, daneben die Perser und Hethiter. Irgendeiner siegte immer. Und die Besiegten wurden entweder umgebracht oder versklavt.
Tausende von Jahren funktionierte dieses System ausgezeichnet und nachahmenswert. Es gab ja immer einen Sieger. Ich fing an, die Kriege zu hassen, und die Sieger.
1939 fing der Polenkrieg an. 1940 kam Frankreich dran. Als man dreihundertfünfzigtausend Briten in Dünkirchen gefangen nehmen konnte, gab Hitler den Engländern die Chance, teilweise mit kleinen Booten fast alle über den Kanal zu bringen. Die deutschen Panzer, die schon vor Dünkirchen standen, stoppte Hitler: menschlich eine noble Geste, unerklärlich allerdings für einen, der millionenfach andere Menschen umbringen ließ.
Hitlers Hoffnung war offenbar, durch diese Geste die Engländer zu bewegen, den Krieg in Verhandlungen zu beenden. Er hatte nicht damit gerechnet, dass auf der anderen Seite des Kanals einer saß, der ihn nicht beenden wollte: Winston Churchill.
1940 begann der Bombenkrieg der Engländer gegen deutsche Städte, auch auf Bremen, meiner Heimatstadt. Meine Mama hatte MS, Multiple Sklerose. Damals gab es keinerlei Hilfsmittel. Die Lähmungen waren so fortgeschritten, dass sie kaum die Treppe in den Keller gehen konnte, auch nicht mit meiner und Papas Hilfe. Ich weiß es nicht mehr so genau. Ich glaube, diese Angriffe waren jede Nacht. Meine Mama ist dann gestorben. Ich war ja noch ein Kind und habe viel geweint. Mein einziger Trost war, dass sie jetzt Ruhe hatte vor den Lähmungen überall und den Schmerzen, aber das Wichtigste: vor dem Bombenterror.
Nicht weit von uns befand sich eine Flakstellung. Die hatten viel geschossen, getroffen auch, aber leider nicht genug. Ich habe erst später erfahren, dass Helmut Schmidt bei uns Flakhelfer war. Helmut Schmidt fand ich immer interessant. Er war nicht aus Spaß Soldat geworden. Er hasste den Krieg, bestimmt genauso wie ich.
Nochmals zu den Soldaten: Meine Frau hatte mir einmal ein Erlebnis aus dem Krieg erzählt. Zur Schule fuhr sie mit dem Fahrrad. Zusammen mit einer Freundin wurden sie von einem Tiefflieger beschossen. Sie hatten Glück, da sie sich in einem Graben, neben der Straße, verstecken konnten. Die beiden brauchten einige Zeit, dieses schreckliche Erlebnis zu verarbeiten und versuchten, weiter zur Schule zu fahren.
Der Tiefflieger kam zurück und schoss wieder, Gott sei Dank daneben. Ob der vielleicht absichtlich danebengeschossen hatte? Diese Gedanken darüber hatte ich immer wieder. Welche Gefühle hat ein Mensch, also ein Soldat, oben im Flugzeug, wenn er bewusst Kinder erschießt, oder eben nicht?
Ich wollte Biochemiker werden, um etwas gegen Multiple Sklerose, der Krankheit meiner Mutter, zu erfinden. Das konnte ich aber nicht, weil wir zu arm waren, wie die meisten damals, 1948. Ich musste etwas anderes lernen. Dadurch lernte ich fast die ganze Welt kennen. Auch solche Länder, die hinterher ruiniert wurden.
Meine Schulkenntnisse in Englisch waren ausbaufähig. Deshalb ging ich nach England, 1950, zehn Jahre nach Dünkirchen. Ich war eine Zeit lang in Brighton. Es war reiner Zufall, dass mir jemand sein Boot zeigte, womit er von Brighton nach Dünkirchen gesegelt war, um dort englische Soldaten zu retten: ein kleines Segelboot – klein genug, um es allein zu bedienen. Von Brighton nach Dünkirchen ist eine riesige Strecke. Als ich vor dem Boot stand, ging mir alles durch den Kopf. Diese Scheißkriege, dieses menschliche Elend, meine kranke Mama. Und der Tiefflieger.
Als damals Zwanzigjähriger habe ich mich auf den Bootsrand gesetzt. Die Tränen wollten gar nicht mehr aufhören zu fließen. Und was macht dieser weißhaarige Tommy? Er hat mich in den Arm genommen und versucht, mich zu trösten. Verdammt schöne Scheißwelt!
Wieder zurück zur Gegenwart und meinem völlig neuen Job, nämlich zu versuchen, ein Buch zu schreiben. Durch das viele Lesen wurde mir langsam klar, was gespielt wurde beziehungsweise immer noch gespielt wird.
Zuerst die Vergangenheit, das war die echte Scheißwelt. Die kann man nicht mehr ändern, höchstens die Betrachtungsweise.
Die Gegenwart, jetzt die etwas schönere Scheißwelt. Da wurde es schwieriger. Ich habe versucht, aus den Antagonisten sukzessive Protagonisten, also Philanthropen zu produzieren. Und nun beginnt das Märchen. Alle ab jetzt genannten Personen sind erfunden. Gewisse Ähnlichkeiten sind rein zufällig.
Die Zukunft, die wirklich Schöne Welt, ohne ordinären Zusatz, erschien mir einfacher. Mein Märchen beginnt 2033. Da gibt es fast nur noch Philanthropen. Mein zweites Ich versuchte, mich zu beeinflussen. Die Arschkrampen, die es in verringerter Anzahl immer geben wird, kannst du nicht völlig verschwinden lassen. Das habe ich verstanden, dann sind das eben nur noch Krampen, angehende Philanthropen eben.
Zurück zu meinem Beruf früher und was ich dadurch alles gesehen hatte. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Nur ein einziges Beispiel über Gut und Schlecht: Libyen.
Zum ersten Mal war ich dort ungefähr 1958. Da regierte noch König Idris. Tripolis war ein verschlafenes Nest. Obwohl es November war, war es dort furchtbar heiß, selbst nachts. Die vielen Ventilatoren an den Decken brachten so gut wie nichts. Es stank nach Kamelen und Eseln.
Alle hier waren riesig gastfreundlich. Es gab Einladungen von vielen. Da abzulehnen, wäre eine Beleidigung gewesen. Man saß auf Kissen. Es gab fast immer gebratenes Hammelfleisch. Gegessen wurde nur mit der rechten Hand. Die linke hielt ich in meiner Hosentasche versteckt, um ja nichts falsch zu machen.
In den Neunzigerjahren war ich wieder dort. Jetzt regierte Gaddafi, der hatte den König verjagt. Gaddafi führte sich zum Schluss geringfügig gesitteter auf, nicht mehr so rigoros wie am Anfang, aber trotzdem schlimm genug.
Ich erkannte Tripolis nicht wieder. Aus dem verschlafenen Nest war eine moderne Großstadt geworden, so ähnlich wie Metropolen in Südeuropa. Aus der Bruchbude von Hotel, in dem ich damals übernachten musste, war ein modernes Ami-Hotel entstanden, Hilton oder so ähnlich, ich weiß das nicht mehr so genau.
Ich kannte es aus anderen arabischen Ländern, in dem man ständig von einem Schwarm von Verkäufern verfolgt wurde. In Libyen gab es nichts von dem. Es wurde nicht einmal gebettelt. In den Souks hatte jede Ware ein Preisschild. Handeln, zumindest für Europäer, gab es nicht. Schon beim Versuch erntete man nur ein müdes Lächeln.
Im Souk gab es eine öffentliche Toilette: supermodern und sauber, sogar mit Klofrau. Wie bei Karstadt!
In einem kleinen Museum wurde Gaddafis erstes Auto gezeigt: ein Käfer, hellblau. Müllentsorgung wie in Europa: Die Straßen wurden mit Kehrmaschinen gesäubert. Vor den Kehrmaschinen ging immer einer, der vom Fußweg auf die Straße fegte. Kinder spielten auf den Straßen Fußball, es waren sogar Mädchen dabei. Nein, das ist nicht die Verherrlichung eines Diktators, sondern ein Tatsachenbericht.
Doch kommen wir zur Kehrseite der Medaille. Um Gaddafi loszuwerden, glaubte man an ein probates Mittel. Bombardierungen, jede Menge, durch Amerikaner, Engländer, Franzosen. Man hat es schließlich geschafft. Gaddafi wurde weggebombt und dann gelyncht.
Es ist müßig, darüber zu diskutieren, ob es nicht auf andere Art und Weise einfacher, ohne Verwüstungen, gewesen wäre. Doch einen unbequemen Diktator loszuwerden durch Bombardements einer ganzen Stadt oder Landes?
Wie es heute in Tripolis aussieht, weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass der Staat Libyen auseinandergebrochen ist, regelrecht ruiniert: Wieder Stellvertreterkrieg, auf der einen Seite die Amis, auf der anderen die Russen. Dann kamen noch die Türken dazu. Und wer noch?
Der Nächste war Syrien, mittlerweile ebenfalls ruiniert. Noch jemand auf der Warteliste?
»Anita, weißt du was? Das Leben hier auf dem Land ist doch ziemlich langweilig. Früher in Berlin hast du doch mit der Bundesregierung oft viel Spaß gehabt. Mir ging es auch so. Irgendwie fehlt mir jetzt was.
»Wenn dir so viel an Berlin liegt, geh doch einfach hin, Johann. Du nimmst einen Klappstuhl mit, setzt dich da hin, mit den einem Auge schielst du auf das Kanzleramt und mit dem anderen auf den Reichstag. Wart ab, da ist immer was los.«
*
Jetzt sitze ich hier seit zwei Stunden auf dem Klappstuhl. Und was ist passiert? Fast gar nichts. Eine Frau ist gekommen und hat gesagt: »Du Armer, jetzt bekommt ihr tausend Euro Hartz IV, wie das jetzt heißt, weiß ich gar nicht, und du lungerst immer noch nur rum.«
Dann sagte ich: »Davon muss ich noch die Miete bezahlen, und die ist schändlich teuer.«
Und die Frau erwiderte: »Du Idiot, für Hartz-IV-Empfänger zahlt der Staat doch die Miete.«
Das hatte ich ganz vergessen.
Die Frau fuhr fort: Egal, gib mir deine Mütze, damit ich für dich armes Schwein etwas reintun kann. Von mir bekommst du fünfzig Cent, und wenn du hier eine Zeit lang sitzen bleibst, kriegst du sicherlich noch sehr viel mehr.«
Für den Anfang fand Johann das ganz gut. Obwohl: Früher war das in der Politik interessanter. Er dachte nach. Da war doch diese knackige junge Frau mit dem hübschen Vornamen Mercedes. Aus dem Chaoten-Lager. Die hatte ihre Brust beschrieben: Körbchen B, bisschen wenig, aber zum Anmalen gerade richtig. Da stand drauf: »Bomber Harris, do it again!« Dresden, noch mal? Der sächsische Landtag hatte lange diskutiert und dann eine Gegenmaßnahme beschlossen: wieder eine junge Frau, Körbchengröße mindestens D, mit der herrlichen Inschrift: »Mercedes, du bist ein echtes Arschloch!«
Es hatte nicht funktioniert. Erstens fand man in Sachsen keine mit Körbchengröße D, die sich nackt anpinseln lassen wollte. Zweitens befürchtete man finanzielle Gegenmaßnahmen der Autoindustrie: wegen Mercedes.
Und dann war doch noch diese lustige Geschichte in unserem Parlament. Man hatte lange diskutiert, ob man das Wort Autobahn als Naziwort klassifizieren– und wenn ja, wodurch ersetzen sollte? Zwei Gegenargumente wurden ins Feld geführt: erstens. dass Hitler die Autobahnen zwar gebaut, aber nicht erfunden hätte, und zweitens, dass es Milliarden kosten würde, das Wort Autobahn in unserem Schilderwald zu entfernen.
Egal, das Wort Autobahn musste trotzdem weg und ein neues Wort her. Motorway ginge doch, überlegte man sich. Motorbahn wurde abgelehnt, wäre auch zu sehr Nazi-Sprech. Zwischenruf: Und was machen wir mit der Bundesbahn, auch wenn sie heute nur noch Deutsche Bahn heißt? Die wäre ja ebenfalls zumindest Halbnazi-Sprech. Die Entscheidung darüber wurde daher verschoben. Erstmal galt es, diese verdammte Autobahn loswerden. Endlich mit knapper Mehrheit der grandiose Beschluss. Der neue Name sollte Bundesbaustellenzentralsystem heißen. Sofort ging eine Klage beim Bundesgesetzgericht ein. Nach sechs Jahren das Urteil: Autobahn ist zulässig, da schon 1920 geplant – weit vor den Nazis!
*
Johann meinte, Erinnerungen seien manchmal richtig schön, nur zu Hause wäre es erheblich bequemer gewesen. Dann stand plötzlich Astrid vor ihm: die neue Bundeskanzlerin. »Johann, was machst du denn hier? Die haben mich rausgeschickt und gesagt, hier würde ein Bettler sitzen!«
»Die schicken dich? War da denn sonst niemand?«
Doch, doch, genügend. Aber die hatten alle Schiss, dich anzuquatschen. Wegen Rassismus und so.«
»Rassismus, warum das denn?«
»Ich erklär dir das. Wenn du einen ansprichst, der ein bisschen komisch aussieht wie du mit deinen altmodischen Klamotten, und ein anderer merkt das – einer, der auch nicht ganz dicht ist, ich meine politisch – dann zeigt der den an wegen Rassismus. Das ist modern.«
»Das ist nicht modern, das ist bescheuert. Darf ich hier denn noch sitzen bleiben? Ich muss erst zum Mittagessen zu Hause sein.«
»Natürlich, gerne. Soll ich dir einen anderen Stuhl bringen lassen?
Dein Klappstuhl ist doch unbequem!«
»Nein, danke, geht schon so.«
»Wenn du zurück bist, grüß bitte Anita von mir. Erzähl ihr von der Bettlerstory. Die freut sich bestimmt.«
*
Johann findet später, eine Stunde hier nur rumzusitzen, ist doof. Er macht die Augen zu und träumt.
Ein Engel steht plötzlich vor ihm. Er kennt eigentlich gar keine Engel.
»Wer bist du denn?«
»Ich heiße Hubertus.«
»Aha, von Hubertus habe ich noch nie was gehört. Ich kenne nur Gabriel und Michael.«
»Kennst du die wirklich?«
»Nein, natürlich nicht. Habe nur etwas von denen gehört.«
»Ich bin neu in diesem Geschäft. Dies ist mein erster Job. Die bist mein erster Kunde.«
»Willst du was verkaufen? Willst du mir was andrehen?«
»Nein, nein. Einem gewieften Kerl was anzudrehen, halte ich für ziemlich aussichtslos.«
»Wie kommst du dazu anzunehmen, ich wäre gewieft?«
»Dachte ich mir halt. Du siehst so aus. Dann habe ich dich mit Astrid gesehen. Hast du was mit der?«
»Blödsinn. Sag mal, kennst du Anita?«
»Nein, wer ist das denn?«
»Wer wohl? Meine Frau. Ich vermute, deine Frage wegen Astrid hat sich damit erledigt.«
»Wie nett du von deiner Frau sprichst! Doch zurück zum Geschäft. Ich biete dir drei Wünsche an.«
»Drei Wünsche? Keine Hintergedanken?«
»Doch. Du musst was tun. Etwas Besonderes!«
»Aha. Was denn?«
»Vor allen Dingen nicht den ganzen Morgen hier rumsitzen und mal nach links, dann nach rechts zu glotzen.«
»Ich gebe dir ja recht. Das Ergebnis ist ziemlich mager. Fünfzig Cent und ein interessantes Gespräch mit der Bundeskanzlerin.«
»Inwiefern interessant?«
»Da drinnen hat die nur gedankenlose Schlappschwänze.«
»Siehst du, jetzt sind wir schon bei meinem Job. Ich habe nicht viel Zeit. Also, die drei Wünsche, der Reihe nach!«
»Akzeptiert. Als Erstes möchte ich eine Currywurst. Und dann ein Dixi-Klo. Ich muss nämlich pinkeln.«
»Wunsch eins und zwei werden prompt erledigt. Aber für Wunsch drei musst du dir was Gehaltvolleres ausdenken.«
»Du lachst mich bestimmt aus: Ich wünsche mir, dass es keine Kriege mehr gibt, Wohlstand für alle und niemand soll mehr hungern.«
»Gut Johann. Dann hör dir bitte die folgende Geschichte an.«
Palo Alto, Kalifornien,.2033
Alles fängt an mit Stefan Kanleitner. Irgendwie klingt das bayrisch. Aber er ist kein Bayer. Er kommt aus Hamburg. Jedenfalls studierte er da. Und jetzt ist er in Palo Alto, direkt im Silicon Valley. Was macht er hier? Arbeiten. Als was? Vornehm ausgedrückt ist er Softwareentwickler oder eben Programmierer. Aber das klingt nicht so gut. Und wie kommt er gerade hierher? Er hatte in Hamburg angefangen Informatik zu studieren, genauer gesagt IT. Das fand er jedoch ziemlich langweilig. Und dann hörte er von einem Job hier, bekam ihn zusammen mit einer Greencard. Mit der durfte er hier arbeiten, für fünf Jahre. Jetzt ist er bereits zehn Jahre hier. Die Greencard ist um weitere fünf Jahre verlängert worden. Wenn die Zeit rum ist, hat er genug Geld verdient, um endlich Renate zu heiraten, die schon lange in München auf ihn wartet. Sie sehen sich mindestens alle drei Monate.
Im Moment hat er Hunger. Das ist nicht so einfach in Palo Alto. Da gibt es die vornehmen Restaurants. Die sind natürlich teuer. Da will er nicht hin. Er muss ja sparen, für Renate. Da gibt es außerdem die vielen Diners, da ist es preiswerter. Irgendwie hat er von denen allerdings die Nase voll. Einmal in der Woche geht er ins Bavarian Inn. Dort ist es zwar nicht besser als in den Diners, aber immerhin gibt es dort Schweinshaxe – nicht zu vergleichen mit der in München, doch egal, er war hungrig!
*
Am Nebentisch saß ein älterer Herr, auch mit einer Schweinshaxe. Er guckte zu Stefan herüber und sagte auf Deutsch:
»Die war auch schon mal besser.« Stefan hatte den Mund noch voll und konnte nur nicken. »Du bist doch Deutscher, das sehe ich dir an.« »Gut, bin ich. Ist das schlimm?«
»Im Gegenteil, ich freue mich immer, Leute aus der Heimat zu sehen. Gut, nicht direkt Heimat. Wir sind jetzt in der dritten Generation Amerikaner. Schon unsere Urgroßeltern haben ihren Kindern und Enkeln ihre Muttersprache von früher beigebracht. Ich bin Wulff Radtmann.«
»Stefan Kanleitner«
»Bayer?«
»Quasi-Hamburger!«
»Auch das noch. Meine Vorfahren kommen irgendwo aus der Gegend Bremerhaven/Bremen. Sei jetzt nicht traurig. Als ich noch jung war, hatte ich mir die Fußballspiele zwischen dem HSV und Werder angesehen. Fast immer hatten die Bremer gewonnen. Ansonsten habe ich gehört, dass mit Bremen nicht viel los ist. Da regieren seit fast hundert Jahren so echte Sozis. Und die haben jede Menge Schulden, für die die Bayern zahlen müssen. Verrückte Welt! Jetzt sind wir beim Thema. Was machst du so?«
»Was möchtest du hören, was Vornehmes oder was Normales?«
»Was Normales.«
»Ich bin Programmierer.«
»Klingt gut. Hast du dabei auch eigene Ideen?
»Habe ich, doch das würdest du nicht verstehen.«
»Vielleicht doch, erzähl mal.«
»Hast du schon mal was von Schwingungen gehört? Ich meine, dass alles, was es hier so gibt, Schwingungen hat?«
»Du digitalisierst also Schwingungen?«
»So könnte man das ausdrücken.«
»Und was bringt das?«
»Weißt du denn überhaupt, was ein Hertz ist?«
»Mensch, Stefan, ich bin Wissenschaftler. Ich weiß, dass Schwingungen in Hertz gemessen werden, genauer gesagt die Frequenzen. Ich weiß, dass viele Leute versucht haben, durch Veränderung der Frequenzen Effekte zu erzielen.«
»Richtig. Möchtest du noch mehr hören?«
»Ja, bitte.«
»Es gibt genügend Geräte, die mit Schwingungen arbeiten. Die Schwingungen um Nuancen zu verändern, das können die aber nicht. Das kann jedoch das Digitalsystem, verbunden mit der Quantentechnik. Als Wissenschaftler kennst du die hoffentlich. Das ist zwar nicht mein Job hier. Aber das mache ich nebenbei. Ich liebe es, an meinem Laptop herumzufummeln. So, jetzt weißt du fast alles.«
»Gut. Nun erzähl mir mal, ob du einen Motor auf diese Art und Weise digitalisieren könntest. Du weißt ja, dass ein Motor aus vielen Einzelteilen besteht. Nach deiner Erklärung müsste jedes Teil eine eigene Schwingung haben. Nun dein Job: Da ist irgendwo ein intakter Motor. Aufgabe eins: Der soll plötzlich nicht mehr laufen. Und Aufgabe zwei: Den so richtig kaputt machen. Meinst du, dass du so was schaffst?«
»Theoretisch ja. Praktisch weiß ich das nicht, habe ich noch nie ausprobiert.«
»Kannst du das herausfinden?«
»Muss ich drüber nachdenken. Sowas müsste man testen und das kann dauern.«
»Hast du eine feste Anstellung?«
»Ja, habe ich. Und die ist prima. Tauschen möchte ich die nicht. Ich habe allerdings viel freie Zeit. Ich möchte mich mit deiner Sache beschäftigen. Das interessiert mich.«
»Gut. Was verdienst du die Stunde?«
»Fünfundneunzig Dollar.«
»Ich biete dir zweihundert.«
»Deal!«
»Deal. Du gibst mir jetzt deine Adresse und morgen früh steht ein Auto vor deiner Tür. Da übst du Nummer eins: digital ausschalten und wieder einschalten. Übers Kaputtmachen reden wir später.«
Durch die Fachsimpelei ist die Haxe kalt geworden – nicht so schlimm! Was der wohl mit dem kaputten Motor will? fragte Stefan sich. Wie hieß der noch? Ja, Radtmann mit dt, verdammt, so heißt doch auch Annie. Annie ist Svens Freundin. Und Sven Holländer war sein einziger Freund in Palo Alto. Bekannte hatte er genug hier, viele Nationalitäten. Die arbeiteten alle fürs Silicon Valley. Die ganze Stadt war voll von diesen Typen.
Annie und Sven arbeiteten beide an der Stanford University, gleich neben Palo Alto. Annie machte was für alte Leute, die konnte er wegen dieser Sache nicht fragen. Besser Sven, der forschte an Gehirnen. Er wusste, dass er ebenfalls was von Schwingungen verstand.
*
Wozu so was wohl gut sein soll oder schlecht? überlegte er. Dieser Wulff kam mir gleich nicht ganz geheuer vor. Der lässt mich einfach ein Auto ruinieren. Und irgendwie hat Sven was damit zu tun. Mir schwant da was. Wenn man ein Auto kaputt machen kann, ginge das bestimmt ebenso mit anderen Fahrzeugen, vielleicht viel Größeren? Panzer zum Beispiel? Die haben ebenfalls Motoren, Flugzeuge, Schlachtschiffe und so weiter.
*
Doch zurück zu Wulffs Auto: Stefan war ungefähr zwanzig Meter davon entfernt.
Schwingungen verbreiten sich durch Wellen und Wellen kommen sogar von der Sonne. Sonnenstrahlen sind nichts anderes als elektromagnetische Wellen. Theoretisch könnte man sie dorthin zurückschicken. Ob ich auch einen Panzer erreichen kann, wenn der kilometerweit entfernt ist? ging es ihm durch den Kopf. Er dachte an die Erdkrümmung. Ja, vor 500 Jahren wäre das einfacher gewesen. Da war die Erde noch eine Scheibe, flach und ohne Krümmung! Stefan war sicher: Solange man den Panzer sehen konnte, erreichte man ihn garantiert mit elektromagnetischen Strahlen, also mit Wellen. Und bei größeren Entfernungen? Stefan wusste, dass man zwar um die Ecke hören, aber nicht sehen konnte. Für Panzer auf Entfernung brauchte er also Fachleute.
*
»Sven, kennst du einen Wulff Radtmann?«
»Ja, klar, das ist mein Chef. Das ist der Boss von Stanford. Denk mal scharf nach, Stefan Er ist doch der Vater von Mike. Mike hat dich genau wie Annie und mich hierhergebracht.«
»Ich erinnere mich. Hätte nie geglaubt, dass der irgendwann mal was von mir will.«
»Bei mir genauso. Der hängt bei der ZAA mit drin, dem Club in Washington, DC. Ich erklär dir das mal eben kurz. Der ZAA ist diese mächtige Organisation in Washington, vielleicht mächtiger als der Präsident selbst. In den Weststaaten hat man einen ähnlichen mächtigen Club aufgebaut, den CIC.«
Stefan dachte nach. Was für eine verrückte Welt! Sven hatte damals Annie mitgebracht, seine Freundin. Stefan hatte jedes Mal ein ziemlich mulmiges Gefühl, wenn Sven sie mit dabeihatte. Er wollte nichts von ihr, das nicht. Er hatte ja Renate, allerdings in München. Sobald genügend Geld für ein Haus zusammen war, wollte er zurück nach Deutschland. Zu Renate. Doch als Sven damals Annie mitbrachte, ging wegen dieses hübschen Schulkindes bei ihm alles durcheinander. Als Schulkind bezeichnete er sie, weil sie einfach die Schule abgebrochen hatte, nur um mit ihrem Freund in die USA zu gehen. Woher die wohl eine Greencard hatte? Kein Schulabschluss, überhaupt keine Erfahrung für irgendeinen Job. Wie sollte das gut gehen?
Und jetzt war sie Professorin in Stanford. Das war noch zu ertragen. Aber sie war so attraktiv, so unheimlich attraktiv, und immer fröhlich, lachte viel. Stefan litt.
*
»Sven, du beschäftigst dich, wenn du mit deinen Gehirnen arbeitest, doch mit Strahlungen und Wellen und Schwingungen. Mit den Motoren ist das genauso. Panzer haben ja auch Motoren. Wenn man den Motor stilllegt, bleibt der Panzer stehen. Das müsste doch genauso sein bei Kampflugzeugen, Raketenwerfern und sogar Flugzeugträgern, oder? Noch viel interessanter sind, wie ich finde, Atombomben. Die haben zwar keine Motoren, aber Schwingungen mit Frequenzen. Könntest du dir vorstellen, was passiert, wenn man diese Frequenzen verändert?«
»Kann ich«, bestätigte Sven. »Welche Schwingungen jedes radioaktive Element besitzt, weißt du genauso gut wie ich. Du kennst doch das Periodensystem. Da findest du alle radioaktiven Elemente. Beispiel Gehirn: Jedes Teil davon, egal wo, hat bestimmte Schwingungen mit den entsprechenden Frequenzen. Ich beschäftige mich damit, die Frequenzen zu verändern, allerdings nur geringfügig im Nanobereich. Ziel ist, dadurch Verbesserungen zu erreichen. Auf die Nuancen kommt es an. Ich kann nur hoffen, dass man bei Atombomben auf diese Weise irgendwas verändern kann.«
»Glaub ich schon. Es ist doch immer dasselbe. Man muss nur wissen, wie. Bei Radioaktivität kommt es mit Sicherheit ebenfalls auf genau diese Nuancen an. Ich habe nur leider keine Ahnung, wo es hier in der Nähe Kernwaffen oder Atomsprengkörper gibt. Die brauche ich aber. Ohne die lässt sich nichts herausfinden.«
»Das ist ein verdammt heißes Thema. Da muss man in Ruhe drüber nachdenken. Ob Wulff uns da weiterhelfen kann? Wir fragen ihn einfach. Hoffentlich geraten wir da nicht in etwas hinein, was uns nicht guttut und wir hinterher nicht mehr steuern können.«
»Da hast du recht, Sven. Es gibt zwei Möglichkeiten: Entweder wir vergessen den ganzen Kram oder wir recherchieren weiter und versuchen, das vernünftig hinzukriegen. Wenn du Option eins wählst, wäre ich zwar traurig, aber akzeptiere das. Ist dann eben erledigt, einfach so. Wenn du Option zwei wählst, müssen wir das gemeinsam durchziehen. Mit anderen Worten: Du musst mir helfen. Also was ist nun?«
»Du bist dir hoffentlich im Klaren darüber, dass ich Option zwei wähle, oder?«
»Danke. Darf ich dir sagen, was mir alles im Kopf umherschwirrt?« »Darfst du.«
»Wulff war von Anfang an daran beteiligt. Ich weiß nicht, ob wir ihn in alles mit hineinziehen sollen. Wenn der mit Washington oder dem ZAA liiert ist, könnten wir in den größten Schlamassel geraten.«
»Was hältst du davon, wenn du Wulff die Geschichte mit dem Motor erzählst? Und da wartest du auf seine Reaktion. Am besten, wir machen das beide gemeinsam. Dann können wir abwarten, wie er darauf reagiert. Ich hätte da noch ein zweites Eisen im Feuer, das wäre mein Onkel Sebastian. Der ist Generalleutnant, der zweite Mann nach dem Bundeswehrchef.«
»Wow, du hast ja eine vornehme Verwandtschaft. Aber Generalleutnant ist doch gar nicht besonders hoch. Leutnant ist bei Offizieren der Unterste, dann kommen Hauptmann, Major und so weiter.«
»Hatte ich auch gedacht, ist aber anders. Der Unterste bei den Generälen ist der Brigadegeneral, darüber kommt der Generalmajor, danach der Generalleutnant und ist damit Drei-Sterne-General. Den Schluss bildet der Vier-Sterne-General, der heißt nur General. Irgendwie komisch, ist aber so. Bei der Wehrmacht war das früher anders. Aber vergiss die Wehrmacht, die ist verpönt. Wenn man einen Krieg verliert, gilt nur das, was der Sieger sagt. Ob General so oder so, ist doch scheißegal. Ach ja, wenn wir mit Wulff gesprochen haben, könnte ich Sebastian zumindest mal anrufen.«
»Gut, machen mir so. Der würde uns sicherlich einiges erzählen: die ganzen Panzersorten, die es in der Welt gibt und was für Motoren die haben. Die sind das Wichtigste, und dasselbe gilt für Kampfflugzeuge, die gesamte Kriegsmarine und die Atomwaffen. Vieles könnte Standard sein. Das weiß man meist erst hinterher. Doch ohne das Grundwissen würde uns die richtige Operationsbasis fehlen.«
»Ich bin derselben Meinung. Wir warten einfach ab, inwieweit uns die beiden Typen helfen können. Und dann retten wir die Welt.«
»Ich könnte jetzt Goethe zitieren: ›Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube!‹ «
»Mit Faust will ich nichts zu tun haben. Wäre wirklich ein Mephisto notwendig, sollten wir schnell alles vergessen.«
»Sven. Wir brauchen einen klaren Kopf und realistische Eingebungen. … Was anderes, wie weit sind eigentlich deine Fortschritte bezüglich Telepathie?«
»Ach, lieber Stefan, da trittst du in den nächsten Ameisenhaufen. Es ist ungefähr dasselbe wie bei dir. Es geht genauso um Schwingungen, Frequenzen und Nuancen davon – und das Allerwichtigste: um Quantentechnik. Da meine Oma MS hatte, Multiple Sklerose, wollte ich ja Hirnforschung studieren, um bei dieser verdammten Krankheit zu helfen. Leider bin ich bisher nicht sehr weit damit gekommen. Besser ist es bei der Gedankenbeeinflussung gelaufen. Das System hierfür habe ich in einen Mikrochip eingebaut und den wiederum in mein Handy. Damit könnte ich dich beeinflussen oder eine Gruppe von Menschen, die mit meinem Smartphone erreichbar ist. Einzelpersonen über Handys zu beeinflussen, geht problemlos. Das habe ich mehrere Male versucht und es scheint zu funktionieren. Ob es möglich ist, so etwas übers Fernsehen durchzuführen, weiß ich noch nicht. Ich bin noch dabei zu testen. Das könnte eine gefährliche Angelegenheit werden, wie bei dir. Nehmen wir mal an, das klappt, und gerät in falsche Hände. Das wäre eine Katastrophe. Wir haben jetzt beide sehr spezielle Jobs und beide die Aufgabe, das vernünftig zu steuern.«
*
Ich muss schnellstens mit meinem Schwager Ben sprechen, überlegte Wulff Radtmann. Sie managten beide den CIC, die Interessenvereinigung der Weststaaten in den USA.
»Hallo, Benjamin. Nett, dass du so schnell gekommen bist. Herzliche Grüße von deiner Schwester. Hildegard hofft, dass es euch allen gut geht, dir und deiner Familie.«
»Grüß dich, Wulff. Danke, ja. Ich hoffe, bei euch genauso, aber warum wolltest du so dringend mit mir sprechen?«
»Tja, kompliziert und dringend zugleich. Ich fang mal an mit Annie.«
»Wo du Annie sagst, muss ich dich eben unterbrechen. Hildegard hat mir erzählt, dass Annie ja fast zufällig bei euch aufgekreuzt ist. Hildegard liebt sie jetzt wie eine Tochter, und du hast sie zur Professorin gemacht. Ist sie wenigstens einigermaßen intelligent? Oder zumindest ein bisschen hübsch?«
»Die ist alles: attraktiv, hübsch, intelligent und noch viel mehr. Sie lebt auf der Sonnenseite, hat ihre besondere Art, das Leben zu genießen. Was nicht hineinpasst, wird kurzerhand abgelehnt. Ihr Vater kann ein Lied davon singen. Sie konnte zum Beispiel Klavierspielen, ging irgendwie von selbst, einfach so und klang richtig gut. Klavierunterricht hatte sie immer abgelehnt. Das wäre langweilig. Dasselbe mit Sprachen: Unterricht oder Bücher? Bloß nicht! Es funktioniere am besten durch Praxis, dann aber sehr schnell. Wie alles bei ihr: entweder sofort, oder gar nicht. Jetzt guck nicht so. Du bist viel zu alt für sie. Erstens bist du mit einer hübschen Frau verheiratet und zweitens ist Annie Svens Freundin, meinem besten Hirnspezialisten.«
»Sven kenn ich doch, Annie noch nicht, wird trotzdem höchste Zeit. Sollte ich denn jetzt wegen Annie so eilig hierherkommen?«
»Bedingt schon. Es war ja dein Vorschlag, eine Befragung unserer Bevölkerung hier im Westen durchzuführen. Ich habe jetzt Folgendes veranlasst. Annie ist mit einer Gruppe von ungefähr sechzig Älteren zwischen sechzig und achtzig in Australien und Neuseeland. Wir haben ein Preisausschreiben lanciert, um politisch Interessierte unterschiedlicher Art aus den Weststaaten, hauptsächlich aus Kalifornien, zu befragen – ohne, dass die merken, dass es sich in erster Linie um politische Fragen handelt. Die Reise als solche war sehr billig. Eine Bedingung war, Fragen zu beantworten. Das sollte, so die Geschichte für die Reisegruppe, für Annies Habilitation sein.«
»Ich dachte, sie ist schon Professorin?«
»Ist sie auch, war doch nur ein Vorwand, um vernünftige Antworten zu bekommen.«
»Ah, mir geht ein Licht auf. Schon vor längerer Zeit hatten wir besprochen, dass eine solche Befragung notwendig wäre. Ich erinnere mich, dass du damals Zweifel hattest, dass bei direkten Befragungen die Antworten nicht immer ehrlich sein würden. Da musste Annies Professur herhalten, um nützliche Antworten zu bekommen. Waren die Alten denn wenigstens ehrlich?«
»Sehr sogar, gefährlich ehrlich! Gefragt wurde zu allen wichtigen Dingen des Lebens, das interessiert uns beide im Moment wenig, die politischen jeden zweiten Tag umso mehr. Da geht es hautsächlich um den Schutz vor Kriegen für die Weststaaten der USA. Annie hat alles aufgenommen und dann gemailt. Da sind die wichtigsten Aussagen. Hör dir das in Ruhe an und sag mir, was du darüber denkst.
*
»Guten Morgen, Annie. Hier spricht Nathan. Ich hoffe, du weißt, wer ich bin?«
»Klar. Nathan der Weise. Reg dich nicht auf. Das sagt Wulff von dir, wenn ihr in Berkeley wieder was gegen Stanford aushecken wollt. Nein, nein, er spricht einigermaßen nett von dir. Du bist der Boss in Berkeley und Wulff in Stanford. Und ihr habt die Dauerkonkurrenz, welche Uni die bessere ist.«
»Faire Konkurrenz kann auch Spaß machen. Doch obwohl wir echte Freunde sind, möchte ich dich warnen. Dieser Wulff kann ein richtiges Schlitzohr sein. Am besten, ich erkläre dir das mal so. Wir drei waren in der gleichen Schule, sogar in der derselben Klasse: Wulff, ich und Tommy.«
»Meinst du Tom Nurnberger?«
»Ja, genau. Woher kennst du den denn?«
»Ganz kurios. Bei den Rosenbergs, Nachbarn von Wulff, wurde ein jüdisches Fest gefeiert. Welches weiß ich nicht mehr. Wulff hatte mich mitgenommen. Ich war ziemlich aufgeregt. Aber die waren alle nett zu mir, auch der Rabbi, und der hieß Tommy Nurnberger. Jetzt habe ich dich ganz durcheinandergebracht. Du wolltest gerade was von dem schlitzohrigen Wulff erzählen?«
»Richtig. Wie beiden, Tommy und ich, waren scharf auf Wulffs Freundin, die hieß Hildegard. Irgendwie hatte Wulff das gemerkt und machte uns ein verrücktes Angebot: ›Ihr könnt das gerne mal versuchen mit Hilli, aber das hat seinen Preis. Wenn ihr beiden verliert, spendiert ihr mir einen Baseballschläger, eine besondere Marke, ziemlich teuer.‹ «
»Euch hat das dann den Baseballschläger gekostet?«
»Ja, dieser Halunke wusste ganz genau, dass wir bei Hilli nicht die geringste Chance hatten, und hat uns mit dem Baseballschläger reingelegt. Wir sind trotzdem die besten Freunde geblieben: ein Christ, ein Rabbi und ich, der Jude.«
»Du, Nathan der Weise, der Jude. Dazu habe ich auch eine Geschichte. Ich war vielleicht gerade zehn, da ist unsere ganze Klasse ins Theater gegangen, ›Nathan der Weise‹. Ich fand das Stück ziemlich lustig, aber ganz verstanden hatte ich es nicht, da es oft hin- und herging. Lessing, den Dichter, konnte ich nicht fragen, der lebte ja nicht mehr. Also habe ich meine Eltern gelöchert, noch mal mit mir ins Theater zu gehen. Denn ich wollte unbedingt wissen, wer da zu wem gehörte und so weiter. Dann habe ich endlich alles kapiert.«
»Es ist richtig interessant, mit dir über dieses und jenes zu sprechen, aber ich hab dich wegen einer ganz anderen Sache angerufen. Es geht um die Reise und die Befragung der Reisemitglieder. Bitte, hör dir das an, es ist wichtig.«
»Da bin ich gespannt.«
»Also, dass die Weststaaten souverän werden wollen, ist dir bekannt. Die soziale Ungerechtigkeit spielt eine Rolle und die ewigen Kriege. Und da kommt dein Heimatland Deutschland mit ins Spiel, denn die Hauptakteure beider Weltkriege waren ja die USA und Deutschland.«
»Bis auf ein paar Idioten will kein Mensch in Deutschland irgendeinen neuen Krieg. Und die Weststaaten hier in Nordamerika sind doch weit weg vom Schuss. Sie hätten damit bestimmt nicht das Geringste zu tun.«
»Doch. Bevor ich da mehr drüber sage, versuch ich zu erklären, wie man damals das Pferd von der anderen Seite, besser gesagt, von hinten her aufgezäumt hatte.«
»Ich habe schon als Kind Reiten gelernt: Von hinten? Das geht doch gar nicht!«
»Richtig, damit ist gemeint, dass etwas falsch gemacht wurde. Ein Beispiel: Nach Gründung des Deutschen Reichs wurde es wirtschaftlich einigermaßen mächtig. Das gefiel besonders einem nicht. Ich meine einen von den lieben Nachbarn. Er versuchte alle um Deutschland herum einzukreisen. Italien wollte das nur mit einer Gegenleistung mitmachen, nämlich Südtirol, zu 97 Prozent deutschsprachig. Italien hat das nach dem Krieg bekommen, mit Zustimmung der USA. Ja, mit unserer. Das war vollkommen gegen das Völkerrecht, dass unser Präsident vorher laut gepredigt hatte.«
»Wenn ihr euch jetzt trennt, sollte euch das doch egal sein!«
»So egal nun auch wieder nicht. DC, also die Ost-USA blieben irgendwie noch eine Weltmacht. DC hat jede Menge Atombomben, Russland allerdings auch. Die Russen haben übrigens eine neue Regierung bekommen und was die nun wollen, weiß man noch nicht so recht. Deutschland sitzt dadurch bestimmt wieder im Schlamassel und DC ebenfalls. Das dürften wir nicht zulassen und unsere Bevölkerung auch nicht. Jetzt sind wir wieder beim Thema. Die Befragung zwingt zu dieser Entscheidung. Nämlich: Seid ihr bereit, DC zu zwingen, keine Kriege mehr zu führen, höchstens noch zur Verteidigung?«
»Und was soll ich dabei tun?«
»Du bist die Moderatorin. Es gibt da einen Dreistufenplan. Die Wenigsten wissen über die Kriege richtig Bescheid. Bevor die dazu Stellung nehmen sollen, müssen die erst einmal einiges mehr erfahren.«
»Geht nicht. Erstens weiß ich da zu wenig von, und zweitens, viel wichtiger, ich will das gar nicht.«
»Das haben wir so erwartet. Bei dieser Reisetruppe sind einige dabei, die von uns ein genaues Konzept haben, erst einmal nach und nach alle über die Kriege zu informieren und wie menschenunwürdig die sind. Stufe eins ist der Erste Weltkrieg, Stufe zwei der Zweite. Und wenn die Leute richtig antikriegsgeil sind, kommt Stufe drei: Friede für immer und für die ganze Welt.«
*
Das Ziel der Reisegruppe war Australien. Die Befragungen sollten unauffällig zwischendurch veranstaltet werden. Annie, die Moderatorin stellte die Fragen, und die Reisemitglieder die Antworten, möglichst einzeln.
Annie hatte das Konzept vorher durchgelesen. Es gefiel ihr überhaupt nicht. Immer wieder kamen die Weltkriege dran. Die waren doch längst vorbei, und sollten nie wieder kommen. Nathan erklärte ihr das. Diese Kriege kommen immer wieder, weil sie so praktisch sind. Letztlich haben die Amerikaner immer gewonnen, und das Land, zumindest einige darin, wurden noch reicher. Weil das auf die Dauer nicht gutgeht, wollen wir das verhindern. Nur darum geht es. Annie nickte, aber nur halbherzig, und fing damit an.
Frage: Sie wissen, dass sich die US-Weststaaten von DC, also Washington trennen wollen. Eine große Mehrheit von euch hat dafür gestimmt. Warum?
Antwort: Washington will die Weltherrschaft, und führt deshalb laufend Kriege. Wir wollen diese Kriege aber nicht!
Frage: Weltherrschaft? Warum? Was haben die davon?
Wir haben Carroll Quigley, Joseph Plummer und viele andere gelesen, die Schlimmes berichten. Quigleys Buch hat 1300 Seiten [1]. Wir kennen zumindest die wichtigsten Auszüge. Da stehen schreckliche Dinge drin.
Frage: Quigley hat zwanzig Jahre daran gearbeitet. Das tut man nicht um irgendetwas Belangloses zu schreiben. Allerdings ist alles Vergangenheit. Seht ihr trotzdem eine Gefahr für den Weltfrieden?
Antwort: Annie, tut uns leid, das sagen zu müssen, obwohl du von dort kommst. Der größte Gefahrenfaktor war damals Deutschland und bedauerlicherweise ist er es immer noch.
Frage: Meint ihr die Bundesrepublik?
Antwort. Ja, genau die. Diese Gefahr existiert schon seit 150 Jahren.
Frage: Du liebe Zeit. Wir haben zwei Kriege hinter uns. Keiner bei uns will noch einen weiteren.
Antwort: Wir meinen nicht, dass Deutschland Kriege will. Wir erklären dir das gern etwas präziser. Deutschland ist der größte Gefahrenfaktor.
Frage: Was heißt das konkret?
Antwort: Wir müssen auf Quigley und andere, die Ähnliches berichten, zurückgreifen. Da gibt es viele.
Frage: Kann man das kurz zusammenfassen?
Antwort: Wir versuchen es. Das fängt an mit der Gründung des Deutschen Reiches 1871. Vorher war Deutschland, abgesehen von Preußen, ein Sammelsurium von Kleinstaaten. Ab 1900 läuteten die Alarmglocken in Großbritannien. Man sah das British Empire in Gefahr. Ein Netzwerk britischer Politiker und Banken wurde gegründet mit dem Ziel, zunächst die Burenstaaten zu vernichten. Das ist ihnen gelungen.
Alles Gold für Great Britain. Zweites Ziel war die Vernichtung des Deutschen Reiches mit Bündnissen um Deutschland herum: regelrechte Einkreisung. Frankreich wollte Elsass-Lothringen zurück und Rache wegen Versailles. Italien wollte billig ein deutschsprachiges Gebiet ergattern, nämlich Südtirol. Und in Russland träumte der Zar vom Panslawismus.
Frage: War der Erste Weltkrieg vermeidbar?
Antwort. Laut Quigley nicht. Das angelsächsische Netzwerk wollte den Krieg und verhinderte auch, ihn vorzeitig zu beenden. Schon Tacitus, der alte Römer, hat vor ungefähr zweitausend Jahren gesagt: »Machtgelüste unter Verwandten (die Engländer sind nun mal unsere engsten Verwandten, da die Angelsachsen doch aus Norddeutschland gekommen sind) sind die entsetzlichsten aller Leidenschaften.« Ob er das mit dem British Empire damals wohl schon geahnt hat?
Frage: Da gab es noch einen, hundert Jahre früher als Tacitus, der Ähnliches über Macht und Geld gesagt hatte …
Antwort: Du meinst sicherlich Cicero: »Keine Festung ist so stark, dass Geld sie nicht einnehmen kann« [2]. Ja, vor zweitausend Jahren wusste der das schon. Kurios!
Frage: Diese alten Römer kennt man. Aber wer kennt Quigley und seine Beurteilungen? Das glaubt doch niemand.
Antwort: Erstens waren das keine Theorien, sondern Fakten. Und zweitens hatten die Weimarer Regierung und fast alle Deutschen das Friedensdiktat und die Kriegsschuldbehauptung abgelehnt, mehr und mehr sogar im Ausland. Erst Hitler hat praktisch alles verdorben.
*
Annie überlegte. Das hatte sie sich in Australien etwas anders vorgestellt. Ihre Idee war es, dass sich der Westen mit DC einigen könnte, damit beide etwas davon hatten. Jetzt fingen die mit den Weltkriegen an. Das war doch Schnee von gestern! Sie wollte das nicht. Beim nächsten Mal musste das besser werden, ohne diese Kriegsgeschichten. Sie sollte Nathan den Weisen nochmals kontaktieren. Ja, Quigley war sicherlich ein berühmter Forscher, doch sie kam auch prima ohne ihn aus.
»Hallo Nathan, hier ist Annie. Danke, dass ich jetzt über Quigley Bescheid weiß. Das genügt nun aber.«
»Freut mich. Da habe ich noch einige von auf Lager. Die kommen beim nächsten Mal dran. Aber bevor ich mich unbeliebt mache, erzähl ich dir lieber einen Corona-Witz von vor zehn Jahren.«
»Auf Jiddisch? Das höre ich so gerne!«
»Leider nicht. Meine Großeltern konnten das noch, ich jedoch nicht. Ich erzähle den also mal auf Deutsch und mit ein bisschen Amerikanisch dabei.
Also: In Langley, Virginia, gleich neben DC, da sitzen die ganz schlauen Köpfe. die den ganzen Tag darüber nachdenken, wie man andere bescheißen kann. Und die haben herausgefunden, dass die Viren, die Spezialviren, genannt Corona, tatsächlich ein Management haben und sogar eine Adresse im Internet, nämlich coronarius.com. Sie, die aus Langley, kontaktierten diese sofort: ›Wir möchten mit euch verhandeln. Antwort kam prompt. ‚Okay, wir schicken euch Dolly, das ist unser Dolmetscher.‹
Doch Dolly meinte: ›Dolmetscher nur zur Not. Ich kenne ja alle Virensprachen, aber was Menschensprachen anbetrifft, höchstens ein paar Wörter Englisch.‹
›Egal, du versuchst das mit denen einfach mal.‹, bestimmten die Viren Bosse.
Irgendwann kommt Dolly wieder zurück zum Virenzentrum.
›Na, erfolgreich?‹
›Ja, richtig toll. Die in DC haben alle durcheinander gequasselt. Ich hab überhaupt nichts verstanden, bis auf einen, der immer schrie: »America first, America first!«‹
›Das ist doch hervorragend‹, fanden die Virenbosse. ›Das klingt doch ganz verheißungsvoll. Den Schreihals schnappen wir uns. Den schnappen wir uns. Der kommt uns wie gerufen.‹
*
»Ich muss dir noch was sagen, Sven«, sagte Stefan. »Wir haben ein Problem, es geht um Annie.«
»Ich weiß. Die will alles ganz genau wissen und steckt überall ihre Nase rein. Ihre liebe Nase, natürlich. Verrückt. Wenn sie dabei ist, läuft ohne sie gar nichts. Deshalb stelle ich mich meist schon vorher darauf ein. Sie ist nämlich alles andere als doof. Wir müssen damit leben, dass sie garantiert irgendwelche Spezialvorschläge macht.
Und bringen die was? Irgendwie habe ich gehört, dass Frauen intelligenter sein sollen als Männer.«
»Mag sein. Bei Annie ist das eine Besonderheit. Sie ist eine Frohnatur, meistens lustig, aber auch ernst, wenn es sein muss, und nie zickig. Die sieht alles ohne viel Firlefanz und ist immer schnell bei der Sache. Ich bin froh, dass sie damals mit aller Gewalt mit mir hierher in die USA wollte. Sie davon abzuhalten, wäre unmöglich gewesen.
Aber mit Wulffs Hilfe ist ja alles bestens gelaufen, oder?«
»Kein Oder. Irgendwie bin ich richtig neidisch. Ich habe oft überlegt, wie ich sie dir abspenstig machen kann. Du weißt das noch nicht. Ja, ich hatte es versucht, aber nicht die geringste Chance. Nun sag ich dir aber noch etwas. Sie ist die tollste Frau, die ich je kennengelernt habe. Wenn du sie nicht mehr willst, einfach Bescheid sagen. Ich übernehme sie prompt.«
»Ich sehe das mal als Kompliment. Danke. Teilweise werde ich das weitergeben, aber nur teilweise.«
»Ich muss dazu was fragen. Ihr wart doch noch so jung. War Annie deine erste Freundin?«
»Vorher nichts Besonderes. Annie war meine erste richtige Freundin.«
Sven überlegt. Ob ich ihm was über Sabine erzählen soll? Nein, lieber nicht. Das geht niemanden was an. Annie weiß das, klar, war ja nichts passiert. Über Sabine habe ich damals nur mit Papa gesprochen.
Hätte besser laufen können … Quatsch, die war viel zu alt.
»Mama, ich möchte dir was erzählen«, hatte er das Gespräch damals begonnen.
»Mein Junge, du weißt doch, du kannst mir alles sagen. Alles. Ich bin doch deine Freundin.«
»Weiß ich, du bist meine Spezialfreundin, meine Mama-Freundin.
Was ich erzählen wollte: Ich habe jetzt eine richtige normale Freundin.«
»Eine für einen Tag? Oder ein bisschen länger? Und du magst sie?«
»Viel länger, hoffentlich. Ich mag sie. Ich sag das mal anders, in die bin ich echt verknallt.«
»Oh, mein Junge, mein lieber Junge. Das freut mich. Das freut mich riesig. Wie hast du das denn hinbekommen?«
»Ich überhaupt nicht, die wollte was von mir.«
»Eine Anmache? Wirklich? Eine Anmache? Diese Freundin habe ich gerade eben in mein Herz geschlossen. Die muss doch ungeheuer clever sein. Solch ein hübscher Bengel wie du. Papa, komm mal! Sven hat jetzt endlich eine Freundin. Die wollte ihn und er ist verknallt. Ich finde das herrlich.«
»Habe ich das richtig gehört? Wie bei uns? Hoffentlich funktioniert das bei euch genauso. Ich wollte damit sagen, dass ich deine Mutter immer noch liebe. Mit anderen Worten: richtig liebe. Aber jetzt mal ernst. Ist sie wenigstens hübsch?«
»Du hast Glück. Ich wollte gerade etwas Ordinäres über dich sagen. Die ist verdammt hübsch. Blond ist sie nicht. Blondinenwitze kannst du dir also sparen.«
»Junge, weißt du was? Bring sie doch einfach mit. Nee, nee, nicht dass wir sie begutachten wollen. Quatsch! Ich merke doch, wie verliebt du bist. Und dann gehört sie schon fast zur Familie. Ich weiß, was deine Mama macht. Erst drückt sie sie und dann hört sie gar nicht auf, sie zu küssen.«
»Mein Liebling. Ich erkläre dir jetzt, weshalb Papa sagt, dass du sie einfach mitbringen sollst. Meine Eltern waren immer ein bisschen komisch, schon wenn ich nur eine Bekanntschaft anfing. Papas Eltern waren anders. Die haben mich sofort in ihrer Familie aufgenommen und waren immer lieb zu mir.
Und jetzt sag ich dir noch etwas Besonderes. Es hat denen überhaupt nichts ausgemacht, dass wir schnell miteinander intim waren. Wir durften in sein Zimmer gehen. Wir sollten ein Schild vor der Tür hängen, so wie im Hotel: ›Bitte nicht stören‹ – und abschließen. Papa hatte doch seine Tante. Die war immer so neugierig. So dürft ihr das auch machen.«
Als wir danach alleine waren, ohne Mama, sagte Papa zu mir: »Besorg dir bitte Kondome. Du weißt sicher nicht, ob deine neue Freundin die Pille nimmt.«
»Ich habe immer noch einen Pariser dabei, für Sabine damals.«
»Was ist da eigentlich daraus geworden. Das ist doch schon ein, oder sogar zwei Jahre her. Du hast nie etwas darüber erzählt.«
»Kurzbericht oder ausführlich?«
»Ausführlich, bitte!«
»Es ist schon tatsächlich fast zwei Jahre her. Ich bin damals mit dem Fahrrad durch die Gegend gefahren. Plötzlich habe ich vor einem Getreidefeld Kornblumen und andere gelbe Blumen dazwischen gesehen.«
Mama war wieder da. »Gelbe und blaue Blumen zusammen sind doch immer hübsch. Junge, erzähl weiter!«
»Mir hatte das so gut gefallen. Wo gab es schließlich noch Kornblumen? Ich hatte mich an den Wegesrand gesetzt und einfach die Blumen angesehen. Da kommt so was Weibliches, ich dachte, bestimmt zehn Jahre älter. War sie aber nicht. Sie setzte sich neben mich.
›Kornblumen und Butterblumen dazwischen … das sehe ich für mein Leben gern. Ich heiße Sabine, und du?‹
Ich Idiot habe ›Svennie‹ gesagt. Das muss ihr gut gefallen haben. Sie hat mich einfach geküsst, ganz anders als du, Mama. Mir fiel nichts Besseres ein, als den Kuss zu erwidern, obwohl ich gar nicht wusste, wie das richtig ging. Sie sagte dann: ›Ich komme hier öfters vorbei, vielleicht trifft man sich wieder.‹
Ich war gerade erst vierzehn, aber irgendwie richtig erwachsen. In der Schule habe ich Klassenkameraden gefragt, die schon etwas älter waren. Ich hoffte, dass sie mehr Erfahrung hatten. Und die sagten, ich bräuchte unbedingt Pariser. Die habe ich dann gekauft.«
»Und? Ist sie wieder vorbeigekommen?«
»Ist sie, ein paar Tage später. Au ja. Die Tipps meiner Kumpels habe ich befolgt.«
»Da bin ich aber gespannt«, drängte der Vater.
»Das kann ich mir vorstellen. Kennst du den Begriff ›Top Secret‹? Ich frische dir deine mageren Englischkenntnisse mal etwas auf. Das heißt so viel wie absolutes Staatsgeheimnis.«
Sein Vater brauchte nicht zu wissen, was die ihm damals vorgeschlagen hatten: >Wenn du sie richtig geküsst hast, dann fängst du an, ganz zärtlich zu werden, erst oben und dann langsam weiter nach unten<. Deshalb sollte er die Pariser kaufen. Und so wollte er das auch durchführen. Es kam leider etwas anders.
»Geküsst hatten wir uns wieder. Als ich aber anfing, nach den Ratschlägen meiner Kumpel in Aktion zu treten, fragte sie: ›Wie alt bist du eigentlich?‹ Da habe ich geschwindelt und sechzehn gesagt. Da ist sie aufgestanden, hat ›Du bist zu jung für mich!‹ gesagt, ist auf ihr Fahrrad gestiegen und verschwunden. Ich habe sie nie wiedergesehen. … Sabine war übrigens längst nicht so hübsch wie Annie.«
»Ich gehe mal davon aus, dass lief so, wie das früher so üblich war und sicherlich auch in Zukunft«, fasste sein Vater zusammen. Sven musste überlegen, dann nickte er.
»Und deine neue Freundin heißt Annie?«, erkundigte sich seine Mutter. »Das ist ein hübscher Name!«
»Ja, ja, geht so. Die hat aber noch einen anderen Namen, den finde ich viel besser: Anne-Lotte. Aber sie will, dass ich Annie zu ihr sage.«
»Anne-Lotte habe ich noch nie gehört, ist aber ein toller Name«, fand der Vater.
»Oh, Gott, oh, Gott«, ergänzte die Mutter. »Ein hübsches Mädchen und ein hübscher Name. Wann bringst du sie mit? Hoffentlich morgen schon!«
»Hübsche Mädchen können auch Nachteile haben, zickig sein zum Beispiel«, gab ihr Mann zu bedenken.
»Papa, du bist ein … nein, das sage ich jetzt nicht. Ich kenne sie schon seit zwei Wochen. Die ist nicht ein einziges Mal zickig gewesen. Ich glaube, sie ist eine ganz Fröhliche, immer lustig und hat so ein herrliches Lachen. Wir haben uns zum ersten Mal am Bahnhof gesehen. Da ist sie zu mir gekommen, hat mich einfach gefragt, wie ich heiße.
›Na ja, ich heiße Sven.‹ Sie meinte: ›Ab sofort heißt du Svennie. Als ich protestieren wollte, sah ich diesen Blick, der war aber ganz und gar nicht zickig. Trotzdem dachte ich, okay, dann eben Svennie. Das durfte bisher zwar nur meine Mama sagen, nicht mal mein Papa. Schicksal, von der angenehmen Seite! Und dann fragte sie noch: ‚Kannst du tanzen?‹ Da hatte ich einen Geistesblitz: ›Natürlich kann ich tanzen, am liebsten mit dir!‹
Ist das doof, wenn ich sage, ich bin richtig verliebt?« Die Eltern antworteten gleichzeitig: »Nein, Liebe ist doch etwas Wunder schönes.«
*
Benjamin Rosenberg war Jude. Die Rosenberges kamen aus Deutschland, aus Hessen. Sie wanderten nach Amerika aus, nicht wegen des verbreiteten Judenhasses, nein, wegen der Armut und des Hungers. Die Fürsten in Deutschland bestimmtem die Religion des Volkes. Der für die Rosenberg zuständige Hessenfürst war die Religion egal. Protestanten, Katholiken und Juden konnten miteinander leben. Der Fürst hatte eine andere Marotte. Er brauchte Geld. Da teilweise noch die Leibeigenschaft galt, musste jeder Bauer mehr Lebensmittel abliefern als normal, die er dann woandershin verkaufte. Die Hessen mussten dafür hungern, auch die Rosenbergs.
Die kauften sich ein Grundstück, neben den Radtmanns. Die waren zwar Protestanten, aber denen war die Religion egal. Dadurch entwickelte sich bald eine nachbarliche Freundschaft. Deshalb heiratete auch der Christ Wulff Radtmann die Jüdin Hildegard Rosenberg. Eben aus Liebe.
Also Benjamin Rosenberg. »Zu deiner Orientierung, lieber Schwager, ich habe mir ein Buch über das angelsächsische Netzwerk gekauft«, begann Ben »Quigley wollte ich nicht. 1300 Seiten waren mir einfach zu viel. Ich habe Joseph Plummer, auch Amerikaner, genommen. Der schreibt das Gleiche wie Quigley, aber auf 400 Seiten.
Und dann noch zwei Schotten, die Namen fallen mir im Moment nicht ein. Es geht immer um dasselbe: Das British Empire musste erhalten bleiben. Die Deutschen hatten Pech, die waren einfach im Wege.«
»Was hältst du davon, dir den zweiten Bericht von Annie anzuhören?«, schlug Wulff vor.
»Habe ich, deshalb musst du Annie die genauen Hintergründe weiter erklären. Ich glaube, dass Annie über die Geschichte ihres eigenen Landes nicht genügend orientiert ist.«
»Warum eigentlich nicht?«
»Das hängt mit der Siegergeschichtsbeschreibung zusammen. Deutschland ist darin an allem schuld. Und die Deutschen sind angefangen das zu glauben. Fast alle.
*
»Annie, ich komme noch einmal auf dein Telefonat zurück«, begann Wulff. »Da wir schon in Kalifornien lebten, kannte ich die genaue Entwicklung gar nicht. Deutschlands Misere hat, wie ich heute weiß, nicht 1914 angefangen, sondern schon früher, nämlich 1870 mit dem Krieg gegen Frankreich.«
»Ich weiß kaum was davon, nur dass der französische Kaiser die Dinge nicht ganz richtig gesehen und Preußen den Krieg erklärt hat. Irgendwie habe ich mal gehört, dass es eine Menge Tricksereien gab.«
»Das ist eine traurige Geschichte. 1848 wurde versucht, einen deutschen Nationalstaat zu gründen. Es gab sogar eine föderale Reichsverfassung. Das scheiterte einmal an Österreich, da die vielen Nationalitäten dort nicht hineinpassten, und schließlich an den deutschen Monarchien, insbesondere an Preußen.«
»Das war also 1848. Doch 1871 hatte man es geschafft. Warum dann so plötzlich?«
»Du hast es doch schon gesagt: durch Tricksereien. Ich erkläre dir das einmal ganz kurz. Wenn du es genau wissen willst, frag Google nach der Emser Depesche. Also: Frankreich hatte wieder einen Kaiser, Napoleon III., Neffe des Ur-Napoleons. Und jetzt kommt der Nächste, der vieles gut gemacht hatte, aber eben nicht alles: Kanzler Bismarck. Das Gute von ihm erzählt dir ebenfalls wieder Google und das meiner Meinung nach Schlechte sage ich dir jetzt. Erstens hat er die Emser Depesche leicht geändert. Napoleon III., der die Depesche erhielt, erklärte Preußen daraufhin den Krieg. Bismarck war raffiniert wie Talleyrand, dein Freund. Er hatte nicht gelogen, aber halt auch nicht die ganze Wahrheit gesagt. Bismarck brauchte den Krieg. Die süddeutschen Königreiche oder Großherzogtümer hatten sich verpflichtet, Preußen beizustehen, wenn es angegriffen würde. Das hatte Napoleon freundlicherweise erledigt. Der wollte natürlich gewinnen, wie sein Onkel zirka fünfundsechzig Jahre davor. Es klappte jedoch leider nicht. Durch seinen Trick zwang Bismarck die Süddeutschen dabei mitzumachen. Dadurch war es kein preußischer Krieg mehr, sondern ein deutscher, und aus der Euphorie heraus entstand das Deutsche Reich. Und jetzt meine Kritik an Bismarck:
Nach dem kriegsentscheidenden Sieg bei Sedan und der Gefangennahme Napoleons hätte man den Krieg beenden müssen als faire Gewinner. Doch das passierte leider nicht. Die Reichsgründung hätte man irgendwo in Deutschland machen sollen, auf keinen Fall in Versailles. Als ob man einem Verlierer, der schon am Boden liegt, noch einen Fußtritt verpassen muss, oder sogar mehrere! Ja, und nach dem nächsten Krieg ging das alles genauso weiter, nur anders rum. Die Deutschen wollten Elsass-Lothringen, Napoleon III. aber nicht. Man hätte sich einigen können. Die Entscheidung sollten die Elsässer selber treffen. Das hätte Napoleon mitgemacht. Doch es lief anders. Das Elsass wurde gar nicht erst gefragt, Paris bombardiert und dann noch die Reichsgründung in Versailles – was für ein gedankenloser Schwachsinn! Den Hass dadurch habt ihr nach dem Ersten Weltkrieg zu spüren bekommen.
Noch mehr fällt mir dazu nicht ein. Sag du doch mal was.«
»Oh, ist das schwer. Mit dem Trick halte ich vielleicht noch zu Bismarck. Wenn der die restlichen drei Dinge in deinem Sinne geregelt hätte, wäre es nie zu diesen fürchterlichen Weltkriegen gekommen.«
»Nach Karl dem Großen wart ihr doch Brüdervölker. Und dabei haben die so einen herrlichen Rotwein!«
»Und die anderen, also wir, so köstliche Weißweine. Was für mich aber am allerwichtigsten ist: diesen Champagner. Dieses Zeugs trink ich am allerliebsten.«
*
Vorgestern habt ihr erklärt, Deutschland ist im Wege und dadurch ein Störenfried. Aber das sind wir doch gar nicht, wir sind doch total demokratisch. Lasst uns also lieber über Kalifornien reden.
Tun wir doch. Nur kommen wir an Deutschland nicht vorbei. Eure Tüchtigkeit ist im Wege.
Wenn wir jetzt faul werden, würde das helfen?
Kaum. Wenn einer erfolgreich war, kommt woanders der Neid. Das gibt es überall. Das ist menschlich.
Erzeugt Neid auch Grausamkeiten?
Einmal das und zusätzlich Sucht und Gier nach mehr Macht und Reichtum.
Gibt es dafür Beispiele?
Viele. Als das angelsächsische Netzwerk [2a] anfing, war das erste Ziel das Gold der Buren in Südafrika. Weil die sich wehrten, sperrte man ihre Frauen und Kinder in Konzentrationslager. Sechsundzwanzigtausend sind verhungert.
Wie fürchterlich.
Der Erste Weltkrieg war viel schlimmer. Millionen von Soldaten mussten auf beiden Seiten sterben. Alle Versuche, dieses unsinnige Abschlachten zu beenden, scheiterten.
Deutschland hatte einem Waffenstillstand zugestimmt, aus deutscher Sicht zumindest auf Basis des 14-Punkte-Programms eures Präsidenten Wilson (3).
Der hatte doch zugesagt. Warum hat er sein Versprechen nicht gehalten?
Das hat viele Gründe. Einer ist: Er wurde ernstlich krank, und konnte sich gegen England und Frankreich nicht durchsetzen. Es ging immer ums Geld, für Frankreich auch um die Ehre. Das wäre aber eine lange Geschichte.
Ob es sinnvoll ist, das alles zu erklären?
Wir versuchen es. Das mit dem Geld ist schwierig, weil so viele daran beteiligt gewesen sind.
Ich kenne es so, dass Wilson den Krieg gegen Deutschland anfangs nicht gewollt hat. Ob er deshalb dieses 14-Punkte-Programm entworfen hat, um den Krieg einigermaßen ehrenhaft zu beenden?
Unklar. Der Krieg musste gewonnen werden, da die Banken und der US-Staat den Engländern und Franzosen Riesensummen geliehen hatten für jahrelange Waffenlieferungen. Deutschland musste auf Biegen und Brechen verlieren, damit die Briten und Franzosen diese Schulden bezahlen konnten. Das hat funktioniert. Man braucht eben nur das richtige Rezept: mit dem Trick des 14-Punkte-Programms den Gegner zum Waffenstillstand verführen, und dann mit vereinten Kräften über ihn herfallen.
Waren die Amerikaner daran beteiligt?
Hunderttausend amerikanische Soldaten wurden geopfert, um den Krieg zu gewinnen, nur wegen des verdammten Geldes. Das war doch eine Schande! Deutschland musste Riesensummen an Frankreich und England zahlen, damit sie ihre Schulden bei den USA begleichen konnten. Die eigentlichen Gewinner waren also wir, die USA.
Scheißkrieg und Scheißgeld. Wir sind doch alle nicht nach Australien geflogen, um immer über diese grausamen Sachen zu reden. Lasst mich bitte telefonieren, dachte Annie.
*
»Guten Morgen, Wulff. Tut mir leid, dass ich so früh anrufe. Ich halte das nicht mehr aus. Deine Mitbürger wissen über mein Deutschland besser Bescheid als ich. Den Ersten Weltkrieg haben wir vielleicht durch. Der Zweite wird wohl noch schlimmer. Das ist doch alles vorbei und kommt nie wieder.«
»Wenn ich jetzt ›doch‹ sage, bist du sicherlich entsetzt. Aber es ist leider so. Hör dir das bitte weiter an. Nimm mal als Vergleich die USA.
