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Nur ein Traum Die größten Geschichten spielen sich im Leben des kleinen Menschen ab. Wo denn sonst, als in uns selbst. Der Duft der Welt ist der Duft des Lebens. Ein Déjà-vu, wie es war oder sein könnte. Beides, das Reale und das Phantastische schlafen in uns und haben Sehnsucht, entdeckt zu werden, einen Schritt hinaus ins Leben zu wagen. Heraus aus der Vergangenheit, hinein in eine verführende Ungewissheit voller Fehltritte und Glücksmomente. So ist es das Leben, denn was wäre es wert, ohne Höhen und Tiefen, ohne Herausforderung, ohne Abwechslung? Träume machen uns neugierig, treiben uns an, schenken uns in so mancher perspektivlosen Hoffnungslosigkeit Hoffnung und in so mancher dunklen Stunde Licht. So muss es auch sein, ein Wechselspiel der Lebenserfahrungen, denn die Erfahrung ist letztendlich das, was uns ausmacht, uns prägt. Es scheint, dass der Traum uns ein Stück Hoffnung schenkt und der Teil unserer Sehnsucht zur Realität werden könnte, den Traum nicht nur zu träumen, sondern Wirklichkeit werden zu lassen. Und? Wollen wir das nicht alle? Was hindert uns daran? Vielleicht nur wir selbst? Also lasset uns träumen, treten wir hinaus aus unseren Träumen und lasset sie uns verwirklichen…
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Seitenzahl: 193
Veröffentlichungsjahr: 2016
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Ein kleines „Dankeschön“ an:
Kurt Hobiger
Johann Pötz
Edith Wiltner
Cover Gestaltung:
Kurt Hobiger
Urheberrechte:
Cover: Johann Pötz ©
Linolschnitt: Hommage an Platon
Nur ein Traum.
Wie lebt man ein Leben ohne einen Traum? Wahrscheinlich nicht nur traum-, sondern auch hoffnungslos.
Die größten Geschichten spielen sich im Leben des kleinen Menschen ab. Wo denn sonst als in uns selbst.
Der Duft der Welt ist ein Stück Lebenserfahrung, ein Déjà-vu wie es war oder sein könnte. Beides, das Reale und das Phantastische schlafen in uns und haben Sehnsucht, entdeckt zu werden, einen Schritt hinaus ins Leben zu wagen. Heraus aus der Vergangenheit, hinein in eine verführende Ungewissheit voller Fehltritte und Glücksmomente. So ist es das Leben, denn was wäre es wert, ohne Höhen und Tiefen, ohne Herausforderung, ohne Abwechslung? Träume machen uns neugierig, treiben uns an, schenken uns in so mancher perspektivlosen Hoffnungslosigkeit Hoffnung und in so mancher dunklen Stunde Licht. So muss es auch sein, ein Wechselspiel der Lebenserfahrungen, denn die Erfahrung ist letztendlich das, was uns ausmacht, uns prägt. Manchmal zeigt sich das Leben banal und manchmal unverständlich, möchte nicht entdeckt werden, versteckt sich. Manchmal stellt es sich sogar in Frage, jedoch in innerster Erkenntnis, dass das Leben selbst das Wertvollste ist. Der Duft der Welt ist der Duft des Lebens und das Leben ist eben so wie es ist, ob es uns nun gefällt oder auch nicht, ob es bequem ist oder auch nicht: Es ist eine Reflexion, ein Spiegelbild. So oder so, manchmal trägt es uns und manchmal lässt es uns fallen, holt uns zurück zu uns selbst. Und das ist auch gut so, denn daran erkennen wir, dass wir noch leben, am Leben sind und damit die Chance haben, uns wieder an unsere Träume zu erinnern.
So scheint es, dass der Traum uns ein Stück Hoffnung schenkt und der Teil unserer Sehnsucht zur Realität werden könnte, den Traum nicht nur zu träumen, sondern Wirklichkeit werden zu lassen. Und? Wollen wir das nicht alle?
Was hindert uns daran?
Vielleicht nur wir selbst?
Also lasset uns träumen, treten wir hinaus aus unseren Träumen und lasset sie uns verwirklichen …
Der erste Blick
Im Kaffeehaus
Der letzte Gast
Die Einsamkeit des Schreibens
Das Fenster
Zweifel des Dichters
Der Duft der Welt
Ein Abend mit Peterka
Das Bewusstsein der Moral, der Tod & das
Glück
Joesi Prokopetz
Der Seher
Sprachlos
Die kürzeste Geschichte mit den längsten
Folgen
Die Verwanderung eines urbanen
Österreichers
Nur ein Lächeln
Mondsüchtig
Der Polster
Die Geschichte vom Wegschauen
Die Runde
Die patriotische Seele
Da Frühling
Lebensspiele
Heute geschossen
Der Clown
Gedanken über das Leben
Der Tag
Worte der Unendlichkeit
Der letzte Tag
Abschied
Wiener Melange
Die Welt der Seitenmenschen
Dummheit
Frei
Eines Tages
Gepflegte Saufkultur
Gedanken
Warum
Der Feigling
Das Licht
Hilflos
Epochale Worte in der Menschheitsgeschichte
Das Alter
Der Besucher
Das Bildnis
Des Künstlers Lebenslauf
Glück
Kennt ihr auch diesen seltenen Blick und dieses scheue, latente Lächeln?
Das Lächeln sitzt dir gegenüber, zum Greifen nah, aber traut sich nicht herzuschauen. Nicht offen, nicht ganz, nicht direkt. Es versteckt sich, weicht aus, wenn auch von einer geheimnisvollen Sehnsucht, einem Déjà-vú getrieben, jedoch in der Hoffnung sich wieder zu finden, zu begegnen, zu erfühlen.
So kurz, so unverfänglich dieser Augenblick auch erscheinen mag, dahinter liegt in einer unerklärlichen Tiefe eine mächtige Kraft verborgen. Eine Kraft der Entstehung und der Zerstörung. Eine Kraft, die Sehnsucht, die Geborgenheit verspricht. Oder ist der Blick nur ein süßes Trugbild unerfüllter Liebe?
Ein Blick, nur kurz, nur scheu, doch echt und ganz. Ein Blick im Sog jener geheimnisvollen Kraft des Verstehens, des Verständnisses und mehr, unbegreifbar mehr, dem Sinn des Lebens, dem Ganzen verhaftet. Hinter diesem Blick befindet sich ein Funke des Universums, ein Funke, der nichts und alles bedeutet, aber der Blick duckt sich, versteckt sich, um nicht erkannt zu werden. Ist es ein Traum oder unbewusstes Wissen? Sind es Augenblicke des Erkennens, unverfälschte Augenblicke der Wahrheit? Sind es Blicke, jene man in seiner dehydrierten Gefühlswelt so dringend, so schüchtern und verstohlen sucht, auf innige Erwiderung hoffend. Sind es jene Blicke, die uns das Schicksal ins Leben streut, um die Erfüllung oder den Schmerz falscher Entscheidungen zu offenbaren?
Und wohin würden diese Blicke führen? Sollte man auf diesen Blick, diesen ersten, eingehen, im folgen, ihm vertrauen, in ihm vergehen? Sollte man ihn festhalten und erforschen, denn vielleicht wäre er verloren, verflogen, für immer?
Wie wir uns auch entscheiden, in diesen Blick führt nur ein einziger Weg. Ob er richtig war, sieht man erst in einem zweiten Blick, der von einem Lächeln oder von schmerzvoller Erfahrung erhellt wird.
Mann schaut Frau an
Frau schaut Mann an
Frau schaut weg kann nicht weiter Mann anschauen muss wegschauen überlegen
Man schaut da und dort
Mann schaut Frau an
Frau denkt an Anschauen schaut nicht Mann an kann nicht anschauen
Frau schaut hin ganz flüchtig heimlich wenn
Mann schaut Frau nicht an
Mann schaut da und dort
Mann schaut Frau an
Frau schaut rundherum schaut Mann an zweites Mal
Frau schaut weg
Mann schaut hin fest entschlossen
Frau schaut da und dort nur nicht Mann an kann darf nicht zeigen Interesse nicht offen darf nicht muss so sein ist Frau
Mann schaut
Frau schaut Mann an kurz versehentlich
Mann weiß Frau Interesse
Frau muss wegschauen kann nicht hinschauen Evolution
Frau lässt Mann nur ran der stark sein kann
Frau schaut weg und träumt von Mann den sie jetzt nicht anschauen nicht vergessen kann
Mann geht ran steht auf und kommt heran
Frau weiß dass Mann kommt an genau sah ihn heimlich spürt es ist ja eine Frau
Mann kommt an schaut Frau an
Frau ganz überrascht
Frau schaut Mann an Augen wie ein Engerl
Mann steht da schaut Frau an wie ein Bengerl
»Hallo! Ich würde sie gerne kennenlernen, darf ich mich zu Ihnen setzen?«
Glücklich bin ich. Ich sitze hier in einem untypischen Wiener Schanigarten, inmitten einer geschäftigen, vom Puls des Lebens durchfluteten Fußgängerzone. Man kann von hier aus noch das letzte Eckerl des „Wiener Grabens“ erahnen, dessen Beginn ein Stelldichein mit dem sagenumwobenen Stephansdom hat. Untypisch dahingehend, weil das „Cafe Bawag“, gegenüber Tuchlauben 4, nicht vom Schlage eines „Cafe Hawelka“ ist. Jenes war vor meiner Zeit unter anderem durch die „Wiener Gruppe“, H. C. Artmann oder durch den „Nackerten vom Hawelka“ von Georg Danzer bekannt geworden. Damals war das Hawelka „der Treffpunkt“, „die Institution“ der Kreativität. Heute lebt es nur noch, wenn auch gut, von den Erinnerungen des künstlerischen Aufbruchs, der Glorious Days vergangener Tage. Eine renovierungsbedürftige, abgefuckte Hütte, die Literaturtouristen magnetisiert. Der alte Glanz ist längst verblasst, das Flair ist, wie der damalige Zeitgeist, schon lange verschwunden. Der Zahn der Zeit hat auch das gute, alte Hawelka nicht verschont und es unaufhaltsam welken lassen. Eine in meinem Kopf klingende Melodie von Erika Pluhar schwingt durch die melancholische Seele: „Es war einmal … und es war einmal schön … da gibt’s nichts zu erklären … . „ Auch das Hawelka wird eines Tages weichen müssen, und bleibt nur noch in unserer Erinnerung haften. Vielleicht wird es eines Tages restauriert oder gefressen. Von einer Bank, einem Schnellimbiss, einer Kaffeehauskette … wer weiß? Es stimmt mich schon traurig, denn immer mehr traditionelle „Altwiener Kaffeehäuser“ mit dem typischen Flair verschwinden, müssen weichen. Dazu zählt auch der langsam aussterbende, phlegmatische, manchmal leicht grantelnde Altwiener Kellner, der erst das Herz des Wiener Kaffeehauses zum Leben erweckt, der jeden Stammkunden mit seinem Titel hofiert: »Darfs noch ein Stückerl Gugelhupf sein, Herr Doktor? Wie geht`s der werten Gemahlin, Herr Hofrat? Küss die Hand Frau Generaldirektor und küss die Herzen ...«
Ja, die guten Geister werden mir fehlen. Die plötzlich aufkommende Melancholie unterstreicht die Erinnerung. Eines Tages wird das Hawelka verschwunden sein, das so einzigartig, liebenswerte Kellnergenre und auch ich. Das ist eben der Lauf der Dinge.
Die Sonne am Firmament hält zurzeit ihr Lächeln verborgen, jedoch die Sonne in meinem Herzen brennt lichterloh und was will ich denn vom Leben mehr verlangen, als in einer Zeit und an einem Ort leben zu dürfen, die mir, die uns gestatten, ein paar Träume zu verwirklichen die uns bewegen. Was will ich denn mehr vom Leben verlangen, als Gesundheit und das Glück, das mich tagtäglich in die Arme nimmt und küsst. Was will ich denn mehr verlangen, als den von Gott gegebenen kreativen Reichtum, der nicht mit Geld aufzuwiegen ist.
Ich versuche in diesem Augenblick nicht zu denken, versuche nur die Impressionen des Augenblicks zu beschreiben, verspüre die Energie, den Fluss des Lebens, der an mir vorüberzieht.
Träumerei
Vorüber – vorüber
ziehen die Menschentrauben
finster und heiter
strömt das Leben hinfort
unaufhaltsam – vorüber
dem Schicksal ergeben
unentrinnbar – vorüber – vorüber
Gott hat es nicht eilig
und der Teufel lebt nur in uns selbst
Der Weg ist weder kurz noch lang
existiert nur in der Fantasie
Vorüber ziehen all die Menschen
und mit ihnen der Traum
denn er ist das einzig Wahre
in unserem Dasein
und so zieht er
vorüber – vorüber …
Vorüber zieht ein Manifest des Stolzes, umrahmt von dekadenter Heiterkeit. Vorüber zieht eine Welle der Ignoranz, der Traurigkeit, verpackt in all die statussymbolträchtigen, käuflich-bunten Oberflächlichkeiten. Ein langer, ersatzonaniereder Zug von satten, gelangweilten Wohlstandsbürgern. Ich versenke eilig zwei Packungen Horoskopzucker in der schon lauwarmen Melange, damit ich den bitteren Nachgeschmack, all den Dreck hinunterspülen kann, sonst muss ich augenblicklich kotzen. Jedoch einer entkommt über den heißen Tassenrand, einer muss immer entkommen. Jener dicke, pralle Tropfen, der wie selbstverständlich seine Erfüllung in meinem frisch gewaschenen schwarzen T-Shirt sucht. Ach, scheiß drauf, ist eh schon verschwitzt.
Vorüber – vorüber, ohne Emotion streicht meine Hand über die feuchte Wange. Nachdenklich schweift der Blick in den Lebensstrom zurück und ich entdecke die Liebe. Eine Pitbullterrierhündin stoppt ihre Befindlichkeiten, um sich freudig schwanzwedelnd mit pochendem Herzen, ihrem Herrl zuzuwenden. Die treue Hundeseele zieht eine Spur des Mitgefühls durch den Menschensumpf. Am liebsten wäre ich auf der Stelle aufgesprungen und hätte sie auf Knien rutschend abgeschmust, aber wieder eine Chance verpasst. Zu bequem, zu feig, Angst vor der Lächerlichkeit? Dostojewski lässt grüßen.
Traurig bin ich.
Ich muss erkennen, ich sitze in mir fest. Gefangen in der Kindheit, umringt von tanzenden Neurosen. Die befangene Machtlosigkeit sitzt daneben und lacht sich ins Fäustchen. Die Erkenntnis erkennt doch die eigenen Schwächen und reißt die verschlossen geglaubten Wunden mit einem Mal aufs Neue auf. Wieder halb geöffnet klaffen die Wunden, deren Blut ins Innere rinnt und einen schmerzenden See von unverarbeiteter Traurigkeit hinterlässt. Doch diese Traurigkeit ist nicht vergebens, deren Energie wird nicht vergeudet, denn sie birgt eine mächtige, positiv – melancholische Kraft in sich, damit sie wieder heilen können, die vielen Seelenwunden. Stück für Stück werden sie unempfindlicher, weil die Erkenntnis in so manchen Erkennenden letztendlich erkennt. So sitze ich mit meinen Gedanken in der inzwischen spürbaren Kälte und versuche mich nicht zu verkühlen. Die hübsche rothaarige Kellnerin, die schon in Sorge nachfragt ob »bei mir noch alles in Ordnung ist«, kann ich mit einem wärmenden Lächeln beruhigen. Danach, die letzte Wärme aus mir herausgelächelt, degradiert zum Kaltblütler, benötige ich auf dem schnellsten Wege etwas Glück, um wieder hineinschlüpfen zu können in diesen wärmenden Mantel der Geborgenheit … ist es Liebe? Mein Herz zieht mich zurück nach Hause, zurück zu meiner Frau.
Die Dämmerung erinnert den Tag, an dessen Vergänglichkeit. Ich, der in Gedanken, im Traum Versunkene, wende mich um und stelle fest, dass ich der Letzte bin. Der letzte Gast. Ein einzelnes Menschlein inmitten all der stummen, leeren Stühle. Ich leere den letzten Rest des seit langem, erkalteten Kaffees und gehe hinaus ins Meer, hinaus in die Lichterflut, hinaus in eine neue, ungewisse Zukunft…
Das Schreiben schreit nach Einsamkeit.
Auch wenn man sie am liebsten negieren, verbannen, nicht zulassen möchte. Die Einsamkeit abstreitet, verleumdet, fürchtet oder versucht ihr zu entfliehen, versucht auszubrechen, man hat keine andere Wahl, denn ohne Einsamkeit kein geschriebenes Wort.
Da sitzt man ungezählte Stunden seines Lebens im Kaffeehaus und der Wunsch nach Unterhaltung, Austausch mit anderen Menschen, weicht der Vereinsamung, damit genügend Raum für die Entfaltung des niederzuschreibenden Wortes bleibt. Ich schreibe also bin ich, meint das Wort und erduldet niemand in seinem Umfeld, in seiner Welt der tausend Worte. Eifersüchtig spielt es die Hauptrolle in der Welt der Phantasie. Bis zur Erschöpfung geht es umher um Worte an sich zu binden, um schließlich metamorph in einer zufällig scheinenden Konstellation in einem Sinn zu enden. Und manchmal darf das Werkzeug, also der Schreiber, danach feststellen, dass dieser Sinn einen Sinn ergab. Doch schenkt man dem Wort nicht die gebotene Einsamkeit verweigert es sich, dann ist Mann wortlos.
Welch’ lieblich’ Wonne sich in meine Seele schleicht. Habt Dank, ihr einsamen, auf dem gegerbten Pergament des Lebens niedergeschriebenen Worte. Ich liebe euch. Besonders wenn ihr zu bändigen seid und ich euch zu ordnen vermag. Dann schließe ich euch in’s Dichterherz und weiß, mein Dasein war nicht sinnlos.
So lasse dich umarmen, du holde Einsamkeit, denn ohne Dich gäbe es nicht das Wort.
Ich sitze im Diglas und sehe aus dem Fenster.
Es ist ein großes Fenster, durch jenes man Ausschnitte des vorrübergehenden Lebens beobachten kann. Für einen kurzen Augenblick.
Es ist das Fenster, in dem man Menschen begegnet.
Mit Blicken, Gefühlen, Träumen, Visionen.
Es ist das Fenster, in dem sich Menschen begegnen. Sich begrüßen, küssen, diskutieren, hineinschauen und hinausschauen, vorschauen.
Locker, steif, humpelnd, heiter und traurig.
Es ist das Fenster des Lebens.
Manche Menschen bleiben stehen und legen die Hand an’s Fenster, an jene trennende Wand aus Glas, um besser hineinzuschauen, hineinzulächeln, hineinzufühlen in diesen Raum, der durch die Spiegelung nicht vollständig zu erkennen ist.
Von außen nach innen.
Ob es zurückkommt, das Lächeln, die Empfindung?
Von innen nach außen.
Es ist ein einsames Fenster zwischen einsamen Menschen.
Es ist das Fenster zur Welt. Zur Welt nach draußen, aber auch nach drinnen.
Es ist das Fenster, durch das eine Sehnsucht dringt. Oder Hoffnung, oder es ist das Fenster über jenes der Regentropfen rinnt, der Träne gleich.
Meine Träne, deine Träne, uns’re Tränen.
Und im nächsten Augenblick wird sie durch ein Lächeln weggewischt.
Vielleicht von deinem Lächeln?
Vielleicht von deiner Liebe?
Weiß nicht warum es ist, weiß nur, dass es ist!
Ich schaue durch dieses eine Fenster - und liebe dich. Es scheint das Fenster zu meinem Herzen zu sein.
Ich zahle meinen Kaffee, steh’ auf und geh’ hinaus.
Hinaus in die Welt der Fenster.
Allein.
Es war ein schöner Traum.
Es war ein echtes Gefühl.
Ist der Dichter im Grunde seines Herzens ein Einzelgänger, der einsam den Drang seiner Bestimmung folgen muss?
Denn wenn er seinen Gedankengang, den schweren, nicht einsam ginge, hätte er nicht genügend Zeit dichterisch zu denken, da der unbedingt notwendige Dialog zum Umdenken anregt und einen immer wieder darauf folgenden einsamen Monolog erfordert, der bis zum letzten Atemzug alles - auch sich selbst - in Frage stellt, da er sich auf der ewigen Suche nach dem „Sein“ befindet.
Dies lässt für ihn den Schluss zu, dass die wissentliche Schlussfolgerung aus dem Denken (wie das Leben) endlich, also nicht vollkommen ist und der Dichter zur unendlichen Einsicht kommt, nichts zu wissen. Also ist der zeitweilig aufkommende Zweifel des Dichters der Antrieb für erneutes Denken über sich und die Welt. Der Zweifel ist der Motor für sein Tun, denn in dem Augenblick, in dem er nicht mehr zweifelte, wäre er kein Dichter mehr. Die Erkenntnis der in diesem Leben unendlichen Unvollkommenheit lässt ihn erkennen, dem Leben in steter Neugierde mit staunender Bescheidenheit und Achtung zu begegnen, um darin eine stille Zufriedenheit zu finden. Somit erkennt er, dass er Ist und kann aufhören das Sein zu suchen.
Außer, er ist im Zweifel und es ist alles ganz anders.
Das Leben ist eben so wie es ist – und nicht anders.
»Geh’n s’ bitte, bringan s’ ma noch ein Krügerl, Fräulein.«
Der Tag war anstrengend. Die Müdigkeit suchte die Geborgenheit in den vom Tagwerk ausgelaugten Knochen.
»Halt, rennan s’ net weg, Fräulein. Gibt’s noch ein Menü?«
Es war schon spät geworden. Wie in Trance sah er vis-à-vis, der Unbekannte aus der grauen Masse, in zwei leere Augen. Das Leben lässt sich nicht täuschen, dachte er. Und während er seine Augenringe im gegenüberliegenden Spiegel fixierte, nahm der andere Teil von ihm, der Hungrige, die lukullischen Aphorismen des in diesem Lokale gereichten Essbaren zur Kenntnis.
»A gebackene Leber. Na danke. Geh’n s’ bringan s’ ma bitte a klan’s Gulasch und a Schwoarzbrot. A Schwoarzbrot, ka Semmel! Daankä!«
Ein zweiter Blick in den Spiegel bestätigte den Wegezoll der Zeit. Jene Zeit, die nicht spurlos vorübergeht. Die scheiß Augenring’. Wenn i’ das Geld hätt’, würd` ich’s mir wegoperieren lassen. Ich hab zuviel Schiss davor, dachte er sich, also lass ich’s lieber, und im nächsten Moment hatte er diese Oberflächlichkeiten schon vergessen, denn die holde Weiblichkeit erregte wohlwollend in der spiegelnden Scheibe seine Aufmerksamkeit. Naja, jung war sie nicht gerade, vielleicht 55? Aber dicke Titten hat sie. Ob sie sich ficken lässt?
Nachdenklich erforschte er sein schon halb geleertes Bierglas. Wo fängt er an, der Betrug? Im Gedanken, oder erst wenn ich der Sau da drüben einen ’reinsteck. Die Sau die, die braucht’s ja sowieso. Der nächste Schluck leerte fast das Glas. Es war nicht nur ein Schluck Bier, es war ein Schluck Lebensgier, Sex pur. Der Bierschaum kroch langsam hinunter zu dem traurigen Rest, der noch verblieben war. Ja, ich weiß, Sau sagt und denkt man nicht. Es stimmt schon, wie schrieb Schiller einst:
„Ehret die Frauen, sie flechten und weben himmlische Rosen ins irdische Leben.“
Ja, es stimmt schon, ich ehre sie, die Frauen, und wie, aber wenn ich mir so vorstell`, wie ich sie bei ihr daheim am Küchentisch von hinten buder und sie ihre Lust hinausschreit in die Welt, dann ist sie und ich eben eine Drecksau. Da hat das verweichlichte, wimmernde Moralgeheuchel keinen Platz mehr. Erfüllender, animalischer Sex kennt keine Hemmungen. Er kennt nur die Lust, die reine Lust, den Weg der Befriedigung über die innere Drecksau. Auf Blümchensex steh ich sowieso nicht, dachte er, da stell’ ich mir lieber dieses wunderschöne Wesen an der Bar nackt vor, wie sie mir einen bläst und hol’ mir dabei einen runter. In letzter Zeit immer öfter. Ich frage mich warum wohl? Ich kann mich nicht beschweren, habe doch regelmäßigen Sex, so ein- zweimal die Woche … im Schlafzimmer … im Bett … unter der Decke … im Dunkeln … Ach scheiß drauf, ist es die Routine, die träge macht? Ein Lied von Marlene Dietrich zog nostalgisch, ganz plötzlich durch seinen Kopf: Kann denn budern Sünde sein, wenn man vergisst … dass man am Leben ist.
Am Leben ist?
Andererseits hab ich mir nichts vorzuwerfen.
Ist Denken eine Sünde? Ist der Gedanke nicht ein unerfüllter Traum? Er, der Unbekannte aus der grauen Masse, traute sich nicht einmal direkt hinüber zu sehen. Aug’ in Aug’ sozusagen, eine Situationskonfrontation der Geschlechter. Und so wählte er den feigen, vojeuristischen Umweg über den Spiegel, mit einer möglichst neutralen, gelassenen Mimik, um sich ja nichts anmerken zu lassen, den Schein in einer scheinheiligen Gesellschaft zu wahren.
Fünfundfünfzig, dachte er sich. Naja, könnte schon stimmen das Alter. Und wie sie angezogen war. Eine eng anliegende schwarze mit Silberstreifen durchwirkte, Legging, die in schwarzen mittelhohen Stiefeletten ihren Abschluss fand. Darüber ein knapper, blauer figurbetonter Pullover und über die Hüfte hatte sie einen breiten, schwarzen Gürtel geschwungen. Sie war zwar nicht mehr die Jüngste und der dezente Bauchspeck hinterließ unverkennbar Lebensspuren im Faltenwurf der Zeit, aber sie, die aphrodisische Unbekannte, hatte eine magische Ausstrahlung, eine magische Erotik. Alles an ihr war Sex, Sex, reiner, purer Sex. Ihre großen Titten hingen schwer über der Theke und ihre einladenden Hüften luden zum Stoße ein. Am liebsten wäre er im selben Moment aufgestanden und dezent hineingesprungen, mitten hinein, mitten zwischen diese beiden schweren Titten, mitten hinein in Yin und Yang, mitten hinein in die Geborgenheit. Hineingepudert, hineingekuschelt, finster, warm und weich. Mitten hinein in die Evolution, mitten hinein in die Sehnsucht, die mütterliche. Eine Zuflucht in die Flucht seiner Ängste.
An der Bar, hinter all den verkehrt hängenden Spirituosen, kreuzten sich ihre Blicke in den Spiegelfliesen. Schnell, etwas verschämt, ließ er ihn, den Blick in das leere Bierglas fallen. Fast fühlte er sich ertappt, traute sich nicht, diesen Augen standzuhalten. Ob sie fühlte, dass er sie beobachtete, begehrte?
Mit seinem seelischen Gleichgewicht ringend, suchte er nach einer Weile wieder den visuellen Kontakt zu dieser faszinierenden Frau. Erst scheu und flüchtig, und als er sich unbeobachtet fühlte, fasste er sich ein Herz und sah zu ihr hinüber. Diesmal auf direktem Wege und nicht über den Umweg des Spiegels. Er musterte ihre schlanken Fesseln, ihre Knie, ihre Schenkel … ihre schweren Brüste … ihre vollen, verführerischen Lippen. Ob sie auch Sperma schluckt, versuchte er sich lebhaft vorzustellen, allzu lebhaft …
Wenn ich jetzt einen Schluck trinke, dachte er und griff zum Glas, bekomme ich wenigstens keinen Steifen. Die Evolution hat uns ans Bein gepisst, im Regen stehen lassen. Es ist ein Fluch, ein Fluch den keine Frau jemals verstehen kann. Vielleicht ein Transsexueller? Die Monogamie ist eine Ausgeburt gesellschaftlicher Zwänge. Ein Leben lang treu sein, was für ein Blödsinn. Dem Gedanken lasset die Handlung folgen, aber heute hör ich auf zu träumen und heut’ hol ich mir zuhause einen ’runter, damit der Druck, dieser verdammte Trieb verschwindet. Sonst werd’ ich noch krank, krank so krank wie diese Gesellschaft. Außer i trink no a poar Bier. Dann bin ich nicht mehr so geil. Wenn der Trieb im Alkohol ersäuft, san ma die Weiber wurscht. Dann ersäuf’ ich diese Scheißangst, meine Frau zu verletzen, im Alkohol, damit sie stirbt, wie ein Tier abgestochen, abgetötet wird, diese Angst, dieser Trieb. Es wird geheuchelt, gelogen und betrogen. Im Dunkeln, auf der Bühne des Lebens, der Bedürfnisse wird gevögelt und herumgespritzt, was die Lebensdroge im hemmungslosen Rausch bereit ist herzugeben. Ins Gesicht, auf die Brüste, den Bauch, die Schenkel … Aus dem Zentrum, in das Zentrum der Lust. Sei es im Gedanken oder im Lebensspiel zweier kopulierender Leiber. Ein Traum, ein geiler Traum ist das, dachte er sich und blickte gedankenlos auf den Grund seines Glases. Dann stellte er es auf den Bierdeckel und stand auf, um einem anderem, natürlichem Bedürfnis Folge zu leisten. Als er an der geheimnisvollen Frau mit den großen Titten vorbeikam, kreuzten sich ihre Blicke, und diesmal hielt er stand, saugte sich sehnsuchtsvoll hinein in die Tiefe ihrer Augen. Und als er relaxt zurückkam, stellte er sich unter dem Deckmantel einer weiteren Bestellung unschuldig wie ein Lämmchen, rein zufällig neben diese Schlampe, neben die Göttin der Liebe. Ihr Schlampenparfüm zog betörend durch seine Nase. So nahe war sie, zum Greifen nahe und doch so fern. Der Rauch ihrer Zigarette füllte das Vakuum zwischen den beiden Leibern.
»Stört es Sie«, fragte sie lasziv und blies den Rauch in die entgegengesetzte Richtung.
»Nein, ich möch’` nicht g’sund sterben, hat der Friedrich Torberg einmal g’sagt.«
