Der dunkle Fluss der Sehnsucht - Robyn Lee Burrows - E-Book
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Der dunkle Fluss der Sehnsucht E-Book

Robyn Lee Burrows

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Beschreibung

Durch einhundert Jahre getrennt, doch verbunden durch das gleiche Schicksal

Jess' und Brads Ehe steht auf dem Prüfstand, nachdem ein Schicksalsschlag ihr Leben bis in seine Grundfesten erschüttert hat. Trotzdem begleitet Jess ihren Mann auf eine Forschungsreise ins Diamantina-Gebiet. Dort findet sie die Tagebücher einer Frau, die um 1870 gelebt hat. Jess erkennt, dass ihre beiden Schicksale sich erstaunlich ähneln. Durch die Erfahrungen der jungen Jenna sieht Jess ihr Leben in einem neuen Licht ...

Von Irland im Jahr 1867 bis ins heutige Queensland spannt sich der Bogen einer berührenden Geschichte, an deren Ende eine schwere Entscheidung steht.

Dieser Familiengeheimnis-Roman ist in einer früheren Ausgabe unter dem Titel "Weil die Sehnsucht ewig lebt" erschienen.

Weitere Romane von Robyn Lee Burrows bei beHEARTBEAT:

Der wilde Duft der Akazie. Wind über dem Fluss. Weil die Hoffnung nie versiegt. Weil nur die Liebe wirklich zählt.

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Seitenzahl: 654

Veröffentlichungsjahr: 2020

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INHALT

CoverWeitere Titel der AutorinÜber dieses BuchÜber die AutorinTitelImpressumWidmungSong Of The RiverTeil IKapitel 1Kapitel 2Kapitel 3Kapitel 4Kapitel 5Teil IIKapitel 6Kapitel 7Kapitel 8Kapitel 9Kapitel 10Kapitel 11Kapitel 12Teil IIIKapitel 13Kapitel 14Kapitel 15Kapitel 16Kapitel 17Teil IVKapitel 18Kapitel 19Kapitel 20Kapitel 21Kapitel 22Kapitel 23Teil VKapitel 24Kapitel 25Kapitel 26Kapitel 27Kapitel 28Teil VIKapitel 29Kapitel 30Kapitel 31Kapitel 32Kapitel 33Anmerkungen der Autorin

WEITERE TITEL DER AUTORIN

Der wilde Duft der Akazie

Wind über dem Fluss

Die Geschichte der Familie Hall:

Weil die Hoffnung nie versiegt

Weil nur die Liebe wirklich zählt

ÜBER DIESES BUCH

Durch einhundert Jahre getrennt, doch verbunden durch das gleiche Schicksal

Jess' und Brads Ehe steht auf dem Prüfstand, nachdem ein Schicksalsschlag ihr Leben bis in seine Grundfesten erschüttert hat. Trotzdem begleitet Jess ihren Mann auf eine Forschungsreise ins Diamantina-Gebiet. Dort findet sie die Tagebücher einer Frau, die um 1870 gelebt hat. Jess erkennt, dass ihre beiden Schicksale sich erstaunlich ähneln. Durch die Erfahrungen der jungen Jenna sieht Jess ihr Leben in einem neuen Licht …

Von Irland im Jahr 1867 bis ins heutige Queensland spannt sich der Bogen einer berührenden Geschichte, an deren Ende eine schwere Entscheidung steht.

Dieser Familiengeheimnis-Roman ist in einer früheren Ausgabe unter dem Titel »Weil die Sehnsucht ewig lebt« erschienen.

eBooks von beHEARTBEAT – Herzklopfen garantiert.

ÜBER DIE AUTORIN

Robyn Lee Burrows wurde in New South Wales, an der Ostküste Australiens, geboren und lebt nun im Hinterland der Gold Coast in Queensland. Bei beHEARTBEAT sind fünf Romane der Australierin lieferbar: Der dunkle Fluss der Sehnsucht, Der wilde Duft der Akazie, Wind über dem Fluss und die Saga um die Familie Hall. Robyn Lee Burrows ist verheiratet, hat drei Söhne, fünf Enkelkinder und diverse Haustiere. Besuchen Sie die Homepage der Autorin unter http://www.robynleeburrows.com/.

Robyn Lee Burrows

Der dunkle Flussder Sehnsucht

Aus dem australischen Englisch von Ursula Walther

Digitale Erstausgabe

»be« – Das eBook-Imprint der Bastei Lübbe AG

Für die Originalausgabe:

Copyright © 2004 by Robyn Lee Burrows

Titel der australischen Originalausgabe: »West of the Blue Gums«

Published by Arrangement with Robyn Lee Burrows

Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schlück GmbH, 30161 Hannover.

Für diese Ausgabe:

Copyright © 2006 / 2020 by Bastei Lübbe AG, Köln

Titel der deutschsprachigen Erstausgabe: »Weil die Sehnsucht ewig lebt«

Covergestaltung: Guter Punkt, München unter Verwendung von Motiven © Kwest / Adobestock, © galinka_zhi / Adobestock

eBook-Erstellung: hanseatenSatz-bremen, Bremen

ISBN 978-3-7325-8547-2

www.be-ebooks.de

www.lesejury.de

Im Andenken an Moore McLaughlin,den Bruder meines Urgroßvaters.Als Neunzehnjähriger hütete er Schafeam Ufer des Comet Creek (am Fuße der Carnarvon Range in der Nähe von Springsure), als er 1862 in der Folge des Cullin-la-Ringo-Massakers getötet wurde.

SONG OF THE RIVER

Colleen McLaughlin

I am swinging to the northward, I am curving to the south

I am spreading, I am splitting, running free

I am creeping past the sandhills, going steady as the land fills

For all my channels lie ahead of me.

Through the grasslands and the mugla, past the rocks, erodes bare,

I will cover up the secrets buried deep.

For if man thinks he can beat me. I will tell him come an meet me,

But where and when and how my signs I’ll keep.

Because I am Diamantina, and I rule the great outback,

I’m its heartbeat, I’m its keeper, it’s my land.

With my channels full and flowing, and the grasses green an growing,

I’m the power that man must learn to understand.

I will take your heart and hold it, I will commandeer your soul,

If you listen to my voice and stand up tall.

If your ears can hear me singing, and your answer comes back ringing,

Then I’ll know that you have recognised my call.

For this is my direction, as the sovereign of this land,

I will whisper to you the secrets of its ways.

But for you to know and share it, do not take its heart and tear it,

For I’ll tell you now, the loser always pays.

For I am Diamantina, an the sandhills and the plains,

Need my water as their lifeblood – it’s my land.

With my channels full and flowing, an the grasses green and growing,

I’m the power that you must learn to understand.

TEIL I

Das Lebengeht weiter

KAPITEL 1

Jess, ich bin zu Hause.«

Die Haustür schlägt zu, und Brads Stimme dringt durch den Flur bis zu mir herüber. Ich schüttle den Kopf und versuche, meine Gedanken von der Vergangenheit zu lösen – von all dem, was hätte sein können. Eine leichte Brise weht durch das offene Fenster, trägt Brads Stimme davon und bringt stattdessen den süßen Duft nach Rosen mit sich. Ich höre das spätnachmittägliche Keckern einer Elster am Haus.

Ich bin in der Küche im hinteren Teil des Gebäudes und starre in den Garten. Einen schrecklichen Augenblick lang kann ich mich nicht mehr daran erinnern, wie lange ich hier schon stehe oder weshalb ich überhaupt in die Küche gekommen bin. Wollte ich nur ein Glas Wasser trinken oder mit den ersten Vorbereitungen fürs Abendessen anfangen? Obwohl die Sonne, wie ich benommen feststelle, schon tief am Himmel steht, zeigt die Uhr jedoch noch nicht die Zeit an, zu der Brad normalerweise nach Hause kommt.

Brad – seit vier Jahren mein Ehemann und seit sehr viel längerer Zeit mein Geliebter – ist einunddreißig, zwei Jahre älter als ich. Er ist Biologe, Experte für Fauna und Flora im Wasser, und arbeitet für die EPA, die Environmental Protection Agency, in Brisbane. Er untersucht Gewässer. Creeks und Flüsse, Sümpfe und Lagunen, alles, wo Wasser zu finden ist und sich die verschiedensten Lebensformen gebildet haben.

Im Laufe der Jahre habe ich mich an die Tiere und Muster gewöhnt, die er mit nach Hause bringt, und das Fenstersims über der Küchenspüle steht gewöhnlich voll von Überbleibseln seiner Arbeit. Die Sauberkeitsfanatikerin in mir hat gelernt, das zu ignorieren und die Augen vor der Ansammlung von Gläsern und Flaschen, Pipetten und Etiketten zu verschließen. Außerdem ist es mir gelungen, den Inhalt der Gläser und Flaschen nicht genauer in Augenschein zu nehmen – meistens sind es in verdünntem Alkohol konservierte Schnecken, Krebse, Käfer oder winzige Fische. Wie aufs Stichwort taucht Brad plötzlich hinter mir auf und schlingt die Arme um mich. Für einen kurzen Augenblick werde ich steif und wehre mich gegen die Umarmung, dann lehne ich mich an ihn. Er riecht leicht nach Aftershave und Konservierungsmittel.

»Jess«, beginnt er vorsichtig.

Ich löse mich aus seinem Griff. Der Tonfall fordert meine ganze Aufmerksamkeit.

»Was ist los?«

»Nichts! Zur Abwechslung läuft alles mal ganz gut.«

Er breitet die Arme aus, als wolle er den ganzen Raum umfassen. Ein Haarbüschel fällt ihm in die Stirn, und ich bekämpfe den Drang, es zurückzustreichen. Die alte Jess hätte es unbewusst getan, aber ich bin nicht mehr dieselbe Frau wie vor einem Jahr.

»Erinnerst du dich noch an die Beihilfe für das Forschungsprojekt, die ich beantragt habe? Für die Erforschung des Diamantina Rivers?«

»Ja«, entgegne ich zögernd.

»Nun, wir bekommen Gelder für sechs Wochen.«

Sechs Wochen, denke ich benommen. Er wird sechs Wochen weg sein. Zweiundvierzig Tage ganz für mich, meine endlosen Gedanken und all die zerklüfteten Erinnerungen, die ich mittlerweile sicher schon glatt geschliffen habe. Zweiundvierzig schlaflose Nächte.

»Ab wann …?« Ich dränge meine Überlegungen zurück auf die Unterhaltung und versuche vergeblich, Enthusiasmus in meine Stimme zu legen, um seiner offensichtlichen Begeisterung gerecht zu werden. Aber die Frage steht unvollendet im Raum.

»Die Regenzeit rückt immer näher, in drei Monaten beginnt sie. Wenn ich das jetzt nicht in Angriff nehme, wird es Ewigkeiten dauern, bis ich wieder die Chance habe, da hinaufzufahren.«

Ich starre ihn fassungslos an und bemühe mich, seinen Worten einen Sinn zu geben, aber sie wirbeln völlig ungeordnet in meinem Kopf herum. Im Geiste zähle ich die Tage. Jetzt. Brad will jetzt weg. Der Gedanke, dass er vielleicht bald abwesend sein wird – insbesondere zu dieser Jahreszeit – ist grauenvoll. Das bedeutet, er ist nicht da, wenn …

»Komm doch mit!«

Ich sehe auf. Er meint es ernst, und mir kommt plötzlich in den Sinn, dass wir ein ganz normales Paar sein könnten, das über den nächsten Urlaub diskutiert. Er spricht die Einladung aus und beobachtet mich besorgt, aber mit einem stetigen Blick aus blauen Augen. Ich schüttle den Kopf, unfähig, eine Antwort zu formulieren.

»Jess!« Nackte Qual schwingt in seiner Stimme mit. Sein Mund verzieht sich. Er neigt sich vor und nimmt meine Hand in seine. »Bitte!«

Ich bekämpfe das Bedürfnis, ihm meine Hand zu entziehen und hinauszulaufen. Die Vergangenheit springt fast auf mich, rüde und erschreckend, und für einen Augenblick fällt mir das Atmen schwer. Die Erinnerungen sind wie ein unendlicher böser Traum, ein Albtraum, aus dem ich bestimmt nie wieder erwachen werde. Die Bilder begleiten mich jede Stunde, jeden Tag. Wieder schüttle ich den Kopf.

»Ich kann doch nicht«, flüstere ich und schließe dabei die Augen, um die Enttäuschung in seinem Gesicht nicht wahrnehmen zu müssen. »Es ist viel zu früh.«

Brad senkt den Blick, als könne er es nicht mehr ertragen, mich anzusehen. Sein Adamsapfel bewegt sich auf und ab, als er heftig schluckt. Und als er schließlich das Wort ergreift, spricht er gemessen und beherrscht. »Ich muss die Forschungsgelder ja nicht annehmen. Du brauchst nur ein Wort zu sagen, Jess, und ich lehne ab. Es werden bestimmt noch andere Gelegenheiten kommen.«

Ich bemühe mich, die Enttäuschung in seinem Gesicht nicht wahrzunehmen. So ist Brad. Er denkt immer an die anderen und stellt die Bedürfnisse aller über seine eigenen. Das ist eine der Eigenschaften, deretwegen ich mich anfangs, vor all den Jahren zu ihm hingezogen gefühlt habe.

»Selbstverständlich musst du die Unterstützung annehmen!«

Diese Reaktion kam schnell und automatisch. Er muss an den Diamantina fahren, gar keine Frage. Brad hat sich das so sehr gewünscht. Wochenlang hat er die Grundlagen dieser Forschungen erarbeitet, und die Ergebnisse würden Teil seiner Dissertation sein, die er im nächsten Jahr abgeben muss. Ich zögere und denke, mit einem flüchtigen Blick zum Kühlschrank, an die Zubereitung einer weiteren Mahlzeit, auf die ich keinen Appetit habe. »Sechs Wochen«, sage ich matt.

Dieses Mal schüttelt Brad den Kopf. »Nein. Ich werde die ganze Idee verwerfen. Vielleicht fahre ich im nächsten Jahr hin, wenn sich die Dinge beruhigt haben. Außerdem will ich nicht, dass du hier allein …«

Er bricht ab. Ich ergänze den Satz im Stillen: dass du hier am Jahrestag allein bist.

»Wo genau ist der Diamantina River?«, frage ich. »Wohin würden wir fahren?«

Warum habe ich das gesagt? Wir, nicht du. Dadurch, dass ich mich mit einschließe, schüre ich eine Hoffnung, obschon ich im tiefsten Herzen fühle, dass es keine gibt.

»Der Teil, für den ich mich interessiere, ist im Central-Queensland. Bis vor ein paar Jahren wurde nur wenig in diesem Gebiet geforscht.«

»Und warum?«

Ich betreibe Smalltalk, um die unerträgliche Kluft zwischen uns zu füllen. Ich habe im vergangenen Jahr ein ganz gutes Geschick darin entwickelt, hier und da ein Wort oder einen Satz zu äußern, ohne der Antwort echte Beachtung zu schenken. Merkt Brad das?, überlege ich. Spürt er, dass ich Theater spiele und ihn dorthin führe, wohin er meiner Meinung nach will?

»Nun, zum einen ist die Region sehr abgelegen. Außerdem ist es schwer, die finanzielle Unterstützung mit der Regenzeit in Einklang zu bringen. Damit sind viele kleine Exkursionen verbunden, und du würdest trotz allem manchmal allein sein, wenn du mitkommst. Doch zumindest könnten wir uns öfter sehen.«

»Und wieso kann ich an diesen Exkursionen nicht teilnehmen?«

Die Frage scheint ihn zu überraschen. »Es spricht eigentlich nichts dagegen. Ich dachte nur, du interessierst dich nicht dafür – das ist alles.«

Innerhalb einer Minute hat der Tenor der Unterhaltung von »unmöglich« zu »wahrscheinlich« gewechselt. Plötzlich gebe ich ihm Grund zur Hoffnung.

»Wo würden wir wohnen?«

»Es gibt eine Unterkunft auf einem der Landbesitze. Sie ist ziemlich bescheiden, aber …«

Meine Gedanken driften davon, genau wie seine Worte, und das Gespräch bleibt offen. Ich beschäftige mich, indem ich die Spülmaschine ausräume und Kartoffeln fürs Abendessen schäle. Brad öffnet eine Flasche Rotwein – Cabernet Shiraz, unseren Lieblingswein – und schenkt zwei Gläser großzügig ein.

Im Geiste erforsche ich meine Gefühle. Warum genau will ich nicht weg? Die letzten zwölf Monate sind für mich und Brad schwierig gewesen, und zwar aus verschiedenen Gründen, über die ich im Augenblick nicht nachdenken kann – es wäre unerträglich. Es genügt, wenn ich sage, dass unsere Beziehung auf die Probe gestellt worden ist und sich als unzureichend erwiesen hat.

Ich trinke meinen Wein, koche und verfolge halbherzig einen Dokumentarfilm über afrikanische Löwen. Schneide Tomaten und Gurken und zerzupfe grüne Salatblätter. Meine Konzentration gerät ins Wanken. Im Laufe des Abends reden wir um den heißen Brei herum und weichen dem Thema Forschungsprojekt aus. Komm doch mit, hat er gesagt und mich damit in seine geheime Welt eingeladen. Er will, dass ich wieder ein Teil von ihm werde. Tief im Inneren, im Kern meines Selbst frage ich mich, ob die Dinge zwischen uns jemals wieder so sein können wie früher. Und sechs Wochen allein mit meinem Mann erscheint mir wie etwas, was ich erdulden muss, nicht genießen kann.

Später, als ich frisch geduscht und nackt durch den dunklen Flur zu unserem Schlafzimmer gehe, bleibe ich vor der geschlossenen gegenüberliegenden Tür stehen. Und obwohl ich es nicht fertig bringe, diese Tür zu öffnen und das Zimmer dahinter zu betreten, kann ich mich auch nicht einfach wegdrehen. Ich stehe dort wie angewurzelt und weiß nicht, was ich tun soll. Ich fühle mich auf einmal leer, wie eine Betrügerin, als ob ich andere Pflichten vernachlässigen würde, wenn ich mit Brad zu diesem fernen Ort gehe – zum Diamantina.

Meine Atemzüge sind unregelmäßig; die Brust wird eng. Ich schließe die Augen, schlucke die Tränen hinunter und zwinge mich zur Ruhe. Behutsam lege ich die Stirn an die Wand und spüre den kühlen Putz. Erinnerungen, kurz aufblitzende Bilder aus glücklicheren Zeiten jagen durch mein Bewusstsein. Ich verdränge sie – ich will mich nicht an sie erinnern. Sich erinnern bedeutet Schmerzen.

Hinter mir bewegt sich etwas. Ich vernehme Schritte auf den Holzdielen und spüre einen warmen Luftzug. Es ist Brad. Instinktiv drehe ich mich zu ihm und schmiege meine nasse Wange an sein Hemd.

»Nicht weinen, Jess«, sagt er und streicht mir liebevoll übers Haar. Seine Stimme klingt brüchig, erstickt. »Es wird wieder gut. Alles wird gut. Es braucht nur seine Zeit. Das ist alles.«

Ich strecke ihm auf der Suche nach Wärme und Geborgenheit meinen Mund entgegen. »Küss mich!«, sage ich heiser, dann lasse ich meine Zunge über seine Lippen gleiten.

»Jess.«

»Schsch! Nicht reden. Ich brauche dich. Jetzt.«

Brads Mund ist schmiegsam und weich. Er stöhnt leise und liebkost mit der Hand erst meine Schulter, dann eine Brust. Ich schiebe die Hand weiter nach unten zu dem dunklen, behaarten Dreieck. Seine Liebkosungen werden intensiver, ich zittere vor Ungeduld und umfasse sein hartes Glied.

»Jetzt«, wiederhole ich und erkenne meine eigene Stimme kaum wieder.

»Hier?«

Wir tun es auf dem Flur. Mein Rücken ist an die Wand gepresst, und ich nehme Brads Stöße wie aus großer Entfernung wahr. Selbst in diesem intimen Augenblick fühle ich mich isoliert, losgelöst von allem. Es scheint keine echte spirituelle Verbindung zwischen uns mehr zu geben, keinen besonderen Ort, an dem wir beide zur selben Zeit sind. Ich könnte auch mit einem Fremden Sex haben, denke ich.

Mein Bewusstsein gleitet ab. Was will ich? Was bedeutet dieser wilde, verzweifelte Sex? Bin ich auf der Suche nach den vertrauten Emotionen, weil ich möchte, dass alles wieder so wird wie irgendwann in vergangenen Zeiten? Trauer und Verlangen fließen ineinander über, bis sich beides nicht mehr voneinander unterscheidet. Ich höre von weit weg Brads Wonneschrei. Er klingt unharmonisch, entfernt wie ein Ächzen des Windes in den Pinienbäumen. Unbefriedigt sinke ich in mich zusammen. Ich bin leer. Hohl. Ohne jedes Gefühl, irgendwie unvollständig.

Nie zuvor habe ich mich so allein gefühlt.

Seit Monaten habe ich einen Traum. Einmal in der Woche. Manchmal zweimal. Es ist nie exakt derselbe Traum, aber ein ähnlicher. Mit einem ähnlichen Thema. Einer ähnlichen lähmenden Angst und einem ähnlichen Ende. Nur der mittlere Teil variiert, verändert sich und führt mich über trügerische Pfade. Wenn Sie daran glauben, dass Träume eine Bedeutung haben oder einem subtilen Zweck dienen, wie beurteilen Sie dann meinen?

Es ist Nacht – immer Nacht – und ich laufe. Renne durch dunkle Straßen in einer Stadt, die mir bekannt und unbekannt zugleich ist. Es ist eine Kleinstadt, deren Straßen im rechten Winkel zueinander verlaufen. Die Landschaft ist flach. Alle Fenster sind unbeleuchtet. Kein Hund bellt. Alles ist still bis auf meine donnernden Schritte und mein Keuchen. Und die Schritte hinter mir …

Immer ist jemand hinter mir. Die Jäger, so nenne ich sie. Sie sind beinah lautlos, verstohlen und bedrohlich. Wie viele sind es? Das weiß ich nie. Im Traum habe ich zu große Angst, um den Kopf zu drehen und zu zählen.

Ich renne, von Panik ergriffen. Die Muskeln schmerzen höllisch. Die Schritte kommen immer näher. Ich bekomme Seitenstechen, zwinge mich jedoch, weiterzulaufen und die Beine noch schneller zu bewegen. Vielleicht – und das ist eine fast trügerische Hoffnung – kann ich sie abhängen, mit den langen Schatten, die die schwachen Straßenlaternen werfen. Doch ich spüre ihren Atem in meinem Nacken und den Luftzug, als ihre Arme nach mir greifen.

Erschöpft erreiche ich einen Fluss. Es gibt keine Brücke, keine Furt. Um den Fluss zu überqueren, muss ich schwimmen. Einen unsäglich langen Augenblick starre ich aufs Wasser. Es wirbelt dunkel und ölig an mir vorbei. Mir läuft ein Schauer über den Rücken. Dann hole ich tief Luft und wappne mich innerlich gegen die Kälte, bevor ich springe und in das Wasser eintauche.

An diesem Punkt wache ich auf. Mein Herz rast, und ich ringe um Atem. Die Angst ballt sich wie ein fester Knoten in meinem Bauch zusammen. Ich bin schweißgebadet. Dann setze ich mich auf, presse die Hände an die Schläfen und versuche, die Anspannung zu mindern, die sich dort angesammelt hat. Sobald ich wieder zu Atem komme, werfe ich einen Blick auf Brad.

Das Schlafzimmer wird von der Straßenlaterne draußen schwach erleuchtet. Er liegt neben mir; seine Brust hebt und senkt sich im Rhythmus des Schlafs. Sein Haar ist zerzaust, sein Gesicht entspannt.

Bestimmt habe ich im Schlaf mit mir selbst geredet, denke ich, oder sogar geschrien.

Wie kann er von all dem nichts bemerkt haben?

Ich habe dieses Haus von meinen Großeltern geerbt. Es ist ein »Arbeiter-Cottage« – der neueste Schrei bei den Stadt-Yuppies. Meistens sind diese Häuser heruntergekommen und winzig, dennoch bezahlen die Leute heutzutage horrende Preise dafür. Normalerweise haben diese Cottages einen langen Gang in der Mitte, von dem die anderen Räume abgehen: Wohnzimmer, zwei Schlafzimmer, Bad, Esszimmer.

Im Laufe der Jahre haben Brad und ich viel Zeit und Geld investiert, um unser Zuhause zu renovieren. Jetzt ist es hell und praktisch, funktionell und ohne Schnickschnack eingerichtet, mit polierten Holzböden und Wänden in der Farbe von goldener Butter. Vor zwei Jahren haben wir an den rückwärtigen Teil angebaut, um eine anständige Küche und einen gemütlichen Wohnraum zu bekommen. Schiebetüren aus Glas führen auf eine sonnenbeschienene, mit Terrakottaplatten gepflasterte Terrasse. In Blumenkästen blühen üppige Geranien, und im Garten dahinter befinden sich ein kleiner Pool, eine winzige quadratische Rasenfläche und ein großer Maulbeerbaum, dessen Früchte schon mein Vater als Kind gepflückt haben muss. Mein Heim sieht wirklich so aus wie die Häuser in den Hochglanzmagazinen, überlege ich stolz.

Aber jetzt muss ich in diesem Haus zu viele leere Stunden verbringen. Zu viel Energie wird damit vergeudet, Ursachen und Gründe für das zu finden, was geschehen ist. Und ich verbringe zu viele Nächte mit Weinen, obwohl ich spüre, dass Tränen diesen tiefen Schmerz niemals auslöschen können.

Es wird Zeit, dass ich wieder arbeite. In meinem früheren Alltag habe ich Recherchen für den lokalen Fernsehsender gemacht. Ich habe meinen Job geliebt und Spaß dabei gehabt, Nachforschungen anzustellen und einzelne Informationen für die aktuelle Sendung zusammenzufügen, die allabendlich ausgestrahlt wird. Und ich war gut. Als ich ging, hat mir der Geschäftsführer des Senders ein exzellentes Zeugnis ausgestellt.

Arbeit!, denke ich mutlos und gefangen zwischen dem Bedürfnis, gebraucht zu werden, und dem Gefühl der Unzulänglichkeit. Die Vorstellung, am Morgen aufzustehen, mich ordentlich anzuziehen und Make-up aufzulegen, Emotionen vorzutäuschen, die ich nie wieder empfinden kann, deprimiert mich. Wie kann ich mich im Beisein anderer Menschen normal benehmen, wenn mein Herz entzweigebrochen ist? Wie kann ich weitermachen, als wäre alles in Ordnung, während mein Leben ein einziges Gefühlschaos ist?

Also stelle ich die Überlegung, wieder zu arbeiten, zurück.

Morgen, nehme ich mir vor. Morgen werde ich eine Entscheidung treffen, mein Leben ändern. Nach vorn schauen.

Immer wieder morgen …

Am folgenden Nachmittag komme ich vom Einkaufen nach Hause und schleppe lustlos die Plastiktüten mit den Lebensmitteln durch den Flur in die Küche. Brad ist schon daheim und hat ein Buch aufgeschlagen vor sich liegen. Das Buch – er zeigt es mir später – enthält hauptsächlich Fotografien, Luftaufnahmen von großen, schlammigen Wasserlöchern und ausgetrockneten, von Bäumen gesäumten Flussläufen, die sich teilen und wieder zusammenkommen und sich ziellos durch eine, wie es scheint, ebene Landschaft schlängeln.

»Der Diamantina River hat einen Hauptarm«, sagt Brad und fährt mit dem Finger über ein Foto, auf dem ein Wasserloch abgebildet ist. »Und wenn es regnet, teilt sich das Wasser in Dutzende, manchmal auch in Hunderte Kanäle, von denen manche Meilen breit sind.«

Ich schaue mir die Fotografie noch einmal an. Von meinem Blickwinkel aus erscheinen die Flussläufe wie ein filigranes Spitzengewebe, ein kompliziertes Muster aus Farben und Linien. »Und was geschieht bei Überschwemmungen?«, frage ich.

»Dann ist dort ein einziger großer See. Da die Landschaft ganz flach ist, dauert es dann Ewigkeiten, bis das Wasser wieder abfließt oder wenigstens versickert.«

Er breitet eine große Karte von Queensland auf dem Tisch aus und deutet auf die blauen Flusslinien, die sich weit verzweigen. »Sieh mal!«, fordert er mich eifrig auf; diese Begeisterung habe ich schon Monate nicht mehr bei ihm erlebt. »Es gibt drei Flusssysteme – den Georgina River, den Diamantina River und den Coppers Creek. Alle münden letztendlich in den Lake Eyre.«

»In Südaustralien?« Mein Geografie-Unterricht liegt schon eine Weile zurück, aber einiges vergisst man nie.

Ich betrachte sorgfältig die Karte und lasse den Blick über die Eintragungen schweifen. Ich suche nach der nächsten größeren Stadt in dem, wie mir scheint, ziemlich unwirtlichen Teil des Outbacks. »Das ist hübsch«, füge ich hinzu, trete zurück und ziehe meine High-Heels aus. Meine Füße schmerzen.

Brad ist immer noch über die Karte gebeugt. »Wenn wir diese Richtung einschlagen«, überlegt er laut und fährt mit dem Finger eine Linie, die wie ein größerer Highway aussieht, entlang, »hier abzweigen und diesen Weg weiterfahren. Das wäre die schnellste Route.«

Ich halte verständnislos inne, habe meine hochhackigen Schuhe in der einen Hand und stemme die andere in die Hüfte. »Die schnellste Route?«, wiederhole ich begriffsstutzig.

»Zum Diamantina. Du kommst doch mit, Jess?«

»Nein«, antworte ich entschieden. »Und dieser Weg, von dem du sprichst, muss mehr als zweihundert Kilometer lang sein.«

»Dreihundertfünfzig«, entgegnet er grinsend und wirft mir einen Blick zu, der mich um Jahre zurückversetzt und mich denken lässt: Wenn ich nicht so verdammt müde wäre, könnte man mich überreden, auf das Dinner zu verzichten und es gegen hedonistischere Beschäftigungen einzutauschen.

»Hast du nicht manchmal das Gefühl, irgendwie festzustecken? Willst du denn niemals die Flucht ergreifen?«, fragt Brad unvermittelt und lehnt sich zurück.

»Die Flucht ergreifen? Wohin sollte ich fliehen?«

Brad zuckt mit den Schultern und reibt sich die Augen vor Müdigkeit. »Irgendwohin. Nur weg von all dem. Irgendwohin, wo das Leben einfacher, langsamer verläuft.«

»Weg von meinen Erinnerungen?«

Dieses Wort fällt ungebeten, aber ich muss diese Frage stellen. Ich muss wissen, was diesen Mann antreibt.

»Ja«, antwortet er schlicht.

»Ich könnte die Erinnerungen nie hinter mir lassen. Sie sind alles, was mir geblieben ist.«

Ich schüttle den Kopf. Eine Flucht habe ich nie in Erwägung gezogen, nicht einmal ernsthaft über mögliche Alternativen nachgedacht. Wohin sollten wir denn gehen? In irgendeine Vorstadt? In eine Kleinstadt? Zum Diamantina?

Das Buch liegt etliche Tage auf der Küchenbank. Von Zeit zu Zeit fällt mein Blick darauf, und ich habe mir vorgenommen, es durchzublättern und den Text zu lesen. Brad hat gesagt, dass in dem Buch eine Zusammenfassung der Geschichte dieser Region stehe. »Du weißt schon«, meinte er beiläufig, »da wird von den ersten Pionieren und Siedlern erzählt, von solchen Dingen.«

Er versucht, mein Interesse zu wecken, mich neugierig zu machen. Die alten Forscherinstinkte zu wecken, die in den letzten Jahren im Verborgenen geschlummert haben. Ich schlage zögerlich die erste Seite auf, dann schiebe ich das Buch weg. Nein, warnt mich eine innere Stimme. Sieh nicht hin! Lass dich nicht vereinnahmen!

Doch der Name – Diamantina – geht mir nicht mehr aus dem Kopf und blitzt in den seltsamsten Augenblicken auf.

Diamantina. Diamantina. Diamantina.

Ich spreche es leise aus, mehrmals, und mit einem Mal ist da eine Kadenz, ein Rhythmus. Es klingt fast melodisch und ist eine Wohltat für das Ohr. Weshalb, überlege ich, bleiben uns manche Namen sofort im Gedächtnis haften? Warum können sie nicht verblassen und in der Versenkung verschwinden?

Am Sonntagnachmittag nehme ich mir schließlich das Buch vor und setze mich in einen Liegestuhl unter dem Maulbeerbaum. Das Laub bewegt sich und wirft seltsame Muster auf den Rasen, meine Hände, das Buch. Für einen kurzen Augenblick schließe ich die Augen und fühle die Wärme auf meinem Gesicht. Dann atme ich tief durch, schlage das Buch auf und blättere, bis ich das entsprechende Kapitel finde.

»Das Gebiet des Diamantina rund um Winston«, lese ich laut, »wurde erst in den frühen siebziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts besiedelt. Einer der ersten Schafzüchter, Adam O’Loughlin, wurde in Newtownlimavady in Londonderry, Irland, geboren …«

KAPITEL 2

Newtownlimavady, Irland

Juli 1867

Adam O’Loughlin saß auf den Stufen vor seinem Cottage; die heiße Sonne wärmte sein Gesicht, während er seinen Tee trank. Eine Brise raschelte in dem Kartoffelacker, dessen Kraut und Blüten sich über den Hang des Hügels erstreckten. Er sah aus wie ein grünes Meer mit violetten Tupfen. Adam war noch nie am Meer gewesen, hatte nur in Büchern darüber gelesen, stellte sich aber vor, wie es aussehen könnte. Einmal hatte ihn sein Vater mit nach Londonderry genommen, das achtzehn Meilen weit weg war; dort hatte er über den Fluss Foyle geblickt und sich gefragt, wie es wohl wäre, mit einem der Schiffe, die in den Docks lagen, davonzusegeln. Wie alt mochte er damals gewesen sein? Sechs? Sieben? Ein anderer Gedanke riss ihn jäh in die Gegenwart zurück: Sein Dad war vor vier Monaten am Fieber gestorben. Und als ältester Sohn war er, Adam, nun schon mit achtzehn Jahren das Familienoberhaupt.

Er sah verdrossen auf die O’Loughlin-Felder unterhalb des Cottages; die Verantwortung lastete schwer auf seinen jungen Schultern. Der Boden seiner Farm war schlecht; die Felder und Wiesen lagen tief, und in den regnerischen Monaten verwandelten sie sich in Morast, da sie nicht einmal zureichend entwässert werden konnten. Er besaß insgesamt zehn Acres, und mehr als die Hälfte des Landes war kaum besser als Torfmoor. Rinder und Schafe hatte er längst für einen Bruchteil ihres Wertes verkauft, um den ausstehenden Pachtzins bezahlen zu können. Jetzt hatte Adam nur noch ein einziges Schwein, ein kümmerliches Tier, und drei Acres Kartoffelfelder.

»Es ist eine Schande, an einem so schönen Tag trüben Gedanken nachzuhängen«, rief jemand plötzlich neben ihm.

Seine Mutter setzte sich zu ihm auf die Stufen und legte die Hände auf ihren Bauch und das ungeborene Kind. Adam warf ihr einen Blick zu, wandte sich dann aber verlegen wieder ab. Sie war bei ihrer Hochzeit mit Dad kaum älter gewesen als er jetzt. Und heute war sie noch nicht einmal vierzig und doch schon eine alte Frau mit fast weißem Haar und vielen kleinen Falten um die Augen und den Mund.

»Woher weißt du, was ich denke?«

»Eine Mutter spürt so etwas.«

Er presste die Lippen zusammen und schaute in die Ferne. Weiß getünchte Cottages mit Strohdächern, ganz ähnlich wie seines, von mit Steinmäuerchen abgegrenzten Feldern und Weiden umgeben, waren weit in der Landschaft verstreut. Auf dem Gipfel des Hügels zur Linken stand das Farmhaus des Großgrundbesitzers. Die Böden seiner höher gelegenen Felder waren dunkel und fruchtbar, und große Schafherden – helle Pünktchen inmitten des satten Grüns – grasten friedlich auf den Weiden. Das Haus des Großgrundbesitzers erstreckte sich über den gesamten Kamm des Hügels, und die Mauern hoben sich unnatürlich weiß von den frisch bestellten Äckern ab. Der Turm in der Mitte war um eine Spur dunkler. Rechts davon markierte eine Baumlinie den Verlauf des Rivers Roe.

»Die Kartoffeln«, sagte seine Mutter. »Was meinst du, wann wir mit dem Ausgraben anfangen?«

Adam blinzelte und richtete den Blick erneut auf das O’Loughlin-Land unterhalb des Cottages. Manchmal, wenn er die Zeit fand, um hier zu sitzen, bildete er sich ein, die neuen Blätter wachsen und die Blüten aufgehen zu sehen, so schnell entwickelten sich die Pflanzen. Gott sei Dank, dachte er. Mit dem Erlös für die Ernte konnte er die halbjährliche Pacht bezahlen, die seit dem »Gale Day« im Mai fällig war, und sie konnten die eigenen Vorratsfässer wieder füllen. Zurzeit hatten sie nur die knorrige Sorte im Haus, die weit weniger schmackhaft war als die festen Feldfrüchte, die augenblicklich in der feuchten Erde wuchsen.

»In ein paar Wochen«, antwortete er mit einem Stirnrunzeln. »Vielleicht in einem Monat, wenn wir noch so lange warten können.«

Er entdeckte plötzlich zwei Gestalten, die auf dem Weg, der vom Ort herausführte, in ihre Richtung kamen. Selbst aus dieser Entfernung erkannte er sie. Einer war der Constable, ein Nachbar, den Adam schon fast sein Leben lang kannte. Er war mit den Söhnen dieses Mannes in die Schule gegangen. Der andere, der Gerichtsvollzieher mit prächtig maßgeschneidertem Rock, glänzend gewienerten Schuhen und hohem Zylinder, hüpfte vorsichtig über die Pfützen, die der Regen der letzten Nacht zurückgelassen hatte, um sich die Schuhe nicht schmutzig zu machen. Adam musste sich das Lachen verbeißen, obwohl er keineswegs erfreut war, die beiden zu sehen.

»Was ist denn daran so lustig?«, fragte seine Mutter und sah in die gleiche Richtung wie er.

»Der Geldeintreiber tanzt um die Pfützen, damit kein Schlamm an seine feinen Schuhe kommt.«

»Ich weiß nicht, warum er sich solche Mühe macht. Der Schlamm ist noch das sauberste in dieser Gegend.«

Adam beobachtete, wie die zwei Männer keuchend den Hof erreichten. Der Gerichtsvollzieher hielt Adams Mutter ein Stück Papier vor die Nase. »Mrs. O’Loughlin, nehme ich an.«

»Was ist das?«, wollte Adam wissen.

»Eine Räumungsklage. Und sagen Sie bloß nicht, Sie hätten nicht damit gerechnet!«

Adam sah seine Mutter an. Ihr Gesicht wirkte plötzlich eingefallen und noch faltiger. Sie schloss die Augen, und eine Träne löste sich aus den Wimpern. Ihre Stimme klang matt: »Womit sollen wir Sie denn bezahlen? Unsere Kartoffeln sind noch nicht erntereif, und Geld haben wir keines.«

»Klage niemandem dein Leid, der kein Mitgefühl hat!«, höhnte Adam.

»Ihnen bleibt ein Monat Zeit, die Schulden zu begleichen, oder Sie müssen das Cottage räumen«, fuhr der Gerichtsvollzieher ungerührt fort und stemmte die Arme in die Hüften.

Adam legte die Hand auf den Arm seiner Mutter, um sie zu beruhigen. »Keine Sorgen, Mam! Ich regle das.«

»Adam! Nein!«

Sie streckte protestierend die Hände aus, doch Adam achtete nicht auf seine Mutter, sondern führte sie die Stufen hinauf und machte die Haustür zu, ehe er sich zu den Männern umdrehte. »Wie Sie sehen, geht es meiner Mutter nicht gut. Sie werden mit mir verhandeln müssen.«

»Und Sie sind?«, fragte der Schuldeneintreiber streitlustig.

Die Frage war eine reine Formalität, das wusste Adam. Sie sollte ihn aus der Ruhe bringen. Im Dorf kannte jeder jeden, und der Constable hatte dem Gerichtsvollzieher ganz bestimmt auf dem langen Weg hierherauf alles Wissenswerte über die Familie O’Loughlin erzählt. Doch verdiente die Frage eine Antwort. »Adam O’Loughlin, Sohn des Hugh O’Loughlin«, erwiderte er geduldig.

»Wo ist Ihr Vater?«

»Er ist vor vier Monaten gestorben, wie Sie sicher bereits erfahren haben.«

»Unverschämt«, brummte der Gerichtsvollzieher, lauter setzte er hinzu: »Wo ist Ihr Bruder?«

»Conor?«, fragte Adam erstaunt. »Was wollen Sie von ihm?«

»Er hat sich auf den Feldern des Landbesitzers herumgetrieben. Falls irgendetwas vermisst werden sollte, wird er der Erste sein, den man verdächtigt.«

»Und was soll man da oben schon vermissen?«, spottete Adam mit einem Blick auf das riesige Haus.

»Vorräte zum Beispiel?«

»Bezichtigen Sie meinen Bruder des Diebstahls?«

»Ich habe nur Anweisung, die Räumungsklage zu überbringen. Sie ist vom Magistrat geprüft und unterzeichnet worden. Dem Landbesitzer ist es gleichgültig, ob Ihre Mutter auf dem Sterbebett liegt oder Ihre Kartoffeln die Fäule haben. Er will einfach nur sein Geld. Ihnen bleiben dreißig Tage, um den ausstehenden Pachtzins aufzubringen, sonst …«

»Sonst was?«

Der Gerichtsvollzieher zuckte hochmütig mit den Achseln – dabei zog er die Schultern übertrieben hoch und ließ sie schnell wieder sinken – und machte sich davon.

Der Constable wandte sich jetzt Adam zu: »Tut mir Leid, Junge«, sagte er. »Ich hab damit nichts zu tun.« Er nickte mitfühlend und trat unbehaglich von einem Fuß auf den anderen, ohne Adams Blick zu begegnen.

Adam sah ihn scharf an, dann drehte er sich weg und beobachtete, wie der Geldeintreiber in Richtung Dorf stapfte. »Sie sollten auch besser gehen«, sagte er zu dem Constable, ging ins Haus und machte die Tür zu. Die kühle Luft in dem kleinen Steincottage hüllte ihn ein, und er schauderte.

»Das war’s also, wie? Das ist das Ende.«

Seine Mutter saß auf einem Stuhl neben dem Fenster. Adam konnte nur ihre Silhouette, nicht aber ihr Gesicht vor dem hellen blauen Himmel erkennen. Ihm fiel jedoch ihre stolze Kopfhaltung auf, das nach vorn gereckte Kinn und der gewölbte Bauch unter der Schürze.

»Sie haben nach Conor gefragt«, sagte er ausdruckslos.

»Conor?« Sie drehte ihm abrupt das Gesicht zu, und er sah, wie ihr Mund das O formte. »Was wollen sie von ihm?«

»Der Geldeintreiber meint, er hätte an Plätzen herumgelungert, an denen er nichts zu suchen hat.«

Sie verschränkte die Arme vor der Brust und senkte niedergeschlagen den Kopf. »Dieser Junge ist noch mal mein Tod.«

»Da wir gerade von Conor sprechen – weißt du, wo er ist? Ich habe ihn seit Tagen nicht zu Gesicht bekommen.«

Sie erhob sich schweigend und nahm den Besen, der an seinem Platz neben dem Herd stand. Mit kurzen, gleichmäßigen Strichen fegte sie das Stroh über den irdenen Boden und den unsichtbaren Staub in Richtung Tür, wie es der Aberglaube diktierte.

Adam spürte, wie Ärger in ihm aufstieg. Verdammter Conor, dachte er, er macht Mutter Kummer, wenn sie es am wenigsten braucht. Hat sie nicht schon genug Sorgen wegen dieser Räumungsklage und der Aussicht, bald noch ein Maul mehr füttern zu müssen? Es ist bereits Juli, und das Kind soll schon Ende August auf die Welt kommen. Die Kartoffelernte steht bevor, und es wird nicht genügend Helfer geben, wenn sich Mutter um den Säugling kümmern muss und Conor wie üblich durch die Gegend streunt.

Adam dachte an das ungeborene Kind, Hugh O’Loughlins letztes Vermächtnis vor seinem vorzeitigen Tod. Es würde seinen Vater nie kennen lernen und hatte nicht darum gebeten, in diese Armut geboren zu werden. Es wäre besser für den armen Wurm, wenn er bei der Geburt stürbe, ging es Adam durch den Kopf, doch gleich darauf schämte er sich für diesen Gedanken.

»Verdammter Conor!«, explodierte er und richtete seine Wut auf den eigentlichen, wenn auch abwesenden Missetäter.«

»Adam!« Sichtlich erschrocken stützte sich die Mutter auf den Besen und sah ihren Erstgeborenen fassungslos an.

»Wann hörst du endlich auf, ihn in Schutz zu nehmen?«

Er starrte sie einen Augenblick lang an, und als ihm klar wurde, dass er keine Antwort erhalten würde, schnappte sich Adam seinen Hut, der am Haken an der Tür hing, setzte ihn auf und stürmte hinaus.

Adam lief bis zum oberen Ende der Dorfstraße. Es war später Nachmittag, und er begegnete keiner Menschenseele. Ein paar Kühe standen im Schatten des Kastanienbaumes auf dem Marktplatz. Sie drehten ihm die Köpfe zu, als er vorbeikam, und sahen ihm nach. Hinter den obersten Ästen des Baumes ragte in der Ferne der Benevenagh Mountain empor. Der Gipfel war wolkenverhangen.

Woher kam diese Wolke? Der Morgen war schön und ohne jeden Vorboten von Regen gewesen, und trotzdem konnte man wie gestern und vorgestern ein leises Donnergrollen aus Richtung der Berge vernehmen. Adam lauschte mit gerunzelter Stirn, dann verdrängte er den Gedanken an ein nahendes Gewitter und beschäftigte sich wieder mit dem Grund für seinen Besuch im Dorf.

Wo steckte Conor? Es stimmte, was Adam vorhin zu seiner Mutter gesagt hatte: Von dem Jungen war seit Tagen keine Spur zu sehen gewesen. Seit dem Tod des Vaters schien sein sechzehnjähriger Bruder nach eigenen Regeln zu leben und kam und ging, wie es ihm gefiel.

Die Szene vom Morgen im Cottage stand ihm wieder vor Augen. Sein Blick verdüsterte sich bei dem Gedanken an seine Mutter und daran, wie vehement, fast gewaltsam sie den Besen über den Boden geschwungen hatte, nachdem der Name ihres Sohnes gefallen war. War sie wütend auf Conor oder auf den Gerichtsvollzieher, der kurz zuvor auf ihrer Schwelle aufgetaucht war und Geld gefordert hatte? Vielleicht ärgerte sie sich auch darüber, dass ihr Kartoffelvorrat zur Neige ging und sie bald noch einen weiteren O’Loughlin-Sprössling zu versorgen hatte.

Adam seufzte – er konnte es nicht völlig nachvollziehen. Er bog nach rechts in die Catherine Street ein und lief in Richtung Fluss.

Am Ufer des Roe war es kühl. Gesprenkeltes Licht fiel auf das Gras. Das Wasser plätscherte braun und schäumend über die Steine. Adam glaubte einen schillernden Lachs zu sehen, ein kurzes Aufblitzen von Schuppen und der Schwanzflosse.

Gedankenversunken schlenderte er über den Uferweg. Hier und da hingen Äste tief über dem Fluss; das Laub berührte fast die Wasseroberfläche. Hoch über Adams Kopf flogen blaue gefiederte Eisvögel. Die Brücke war halb im Schatten der Bäume verborgen. Adam lehnte sich über das Geländer und betrachtete versonnen das Wasser, das unter ihm floss.

In gewisser Hinsicht war er den Fischen im Wasser nicht unähnlich. Ein Strom riss ihn mit und führte ihn in eine Richtung, die er freiwillig nicht eingeschlagen hätte. Fast wäre er lieber einer der Fische gewesen, die stromabwärts zum Loch Foyle schwammen. Doch dann musste er an das weit entfernte Watt denken, das Lebensraum für viele Vogelarten war, und unterdrückte ein Lächeln.

Der Lachs, den er gerade beobachtet hatte, könnte durchaus, wenn es das Schicksal wollte, auf einer Platte für das Abendessen des Landbesitzers enden. Oder als Festschmaus für eine kräftige Möwe.

Er versuchte, seine Gedanken auf die Zukunft zu richten. Wo würde er in zehn Jahren sein? Wäre er dann verheiratet? Würde er noch eine Familie gründen, die in der Armut Irlands ihr Leben fristen müsste? Sich abmühen, um dem Land, das einst seinem Vater und davor seinem Großvater gehört hatte, einen kargen Lebensunterhalt abzutrotzen? Ganz bestimmt, dachte er, gibt es mehr im Leben, als Kartoffeln anzubauen und Torf zu stechen, in der Scheune zu lagern, bis er trocken genug war, um verheizt zu werden. Und wenn die Torfvorkommen versiegten, was dann? Blieb dann nur noch das Arbeitshaus?

Er hob den Kopf, als ein Blitz hinter den Bäumen aufflammte. Der Himmel hatte sich verdunkelt, die Luft war kälter geworden. Adam schauderte und zog den Rock fester um sich, als er die Brücke verließ.

Der Uferweg führte weiter nach Carrick. Auf der Wiese zu Adams Rechten blühten Glockenblumen, die einen leuchtenden Teppich bildeten. Zwischen all dem Blau wuchs da und dort ein Stechginsterbusch mit gelben Blüten. Ein Stück weiter direkt am Fluss stand die Mühle mit dem großen Kornspeicher. Eine Zeit lang sah Adam zu, wie das Wasser das Mühlrad antrieb.

Aus den Augenwinkeln nahm er eine Bewegung auf der Wiese wahr. »Conor?«, rief er und sah sich aufmerksam um. Eine dunkle Gestalt lief quer über die Wiese davon. Die Entfernung war so groß, dass er nicht erkennen konnte, wer es war, aber die Schuppen eines Lachses blitzten im Licht auf. Ein Wilderer, dachte er.

Wieder grollte ein Donner, und Adam sah zurück zum Benevenagh Mountain. Ganz langsam rollten Wolken die Hänge hinab und sammelten sich in den Tälern. Die Vögel in den Bäumen waren ungewöhnlich still. Kein Lüftchen regte sich.

Adam zog die Schultern hoch, um sich gegen die Kälte zu wappnen, und machte sich auf den Heimweg. Die Arbeit wartete auf ihn, und er hatte ohnehin schon zu viel Zeit mit der Suche nach seinem Bruder verschwendet. Irgendwann, wenn er Hunger hatte und sich nach einem weichen Bett sehnte, würde der Junge schon nach Hause kommen. Dann hatte Adam immer noch Gelegenheit, ihm die Leviten zu lesen, auch wenn Ermahnungen bei Conor überhaupt nichts fruchteten.

Wieder ging er am Fluss entlang, durchs Dorf an den Kühen auf dem Marktplatz vorbei und den schlammigen Weg hinauf zum O’Loughlin-Cottage, und die ganze Zeit behielt er den Nebel im Auge, der sich über das Land wälzte und sich dick auf der feuchten Erde absetzte. Als er endlich seine eigenen Felder erreichte, sah Adam, dass sich etwas pudrig Weißes auch über die Kartoffelpflanzen gelegt hatte, hart und kalt wie Reif.

»Man erzählt sich im Dorf, dass in dieser Woche bei zwei Familien die Zwangsräumung vollstreckt worden sei«, berichtete seine Mutter später, als sie die Schalen mit Salz und Senf in die Mitte des Tisches und die Becher mit der Buttermilch neben die Teller stellte.

Wie immer zum Abendessen gab es Kartoffeln, von denen der Dampf aufstieg und von einem Luftzug nach oben gesogen wurde. Die dunkle Schale sah runzlig in dem trüben Licht aus. Adam dachte an seine Felder unterhalb des Cottages, an das grüne Kraut und die violetten Blüten. »Uns wird das nicht passieren«, sagte er. »Das Glück ist mit uns.«

Seine Mutter zündete die Kerzen an, stellte sie neben die Schüssel mit den Kartoffeln und bekreuzigte sich. Sie fuhr sich dabei mit ruckartigen Bewegungen über die Brust und den angeschwollenen Bauch. Der Kerzenschein vertrieb die Schatten in die Winkel des Raumes und tanzte an den Wänden. »Heute mag uns das Glück hold sein, doch schon morgen kann sich das Blatt wenden«, erklärte sie düster.

Der Tisch war auch für Conor – mit einem Teller und einem Becher Buttermilch – gedeckt, aber von dem Jungen war weit und breit nichts zu sehen. Adam nahm sich die oberste Kartoffel, pellte die Schale mit dem Daumennagel ab und tunkte die Knolle ins Salz. Plötzlich ging die Tür auf, und Adam zuckte erschrocken zusammen. Es war Conor.

»Wo warst du? Ich hätte heute deine Hilfe gut brauchen können, als ich das Wagenrad geflickt habe.«

Im Licht der Kerzen sah man nur Conors große, dunkle Augen und sein geheimnisvolles Lächeln. »Ich war unterwegs«, antwortete er knapp.

»Iss!«, befahl seine Mutter und schob ihrem jüngeren Sohn die Schüssel mit den Kartoffeln zu. Conor ließ sich auf den Stuhl fallen, nahm sich eine Kartoffel und ließ sie zwischen den Fingern Slalom tanzen. Vor und zurück – so schnell, dass die heiße Schale kaum seine Haut berührte. Adam war wie hypnotisiert von dieser Fingerfertigkeit.

»Der Schuldeneintreiber war heute hier«, sagte er schließlich.

Verachtung schwang in Conors Stimme mit, als er fragte: »Was wollte der denn?«

Adams Zorn loderte so sehr, dass es ihm für einen Moment die Sprache verschlug.

Ihre Mutter schob den Teller von sich und sah ihren jüngeren Sohn an. So leise, dass sie kaum das Zischen des Feuers übertönte, sagte sie: »Die Pacht und die Steuern sind zu zahlen, und wir haben kaum noch Kartoffeln im Fass. Gott der Allmächtige möge verhüten, dass wir verhungern müssen. Diese Farm ist alles, was uns noch geblieben ist. Wenn wir sie verlieren, können wir uns genauso gut hinlegen und sterben.«

Adam betrachtete ihr Gesicht, der Schein vom Feuer flackerte auf ihren Zügen. Erschöpft und matt, das war sie. Am liebsten hätte Adam seine Mutter in die Arme geschlossen und ihr versichert, dass alles wieder gut würde, dass sie es schon irgendwie schaffen würden. Doch ihre harte Miene und die verschränkten Arme wirkten wie eine Barriere auf ihn, und die Worte blieben unausgesprochen.

»Sag das nicht!«, sprudelte es aus ihm heraus. »Sag das nie wieder!« Conor lachte volltönend. Adam funkelte seinen Bruder an und rief: »Lieber Himmel, ich kann die Arbeit nicht ganz allein machen! Ich brauche deine Hilfe!«

»Ich bin kein Farmer.« Conor ließ die Kartoffel fallen, sprang auf und stützte die Handflächen auf den Tisch. »Und der Landbesitzer kann sehr gut eine Weile auf sein Geld warten. Was will er denn sonst mit diesem Land anfangen?«

»Er will uns von hier vertreiben, um aus unseren Feldern Weiden für seine Schafe zu machen.«

»Wolle für England!«, schnaubte Conor geringschätzig.

»Mag sein, aber wir können nichts dagegen unternehmen. Ich bitte dich lediglich um ein wenig Unterstützung. Wir erreichen überhaupt nichts, wenn wir streiten.«

»Da ist noch das Schwein«, schlug die Mutter zaghaft vor. »Vielleicht können wir auf dem Markt ein paar Schilling dafür bekommen.«

Adam schob seinen Teller beiseite und erhob sich. Ihm war der Hunger gründlich vergangen. Der Widerspruch stieg ihm wie Galle in die Kehle. »Es ist nicht fett genug! In ein oder zwei Monaten bringt es viel mehr Geld ein. Bis dahin können wir es gut noch behalten.«

Ein Lächeln spielte um Conors Lippen. »Es ist nicht nötig, das Schwein zu verkaufen. Es gibt andere Möglichkeiten.«

»Und welche?«

Conor zuckte mit den Schultern, setzte sich wieder hin und nahm die Kartoffel in die Hand. Er konzentrierte sich voll und ganz darauf, die Schale abzuziehen, und schenkte Adam keinerlei Beachtung. Er biss in die dampfende Frucht, und erst dann antwortete er lässig: »Das kann ich nicht sagen. Je weniger ihr davon wisst, du und Mam, umso besser.«

Aufgebracht nahm Adam seinen Teller und brachte ihn zum Spülbecken – er hatte keine Lust mehr, sich noch länger im selben Raum mit seinem Bruder aufzuhalten. Plötzlich fiel ihm jedoch das Schillern von Schuppen auf, und er konnte es nicht fassen.

Zwei Lachse lagen auf einem Tablett; die dunklen, glasigen Augen starrten auf einen Punkt jenseits der Zimmerdecke.

KAPITEL 3

Nach dem Essen holte Adam ein Buch aus dem Schrank – er konnte unter sechs Büchern auswählen, die ihm der Dorfschullehrer vor Jahren geschenkt hatte. Er entschied sich für einen Band mit Gedichten, die er zum größten Teil schon auswendig konnte, und setzte sich neben das Feuer.

Bedächtig blätterte er in dem Buch, war jedoch in Gedanken nicht bei der Sache. Immer wieder ließ er die Ereignisse des Morgens und den Wortwechsel mit dem Gerichtsvollzieher Revue passieren und erinnerte sich daran, dass er anschließend in die Küche gegangen war, das Kartoffelfass geöffnet und gerechnet hatte, wie lange der Vorrat wohl noch reichen würde. Anderthalb Wochen, höchstens zwei, wenn sie sich einschränkten. Und dann? Das Schwein für ein paar lausige Schilling verkaufen, mit denen sie sich noch einige Wochen über Wasser halten und das Unausweichliche hinausschieben könnten?

Die Zukunft erstreckte sich vor ihm wie ein dunkler, endloser Tunnel. Adam wollte aber nicht darüber nachdenken. Er schlug das Buch zu und stützte das Kinn in die Hände – er wusste nicht mehr weiter. Als er am Nachmittag im Dorf gewesen war, hatte Adam etliche Geschichten von Leuten gehört, denen es genauso erging wie ihnen. »Den O’Malleys wurde die Pacht gekündigt«, hatte einer der Farmer erzählt. »Wenn das so weitergeht, ist das Dorf im kommenden Winter ausgestorben.«

Abgesehen von dem knisternden Feuer im Kamin und den Holzscheiten, die auf den Rost fielen, war alles still. Mam war nach dem Essen zu Bett gegangen, und Conor hatte sich auf und davon gemacht. Adam starrte betrübt in die Flammen. Müde lehnte er den Kopf an die Sessellehne und schloss die Augen. Er spürte, wie sich der Schlaf, eine dunkle, formlose und erstaunlich warme Masse, über ihn senkte. Er wehrte sich nicht dagegen und ließ sich bereitwillig von seinen Sorgen ablenken.

»Heilige Maria, Mutter Gottes!«

Der Schrei drang in sein Bewusstsein und verschmolz mit den Resten eines Traums. Worte verwoben sich mit Bildern, während Adam sich mühsam durch die verschiedenen Phasen des Schlafes kämpfte.

»Adam! Adam!«

Er blinzelte, wusste im ersten Moment nicht, wo er war, und drehte den Kopf in die Richtung, aus der die Geräusche kamen.

»Mam?« Das Wort kam ihm schwer über die Lippen. Sein Kopf war schwer und fühlte sich an, als wäre er mit Watte gefüllt. Adam machte kurz die Augen zu und öffnete sie wieder – vielleicht war das alles noch Teil seines Albtraumes.

»Adam!« Wieder dieser Schrei, schwach, aber eindringlich.

Das Feuer war längst erloschen; auf dem Rost lag nur noch glühende Asche, und die Kälte biss förmlich in Adams Füße, als er sie auf den Boden stellte. Mit klopfendem Herzen lief er zu dem Durchgang vor der Kammer seiner Mutter und schob den Vorhang beiseite.

Sie saß im Bett, mit zerzaustem Haar, und hatte die Arme um die unter der Decke angezogenen Knie geschlungen. Die trübe Öllampe beleuchtete ihr blasses, schmerzverzerrtes Gesicht. Schweißperlen glänzten auf ihrer Stirn.

»Was ist?«, fragte er benommen. »Ist es das Baby?«

»Ja.« Sie nickte und kniff für einen Moment die Augen zu. Adam sah, dass sich ihre Brust unter dem Nachthemd heftig hob und senkte, als hätte seine Mutter Mühe, Luft zu bekommen. »Hol Mrs. Mullins! Sag ihr, dass ich sie gleich jetzt brauche!«

Adam stolperte zum zweiten Mal an diesem Tag den Weg entlang zum Dorf. Am klaren Himmel funkelten Millionen Sterne. Irgendwoher war das Heulen eines Hundes zu hören, das vom Wind weitergetragen wurde und Adam quälte. Die Verzweiflung trieb ihn an, als er auf die Häuser mit den erleuchteten Fenstern zulief und seine Stiefel an die Steine stießen.

Einmal stolperte er und stürzte so schwer, dass er sich das Schienbein unter der Hose aufschürfte. Er scherte sich jedoch nicht um seine Verletzung. Seine einzige Sorge galt der Mutter, und er hoffte inständig, dass sie sich allein zurechtfand – verflucht sei Conor, weil er am Abend das Haus verlassen hatte – und das Kind gesund auf die Welt kam. Als er das Dorf endlich erreichte, hämmerte Adam an die Tür der Familie Mullins, bis der alte Mr. Mullins aufmachte und grummelte: »Schon gut, Junge! Du brauchst nicht gleich das ganze Haus einzureißen!«

Später saß Adam auf den Stufen vor seinem Cottage, während sich die Hebamme um seine Mutter kümmerte, und verschloss die Ohren gegen das Ächzen und Stöhnen, das aus dem Haus drang. So musste es vor achtzehn Jahren bei seiner eigenen Geburt gewesen sein; sein Vater hatte auf denselben Stufen gesessen oder war besorgt in der Küche auf und ab gegangen.

Adam musste an die Säuglinge denken, die nach Conor geboren wurden. Es waren fünf gewesen, und keines hatte länger als ein paar Monate gelebt. Liam und Michael. Patrick. Und die Zwillinge Grace und Mary. Er erinnerte sich an ihr jämmerliches Weinen und an die traurige Stille im Cottage, nachdem ihre kleinen leblosen Körper in ein namenloses Grab auf dem Friedhof hinter der Kirche gesenkt worden waren.

Adam hob den Kopf und überblickte das im Dunkel liegende O’Loughlin-Land und grübelte wieder über die Sinnlosigkeit seiner Mühen nach. Wenn die Mutter das Kindbett hinter sich hatte, sollten sie vielleicht von hier weggehen und sich einen Platz suchen, an dem sie besser leben konnten. Es musste etwas Besseres geben als dies. Wozu sollten sie sich sonst woanders ansiedeln?

Erschöpft drückte er die Stirn an seine Knie. Möglicherweise schlief er sogar ein – er wusste es selbst nicht; jedenfalls erhellte schon das erste Tageslicht den östlichen Himmel, als die Hebamme die Haustür öffnete und den Kopf ratlos schüttelte. »Ein Junge«, sagte sie kurz angebunden, »er hat nicht ein einziges Mal geatmet.«

»Wie geht es Mam?«

Mrs. Mullins schüttelte wieder den Kopf. »Sie braucht einen Doktor.«

Conor kam nach Hause, gerade als der Arzt das Zimmer ihrer Mutter verließ. »Da kann ich nur wenig tun«, sagte der Arzt beim Händewaschen. »Sie braucht gute Nahrung, insbesondere Fleisch, um wieder zu Kräften zu kommen, und eine Medizin, wenn sie eine Chance haben soll. Aber der einzige Apotheker in der Stadt hat seinen Laden geschlossen.«

»Wir haben kein Fleisch«, gab Adam zu bedenken. »Und auch kein Geld. Ich weiß nicht, wie wir Sie bezahlen sollen.«

Der Doktor zuckte mit den Achseln und nahm seinen Hut und die Tasche. Die Hälfte der Dorfbewohner schuldete dem Mann Geld für seine Dienste.

»Fleisch! In den Gewässern des Landbesitzers gibt es jede Menge Lachse und Forellen und mehr Wild in seinen Wäldern und auf seinen Wiesen, als er essen kann«, sagte Conor verbittert. »Aber nur die hohen Herren dürfen sich bedienen, während wir Hunger leiden müssen.«

»Lass das nicht die falschen Leute hören, mein Junge!«, warnte der Doktor.

Conor schlug sich mit der Faust in die Handfläche. »Das wäre mir gleichgültig!«, schrie er und machte einen Satz zur Tür. »Ich hasse die Engländer! Wir mästen Schweine für ihre Tische und haben selbst nur Kartoffeln zu essen. Ich hole Fleisch für Mam, selbst wenn es mich das Leben kostet!«

»Das darfst du nicht. Du wirst erwischt und ins Gefängnis geworfen. Ein Verbrecher. Was würde Mam …«

Doch Conor war bereits weg und schlug die Tür hinter sich zu.

Nachdem der Arzt gegangen war, blieb Adam auf der Schwelle zur Kammer seiner Mutter stehen. Diese lag im Bett und hatte das Gesicht zur Wand gedreht. »Mam?«, begann er.

Sie gab keine Antwort.

Adam ging zum Fußende des Bettes, nahm das in Tücher gewickelte Bündel auf den Arm und zog den Stoff ein wenig zur Seite, um das tote Kind zu betrachten. Die winzige Stupsnase. Die weit geöffneten Augen. Die schlaffen Ärmchen.

Seine Mutter bewegte sich und sah ihn teilnahmslos aus dunklen, tief liegenden Augen an. »Tu, was du tun musst!«, flüsterte sie heiser.

Er wandte sich ab, weil er ihren Blick nicht ertragen konnte und nicht wusste, was er sagen sollte. Gab es überhaupt Worte, die ihren Schmerz lindern konnten? »Es tut mir Leid«, sagte er schließlich.

»Ja, es tut dir Leid.«

»Ich kann nichts ändern, obwohl ich alles dafür geben würde.«

»Ja.«

Ihre Stimme klang so hoffnungslos und verzweifelt, dass Adam kurz überlegte, ob sie Trost bei ihm suchte. Er drehte sich weg von ihr und zog das Tuch über den kleinen Leichnam. »Wir haben kein Geld für ein richtiges Begräbnis«, sagte er. »Ich hebe eine Grube am Rand des hinteren Feldes aus.«

Im Freien wischte er sich die Tränen der Wut aus den Augen, nahm den Spaten und stieß ihn tief in den Boden. Zornig schaufelte er die dunkle, torfige Erde zur Seite und hob eine tiefe Grube aus, weil er hoffte, dass, so Gott wollte, im nächsten Jahr genau an dieser Stelle wieder Kartoffelpflanzen wuchsen und alle Hinweise auf sein heutiges Werk überdeckten.

Er legte das tote Kind in die Grube und hielt einen Augenblick inne. Es fiel ihm schwer, den Rest seiner Pflicht zu erfüllen. Er richtet den Blick in den Himmel und dachte unglücklich: Dies ist mein Bruder, das letzte Kind meiner Eltern. Es kann nie wieder eines geben.

Die Verzweiflung gewann die Oberhand und erstickte alle Vernunft. Adam malte sich aus, was alles hätte sein können …

Wenn sein Vater noch am Leben wäre …

Wenn die Ernte schon eingebracht wäre …

Wenn er nur fruchtbares Land hätte statt der kargen Felder …

»Wenn, wenn, wenn!«, murrte er ärgerlich und warf eine Schaufel voll Erde in das Grab. Wenn es einen Gott gab, dann hatte er die O’Loughlins verlassen.

»Es ist nicht gerecht!«, schrie er und schaufelte verbissen. Er wollte nur noch schnell fertig werden und weg von diesem traurigen Ort.

Den Rest des Tages verbrachte er damit, seine Mutter, so gut er konnte, zu versorgen. Er brachte ihr Wasser und bot ihr ein paar Bissen Kartoffeln an, doch meistens lehnte sie ab. Er trug die blutigen Tücher aus dem Zimmer, warf sie ins Feuer und gab ihr frische. Die Blutungen machten ihm Angst, und sie schienen kein Ende zu nehmen. Im Gegenteil – sie wurden immer stärker. War das noch normal? Seine Mam mochte er nicht fragen, weil er sie nicht unnötig beunruhigen und seine männliche Unwissenheit nicht zeigen wollte.

Als die Nacht hereinbrach, setzte er sich wieder vors Feuer, lauschte dem röchelnden Atem seiner Mutter im angrenzenden Raum. Er zählte die Sekunden zwischen den Atemzügen. Was konnte er bloß tun? Wenn doch nur Conor nach Hause käme, dann hätte er wenigstens jemanden, mit dem er reden könnte.

Seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit, in seine Kindheit. Ist jemals etwas wirklich Schönes geschehen?, fragte er sich und dachte an seinen Vater, an seinen von harter Arbeit und Nahrungsmangel ausgezehrten Körper –, an die toten Säuglinge und das armselige Land, das sie bestellten. Aber konnte er sich ernsthaft beklagen? In vielerlei Hinsicht war das Leben gar nicht so schlecht gewesen. Ja, in einigen Wintern hatte er keine Schuhe gehabt, aber richtig hungern musste er nie. Und die Liebe seiner Eltern war ihm immer sicher gewesen, er hatte ein trockenes Bett und ein Feuer wie dieses gehabt, an dem er sich wärmen konnte.

Gegen Mitternacht brachte er seiner Mutter noch einmal Wasser.

»Adam«, wisperte sie und schob das Glas von sich. Ihre Stimme war so schwach, dass sich Adam nah zu ihr beugen musste, um sie zu verstehen. Im Halbdunkel fasste er nach ihrer Hand und hielt sie fest. Ihre Haut war kalt und trocken.

»Ja, Mam.«

»Es geht zu Ende mit mir.«

»Nein!«

Das Wort brach aus ihm heraus. Er hörte, wie es in den schäbigen vier Wänden vibrierte, bis es zu einem ohrenbetäubenden Laut wurde.

»Wofür sollte ich am Leben bleiben?«, fragte seine Mutter matt. »Ich bin es leid, Sohn. Es muss einen schöneren Ort geben. Dein Dad ist nicht mehr da, und so viele Kinder sind gestorben. Nur noch du und Conor seid übrig.«

»Dann lebe für uns!«

»Ihr seid schon fast Männer. Ich wäre nur eine Last für euch.«

»Niemals!«

»Du musst mir versprechen«, fuhr sie im Flüsterton fort, als hätte sie seinen Protestschrei nicht gehört, »dass du dich um Conor kümmerst und ihr beide von hier fortgeht. Hier erwartet euch nur Leid und Kummer.«

Sie entzog ihm ihre Hand und drehte unbeholfen an ihrem Ehering.

»Nicht, Mam«, erwiderte Adam erschrocken.

Der Ring ließ sich leicht von dem dürren Finger abziehen, und die Mutter legte ihn in Adams Hand. Er starrte den im Schein der Öllampe matt glänzenden Ring an und wusste nicht, was er sagen sollte.

»Nimm ihn und verkauf ihn, wenn ich nicht mehr bin! Du wirst nicht viel dafür bekommen, aber es reicht sicher, um von hier wegzukommen.«

Wo war Conor? Diese Frage brannte ihm auf der Seele. Sein Bruder sollte hier sein, am Bett seiner Mutter, und diese Bürde gemeinsam mit Adam tragen. Wenn ich nicht mehr bin … Mam fühlte, dass sie im Sterben lag, aber Adam konnte diesen Gedanken nicht ertragen. Er stand auf, schloss die Finger um den Ring und widerstand dem Drang, ihn ins Feuer zu werfen. Tränen brannten zum zweiten Mal an diesem Tag in seinen Augen, und er schluckte sie hinunter. »Ja, Mam«, sagte er, weil er wusste, dass sie es hören wollte.

Conor streifte bei Mondschein über Wiesen und Felder, schäumend vor Zorn. Er war wütend auf die englischen Landbesitzer, die sich verschworen hatten, den Iren alles zu nehmen, auf seinen Vater, der sich zur Unzeit einfach davongemacht hatte und gestorben war, und auf Adam und seine scheinheilige Art.

Er ging am Fluss entlang bis zur Brücke, lehnte sich über die Brüstung und beobachtete das strudelnde Wasser. Es wäre so leicht, mit dem Strom davonzuschwimmen und nicht mehr zurückzuschauen, dachte er, aber dann erinnerte er sich an seine Mutter und an das, was der Doktor gesagt hatte. Ihm wurde wieder bewusst, weshalb er aus dem Cottage gelaufen war.