Der Duft der weißen Kamelie - Roberta Marasco - E-Book

Der Duft der weißen Kamelie E-Book

Roberta Marasco

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Beschreibung

Die Liebe ist wie eine Tasse Tee – das Geheimnis liegt in der perfekten Mischung.

Von ihrer Mutter hat Elisa ihre Leidenschaft für Tee geerbt und von ihr weiß sie auch, dass man dem Glück und der Liebe nicht über den Weg trauen kann. Als sie eines Tages eine wunderschöne goldverzierte Teebüchse findet, ist sie sicher: Dort drin befindet sich der Lieblingstee ihrer verstorbenen Mutter, eine verbotene Sorte, die sie erst einmal in ihrem Leben probiert hat. Auf dem Etikett ist eine alte, herrschaftliche Villa abgebildet – vielleicht ein Hinweis auf ihre eigene Vergangenheit, die sie nie hat ergründen können? Elisa begibt sich auf eine Reise, die ihr Schicksal für immer verändern wird …

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EPUB

Veröffentlichungsjahr: 2018

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Buch

Von ihrer Mutter hat Elisa ihre Leidenschaft für Tee geerbt, und von ihr weiß sie auch, dass man dem Glück und der Liebe nicht über den Weg trauen kann. Als sie eines Tages eine wunderschöne goldverzierte Teebüchse findet, ist sie sicher: Darin befindet sich der Lieblingstee ihrer verstorbenen Mutter, eine verbotene Sorte, die sie erst einmal in ihrem Leben probiert hat. Auf dem Etikett steht der Name eines kleinen Bergdorfs in Umbrien – vielleicht ein Hinweis auf ihre eigene Herkunft, die sie nie hat ergründen können? Elisa begibt sich auf eine Reise, die ihr Schicksal für immer verändern wird …

Die Autorin

Roberta Marasco wurde in Mailand geboren und lebt heute in Spanien in einem kleinen Ort am Meer. Sie arbeitet als Übersetzerin und hat irgendwann gemerkt, dass sie ihren Gefühlen im Alltag nicht genügend Raum lässt. Mit ihrem ersten Roman, »Der Duft der weißen Kamelie«, hat Roberta Marasco genau das gelernt – wieder auf ihr Herz zu hören und an ihre Träume zu glauben.

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ROBERTA MARASCO

Der Duft der weißen Kamelie

Roman

Aus dem Italienischen von Ingrid Ickler

Die Originalausgabe erschien 2016 unter dem Titel »Le regole del tè e dell’amore« bei Tre60, un marchio di TEA – Tascabili degli Editori Associati s.r.l., Milano. Gruppo Editoriale Mauri Spagnol.

Der Inhalt dieses E-Books ist urheberrechtlich geschützt und enthält technische Sicherungsmaßnahmen gegen unbefugte Nutzung. Die Entfernung dieser Sicherung sowie die Nutzung durch unbefugte Verarbeitung, Vervielfältigung, Verbreitung oder öffentliche Zugänglichmachung, insbesondere in elektronischer Form, ist untersagt und kann straf- und zivilrechtliche Sanktionen nach sich ziehen.

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1. Auflage

Copyright der Originalausgabe © 2016 TEA S.r.l. Milano

Tre60 è un marchio di TEA – Tascabili degli Editori Associati s.r.l., Milano. Gruppo Editoriale Mauri Spagnol.

Copyright der deutschsprachigen Ausgabe © 2018 by Blanvalet

in der Verlagsgruppe Random House GmbH, Neumarkter Str. 28, 81673 München

Redaktion: Ulrike Nikel

Umschlaggestaltung und -motiv: © Johannes Wiebel | punchdesign, unter Verwendung von Motiven von Shutterstock.com (CCat82; Dmitrij Skorobogatov; Scisetti Alfio; Marina Shanti)

KW · Herstellung: sam

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

ISBN 978-3-641-21470-8V001

www.blanvalet.de

»Wollen wir gleich zu unserem Abenteuer aufbrechen«, fragte Peter Pan, »oder erst noch eine Tasse Tee trinken?«

»Zuerst einen Tee«, antwortete Wendy.

J. M. BARRIE, PETER PAN

1

Einunddreißig Jahre zuvor

Die letzten Sonnenstrahlen ließen die Wände des Zimmers rötlich golden schimmern. Es würde nicht mehr lange dauern, bis auch sie verschwunden waren und die Dunkelheit alles verhüllte. Aber noch war das Licht perfekt, um jede Einzelheit fast plastisch erscheinen zu lassen: den Tisch vor dem Fenster, das in Leder gebundene Notizbuch, die achtlos auf den Stuhl geworfenen Kleider.

Die junge Frau tastete unter dem Bettlaken nach seiner Hand und drückte sie. Er erwiderte den Händedruck, zögerte jedoch einen winzigen Augenblick, als würde er nach einer Antwort suchen.

»Mir wird das Haus fehlen«, murmelte sie und schaute auf die Hügel jenseits des Fensters. »Trotz allem«, fügte sie mit einem bitteren Lächeln hinzu.

Er wandte sich um, und mit einer für ihn ungewöhnlich entschlossenen, fast verzweifelten Geste zog er sie an sich.

»Und mir wirst du fehlen«, flüsterte er rau, bevor er sein Gesicht zwischen ihren Brüsten vergrub.

Sie streichelte ihm sanft über den Nacken, während er ihr seufzend mit den Fingern durchs Haar fuhr.

»Es dauert ja nicht lange«, hauchte sie ihm ins Ohr – ihre Stimme zitterte ein wenig, und ihr Herz pochte ängstlich. »Es dauert sicher nicht lange, oder? Du erklärst ihr alles, und dann kommst du nach.«

Er antwortete nicht, löste sich von ihr und drehte sich auf die Seite. Es wurde ganz still. Ihr Blick wanderte zum blutrot leuchtenden Abendhimmel und verharrte dort, bis sie es nicht mehr aushielt – dieses Wunder der Natur erinnerte sie daran, dass alles ein Ende hatte. Wieder hörte sie ihn seufzen. Sein knochiger Brustkorb hob sich, bevor er ruckartig ausatmete, sich auf einen Ellbogen stützte und sie ansah. In seinen dunklen Augen flackerten Leidenschaft und Angst. Mit dem freien Arm zog er sie an sich und küsste sie auf die Stirn.

»Du bist das Beste, was mir je passiert ist«, flüsterte er mit heiserer Stimme, »und das Schlimmste.«

Ihr Lächeln erstarb für einen Augenblick, dann zwang sie sich, es zurückzuholen.

»Hör auf, dich so zu quälen. Wir haben uns entschieden, ein für alle Mal. Und du weißt, dass wir glücklich sein werden. Oder weißt du das nicht?«

Ohne zu antworten, ließ er sich zurück in die Kissen sinken.

»Mit dem Fluch hat das nichts zu tun, oder?«, fragte sie bang nach. »Daran glaubst du nicht wirklich, oder?«

»Meine Mutter …«, begann er, beendete den Satz jedoch nicht.

»Das ist nur ein dummer Aberglaube, eine alte Legende. Alle wissen das«, beschwor sie ihn.

Er starrte sie bloß mit leeren Augen an, als würde er ihre Worte nicht verstehen, war plötzlich ganz weit weg. Dann, nach einer Weile, schlich sich erneut dieses sanfte Lächeln auf seine Lippen.

Sie beobachtete ihn, betrachtete sein markantes Profil, die braune Locke, die ihm in die Stirn fiel, das kantige Gesicht, das tiefbraun war von den vielen Stunden, die er im Freien verbrachte. Sein Anblick versetzte ihr einen Stich. Dieser Mann war so ganz anders als der, den alle zu kennen glaubten. Und das war ihr Verdienst.

Sie allein war es, die ihm die düstere Ausstrahlung genommen und ihm gezeigt hatte, wie man mit den Augen lächeln und den zusammengekniffenen Lippen einen weichen Ausdruck verleihen konnte. Dennoch hatte sie das Gefühl, dass er ihr zu entgleiten drohte. Je attraktiver er wurde, desto unerreichbarer schien er – wie die letzten Sonnenstrahlen, die ins Zimmer drangen.

Sie hätten längst fortgehen sollen, davon war sie mehr denn je überzeugt. Im Dorf würden sie ersticken; er und seine Mutter kannten die Situation allzu gut. Es war zwar traumhaft schön hier, aber das Dorf verzieh nichts. Vor allem jenen nicht, in denen das Echo der alten Geschichten widerhallte. Ob man hier geboren war oder nicht, hier gab es bloß Schwarz oder Weiß, keine Zwischentöne. Eine kurze Zeit hatte sie das geglaubt, doch es hatte sich als Illusion erwiesen.

Sie strich ihm mit dem Zeigefinger über die Lippen.

»Es ist nicht so schlimm, wie du befürchtest. Das Leben muss nicht zwangsläufig schwierig sein. Genieß es einfach, ohne dich ständig zu hinterfragen.«

Er zog sie über sich, nahm ihr Gesicht zwischen die Hände und sah sie mit einem Blick an, in dem so viel Liebe und gleichzeitig so viel Trauer lagen, dass sie sich abwenden musste.

»Ich fahre morgen früh«, sagte sie, »und schreibe dir, sobald ich den richtigen Ort gefunden habe. Unseren Ort. Und ich verspreche dir, er wird einen Garten haben, den schönsten Garten, den du je gesehen hast.«

Sie legte ihre Wange auf seine Brust und hörte sein Herz viel schneller schlagen, als seine beherrschte Miene vermuten ließ. Würde sie dieses Pochen ihr ganzes restliches Leben lang hören dürfen, oder würde sie sich mit dem Echo ihres eigenen Herzens begnügen müssen?

Er strich ihr mit den Fingern durchs Haar. »Du bist die einzige Frau, die ich je geliebt habe. Ich hätte niemals gedacht, einen Menschen so lieben zu können, bevor ich dich getroffen habe.«

Unwillkürlich wich sie zurück.

»Du kommst nach, nicht wahr? Wie wir es besprochen haben«, bedrängte sie ihn mit erstickter Stimme.

In diesem Augenblick hörte man jemanden die Treppe heraufkommen. Er erstarrte, seine Hand löste sich von ihr. Die Schritte kamen immer näher.

Das Zimmer lag jetzt fast im Dunkeln, das verblassende Dämmerlicht ließ das weiße Kleid, das auf dem Boden lag, schimmern.

»Wohnt jemand im Zimmer nebenan?«, wisperte sie nervös.

»Nein, sie sind heute Morgen abgereist.« Er zögerte. »Vielleicht haben sie etwas vergessen«, fügte er hinzu, ohne wirklich an diese Möglichkeit zu glauben.

Die Schritte waren jetzt ganz nah und verharrten schließlich am Treppenabsatz.

Ihre Blicke trafen sich, in seinen Augen lagen Zweifel und Angst. Diese Gefühle gehörten zu ihm, genau wie seine Liebe zu ihr. Das eine existierte nicht ohne das andere.

Sie fragte sich, ob der Wunsch, glücklich zu sein, die Oberhand behielt. Ob er ausreichen würde, ihn zu bewegen, seine Ideale zu verraten, das Netz aus Selbstdisziplin und Verboten zu zerreißen, das er um sich gesponnen hatte und das ihn bis zu dem Tag, als sie in sein Leben getreten war, wie ein Kokon geschützt hatte.

Nein, es würde nicht reichen.

Im Bruchteil einer Sekunde, bevor sich die Tür öffnete, durchzuckte sie die Gewissheit, dass der Wunsch, glücklich zu sein, nicht stark genug war. Nicht einmal ihre Liebe würde das zu ändern vermögen.

Über den Tee und die Liebe

Würde man die Menschen mit Tassen voller Tee vergleichen, wären die einen das Wasser und die anderen die Teeblätter.

Jene, die ihre Umgebung verändern, Zeichen setzen und den Dingen einen eigenen Geschmack geben, die voller Ungeduld erzählen – das sind die Teemenschen.

Daneben gibt es die Abwartenden, die Aufnehmenden, die Flexiblen, die auf ihre Umgebung reagieren und zuhören. Transparent und nahezu unsichtbar warten diese Wassermenschen, dass etwas ihrem Leben Farbe und Geschmack gibt. Sie glauben, dass das Leben erst interessanter wird, wenn die anderen ihnen Farbe verleihen, und ein Leben in der ewig gleichen Farbe langweilig ist, mag sie noch so schön sein. Deshalb, davon sind sie überzeugt, muss man die Farben der anderen zum Leuchten bringen und die eigene Farbe zurückhalten.

Trotzdem ist kein Wasser wie das andere. Ein Wasser mit hohem Mineralgehalt kann seinen Eigengeschmack nicht überdecken, er wird sich auf jeden Fall ausnahmslos durchsetzen. Einige Teesorten ziehen sich beleidigt zurück und werden fade, andere verändern sogar ihr Aroma, sodass man sie nicht mehr erkennt. So beim grünen Sencha Fukujyu, der durch ein zu mineralhaltiges Wasser salzig schmeckt. Der Mineralgehalt verändert sich weder, noch löst er sich in Luft auf.

Doch eines Tages kommt ein ganz besonderer Tee, zu einem bestimmten Moment im Jahr geerntet, in einer ganz speziellen Mischung. Und sein Geschmack, allein seiner, führt auf unerklärliche Weise– vielleicht beeinflusst durch die Niederschlagsmenge, die Laune der Pflückerinnen oder etwas längeres Trocknen– dazu, dass der Mineralgehalt des Wassers das Aroma verbessert und nicht stört. Man muss bloß abwarten können.

Mit Geschichten ist es nicht anders. Es reicht nicht, sie zu erzählen oder ihnen zuzuhören. Erst wenn der Erzähler zugleich Zuhörer wird und der Zuhörer sich in der Geschichte wiederfindet, ist die Magie einer Geschichte da. Magisch wie eine perfekte Tasse Tee.

2

Keemun Mao Feng

Ein milder, fruchtiger Tee aus China, vollmundig mit dezentem Kakao-Orchideen- und Räucher-Aroma. Einer der hochwertigsten Tees aus dem Land der Mitte. Am Gaumen entfalten sich Gewürz- und Schokoladennoten, ein würzig-süßes Finale, das ihn einzigartig macht.

Elisa goss warmes Wasser in die Teekanne aus Porzellan, um sie ein wenig anzuwärmen. Dann leerte sie sie wieder aus und stellte sie auf den Tisch.

»Buongiorno, Signor Keemun, heute brauche ich deinen Orchideenduft«, sagte sie leise und ließ kleine schwarze Teeblätter in die Kanne rieseln.

Anschließend prüfte sie die Temperatur des Mineralwassers, das sie aufkochte, und als es genau neunzig Grad hatte, goss sie es über die Blätter, die sofort zum Leben erwachten. Und bereits einen Augenblick später erfüllte das intensiv süßliche Aroma des Tees den Raum.

»Was hätten wir bloß gemacht, wenn Signor Yu Ganchen nicht auf die Idee gekommen wäre, einen Teegarten zu eröffnen?«, murmelte sie, während sie den Tee exakt drei Minuten ziehen ließ.

Gleichzeitig drehte sie die Tasse um und ließ sie bis zum Einschenken kopfüber stehen, wie sie es von ihrer Mutter gelernt hatte. Als Kind glaubte sie sogar, dass so die Seele des Tees geschützt werde. Dann wärmte sie die Tasse mit etwas warmem Wasser an, kippte es wieder aus, um schließlich die haselnussbraune Flüssigkeit einzugießen.

Nach dem ersten Schluck fiel alle Anspannung von ihr ab. Der Keemun hatte die Gabe, Verkrampfungen zu lösen und die Einsamkeit zu vertreiben. Seine süßlich-würzigen Noten nach Kakao und Orchideenblüten, dazu ein Hauch Waldaromen, umfingen sie in einer warmen Umarmung. Heute konnte sie das besonders gut gebrauchen, eigentlich schon die ganze letzte Zeit, seit ihre Tante gestorben war

Seufzend wandte sie sich um, die Tasse in der Hand. Der Zauber, der sie umhüllt hatte, verflog beim Anblick der Umzugkartons, die sich in ihrem kleinen Appartement stapelten. Obwohl sie versucht hatte, ein wenig Ordnung ins Chaos zu bringen, sah es nach wie vor schlimm aus. Und schmerzlich wurde ihr bewusst, dass Verdrängen zwecklos war. Sie musste die Sache in Angriff nehmen.

Aber wo sollte sie jetzt noch suchen?

Nach wie vor gab es einige Kartons mit Sachen, die sie noch nicht sortiert hatte. Vielleicht verbarg sich ja darin etwas, irgendwelche Hinweise, die ihr Erklärungen lieferten, die sie so dringend brauchte, um endlich zu verstehen. Beim Einpacken hatte sie alles wahllos hineingestopft, ohne zu wissen, was sie eigentlich tat. Die Leben ihrer Tante, ihrer Mutter schienen in diesen Kartons zu verschwinden wie ihre Kindheit – so war es jedenfalls auf den Deckeln in dicken schwarzen Filzstiftlettern zu lesen.

Sie trank noch einen Schluck Tee und strich sich eine widerspenstige Locke hinters Ohr.

»Ob du mich wohl schlafen lässt?«, fragte sie die duftende Tasse. »Manchmal lasse ich mich von deinen filigranen Blättern täuschen.«

Der Keemun war der perfekte Tee für den Abend, allerdings unter der Voraussetzung, dass einem nicht zu viel durch den Kopf ging. Und in ihrem Kopf herrschte leider Chaos.

Erneut schaute sie zu den noch zu durchsuchenden Kartons und gab sich einen Ruck. Sie musste endlich fertig werden, und umhüllt von Orchideenduft würde es ihr bestimmt leichterfallen. Sie trank einen weiteren Schluck und hob einen Karton von dem Stapel. Küche. Vielleicht sollte sie damit anfangen, mit ihrer Tante und ihren Backkünsten, die für sie Berufung und Beruf zugleich gewesen waren, denn sie bot von zu Hause aus ihre kunstvollen Tortenkreationen an.

Sie riss das braune Klebeband ab und klappte den Deckel auf. Mit einem solchen Durcheinander hatte sie nicht gerechnet. Holzlöffel in jeder Form und Größe, Spachtel und Spritztüllen für die Tortendekoration, die sie schon als Kind fasziniert hatten. Und erst das Nudelholz, mit dem sie ausgelassen durch die Wohnung getobt war, liebevoll beobachtet von der Tante.

Elisa hielt es sich unter die Nase, schloss die Augen und meinte den Duft von Kakao und Butter, die im Wasserbad schmolzen, riechen zu können. Und sie sah den Mehlbart vor sich, den ihr die Tante aufs Gesicht gemalt hatte. Sie musste schlucken und biss sich auf die Lippen, um nicht in Tränen auszubrechen.

Ihre Tante war immer älter und gebrechlicher geworden, ohne dass es ihr richtig zu Bewusstsein gekommen war. Oder hatte sie es einfach nicht wahrhaben wollen? Für sie hätte alles so bleiben können, wie es immer gewesen war: Die Tante hatte die Nichte verwöhnt und umsorgt, bis irgendwann die Zeit gekommen war, wo es sich hätte umkehren müssen. Doch Elisa hatte nicht gemerkt, wie schlecht es der alten Dame ging. Nicht bis zu dem Anruf, dass sie ins Krankenhaus eingeliefert worden war. Nur für ein paar Tage, nur zur Kontrolle, hatte man sie beschwichtigt.

Und dann war sie nicht wiedergekommmen.

Sie hatte sich nicht mal richtig von ihr verabschieden können, was ihr bis heute wehtat. Bei ihrem letzten Besuch hatte sie sich auf leisen Sohlen aus dem Zimmer geschlichen, ihre Tante schien so ruhig und friedlich zu schlafen, dass sie sie nicht stören mochte. Warum sie aufwecken? Am nächsten Tag war Samstag, da würde sie früher herkommen und länger bleiben. Niemals hätte sie damit gerechnet, dass man sie am Abend um elf aus dem Krankenhaus anrufen und ihr mitteilen würde, dass ihre Tante gestorben war. Am nächsten Morgen hatte sie dann vor der sterblichen Hülle gestanden, die so fremd wirkte, dass sie einen Moment lang dachte, da liege ein ganz anderer Mensch.

Was war ihr von ihr geblieben?

Nichts. Zumindest nichts, an das sie sich klammern konnte. Nichts Bleibendes, das sie an die innige Liebe erinnerte, die sie miteinander verbunden hatte. Nichts, was sie tröstete, und nichts, was ihre Nachlässigkeit in den letzten Wochen und Monaten, ihre mangelnde Aufmerksamkeit zu entschuldigen vermochte.

Warum hatte sie nichts gemerkt?

Sie hatten schließlich jeden Tag miteinander telefoniert, waren immer in Kontakt gewesen, jedenfalls hatte sie das geglaubt. Aber stets pflegte ihre Tante so zu tun, als wäre alles in Ordnung, und im Gegenzug tat Elisa so, als würde sie ihr glauben. Sie hätte besser hinhören müssen.

Wenn sie rückblickend darüber nachdachte, erschrak sie, an wie wenig sie sich erinnerte. Wann hatte sie das letzte Mal einen Kuchen mit ihr gebacken? Wenigstens das fiel ihr wieder ein. Es musste vor einem Jahr gewesen sein, am Geburtstag ihrer Mutter.

Unschlüssig drehte Elisa das Nudelholz zwischen den Fingern, als ob es ihr all das zurückbringen könnte, was sie verloren hatte. Dann griff sie wieder nach der Teetasse, ließ sich im Schneidersitz auf dem Boden nieder und starrte unentschlossen auf die nächsten Kartons. Sie trank einen Schluck und entschied sich für den direkt neben ihr stehenden. Verschiedenes stand in großen Buchstaben darauf. Ihr Herz schlug schneller. Vielleicht würde sie dort finden, was sie suchte.

Bloß was?

Elisa lebte mit einem schwarzen Loch in sich seit ihrer Kindheit. Sie hatte versucht, es zu ignorieren, so zu tun, als wäre nichts, weil sie sich vor dieser inneren Leere fürchtete. Und so hatte sie auch nie mit jemandem darüber gesprochen, zu groß war die Angst gewesen, ausgelacht zu werden. Jetzt hingegen musste sie sich nicht mehr verstellen, denn inzwischen wusste sie, dass dieses Loch keine Einbildung, sondern sehr real war. Und spürbar.

Sie hatte die Kartons mit nach Hause genommen, um in Ruhe zu suchen und den fast leeren Räumen zu entfliehen, von deren Wänden die Stimme ihrer Tante noch widerzuhallen schien. Sie wusste nicht, was, doch irgendwas musste da sein, das ihr Aufschluss geben konnte. Elisa wollte endlich erfahren, welches Geheimnis sich hinter ihrem Leben verbarg. Ihre Mutter hatte nicht darüber sprechen wollen, und ihre Tante war nicht besser gewesen. Selbst nach dem Tod ihrer Schwester hatte sie weiter beharrlich geschwiegen und die Nichte immer ganz enttäuscht angeschaut, wenn sie sie dabei ertappte, wie sie in Schubladen und Schränken herumwühlte.

Elisa klappte den Karton mit der Aufschrift Verschiedenes auf. Es war ein Sammelsurium von Dingen, die sie erst mal wahllos eingepackt hatte und die darauf warteten, sortiert zu werden. Das abgegriffene Adressbuch aus rotem Leder, das bis zum Tod ihrer Mutter neben dem Telefon gelegen hatte. Eine halb leere Schachtel Halsbonbons. Ein grüner Taschenschirm mit weißen Punkten. Ganz unten eine Teedose, die auf dem Küchentisch gestanden hatte, als sie mit dem Einpacken begonnen hatte. Sie nahm sie heraus.

Eine quadratische schwarze Dose mit stilisierten goldfarbenen Blättern auf dem Blech. Sie sah alt und edel aus, und Elisa meinte, dass sie bereits zu Lebzeiten ihrer Mutter neben zahllosen anderen Dosen im Regal gestanden hatte. Sie wusste es nicht genau zu sagen, es waren einfach zu viele gewesen. Neugierig, was sich wohl für ein Tee darin befand, versuchte sie die Dose zu öffnen, aber der Deckel klemmte, als wäre er lange nicht mehr bewegt worden. Sie stellte sie erst mal beiseite und widmete sich anderen Dingen.

Zwei Stunden später resignierte sie.

Erneut hatte sie nichts Wichtiges entdeckt. Keinen Brief, keine Uhr, keine einzige Tagebuchseite. Trotzdem mochte sie nicht glauben, dass ihre Mutter absolut nichts aufbewahrt hatte, was sie an Elisas Vater erinnerte. Hatte sie es so gut versteckt, damit es nicht aufzuspüren war? Oder hatte sie wirklich alles weggeworfen? Wo sollte sie noch suchen?

3

Neun Jahre zuvor

»Das wollte ich längst mal machen.«

Max zielte und pfefferte eine Spaghetti gegen die Kühlschranktür. Langsam glitt die Nudel zu Boden. Anna sah angewidert zu, die anderen lachten.

»Und was soll das?«, wollte Federica wissen, die leicht betrunken war und Mühe hatte, sich zu konzentrieren.

»Wenn sie kleben bleibt, ist sie gar. Wenn sie runterfällt, ist sie noch zu hart«, erklärte Anna.

»Und wenn sie rutscht?«, fragte Elisa lachend.

Sie hatte nicht viel Wein getrunken, doch auf leeren Magen reichte es. Die Welt um sie herum wirkte inzwischen leicht verschwommen.

Max beugte sich nach unten, hob die Nudel, die sich auf dem gefliesten Boden zusammengerollt hatte, mit den Fingerspitzen hoch und steckte sie sich in den Mund.

»Perfekt«, verkündete er, während die anderen sich entsetzt abwandten.

Elisa stellte die Schüssel mit dem Salat auf den Tisch, Federica und Anna gossen das Nudelwasser ab, kicherten dabei pausenlos.

Die Gruppe war erst an diesem Nachmittag in dem kleinen Häuschen angekommen, das Annas Eltern gehörte, aber es kam ihr bereits wie eine Ewigkeit vor. Außer Federica kannte Elisa niemanden näher, obwohl sie alle Literaturwissenschaft studierten. Einige hatte sie gelegentlich in den Vorlesungen gesehen, andere, wie Max etwa, waren Freunde von Anna.

Mit ihm hatte sie sich von Anfang an gut verstanden, gleich auf der gemeinsamen Anreise im Zug. Elisa hegte den vagen Verdacht, dass Max ein Auge auf sie geworfen hatte, hin und wieder starrte er sie herausfordernd an, was Anna wiederum bewog, ein wenig über ihn zu lästern. Und sie? Was empfand sie für ihn? Kein Zweifel, der dunkelhaarige junge Mann sah gut aus und lachte gern, ihr Typ war er nicht. Allerdings war in diesem abgelegenen, einsamen Häuschen zwischen Weinbergen und Wäldern alles romantisch, da brauchte es nicht viel, um seinen Avancen nachzugeben.

Jemand hatte die Musik lauter gedreht, und Federica begann zu tanzen, schwenkte dabei einen Kochlöffel rhythmisch durch die Luft. Max umfasste Elisas Taille, schob sie nach vorne und vollführte mit ihr ein paar unbeholfene Tanzschritte.

In diesem Moment ging die Küchentür auf.

»Endlich!«, rief Anna und lief auf den Nachzügler zu.

Elisa drehte sich um, und noch bevor sie ihn im Blick hatte, lief ihr ein Schauer über den Rücken, eine diffuse Angst, die sie von Prüfungen kannte. Der junge Mann, der in der Tür stand, war etwas außer Atem, seine braunen Haare waren zerzaust, und auf seinen Lippen lag ein selbstsicheres Lächeln.

Anna umarmte ihn. »Wie immer zu spät, ich habe schon gedacht, du hättest dich verlaufen«, sagte sie mit leisem Vorwurf in der Stimme, ohne ihn loszulassen.

Er ignorierte den Tadel, küsste sie auf die Stirn, und seine Augen strahlten, als hätte sie ihm ein Kompliment gemacht. Elisa war fasziniert: Mit diesem Mann an ihrer Seite wäre alles gut. Ihre Gedanken begannen Karussell zu fahren, benebelt vom Wein und der ausgelassenen Stimmung, spürte sie ganz tief in sich, wie sich etwas in ihr festsetzte. Etwas Geheimnisvolles. Nichts war mehr wie zuvor.

Nach dem Abendessen gingen die Jungs nach draußen, die Mädels saßen am Tisch und plauderten. Federica rollte einen Joint, Anna klaubte die letzten Kuchenkrümel auf und steckte sie sich genüsslich in den Mund.

Arianna, eine überschlanke Schwarzhaarige mit Pagenschnitt und großen dunklen Augen, die Elisa etwas besser kannte, weil sie die gleichen Vorlesungen besuchten, spielte mit ihrem Feuerzeug.

»Dein Freund Daniele ist echt heiß, seid ihr zusammen?«, erkundigte sie sich bei Anna, die daraufhin versonnen lächelte.

»Nein, nicht mehr, wir hatten vor einigen Jahren mal was, ist längst vorbei.«

»Bist du nicht mehr interessiert?«

Anna lachte. »Willst du wissen, ob er zu haben ist?«

»Ja, will ich«, antwortete Arianna, die genau wusste, was sie wollte, und der Skrupel fremd waren. »Sofern er nicht mehr auf deiner Liste steht, sehr gerne.«

Elisa gab sich Mühe, ihre Enttäuschung zu verbergen.

»Keine Sorge«, erwiderte Anna. »Ich dachte mal, in ihn verliebt zu sein, bis ich kapiert habe, dass Daniele nicht der Typ für feste Beziehungen ist, das kannst du mir glauben.«

»Stimmt, der lässt sicher nichts anbrennen«, meinte Federica, die den Joint fertig gerollt hatte.

»Das auch«, sagte Anna, »noch dazu ist er immer unterwegs. Ich habe ihn in Kanada kennengelernt, vor zwei Jahren im Sommer, er machte dort einen Zwischenstopp und wollte weiter nach Thailand. Sein Vater ist ein Althippie, ein Künstler, der ständig durch die Welt zieht. Im Moment ist er für drei Monate in Thailand. Die Mutter ist meiner Erinnerung nach tot.«

Arianna zuckte mit den Schultern, griff nach dem Joint, den Federica ihr hinhielt, und zündete ihn an.

»Ich will ihn ja nicht heiraten«, erklärte sie lapidar, und die anderen lachten.

Alle außer Elisa, die jetzt ebenfalls einen Zug nahm. Vielleicht besser so, dachte sie. Eine Sache, die wehtat, noch bevor sie begonnen hatte, sollte man am besten sein lassen. Aber das Verlangen, das in ihr wuchs, würde schwer zu unterdrücken sein, das wusste sie schon jetzt.

4

Moonlight

Ein erlesener weißer Tee aus der chinesischen Provinz Yunnan, wo er ausschließlich per Hand gepflückt wird. Samtig weicher Geschmack mit dezenter Honignote, die seinen fruchtigen Charakter vorteilhaft zur Geltung bringt. Die außergewöhnlich großen Blätter werden in hochgelegenen Teeplantagen ab April geerntet und nach alter Tradition auf Bambusgestellen getrocknet.

Um sie herum klirrte Besteck, im Hintergrund war Mozart zu hören, dazwischen das muntere Geplauder der Gäste. Elisa ließ sich von der Musik davontragen und strich sanft über den Rand ihrer hauchdünnen Tasse. Das goldene Licht des Nachmittags ließ die kunstvoll bemalte Teekanne glänzen.

An einem Tisch im Teesalon war leises Lachen zu hören, und sie fragte sich, welche Geheimnisse wohl gerade in die Nachbarohren geflüstert wurden. Immerhin rankten sich viele Geschichten um die besonderen Fähigkeiten des Tees, verborgene Gedanken und Geschichten hervorzukitzeln!

Ich stelle dir unseren heutigen Gast vor, hatte ihre Mutter immer angekündigt, bevor sie den Tee eingoss. Von Kind an war Elisa beigebracht worden, dass jeder Tee genau wie ein Mensch seine eigene Persönlichkeit hat, seinen individuellen Charakter, seine Vorzüge und Nachteile, seine kleinen Empfindlichkeiten, seine Vorlieben und Abneigungen.

Es gab Tees, die Süßspeisen zur Begleitung bevorzugten, während anderen Salziges lieber war. Es gab anspruchsvolle Sorten, die sich mit allem schwertaten, und solche, die völlig unkompliziert waren. Elisa hatte nie einen imaginären Freund gebraucht, ihr Freund war der Tee, und zwar in jeder Lebenslage.

»Die Wohnung ist jetzt leer?«, fragte Alessandra und riss sie aus ihren Gedanken.

»Noch nicht ganz. Ein paar Möbel stehen noch herum, allerdings ist alles ausgeräumt und verpackt. Jetzt muss ich mal sehen, wohin damit.« Elisa seufzte. »Eigentlich hätte ich das alles lieber in aller Ruhe gemacht, doch der Immobilienmakler will das Objekt so schnell wie möglich auf den Markt bringen, sofort nach Ostern. Das sei der beste Zeitpunkt, meint er, und es gebe bereits ein paar Interessenten.«

Ornella tätschelte ihre Hand. Elisa lächelte sie an, sie wusste, dass ihrer Freundin große Gesten zuwider waren, umso mehr bedeutete ihr diese Berührung.

»Willst du die Wohnung wirklich verkaufen?«

»Unbedingt. Ich könnte dort nicht leben, das würde zu sehr schmerzen. Und vermieten kann ich sie genauso wenig – zu wissen, dass dort jemand anders wohnt, wäre unerträglich. Dann lieber ganz weg.«

Die drei schwiegen einen Moment, der Zauber von Mozarts Musik schlich sich in ihre Gedanken.

»Zumindest ist alles organisiert«, durchbrach Elisa die Stille.

»Was meinst du damit?«, hakte Alessandra nach.

»Die endgültige Räumung der Wohnung. Alles, was mir wichtig ist, ist verpackt und ordentlich beschriftet. Die Teekannen und Teetassen meiner Mutter, die Backutensilien meiner Tante, eben so was. Sogar die Kleider. Die Sommersachen stehen am Fenster, die Wintersachen in der Nähe des Heizkörpers, die Bücher im Wohnzimmer …«

»Und alle alphabetisch geordnet?«, fiel ihr Ornella ins Wort und lachte spöttisch.

»Nein. Bücher, die ich behalten will, befinden sich in den oberen Kartons, der Rest, den ich nach und nach entsorgen muss, in den unteren. Und meine Kinderbücher sind in einem eigenen Karton verpackt.«

Obwohl Elisa wusste, wie übertrieben pedantisch das klang, traute sie sich nicht offen zuzugeben, dass es ihr besser ging, wenn alles seine Ordnung hatte. Dann fühlte sie sich wohl. Es war wie einen kuschelig weichen Pullover überzustreifen, einen Lieblingsroman zu lesen oder ein Stück selbst gebackenen Kuchen der Tante zu essen. Lauter Gewohnheiten, die ihr sagten: Alles wird gut.

»Das klingt fast, als meintest du das ernst«, lästerte Alessandra, »und wo bringst du das alles unter?«

»Keine Ahnung.« Elisa seufzte. »Ich dachte nicht, dass meine Tante so viel aufgehoben hätte, meine Wohnung gleicht inzwischen einem Lagerschuppen, denn ein Teil der Kartons steht schon bei mir.«

»Du kannst gerne einiges bei mir in der Werkstatt deponieren, Platz habe ich genug«, bot Ornella an.

»Wirklich? Das wäre kein Problem für dich?«

»Nein, sofern du dich an meine Regeln hältst.«

»Das dürfte schwierig werden«, Elisa lächelte, »trotzdem danke, das ist wirklich nett.«

»Ich komme in den nächsten Tagen mit dem Lieferwagen vorbei, und wir fahren zur Wohnung deiner Tante. Wenn du willst, können wir die bei dir zwischengelagerten Kartons ebenfalls bei mir unterstellen.«

»Nein, die erst mal nicht«, kam die Antwort wie aus der Pistole geschossen.

»Du willst den ganzen Kram wohl nicht in deiner Schuhschachtel unterbringen?«, fragte Alessandra mit leichtem Spott.

»Von wegen Schuhschachtel, irgendwo wird sich ein Plätzchen finden«, ereiferte sich Elisa, »es ist wegen …« Sie hielt inne und trank einen Schluck Tee. »Diese Kartons muss ich zum Teil noch mal durchsehen. Irgendwo hoffe ich etwas über meinen Vater zu finden«, gab sie schließlich zu und versuchte dabei möglichst unbeteiligt zu klingen. »Bisher habe ich nichts gefunden.« Sie schaute versonnen in ihre Tasse, hob dann wieder den Blick. »Ist das nicht merkwürdig? Von ihm gibt es absolut nichts, keine Brille, keinen Gürtel, kein Tagebuch, in dem er irgendetwas notiert hätte …«

»Du warst noch ganz klein, als er gestorben ist«, warf Ornella ein, »das ist eine Ewigkeit her.«

»Stimmt, aber irgendetwas müsste meine Mutter eigentlich aufgehoben haben. Ich kenne nicht mal ein Foto von ihm.«

»Vielleicht hat sie seinen Tod nicht verkraftet und wollte deswegen nicht mehr an ihn erinnert werden«, meinte Alessandra, wobei ihr anzuhören war, dass sie das selbst nicht glaubte, sondern die Freundin lediglich trösten wollte.

»Oder sie hat ihn gehasst. Manchmal hasst man einen Menschen so sehr, dass man alle Spuren, die er hinterlassen hat, verwischen will …«

Elisas Stimme stockte, den in ihr aufkeimenden Verdacht wollte sie lieber nicht aussprechen. Hatte ihre Mutter wirklich versucht, diesen Mann aus ihrem Leben zu streichen? Wenn ja, war ihr das gründlich gelungen. Einzig und allein eine Spur war geblieben: sie.

Sie umklammerte die Tasse so fest, dass man Angst haben musste, sie werde zerbrechen.

»Egal«, flüsterte sie. »Ornella hat recht, das alles ist so lange her, und es macht keinen Sinn, sich deswegen zu quälen. Ich war einfach fest überzeugt, etwas zu finden, als ich die Wohnung meiner Tante ausräumte. Irgendetwas, das sie für mich aufbewahrt hat. Nichts. Vielleicht ist wirklich zu viel Zeit vergangen.«

»Wie lange ist das mit deiner Mutter inzwischen her? Neun Jahre, oder?«, fragte Ornella. »Unglaublich, es kommt mir manchmal vor wie gestern und manchmal, als wäre es ein halbes Leben her.« Sie blickte ihre Freundin an. »Irgendwie gehörte deine Mutter in eine andere Zeit.«

»Mir scheint, meine Mutter gehörte nirgends hin. Nicht in die heutige Zeit und nicht in eine andere, sie gehörte nur sich selbst.« Elisa seufzte. »Immerhin können sie und ihre Schwester jetzt gemeinsam Tee trinken, wo auch immer sie sein mögen. Hauptsache, sie sind wieder vereint.«

ENDE DER LESEPROBE