Der Duft der Dunkelheit - Anna Bolavá - E-Book

Der Duft der Dunkelheit E-Book

Anna Bolavá

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Beschreibung

Anna Bolavá entführt die Leser*innen ihres Romandebüts „In die Dunkelheit“ in eine südböhmische Kleinstadt mitten in der Natur, in der es unter der Oberfläche des Alltags unheilvoll brodelt. Es ist Sommer, warm und alles wächst und gedeiht: Linden, Ringelblumen, Königskerzen. Inmitten der Natur und Pflanzen ist Anna zu Hause und in ihrem Element. Denn ihre große Passion gilt den Heilkräutern, deren Sammeln, Trocknen und Verarbeiten fast schon ihr Leben bestimmt. Dies verbindet die Frauen der Familie bereits über Generationen hinweg und hat Annas Leben von Kindheit an geprägt. Doch hinter dem scheinbar idyllischen Leben im Haus der verstorbenen Großmutter verbergen sich die Schatten der Vergangenheit. Schnell entfaltet der Roman einen ungewöhnlichen Sog, dem sich die Leser*innen nicht mehr entziehen können. Und es entwickelt sich mitten im südböhmischen Sommer eine verhängnisvolle Geschichte von Rache, Verrat und einer rätselhaften Krankheit, aus der es wohl kein Entrinnen gibt. Anna Bolavá erzählt ganz im Stil des Nature Writings auf poetische und suggestive Weise von einer Heldin, die sich in der Welt der Kräuter verliert und ihrem eigenen Verderben entgegengeht.

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Die Originalausgabe erschien 2015 unter dem Titel »Do tmy« bei Euromedia Group, k. s. – Odeon, Nádražní 896/30, 150 00 Praha 5.

Copyright © Anna Bolavá 2015

Das Buch wurde durch den Deutsch-Tschechischen Zukunftsfonds gefördert..

Die Arbeit der Übersetzerin am vorliegenden Text wurde im Rahmen des Programms »NEUSTART KULTUR« aus Mitteln der Beauftragten des Bundes für Kultur und Medien vom Deutschen Übersetzerfonds gefördert.

1. Auflage

Copyright © 2022 der deutschen Ausgabe

by mdv Mitteldeutscher Verlag GmbH, Halle (Saale)

www.mitteldeutscherverlag.de

Alle Rechte vorbehalten

Gesamtherstellung: Mitteldeutscher Verlag, Halle (Saale)

Lektorat: Kathrin Janka, Stolzenhagen (Brandenburg)

Umschlagabbildung: © shutterstock – Elena Medvedeva

ISBN 978-3-96311-726-8

Eva gewidmet. Du weißt Bescheid.

Alle Heilkräuter, die im Buch gesammelt werden, gibt es tatsächlich.

Das Kräutersammeln im großen Stil

ist nichts für Zartbesaitete.

Anna Bartáková

Inhalt

ERSTES KAPITEL WINTERLINDE, BLÜTE

ZWEITES KAPITEL IN DER ANKAUFSTELLE I

DRITTES KAPITEL ZINNKRAUT, KRAUT

VIERTES KAPITEL RINGELBLUME, BLÜTE

FÜNFTES KAPITEL IN DER ANKAUFSTELLE II

SECHSTES KAPITEL GROSSBLÜTIGE KÖNIGSKERZE, BLÜTE

SIEBENTES KAPITEL WEISSE TAUBNESSEL, BLÜTE

ACHTES KAPITEL IN DER ANKAUFSTELLE III

NEUNTES KAPITEL ECHTES JOHANNISKRAUT, KRAUT

ZEHNTES KAPITEL WALNUSSBAUM, BLATT

ELFTES KAPITEL IN DER ANKAUFSTELLE IV

ZWÖLFTES KAPITEL ECHTES MÄDESÜSS, KRAUT

DREIZEHNTES KAPITEL GEMEINE SCHAFGARBE, BLÜTE

VIERZEHNTES KAPITEL IN DER ANKAUFSTELLE V

ERSTES KAPITEL

WINTERLINDE, BLÜTE

Es lässt mir keine Ruhe und ich gehe noch mal auf den Hof. Inzwischen ist hier Schatten, aber der rissige Beton ist nach dem heißen Tag immer noch warm. Ich schaue nach oben. Im Westen senkt sich ein makelloser Himmel und in der Ferne leuchtet alles in orangefarbenem Licht. Aus dem Osten kommen dunkle Wolken. Sie sehen bedrohlich aus, aber sie bewegen sich langsam, und so bin ich weiter unschlüssig. Es wird auf jeden Fall einen Regenguss geben, kein Zweifel. Das hat mir Marcela schon vor einer Stunde über den Gartenzaun zugerufen und alle Blumentöpfe und Kästen in den Keller geschafft. Gerade schließt sie sich zu Hause ein. Es ist noch nicht mal sechs, aber draußen lässt sie sich heute nicht mehr blicken. Heute kommt es nämlich. Jetzt ist nur noch die Frage, wann. Und was man bis dahin noch alles schaffen kann. Wie viele Tüten ich mitnehmen soll und ob ich eine Schere brauche. Mir ist heiß und ich bin schwach auf den Beinen. Die Sonne ist noch immer stark und sticht erbarmungslos in die Augen. Ich nehme lieber die dunklere Brille mit und für den Kopf wäre ein Tuch gut. Vielleicht aber auch nicht, ich werde sehr schnell fahren und dann wäre es besser, die Haare einfach wehen zu lassen. Jetzt aber los. Ich darf keine Zeit vertrödeln. Ich hole das Rad aus dem Schuppen und lege drei große Papiertüten in den Korb. Ich beschwere sie mit einem Stein, damit sie unterwegs nicht wegfliegen. Ob ich sie vollkriege, wird sich vor Ort zeigen. Ich schaue mal am kleinen Ring nach und auf dem Rückweg fahre ich unten am Wehr vorbei. Marcela hat sich verbarrikadiert, hat aber noch ein Fenster offen zum Lüften und hinter dem wehenden Vorhang sieht man im Fernsehen den Wetterbericht. So dramatisch ist es wohl doch nicht, wenn sie noch nicht alle elektrischen Geräte vom Strom getrennt hat. Es könnte eine gute Ernte werden. Wenn ich mich beeile. Von den schnellen Bewegungen wird mir ein bisschen schwindlig, vielleicht muss ich mich übergeben. Heute wurde ich mit zu viel Glück auf einmal überhäuft, das lässt sich gar nicht alles aufnehmen. Ich kann es kaum erwarten, meine innere Unruhe wächst.

Die Hitze ist unerträglich, sie stemmt sich während der rasanten Fahrt gegen den ganzen Körper. Der Wind fährt mir durch die Haare, auch er ist heiß, und das ist gut. Dann trocknen sie wenigstens und ich schlage mir nicht die Nacht um die Ohren. Der Weg zum kleinen Ring ist eben und ungefährlich, und wenn ich nicht gerade wie eine Verrückte in die Pedale trete, lasse ich den Lenker los und streckte die Arme in die Luft. Ich fliege durch den vom Frühsommer versengten Raum, den in ein paar Stunden ein Platzregen abkühlen wird. Ich nehme das Haarband heraus und das flatternde Haar lodert in alle Richtungen. Ich hätte Lust, die Augen zu schließen und abzuheben, aber ich muss mich beherrschen, ab und zu ist doch jemand auf der Straße und dann gibt es wieder Gerede, dass ich mich unpassend verhalte. Die kleinstädtischen Kleingeister werden nie verstehen, was eine Fee zum Leben braucht. Ich greife den Lenker wieder und trete kräftig in die Pedale. Ich darf keine Zeit verlieren. Der Wind wird immer stärker. Das liegt aber nicht daran, dass ich wie besessen strample und auf der Hauptstraße an der Schleuse vorbei zum kleinen Ring sause, wo ich dieses Jahr mit dem Lindenblütensammeln beginnen werde. Es braut sich wirklich was zusammen. Es wird Regen geben und es wird heftig. So ein seltsamer, heißer Tag kann gar nicht anders enden. Marcela zögert keine Sekunde. Gerade hat sie im Fernsehen die bedrohliche Prophezeiung vernommen. Völlig verklebt und verschwitzt kniet sie vor der Steckdose und versucht, die Verteilerdose rauszuziehen. Es geht nicht, also zieht sie fester, ruckelt daran und dreht sie in alle Richtungen. Auch wenn dabei noch mehr Putz abbröckelt, sie zieht das Ding jetzt raus. Das Gleiche wird sie auch in der Küche und im Schlafzimmer tun. Wenn sie könnte, würde sie auch der Straßenlaterne vor ihrem Haus den Strom abdrehen. Sie ist am ganzen Körper rot und spürt ein nervöses Pochen in den Schläfen, aber ins Bad geht sie heute nicht mehr. Sie wird sich aufs Sofa legen und sich mit einer zotteligen Decke zudecken. Es ist nicht das erste Mal, dass sie sich aus Angst nicht wäscht und ihr nichts anderes übrigbleibt, als still und einsam im Dunkeln vor sich hin zu stinken. Jetzt wenigstens die Augen schließen und das Ganze schnell hinter sich bringen. So Gott will, kommt ein neuer Morgen, und dann wird sie das Fenster öffnen. Bis dahin harrt sie unter ihrer Decke aus. Etwas anderes bleibt ihr sowieso nicht übrig, denn der Sommer fängt an und der bringt nun mal Gewitter und Platzregen mit sich.

Ich bin am kleinen Ring und die Sonne verabschiedet sich langsam. Zwei Linden blühen noch nicht, zwei sind dabei, aber nur so halb. Die letzte, älteste, ist ein reines Wunder, voller offener Blüten, die schweren Äste hängen fast bis auf den Boden. Ich lasse das Fahrrad ins ungemähte Gras an der Mauer fallen und schon bin ich da. Ich begrüße die ersten schwarzen Käfer und kleinen Fliegen. Mückenschwärme tanzen in den Sonnenstrahlen. Da bin ich, hier habt ihr mich. Ich öffne die Tüte, die über meiner linken Schulter hängt, und greife mir mit der rechten Hand einen Ast voller Blüten, ziehe ihn heran und lege los. Die Bienen waren als Erste da und auf die muss man achtgeben. Die meisten sind hoch über mir und wiegen sich gemeinsam mit dem Baum im warmen Wind. Ihr Getöse ist so allgegenwärtig wie der Lindenduft, und beeindruckend wie immer. Es dauert eine Weile, bis ich mich an den Ort und an die Größe der Blüten gewöhnt habe. Außerdem muss ich ein paarmal die Tüte verschieben, bis ich die beste Stelle am Arm gefunden habe. Schließlich lasse ich sie vom Handgelenk baumeln, weil sie mir von der Schulter rutscht und mich aufhält. Jetzt sollte alles laufen wie geschmiert und jede Bewegung fließend in die nächste übergehen. Das Pflücken von Lindenblüten ist etwas Erhabenes, Wunderschönes, aber für den richtigen Schwung braucht man jahrelange Übung. Harmonie und Einklang zwischen Hand und Ast werden sogleich mit einer halb vollen Tüte belohnt. Locker innerhalb von zehn Minuten. Wer die Bewegungsabläufe beim Abernten der Blüten nicht perfekt koordinieren kann, nimmt nicht mehr als die Menge für den Eigenbedarf mit nach Hause. Bei uns in der Gegend beherrscht das niemand außer mir, und das freut mich. Die Linden hier gehören mir. Die Linden an den Landstraßen sollen ruhig brachliegen, den Bienen, den Blattläusen und dem Staub überlassen, aber die hier gehören mir! Wir kennen uns von Geburt an und sind füreinander bestimmt. Ich weiß, welchen Ast ich mir vornehmen kann und welchen ich lieber schonen sollte. Über die Jahre habe ich die Unterschiede zwischen den Blüten studiert und kann schon von der Straße aus ihr zukünftiges Gewicht einschätzen. Die kleineren eignen sich besser zum Aufgießen, die größeren wandern in Säcken in die Ankaufstelle.

Etwas hat mich in die Schulter gestochen. Ich schaue mich danach um und merke, wie heiß es immer noch ist und dass ich Durst habe. Die Haare sind nicht mehr auszuhalten. Ich muss zum Rad zurück, das Haarband holen, das am Lenker hängt. Ich kann es nicht leiden, wenn mir bei der Arbeit etwas in den Mund oder in die Augen gerät. Wieso habe ich kein Tuch? Mir schwirren gerade haufenweise Insekten und lange Haare um den Kopf und ich verliere den Überblick. Ich kann mich nicht mehr konzentrieren und gerate in Panik. Als ich mir den Schweiß von der Stirn wische, fällt mir die Tüte ins Gras. Mit den Händen, die ganz klebrig sind vor lauter Schweiß und Blütenpollen, versuche ich, die Haare zurückzukämmen. Ein großer, mehrmals mit dem Haarband umschlungener Dutt beruhigt mich und beschert mir wieder freie Sicht. Auf dem Heimweg kann ich die Haare wieder aufmachen und auch die letzten feuchten Stellen unter dem wirren Deckhaar trocknen lassen. Mit nassen Haaren gehe ich nämlich nicht ins Bett. Das Gefühl ertrage ich nicht, und auch nicht die Schmerzen. Sie tun so, als wären sie nicht da, aber in Wirklichkeit steigern sie sich, und das ist gefährlich. Genau wie diese tückische Sonne. Sie sollte eigentlich schon untergehen und Ruhe geben, aber es ist immer noch nicht so weit. Ich stehe ungünstig, durch die Äste scheint sie mir immer wieder direkt in die Augen und dann fährt mir ein Messer durch die Stirn und bleibt ganz tief drin auf der rechten Seite stecken. Für einen Moment wird es vollkommen dunkel, aber nur ganz kurz. Nach und nach kommt das Licht zurück. Ein tiefes Dunkelblau. Dann verblasst die Farbe und es ist vorbei. Diese tückischen Strahlen. Warum habe ich keine Brille dabei? Ich habe sie doch mitgenommen, ich würde doch nicht ohne losfahren. Vielleicht habe ich sie unterwegs verloren. Also pflücke ich weiter. Alles ist voller Blüten, aber zufrieden bin ich nicht. Ich kann mich nicht konzentrieren. Schaue nervös zu den anderen Ästen, ob es dort besser aussieht, hier gefällt es mir nicht mehr. Es geht nicht so schnell, wie ich es mir wünschen würde, und ständig unterbricht irgendetwas den ersehnten harmonischen Bewegungsfluss. Mal ist es eine nur halb abgerissene oder verkümmerte Blüte, dann wieder kleben die Blüten aneinander und haben kleine schwarze Flecken. Das ist kein guter Platz. Hier darf ich keine Zeit vertrödeln. Ich rücke Stück für Stück weiter und umrunde den ganzen Baum. Nehme von jeder Stelle eine Probe, aber in der Tüte wird es nicht wirklich mehr.

Ich gehe weiter zum nächsten Baum. Die Äste sind höher, die Blüten geschlossen, manche der Kügelchen sind noch gar nicht aufgeplatzt, zu früh also. Trotzdem rupfe ich etwas ab, ich will einen Moment verweilen und den mächtigen Duft über mir genießen. In dreißig Metern Höhe blüht in der prallen Sonne natürlich alles auf einen Schlag, aber um da ranzukommen, bräuchte man eine Leiter. Wenn ich eine Leiter hätte … Und wenn diese Linde in unserem Garten stünde, und nicht hier vor aller Augen … Wie lange würde ich brauchen, um den ganzen Baum abzuernten? Bis auf die letzte Blüte? Und wo würde ich sie alle hintun? Ich müsste den ganzen Dachboden damit zuschütten, in mehreren Lagen. Und es müsste die ganze Zeit warm sein, mit einer leichten Brise, damit alles schnell trocknet. Vielleicht würde ich in dieses Blütenmeer klettern und dort sterben. Gibt es einen schöneren Tod? Niemand würde mich dort je finden. Ich würde mich in diesem durchdringenden Duft auflösen, würde in der Dunkelheit auf den am Boden ausgebreiteten Zeitungen verdorren, wie eine seltsame menschliche Blüte. Wie lang würde das bei den Lindenblüten dauern und wie lang bei mir? Wie ist eigentlich das Trocknungsverhältnis des Menschen … Wenn ich tatsächlich den ganzen Baum abernten würde, müsste mich Marcela mit dem Auto in die Ankaufstelle fahren und würde dann die Hälfte der Einkünfte für das Benzin verlangen. Ich schlucke den trockenen, bitteren Speichel hinunter und vertreibe die unangenehmen Gedanken.

Ich steige aufs Rad und fahre weiter. Hier komme ich an keine offenen Blüten mehr, und das ist ein unerträgliches Gefühl. Ich knurre all die unerreichbaren Blüten an und trete in die Pedale. Das, was sich da zusammenbraut, nähert sich schnell. Die Sonne ist verschwunden. Inzwischen ist klar, dass das heute nur eine erste Kontrollrunde war und ich in ein paar Tagen wiederkomme. Ich werde mich nicht mit Kleinkram abgeben, der einem nur Zeit raubt. Ich sammle Kräuter im großen Stil, denn das kann ich. Ich mache das, seit ich vier bin. Jedes Jahr. Vom Frühling bis zum Herbst, von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang und darüber hinaus. Außer dem Sammeln interessiert mich im Leben nichts mehr. Das Sammeln, das mir alle möglichen Situationen, Menschen und Ereignisse beschert hat und dann alles so kompliziert gemacht hat. Das Sammeln, das mein unbedeutendes, unscheinbares Leben bis zur Unkenntlichkeit verhext hat. Es hat ihm Sinn gegeben und ihm den Sinn wieder genommen, es auf den Kopf gestellt und es in den schlimmsten Momenten besänftigt. Mein geliebtes Sammeln von Heilkräutern.

Ich fahre rüber zum Wehr. Das Wasser ist niedrig. Das Flussbett wirkt leblos und irgendwie nervös. Jeden Moment wird hier neues, trübes Wasser anrauschen. Bald ist es so weit. Marcela wird sich vielleicht zusammenreißen und zum Fenster gehen, um eine Kerze anzuzünden. Sie ist abergläubisch und das hilft ein bisschen. Vielleicht verschläft sie aber auch alles, was soll sie sonst machen, allein zu Hause im Dunkeln? Dieses verrückte Weibsbild, eigentlich ist es gut, wenn sie sich so verbarrikadiert, für manche Naturen ist es wirklich besser, überhaupt nichts mitzubekommen. Schon seit Tagen prahlt sie ganz groß damit, dass sie von Miluška neue Schlaftabletten bekommen hat. Ich bin neugierig, ob sie irgendwann den Mut aufbringt, eine davon zu nehmen. Ich vermute, eher nicht. Damit ihr in der Nacht bloß nicht irgendwas entgeht. Ich schmeiße das Rad ins hohe Gras bei der alten Eiche am Ufer und gehe zu einer der ältesten Linden in der Umgebung. Die hat so einiges erlebt, ihr unterer Teil ist in erbärmlichem Zustand, vielleicht sogar abgestorben, aber trotzdem ist bei ihr manchmal was zu holen. Zwei Äste hängen ziemlich niedrig über dem Wasser, und wenn ich das Gleichgewicht und die Tüte halten kann, könnte ich ein paar Blüten erreichen. Es sind nicht viele, aber sie sind groß und gesund und frisch, einfach königlich. In der Tüte ist natürlich sofort zu erkennen, dass etwas Außergewöhnliches dazugekommen ist. Ich beuge mich über das Wasser und ziehe den ganzen Ast zu mir heran. Auf keinen Fall darf ich ihn abbrechen, das kann ich der Königin nicht antun.

Beim nächstgelegenen Häuschen lehnt sich die alte Tomanová aus dem Fenster. Wieder schaut sie mich direkt an, unfreundlich wie immer. Als würde ich hier stehlen. Gehört der Baum etwa ihr? Vielleicht wartet sie darauf, dass ich wieder reinfalle, direkt unter mir ist kaum Wasser, nur nasser Schlamm, Blutegel und Mückenlarven. Den Gefallen tue ich ihr nicht, ich werde nirgendwo reinfallen. Schon morgen wird der Schlamm verschwunden sein, weil sich dann das Regenwasser, das sich im Himmel über der Linde und meinem Kopf und sogar über dem Häuschen und der alten Tomanová sammelt, vom Fluss aus über das Gras ergießen wird und alle Lindenblüten ertränkt, die ich heute nicht mehr abpflücke. Es kommt näher. Ich rupfe die letzten Blüten ab, nehme die Tüte von der Schulter und sortiere ein paar verirrte grüne Blätter heraus. Der Schweiß läuft mir den Rücken runter und die nassen Haare kleben an der Stirn. Ich nehme das Rad und schiebe es auf den Weg. Das versteinerte Gesicht der alten Tomanová ist vom Fenster verschwunden.

Als ich aufs Rad steige, kracht über mir der erste Donner. Ein Blitz war nicht zu sehen, also ist es noch weit weg. Ich muss noch am Hundetrainingsplatz vorbei, wo es immer so schöne Löwenzahnblätter gibt. Für die habe ich auch eine Tüte dabei, und wenn ich sie jetzt vollmache, kann ich damit auch die andere Seite des Lenkers beschweren. Ich strample schnell, damit ich möglichst viel schaffe. Mittlerweile weht ein kühlerer Wind. Ich lasse den Lenker los und nehme das Haarband raus. Die Haare müssen zur Nacht trocken sein, sonst tut es weh. Vielleicht hätte ich nicht so spät noch den Kopf eintauchen sollen. Ich hätte die Wolken früher bemerken müssen. Wenn ich das nicht mehr durchkämme, erzählt Marcela wieder auf dem Markt hässliche Dinge herum. All die alten Weiber in der Straße werden glotzen, was ich in meinen Tüten habe und was auf dem Kopf, und was davon schlimmer ist. Sie müssen einfach trocknen. Ich nähere mich dem Trainingsplatz. Ich drossle das Tempo und das Brennen in den überanstrengten Schenkeln lässt nach. Die Vorderbremse müsste geölt werden, sie macht ein grässliches Geräusch. Das lenkt nur unnötig Aufmerksamkeit auf mich und meine Arbeit. Ich habe noch nicht mal Luft geholt, da wird mir schon klar, dass ich mir das Ganze zu einfach vorgestellt habe. Nichts Grünes weit und breit. Kein einziges Blatt ist übrig. Der junge Staněk hat sich dieses Jahr so richtig ins Zeug gelegt und den Rasenmäher ein paar Wochen früher rausgeholt. Ich schaue die glatte Rasendecke an und mir wird klar, dass es lange dauern wird, bis hier etwas nachgewachsen ist. Der junge Staněk hat genauso viel Gefühl fürs Gärtnern wie damals sein elender Vater.

Als ich klein war, und da habe ich noch nicht geahnt, dass Löwenzahnblätter manchmal einträglicher sein können als Löwenzahnwurzeln, bin ich nur wegen der Taubnesseln zum Trainingsplatz gekommen, und einmal fand dort an einem Sonntag ein Hundewettkampf statt. Hinter dem Zaun rannten ungefähr zehn Schäferhunde über den Rasen, und alle hörten aufs Wort. Bei Staněks im Garten knurrte nur einer, wütend und genauso dumm wie sein Herrchen. Als ich schon die ganze Tüte mit Taubnesseln voll hatte, gingen Leute an mir vorbei. Ein dicker Mann und ein Junge etwa in meinem Alter. Schon damals traf ich beim Sammeln ungern Menschen. Die Anwesenheit anderer machte mich nervös und ich wurde langsamer. Ich senkte den Kopf und bemühte mich, sie zu ignorieren. Es war mir peinlich. Am liebsten hätte ich mich in Luft aufgelöst, doch der Mann wollte plaudern. Er kam mir gefährlich nahe und ich konnte mich nicht mehr rühren. Ich hatte nichts Schlimmes getan, und trotzdem fühlte ich mich schuldig. Ein seltsamer Moment. Ich schwieg und wartete darauf, dass sie weggingen. Dass ich es hinter mir hatte. Dieser Kerl war aufdringlich. Und abstoßend. Er sah sich meine Tüte an und ich wurde rot. Ich habe noch nie gut auf Fragen reagieren können wie Was hast du damit vor? und Wie viel kriegst du dafür? Ist das nicht meine Sache? Warum kümmert er sich nicht darum, dass er schwitzt wie ein Tier, nicht atmen kann, ohne zu schnaufen, und einen unangenehmen, erwachsenen Geruch absondert? Und was ist mit seinem Sohn? Warum ist der denn so dürr? Gibt er ihm nichts zu essen? Hat er keine Mutter? Er ist klein und blass, mehr ein Schatten als ein realer, lebendiger Mensch. Wahrscheinlich schämte er sich damals genauso vor seinem riesigen Vater wie ich, und senkte während dieser endlosen, unangenehmen Begegnung nur scheu den Blick. Oder brachte er sogar ein flüchtiges Lächeln zustande? Er war so mager, fast durchsichtig, als gehörte er gar nicht zu einer Familie, der es großartig ging und die sich offenkundig ordentlich etwas gönnte. Es ist so lange her, aber ich sehe immer noch die dürren Kinderarme, ihre ungewöhnlich blasse Haut, die blauen, hervortretenden Adern. Sicher hat er damals gelächelt. Ich erinnere mich doch. Vielleicht als Beweis, dass alles, was geschieht, wahr ist, und nicht bloß ein hässlicher Traum.

Staněk öffnete das Tor und aus seinem Garten kam der riesige, wütende Schäferhund geschossen. Er stürzte sich direkt auf den Jungen. Vollkommen zielgerichtet. Als hätte er sich lange zuvor entschieden, nichts konnte ihn aufhalten. Den alten Staněk nahm er gar nicht wahr, seinen strengen Herrn, der oft einen langen Stock aus dem Keller holte. Daran dachte sein Besitzer heute gar nicht. Er stützte sich auf die offene Autotür und betrachtete zufrieden den rennenden Hund. Wie gut gebaut und genährt er war. Auch ohne Stammbaum und dieses peinliche Training war er ein ausgezeichneter Wachhund. Der gerade beschlossen hatte, diesen kleinen Jungen da draußen in Stücke zu reißen. Es ging schnell zur Sache und Staněk erhob endlich die Stimme. Dann brüllte er auf einmal los, aber da floss schon das Blut. Der Hund biss wütend in den blassen, mageren Arm und mein Herz klopfte bis zum Hals. Und dann noch mal. Und wieder. Ein Angriff in Dauerschleife. Das Tier war unzurechnungsfähig und biss immer wieder zu, da und da und da, unterhalb des kurzen Ärmels. Hätte sich der Junge nicht die Hand vors Gesicht gehalten, hätte der Hund ihm die Kehle durchgebissen und ich hätte einen Mord mitangesehen. So zerfetzte er nur diesen unschuldigen, mageren Kinderarm, dass der blutige Geifer in alle Richtungen flog. Die Schäferhunde hinter dem Zaun taten das Gleiche, nur mit dem Unterschied, dass sie aufhören konnten. Hier auf der Straße wurde weitergekämpft und niemand trug Schutzkleidung. Es war nicht zu stoppen. Jetzt musste sich Staněk langsam zumindest im Stillen eingestehen, dass dieser Hund ihm irgendwie nicht gehorchte. Der hatte nicht vor, von seiner Beute abzulassen. Erst als der dicke Vater sich gefasst hatte und das Tier von hinten packte, schüttelte und wegzerrte, ließ es locker und schnappte nach dem neuen Feind. Diesen Nachmittag vergesse ich im Leben nicht. Es war wie ein unerwarteter Ausbruch des Bösen. Ein Wirbelsturm aus Bosheit und Schmerz. Das unwirkliche Gebrüll eines Hundes, eines Jungen und aller anderen Menschen, die das Ganze über den Zaun hinweg beobachtet hatten.

Ich stand so dicht daneben … Ich umklammerte meine erste Tüte Taubnesseln, biss mir auf die Lippe und hielt die Tränen zurück. Wie war ich da nur hineingeraten? Wofür wurde ich bestraft? Noch lange habe ich nachts den in Fetzen gerissenen Arm gesehen, und den alten Staněk, wie er die Autoschlüssel um seinen dicken Finger kreisen lässt. Einen Monat später hat dieser Kerl ein Restaurant aufgemacht. Es wurde immer sehr gelobt, das Bier war nicht teuer und für den Herrn Unternehmer lief es gut. Laut Gerichtsbeschluss sollte der Schäferhund eingeschläfert werden, aber er lief trotzdem noch ein paar Jahre im Garten herum. Sein wohlhabendes Herrchen brachte es einfach nicht übers Herz und behauptete, es sei ein anderer Hund. Heute wird das Grundstück von irgendeinem braun gescheckten Vieh bewacht, das träge ist und taub, und Staněk ist längst tot. Er hatte einen Autounfall. Damals hieß es, jemand hätte sich nachts an seinen Bremsen zu schaffen gemacht. Etwa der dicke Vater dieses Jungen? Wer weiß das schon. Um den Rasen am Grundstück, voller saftigem Löwenzahn, Spitzwegerich und Schafgarbe, kümmert sich heute der Sohn vom alten Staněk. Er tut es nicht oft, und das ist gut, weil es hier immer viel zu ernten gibt. Diesmal hat er sich allerdings beeilt und alles Grüne mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Hier gibt es für mich nichts zu tun und ich fahre weiter. Bloß schnell nach Hause, es ist schon fast da. Ich hätte sowieso keinen Platz mehr auf dem Dachboden gehabt. Denn das, was ich letzte Woche mit den Blättern vollbracht habe, bleibt für den Rest des Jahres unerreicht.

Ich biege in unsere Straße ein. Am Himmel über mir kracht es fürchterlich. Marcela hat alle Vorhänge zugezogen und dahinter ist es dunkel. An zwei Fenstern hat sie sogar Holzfensterläden, als Einzige in der Straße. So verbarrikadiert sie sich immer, auch wenn kein Gewitter aufzieht. Mir wird ein wenig schwindlig, wenn ich daran denke, dass sie nie wieder einen lauen Sommerabend erleben wird. Einen Sonnenuntergang, einen Tagesausklang auf der Wiese, und Kühle und Dunkelheit, die über dem Fluss heraufziehen. Vielleicht macht sie das frühmorgens wieder wett, was weiß ich, wann sie rausgeht. Ich schließe die Holztür zum Hof auf und fahre hinein. Einen Moment überlege ich, ob ich meine Blumentöpfe auch über Nacht reinstellen sollte. Aber dann lasse ich es bleiben, ich werde doch jetzt nicht in Panik verfallen. Im Sommer ist es heiß und die Hitze verursacht Gewitter. Zu Gewittern gehören Hagel und Platzregen. Hagelkörner können unterschiedlich groß sein und die großen machen halt auch mal was kaputt. Unsere Zeit ist verdorben und unbarmherzig, der Planet erwärmt sich und das Ende der Welt kommt näher, aber Hagelkörner sind schließlich immer noch Hagelkörner. Sie denken nicht und suchen sich auch nicht bewusst aus, auf wen sie fallen. Ich werde mich der Natur nicht entziehen, sage ich mir, als ich das Fahrrad im Schuppen einschließe und die ersten Lindenblüten des Jahres auf den Dachboden bringe. Na ja, beinahe die ersten.

Oben liegt noch die Probe Schmutzlinde, die aus Prag. Da würden sie in der Ankaufstelle Augen machen, von wo in aller Welt ich ihnen die Blüten anschleppe. In Großstädten blühen die Linden manchmal einen ganzen Monat früher als hier bei uns. Prag ist eine hoffnungslos verpestete Hölle, aber manchmal geschehen sogar in der Hölle erträgliche Dinge, wie sonst könnten darin so viele Seelen existieren? Auch dort haben sich die Menschen, meist künstlich und nachträglich, ihre Grünflächen geschaffen, wo sie dann ihre Hunde und ihre nervösen Köpfe ausführen. Die Baumkronen kreuzen sich zwar vielerorts mit elektrischen Leitungen, aber wenigstens kreuzen sie sich. Andernorts kreuzt sich nichts und es kommt nur der Beton zu Wort. Dort ist das Sammeln ausgeschlossen. Im trüben Prag sind die Lindenblüten erstaunlicherweise so groß und rein, dass man sogar glauben könnte, sie würden heilen. Von Zeit zu Zeit fahre ich dorthin. Beruflich. Ich gebe ein paar Übersetzungen ab und kontrolliere die Parks. Seit meiner Studienzeit fahre ich dieselbe Zugstrecke, hin und zurück und immer wieder von vorn. Ich mag es, durchs Zugfenster die Landschaft zu betrachten. Wie sie sich gar nicht ändert, wenn die Großstadt näher kommt. Nur die Atmosphäre wird angespannter. Auch der Fluss bleibt eigentlich immer nur ein großes Loch voller Wasser, so wie bei uns. Nur viel größer und hinterhältiger. Dort könnte ich nicht von einem Ufer zum anderen übers Wasser spazieren, ich hätte Angst vor Strudeln und tückischen Unterströmungen.

Meine Fahrten in die Hauptstadt dienen den Tratschtanten auf dem Dorf als Beweis dafür, dass ich keine verkrachte Existenz bin. Sie liefert dort Übersetzungen von dicken Büchern ab, habe ich mal samstags vor dem Konsum vernommen. Im Geiste habe ich dazu genickt, genau so soll es sein. Dem Anschein nach gibt mir Prag Arbeit und macht einen redlichen Menschen aus mir. Neben dem Sammeln muss mich schließlich irgendetwas ernähren. Übersetzerin, das war das Zauberwort, das damals den hartnäckigen, aufmerksamen Nachbarn, Marcela eingeschlossen, den Wind aus den Segeln genommen hat. Es hat ihnen das Maul gestopft und sie haben Ruhe gegeben. Sie haben bekommen, was sie wollten. Ich hatte den Beweis vorgelegt, dass ich zu den anständigen, verantwortungsvollen Erwachsenen gehöre. Hatte mich ganz natürlich in den Mainstream der Einwohnerschaft eingereiht und mich in eine ihrer Schablonen eingefügt. Jetzt bloß nicht mehr auffallen, mich verstecken und still mein Leben leben. Aber … wie soll das gehen, wo mich doch meine innere Unruhe nach draußen zieht. Wenn ich mir die Schere schnappen und sammeln gehen muss. Ich pfeife auf die Gepflogenheiten der anständigen Leute, und das macht das Leben auf dem Land nicht leicht. Auf dem Land, wo ich Orte kenne, für die es sich lohnen würde zu sterben. Ich bin hier zu Hause und allein das lässt mein Herz völlig anders schlagen. Allerdings sind auch die anderen hier zu Hause, und das macht es schwierig. Zum Glück geben mir in schweren Zeiten die Kräuter Halt. Sie sind immer bei mir und existieren nur für mich. Deshalb weiß ich, dass ich mich richtig verhalte. Auch ich existiere nur für sie, und das ist so selbstverständlich, dass es sich wie eine Lüge anfühlt, darüber zu reden. Über Kräuter spricht man nicht, Kräuter sammelt man. Und wenn mir ein Tag gelingt und die Leute mich in Ruhe lassen, bin ich zufrieden. Mehr brauche ich nicht mehr im Leben. Dass mir noch ein Tag gelingt und der Dienstag näher rückt. Dass die Schmerzen nicht zu stark werden und ein weiterer randvoller Sack gut verschnürt in die Ankaufstelle wandert.

Ich schaue in den Spiegel und sehe, dass ich heute braun geworden bin. Die Haare sind endlich trocken und ich kann sie lassen, wie sie sind. Ich kämme sie morgen früh. Der Wind drückt gegen die Fenster und der strömende Regen trommelt auf das warme Dach. Draußen im Garten rumpelt irgendwas. Dann donnert es direkt über uns. Endlich ist es da. Morgen früh wird die Luft angenehm sein. Für das Sammeln sind die Aussichten nicht gut. Überall Feuchtigkeit, in der Luft, auf den Blättern und im Gras. Vielleicht auch auf dem Dachboden, obwohl ich mir Mühe gebe zu verhindern, dass es reinregnet. Ich schaffe es noch, zum heutigen Datum Lindenblüte, erstes Mal auf dem kleinen Ring, am Teich ins Heft zu schreiben, dann donnert es fürchterlich, wie Kanonenfeuer, und feuerrotes Licht durchzuckt die ganze Stadt. Wenn es nebenan bei Marcela einschlägt, stirbt sie vielleicht vor Angst und ich finde sie morgen früh und habe noch mehr Sorgen. Ich lasse den Bleistift im Heft, klappe es zu und lege es auf den Tisch. In dem Augenblick geht der Strom aus. Genau abgepasst. Durch die angenehme, vertraute Dunkelheit gehe ich ins Bett. Irgendwann in der Nacht öffne ich das Fenster. Draußen nieselt es und kühle, feuchte Luft strömt ins Zimmer.

Marcela ist nicht tot. Sie ist sehr lebendig und läuft nebenan fröhlich über den Hof, schiebt Gegenstände herum und holt ihre geretteten Zierpflanzen aus dem Keller. Sie stellt alles schön an seinen Platz. Dabei wundert sie sich unverständlicherweise, wie schön ihr Gärtchen doch gegossen ist. Entsetzlich trocken sind dagegen ihre ganzen Blumen, die sie gerade wieder ans Tageslicht gezerrt hat. Macht nichts. Marcela holt die Gießkanne und macht sich ans Gießen. Bei ihr drüben sieht es aus wie in der guten Stube. Sie selbst ist wie ein exotischer Schmetterling, der vor einer Weile auf dem Sofa aus einem zotteligen Kokon geschlüpft ist. Der hin und her flattert und lautstark seinen ersten Morgen erlebt. Ich hätte das Fenster nicht aufmachen sollen, was für ein schreckliches Erwachen. Warum muss sie beim Gießen bloß so einen Lärm veranstalten? In meinem Zimmer ist es immer noch heiß. Die Hitze hält sich oben an der Decke und an den Wänden. Und draußen geht es auch wieder los. Noch ist alles feucht und erholt sich vom nächtlichen Wolkenbruch, aber gleich nach dem Mittag kommt die Hitze zurück. Aus dem vormittäglichen Sammeln wird nichts. Es ist Sonntag. Ich habe keine Lust zu essen. Ich gieße mir Wasser ein und versuche es zu trinken, in kleinen Schlucken. Wenigstens die Hälfte. Wenn ich so tue, als ob ich lese, klappt es. Ich täusche mich selbst und dann wundere ich mich, dass ich das kann und dass es funktioniert.

Am Vormittag könnte ich das kaputte Glas in die Container um die Ecke werfen. Es lässt sich nicht verbrennen und ich muss es loswerden. Und wenn ich schon in die Richtung fahre, kontrolliere ich noch die Wiese vom Turnverein, letztes Mal war ich dort Blätter sammeln, ein unvergessliches Erlebnis! Blind habe ich mich über den Boden gebeugt und Büschel um Büschel abgeräumt, ohne auch nur einen Blick nach oben zu werfen, um zu sehen, wie es um die Linden bestellt ist. Schlecht war es um sie bestellt, man roch nichts. Wenn nichts blüht, duftet auch nichts. Aber das war vor einer Woche und jetzt ist es Zeit, sich noch mal dort umzusehen. Nebenan am Fluss werden einige Angler sitzen. Größtenteils alte Männer, alle grauhaarig bis auf den Einarmigen. Die hocken da sicher schon seit Sonnenaufgang, mit leeren Netzen. Einmal bin ich am Fluss entlanggegangen, habe Mädesüß gesammelt und die alten Kerle mit ihren Ruten gestört. Wenn die Zeit für Mädesüß ist, dann muss man ans Ufer, egal wer da gerade sitzt. Damals waren es viele und ich habe bereut, dass ich keine langen Hosen anhatte. Die sollten lieber ihre Schwimmer im Auge behalten, diese Angeber. Stattdessen haben sie zotige Sprüche abgelassen. Bevor mich jemand fragen konnte, was ich da sammle und wie viel ich dafür kriege, hielt ein Auto und der Teichmeister stieg aus. Ein neuer. Jung, energisch und unnachgiebig. Da sind ihnen ganz schön die Eier zusammengeschrumpft und plötzlich haben sie die junge Dame mit der interessanten Sichel in Ruhe gelassen. Der Ordinärste von allen versteckte schnell seine Rute im nächstbesten Holunderbusch, was ihm aber auch nichts nützte. Ich habe ihn nie wieder dort gesehen. Beim Kräutersammeln sind die Regeln nicht so streng, und wenn es sich pro Monat in Grenzen hält, muss man nicht mal Steuern zahlen. Nur das Sammeln muss man beherrschen. Man muss alles dafür geben. Für jeden Ast, jeden Stiel, jede Blüte oder auch den von Wurzeln durchwachsenen Rasen.

Die Wiese vom Turnverein sieht heute aus wie frisch gebadet. Auf dem Beton sieht man, wo das Regenwasser entlanggeflossen ist. Der ganze Staub ist abgewaschen und das Gras ist vollgesogen und sauber. Alles, was grün ist, glänzt feucht. Blätter kann ich hier morgen auch noch nicht sammeln. Ich könnte laut loslachen, so fürchterlich wie der Uropa Barták von nebenan, Opas schwachsinniger Vater, der uns als Kinder hinter der Mauer am Kompost erschreckt hat. Er hatte eine laute und heisere Lache, die wirklich furchterregend war. Einmal kletterte Barták sogar betrunken auf die Mauer und schwang die Beine auf unsere Seite rüber. Er starrte die drei kleinen, erschrockenen Mädchen da unten an und lachte fürchterlich. Dann verschluckte er sich und hustete so lange, bis er hinten runterfiel. Hinter der Mauer war es lange still und wir wurden kreidebleich. Dann ertönte wieder das vertraute heisere Lachen und wir flüchteten kreischend in den Schuppen. Heute kann ich selbst aus vollem Halse lachen wie dieser verwirrte Alte, schließlich fließt sein Blut in meinen Adern. Uropa Barták, der verrückte Alte, der so manchen Nachbarn im Umkreis verflucht hat und dessen eigener Sohn ihn in den verwahrlosten Schuppen hinter der hohen Steinmauer ausquartiert hatte, verschwand eines Tages plötzlich. Seitdem kann ich heiser lachen. Das Barták-Lachen ist angezeigt, wenn mir etwas Außergewöhnliches gelingt. Wie zum Beispiel jetzt. Dank mir gibt es auf der Wiese vom Turnverein kein einziges Löwenzahnblatt mehr. Letzte Woche habe ich gut gearbeitet. Ich habe geschwitzt wie ein Schwein, aber mir ist etwas Unglaubliches gelungen. Nämlich, dass es mir nichts ausmacht, dass hier noch keine Linde blüht. Heute wäre sowieso alles nass und ich hätte keinen Platz für die Blüten. Mein Dachboden ist von so vielen Blättern belagert, dass alle anderen Kräuter, die im großen Stil gesammelt werden, auf einen Platz zum Trocknen warten müssten. Ich bin gut. Ich weiß nicht, ob sie mir das auch am Dienstag in der Ankaufstelle sagen werden, aber im Sammeln von Löwenzahnblättern bin ich dieses Jahr wirklich gut. Nur die Luftfeuchtigkeit ist ziemlich hoch, was dazu führen kann, dass die Charge nicht ganz trocknet und erst mal nichts abgeliefert werden kann, und das wäre ein Problem. Kräuter dürfen nicht warten. Dazu darf es nicht kommen, am Dienstag fahre ich und Schluss. Heute ist allerdings Sonntag und ich werde versuchen, etwas zu kochen. Und es dann auch zu essen. Nachmittags werde ich übersetzen. Vielleicht schaffe ich es am Abend, noch mal rauszugehen. Ich will wissen, wie hoch das Wasser bei den Teichen steht und ob die alte Königin ihre tief hängenden Äste in einen langsam oder schnell fließenden Strom hängen lässt. Das Fass hinter dem Schuppen ist jedenfalls randvoll mit Regenwasser.

Ich habe es geschafft. Ich steige aufs Rad und fahre zu den Teichen. Meine langen, wirren Haare sind wieder nass. Ich mache sie auf und flattere unsere ganze Straße entlang. Marcela schließt das Tor ab und verrammelt die Fenster. Die Blumentöpfe hat sie draußen gelassen, die Vorhersage für diese Nacht ist nicht so wild. Es soll nicht regnen. Wenn ich mir allerdings den Himmel anschaue, glaube ich nicht daran. Ich nehme nur eine Tüte für Lindenblüten mit, falls sie zufällig schon trocken sein sollten. Ich mache kurz halt am kleinen Ring, symbolisch, bis der Boden der Tüte bedeckt ist, Blüte für Blüte und etwas Großes ist geschafft. Das trifft bei Linden definitiv zu. Am Wehr ist das Wasser deutlich gestiegen, aber oben über dem Wehr fließt es ruhig, mit sanfter Strömung. Ich lasse das Fahrrad bei der alten Eiche am Ufer des linken Teichs ins Gras plumpsen und gehe los. Das ist beschwerlich, also ziehe ich die Schuhe aus. Die Wasseroberfläche ist eiskalt, aber ich mache mir nichts daraus und wate hinein. Ich schließe die Augen und fühle mich einfach nur wohl. Das ist mein Moment, in dem ich ganz für mich bin und an den ich mich gern für immer erinnern würde.

Ich weiß noch, wie das Wasser damals den Bürgermeister mitgerissen hat bis unters Wehr und ihn nicht wieder freigeben wollte. Als er die hundertjährigen Eichen fällen wollte, damit sich reiche Leute schönere Wochenendhäuser bauen konnten, also selbst schuld. Er wurde von den Wellen hin und her geschleudert und man sah nur noch wilde Luftblasen von ihm. Dann konnte er sich an einen Baumstamm klammern, der vom Böhmerwald her angeschwommen kam, so ein großer, versengter. Der hat ihm das Leben gerettet. Zwei Jahre lang hat er das Erlebnis dann noch als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitung beschrieben und nicht kapiert, dass es eine Schande ist, wenn man in seinem Alter nicht schwimmen kann. Aber am Wasser wohnen wollen! Er hat nicht wieder kandidiert und mein zukünftiger Schwiegervater gewann die Wahl. Die geschützten alten Eichen stehen immer noch. Das war im Herbst, und ein paar Tage später gab es in der Ankaufstelle eine Sonderaktion. Sie kauften Kastanien und Eicheln zu einem besonders verlockenden Preis. Ich zögerte nur kurz. Zu der Zeit blüht draußen so gut wie nichts mehr und ich konnte mich ganz den Früchten widmen. Ich habe mich also mit Leib und Seele da reingestürzt und wurde in der Ankaufstelle nach Strich und Faden über den Tisch gezogen. Es gibt die klassischen, länglichen, schmalen Eicheln und die runden Ziereicheln, irgend so was Gezüchtetes. Ein Viertel meiner Ausbeute bestand aus den langen, schmalen. Die haben sie sich rausgepickt. Mit dem Rest sollte ich in den Wald zur Futterkrippe gehen. Was hatte ich auch erwartet, vom dummen alten Pudivítr! Der Alten vor mir ließ er das noch durchgehen, weil sie nur einen kleinen Beutel hatte und schon am Sterben war, aber bei mir war er nicht so zimperlich. Ich hatte wirklich viel und damit wäre er nicht durchgekommen. Das konnte man nicht einfach irgendwo untermischen. Heute ist der schusselige Pudivítr nicht mehr in der Ankaufstelle und ich muss ihn nicht mehr sehen. Der konnte kein bisschen mit Menschen umgehen! Alles, was der anpackte, ging schief, und betrogen hat er auch noch! Außerdem hat er völlig neue Papiersäcke zerrissen. Er hat die Belege zerrissen und einmal sogar die Geldscheine in der Kasse. Ständig musste er irgendwas mit seinen Fingern machen, also zerfledderte er alles. Geschieht ihm recht. Eichen und Kastanien habe ich als Bäume gern, aber nicht zum Sammeln. Nicht mal Eichenrinde sammle ich und das wird sich auch nicht ändern. Nein!