Der Duft von Heu - Gudrun Schultheiss - E-Book

Der Duft von Heu E-Book

Gudrun Schultheiss

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Beschreibung

Wenn ich aufmerksam und mit hellwachen Sinnen durch mein Leben gehe, dann mache ich täglich eine Vielzahl schöner, interessanter, sowie auch nachdenklicher Erfahrungen, über die es sich lohnt eine Geschichte zu schreiben. Mein zweites Buch ist eine Fortsetzung vom bereits bekannten ersten Buch "der Kartoffelplattenspieler" und erzählt neue Geschichten von jahreszeitlichen Festen und Bräuchen auf dem Land, sowie über meine Liebe zur Natur und den Kindheitserlebnissen als Bauerntochter in den fünfziger Jahren. Später als Hausfrau, Ehefrau, Mutter von drei Kindern und glücklicher Oma von fünf Enkelkindern ergaben sich immer wieder vergnügte und lehrreiche Situationen, die ich in Worten festgehalten habe. In einigen meiner Erzählungen möchte ich aufzeigen, wie wichtig es ist, achtsam mit unserem wertvollen Körper und unserer empfindsamen Seele umzugehen. Meine Geschichten zeigen auch die heitere Seite des Lebens. In den beschriebenen, alltäglichen Situationen kann sich der Leser oder die Leserin schmunzelnd oder erstaunt selbst wieder entdecken.

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Seitenzahl: 171

Veröffentlichungsjahr: 2022

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Inhaltsverzeichnis

PEROUSE, die Entstehung eines liebenswerten Waldenserortes

Ein neues Jahr

Mit allen Sinnen

Laugenbrezeln am Gründonnerstag

Blechkuchen und Denksprüche

Gäste auf Zeit

Nur ein Ehrenamt?

Engel auf Erden

Mein Freund der Baum

Gute Reise junger Baum

Urlaub auf einer Trauminsel im hohen Norden

Zwangspause

Die güldene Sonne

Auf den Hund gekommen

Vierbeiner im Ehrenamt

Mit dem Wohnmobil unterwegs

Gartenglück

Der Duft von Heu

Ein Wunder

Auf gute Nachbarschaft

Großmutters Waschküche

Herbstkind

Drachen im Wind

Loslassen

Eine Sechs vorne dran

Die Enkelwoche

Weingläser in der Puppenstube

Terpentin- und Tannenduft

Heißer Tee für kalte Hände

Unvergessen

Geschenkte Zeit

Abschiedsbrief an meine Mutter

Mutterliebe

Wie ich Autorin für die Zeitschrift „Frau und Mutter“ (Lebensspuren) wurde

PEROUSE, die Entstehung eines liebenswerten Waldenserortes

Wenn mich ein Fremder nach meinem Heimatort fragt und ich ihm den Namen "Perouse" nenne, werde ich oft sehr komisch angeschaut weil der Name des Ortes so französisch klingt obwohl er im Schwabenland, zwischen Stuttgart und Pforzheim liegt. Gerne erkläre ich dann, dass meine Vor-Vorfahren, die Gründer des Dorfes, vor über 300 Jahren als Asylanten im damaligen Herzogtum Württemberg aufgenommen wurden. Der Grund ihrer Flucht aus den Piemonteser Tälern, war ihre feste religiöse Bindung an die frühprotestantische Glaubensrichtung des Kaufmannes "Waldes", der im 12. Jahrhundert in Lyon lebte. Die Waldensertäler liegen im Grenzgebiet zwischen Frankreich, Italien und Savoyen. Die Sprache der dort lebenden Menschen war eine Mischung zwischen italienisch und französisch, auch "Patois" genannt. Bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie in Perouse noch gesprochen. Die Waldenser wurden von der katholischen Kirche aus sehr kritisch betrachtet und in ihrer Glaubensausübung sehr stark eingeschränkt. Im Jahre 1686 wurde der Protestantische Glauben vom französischen König Ludwig XIV in seinem gesamten Reich verboten. Unter der Führung von Pfarrer "Henri Arnaud" verließen die Waldenser ihre Heimat und flüchteten vor den Gewalttaten der Savoischen Truppen, die sie ihres Glaubens wegen unbarmherzig verfolgten zunächst in die Schweiz. Von dort aus erreichte Henri Arnaud im Oktober 1698 mit etwa 3000 Waldensern das Herzogtum Württemberg und bat den damals 22 jährigen Herzog Eberhard Ludwig um die Aufnahme seiner Glaubensbrüder. Württemberg war damals durch die Nachwirkungen des 30-jährigen Krieges und einigen Pestepedemien stark entvölkert, daher waren Menschen willkommen, die das, zum großen Teil brach liegende Land wieder anpflanzten. So erhielten 346 Familien (2100 Personen) die Genehmigung, sich an der Württembergisch- Badischen Grenze anzusiedeln. Die restlichen Personen fanden Aufnahme in Hessen und den Niederlanden. Im Jahre 1699 wurden die Waldenserorte, Neuhengstett, Serres, Pinache, Schönenberg, Großvillars und auch PEROUSE gegründet. Am 13. Juni 1699 kamen 71 Familien im Nachbarort Heimsheim an und bauten am östlichen Rand der Markung einfache Baracken. In der ständigen Hoffnung lebend, bald wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können, errichteten sie keine festen Häuser. Zur Erinnerung an ihren Heimatort "Val Perosa", im unteren Chisonetal, nannten sie ihren neuen Ort "Perouse". Von ihren Waldensernamen sind bis heute erhalten geblieben: Baret, Mouris, Simondet und Vincon. Weitere Familien aus anderen Waldenserorten (Baral, Charrier, Gayde, Jaimet, Roux und Servay) sind zugezogen.

Um von der Barackensiedlung wegzukommen, erhielten 20 Jahre nach der Gründung alle Waldenserdörfer vom Regierungsbaumeister einen einheitlichen Ortsbauplan. Deshalb findet man noch heute in allen diesen Orten das charakteristische Bild des Straßendorfes. Das heißt, alle Häuser sind mit der Giebelseite zur Straße hin ausgerichtet.

Die Waldenser waren fast alle Bauern, daher kamen bald auch die ersten württembergischen Handwerker (Maurer, Zimmerleute, Schmiede) in den Ort. Nun gab es Glaubensprobleme: Das Herzogtum Würtemberg war der Konfession nach lutherisch, und die Waldenser galten als Reformierte. Daher wurden in Perouse zwei Schulen benötigt. Um 1750 wurden etwa 10 württembergische Kinder von einem Lehrer unterrichtet, während etwa 40 reformierte Waldenserkinder einen eigenen Schulraum hatten. Erst 1823 wurde die deutsche lutherische Schule mit der reformierten Waldenser - Schule vereinigt.

Nach sehr schwierigen Anfängen war es den Perouser Bürgern 1738 möglich, in der Hauptstraße ein schlichtes Gotteshaus zu errichten. Neben dem Kircheneingang erinnert das Waldenserwappen mit dem Wahlspruch: LUX LUCET IN TENEBRIS (das Licht leuchtet in der Finsternis) an vergangene, schwere Zeiten. In der Kirche liegt auf dem Altar noch heute eine aufgeschlagene Bibel, die in französischer Sprache geschrieben ist. Weitere historische Bauten im Dorf sind das Evangelische Pfarrhaus (1762), die Zehntscheuer und das Rathaus (1867). Das Henri-Arnaud-Denkmal neben der Kirche wurde zur 200 Jahr Feier (1899) errichtet. Im Jahre 1839 kauften die Perouser der Stadt Heimsheim für 3.924 Gulden die Markungsrechte ab. 140 Jahre nach seiner Gründung war Perouse nun eine selbständige Gemeinde. Weil die Markung mit 266,5 ha sehr klein war, blieb der Ort recht arm. Um 1885 begannen die Perouser mit dem Anbau von Kraut. Sie machten damit die besten Erfahrungen und erzielten beträchtliche Einnahmen. Noch heute ist das Kraut für seine gute Qualität bekannt. Regelmäßig werden Sauerkrautfeste im Dorf veranstaltet, die sich einer großen Besucherzahl erfreuen.

Nach einem katastrophalen Dürrejahr 1893 erreichte der unermüdlich tätige Pfarrer Wilhelm Kopp, dass eine Wasserleitung von Heimsheimer Quellen nach Perouse gelegt wurde. Diese wurde 1895 mit einem Wasserfest eingeweiht. Seit 1985 ist Perouse an die Wasserversorgung der Nachbargemeinde Rutesheim angeschlossen. Nun gehörten die bis dahin immer wieder aufgetretenen Unterbrechungen der Wasserversorgung im Dorf der Vergangenheit an. Die Zunahme der Einwohnerzahl in Perouse, erforderte bald eine Verbesserung der Infrastruktur. 1951 wurde ein Schulhaus in der Ortsmitte eingeweiht. Die Klassen 1-8 wurden in zwei Räumen von nur einem Lehrer unterrichtet. Noch früher fand der Unterricht in einem Saal des 1867 erbauten Rathauses statt. 1973 wurde das Perouser Schulhaus aufgelöst und die Kinder wurden fortan in der Nachbargemeinde Rutesheim eingeschult. Mit der Erschließung der drei Baugebiete Bauplatzwiesen, Hanfländer und Vallon ist die Einwohnerzahl von 900 Personen am 1. Jan. 1972 auf heute 1150 Einwohner gestiegen. 1972 erfolgte der freiwillige Zusammenschluss des Dorfes Perouse mit der Nachbargemeinde Rutesheim. Die ersten Jahre nach der Gründung, wurde im Waldenserort hauptsächlich Landwirtschaft betrieben. Heute arbeiten viele Einwohner in Rutesheim, Leonberg und Stuttgart. Für eine sinnvolle Freizeitgestaltung,wird der Gemeinde inzwischen ein breitgefächertes Programm im sozialen, kulturellen und sportlichen Bereich angeboten. Ein Mangel findet sich allerdings bei den Einkaufsmöglichkeiten. Für größere Besorgungen müssen die Perouser mit dem Bus oder Pkw nach Rutesheim fahren. Außer einem kleinen Bäckerladen und der Möglichkeit beim Bauern frisches Obst, Gemüse oder Blumen einzukaufen, bietet das Dorf keine Geschäfte an. Trotz dieser Einschränkungen, lebe ich nun seit 50 Jahren gerne in Perouse. Mein Heimatort ist umsäumt von Wiesen und Wäldern und bietet mir viel Gelegenheit in der schönen Umgebung die Natur zu genießen. Mit dem Bau der Umgehungsstraße 1999, wurde die 550m lange Hauptstraße zum verkehrsberuhigten Bereich zurückgebaut und hat somit ihren ursprünglichen Charakter und Charme zurückerhalten. Zum 300 jährigen Bestehen des Dorfes, hat Pfr. Herbert Vincon, ein gebürtiger Perouser, für alle interessierten Mitbürger eine neue Ortschronik geschrieben. Wer darin liest merkt schnell, Perouse ist ein Kleinod mit historischen Wurzeln im Kreis Böblingen. Auf der Suche nach den Spuren der Waldenser wird man bei uns im Dorfe reichlich fündig. Vielleicht habe ich sie nun neugierig gemacht, mein Dorf zu besuchen. Weiteres über die Waldenser können sie im Henri Arnaud Haus (Museum) in Schöneberg bei Mühlacker erfahren.

Ein neues Jahr

Geheimnisvoll und noch völlig unverbraucht liegen die kommenden 365 Tage des neuen Jahres vor mir. So Gott es will, kann ich sie nach meinen eigenen Wünschen und Bedürfnissen, sowie nach meinen, mir zur Verfügung stehenden Kräften, erleben und gestalten.

Ich freue mich immer auf ein neues Jahr und seine mir noch unbekannten, versteckten Herausforderungen, die es mit sich bringen mag. Meistens habe ich den guten Vorsatz, in die kommenden 12 Monate eine gesunde Mischung aus Arbeit, Verpflichtung und Freizeit hineinzulegen. Und ich wünsche mir, dass noch viel wertvolle Zeit übrig bleibt für die Menschen, die mich brauchen und mir nahe stehen. Unentbehrlich für das neue Jahr sind die 4 Jahreszeiten, die sich nun wieder im gewohnten Rhythmus abwechseln und einander die Hand geben werden.

Sie gestalten den Jahresablauf spannend und abwechslungsreich, denn jede dieser Zeiten hat ihren ganz besonderen Reiz auf den ich nicht verzichten möchte. Vor kurzem stellte ich dankbar fest, dass es bald 60 Jahre werden, die Gott mir geschenkt hat und jedes einzelne Jahr wurde mit dem feierlichen Glockengeläut unserer kleinen Waldenserkirche stimmungsvoll begrüßt. Und mit jedem weiteren Jahr das noch hinzukommt, wächst meine Dankbarkeit für ein gesundes, erfülltes Leben auf dieser schönen Erde.

Damals in den fünfziger Jahren, habe ich wohl die ersten Jahreswechsel in meinem noch zarten, jungen Leben in der Wiege, oder im Gitterbettchen verschlafen. Ein paar Jahre später durfte ich dann bis Mitternacht aufbleiben und an der Hand meiner Eltern das leuchtende Feuerwerk am nächtlichen Himmel bewundern.

Mit der Grundschulzeit begann für mich der erste Januar eines jeden neuen Jahres mit viel Herzklopfen und Aufregung. Ich musste allen Verwandten und Bekannten die in unserem Dorf wohnten, folgenden Segensspruch aufsagen:

„Ich wünsche Euch ein gutes neues Jahr,

einen gesunden Leib,

den Frieden, den Segen, den heiligen Geist

und ein langes Leben.”

Diesen Spruch lernte ich schon viele Wochen vorher auswendig, denn mitten im Satz stecken bleiben, das wäre damals eine Schande gewesen. Zum Dank für meine guten Wünsche bekam ich in jedem Haus eine dicke Neujahrsbrezel aus Hefeteig.

Die meisten Silvester und Neujahrsfeiern habe ich als junges Mädchen im Freundes- oder Bekanntenkreis gefeiert. Später dann mit meinem zukünftigen Mann und dessen Familie. Jedes neue Jahr wurde ganz individuell und einmalig begrüßt, immer wieder gab es neue Anlässe und Vorhaben, für deren Gelingen ein gutes und gesundes neues Jahr unentbehrlich war. Drei mal trug ich am ersten Januar ein Kind unter meinem Herzen und die guten Wünsche für Gesundheit und Wohlergehen bekamen eine ganz neue Bedeutung für mich und meinen Mann.

Dankbar für unsere drei gesunden Kinder feierten wir in den folgenden Jahren den Silvesterabend Zuhause mit vergnügten Gesellschaftsspielen, Bastelarbeiten und einem gemütlichen, lange währenden Fondeu Essen. Um Mitternacht gaben wir einander unsere guten Wünsche weiter, nahmen uns in die Arme und hörten aus der Ferne den vertrauten Klang unserer Kirchenglocken, die das neue Jahr festlich einläuteten. Mit einem Glas Sekt in der Hand und guten Vorsätzen, Hoffnungen und Vorstellungen, machten wir die ersten Schritte in das noch unbekannte, neue Jahr. Was wird es uns bringen, dachte wohl jeder im Stillen, während noch immer die leuchtenden Raketen am nächtlichen Himmel zu sehen waren.

Wir können im Gebet unseren Vater im Himmel um Bewahrung und Gesundheit bitten, doch letztendlich ist er es der entscheidet, wie unsere Tage und Jahre verlaufen. Sein Wille geschehe und wir müssen dankbar annehmen, was er für uns und unser weiteres Leben geplant hat. Unsere Aufgabe ist es, die von ihm geschenkte, begrenzte Lebenszeit nach seinem Willen gut und verantwortlich zu gestalten. Keiner kann das für uns übernehmen.

„Meine Zeit steht in deinen Händen”, so heißt es in einem Lied und Psalmvers und dass diese Aussage gewisslich wahr ist, das erlebte ich am ersten Tag des neuen Jahres 2009. Ich saß am Bett meines schwer kranken Vaters und meine Neujahrswünsche für ihn kamen mir nur schwer von den Lippen. Ich spürte, dass sie nicht mehr in Erfüllung gehen können. Zu sehr hatte ihn die Krankheit ausgezehrt. Einen Tag später wurde Vater von seinem schweren Leiden erlöst und er durfte Zuhause in seiner vertrauten Umgebung friedlich einschlafen. Die Wochen und Monate vergingen, das Jahr nahm seinen gewohnten Lauf und keine Rücksicht auf meine Trauer. Das Leben ging einfach weiter, so als ob nichts geschehen wäre.

Vier Jahre später stehe ich nun wieder vor einem Jahreswechsel. Ich werde abermals diese besondere Stimmung und den Zauber erleben, der den Übergang vom Alten ins Neue ausmacht. Die Kirchenglocken um Mitternacht werden mein Herz berühren und mich dankbar auf meine gelebten Jahre zurückblicken lassen. So Gott will, werde ich in den kommenden Jahren noch ein paar Enkelkinder bekommen und als stolze Oma mit der immer größer werdenden Familie noch viele schöne Jahreswechsel erleben dürfen.

Mit allen Sinnen

Leise und unauffällig näherte ich mich der rustikalen Holzbank, die an einer Waldlichtung in der wärmenden Sonne stand. Auf ihr saß eine alte Frau. Sie hatte ihre Augen geschlossen und schien recht tief zu schlafen. Als ich mich leise und vorsichtig auf das andere Ende der Bank setzte, war sie sofort hellwach und wendete sich mir zu. Sie lächelte freundlich und war offensichtlich erfreut über meine Anwesenheit.

„Wissen Sie”, sagte meine Banknachbarin, „morgen werde ich 92 Jahre alt und bei schönem Wetter komme ich jeden Tag hier her an diesen lauschigen Platz am Waldrand. Hier draußen in der Natur kann ich prüfen und herausfinden, ob ich noch alle meine fünf Sinne gebrauchen kann. Das ist nicht selbstverständlich in meinem Alter”, sagte die fröhlich klingende Seniorin und gab mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter. „Wenn ich meine Augen schließe, höre ich die Vielzahl der Vogelstimmen doppelt so gut. Die meisten unserer heimischen Vögel kenne ich bei ihrem Namen, so oft habe ich schon ihrem Gesang gelauscht und mich dabei über mein noch immer gut funktionierendes Gehör gefreut. Und sehen kann ich auch noch gut”, sagte die alte Dame und nahm ihre schwarze Sonnenbrille ab um mir mit klarem Blick in die Augen zu sehen. „Schauen Sie, unser Schöpfer hat hier draußen in der Natur die allerschönsten Farben verwendet, um uns Menschen zu erfreuen. Sehen Sie nur die bunte Blumenwiese, das Veilchen im Moose und den herrlichen Sonnenuntergang, den ich oft von hier aus erleben darf. Es macht mich schon traurig, dass nicht alle Menschen dieses Glück haben, mit gesunden, hellwachen Augen dieses Naturfarbenspiel betrachten zu können. Blind zu sein, das stelle ich mir ganz schlimm vor.” Die alte Frau drehte sich nach hinten und brach einen kleinen Zweig von der Douglasie ab, die hinter der Holzbank groß und kräftig wuchs. Sie zerrieb die weichen Tannennadeln behutsam zwischen ihren Fingern und ließ mich anschließend an ihren Händen riechen.

Ein fruchtiger Orangenduft zog durch meine Nase, er unterschied sich von allen anderen Nadelbäumen, die hier im Wald wuchsen. „Sehen Sie, ihr Riech-Sinn funktioniert ganz gut” sagte die mir inzwischen sehr vertraute alte Frau, während sie sich bückte um ein paar rote Walderdbeeren vom Boden aufzusammeln. „In meinem Alter hat man keine Angst mehr vor dem Fuchsbandwurm” meinte sie lachend und schob sich genüsslich die süßen Beeren in den Mund. „Mmmh.... sie schmecken noch immer nach meiner Kinderzeit!

Damals haben wir die Beeren in einer Schüssel zerdrückt und etwas Sahne und Zucker dazugegeben. Köstlich war das!!” Während meine Banknachbarin in Erinnerung schwelgte und wir uns angeregt unterhielten, krabbelte mir eine stattliche Anzahl roter Waldameisen die nackten Beine hoch. Beim Versuch sie abzuschütteln, bissen sie mich deutlich spürbar in die Waden und ich schrie jammernd auf. Fast hab ich es bereut, Bekanntschaft mit der rüstigen alten Dame gemacht zu haben. Diese lachte laut und herzlich auf und meinte zu mir: „Ich habe es Ihnen ja gesagt, hier in Gottes schöner Natur werden alle Sinne spürbar.” Sie hat wohl recht, dachte ich, während ich meine brennenden Waden rieb.” Nun fehlt nur noch der Tastsinn, stellte ich fest. Äußerst motiviert gab mir meine neue Bekanntschaft der Reihe nach verschiedene Gegenstände in die Hand, die sie kurz davor auf dem Waldboden aufgesammelt hatte. Diese sollte ich nun mit geschlossenen Augen erraten. Es waren Bucheckern, Eichele, Kastanien, verschiedene Zäpfchen und Steine dabei. Ich meisterte meine Aufgabe zu ihrer Zufriedenheit und erntete viel Lob dabei.

Aus der zufälligen Begegnung mit der humorvollen Seniorin wurde eine richtig spannende Unterrichtsstunde in Sachen „Unsere fünf wichtigsten Sinne”. Ich hatte diese bisher ganz selbstverständlich eingesetzt, ohne darüber nachzudenken, welch großer Verlust es wäre, wenn mir auch nur eine dieser kostbaren und unersetzbaren Gottesgaben verloren ginge.

Wir verabschiedeten uns mit dem Versprechen, uns auf dieser Holzbank bald einmal wieder zu treffen, um die wärmende Sonne auf unsere kühle, noch etwas blasse Haut scheinen zu lassen.

Abends im Bett musste ich noch lange an die nette Begegnung und das gute Gespräch mit der naturverbundenen, liebenswerten, alten Frau denken. In einem langen Gebet dankte ich meinem Schöpfer für das wunderbare Geschenk, täglich alle meine fünf Sinne bei bester Gesundheit gebrauchen zu dürfen.

Sinneserlebnisse in der Kindheit

Meine Kinderzeit war ein Fest der Sinne! Was waren das für glückselige Stunden, in denen wir Landkinder im Sommer, in den fünfziger Jahren, barfuß durch die feuchten Wiesen liefen und hinterher unsere grüngefärbten Füße betrachteten. Ein warmer Sommerregen war damals ein Hochgenuss für unsere Sinne. Im Badeanzug hüpften wir in jede noch so große Regenpfütze und genossen es, den warmen Sommerregen im Gesicht und am ganzen Körper zu spüren.

Auf dem Feld bauten wir uns aus frischem, duftendem Heu ein Bett und atmeten darin den Duft von Sommer und Sonne ein. Unsere nackten Arme und Beine waren meistens gleichmäßig zerkratzt, aber wen störte das schon, bei so viel kostenlosem Kinderglück.

Eine Heimfahrt auf dem voll beladenen Garbenwagen war immer ein abenteuerliches Erlebnis. Es schaukelte mächtig, wenn der Traktor den Anhänger über die unebenen Feldwege zog. Wir Kinder spürten ein Kitzeln in der Magengegend und vertrauten darauf, dass mein Vater unser Hochbett sicher nach Hause kutschierte.

Es gab auch Tage, da lag ich mit meinen Freundinnen lange Zeit regungslos auf dem Bauch in einer bunten Wiese. Wir beobachteten Insekten aller Art, bewunderten die Leichtigkeit der Schmetterlinge und staunten, mit welcher Geschwindigkeit die Feldmäuse von Loch zu Loch schlüpften. Gerne rochen wir an den Veilchen im Moose, oder legten vorsichtig unsere Hände in einen recht belebten Ameisenhaufen.

Wir Landkinder hatten auch ein feines Gespür und merkten sehr schnell, wenn ein Gewitter aufzog. Da lag eine eigenartige, fast unheimliche Stimmung in der Luft und wir schauten, dass wir uns Zuhause in Sicherheit brachten.

An heißen Tagen stellte meine Mutter unsere große Zinkbadewanne in die Sonne und füllte sie mit Wasser. Dieses erwärmte sich schnell in der sommerlichen Hitze und nachmittags, wenn die Schule aus war und die Hausaufgaben erledigt waren, durfte ich eine Freundin zum Baden einladen. Das Vergnügen war groß und wir haben zu keiner Zeit ein Freibad vermisst. Um einen Sonnenbrand wurde damals kein Drama gemacht und auch an die unvergleichbar gemeinen Stiche der Stechmücken, die sich gerne auf unserer nackten Haut niederließen, hatten wir uns längst gewöhnt. Sie gehörten zu einem Badeerlebnis mit allen Sinnen.

Unvergesslich bleiben auch die ersten heißen Sommertage, an denen mir Mutter erlaubte, meine warme Wollstrumpfhose mit bunten, leichten Kniestrümpfen zu tauschen. War das ein herrlich luftiges Gefühl, wenn der Sommerwind über meine dünnen, nackten Beine strich und unter meinem duftigen Sommerkleid einen wahren Wirbel verursachte. Ist es nicht eine Freude, dass mir eine solche Kleinigkeit heute noch große Glückseligkeit bedeutet?

Nach der vielen körperlichen Bewegung und den unzähligen erlebten Sinneseindrücken, waren wir Landkinder abends müde und konnten ohne Probleme schnell einschlafen. Mein kleines, eigenes Zimmer oben auf der Bühne, hatte zwei einfache, nicht isolierte Dachfenster, auf die in manchen Nächten der Regen prasselte. Im Winter lag eine dicke Schneeschicht auf den Dachfenstern und verdunkelte mein kleines Reich, wodurch eine heimelige Atmosphäre entstand, in der ich mich wohl fühlen konnte. Noch heute vor dem Einschlafen erinnere ich mich an diese glückselige Zeit und ich danke Gott für diese kreative, mit allen Sinnen erlebte Kindheit auf dem Lande.

Laugenbrezeln am Gründonnerstag

Wenn ich heute in der Karwoche in eine ofenwarme, mit Butter bestrichene Laugenbrezel beiße, denke ich oft zurück an die Osterzeit zu Beginn der sechziger Jahre. Besonders der Gründonnerstag ist mir in lebhafter Erinnerung geblieben. Meine Mutter fuhr an diesem Tag mit ihrem Handwagen eine große Schüssel Mehl zum Bäcker und ich durfte sie dabei begleiten. Dreißig Laugenbrezeln soll er ihr daraus backen, sagte sie zu dem weiß gekleideten Mann, der geschäftig in seiner gut beheizten Backstube hantierte.

Die mit reichlich Salz bestreuten Brezeln waren zu der Zeit noch etwas besonderes. Es gab sie in unserer Familie nur selten, oder zu besonderen Anlässen. Der Gründonnerstag war so ein Ausnahmetag! Wir durften Laugenbrezeln essen, so viel wir wollten, nur trinken durften wir nichts dazu. Auf meine kindlich neugierige Frage, warum das so ist, erklärten die Eltern folgendes: Wir Menschen sollen den großen Durst, den Jesus am Kreuz erlitten hat an unserem eigenen Leibe spüren. Nachdem der Bäcker am Karfreitag sein Geschäft