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Mittelfeind ist Lehrer an einem Wiener Gymnasium. Er leidet sichtbar an gekränktem Narzissmus mit psychopatischen Zügen. In seinem Wunsch, sich vor der äußeren Welt zu verkriechen, hat er ein Schlupfloch im Zeichensaal gefunden, aus der ihn ein weiblicher Eindringling eines Tages hinausholt. Zaghaft und voller Zweifel unternimmt er kleine Schritte, zwei vor, drei zurück und traut sich schlussendlich ins Leben hinaus, welches durch die Unterweisung seiner spirituellen Kundalini-Meisterin eine menschliche Note gewinnt. Im Moment, als er seinen Weg unterbricht, um in seine Vergangenheit zurückzukehren, bricht sein ganzes psychisches Dilemma aus ihm heraus, er flüchtet in eine Angst-Therapie und lernt simultan in Gesellschaft von Zigeunern im Park vor seinem Haustor, was die Offenheit des Herzens erreichen kann. Am Ende begegnet er zufällig wieder der Person, die alles ins Rollen brachte und bekennt sich zu sich selbst.
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Seitenzahl: 364
Veröffentlichungsjahr: 2021
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Natascha Rubia
Der EIndringling
Menschwerdung eines Psychopaten
Dieses ebook wurde erstellt bei
Inhaltsverzeichnis
Titel
Der Eindringling
Impressum:
1. Kapitel: Meine Schule
2. Kapitel: Besuch
3. Kapitel: Annäherung
4. Kapitel: Musikverein
5. Kapitel: Bacherpark
6. Kapitel: Türkenschanzpark & Schach
7. Kapitel: Vorfreude
8. Kapitel: Porgy & Santu Espiritu
9. Kapitel: Neuordnung Familie
10.Kapitel: Santa Croce
11. Kapitel: Höhle
12. Kapitel: An der Donau
13. Kapitel: Zu Zweit
14. Kapitel: Ausflug Lobau
15. Kapitel: Krankheit
16. Kapitel: Wiederkehr Bacherpark
17. Kapitel: Zigeunerfest
DECKBLATT
Autorenvita
Exposé
Impressum neobooks
Menschwerdung eines Psychopathen
von
Natascha Rubia
ISBN:
Verleger:
Rechtinhaber: Mag. Natascha Rubia
Copyright:
Sprache: German
Land:
Ausgabe: Erste Ausgabe
Natascha Rubia ist polnisch-jüdisch-französisch-spanischer Herkunft, war nach dem Studium von Wirtschaft, Jus, Russisch Dolmetsch und einem Wiener Post-Graduate in Wirtschaftsjournalismus fünfzehn Jahre Redakteurin bei deutschsprachigen Tageszeitungen, Magazinen, Radio und Fernsehen. Die investigative Journalistin hat seit 20 Jahren eine Firma für PR/Events und tritt auf weltweiten Bühnen auf. Nach unzähligen Artikeln, Dokus und zwei englischen Scripts für Kriegsfilme ist dies ihr erster Roman.
Sie war in jedem Sinne ein Eindringling.
Dabei war es meine Schule, seit 21 Jahren. Tag für Tag fuhr ich märthyrergleich mit dem Rad hierher, zum Eiszapfen gefroren im Winter, oder angenehm durchweht während der glühenden Asphalthitze des Wiener Sommers. Abgeschottet durch den Fahrtwind, der mich stets trennte von der Stadt und ihren Massen, die ich vermied, von denen ich mich um jeden Preis abzugrenzen suchte. Natürlich vorschriftsgemäß, wie es sich für einen ordentlichen Gymnasialprofessor gehörte, nicht auf offener Strasse, sondern am Radweg, mit Abblendleuchte in den Abendstunden. Bei jeder roten Ampel hielt ich an und stieg ab. Pflichtbewußt jedem Angriff, jeder möglichen Kritik von aussen ausweichend, in mich gekehrt, gleichsam nur mit dem Fahrrad verschmolzen. Eisen zu Eisen, Stahl zu Stahl. Verschwitzt von innen – nach außen verkühlt, erklomm ich auch an diesem Spätwintertag als Werklehrer um zehn vor acht, wie immer umsichtig geduckt, Allem um mich gewahr und jederzeit bereit, zu Metall zurückzuschmelzen, die alte Steinstiege des Barockgebäudes, das wie ein Spukschloss anmutete, in dem die Kinder wohl – mochte man glauben – Zaubersprüche und Druidenrezepte, nicht aber Vokabeln des Lateins lernten.
Mein rotes, wohl hundert Mal repariertes “Puch Sprint” Rad mit seinen alten, weissen Kautschuk-Reifen kettete ich unten mit einer langen, schwer rasselnden Eisenkette an den Abstellplatz. Der alte Drahtesel – mein zweites Ich – war jetzt gefesselt und alleine. Beide waren wir abgeschottet gegen jede Eindringlinge in unsere Welt. Doch während das Rad unbewegt der herankommenden Kindermeute harrte, glitt ich unter dem unsichtbaren Schutzmantel meines Eigendünkels geräuschlos wie ein Gespenst die Stufen unter gotischen Rundbögen hinauf. Das Haus war historisch, steinern und aromalos. Der einzige Scent war die Duftnote: “Lord of Mischief” von “Gorilla” – mein unverwechselbares Parfum. Ein Riese im Urwald – in dieses Geschöpf sollte ich mich verwandeln, sobald der Gong läutete, ich den Umhang abwarf und mich sechs Stunden lang vor bis zu 32 wohlstandsverwahrlosten Schulpflichtigen zum Affen machte.
Behende sprintete ich die weite Stein-Treppe hinauf, mich umwendend, nach allen Seiten schielend, ob sich jemand verborgen hielt, welcher mich ablenken konnte. Die Stirn in Falten gelegt, den Hals mißtrauisch gereckt, prüfte ich mein Revier – nicht mit strengen Aufseheraugen, sondern sträflingshaft ängstlich, bedächtig, kontrollierend, jeder Ohrfeige ausweichend. Wie oft machten sie sich lustig, die Kinder? Die ungezogenen Bälger sekierten, lachten hinter des Lehrers Rücken, kicherten hinterhältig in die verdeckte Hand zu ihrem Nachbarn, böswillig, unbedacht. Ich rönthge die Gänge auf trojanische Pferde, nicht um zu maßregeln, sondern um rechtzeitig in Deckung zu gehen. Da sitzen fünf Kinder auf einmal – eine sichere Gefahrenquelle, bilden eine Handgranate, vor deren Wurf ich rechtzeitig hinter die Bresche meiner Unnahbarkeit fliehe. Zu spät:
“Herr Mittelfeind, wann gehen Sie mit uns an die Donau Kanu fahren?”
“Ja, das haben Sie letzte Woche versprochen!”
‘An die Donau fahre ich mit meinem Sohn oder alleine’, wollte ich antworten und riß mich im letzten Moment zusammen, um schweigend nach einer Sekunde Totenstarre einfach weiterzugehen. Die Obacht ist mein Joch. Das Schweigen meine Waffe. Bevor mich jemand als bunt bemalte, platte, metallene Schießbudenfigur im Wiener Würstelprater mißverstehen konnte, um mich den ständigen Angriffen der rot/weiss/gestreiften Bälle auszusetzen, nutzte ich den Vorwand der Morgengeschäftigkeit, um ungetadelt dem Wurf der Schüler auszuweichen.
Die Gedanken hinter meiner gewölbten, hohen, kahlen Stirn kreisten um alle vergangenen und zukünftig möglichen Szenarien jugendlicher Böswilligkeiten. Da war Klaus, aus der 5b. Letztes Jahr ist er mitten im Unterricht vor die Schule entwischt, um mit einer Horde ausgewachsener Jugoslawen eine Prügelei anzuzetteln. Entgegen allen Regeln und gekrümmt vor Angst, beim Regelbruch entdeckt zu werden, überliess ich die Klasse sich selbst, um die Jugendlichen händisch voneinander zu trennen, die mir – ich war eher klein und drahtig – nicht nur körperlich, sondern in ihrem Jugendeifer auch vom Tempo her weit überlegen waren.
Die alten Holzbänke in der Aula vor den Heizungen – Stellage für die rülpsenden Randalen – waren vor dem ersten Läuten noch fast leer. Bald würden sie kommen, mit ihren Papiertüten werfen, keifen und lästern. Ein Leben vor der Bank in Erwartung der Schiedsrichter. Eigentlich sollte der Lehrer der Verurteilende sein. Dieses Verhältnis hat sich längst umgekehrt. Der Schüler fürchtet nicht den Lehrer, der Meister verbarrikadiert sich vor den Jüngsten: Hinter Regeln, Hilfsmaßnahmen, Urlaub und noch mehr Ferien. Wenigstens waren sich die Lehrkräfte hierin einig.
Der Druck der versnobbten Upper-Class-Eltern, die bei jeder Zurechtweisung und erst Recht bei jedem “Fleck” eines Schülers ihren Freundesfreund im Erziehungsministerium erpressten oder dem alten Vetter Stadtschulrat ihr Leid klagten, vereinte sich für diesen Kampf gut mit Wiener Beamtenbücklingen vor den bekannten, adeligen oder berühmten Namen dieser Stadt. Wieviele Philharmoniker und deren Dirigenten, welche nie enden wollende Anzahl blaublütiger Draufgänger oder osteuropäischer Emporkömmlinge in Diplomatenstatus schickten ihre Kinder zu uns? Sie hatten jedes menschenwürdige Respektverhältnis nihilisiert. So bemühten wir uns nur noch um den notwendigen Abstand zu den ehrgeizigen Ziehraben.
Unsere Schule galt als das älteste Gymnasium Wiens, nackensteif vor Tradition. Deren Regent: Der Elternverein, dessen Brut zu allem Übel – einmal das Zepter in der Hand –auch noch deren freche Urenkel bei uns anmeldete. Das Erziehungs-Karussel mahlte gut und die traditionell enge Beziehung der Eltern tat das Ihrige zur Anstellung auch weniger gut situierter Abiturienten in die oberste Hierarchie Wiener Entscheidungsträger.
Wenn ich mir die blondbezopften Zwillingsmädels Julia und Jasmin der Ankerbrot-Dynastie in Klasse 1b anschaute, wie sie gerade falsch grüßend mit ihren identen weissen Rüschenblusen und den kurzen, plissierten Röckchen kichernd um die Ecke im Zeichensaal verschwanden, dann erbrach ich den ganzen Hinterhalt der Wiener brötchenbackenden Sippschaft der letzten 28 Jahre. Des Adels Wohlwollen, längst verblüht und seiner Aufgabe als Sittenwächter der Nation entraubt, war ausgebleicht in Hochmut. Wie die alten, verrosteten Glieder meiner Fahrradkette drehte er sich um das Zahnrad der Lehrerschaft, hielt uns im festen Würgegriff nobelster Erziehungswünsche. Nach dem Motto: Was keiner Generation bisher gelungen war an masslosem Charakter ihrer Nachkommen auszubügeln, sollten wir gerade richten – dafür wurden wir bezahlt. Die Professoren wanden sich in ihrer eingespannten Pattstellung im ständigen Bemühen, mit immer neuen Unterrichts- und Nachmittagsfreifächern den wie Urwald-Gewächse aus dem modrigen Boden der gelehrten Ahnen spriessenden Eltern-Bedürfnisse nachzukommen, die doch nur dazu dienen sollten, der Unbelehrbarheit des kargen Herzens ein mentales Gegengewicht zu setzen. Heute mußte ich mich mit der Errichtung eines neuen Freifaches Architektur plagen – als hätten die verzogenen Bälger nicht an der Uni noch Zeit genug dazu. 50 Seiten würde ich als Exposé im Direktorenzimmer abliefern und um Genehmigung warten. Von dem positiven Erhalt des finalen Bescheides des Stadtschulrates hing ein guter Teil meines sowieso sehr mageren Gehaltes ab.
Die Überstunden, die ich gratis oder umsonst mit der Druckschrift verbrachte, brauchte der Stadtschulrat ja nicht zu bezahlen. “Die Lehrer haben eh soviel Freizeit. Das schaffen sie schon,” höre ich meinen Vorgesetzen sich ereifern. Die Folge sind heute ein 60 Stunden Lehrer-Tag, der sich allein daraus ergibt, dass ich, um drei erwachsene Kinder mit meinem Gehalt zu ernähren, noch zusätzlich bis Abends Musikschüler privat unterrichte.
“Guten Morgen, Herr Mittelfeind, ah, ja, der Architekturkurs, den Sie uns versprochen haben,” begrüßte mich die Direktions-Sekretärin apfelkauend und tat in ihrem Lob so, als wäre das Zusatzpensum allein meinem Ehrgeiz entwachsen.
“Genau”, meldete ich kurz. Nur die Wahrheit hätte einen längeren Kommentar verdient.
“Kollegin Reiterer hat auch heute abgegeben. Was bieten Sie jetzt an?”
“Architektur der 50er Jahre am Beispiel Tschechische Repubik,” meldete ich mich zum Wettbewerb.
“Was Hübscheres ist Ihnen nicht eingefallen als die Plattenbauten da drüben? Wollen Sie mit den Schülern etwa nach Brno fahren?”
“Besser als gar kein Ausflug.” Beim Wort `Ausflug` ging es mir gleich eine Spur besser. “Eine entferntere Klassenreise wird man mir eh nicht genehmigen, als die zwei Stunden Zugfahrt,” zogen sich meine Mundwinkel gleich wieder in die Gegenrichtung.
“Was hat denn die Kollegin Reiterer vor?” erkundigte ich mich neugierig.
“Naja, so was Tolles hat die auch nicht ausgespuckt: `Modeplakate in der Andy Warhol Zeit`. “
“Schon wieder! In der Kunst wär ich froh, wenn es überhaupt keine Geschichte gäb`.”
Die Sekretärin lachte affektiert.
“Dann könnten wir endlich selbst eine neue Strömung kreieren.”
“Das machen die Kids schon selbst mit ihrer Graffiti.”
“Solange sie nicht mein Auto beschmieren.”
“Leider deckt sich Street-Art aber nicht mit den Vorgaben von wegen ‘Theoretische Untermauerung in der Bildnerischen Erziehung’ nach dem neuen Lehrplan, Herr Mittelfeind,” musterte mich die Sekretärin augenrollend.
“Was für eine Kunsterziehung soll das sein, wenn nur über Sinn oder Unsinn der Malerei in irgendeiner längst vergangenen Epoche gequatscht wird? Da ziehe ich den spontanen Griff zum Pinsel vor!”
“Vielleicht ist der Minister eifersüchtig: Die Kinder sollen auch Papier wälzen, sich mit hundert Ideen von Parteihohlköpfen beschäftigen und köpferauchend aus dem Unterrricht kommen, anstatt quietschfidel auf Pappe und Papier ein skurriles Gebäude zu entwerfen.”
Die Sekretärin verdrehte wieder lustig die Augen, haute meinen Akt auf einen Stapel zum Amtsschimmel und verschwand nach einen Ruf aus dem Hinterzimmer durch die Nebentüre zum Herrn Direktor.
Beim Hinausgehen besah ich mich im Spiegel ihrer Garderobe. Meine Kleider hatte ich den Kindern zur Sicherheit angepasst. Damit entkam ich wenigstens ihrem modischen Minenfeld. Immer einfärbige, aber farbenfrohe Jeans, dazu passende Baumwoll-Jacken mit Kapuze, sogenannte “Hoodies”. Die Schnüre für die Kapuze hingen lose auf meine zusammengedrückte Brust – eigentlich eine Modesünde der pubertierenden Bubenschar. Das waren ihre Vorgaben. Was mir blieb, war meine Schuhsammlung: Rund 40 paar Schuhe, ausgefallene, unnachahmbare Geckentreter, die nur mir allein gehörten. Niemandem gelang es, sie zu kopieren und keiner sah sie unter meinem schlangenumwundenen, unsicher-vermeidendem Gang. Meine einzigartige Fußbekleidung war mein kritikfreies Geheimnis, eine distingierte Marke, um nicht unterzugehen in der Masse und nicht einzurosten in meinem Schweigen. Heute habe ich die roten Slipper an. Sie tragen mich leicht, fast ohne Sohlen, in dünnem Schweinsleder die schwere Treppe zwischen gotischem Geländer von der Direktion wieder hinunter in mein Werk-Atelier. Der hohe Doppel-Raum, in der Mitte durch eine winzige Tür verbunden, aber mit zwei riesigen Eingangsflügeln, stand noch leer und so sah ich gedankenversunken aus dem Fenster in den Beethoven-Park.
Die Schule war ein repräsentativer dunkler Backstein-, mit reichlich hellem Stuck verzierter Bau aus der Jahrhundertwende. Neugotischer Stil. Die breite, ausfallende Empfangsstiege mündete in drei spitzbogige Eingangstore. Darüber prankten je sieben orientalische, nach oben eng zulaufende bunte ornamentale Bleiglasfenster mit Butzen – für den Lichteinfall in den dunkel in Eschenholz gehaltenen, mit mittelalterlichen Holzengelfiguren dekoriertem Fest- und Prüfungssaal im obersten Stock. Unter dem Dach waren auf der Aussenseite pro Fenster jeweils drei der monarchischen Kronländer-Wappen angebracht. Trotz seiner 21 an Zucht und Ordnung gemahnenden Kronregenten erinnerte das düstere Gebäude, anstatt an eine stattliche Lehranstalt, eher an das Spuk-Schloss von Hogwarts. Seine dunkelroten, fast braunen Dachziegel rahmten unter wasserspeienden Höllen-Figuren den Efeu bewachsenen schattig-dumpfen Innenhof ein. Als wäre es der Arkadenhof einer Kathedrale im südlichen Jerez – einziger offener Leibesübungsplatz, der leider der andalusischen Sonne völlig entbehrte und die Sportfreude der Kinder wie im Hades hier stets im Schatten gleich einem schwarzumrahmten Trauerflor erstickte. Die hohen Zinnen zwangen den Betrachter zur Besinnung an das alte Österreich, in dem noch Moral und Anstand herrschte. Zu traditionell diplomatischem Benehmen gemahnte zentral der dreifach bekrönte doppelköpfige Adler mit dem habsburg-lothringschen Abzeichen inmitten der Embleme der Königreiche Istriens, Kroatiens, Dalmatiens und der übrigen Österreich-Ungarischen Donaumonarchien. Auch heute noch, genau wie damals, ging unter dem Schutz der alten Dynastien alles seinen geregelten Lauf und ich bezweifle, dass es jemals in diesen alten Gemäuern, ebensowenig wie im alten Kaiserrreich, eine Revolte, einen Schüleraufstand oder einen Widerspruch gegen die Ordnung gegeben hatte – schon gar nicht zu erwarten von den linkisch gehorchenden, anstatt laut lärmenden Vorstadtbengeln: Gelehrte Aristokratenkinder, deren Eltern – über alle Maßen berufstätig – ihnen in gebührendem Abstand das Schaubild erstrebenswerter professioneller Emsigkeit vermittelten. Auch damals verebbte jeder Widerstand, als sich die jüdischen Schüler jedes Klassenraumes brav und ohne Gegenwehr in die zwei äussersten Sitzreihen zusammenpferchten, um gemäß dem Erlass vom 13.Juni 1938 in die „Zentralstelle für jüdischeZwangsauswanderung“ – so nannte man die Räumlichkeiten der Talmud-Torah-Schulein der Malzgasse 16 – über den schmalen Donaukanal überführt zu werden, welcher auch heute noch die jüdische „Leopoldstadt“ sauber von der Wiener Welt trennt. Alle diese Schulkinder verendeten schließlich kläglich in den Gaskammern.
Wegen des hohen jüdischen Anteils in unserer Schule – die meisten Eltern waren auch heute noch Musiker, Schriftsteller oder Rabbis – drei klassisch jüdisch besetzte Gilde – betraf dies zur Hitler-Zeit 45% der Schüleranzahl. Auch den Lehrerkollegen blieb es unter seiner Regentschaft nicht erspart, in den koscheren Teil der Stadt jenseits des Schwedenplatzes über die Reichsbrücke zu wandern. Jedes Jahr im Frühjahr gedachte daher unsere Schule in verlogener Trauerfeier mit Lamento einen Abend lang dieses Ereignisses. Jetzt sah ich auf die schwarze Fahne herab. Auch heute abend würden sich wieder Zeitzeugen finden, die vom Zuschauerraum den Gang der langwierigen, repetitiven Bühnenpräsentationen unterbrechen, um unter weinenden Ausbrüchen an ihren persönlichen Schilderungen der Überführung zu ersticken. Ein emotionales Schauspiel mit Aderlaß.
Im ersten Stock war mein Reich, die Werksäle vis à vis des alten gotischen Innenbrunnens im lichtdurchfluteten Erker. Der Wasserspeier war trockengelegt und leblos. Dennoch liebte ich hinüberzusehen, wie das bunte Licht in hübscher Einrahmung durch die Bleiglasfenster auf den Brunnengötzen fiel. Von meinem Aussen-Fenster aus hatte ich freien Blick über den Vorgarten des Gebäudes. Unter unseren Zinnen standen die zwei Tischtennis-Plätze vor den hohen alten Platanen auf dem immergrünen Rasen des Beethovenplatzes. Dort thronte in der Mitte die sitzende Statue desselben Komponisten. Täglich war sie zum Rücken hin mit auf der Wiese sich neckenden, kämpfenden und tollenden Kindern, an der betonierten und getreppten Straßenseite von chinesischen Blitzlichtjongleuren in Regenjacken umgeben. Als ob er auch nach seinem Ableben niemals Ruhe finden durfte, er, der Misanthrop, der er zeitlebens war, menschenhassend, entfliehend, bei jeder Gelegenheit in die Einsamkeit zurückgezogen und selbst Gleichgesinnte bis zur Taubheit nur in grösserer Distanz tolerierend.
Zur Strafe für seine Einsiedelei hatte man ihn dazu verdammt, hier in Bronze gegossen mit seinen begleitenden Figuren – dem gefesselten Prometheus, der hübschen Victoria sowie neun Putten als Allegorien für die Anzahl Beethovens Sinfonien – seinen lebensverweigernden Gesichtszügen zum Trotz regelrecht überflutet zu werden mit Schreien, Camera-Blitzlichtern, Ballgewittern und Horden von kichernden Mädchen, die sich im Sommer in kurzen Kleidern an seine Rückseite schmiegten und seine immermüden Ohren in ihrem tosendem Lachen erstickten. Beethoven selbst wäre entflohen. Wir Lehrer durften das nicht. Wenigstens er vermochte die passende Grimasse zum Spektakel zu zeigen. Er war ein Ekel. Ein ehrliches Sinnbild der moralischen Haltung unserer Hauptstadt. Wiener hassten Kinder – nachdem sie sie in Amoral und elterlicher Übersorge in diabolische Abbilder verzogen – und kannten kein pardon, was die Freizügigkeit der Zurschaustellung ihrer Reaktion auf deren Lebensfreude betraf.
Jetzt stand ich im Zeichensaal und wartete, den Blick von hoch oben auf das Monument unseres grössten Komponisten gerichtet. In der Hand hielt ich meine Instrumente, die nach jeder Unterrichtsstunde wieder sorgfältig zurückverstaut gehörten, in meine vielen Fächer, Schränke und Regale zur Gangseite, alle mit Türen und Schlössern verriegelt, uneinsichtig, verbohrt und verklemmt. Das versperren und das spärliche Freigeben der Gegenstände war mein Regentstab, mit dem ich mich an den garstigsten Kindern rächte. Julia, Jasmin und die anderen Zehnjährigen der Klasse 1b sprinteten schon in den Saal auf mich zu und wollten heute sägen. Aufgabe war, kleine hölzerne Boote zu bauen, die wir später mit einem Motor bestücken und ins Donau-Wasser lassen wollten. Sie bedrängten mich, den Schrank freizugeben zum Entern.
„Ihr brecht die Sägeblätter“, ordinierte ich.
Ich wäre schließlich gezwungen gewesen, für jeden Trottel, der eine bricht, eine neue zu besorgen. Keine Lust.
„Dann wenigstens die Handsägen!“
„Aber nur eine für zwei.“
Mein Schlüssel viel ins Schloß und mein Geiz öffnete das Regal. Die Buben liefen schnell zum Schrank und rissen sich um die abgenutzten, kargen Geräte.
Noch waren die Bälger süss, aber ich wußte, wie schnell sich das Blatt wenden konnte.
In den kurzen fünf Minuten Pause zwischen der Doppelstunde kamen David und Moritz zu mir.
„Herr Lehrer, wann schauen wir zum Bootsbau nach Strebersdorf?“
Ach ja, ich hatte ihnen diesen Ausflug vor zwei Wochen schon versprochen. Nun zog sich bei mir alles zusammen. Forderungen wich ich am Liebsten aus. Und mein zielsicherster Rohrstock – Schläge waren schon seit meiner Schulzeit untersagt – war das Schweigen.
Ich verschloß mich eisern ihrem Drängen und verweigerte passiv aggressiv jede Antwort.
Unbewusst übernahm ich die Rolle der empfindlichen Störung: Ich schwieg, wenn alle redeten und stand, wenn alle saßen. Das lernte ihnen Respekt, Achtung vor meiner Privatperson. Denn privat war ich auch in der Schule. Nie, in all den 21 Jahren nahm ich einen Lehrer mit in der Freistunde auf einen Café, ausnahmslos lud ich niemanden zu mir nach Hause ein – nicht einmal mit einem Kommilitonen der Kunst ging ich zum Mittagessen. Lieber panschte ich mir ein Müsli an meinem kleinen Arbeitsplatz, meiner Nische im Lehrerzimmer. Genausogut hätte ich am Klo essen können. Ich blieb mit mir alleine, orchestrierte und ordinierte eisern mein kleines Reich.
Viel lieber wäre ich ja Musiklehrer gewesen. Denn wenn ich zeichnete, wollte ich Komponieren und beim Posaune-Spiel malen. Der Musiklehrer, Herr Pichler, nur sechs Jahre jünger als ich, aber mit dem Geist eines Kleinkindes, glich Beethoven in den Höhen der obersten Etage seines Barockensembles. Bei Proben des Chores oder des Orchesters durfte er mit wildem Haar im Prunksaal dirigieren. Ich hasste seine fliehenden Dirigenten-Bewegungen. Ständig sah man ihn mit erhobenen Armen, in alle Richtungen flehend, als würde er gleich einem unserer hölzernen Barock-Engel schweben, nicht gehen. Und dazu die hohe Eunuchen-Stimme! Das Stift Vorrau war seine Schule gewesen. Hinter den dicken Mauern des Klosters verbrachte er unter den Ordensbrüdern seine ganze Kindheit.
Was immer sie ihm dort angetan hatten, ich zog es vor, es nicht zu wissen. Lieber verriet ich meine Missbilligung durch ein ironisches, abfälliges Lächeln. Ich machte mich lustig, nicht laut, wie es nicht meine Art war, sondern verhohlen leise, aber sichtbar und spürbar hinter einer Maske von freundlichem Entgegenkommen. Der Musiklehrer, Hans hiess er – „Hansi“ nannte ich ihn trotz seiner Bitten nie, wie ich überhaupt davon Abstand nahm, ihn zu dutzen – ignorierte meine Haltung. Nicht, dass er nicht mit all seinen Sinnen spürte, was ich über ihn dachte. In seiner Musikerseele waren seine Fühler gleich seinen Armen stets weit ausgefahren. Alles vermerkte er zutiefst – nichts, keine meiner Stimmungen oder Mißbilligungen entgingen seiner Muse. Nein, aber er zog es vor, mich künstlich zu übergehen, als wäre er in der Himmelssphäre seiner höheren, meiner Kunst überlegenen Tonkunst unangreifbar. In seiner redseeligen Art und weil er jeden Musiker in Wien schon gelehrt und also gekannt hatte, glaubte er sich ein unantastbares Genie.
Jedoch war der schwatzende Gesell, empfindlich wie er war, weil er immer gehört, um die Uhr bemerkt werden wollte, glatt das Gegenteil von Undurchdringlichkeit. Ungebeten legte er jedem Gegenüber plump sein ganzes Ich, sein ganzes Sein plötzlich und unbedacht aufs Tablett – formlos auf die Waagschale meiner Beurteilungsfähigkeit. In dieser Bloßstellung war er seismographisch empfindlich, wie ein Hund, der sich auf den Rücken legte, damit man ihm den Bauch krault. Es lag auf der Hand, dass ich ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit in den Unterleib biß.
Ich traf ihn auch heute. „Gelegt“ nennt man das in Wien. Meine schneidende Kälte entsetzte ihn. Er war ständig durch mein Verhalten verletzt. Einmal getreten, zog er jaulend davon. Seine Mühen um Redseeligkeit, die er nie scheute, zur Schau zu tragen, schützten ihn nicht. Sein Prahlen und seine ständige Wohltäterei an die Jugend, sein Fördern und Preisen der Talentierten waren ihm kein Panzer für die Pein meiner unliebenswürdigen Gegenwart. Er zögerte nie – im Gegensatz zu mir – einen Schüler hervorzuheben und zu loben für sein Talent. Auch er selbst sang ohne Unterlass und mir zum Verdruß bei jeder Gelegenheit, in der Volksoper, im Dom, im Stift und in der Schule. Wenn er nicht sang, redete oder telefonierte er. Konträr zu meinem Schweigen war er so ein Plauderant, dass er sich wegen einer chronischen Nebenhöhlenentzündung ständig Operationen unterziehen mußte, die dadurch entstand, dass seine Stimme ob Übernutzung den engen Kanal der Nasalhöhlen nicht mehr durchdrang. Was er mit zwei bis drei Operationen pro Jahr und ständigem Jammern quittierte. All dieser Plackerei zum Trotz: Überall unter den hohen Bögen des Schulhauses vernahm auch mein Narzis das Echo seiner hohen Kastratenstimme. Wenn das ausblieb, dann verfolgten mich seine schrillen Wutausbrüche oder zumindest die Worte seines sanften Lobes. Für mich, der ich kein Freund der Lobpreisungen und ein Feind jeder hellen, schrillen Ekstase war, war es eine Qual, ihm dabei zuzuhören.
Hansi war jedoch trotz aller Verantwortung, trotz aller Doppelgleisigkeit und Überbeschäftigung zu meiner Mitleidenschaft immer freundlich, stets einfühlsam, seine Lippen benetzt mit einem netten Gruß, so wie jetzt, als ich in der großen Pause vorhatte, ins Lehrerzimmer zu gehen.
„Begrüße Dich, Christof! Alles in Ordnung?“ säuselte er.
Ich nickte nur stumm und besah ihn und seine wedelnden Arme mit einem Anflug von Verachtung. Er schielte leicht verletzt zur Seite.
„Am Freitag haben sie mich wieder operiert. In Graz. Bei meinem Herrn Doktor. Du weißt schon. Der ist so professionell und er meint es so gut mit mir...jetzt geht es mir wieder besser. Das war aber nun das letzte Mal,“ genoß er verzückt die Aufmerksamkeit auf seine kleinen Wehwehchen.
Ich nickte ihm zu und wußte, es war nie das letzte Mal für einen Hypochonder wie ihn. Dabei richtete ich meine Augen verächtlich auf seine abgerissene kaminrote Cordhose. Immer dieselben Beinkleider – schlapp und ausgetragen hingen sie um das einzige Paar seiner verbeulten Schuhe, deren Farbe man nicht mehr erkennen konnte. Das ewig schwarze Hemd umrahmte seinen Hals grau gesprenkelt von herabfallenden Schuppen. Kein unbedingt ästhetischer Anblick. Warum die Schüler, welche in der Oberstufe die Wahl hatten zwischen Kunst oder Musik, sich jemals zu ihm hingezogen fühlten, blieb mir bis dato ein Rätsel. Für mich war er – Konkurrent oder nicht – der Inbegriff des Abstosses.
„ Was sagst Du zu meiner Stimme?“, bettelte er um Aufmerksamkeit.
„Wieder ganz die alte, was meinst Du?“
Ich stimmte zu. Mit einem Nicken. Knapp und kalt. Es ist so einfach, offene, bemühte Menschen zu verletzen. Deswegen habe ich zeitlebens, in meinen 47 Jahren, immer versucht, mich hinter einer Fassade zu verstecken. Ich vermied es, meine Ambitionen – sollten überhaupt welche auftauchen – nach aussen zu tragen. Kam es vor, dass ich mich unbedachterweise in eine Sache hineinsteigerte, suchte ich nach Ablenkung. So dachte ich an Musik, wenn ich Kunst unterrichtete, an Architektur, wenn ich in eine Ausstellung mit Malerei ging und an die Kunst, wenn ich in der Big Band am Podium vor versammeltem Publikum saß und es an mir war, aufzustehen und ein Solo zum Besten zu geben. So entkam ich zwar jeder innigen Umarmung, jedenfalls aber der Bloßstellung in der Öffentlichkeit, die mir Angst einjagte. Denn ich wusste: Eines Tages würden sie mir mein unwirsches Benehmen heimzahlen. „Das Beste“ gab es bei mir daher nicht – so entwischte ich jedem Kreuzfeuer der Kritik. Was man nicht versucht zu erlangen, das kann einem nicht leid tun, nicht erreicht zu haben. Ständig war ich auf der Pirsch nach einem anderen Pfad, einem Ausweg, einer Flucht vor der Perfektion. Ich wollte weder gepriesen, noch verachtet, oder auch nur beobachtet werden. In der Nische, in Ruhe, fühlte ich mich am Wohlsten. Hauptsache: Unerkannt bleiben.
Die eitlen blasierten Grössen der Musik oder der Kunst – umgeben von Zurufern und verfolgt von Kunstkennern oder vielmehr jenen, die sich dafür ausgaben, voll Vertrauen in ihr Können, wie kotzten sie mich an. Nie wollte ich so werden, wie sie. Lieber in der zweiten oder letzten Reihe Stehplatz stehen und ihnen bei ihren Verrenkungen zusehen, wie sie schwitzten und sich abmühten. Wissend, daß man es dem Publikum sowieso nie Recht machen konnte, verzichtete ich auf allen Ehrgeiz – geizte aber selbst nicht mit Kritik und einem leicht zynischen Lächeln auf den Lippen. Applaus war nicht meine Stärke.
Ich erinnerte mich noch gut der Stunden, in denen mein Vater, Leiter des dörflichen Blasmusikensembles und selbst Fanfarenspieler, mit uns übte. Man hatte 1977 mit dem neuen Landesmusikschulgesetz in meiner Heimat Oberösterreich erfolgreich versucht, „breiten Kreisen der Bevölkerung die musikalische Ausbildung zu ermöglichen“, unter strengem Hinweis auf die Förderung der „Begabten“. Wichtig bei dieser Regelung zur Volkserziehung, welches am Ende ca. 60.000 Schüler pro Jahr in Landesmusikschulen zusammenpferchte, war das Kleingedruckte: „Die Förderung des Gemeinschaftsmusizierens“. Damit gemeint waren die Blasmusikkapellen mit ihren kackbraunen Anzügen und militärischen Aufsätzen. Die Vorstände der Kapellen, noch heute benannt als „Kapellmeister“, „Stabs-“ oder gar „Obersturmbandführer“, erinnerten in ihrem Aussehen an die dunkelste Zeit dieser Provinz und haben 2001 mit 174 Musikanstalten zu einer Dichte des Musikunterrichts in Oberösterreich von 85 % , aber auch zu einer starken Radikalisierung des schwelenden Faschismusses vom Innviertel über das Mühlviertel bis nach Eisenwurzen geführt. Auch mein Vater war und ist ein bekennender Nationalsozialist. Mit allen Emblemen und Anstalten. Kurz: Ein Scheusal.
Wir als die einzigen zwei Söhne mussten natürlich – von ihm zu Hause angeleitet –beide dasselbe Instrument spielen, aus Sparsamkeitsgründen. Blech aus Solidaritätsgründen mit unserem Vormund. Eine Fanfare wäre an den schallenden Ton meines überall herrschenden Vaters herangereicht. Daher war es für uns nur die kleinere Posaune. Mein hochgewachsener Bruder, ausgestattet mit einem breiten, grossen grinsenden Quadratkiefer und stählernem Brustkorb, brachte immer den volleren Ton heraus.
„Bravo, Markus“ und „immer weiter so“, pflegte ihn mein Vater bei diesen Gelegenheiten zu loben. „Du wirst im Orchester noch den Ton angeben.“ Ob er das wirklich so meinte, oder damit nur meine Inkompetenz herausstreichen wollte, war mir nie klar. Den Ton zu halten, war für meinen Bruder mit seiner Blasebalglunge jedenfalls ein Einfaches, während ich immer ein Stimmgerät dazu brauchte. Konnte ich einmal die Tonleiter richtig kräftig rauspusten und wollte sodann ein richtiges Stück spielen, war meine Note auf einmal ängstlich, kiekste und klag viel verzerrter, als bei meinen Einspielübungen. Unsicher in den Tönen oder im Rhytmus traute ich mich nie richtig reinzupusten. Es hätte ja schief gehen können und dann setzte es die erwartete Kritik. Mein Vater mahnte etwa ständig, mich aus meiner eingefallenen, kurzen Positur kerzengerade aufzurichten. „Fest reinblasen“, krähte er dann. Doch wie tun?
Im Gegensatz zu meinem Bruder war mein Oberkörper schmächtig gebaut, grenzte ziemlich kurz an meine enge Taille und krachte – einmal am Klavierstuhl – in aller Schwäche wie ein Akkordeon in sich zusammen, was mir bei falscher Haltung immer Probleme mit der Rückenmuskulatur bescherte, kurz: Meine Brust war so eng, wie die von Picasso. Meist sass ich gedemütigt von meines Vaters Ermahnungen, die Hände zwischen den Knien, eingefallen am Schemel, die Posaune aufgestellt.
Im Sommer beim Baden im Pool des kleinen, biederen Vorstadthauses meiner Eltern machte sich mein Vater über meine starke Brustbehaarung lustig – mein Bruder hatte eine glatte, muskulöse, unbehaarte Brust, wie er. Oft kam es mir dann vor, als glichen meine dunklen Haarkringel den Metallfedern im Bettuntergestell der Großmutter, die sich gleich einem Alptraum mit ihren spiralförmigen Oberenden direkt in meine Brust hineinbohrten. Eine brennende, bis in die Thymusdrüse stechende Sensation, die mich meine ganze Jugend verfolgte.
Im Schmerz über die peinigenden Stahlenden zog ich es vor, anstatt mein Bestes zu geben, die halblauten Töne, die ich herausbrachte, in ihrer Mittelmässigkeit zu lieben. Ich wollte alles, nur nicht die ehrgeizige Böswilligkeit der Beiden nachahmen. Die geistige Qual des Nicht-Könnens, des Erlernen-Wollens war begraben unter dem Drang, nicht dazugehören. Mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln galt es zu verhindern, ein Teil der Vater-Sohn-Verschwörung zu sein. Legte mein Vater ein Notenbündel achtlos mit dem Verweis zur Seite, sie wären es nicht der Mühe wert, entschied ich mich für diese. Was er ablehnte, was ihn desinteressierte, was er für wertlos hielt, stieg in meiner Achtung und bestimmte mein Dasein. So schwamm ich konstant gegen den Strom. Das Starke und Gute, das Nachahmenswerte suchte ich in destruktivem Narzissmus zu zerstören. Das galt ebenso für jede Art von Bindungen. War meinem Vater meine weibliche Seite, die sensitive Ader, das schweigsame, sich aufopfernde Wesen in mir verhaßt, so mutierte ich zum Märthyrer, gab klein bei, verschwand unter meiner Panzer-Haut, je mehr seine militärische Anwesenheit ständige Präsenz verlangte.
So hatte auch ich bald meine feste Position in der Familie: Nicht den Part des männlichen, sich brüstend Idealen nacheifernden Bruders, sondern die Rolle des verweiblichten Sohnes, als wäre ich die Tochter gewesen, die sich meine Mutter statt meiner immer gewünscht hatte, mit einem ausweichenden Gang, die Hüften nach rechts und links fliehend, immer abschwenkend. Man brachte mir bei, gerade zu stehen, ich wollte nicht. Mit einem Jahr mochte ich ebensowenig gehen. Ich denke, das einzige, was mir von Anfang an Freude bereitete, was mir die Sicherheit gab, meinen Brustkorb stolz nach aussen zu strecken, war das Radfahren – als Flucht vor der Familie. Je grösser mein Einssein mit dem Rad, umso zerissener war ich mit meinem Umfeld, das ich fliehend durchschnitt und dem ich auf zwei Rädern in Windeseile zu entkommen suchte. Ich bemühte mich stumm darum, dass die Welt um mich erstarb, bildete den Gegenpol – egal für oder gegen mein Interesse und merkte dabei nicht, dass ich meinen eigenen Stolz abtötete.
Auf dem Rad aber konnte ich jedoch von all dem fortfahren. Im Moment, wo ich im Alter von drei Jahren sicher mit Stützrollen auf meinem blauen „Puch“ sass, wußte ich, ich würde nie mehr absteigen. So fuhr ich auch heute jede Strecke, egal wie weit, auf dem Drahtesel, die Luft gleich einem Schwert durchpflügend, dank der Schnelle zu keinem Gruß verpflichtet. Lieb war mir die Brise, die zu den Abendstunden so leicht war, als würde sie sich anbieten, danach bitten, sie zu durchkämpfen, durchpflügen, sie liebevoll zu streichen. Die Luft war so weich und freigiebig, wie ein Mutterschoß, der im entscheidenden Alter darum bat, dass man hinausziehen und die Familie verlassen möge.
Und nun stand sie da. Vor meinem Pult. Keine Ahnung, wie sie hineingekommen war. Ich muss kurz in die Waschräume gegangen sein, die Farbtöpfe zu reinigen vor dem Ende der letzten, der sechsten Donnerstagstunde. Sie stand mitten im Klassenzimmer, von den Schülern der 1b umringt. Einige hatten die Handfläche flach auf dem Scheitel liegen und massierten ihre Kopfhaut im Kreise, andere bewegten ihre Hände im Uhrzeigersinn über verschiedene Teile ihrer Wirbelsäule.
Schwarze lange Locken flossen ihr lustig jüdisch vom mutig offenen Gesicht. Sie stand im Mittelpunkt und wusste das. Sie musste in meinem Alter sein und strahlte in ihrem Element. Jeder Mundwinkel von ihr entschied über die Stimmung im Raum. Keineswegs wäre sie eine Person gewesen, welche man stumm erobern konnte. Was immer auf sie zukam, sie entschied selbst. Ihre Aufmerksamkeit war scharf wie ein Lichtstrahl, mit dem sie ihre Umgebung durchbohrte, oder wärmte, Sie brauchte keine Aufforderung dazu. Einen Moment lang überlegte ich, ob meine Geckenschuhe zu ihr hin, oder von ihr weglaufen sollten. Als sie mich sah, blickte ich umständlich an ihr vorbei durch das Fenster auf die Wiese draussen und mir schien, die Statue unseres Beethoven umgaben plötzlich Kinder in munteren Ringelreihen, die Blumen hoch in bunten, tief hängenden Dolden. Es war die Wiese vor Schuberts Haus am Gut Zselíz, dem Landsitz seiner geliebten adeligen Klavier-Schülerin in Ungarn – ich sah sie dort mit den Kindern spielen. Da lag sie im Gras und schaute mich verdutzt, doch positiv überrascht an. In einem Schritt würde ich ihre Laune brechen und sie zu Boden werfen in der Idylle.
„Wollen Sie es auch versuchen?“, unterbrach sie meinen Tagtraum frech. Sie war die Mutter eines Kindes mit indischem Namen, eines zeichenbegabten Buben – einmal aufgewacht, kam mir die Ähnlichkeit in den Sinn.
„Was soll ich tun?“ fragte ich unbeholfen.
„Telefonieren Sie mit Ihrer ausgestreckten rechten Hand um die linke, als sei es eine Wählscheibe“, riet sie mir nickend zu.
„Im Uhrzeigersinn. Nein, alle Finger, zusammen.“
„So?“ fragte ich und vollzog umständliche Kreisbewegungen, als wollte ich mit allen Fingern über das Instrument meiner ausgestreckten linken Hand mich selbst anrufen.
„Genau so.“, stimmte sie zu. Um gleich hinzuzufügen: „Spüren Sie was?“
„Es wird warm“, sagte ich, „heiss“, korrigierte ich, immer noch verwundert, dass diese Mutter scheinbar meine Zeichenstunde ungebeten für ihre Handpraxis übernommen hatte.
„Dann müssen Sie die Hitze aus der linken Handmitte ziehen und wegschmeissen“, ordinierte sie. „Und wieder mit der rechten Hand kreisen. Rechts herum.“
Ich tat es mehrfach.
„Und jetzt?“
„Es wird kühl,“ kommentierte ich. Tatsächlich machte sich in meiner linken Hand eine Art Energie breit, die frisch war, wie kaltes Wasser. Es war ein angenehmes Gefühl. Die Kälte war magnetisch, beruhigend und wohltuend.
„Genau. Und jetzt drücken Sie die durchgestreckte rechte Hand auf Scheitels, auf ihre Fontanelle, die als Baby offen war, Mitte auf Mitte. Massieren Sie den Scheitel im Uhrzeigersinn, wie die Mädchen hier:“
Die Mädchen begannen zu glucksen und sich über mich, den Tolpatsch, lustig zu machen, indem sie mir vormachten, was ich zu tun hatte. Das war es für mich. Ich spürte nichts mehr.
Nur das warme, wohlwollende, zugeneigte Lächeln der Mutter. Sie meinte es gut mit mir. Konnte sie was dafür, dass die Gören meine Tölpelei für ihren Schalk nutzten?
„Haben Sie über dem Kopf kühl gespürt?“
Ich bejahte, mehr aus Zuneigung, als aus Wahrheitsliebe. Kurz blickte ich an ihr hoch, die elegante Kleidung, die hohen Schuhe, vor allem die aufkeimende Nähe waren mir peinlich und ich begann, mitten im Lärm der umgebenden Begeisterung über die Kinder zu sprechen. Es durfte laut sein, in meiner Klasse.
„Was haben die Kinder gespürt?“ fragte ich verlegen.
„Die Mädchen sehr viel“, meinte sie.
„Ja, die Mädels sind den Buben vorraus“, gab ich zu.
Ich blickte um mich. Die Augen der Kinder glänzten. Die Geister aller bösen Witze, des Sarkasmus und der Streiterei wichen keifend dem ehrlichen Enthusiasmus, Zaubern zu können. Eine Art aufkommende Offenheit jagte sie die hohen Wände entlang. Die Kinder strahlten vor Freude bar jeder Bosheit. Es war eine gloriose Stimmung im Zimmer, ähnlich dem Gemälde „Das letzte Gericht“ von William Blake. Ich sah die einen am Zimmerende hinabfallen in die Flammen der aufgemalten Hölle und die anderen eklesiastisch die Himmelsleiter zur Decke hinaufsteigen: Endlich fiel die lackierte Arroganz von diesen wohlstandsverwahrlosten Rackern ab, dieser Pest der Wiener Haute Rollée, der ORF-Granden, Botschafter, Philharmoniker, Industrie-Vorstände und Bankdirektoren. Es war, als hätte sie Petrus eingelassen: Nun endlich hatten sie Zutritt zum Verbotenen, zum Mystischen, zum Ganzen. Damit waren sie ihren Eltern für diesen hellen Moment überlegen, welche ja nur Herren des sichbaren Teiles dieser Welt waren, der sie sowieso entsagten, weil sie ihr nie etwas Recht machen konnten. Die Älteren, die Erfolgreichen kannten, wussten immer mehr, als sie, die spontanen Spring-ins-Feld, die die Ärmelschoner noch scheuten und in der Schule ohne Mühe abzustreifen wußten. Wie Zauberer standen sie nun da, von ihrer eigenen Überlegenheit zu schalkhaften Taten angestachelt.
„Die Mädchen sind viel weiter entwickelt, als die Buben, alleine schon von der Größe her“, lächelte die Mutter mir entgegen.
„Man sollte sie besser so nicht mischen, sonst bekommen die Buben einen Unterlegenheitskomplex und kompensieren ihn mit rüpelhaftem Benehmen,“ schloss sie sachlich, aber sinnlich.
„Da haben Sie Recht. Man könnte ruhig die Buben zwei Jahre später zur Schule schicken“, fühlte ich mich frei, die Schulordnung in dieser erregenden Stimmung gleich den Kindern für einen Moment zu brechen.
„Was würden wohl die Eltern dazu sagen“, lachte sie vergnügt, „wo sie doch so stolz sind, in einem ihrer hinterbliebenen Ratzen einen männlichen, klugen Nachfolger zu haben.“
„Oh Gott, ja, die wären undankbar“ lachte ich.
Sie ging vergnügt mit ihrem Sohn aus der Mitte. Ich war perplex und fühlte mich unterlegen. War ich auch „hinterblieben“? Unwillkürlich fühlte ich mich angesprochen. Ich zog meine Brust wie gewohnt ein, um nicht aufzufallen.
Lange sinnierte ich, ob meine Stellung als Autorität in der aufgewühlten Klasse durch Anzweiflung dessen, was im letzten Moment in der Klasse geschehen war, oder durch deren Bekräftigung verstärkt werden konnte. Ich überlegte zu lange und verpasste den günstigen Moment, Position zu beziehen. Längst waren die gurrenden Mädels zusammenpackend hinter ihre Bänke, die Buben laut und balgend aus der Klasse gezogen. Die Zeit, sich wichtig zu machen, war verstrichen.
Genügsam schickte ich mich also an, die Malsachen einzusammeln und das Klassenzimmer zu verlassen. Noch lange dachte ich über den kühlen Hauch auf meinen Händen und den Freigeist dieser Mutter nach. Sie war bestimmt selbständig, nicht pragmatisiert und in einer abgesicherten, stabilen finanziellen Situation, was ihr die Freiheit gab, die Welt einen oder zwei Tage komplett auf den Kopf zu stellen. Sie sah aus, als würde sie täglich ein buntes, ereignisreiches Leben peitschen.
Und ich? Ich war verdammt dazu, hier jeden Tag meine Stunden abzuarbeiten, wie ein Pferd vor dem Pflug des gleichförmigen Ackers. Jahr für Jahr, 21 Jahre schon schnallte man mich vor die gleichen Altersstufen. Oben im Lehrerzimmer angelangt, verglich ich meine Kollegen mit mir: Abgeschuftete gleichförmige Gestalten mit stumpfen Augen. Die Einöde der Wiederholungstäter hatte sich in ihre Kleidung eingefressen. Jeder von Ihnen war unwandelbar mit seinem Stil verschweißt und fiel durch diesen nie aus der eigenen Reihe, gab sich seinen eigenen Charakter, der doch keiner war, indem er die Monochromie ihrer Welt noch unterstrich. Da war die Englisch-Lehrerin mit ihren ewig wollenen schwarzen Strumpfhosen über dicke Beine in Jeansröcken – darüber sich zwangsjackenähnlich ein Rollkragenpullover stülpte. Hatte ich sie je in einer anderen Robe hier angetroffen? Nein. Dort der Latein-Lehrer namens „Maltrovsky“, als wäre in seinen Namen die maligne Haltung gegenüber seinen Schülern eingraviert, stets in altmodischen Hochwasseranzughosen. Waren sie mit Hosenträgern nach oben gebunden, sich selbst damit den Rest an Männlichkeit nehmend, um ewig unter Mutters Herd zu wohnen? Schwer festzustellen unter dem grauen V-Ausschnittpulli, aus welchem immer eine rot-weiss gestreifte Kravatte hervorblitzte, Emblem der Zugehörigkeit zu einer zugeknöpften Nation. Oder war dieses kleine kümmerliche Rot der letzte Lebenswille des totgerittenen Professors? Schwer zu unterscheiden. Die meisten hier waren über die Jahre so monotonisiert, dass sie wie Hamster im Rad ständig in Bewegung schienen, um ihrem Tod davonzulaufen. Ruhe oder Stillstand war ihnen nicht vergönnt: Sie könnten in ihr wahres Stadium zu Staub zerfallen. Sie drehten ihre Finger durch Papiere, Unterrichtsmaterialien, raschelten, kniffen und ordneten unaufhaltsam, um in der Papiermühle am Leben zu bleiben. War ich schon zu einem von ihren Skeletten mutiert?
Es dauerte nicht lang: In der nächsten Woche stand sie wieder vor der Tür und huschte zu meinem Lehrerpult. Ohne Scham und bar jeder Gnade. Zuerst glaubte ich, dass sie ihren Sohn jeden Tag abholte und schimpfte sie innerlich eine anhängliche Gluckenmutter. Wie immer nutzte ich jede gedankliche Akrobatik, um die Kontaktschnur zu einer Person, die mir nähertreten wollte, in meinem aufkeimenden Misstrauen – menschlichem Kontakt wich ich innerlich aus – sauber zu durchtrennen. Bis ich viel später entdeckte, dass es nur Donnerstags war, zum qualvollen Ende der letzten Vormittags-Stunde.
„Sie haben heute Direktorenwahl?“ fragte sie erheitert.
Ich freute mich, sie zu sehen, gleichzeitig aber beneidete ich ihre gute Laune und wollte sie deshalb nur loswerden. Ich hätte es ihr gleichtun können. Jeder Gleichklang jedoch verwandelte sich in der Mühle meiner Skepsis sofort in einen Gegenstrom.
„Ja, gleich nach der Stunde.“
„Wollen Sie sich auch aufstellen, als Direktor?“
„Nein, das wäre mir viel zu anstrengend“, gab ich zu. „Es ist ja schon so genug Bürokratie, was wir hier haben. Das reicht mir völlig.“
„Kann ich mir vorstellen, wär` auch nicht mein Ding.“
„Freilich ein undankbarer Job“, setze ich hinzu. „Wer möchte den schon machen. Da muß man es drei Seiten Recht machen: den Politikern, den Lehrern und den Eltern. Eine Zwickmühle. Jeden Tag zerrieben zwischen den Mahlsteinen energischer Widerstreiter.“
„Da haben Sie Recht“, stimmte sie mir bei. „Fade G‘schicht, Lehrbücher durchsehen, Elternbeschwerden entgegennehmen...“
Meine Antwort: Ein genervtes, gestresstes Gesicht beim Blick auf die lärmenden, kreischenden Kinder im Saal, als träfe sie die Schuld an Allem. Waren letztere nicht bis vor drei Jahren mein Vorwand gewesen, das Schrei-geplagte kinderreiche Zuhause zu meiden, wo ich jede Sekunde nutzte, um auf die schmale Kopfsteinstrasse in der Altstadt auszuweichen, wo mein Rad schon an der Regenrinne vis à vis ungeduldig auf mich wartete. Meine Rosinante würde meine verkrampften, kurzen Muskeln aufweichen und mich unerkannt durch die schweigende Touristen-Masse der „ersten Welt“ in meine abendliche Anonymität entführen.
„Eltern können auch teilnehmen an der Wahl,“ versuchte ich den Ball an sie zurückzuspielen. Erziehungsberechtigte – das war etwas Lästiges, sich Einmischendes. Man konnte diese Mütter nie zufriedenzustellen. Hier ergab sich eine Gelegenheit, wenigstens sie loszuwerden: Mit einer Wahlkarte! Meine Antwort schien sie zu erhellen. Ihr Interesse schickte einen violetten Lichtstrahl in meine tägliche Eintönigkeit. Damit hatte ich kaum gerechnet. Ich dachte, es würde sie langweilen, der Schulbetrieb, die Arbeit, die ich hier verrichtete. Aber im Moment schien ihr die Teilnahme an unserem Betrieb eine willkommene Abwechslung. In ihrer Begeisterung änderte sich auch meine Sicht der Versammlung, ja des ganzen Schulbetriebs, als hätte sie mit einem Strahl der prismatischen Buntheit, die ihre Welt erhellte, mein Schuldasein in helle Farben getaucht.
„Jetzt gleich?“
„Ja, kommen Sie ruhig auch vorbei. Oben im Veranstaltungssaal!“
Sie nickte. „Ich habe etwas für Sie“, antwortete die Mutter und kramte in ihrem Leder-Rucksack.
Es waren Bilder der Renaissance, ausgedruckt.
„Sehen Sie, bei El Greco, den „Tränen des Heiligen Petrus“, das Licht über seinem Kopf? Das ist, was ich Ihnen und den Kinder das letzte Mal gezeigt habe. Und dieses Photo hier zeigt dasselbe,“ deutete sie auf eine Photographie, bei der über dunklem Photopapier ein Kronleuchter-förmiger Lichtkegel in weiss-gelben Strahlen auf schwarzem Hintergrund zu sehen war. Sonst nichts, nur Dunkelheit.
„Da sitzt eine Person auf einem Schiff von Napoli nach Genua.“ Ich versuchte mir das Meer und die Gicht im lauen Mittelmeerwind vorzustellen, aber mir gelang kein Schluss auf einen Kronleuchter.
„Das Licht kommt aus dem Kopf der Person“, schloss sie.“Sie sitzt auf dem Schiff.“
Interessiert, aber überrumpelt nahm ich die Farb-Kopien entgegen, darunter auch Bibeltexte über „die kühle Brise des Heiligen Geistes“. Ich war weder gläubig, noch hatte ich die Muße, mich nach sechs Stunden Unterricht hiermit auseinanderzusetzen. Aber ihre Lebendigkeit, diese Freude und Energie faszinierten mich. Sie kam noch öfter vorbei und brachte mir Leder, Holzarbeiten oder versuchte mich zu neuen Ideen für den Werkunterricht und damit zu mehr Leben zu motivieren. Wie jetzt unternahm sie drängend alles, um mich von meinen düsteren Gedanken abzulenken. Doch es vermochte mich kaum aufzuheitern. Meine Adern hingen über Kanülen an Infusionsbeuteln auf dem Ständer der städtischen Angestellten. Anstatt Blut floss bürokratisches Leichengift durch sie hindurch.
Schon kam Pichler, der Musiklehrer hinzu.
„Shankar-Mama“, sprach er die Mutter an, „kommen Sie auch zu den Wahlen?“
„Ich heisse Saskia“, reichte sie Hansi die Hand. „Ich werde sehen.“
„Das hoffe ich“, meinte Pichler.
„Sie sind doch so g‘scheit, wieviel Sprachen sprechen Sie?“
„Sieben“, entgegnete die Mutter.
Mich ärgerte, wie Pichler das aus ihr herauswurmte. Mir war das bisher nicht gelungen. Wie immer fehlte mir das Interesse an der anderen Person. Oder traute ich mich nicht fragen? Im Moment erfüllte mich die Nähe von Pichler zur „Shankar-Mama“, wie er sie warm und liebevoll nannte, mit Neid.
