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Der eiserne Strom E-Book

Alexander Serafimowitsch

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Beschreibung

Im Sommer 1918 umzingeln Kosakeneinheiten die im Kubangebiet operierenden Teile der Roten Armee und unterdrücken die ärmlichen Bewohner des Kubans. So sammelt sich eine gewaltige Fluchtbewegung von Soldaten, Bauern, Handwerkern, Matrosen und ganzen Familien zu jener Armee, die sich in Richtung Norden in Bewegung setzt, um sich den Hauptkräften der Roten Armee anzuschließen. Das Monumentalwerk "Der Eiserne Strom" erschien 1924 und zählt zu den Klassikern der sowjetischen Literatur. In Deutschland wurde der Roman 1933 von den Nationalsozialisten während der Bücherverbrennungen verbrannt.

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Veröffentlichungsjahr: 2020

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Inhaltsverzeichnis

Impressum

Alexander Serafimowitsch

Der Eiserne Strom

Roman aus der russischen Revolution 1917

Alexander Serafimowitsch - Der Eiserne Strom

Titel der Originalausgabe: Железный поток

Die vorliegende Neuausgabe basiert auf dem Abdruck in der österreichischen Tageszeitung "Rote Fahne" (1925/26) sowie der 1927 in der Universum-Bücherei Berlin erschienenen Ausgabe des Romans. Der Text wurde überarbeitet, Orthografie und Interpunktion folgen den Regeln der neuen Rechtschreibung.

Impressum:

Danijel Jamrič Egg 12 9620 Hermagor

1.

Gärten, Straßen, Katen und Hecken des Kosakendorfes sind in unübersehbare, erstickend heiße Staubwolken gehüllt und nur die Gipfel der Pappelpyramiden ragen spitz daraus hervor.

Von allen Seiten ertönt vielstimmiges Schreien, Getöse, Hundegebell, Pferdewiehern, Eisenklirren, Kinderweinen, wuchtiges Fluchen, Weiberrufen, heisere Zechlieder, von trunkenen Lauten einer Ziehharmonika begleitet. Es ist, als habe ein ungeheurer Bienenschwarm seine Königin verloren und schwirre nun bestürzt, verwirrt, mit aufgeregtem krankem Summen durcheinander.

Dieser schrankenlose glühende Wirbel erfasst auch die Steppe bis zu den Windmühlen auf dem Hügel, - auch dort herrscht ein unaufhörliches tausendstimmiges Branden.

Aber gegen den schäumenden, brausenden kalten Bergfluss, der hinter dem Dorfe ungestüm dahinströmt, kommen die stickigen Staubwolken nicht auf. Fern hinter dem Fluss versperrten blauende Bergmassen den halben Himmel.

Rostrote Steppenräuber, die Habichte, schweben erstaunt in der glitzernden heißen Luft; lauschend wenden sie ihre krummen Schnäbel nach allen Seiten und können nicht recht klug werden — so etwas hat es hier noch nie gegeben.

Sollte es ein Jahrmarkt sein? Warum sieht man nirgends Zelte, Händler und aufgetürmte Waren?

Oder ist es etwa ein Lager von Auswanderern? Was sollen dann aber die Geschütze hier, die Munitionswagen, die vielen Karren und Gewehre?

Es scheint eine Armee zu sein. Aber warum hört man überall Kinder weinen? Warum hängen trocknende Windeln an den Gewehren, warum baumeln Korbwiegen an den Läufen der Geschütze, woher kommen diese vielen Mütter, die ihre Säuglinge stillen, und die Kühe, die Seite an Seite mit den Artilleriepferden ihr Heu kauen. Und die vielen Weiber und Mädchen, die ihre Kochkessel mit Hirse und Speck über rauchenden Feuern aus getrocknetem Kuhmist hängen? Alles ist verworren, staubig, ungeordnet, in Schreien, Lärmen und unglaubliches Durcheinander verstrickt.

Im Dorfe gibt es nur Kosakenfrauen, alte Weiber und Kinder. Die Frauen gucken aus den kleinen Fenstern ihrer Katen auf das Sodom und Gomorrha hinaus, das sich über die in Staubwolken gehüllten Straßen und Gassen ergießt.

"Hängt euch auf, alle miteinander!"

2.

Aus Kuhgebrüll, durchdringendem Hahnenkrähen und Menschenstimmen tauchen bald verwitterte, heisere, bald kräftig klingende Steppenstimmen auf:

"Genossen, zum Meeting!"

"Zur Versammlung..."

"Heda, los, Jungens!"

"Allgemeine Versammlung!"

"Nach den Windmühlen!"

Zugleich mit der langsam sinkenden Sonne fällt auch der heiße Staub nieder, und die Pappelpyramiden werden in ihrer ganzen riesigen Höhe sichtbar.

Soweit das Auge reicht, weiten sich Gärten, weiße Katen, und in allen Straßen und Gassen wimmelt es von Wagen, Karren, Pferden, Kühen, - in allen Gärten und hinter den Gärten bis zu den Windmühlen auf dem Hügel, die ihre langen Fangarme nach allen Seiten spreizen.

Um sie herum aber ergießt sich das Menschenmeer unter stetig wachsendem Tosen, immer weiter und breiter wird es, bedeckt mit zahllosen Flecken der bronzefarbenen Gesichter. Graubärtige Greise, Weiber mit abgehärmten Gesichtern, Mädchen mit lustigen Augen; kleine Kinder schießen zwischen den Beinen der Erwachsenen hin und her, hastig atmende Hunde mit lang heraushängenden zuckenden Zungen, - alles das verliert sich in der alles überschwemmenden Masse der Soldaten. Zottig kriegerische Fellmützen, abgegriffene Schirmmützen, Gebirgshüte aus Filz mit hängenden Rändern. Da sieht man zerfetztes Feldgrau, verschossene Kattunhemden, Tscherkessenmäntel; manche sind nackt bis zum Gürtel, auf ihren muskulösen bronzenen Oberkörpern schlingen sich kreuzweis die Patronenstreifen der Maschinengewehre. Ungeordnet, wie es gerade kommt, ragen über den Köpfen die dunkel gestählten Bajonette nach allen Richtungen. Die altersgeschwärzten Windmühlen sehen staunend zu: so etwas haben sie in ihrem ganzen Leben noch nicht gesehen!

Auf dem Hügel vor den Windmühlen versammelten sich die Bataillonskommandeure, Kompanieführer, Stabchefs. Wer sind denn eigentlich diese Kompanieführer, diese Bataillonskommandeure, diese Stabchefs? Es sind Soldaten der alten zaristischen Armee darunter, die es im großen Kriege bis zum Offizier gebracht hatten, es sind Friseure, Böttcher, Schreiner, Matrosen, Fischersleute aus Kosakendörfern und Städten. Jeder ist Befehlshaber eines kleinen roten Trupps, den er in seiner Straße, in seinem Dorf oder in seiner Siedlung organisiert hat. Aber es gibt auch Offiziere der alten Armee darunter, die sich der Revolution angeschlossen haben.

Der Regimentskommandeur Worobjow, baumlang mit einem riesigen Schnauzbart, bestieg den unter seiner Last knarrenden Drehbalken der Mühle, und seine Stimme dröhnte in die Menge hinein:

"Genossen!"

Wie ist sie winzig, diese Stimme über diesem Meer von Tausenden und Abertausenden erzenen Gesichtern, die ihre zahllosen Augenpaare auf ihn richten. Um ihn herum drängt sich der ganze übrige Kommandostand.

"Genossen!"

"Geh zum Teufel!"

"Mach, dass du fortkommst!"

"Zu allen Teufeln!"

"Halt's Maul!"

"Auch so einer von der alten Obrigkeit, der Sauhund!"

"Hast du etwa keine goldenen Achselklappen getragen?"

"Er hat sie ja längst abgeschnitten."

"Ja, weil er musste."

"Schlagt in nieder in Dreiteufelsnamen!"

Das unübersehbare Menschenmeer brandete mit einem Wald von Armen auf. Es ist nicht festzustellen, was dieser oder jener geschrien hat.

Bei der Mühle steht ein Bursche, untersetzt, klobig, wie aus Blei gegossen, mit verkrampften viereckigen Kinnladen. Unter den niedrigen Brauen funkeln wie zwei stechende Schusterahle kleine, graue Augen, die nichts unbeachtet lassen. Der Mann wirft einen kurzen Schatten, dessen Kopf von den Umstehenden zertreten wird.

Der Mann auf dem Balken, mit dem großen Schnauzbart, schreit dröhnend und angestrengt:

"So lasst mich doch ausreden!... Genossen, wir müssen uns doch über die Lage klar werden..."

"Geh zu allen Teufeln!"

Lärmen und Schimpfen bedeckten seine einsame Stimme.

Inmitten des Meeres von Armen, aus dem Gewühl der Stimmen erhob sich ein langer, von Sonnenhitze, Arbeit und Kummer verdorrter Weiberarm, und eine gebrochene Weiberstimme kreischte in die Luft:

"Wir wollen nichts hören, fang nur gar nicht erst an, du Aaskerl... Jesus Maria! Eine Kuh hatt' ich und zwei Paar Ochsen, eine Kate und einen Samowar - wo ist das alles geblieben?"

Und wieder wallte es wie toll über die Menge - jeder schrie, keiner hörte.

"Ich hätt' jetzt Brot zu fressen, wenn ich meine Ernte eingebracht hätte..."

"Sie haben uns eingeredet, wir müssten nach Rostow..."

"Warum sind keine Kittel verteilt worden? Und keine Fußlappen und keine Stiefel?"

Von dem Balken schreit die einsame Stimme:

"Warum habt ihr euch denn alle aufgemacht, wenn..."

Die brauste die Menge auf:

"Eure Schuld ist's! Ihr Schweinehunde habt uns beschwätzt, habt uns das Blaue vom Himmel herunter versprochen. Wir waren ja alle daheim, hatten unsere Wirtschaft, - jetzt treiben wir uns wie verdammte Seelen in der Steppe herum."

"Freilich habt ihr uns belogen", tönte es auch aus vielen Soldatenkehlen, und die dunklen Bajonette wogten.

"Ja, wohin denn nun?"

"Nach Jekaterinodar."

"Da sind ja die Weißen!"

"Nirgends können wir hin..."

Der mit den eisernen Kinnladen steht noch immer da und blickt stechend aus seinen grauen, wie Schusterahle spitzen Äuglein.

Und da geht es rollend und unwiderruflich über die Menge hin:

"Verraten haben sie uns!"

Diese Stimme drang überall hin, und wer sie zwischen all den Wagen und Wiegen, Pferden und Kühen, Wachtfeuern und Munitionskarren nicht gehört hat, der hat die Worte gewiss erraten. Ein Krampf lief über die Menge hin, ihr Atem stockte. Hoch auf flatterte eine hysterische Weiberstimme, aber es war kein Weib, das da schrie, sondern ein kleiner Soldat mit einem Vogelschnabel, nackt bis zum Gürtel, in gewaltigen, viel zu großen Stiefeln:

"Man geht mit unsereinem um, als wie mit krepiertem Vieh!"

Aus der Menschenmenge, die er um einen ganzen Kopf überragt, drängt sich einer schweigend zu den Windmühlen hin, arbeitet mit aller Gewalt mit den Ellbögen: ein berückend schönes Gesicht, mit kaum sprossendem schwarzen Schnurrbärtchen, mit einem Matrosenmützchen auf dem Kopf, dessen zwei Bänder über dem gebräunten Nacken flattern. Er drängt sich durch, die Augen unverwandt auf das Häufchen der Befehlshaber geheftet - seine Fäuste umklammern das unheilvoll blinkende Gewehr.

"Na... Schluss jetzt!"

Der Mann mit den eisernen Kinnladen presste sie noch mehr zusammen. Sein erbitterter Blick überflog das stürmische Menschenmeer bis an dessen Rand: schwarz brüllende Mäuler, dunkelrote Gesichter, und unter den Brauen - funkensprühende, böse, schreiende Augen.

Der mit der Matrosenmütze und den flatternden Bändern war nicht mehr weit; er hielt sein Gewehr noch immer umklammert, den Blick unverwandt nach vorwärts gerichtet, als fürchte er, sein Ziel aus den Augen zu verlieren; noch immer stieß er sich durch die ihn einengende Menge, die lärmend und schreiend auf und ab wogte.

Der Mann mit den verkrampften Kinnladen empfindet es besonders bitter: er hat ja Schulter an Schulter mit allen diesen Leuten an der türkischen Front gekämpft. Meere von Blut waren es... Tausendfacher Tod über dem Haupt... Die letzten Monate hatten sie zusammen gegen die Weißen gekämpft, gegen die Kosaken, gegen die Generäle - bei Jejsk, Temrjuk, Tamanj, in den kubanischen Kosakendörfern.

Er riss die Kinnladen auseinander und sagte mit einer metallisch klingenden Stimme, die trotz Lärmen und Schreien in die Menge drang:

"Genossen, ihr kennt mich, wir haben unser Blut zusammen vergossen. Ihr habt mich selbst zum Kommandeur gewählt. Und wenn es jetzt so weitergeht, werden wir alle miteinander kaputt gehen. Die Kosakenbrut und die Weißen umringen uns von allen Seiten. Nicht eine Stunde ist da zu verlieren."

Er sprach in ukrainischer Mundart, und das nahm für ihn ein.

"Du hast ja auch Achselklappen getragen?!, schrie durchdringend der kleine, bis zum Gürtel nackte Soldat.

"Ich hab sie nicht darum gebeten, um die Achselklappen. Ihr wisst es ja selbst - ich habe an der Front gekämpft, da hat die Obrigkeit sie mir angehängt. Bin ich nicht einer wie ihr? Hab ich nicht ebenso wie ihr Armut und Arbeit auf meinem Buckel geschleppt... hab ich nicht mit euch gepflügt und gesät?"

"Alles, was wahr ist", schwirrte es jetzt durch den dichten Lärm, "er ist einer von den unsrigen!"

Der Schlanke in Matrosenanzug hat sich endlich aus der Menge gelöst: in zwei Sätzen stand er neben ihm und holte, immer noch schweigend und unverwandten Blickes, voller Kraft mit dem Bajonett aus. Der Mann mit den eisernen Kinnladen machte nicht den geringsten Versuch, auszuweichen; nur etwas wie ein krampfhaftes Lächeln zuckte über seine pergamentgelb gewordenen Züge.

Von der Seite, den Kopf wie ein junger Ochs geneigt, half der kleine, nackte Soldat mit aller Kraft mit einem Stoß von hinten nach:

"So ist's recht."

Das weit ausholende Bajonett verlor dadurch die Richtung und durchbohrte anstatt des Menschen mit den verbissenen Kinnladen einem danebenstehenden jungen Bataillonskommandeur den Leib. Dieser tat einen Seufzer, als ströme er Dampf aus, und fiel auf den Rücken. Der schlanke Matrose suchte wütend die Spitze des Bajonetts aus der Wirbelsäule herauszuziehen.

Ein Kompanieführer mit bartlosem Mädchengesicht packte einen Windmühlenflügel und kletterte hinauf. Der Flügel senkte sich knarrend, und er langte wieder auf der Erde an. Die übrigen alle, außer dem Menschen mit den viereckigen Kinnladen, griffen nach ihren Revolvern, ihre bleichen Gesichter waren verzerrt.

Aus der Menschenmenge drängten sich noch ein paar Leute vor - die Augen verstört aufgerissen, Gewehre in den verkrampften Händen.

"Haut sie nieder! Dass sie keine Junge kriegen!"

Auf einmal verstummte alles. Alle Köpfe wandten sich, alle Augen richteten sich nach einer anderen Seite. Über die Steppe, im gestreckten Galopp, dich an die Erde gedrückt, stürmte ein Rappe daher; der Reiter im rotgefleckten Hemde lag mit Brust und Kopf auf der Pferdemähne, beide Arme hingen zu den Seiten des Pferdes herab. Näher, immer näher kam er... Man sah, wie das Pferd wie von Sinnen heranraste. Dicker Staub wirbelte hinter ihm drein. Die Flanken waren blank vor Schweiß, mit schneeweißen Schaumflocken bedeckt. Und der Reiter schwankte im Takt des Galopps - hin und her - immer in der gleichen Haltung, den Kopf an die Pferdemähne gedrückt.

In diesem Augenblick tauchte ein neuer schwarzer Punkt in der Ferne auf.

Durch die Menge lief es:

"Da kommt noch einer!"

"Der hat's aber eilig..."

Der Rappe war indessen herangestürmt, weiße Flocken flogen zur Erde; unmittelbar vor der Menge sank das Pferd in die Hinterbeine, der Reiter im rotgefleckten Hemde rollte wie ein Mehlsack über den Pferdekopf hinweg und klatschte dumpf auf die Erde - mit weit von sich geworfenen Armen und unnatürlich verdrehtem Kopfe.

Die einen stürzten zu ihm hin, die anderen zu dem sich aufbäumenden Pferde, dessen Flanken klebrig rot schimmerten.

"Das ist ja Ochrim!", riefen die Herbeieilenden und suchten den Erkaltenden behutsam in eine gerade Lage zu bringen. Auf Schultern und Brust klaffte eine Hiebwunde, und auf dem Rücken dunkelte ein schwarzer Fleck geronnenen Blutes.

Und wie ein aufflackerndes Lauffeuer lief es angstvoll durch die ganze Menschenmenge - hinter den Windmühlen und zwischen den Fuhrwerken, die Straßen und Gassen entlang:

"Die Kosaken haben den Ochrim erschlagen!"

"Unsern Ochrim! Unsern Ochrim!"

"Welchen Ochrim?"

"Na, du wirst doch den Ochrim kennen! Den von der Pawlowskaja, dessen Haus oben an der Schlucht steht."

Jetzt kam auch der zweite herangesprengt. Sein Gesicht, das schweißbedeckte Hemd, die nackten Füße, alles war blutbedeckt: war das eigenes oder fremdes Blut? Und die Augen starrten ihm rund aus den Höhlen. Er sprang von dem wankenden Pferde und stürzte zu dem Liegenden, dessen Gesicht unaufhaltsam eine durchsichtige gelbe wächserne Blässe überzog - Fliegen krochen schon über die Augen.

"Ochrim!"

Da kauerte er schnell nieder und legte sein Ohr an die blutüberströmte Brust. Aber schon im nächsten Augenblick erhob er sich wieder und stand mit gesenktem Kopf vor dem Liegenden:

"Mein Junge... mein Sohn!"

"Gestorben...", flüsterte es verhalten ringsum.

Der Alte stand noch eine Weile da und brüllte plötzlich mit seiner heiseren, erkälteten Stimme auf, dass sie bis zu den entferntesten Katen und Wegen drang:

"Die Kosakensiedlungen Slawjansk, Poltawa, Petrowskaja und Steblijewskaja haben sich erhoben. Jetzt baut man auf jedem Kirchplatz einen Galgen - alle werden der Reihe nach aufgehängt, wer ihnen in die Hände gerät. In Steblijewskaja sind die Weißen, sie hängen, erschießen, ihre Reiter jagen die Leute in den Fluss hinein. Alte Männer, Frauen - keiner wird geschont. Sind alle Bolschewiken - sagen sie. Der alte Opanas, der das Feld und den Hof gegenüber der Pereperetschiza hat."

"Wir wissen schon!", dröhnte es dumpf aus der Menge.

"...er hat sie auf den Knien um sein Leben gebeten - sie haben ihn doch aufgehängt. Die aufständischen Weißen haben viele Waffen - Weiber und Kinder graben des Nachts in den Gärten und Feldern und schaffen Gewehre, Maschinengewehre, Munitionskisten - alles von der türkischen Front - herbei. Und Geschütze haben sie auch. Es geht wie ein Lauffeuer... das ganze Kobansche Gebiet steht in Flammen. Einige Trupps schlagen sich einzeln durch - die einen nach Jekaterinodar, die anderen zum Meer, noch welche nach Rostow, aber sie alle werden von den Weißen niedergesäbelt."

Wieder stand er eine Weile über den Toten gebeugt mit hängendem Kopf da.

Und in regungsloser Stille schauten aller Augen auf ihn.

Er schwankte plötzlich, griff mit den Händen ins Leere, tastete sich zum Pferde und stieg in den Sattel - das Pferd stand noch immer mit schweißbedeckten Flanken da, bei jedem Atemzug krampften sich die blutunterlaufenen Nüstern zusammen.

"Wohin?... Bist du ganz von Sinnen?!... Pawlo!"

"Halt!... Wohin?! Zurück!"

"Haltet ihn zurück!"

Aber schon entfernte sich das Aufschlagen der Hufe in der Steppe. Er holte weit aus, gab dem Pferde einen Schlag, und das Tier streckte gehorsam den nassen Hals vor, legte die Ohren zurück und stob in Karriere davon. Die Schatten der Windmühlen jagten schräg und lang hinter ihnen drein.

"Der geht zu Grunde - für nichts und wieder nichts."

"Ja, aber er hat doch seine Familie dort! Und da liegt nun sein tot da..."

Der mit den eisernen Kinnladen stieß langsam, schwerfällig aus:

"Habt ihr's gesehen?"

Die Menge gab finster zur Antwort:

"Sind ja nicht blind."

"Habt ihr's gehört?"

Finster kam es zurück:

"Wir haben's gehört."

Aber der Mann mit den eisernen Kinnladen fuhr unerbittlich fort:

"Genossen, wir können jetzt nirgends mehr hin - vorn und hinten - überall ist der Tod. Die dort", er wies mit dem Kopf nach den rosa schimmernden Katen der Siedlung und nach den riesigen Pappeln, die lange, schräge Schatten warfen - "die werden uns vielleicht noch heute Nacht niedermachen. Wir haben keinen einzigen Wachtposten aufgestellt, keine einzige Patrouille, niemand ist da, der es anordnen kann. Wir müssen zurück. Aber wohin? Zuerst muss die Armee umgebaut werden. Wählt euch selbst Befehlshaber aus, aber ein- für allemal - dann sollen sie Macht haben über Leben und Tod. Eiserne Disziplin muss sein, dann sind wir gerettet. Dann schlagen wir uns zu den Hauptkräften durch, und dann kommt auch aus Russland Hilfe. Seid ihr einverstanden?"

"Einverstanden!", dröhnte die Steppe in einem Aufschrei; von allen Seiten kam die Antwort - aus dem Gedränge der Fuhrwerke, aus den Straßen und Gassen und Gärten bis zum Fluss hinab.

"So ist's recht. Wir wollen uns gleich an die Wahlen machen und dann sofort die Truppenteile organisieren. Den Wagenzug der Flüchtlinge müssen wir von den Kampftruppen absondern. Die Kommandeure müssen nach den Abteilungen verteilt werden.

"Einverstanden!", klang es wieder einmütig über die grenzenlose gelbe Steppe.

In den ersten Reihen stand ein Mann mit einem würdevollen Bart. Ohne sonderliche Anstrengungen übertönte seine tiefe Stimme alle anderen:

"Wo sollen wir denn hin? Wo haben wir was zu suchen? Das ist ja der reine Verderb: alles haben wir im Stich gelassen, unser Vieh, unsere Wirtschaft!"

Es war, als wenn jemand einen Stein hineingeworfen hätte - die Menge begann zu schwanken, zu lärmen, man schrie ihm zu:

"Und was willst denn du? Zurück? Dass man uns alle niedermacht?"

Der Bärtige antwortete:

"Warum sollen sie uns niedermachen? Wir kommen ja von selber zu ihnen, und unsere Waffen werden wir auch abliefern - es sind ja Menschen und keine Tiere. Die aus Markuschinsk haben sich ja ergeben - 50 Mann waren es. Und als sie ihre Waffen und Gewehre und Patronen ausgeliefert hatten, da haben ihnen die Kosaken kein Haar gekrümmt - jetzt sind sie samt und sonders bei ihrer Feldarbeit."

"Aber das waren ja lauter reiche Bauern, die sich ergeben hatten."

Über die Köpfe flog es tosend und aufgeregt:

"Uns wird man sofort hängen!"

"Für wen sollen wir denn pflügen gehen?!", schrien die Weiber mit dünner Stimme: "Wieder für die Kosaken und die Offiziere?"

"Wieder ins Joch hinein?"

"Unter die Kosakenknute? Unter die Offiziere und Generäle?!"

"Mach dich fort, du alter Hund, so lange deine Haut noch heil ist."

"Haut ihn nieder! Von seinen eigenen Leuten wird man verraten und verkauft..."

Der Bärtige schrie hinein:

"Aber so hört doch, was kläfft ihr denn wie die Kettenhunde?"

"Da gibt's gar nichts zu hören. Bist ein alter Gauner - wir kennen dich ja."

Die erregten, roten Gesichter wenden sich einander zu, die Augen funkeln wütend, Fäuste fuchteln über den Köpfen. Jemand wird geschlagen, jemand wird in die Siedlung vertrieben.

"Ruhe, Bürger!"

"Was wollt ihr denn von mir! Was habe ich euch getan?"

Der mit den eisernen Kinnladen rief in die Menge hinein:

"Genossen, lasst es bleiben - wir haben Wichtigeres zu tun. Wir wollen jetzt den Kommandierenden wählen, die anderen Befehlshaber wird dann der Kommandierende selbst ernennen. Wen wollt ihr wählen?"

Eine Sekunde lang herrschte regungslose Stille, die Steppe, die Siedlung und die zahllose Menge - alles erstarrte. Dann erhob sich ein Wald von schwieligen, krummen Armen und Händen, und über die ganze Steppe bis zum Fluss hinab klang der eine Name:

"Koschuch! Koschu-u-u-ch!"

Und lange noch rollte der Ton unter den blauenden Bergen:

"...u-u-u-uch!"

Koschuch presste die steinernen Kinnladen zusammen, salutierte, und man sah, wie seine Gesichtsmuskeln zuckten. Er trat zu den Toten, zog seinen schmutzigen Strohhut vom Kopf. Und wie unter einem Windstoß hoben sich alle Mützen, entblößten sich alle Köpfe, so viel es ihrer gab, und die Weiber bekamen nasse Augen. Koschuch stand eine Weile mit gesenktem Kopfe vor den Toten:

"Wir wollen unsere Genossen mit allen Ehrenbezeugungen beerdigen. Hebt sie auf."

Man breitete zwei Militärmäntel aus. Zu dem toten Bataillonschef, auf dessen Brust sich ein breiter erstarrter Fleck rötete, trat der schlanke Matrose - die Bänder flatterten ihm über den gebräunten Nacken - er neigte sich schweigsam und behutsam, als fürchte er, ihm weh zu tun, und hob ihn auf. Auch Ochrim legte man auf einen Mantel.

Die Menge trat auseinander, dann rollte sie sich zusammen und floss einem endlosen Strome gleich mit entblößten Köpfen. Und jeder Gestalt folgte ein Schatten, der von den Nachfolgenden zertreten wurde.

Eine junge Stimme ertönte, weich und gramvoll:

"Als O-opfer seid ihr gefa-allen im Streit."

Andere Stimmen fielen ein, grob und ungeschlacht, nicht wie es Melodie und Lied verlangten - aber immer lauter und vielstimmiger floss der Rhythmus:

"In heiliger Li-iebe zum Vo-olke..."

Ungeschickt, schwerfällig klingt das Lied - aber warum taucht die seine Trauer auf, die so seltsam harmoniert mit der weiten, öden, nachdenklichen Steppe, mit den alten, altersgeschwärzten Windmühlen, mit den hohen, an den Gipfeln leicht vergoldeten Pappeln und mit den weißen Katen, an denen die Prozession vorüberzieht, und mit den endlosen Gärten, an denen die Toten vorbeigetragen werden, als wenn hier die Heimat wäre, in der man geboren ist, in der man auch sterben kann.

Dichte, blaue Abendschatten überzogen die Berge.

Die alte Gorpino - dieselbe, deren dürrer Arm sich drohend aus der Menge emporgestreckt hatte, wischt sich jetzt mit ihrem staubigen Rocksaum die roten, nassen Augen, die staubigen Runzeln und flüstert, schluchzend und sich zahllose Male bekreuzigend:

"Heiliger Gott, heiliger großer Gott, Heiliger, Unsterblicher - erlöse uns... heiliger Gott, heiliger, großer Gott", und schnäuzt sich tief bekümmert in denselben Rocksaum.

In geschlossenen Reihen marschieren die Soldaten mit entschlossenen Schritten, mit finster zusammengezogenen Brauen, und rhythmisch wanken die dunklen Bajonette.

"...kämpftet und starbet um kommendes Recht..."

Der gegen Abend zur Ruhe gegangene Staub hebt wieder seine trägen Knäuel, umwölbt wieder alles und alle.

Und alles verschwindet in seinen Schleiern, man hört nur den dumpfen Takt der Schritte und das:

"...heiliger, großer Gott... Heiliger, Unsterblicher..."

"Gelitten habt ihr im Kerkerverließ..."

Das gewaltige Getürm des Gebirges legt sich dunkel zur Ruhe und verdeckt die ersten schüchternen Sterne.

Man ist bei den Grabkreuzen. Die einen sind umgesunken, die anderen stehen schief da. Öde mit Gestrüpp bewachsene, verlassene Felder ziehen sich hin. Eine Eule huscht weich vorüber, Fledermäuse beginnen unruhig zu flattern. Zuweilen blinkt Marmor auf, das Gold der Aufschriften sickert durch die Abenddämmerung - es sind Grabdenkmäler reicher Kosaken und Händler - Denkmäler eines festgefügten Lebens, einer unerschütterlichen Ordnung, Denkmäler, über denen jetzt das Lied erklingt:

"...die freudig für uns in den Tod ihr gingt."

Man grub zwei Gräber. Die Särge, aus frischen, harzigen, duftenden Brettern wurden in aller Eile zusammengeschlagen. Man legte die Leichen hinein.

Koschuch bestieg mit bloßem Kopf den frischen Erdhügel:

"Genossen! Ich will sagen... unsere Kameraden sind zugrunde gegangen. Ja... wir müssen sie in allen Ehren zu Grabe tragen... sie haben ihr Leben für uns gelassen... Ja, ich will sagen... Warum sind sie gefallen?... Genossen! Ich will sagen, die Sowjet-Macht lebt, und sie wird bis ans Ende dieser Welt weiterleben. Genossen, wir sind hier, ich meine... im Druck, aber dort ist - Russland, Moskau. Russland wird siegen. Genossen, ich will sagen... in Russland herrscht die Arbeiter- und Bauernmacht... und das wird unser aller Rettung sein. Gegen uns sind die Kadetten, das heißt, ich will sagen, die Generäle, Gutsbesitzer und alle möglichen Kapitalisten, mit einem Wort, ich will sagen... Hundesöhne, Gesindel! Aber sie werden uns nicht kriegen, Gott verdamm mich, ja! Wir werden's ihnen zeigen! Genossen, ich will sagen... wir wollen unsere Kameraden beerdigen und an ihren Gräbern schwören, dass wir bis zum letzten Blutstropfen für die Sowjet-Macht kämpfen werde..."

Man begann, die Särge hinabzulassen. Die alte Gorpino hielt sich schluchzend den Mund zu - anfangs winselte sie leise wie ein junger Hund, dann heulte sie plötzlich laut auf; ihrem Beispiel folgte eine zweite, eine dritte... der ganze Friedhof war von Weiberstimmen erfüllt. Und jede bemühte sich, bis zum Grabe vorzudringen und eine Hand voll Erde hineinzuwerfen. Die Erdschollen schlugen dumpf auf.

Jemand flüsterte Koschuch ins Ohr:

"Wieviel Patronen soll man ihnen geben?"

"Stücker zwölf."

"Es wird mager sein."

"Du weißt ja, wir haben wenig Munition. Wir müssen jeden Schuss sparen."

Es erklang eine Salve, eine zweite, eine dritte. Sekundenlang sprangen Gesichter, Kreuze und die arbeitenden Schaufeln aus der Dunkelheit hervor.

Als es wieder still wurde, fühlten auf einmal alle: es ist Nacht, ringsum Ruhe, es riecht nach warmem Staub, das unaufhörliche Rauschen des Wassers flößt Träume ein oder verschwommene Erinnerungen - man weiß nicht recht, welche - und hinterm Fluss in lang sich hinziehenden, schweren, brüchigen Massen - die Schwärze der Berge.

3.

Die nächtlichen Fenster blicken schwarz in die Stube, und in ihrer Regungslosigkeit ist etwas Unheilvolles.

Auf einem Hocker steht ein Blechlämpchen ohne Glas: schwarzer Trauerflor steigt von ihm zur Decke hinauf. Auf dem Boden, gleich einem fantastischen Teppich mit zahllosen Zeichen, Linien, grünen Flecken und schwarzen Windungen, liegt eine ungeheure Karte vom Kaukasus ausgebreitet.

Barfuß, in Hemden, ohne Gürtel klettern die Befehlshaber auf allen Vieren auf der Karte umher. Die einen rauchen, bemüht, die Asche nicht auf die Karte fallen zu lassen; die anderen klettern unentwegt weiter auf dem Boden. Koschuch mit zusammengepressten Kiefern, lehnt hockend an der Wand; unter dem vorgeschobenen Schädel blicken winzige, hellstachelige Äuglein in die Leere, auf dem Gesicht aber kämpfen seine eigenen Gedanken. Alles versinkt im blauen Tabakrauch.

Durch die Schwärze der Fenster dröhnt, keine Sekunde verstummend, das drohende Brausen des Flusses; am Tage merkt man das nicht.

Vorsichtig, im Flüsterton, obwohl die Bauern aus diesen und allen Nebenhöfen ausquartiert sind, sprechen sie miteinander:

"Wir werden hier alle zugrunde gehen: kein Befehl wird durchgeführt. Sehen Sie denn nicht selbst?"

"Man kann mit den Soldaten nichts anfangen."

"Dann werden sie eben elend kaputt gehen - die Kosaken werden alle kurz und klein hauen."

"Wir nicht so schlimm sein..."

"Was heißt - nicht schlimm - sehen Sie denn nicht, dass ringsum alles in Flammen steht?"

"Dann geh hin und sag's ihnen!"

"Und ich meine - wir müssen Noworossijsk besetzen und dort abwarten."

"Davon kann keine Rede sein", sagte der Stabschef im reingewaschenen, gegürteten Hemde, mit einem glattrasierten Gesicht, "ich habe eine Meldung vom Genossen Skornjak - in der Stadt geht alles drunter und drüber: dort sind die Deutschen, die Türken, die Menschewiken, Sozialrevolutionäre, Kadetten und unser Revolutionskomitee. Sie halten fortwährend Meetings ab, reden ohne Ende, gehen von einer Versammlung in die andere, arbeitend tausend Rettungspläne aus - das hat gar keinen Zweck. Wenn wir unsere Armee in die Stadt bringen, dann geht sie ganz und gar aus dem Leim.

Durch das immerwährende Brausen des Flusses klang ein einzelner Schuss. Er kam aus der Ferne, und die kleinen, nachtschwarzen Fenster sagten mit ihrer regungslosen Schwärze: "Jetzt... fängt es an..."

Innerlich gespannt, horchten alle auf die Geräusche, aber äußerlich fuhren sie fort, verzweifelt mit ihren Zigaretten zu qualmen, und mit den Fingern über die schon ohnehin auswendig gelernte Karte hin und her zu fahren.

Aber es half nichts, es blieb immer das gleiche: links versperrt die blaue Farbe des Meeres den Abzug; rechts oben wimmelt es von feindlichen Dörfern und Höfen; unten im Süden verlegt die braune Farbe der Gebirgszüge den Weg. Es war eine richtige Mausefalle...

Einem riesigen Zigeunerlager gleich, stehen sie an diesem schwarzen, sich über die Karte schlängelden Fluss, dessen Rauschen unausgesetzt durch die tiefblauen kleinen Fenster dringt. Und in den überall auf der Karte vermerkten Schluchten, Wäldern, Steppen, Siedlungen und Höfen sammeln sich die Kosaken. Bis jetzt hat man die aufständischen Siedlungen und Höfe einzeln zur Ruhe bringen können, aber jetzt flammt das ganze ungeheure Kubangebiet in einem Feuermeer. Die Sowjetmacht ist überall niedergeschlagen; ihre Vertreter in den einzelnen Gegenden sind getötet, wie die Kreuze auf dem Friedhof stehen die Galgen im ganzen Lande: überall hängt man die Bolschewiken, und diese gibt's am meisten unter den auswärtigen Siedlern, obwohl es auch Kosaken gibt, die Bolschewiki sind; sowohl die einen als auch die anderen baumeln jetzt an den Galgen. Wohin sich wenden? Wo ist die Rettung?

"Es ist klar, wir müssen uns zur Tichorezkaja durchschlagen, von dort - zum Svatoj Krest, von da ist es bis Russland nicht mehr weit."

"Schlauer Kopf - Svatoj Krest! Wie willst du denn dahin kommen - durch das ganze aufständische Kuban und ohne Patronen und Geschützmunition?"

"Und ich sage, wir müssen uns zur Hauptarmee durchschlagen..."

"Und wo ist die Hauptarmee? Hast du eine Extrapost von dort bekommen? Sag uns, wo ist sie?"

"Und ich sage - wir müssen Noworossijsk besetzen und dort abwarten, bis wir aus Russland Nachrichten erhalten."

Jeder spricht, und jeder denkt sich dabei:

"Wenn man mir die Sache übergeben würde - ich würde einen ausgezeichneten Plan ausarbeiten und alle retten."

Wieder ertönt ein ferner Schuss durch den nächtlichen Lärm des Flusses. Nach einer Weile ein zweiter, dann noch einmal... plötzlich hagelt es von Schüssen - dann verstummt wieder alles.

Alle wandten die Köpfe zu den regungslos schwarzen Fenstern.

Hinter der Wand, irgendwo ganz in der Nähe, vielleicht auf dem Dachboden, krähte ein Hahn.

"Genosse Prichodjko", riss Koschuch seine Kinnladen auseinander, "gehen Sie hin, sehen Sie nach, was da los ist."

Ein junger, schlanker Kubaner Kosak mit einem schönen, etwas pockennarbigen Gesicht in einem schneidigen, engumgürteten Halbrock, ging hinaus, die nackten Füße vorsichtig setzend.

"Und ich sage..."

"Entschuldigen Sie, Genosse, es ist vollkommen unzulässig", unterbricht ein Glattrasierter, in aller Ruhe an der Wand lehnend, und auf den anderen hinabblickend; er ist im Gegensatz zu den anderen, die lauter Soldaten, Böttcher, Tischler, Friseure sind und sich erst im Kriege hinauf gedient haben, ein alter Revolutionär mit militärischer Ausbildung. "Es ist ganz unmöglich, die Armee in diesem Zustande weiter zu führen - man würde sie damit einfach vernichten. Es ist keine Armee, es ist ein Haufen von Menschen, der andauernd Meetings veranstaltet. Man muss sie neu organisieren. Außerdem binden uns die Zehntausende von Flüchtlingswagen an Händen und Füßen - mögen sie ziehen, wohin sie wollen, oder nach Hause zurückkehren; die Armee muss vollständig frei und ungebunden sein. Schreiben Sie einen Befehl: 'Wir bleiben hier in der Siedlung zwei Tage zum Zwecke der Reorganisation.'"

Er sprach, und die Worte verhüllten die Sprache und den Gang seiner Gedanken:

"Ich habe große Kenntnisse, theoretische und praktische, ich habe das Kriegswesen eingehend studiert - warum also er und nicht ich? Die Menge ist blind, sie bleibt immer nur eine Menge..."

"Was fällt Ihnen ein?", begann Koschuch mit wie verrosteter Stimme. "Jeder Soldat hat Mutter, Vater, Braut, Familie da - er wird sie doch nicht verlassen! Wenn wir hier sitzen werden, wird man uns bis auf den letzten Mann abschlachten. Man muss weiter, sofort weiter. Die Reorganisation kann unterwegs erfolgen. Wir müssen so schnell wie möglich an der Stadt vorbei - ohne anzuhalten - längs des Meeresufers bis Tuapse, dort passieren wir auf der Chaussee den Bergrücken und vereinigen uns mit den Hauptkräften. Sie können noch nicht weit sein. Und hier bedrängt einen alle Tage der Tod."

Da begannen alle durcheinander zu reden, jeder hatte ein Projekt, das ihm außerordentlich gut vorkam.

Koschuch erhob sich, seine eisernen Gesichtsmuskeln zuckten, die winzigen, stahlgrauen Augen stachen um sich. Er sagte:

"Morgen früh... brechen wir auf!"

Und es ging ihm dabei durch den Kopf: "Die Schufte werden den Befehl nicht ausführen!"

Alle schwiegen unzufrieden, und hinter diesem Schweigen war der Gedanke: "Es hat ja doch keinen Zweck, sich mit diesen Narren einzulassen."

4.

Als Prichodjko hinaustrat, schwoll das Rauschen des Wassers plötzlich an, füllte die ganze Finsternis. Vor der Tür, auf der schwarzen Erde, stand ein dunkles, niedriges Maschinengewehr. Daneben zwei dunkle Gestalten mit dunklen Bajonetten.

Prichodjko geht, aufmerksam in die Dunkelheit spähend. Der Himmel ist mit warmen, unsichtbaren Wolken bedeckt. An allen Ecken und Enden, nah und fern, bellen hartnäckig, unermüdlich die Hunde. Zuweilen verstummen sie, horchen eine Weile: der Fluss rauscht, und wieder geht's los - eigensinnig, unerträglich.

---ENDE DER LESEPROBE---