Der Eismann - Unni Lindell - E-Book
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Der Eismann E-Book

Unni Lindell

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Beschreibung

»So ist es immer, die Dinge sind nicht so, wie sie aussehen. … Die junge Lettin Elna stirbt einen schrecklichen Tod: Würgemale am Hals, blaue Flecken an den Armen und eine tödliche Kopfwunde… Mit ausgestreckten Armen und einem Blutkreis um den Kopf wird sie am Osloer Straßenrand gefunden. Kurz davor verschwindet ein kleiner Junge auf seinem Schulweg. Das sind die Fälle mit denen Kommissar Cato Isaksen direkt nach seiner sechswöchigen Beurlaubung konfrontiert wird. Die Ermittlungen führen Isaksen und seine Kollegen zum selben Mann: Wiggo Nymann, Fahrer einer Cateringfirma. Er war ein Kollege der toten Elna und lieferte zur Zeit der Entführung des Jungen ausgerechnet in dessen Wohngegend Ware aus. Doch steckt hinter dem unscheinbaren Mann mit den eisblauen Augen wirklich ein Mörder und Kindesentführer? Cato Isaksen und seine Kollegen müssen alles tun, um den Täter zu finden– und das Leben des kleinen Jungen zu retten. »Unni Lindell hat eine unglaublich effektive Art, Spannung aufzubauen.« – Nerikes Allehanda, norwegische Tageszeitung Fesselnde Scandi-Crime um einen hartgesottenen Ermittler aus Norwegen – für Fans von Jo Nesbø und Anne Holt.   Alle Bände der Reihe: Band 1: Das dreizehnte Sternbild Band 2: Pass auf, was du träumst Band 3: Der Trauermantel Band 4: Nachtschwester Band 5: Was als Spiel begann Band 6: Der Eismann     Die Bände sind unabhängig voneinander lesbar.

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Seitenzahl: 467

Veröffentlichungsjahr: 2025

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Über dieses Buch:

 

Die junge Lettin Elna stirbt einen schrecklichen Tod: Würgemale am Hals, blaue Flecken an den Armen und eine tödliche Kopfwunde… Mit ausgestreckten Armen und einem Blutkreis um den Kopf wird sie am Osloer Straßenrand gefunden. Kurz davor verschwindet ein kleiner Junge auf seinem Schulweg. Das sind die Fälle mit denen Kommissar Cato Isaksen direkt nach seiner sechswöchigen Beurlaubung konfrontiert wird. Die Ermittlungen führen Isaksen und seine Kollegen zum selben Mann: Wiggo Nymann, Fahrer einer Cateringfirma. Er war ein Kollege der toten Elna und lieferte zur Zeit der Entführung des Jungen ausgerechnet in dessen Wohngegend Ware aus. Doch steckt hinter dem unscheinbaren Mann mit den eisblauen Augen wirklich ein Mörder und Kindesentführer? Cato Isaksen und seine Kollegen müssen alles tun, um den Täter zu finden– und das Leben des kleinen Jungen zu retten.

eBook-Neuausgabe Dezember 2025

Die norwegische Originalausgabe erschien erstmals 2007 unter dem Originaltitel »Honningfellen« im Verlag Aschehoug & Co., Oslo.

Copyright © der norwegischen Originalausgabe 2007 Unni Lindell

Copyright © der deutschen Erstausgabe S. Fischer Verlag GmbH, Frankfurt am Main 2009

Copyright © der Neuausgabe 2025 dotbooks GmbH, München

Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.

Titelbildgestaltung: Karol Kinal unter Verwendung mehrerer Bildmotive von Shutterstock

eBook-Herstellung: dotbooks GmbH unter Verwendung von IGP (fe)

 

ISBN 978-3-69076-860-3

 

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Unni Lindell

Der Eismann

Ein Norwegen-Krimi | Cato Isaksen 6

Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs

 

dotbooks.

Die Wut kam wie eine Welle angerollt. Vertraut, hart und dynamisch, von nirgendwoher. Sie schlug immer wie ein Blitz ein, entzündete einen Brand, der nicht gelöscht werden konnte. Es war ein Gefühl, wie in ein schwarzes Loch hineinzutreten, keine Bremsen. Nur diese vielen reißenden Gefühle. Die Hände, die erhoben werden, die Muskeln, die sich bewegen, die Hitze im Hass, wenn der Schlag fällt. Verdammtes Ungeziefer, einfach herzukommen und zu glauben, man könnte machen, was man will. Zulangen, Platz erheischen. Wie nennt man das noch? Egoismus, Egozentrik oder einfach pure, schiere Unverschämtheit. Das Wasser in der Kanne hat die gleiche Farbe wie Glas. So ist es immer, die Dinge sind nicht so, wie sie aussehen. Wasser ist kein Glas.

In fingerschmalen Gängen hausen einsame

Bienen zwischen den Grashalmen. Kniend

halte ich ein Auge an eine Öffnung und begegne einem Auge,

rund und grün, untröstlich wie eine Träne

(...)

heiratet die Bienenkönigin in deinem Jahr den Winter.

Sylvia Plath

Kapitel 1

 

10. Juni (14:42 Uhr)

 

Vera Mattson fuhr sich müde über die breite Stirn. Ihre Haare, die sie im Nacken zu einem unordentlichen Knoten zusammengesteckt hatte, waren nicht mehr von kräftigem Schwarz, sondern wiesen Silberfäden und hellere braune Strähnen am Mittelscheitel und an den Haarwurzeln auf.

Sie saß auf dem angemalten Küchenstuhl, hatte die Hände um die braune Kaffeetasse geschlossen und schaute durch den Spalt zwischen den Küchengardinen. Ihr Blick war auf die gegenüberliegende Wellblechgarage gerichtet, wo die Rotdornhecke dicht herangewachsen war und von Efeu durchwebt wurde. Neben ihr auf dem Tisch lag ein vor Schmutz grauer Wischlappen. Von der Fensterbank blätterte die Farbe ab. An diesem Tag war draußen keine Polizei zu sehen, kein Schäferhund, der an der Leine riss und schnupperte und mit dem Schwanz hin- und herschlug. Da mussten sie ihre Untersuchungen doch beendet haben?

Sie starrte hinüber auf das gelbe Haus auf der anderen Straßenseite. Die Kletterrosen hatten frische grüne Blätter, und die Knospen waren dabei, sich zu öffnen, rot vor der gelben Wand. Die Tochter der Nachbarn und ihre stämmige Freundin mit den roten Haaren sprangen wieder auf dem Trampolin. Ihre Stimmen glitten, hysterisch schrill, durch den Spalt im Fenster. Sie konnte sehen, wie die Mädchen sprangen, auf und nieder, auf und nieder. Sie sah sie immer für einen Moment, über und unter den blaulila Fliederzweigen. Die Mädchen trugen Jeans und winzige Oberteile, die den halben Bauch frei ließen. Dass die Eltern heutzutage nicht mehr dafür sorgten, dass die Kinder sich anständig anzogen. Und warum waren die Mädchen mitten am Tag zu Hause? Hatten sie schon Sommerferien, oder mussten sie zu Hause bleiben, weil eine Woche zuvor das mit dem Jungen geschehen war?

Plötzlich war das Geräusch wieder da. Vera Mattson behielt den lauwarmen Kaffee für einen Moment in der Mundhöhle, ehe sie ihn hinunterschluckte. Das irritierende Gebimmel des näherkommenden Eiswagens mischte sich mit dem Geschrei der Mädchen. Pling, plong. Pling, plong. Pling, plong. Dann wurde es ganz still.

Der Eiswagen kam jeden Montag, und er ärgerte sie jedes Mal geradezu grenzenlos. Nicht nur, dass ihr das monotone Klingeln einen fast körperlichen Schmerz verursachte, da war auch noch die durch den Wagen hervorgerufene Unruhe. Die Leute, die angeströmt kamen, Rufe und Geschrei. Sie mochte keine Störungen. Vera Mattson stellte mit einem leisen Knall die Kaffeetasse auf den Tisch und schaute ihre dicken Finger an. Manches konnte sich in Sekundenschnelle ändern.

Das Bild des vor einer Woche verschwundenen Jungen war überall, im Fernsehen und in den Zeitungen. Sie schloss für einen Moment die Augen und sah das Kind vor sich, die weißen Haare und den halboffenen Mund mit den viel zu großen Schneidezähnen. Sie war die Letzte gewesen, die ihn gesehen hatte.

Sie erhob sich, ging zur Brottrommel hinüber und öffnete sie. Nur zwei kleine Stücke Knust übrig, da musste sie sich auf den Weg in den Laden machen, was sie einfach schrecklich fand. Ihr Übergewicht war ein Problem. Sie mochte auch keine Menschen treffen. Sie trug noch immer ihren Wintermantel, obwohl jetzt Sommer war. Der war eigentlich nicht so dick, vor allem war er verschlissen. Und sie trug Socken in den Schuhen und benutzte ihr altes Einkaufsnetz aus Nylon.

Nun war wieder die Klingel des Eiswagens zu hören. »Das geht gut, mir geht es gut«, sagte sie sich und hielt sich die Ohren zu. Sie ging in den kleinen Windfang hinaus. Dort blieb sie stehen und betrachtete ihr Gesicht im Wandspiegel. Die Spiegelfläche war vom Alter braun gefleckt. Ihr Gesicht war so ausdruckslos und so wenig entgegenkommend, dass sie ihrem eigenen Blick am liebsten ausgewichen wäre. Sie hatte sich in den letzten zehn Jahren nicht sonderlich verändert. Alles andere änderte sich, sie jedoch nicht.

Sie hatte den Polizisten mehrmals gesagt, dass sie in nichts hineingezogen werden wollte. Aber die hatten sie nicht in Ruhe gelassen. Sie hatten herumgenervt, sie solle ihnen erzählen, was sie wusste. Aber sie wisse doch nichts, hatte sie gesagt. Was sollte sie denn wohl wissen?

Sie hatte immer wieder dasselbe erklärt, dass sie die drei Jungen an jenem Tag wirklich gesehen hatte. Dass sie sie angeschrien hatte, weil sie wie üblich die Abkürzung durch ihren Garten nehmen wollten. Alles schrecklich irritierend, hatte sie den Ermittlern anvertraut. Sie machte kein Hehl daraus, als sie nun danach gefragt wurde. Die Jungen hatten sie in den Wahnsinn getrieben, weil sie sich immer wieder an ihrer Wand vorbeigedrückt hatten. Dass es ihnen Spaß machte, sie zu schikanieren, stand ebenfalls fest. An dem Tag, an dem der Weißblonde verschwunden war, hatte sie die Tür aufgerissen, war aus dem Haus gestürzt und hatte hinter ihnen hergebrüllt, geschrien, jetzt reiche es wirklich, sie werde sich an die Eltern wenden und überhaupt. Aber zwei von den Jungen waren schon über den umgestürzten Zaun hinten im Garten geklettert und auf der Böschung verschwunden, zum Oddenvei hinunter. Der dritte, dieses weißblonde Teufelsbalg, zögerte und blieb stehen. Dann kam er wieder zurück. Ihr Geschrei hatte gewirkt. Voller Angst und verwirrt blieb er stehen, als seien seine Beine einige Meter von ihr entfernt im Boden verwachsen. Das dauerte nur einen kurzen Moment. Er riss einen Fliederzweig von ihrem Strauch. Sie starrte ihn wütend an, während seine kleinen Hände den violetten Zweig zerlegten. Er rieb die Finger hin und her, sodass die winzigen Blütenköpfe zerpulvert in Richtung Boden rieselten.

Das alles war auf den Tag genau eine Woche her. Die Polizei meinte, sie habe Patrik Øye vermutlich als Letzte gesehen. Sie hatte natürlich keine Ahnung von seinem Namen gehabt, bis die Polizei bei ihr angeklopft hatte. Sie hatte den Ermittlern alles erzählt; dass er kehrtgemacht hatte und wieder zurückgekommen und danach aus dem Tor gelaufen war, verschwunden zwischen den Torpfosten, dass er über den Kiesweg davongelaufen war, denselben Weg, den er gekommen war. Sie hatte ihnen erzählt, dass sie ihn danach nicht wieder gesehen hatte. Und dass die viel zu große Schultasche auf seinem Rücken auf und ab gehüpft war, schwarz und beige, mit einem grünen Querstreifen.

Kapitel 2

 

10. Juni (15:16 Uhr)

 

Signe Marie Øye stützte sich auf einen Ellbogen und blieb in dieser Haltung liegen. Auf dem Tisch stand ein Glas Wasser. Neben dem Glas lag eine weiße Serviette mit einem braunen Fettfleck. Sie starrte die geschlossene Verandatür und den die Glasscheibe blau färbenden Himmel an. Das intensive Sommerlicht machte die Stunden auf eine übelkeiterregende und aufdringliche Weise gelb.

Plötzlich war ihre Schwester wieder da. Sie nahm ihre Hand. »Komm jetzt«, sagte sie. »Setz dich auf. Ich habe ein Omelett gemacht.«

Ihr Mund fühlte sich trocken und fremd an. Ihre Schwester redete die ganze Zeit von Essen. Eine Freundin hatte angerufen und angeboten, den Rasen zu mähen. Die Rasenfläche war schon wild überwuchert. Es war ein warmer Frühling gewesen, aber was spielte das Gras schon für eine Rolle, jetzt, wo Patrik verschwunden war?

Sie zwang sich dazu, sich aufzusetzen. Ihre Schwester stellte einen Teller vor sie hin, setzte sich neben sie aufs Sofa und fing an, sie zu füttern. Mit kleinen gelben Stücken wurde sie gefüttert. Signe Marie Øye kaute langsam, als sei ihr Mund noch etwas anderes als ein Mund.

Sie hatte nicht geschlafen, schon seit langem nicht mehr. Nicht in dieser Nacht und auch nicht in der Nacht davor.

Plötzlich hörte sie draußen ein Auto. Sie wandte den Kopf und lauschte. Der Motor pulsierte einen Moment im Leerlauf, dann wurde er in den Rückwärtsgang geschaltet, und der Wagen setzte ein Stück zurück. Sie hörte, wie er wieder auf die Straße hinausfuhr und verschwand. Dann war es also wieder nicht die Polizei, die ihr etwas über Patrik sagen konnte. Er war jetzt seit einer Woche verschwunden. Seit einer ganzen Woche.

Die Luft war schwer, kein Lufthauch regte sich. Das Fenster stand offen. Das Rauschen des Verkehrs auf der E 18 flutete wie ein gleichmäßiger Strom ins Zimmer und mischte sich mit dem Klingeln des näherkommenden Eiswagens.

Sie war seinen Schulweg hundert Mal abgegangen, hin und her. Viele waren auf den kleinen Wegen unterwegs, ältere Menschen auf einem Spaziergang, junge Mütter mit Kinderwagen, Schulkinder und Menschen mit Hunden an der Leine. Sie waren dort unterwegs, als ob nichts passiert wäre. Sie senkte den Kopf, wenn sie Bekannten begegnete. Sie war mehrmals oben bei der Schule gewesen, hatte dort gestanden und das Gebäude gemustert, war den Selvikvei hinuntergegangen, bis ganz zum Ende, wo die Straße plötzlich bei den beiden großen Gärten endete. Dort, wo die geheime Abkürzung begann.

Sie war zwischen den Torpfosten hindurchgegangen und hatte an der Tür des braunen Hauses geklingelt, wo die alte Dame wohnte, die ihn, laut der Polizei, als Letzte gesehen hatte. Aber niemand hatte aufgemacht. Nur eine weiße Katze hatte auf der Treppe gesessen und sich geputzt. Sie hatte mit den Leuten gesprochen, die in dem gelben Haus mit dem großen Trampolin wohnten. Patrik hatte das Trampolin erwähnt, dass er und Klaus und Tobias einmal heimlich darauf gesprungen waren. Aber die Mädchen, die dort wohnten, hatten sie verjagt. Patrik hatte Angst vor großen Mädchen. Er hatte vor so vielen Dingen Angst, vor Arzt und Zahnarzt. Vor wütenden Erwachsenen und Severus Snape aus den Harry-Potter-Filmen. Und er hatte Angst vor fremden Hunden. Und vor gefährlichen Männern. Das hatte sie ihm beigebracht.

 

Sie hatte immer Angst gehabt, ihr Sohn könne von einem hohen Baum fallen. Patrik kletterte so gern auf Bäume. Sie hatte ihn leblos auf dem Boden oder im Wasser gesehen, wie er mit dem Gesicht nach unten dahintrieb, die weißen Haare wie wogendes Gras um seinen Kopf.

Aber niemand konnte ihr sagen, was am 3. Juni passiert war. Patrik war einfach verschwunden, irgendwo auf dem kleinen Kiesweg zwischen den beiden Gärten war er verschwunden. Die Polizei sagte, jemand müsse ihn in ein Auto gelockt oder gezerrt haben. Sie sah ihn in klaren Bildern vor sich. Die weißen Haare. Das Gesicht, die Art, wie er lachte. Sie hatte der Polizei das Foto gegeben, das im vergangenen Jahr im August von ihm gemacht worden war, am ersten Schultag.

Am Abend vor seinem Verschwinden hatte Patrik sich mit Klaus und Tobias um den Fußball gezankt. Sie hatte die Jungen durch die Verandatür gehört. Patrik hatte im Tor stehen wollen, aber einer der anderen hatte das ebenfalls gewollt. Sie hatten wütend durcheinandergerufen, und dann waren die beiden Freunde gegangen. Patrik hatte an diesem Abend nicht schlafen gehen wollen. Er war sauer und müde gewesen. Als sie ihn endlich ins Bett gepackt hatte, hätte sie ihm etwas vorlesen sollen, aber ihr hatte die Kraft gefehlt. Sie war ihm nur mit der Hand durch die weißen Haare gefahren und hatte gesagt, er müsse jetzt schlafen.

Am nächsten Morgen war er wieder munter gewesen. Sie hatte die Kaffeetasse wie immer unter dem Wasserhahn ausgespült und ihm zugerufen, er müsse sich beeilen, sonst werde er zu spät zur Schule kommen. Das war der-letzte-Morgen gewesen. Alles war in ihre Erinnerung eingebrannt. Das Fenster, das offenstand, die Sommerluft, die sich wie ein dünner Silberfaden anfühlte, als sie durch die Zimmer strich. Und dann hatte sie Patrik in die Schule gefahren.

Kapitel 3

 

11. Juni (9:15 Uhr)

 

In der Wohnsiedlung Frydendal in Asker war weit und breit kein einziges Kind zu sehen. Die Kinder waren schon längst in Schulen und Kindergärten verschwunden. Hauptkommissar Cato Isaksen verließ den Parkplatz in seinem zivilen Dienstwagen. Er warf einen Blick in den Rückspiegel und betrachtete sein scharf geschnittenes Gesicht mit den zwei Tage alten Bartstoppeln. Fünfzig zu werden war nicht einfach. Aber er sah nicht so schlecht aus. Sein ältester Sohn, Gard, war immerhin schon zweiundzwanzig. Der mittlere Sohn, Vetle, war vor einer Stunde zur Schule gegangen, und Bente war gleich darauf mit ihrem Fahrrad mit dem grellrosa Korb verschwunden. Sie hatte Frühdienst im Pflegeheim und glaubte, sie werde rechtzeitig zu Hause sein, um das Abendessen zu kochen.

Auf dem Beifahrersitz lag, ordentlich zusammengefaltet, die Tageszeitung Aftenposten. Auch an diesem Tag nahm das Bild des acht Tage zuvor aus Høvik bei Bærum verschwundenen Siebenjährigen die halbe Vorderseite ein. Cato Isaksen warf einen Blick auf das hübsche Jungengesicht. Er war froh darüber, dass nicht er diesen Fall bearbeiten musste. Irgendwer musste den armen Jungen entführt haben. Wenn er gefunden würde, dann wohl kaum lebend.

Cato Isaksen bog auf die E 18 ab und fuhr auf die äußerste Fahrspur. Er überholte vier Wagen und wechselte dann auf die rechte Spur über. Er war spät dran, hatte aber beschlossen, in seiner ersten Woche bei der Arbeit ein wenig vorsichtig zu sein. Er war sechs Wochen krankgeschrieben gewesen, nachdem er lange Zeit Raubbau mit seinen Kräften getrieben hatte. Zuerst war sein Kollege Preben Ulriksen in Thailand ertrunken, dann war sein jüngster Sohn in einen schwerwiegenden Fall hineingezogen worden, den Cato bearbeitet hatte. Ein Mörder hatte seinen Hass auf ihn gerichtet, als er dessen Fall gelöst hatte, und hatte sich auf unheimliche Weise in Catos Familienleben hineingedrängt. Er hatte den Siebenjährigen von der Schule abgeholt, um sich zu rächen. Am Ende hatte der Mörder sich umgebracht, und Georg war in einer Hütte in der Schrebergartenkolonie Sogn gefunden worden. Das alles war ein reiner Albtraum gewesen, und am Ende hatte Cato sich zum ersten Mal in seiner polizeilichen Laufbahn beurlauben lassen müssen.

Er war gerade erst an den Arbeitsplatz zurückgekehrt, als auch schon wieder neue Sorgen auftauchten. In seiner Abwesenheit hatte seine Chefin Ingeborg Myklebust eine neue Ermittlerin für sein Team angestellt, eine Nachfolgerin für Preben Ulriksen. Ohne sich vorher mit Cato zu besprechen. Marian Dahle hieß die Neue. Sie war ein Adoptivkind aus Korea, wirkte verschlossen und war leicht übergewichtig. Dahle hatte bisher in der Ordnungsabteilung gearbeitet, genauer gesagt in der Zeugenbefragungsstelle. Aus einem Alltag, in dem sie Zeugen vorlud, hatte sie also einfach so auf die Mordsektion überwechseln sollen. Allein das ... schon bei ihrer ersten Begegnung hatte er geahnt, dass Unangenehmes bevorstand. Aber er wollte ihr eine Chance geben. Er hatte zu wenig Leute in seinem Team und konnte eine neue Kraft wahrlich brauchen.

Obwohl es schon auf halb zehn zuging, deutete sich bei Lysaker ein Stau an. Cato Isaksen musterte sich abermals im Rückspiegel. Was sah er wütend aus! Er seufzte tief. Als Erstes war er, bei seiner Rückkehr zur Arbeit, sofort zu seiner Chefin gelaufen und hatte sich über die Neue beklagt. Ingeborg Myklebust hatte sich damit entschuldigt, dass sie ihn während der Zeit seiner Krankschreibung nicht habe stören wollen, weshalb sie sich nicht bei ihm gemeldet hatte. Das war natürlich eine plausible Entschuldigung, aber er durchschaute sie. Cato wusste, dass es ihr nur zu gelegen kam, sich nicht mit seinen Ansichten auseinandersetzen zu müssen. Vor allem, da seine Ansichten oft nicht mit ihren übereinstimmten.

Das Team hatte sehr gut gearbeitet, ehe Marian Dahle dazugekommen war. Cato Isaksen war seit Jahren Ermittlungsleiter für Roger Høibakk, Asle Tengs, Randi Johansen und Ellen Grue gewesen. Sie respektierten ihn, hörten ihm zu und machten ihre Arbeit.

Er hatte ihnen immer zu hundert Prozent vertraut, aber auch das schien jetzt gefährdet zu sein. Denn Asle Tengs hatte sich geweigert, mit ihm über Marian Dahle zu diskutieren. Und Randi Johansen hatte sich sichtlich unwohl in ihrer Haut gefühlt, als Cato Isaksen ihr gegenüber das Thema zur Sprache gebracht hatte. Randi hatte ihn sonst in jeder Hinsicht immer loyal unterstützt. Also hat Dahle das Team schon spalten können, dachte er und bremste hinter dem Wagen vor ihm. Er spürte einen wütenden Schmerz in der linken Schläfe.

Roger Høibakk war als Einziger auf seiner Seite gewesen. Prämenstruelle Hormonbombe, hatte er die Neue genannt, die sich bereits vor der Presse geäußert hatte, nachdem die Polizeileitung erklärt hatte, es gäbe keine Mittel mehr für die Analyse biologischer Spuren, als ob sie davon eine Ahnung hätte. Randi hatte sie zwar in Schutz genommen und gesagt, sie sei um einen Kommentar gebeten worden, aber dennoch. Die Gabe der Frechheit ist Marian Dahle offenbar reichlich gegeben worden, dachte Cato Isaksen und bog am Verkehrsknotenpunkt beim Osloer Hauptbahnhof nach links ab. Am Ufer ragte die neue Oper aus Glas und Beton auf.

Kapitel 4

 

11. Juni (20:54 Uhr)

 

Elna Druzika verließ das leere Lagerhaus und blieb für einen Moment mit dem Schlüssel in der Hand stehen. Über ihrer Schulter hing die senfgelbe Tasche, die ihre Mutter für sie gewebt hatte. Elna ließ den Schlüssel in das kleine Seitenfach fallen. Ihre Handgelenke taten weh. Noch immer hörte sie in Gedanken das Klirren der Teller und der Essensgeruch hatte sich in ihren Haaren und in ihrer Kleidung festgesetzt. Sie fühlte sich immer unbehaglich, wenn sie abends allein im Cateringlokal war, aber an diesem Abend war es ihr besonders unangenehm gewesen. Den ganzen Nachmittag hatte die Angst ihr die Kehle zugeschnürt, zuerst, als sie die Nougatkuchen mit Vanille fertiggemacht hatte, dann, als sie in der Kantine serviert hatte, und schließlich, als sie das weiße Porzellan gespült, die Essenreste weggeworfen und die Arbeitsflächen gesäubert hatte. Die Bilder aus dem Kühlraum hatten sich in ihrem Gehirn festgesetzt und ihren Atemrhythmus verändert.

Auf dem Platz vor dem Haus war alles still. Die Wellblechplatten, die unten an der Straße angebracht waren, um sie vor Lastwagen und Gabelstaplern zu schützen, knackten leise. Die Sonne, die sie tagsüber aufgewärmt und gedehnt hatte, war jetzt hinter den Lagerhäusern verschwunden. Die Platten kühlten nun ab. Kein Mensch war zu sehen, nur die Gewerbegebäude, die nebeneinander aufragten und einen viereckigen Hofplatz bildeten, auf dem nur noch zwei Autos standen. Das eine gehörte der Wachgesellschaft, sie erkannte es wieder. Dahinter aber stand ein rotes Auto. Sie erinnerte sich daran, auch das schon einmal gesehen zu haben, wusste aber nicht mehr, wo.

Sie ging vorsichtig die Stahltreppe hinunter. Die machte ein singendes Geräusch, wann immer Elna einen Fuß auf eine weitere Stufe setzte. Sie musste sehen, dass sie zu Inga nach Hause kam.

Der Anblick, der sich ihr einige Stunden zuvor geboten hatte, als sie das steifgeforene Paket unter dem hintersten Regal im Kühlraum hervorgezogen hatte, hatte ihr fast den Atem verschlagen. Jemand hatte versucht, unter dem Regal einen schwarzen Müllsack zu verstecken, hinter einigen leeren Isoporkästen. Sie war in die Hocke gegangen und hatte den Sack herausgezogen und ihn betastet, war aber mitten in der Bewegung erstarrt. Sie hatte den Sack geöffnet und hineingeschaut. Darin lag ein kleiner Körper. Der Anblick hatte sich in ihrem Bewusstsein festgeätzt. Sie wandte sich rasch ab, richtete sich auf und schob mit dem Fuß den schwarzen Müllsack wieder unter das Regal. Fast im selben Moment war ein Flugzeug über das Dach gedonnert, und dann hatte plötzlich Noman Khan dagestanden, gleich hinter ihr. Sie hatte irgendetwas gestammelt, hatte hektisch darüber geredet, dass sie die Zutaten noch nicht abgewogen habe, dass die Kuchen aber rechtzeitig fertig sein würden. Allesamt, und dass sie zwei mit Marzipan glasieren und mit Pralinen dekorieren würde, um sie besonders schön aussehen zu lassen. Ja, ja, ja, hatte er gesagt und eine irritierte Handbewegung gemacht. Er hatte sie gereizt gemustert und sie gebeten, zuerst die Honigkuchen fertigzumachen. Dann war er gegangen.

Plötzlich wurde die Tür zum Speisesaal der Fahrer aufgerissen, und das Geräusch ihrer Stimmen und ihres Lachens legte sich wie eine störende Decke über ihr Bewusstsein.

Und plötzlich war er da, hinter ihr. Dicht bei ihr. Sie hatte sich umgedreht. Sie hatte zu viel gesehen, das konnte sie seinem Gesichtsausdruck entnehmen. Sie konnte nicht sprechen, konnte nicht einmal flüstern. Du darfst nicht ... hatte er gesagt und sie gepackt. Nein, hatte sie gesagt. Nicht einmal zu Inga. Aber sie wusste, dass er begriffen hatte, doch, sie würde mit Inga sprechen. Sie sprach mit Inga über alles.

Er zog sie zu sich und schob sie hinter das Regal. Sie riss sich los, aber er kam hinter ihr her und stieß sie gegen die Wand. Packte ihre Oberarme und schüttelte sie. Sie versuchte, sich zu befreien, und das gelang ihr auch, aber als sie gerade loslaufen wollte, riss er sie zurück. Dann legte er die Hände um ihren Hals, doch plötzlich wurden die Doppeltüren mit lautem Scharrgeräusch geöffnet, und jemand fuhr mit einem Gabelstapler ins Gefrierlager. Er ließ sie los und wich zurück, verschwand draußen in der Sonne und war nicht mehr zu sehen.

Danach, als sie wieder am Spülbecken stand, ging ihr wirklich auf, dass etwas auf gefährliche Weise anders war. Was sollte sie tun? Da, wo sie herkam, hatte man Leben und Tod dichter am Leib als in Norwegen. Als sie zu Hause die Katzen begraben hatte, hatten die Gesichter ihrer kleinen Schwestern gelassen gewirkt. Katzen gebe es genug, wie die Mutter immer sagte. Aber Tiere und Menschen waren ja nicht dasselbe.

Danach war Noman zu einer Besprechung gefahren, und Ahmed hatte weiter mit dem Gabelstapler im Lager gearbeitet. Sie hörte das Rauschen des Motors bis in die Cateringküche. Nur sie und Milly waren noch da. Milly redete und redete, wie sie das immer machte. Aber es fiel Elna schwer, sich zu konzentrieren. Sie schätzte Selbstbeherrschung als eine Tugend, aber hier ging es um etwas anderes. Sie musste einfach mit Inga sprechen. Doch Inga servierte heute auf der Sommerfeier einer großen Computerfirma in Sjølyst. Sie würde erst später zu Hause mit ihr reden können.

 

*

 

Elna Druzika klemmte die Tasche, die sie von ihrer Mutter bekommen hatte, dicht an ihren Leib, wie einen Rettungsring. Sie überquerte mit raschen Schritten den Hofplatz und ging auf die in das große Metalltor eingelassene Tür zu. Bald würde sie das Gelände verlassen haben. Sie warf einen Blick auf die Uhr. Ihr Bus ging in zehn Minuten.

In diesem Moment fing sie im Augenwinkel eine Bewegung auf. Die Gewissheit lief ihr Rückgrat hoch bis in den Nacken. Sie hörte, dass jemand in einem der hier abgestellten Autos den Zündschlüssel umdrehte. Der Motor sprang an. Sie rannte nicht gleich los. Sie schien sich an einem anderen Ort aufzuhalten. Sie hörte, wie der Wagen hinter ihr schneller wurde. Sie drehte sich nicht um, sondern lief los und richtete ihre Blicke auf das nur noch wenige Meter entfernte Tor. Jemand fuhr langsam neben sie und öffnete die Tür zum Beifahrersitz, aber sie wollte sich nicht in das Auto setzen. Sie dachte langsam und ganz normal gehen, als ob nichts passieren kann. Aber im Bruchteil einer Sekunde brachte das Brüllen des Motors sie zu der Gewissheit, dass sie sich irrte. Das hier war kein Spiel. Er war so verzweifelt, dass er sie umbringen würde. Sie würde sterben. Sie öffnete den Mund zu einem Schrei, aber sie brachte keinen Ton heraus.

Als der Wagen sie anfuhr, jagte ein Strom von Bildern an ihrem inneren Auge vorbei. Das alte Pferd, und der ramponierte Wagen vor dem Haus, zu Hause in Bene. Die sonnenwarmen Holzwände, grau vor Alter. Und die hartgetrampelte Erde draußen. Die Blumen an der Mauer und das Eis im Winter an den Fensterscheiben. Die Mutter Fanja und die Schwestern. Und der Bruder. Die Wolken, die wie weiße Seide über dem Dach lagen. Die Stille und der Mond im Herbst vor dem schwarzen Himmel. Die Straße, die sich krümmte, die am Weidenrost endete, wo der Acker begann. All das strömte einen kurzen Moment vor dem Tod durch ihr Bewusstsein, ungefähr wie die kurze Pause zwischen zwei Herzschlägen.

Ihre Gedankenreihe nahm ein Ende. Ihr Gehör versagte und der raue Asphalt verschwand in einem klaren weißen Licht.

Kapitel 5

 

Marian Dahle stand vornübergebeugt da, die Arme übereinandergeschlagen und die Schultern ein wenig hochgezogen. Sie hatte einen schmalen Mund, eine kleine Nase und hohe Wangenknochen. Ihre pechschwarzen Haare waren zu einem dünnen Pferdeschwanz gebunden. Sie war zweiunddreißig Jahre alt, sah aber aus wie achtzehn.

Hinter den Rußglasscheiben des Polizeigebäudes hatte die Sonne bereits eine schwere, stillstehende Wärme produziert. Es war der 12. Juni und Marian Dahle musste um zehn im Gericht sein. Rasch durchblätterte sie die Unterlagen, die vor ihr auf dem Tisch lagen. Sie arbeitete jetzt seit genau einem Monat in der Mordsektion, und es war eine lehrreiche Zeit gewesen. Es war spannend und herausfordernd, einen Platz in Cato Isaksens Ermittlerteam zu haben, und sie hatte die Zeugenvorladungen recht satt gehabt. Das hier war viel interessanter. Das hier hatte sie sich gewünscht; mit Menschen zu arbeiten, die am Rande von etwas standen, die sich zu weit hervorgewagt hatten. Es lag ihr, Puzzlestücke zusammenzulegen, technische Teilchen. Sie war damit aufgewachsen, immer auf der Hut zu sein, immer den sich ankündigenden Ereignissen zuvorkommen zu müssen. Deshalb hatte sie ein negatives Denkmuster entwickelt, das ihre Phantasie in negative Bahnen lenkte. Die Distanz zu den Mördern und Mörderinnen, mit denen sie hier zu tun haben würde, würde nicht unbedingt groß sein. Das war ein großer Vorteil. Einzig die Tatsache, dass der Ermittlungsleiter wieder da war, trübte ihre Freude. Er hatte sich als absolute Enttäuschung erwiesen. Cato Isaksen war kein bisschen entgegenkommend und liebenswürdig, wie die anderen behauptet hatten. Jedenfalls nicht zu ihr. Aber er hatte sich offenbar zusammengerissen und sie wenigstens willkommen geheißen.

Marian Dahle mochte Menschen nicht sonderlich gern. Ihr Boxer Birka war ihr Rettungsring. Der Hund schlief nachts in ihrem Bett. Birkas regelmäßiger Atem ließ auch Marian Dahle jede einzelne Nacht wie einen Stein schlafen. Das Wichtigste war, dass sie gute Arbeit leistete. Jetzt würde sie sich kurz mit der Technikerin Ellen Grue treffen, dann den Hund ausführen, der im Auto wartete, und danach zum Gericht fahren.

Randi Johansen hatte ihr anvertraut, dass Cato Isaksen sauer war, weil er bei ihrer Einstellung nicht gefragt worden war. Er sei leicht zu verletzen und könne dann undiplomatisch wirken, aber Marian dürfe nicht verraten, dass Randi das gesagt hatte. Es habe sowieso nichts mit Marian zu tun, hatte Randi hinzugefügt, deshalb solle sie es nicht persönlich nehmen. Sie hatte noch gemeint, der Ermittlungsleiter werde Zeit brauchen, aber Marian nahm es eben doch persönlich. Sie war keine, die Menschen Zeit ließ. Darüber war sie längst hinaus. Aber sie hatte nicht vor, ihm zu zeigen, dass seine abweisende Haltung ihr naheging. Diese Freude gönnte sie ihm nicht. Sie hatte schon Schlimmeres erlebt.

Die Kälte, die Cato Isaksen ausstrahlte, kam ihr so stark vor, dass sie sofort in die Defensive gegangen war. Ihr war herausgerutscht, dass sie den Ehrgeiz hatte, die Beste zu werden, und dass sie wisse, dass sie es schaffen könnte. Randi Johansen und Roger Høibakk waren dabei gewesen. Randi hatte sie aufmunternd angelächelt, während Roger das Zimmer mit skeptischer Miene verlassen hatte. Marian hatte gespürt, wie ein Frösteln durch ihren Körper lief, denn plötzlich, für einen kurzen Moment, war einfach alles wieder da. Dieses Gefühl, das bestimmte Gefühl, nichts wert zu sein. Sie hatte all ihre Willensstärke aufbieten müssen, um dem Ermittlungsleiter in die Augen sehen zu können. Alles im Leben ist leicht, wenn man nur so tut, als wäre es leicht, dachte sie bitter. Das war ihr Mantra gewesen, seit sie erwachsen geworden war und endlich von zu Hause weggekonnt hatte. Aber es machte ihr Angst, zu spüren, wie zerbrechlich alles war, wie entsetzlich verletzlich und empfindlich sie trotz allem war. Wenn die angsterfüllte Unruhe zuschlug, glich sie es damit aus, dass sie ihrer Umgebung voller Härte entgegentrat. Alles ist nicht die ganze Zeit Rock’n’Roll, dachte sie, aber niemand konnte durch sie hindurchsehen.

 

*

 

Die Technikerin Ellen Grue stand auf dem Gang und unterhielt sich mit Roger Høibakk, als ihr Telefon klingelte. Auf dem Display sah sie, dass die Gerichtsmedizin anrief. Und es war dann auch wirklich Professor Wangen. Er war der netteste der Gerichtsmediziner, ein grauhaariger, schlanker Mann von Anfang fünfzig, ein leidenschaftlicher Sportler mit einem freundlichen, einnehmenden Wesen. Er kam wie immer direkt zur Sache. Eine junge Frau war am Vorabend in einem Gewerbegebiet bei Alnabru angefahren worden und dabei ums Leben gekommen. Die Meldung war gegen einundzwanzig Uhr bei der Verkehrspolizei eingelaufen, und die Leiche war routinemäßig zur Obduktion gebracht worden. Und jetzt meinte der Gerichtsmediziner, dass die Tote nicht nur beim Unfall entstandene Verletzungen aufwies, sondern an ihrem Körper auch deutliche Spuren von Gewaltanwendung zeigte. Ob Ellen Grue so nett sein und sofort zur Gerichtsmedizin kommen könnte?

»Kein Problem«, sagte sie, und nachdem sie Roger gebeten hatte, Cato Isaksen zu informieren und Marian Dahle zu sagen, sie müsse mit einem der anderen Techniker über den Bericht für den Fall sprechen, der an diesem Tag vor Gericht kommen würde, lief sie in ihr Büro und zog ein belegtes Brot aus der Tasche. Sie hatte an diesem Tag keine Zeit zum Frühstücken gehabt, und ihr war ein wenig schlecht. Sie konnte nur hoffen, dass sie nicht schwanger war. Ihr Mann, den sie drei Jahre zuvor geheiratet hatte, war beträchtlich älter als sie und hatte erwachsene Kinder. Ellen Grue sah keinen Grund, noch weitere Menschen in die Welt zu setzen. Sie würde nie im Leben Mutter werden. Wenn sie bei der Arbeit eins gelernt hatte, dann das.

 

*

 

Die Luft bebte unter der Decke, wo das insektenartige stählerne Kunstwerk von Licht bedeckt war.

Cato Isaksen warf einen Blick auf die endlose Schlange von Menschen, die auf einen Pass warteten. Die Automaten, an denen Nummernzettel gezogen wurden, piepten und ein Kind schrie wie am Spieß. Er rannte nach links, vorbei an der Rezeption, schob seine Ausweiskarte durch den Scanner und nahm den Fahrstuhl in den vierten Stock. Inzwischen war es schon fast zehn.

Cato Isaksen betrat sein Büro, ging zum Fenster und machte es auf. Ein Sonnenfleck zitterte an der Wand hin und her und landete auf dem Papierstapel, der aus den Unterlagen zu zwei Messerstechereien und einer mutmaßlichen Brandstiftung bestand, bei der ein kleiner Junge das Haus seines Stiefvaters angesteckt hatte.

Obwohl er erst seit einer Woche wieder zur Arbeit ging, war sein Tisch bereits von Unterlagen übersät. Auf der anderen Straßenseite, hinten bei der Kirche, sah er eine Gruppe Jugendlicher langsam vorübergehen. Die Sommerferien rückten näher. In einer Woche würden die Schulferien beginnen, und Bente und die Jungen würden in ein Ferienhaus fahren, das sie in Stavern gemietet hatten. Er selbst wollte Anfang Juli nachkommen.

Roger Høibakk öffnete die Tür und schob seinen dunklen Kopf ins Zimmer. »Auch heute spät zur Arbeit«, bemerkte er spöttisch und lächelte. »Ellen ist zur Gerichtsmedizin gefahren. Möglicherweise ein neuer Fall. Eine junge Frau, die oben in Alnabru angefahren worden und dabei ums Leben gekommen ist. Sie hat am Körper Spuren, die nicht vom Unfall herstammen können. Marian Dahle raucht übrigens heimlich. Das habe ich eben gesehen. Sie stand mit ihrem Hund auf dem Parkplatz.« Roger Høibakk grinste und war verschwunden.

Sieh an, sie rauchte heimlich. Und Cato Isaksen hatte sie erst kürzlich dabei ertappt, wie sie mitten in der Arbeitszeit ihren Hund Gassi führte. Der Hund war ein Boxer, braun gesprenkelt und dunkel, mit weißer Zeichnung. Er hatte gefragt, ob sie vorhabe, den Hund auch weiterhin mit zur Arbeit zu bringen. Sie war ihm aggressiv ins Wort gefallen und hatte gesagt, sie habe gehört, er gelte als tüchtiger, aber ein wenig schwieriger Vorgesetzter. »Wenn ich meine Arbeit mache«, hatte sie gesagt, »kann es dir doch egal sein, ob mein Hund im Auto sitzt. Mir gehört der weiße Kastenwagen unten in der Garage. Und da sitzt sie eben meistens. Ich nutze meine Mittagspause, um mit ihr spazieren zu gehen, und ich rauche nicht, im Gegensatz zu vielen anderen, dafür verbrauche ich also keine Zeit.« Diese Worte hatte sie ihm an den Kopf geworfen. Sie nahm wirklich kein Blatt vor den Mund. Und wer hatte wohl gesagt, er sei schwierig?

Der Hund hatte sich an ihr Bein geschmiegt und gespannt gewartet, ob sie ihm einen Befehl erteilen würde. Cato Isaksen mochte Hunde nicht besonders, er selbst hatte einen roten Kater namens Marmelade, ein faules und ziemlich dickes, langhaariges Vieh. Automatisch hatte er ihr vorgehalten: Wenn sie nicht die richtige Einstellung hätte, würde es sehr schwierig für sie werden, in seinem Team zu arbeiten. »Wir sind ein positiv zusammengesetztes Team, und wenn du hier Eisbrecher sein, wenn du deine eigene Suppe anrühren willst, dann hast du hier nichts zu suchen«, hatte er gesagt.

»Ich habe die richtige Einstellung.« Sie hatte ihn mit ernster Miene gemustert. »Aber ich bin nicht zum Spielen hier. Und ich bin nicht an den Umgang mit Weibern gewöhnt.«

Cato Isaksen hatte sie eine halbe Minute lang schweigend angestarrt, während in seinem Bauch die Wut brodelte.

Sie schwieg. Der Hund saß in sich zusammengesunken da und schien zu wissen, dass die Stimmung alles andere als gut war.

Weiber, sie hatte sie Weiber genannt. Nachher war er auf sich selbst wütend gewesen, weil er alle seine Karten auf einmal ausgespielt hatte. Marian Dahle war seitwärts in die Abteilung geraten, ohne seine Einwilligung, und damit würde er vermutlich leben müssen. Preben Ulriksen war schon irritierend genug gewesen. Preben aus Bærum, aber Hand aufs Herz, er fehlte ihm. Preben hatte ihm so einiges anvertraut, hatte zu einer Art Freundschaft eingeladen. Was Cato Isaksen nicht angenommen hatte. Und dann war er einfach ertrunken. Es tat weh, daran zu denken.

Kapitel 6

 

Die Fahrt zum Krankenhaus dauerte nicht ganz eine Viertelstunde. Ellen Grue fuhr ins Parkhaus. Sie warf einen Blick auf ihr Gesicht im Rückspiegel und strich ihre dunklen Haare zurecht, ehe sie den Wagen abschloss und die Treppe zum Haupteingang hochstieg. Sie meldete sich an der Rezeption und ging dann durch den hellen Gang, zu der Tür, die in das im Untergeschoss befindliche gerichtsmedizinische Institut führte.

Der ganz besondere, süßliche Geruch von Tod und Verwesung schlug ihr schon in der Garderobe entgegen, wo sie ihre eigene Kleidung ablegte und dann die grüne Baumwollhose und das dazugehörige Oberteil anzog. Die weißen Fliesen an den Wänden waren blank gescheuert. Hier und dort hatten sich fast unsichtbare Ränder aus Scheuerpulver auf den glatten Flächen abgelagert. Sie zog die weichen Stoffschuhe aus ihrem Schrank und streifte blaue Plastiksocken darüber.

Vor der Tür des Obduktionssaals zog sie den gelben Kittel, die Plastikhaube und die Handschuhe an.

Professor Wangen erwartete sie am hintersten Tisch. Er legte seinen blauen Klemmblock auf die Kante des Waschbeckens. »Hallo, Ellen. Wie geht’s?«

»Gut.« Ellen Grue warf einen Blick auf den Leichnam auf dem Tisch. Die matten Fenster, die auf die Rückseite des Krankenhausgebäudes blickten, ließen graues Licht ins Zimmer. Die Neonröhren unter der Decke brannten.

»Elna Druzika. Lettin«, sagte der Gerichtsmediziner und nannte Geburtsort und Geburtsdatum. »Sie war also dreiundzwanzig Jahre alt. Eine lettische Freundin von ihr, die offenbar im selben Betrieb arbeitet wie die Verstorbene, war mit jemandem von der Ordnungsabteilung hier und hat sie identifiziert. Du bittest natürlich die Kollegen von der Mordsektion, sich mit ihr in Verbindung zu setzen. Ihr Freund wollte sie nicht sehen.«

Ellen Grue nickte und merkte, dass ihr schon wieder schlecht wurde. Ihr brach der kalte Schweiß aus. Professor Wangen musterte sie mit besorgter Miene. »Bist du nicht so ganz in Form?«, fragte er.

»Nein«, sagte sie. »Mir ist schon den ganzen Tag schlecht.«

»Irgendwas, das gerade umgeht?«, fragte er.

»Ich hoffe jedenfalls, dass es etwas ist, das vorübergeht«, sagte sie ironisch und lächelte müde.

Professor Wangen nickte verständnisvoll und berichtete nun von seinen Entdeckungen. Der vorläufige Obduktionsbericht werde schon am selben Nachmittag vorliegen, sagte er.

»Es gibt keine Anzeichen von Vergewaltigung, und schwanger scheint sie auch nicht zu sein.«

Dazu sagte Ellen Grue nichts. Die nackte junge Frau auf dem Tisch sah recht normal aus. Die braunen, halblangen Haare waren aus dem blutlosen Gesicht gestrichen. Ihr Körper war weiß, die Haut talgig, wie das bei Toten eben so war. Die kleinen Brüste hatten bleiche Warzen.

Das Opfer wies auf der linken Körperseite und am Kopf arge Verletzungen auf. Die Tote war gewaschen worden und die Wunden zeichneten sich jetzt deutlich ab. Der Gerichtsmediziner zog seine Handschuhe zurecht. »Sie ist fotografiert worden und die Verletzungen sind beschrieben. Wir haben Fragmente des Wagenlacks und Glas aus den Scheinwerfern in nummerierten Tüten. Sie ist von einem roten Wagen angefahren worden.«

»Schön«, sagte Ellen Grue. »Dann schicken wir die Lackreste zur Analyse nach Deutschland und hoffen, dass sie uns sagen können, was es für eine Automarke war.«

»Sie hat alle für einen solchen Unfall typischen Verletzungen: Knochenbrüche, Wunden im Gesicht, große Schürfwunden am Rumpf und so weiter.« Ellen Grue nickte und sah, dass das Opfer außerdem noch deutliche Druckspuren an den Oberarmen und bläuliche Ringe um die Handgelenke aufwies.

»Ja, und jetzt sieh mal her«, sagte Professor Wangen nun und beugte sich über die Tote.

»Punktblutungen und Blutergüsse um den Hals. Jemand hat sie gepackt und energisch zugedrückt. Man sieht hier auf der Seite, wo die Halshaut am dünnsten ist, Fingerabdrücke. Aber die Flecken am Hals sind ihr vor ihrem Tod zugefügt worden, und sie waren nicht tödlich. Sie ist außerdem an den Oberarmen festgehalten worden. Die Spuren sind so kräftig, dass ich annehme, dass ein Mann sie festgehalten hat. Sie hat vermutlich versucht, sich von ihm freizumachen. Dann hat er ihre Handgelenke gepackt, damit sie nicht weglaufen konnte. Das muss nur wenige Stunden vor dem Unfall passiert sein, die Flecken sind nicht ganz reif. Sie würden noch dunkler aussehen, wenn sie einen oder zwei Tage hätten heranwachsen können.«

Kapitel 7

 

Die Sonne schien auf die Windschutzscheibe, und er musste die Schutzklappe herunterziehen, um überhaupt etwas sehen zu können. Es war so heiß im Auto, dass er kaum atmen konnte. Er fühlte sich durch und durch unwohl. Wiggo Nyman drückte auf den Knopf, der das Fenster öffnete, und begegnete seinem Blick in dem kleinen Spiegel auf der Rückseite des Sonnenschutzes. Er hatte ein dünnes Gesicht und schöne blaue Augen. Auf der einen Wange saßen drei große Aknenarben. Seine Haare unter der blauen Schirmmütze waren blond und struppig. Er trug Jeans und ein weißes Unterhemd. Er seufzte tief und fuhr sich müde über die Augen, schaltete das Blinklicht ein, bog bei der Grundschule in Lysejordet ab und hielt an den üblichen Stellen, dort, wo die Reihenhausbebauung einsetzte.

Die Asphaltkante zerbröselte langsam. Das Gras, das am Straßenrand wuchs, schien eine Brutstätte für Mücken zu sein. Einige Meter weiter veranstalteten einige Kinder an einem kleinen roten Tisch eine Kuchenlotterie. Zwei von ihnen kamen auf den Eiswagen zugelaufen. Wiggo Nyman legte die Handbremse ein, beugte sich aus dem Fenster und bat die Kinder, noch einen Moment zu warten. Er musste erst eine kleine Pause machen. Die Kinder trotteten zu dem roten Tisch zurück.

Es roch fettig, nach dem Öl, das er früher an diesem Tag in den Motor gekippt hatte. Er hatte den Wagen mit der fetzigsten Stereoanlage. Johnny Cash sang »Run Softly, Blue River«. Wiggo Nymans Nacken war so verspannt, dass er sich kaum umdrehen konnte. Er ließ den Kopf gegen die Nackenstütze sinken und starrte dann mit leerem Blick durch die Windschutzscheibe.

Wenn es eine Möglichkeit gegeben hätte, an diesem Tag nicht zu fahren, dann hätte er sie genutzt. Aber so laufe das eben nicht, hatte sein Chef gesagt. Auch wenn Elna am Vorabend tödlich verunglückt war, so war er doch nicht krank. Wer hätte seine Tour übernehmen sollen? Er kannte die festen Anfahrpunkte doch in- und auswendig.

Er wusste genau, welches Haus welche Farbe hatte, ob die Tür rot, blau oder grün war. Und welche Mütter mit welchem Kinderwagen zu welchen Haltepunkten kam. Es waren ganz identische Häuser in ganz identischen Straßen.

Er nahm die Zigarettenpackung vom Armaturenbrett und klopfte eine Zigarette heraus. Er gab sich Feuer, hielt die Zigarette aus dem offenen Fenster und rückte seine Mütze gerade.

Die eifrigen Kinderstimmen von der Kuchenlotterie strömten durch das Fenster. Er sah Elna vor sich und hörte ihre Geräusche. Das Klirren von Messern und Gabeln in der Geschirrschublade. Das Wasser aus dem Wasserhahn, wenn sie den Wischlappen auswrang. Er warf einen Blick auf die Uhr, er war bereits zehn Minuten zu spät. Da machte er lieber, dass er in Gang kam. Er drückte die Zigarette auf der Packung aus und warf sie aus dem Fenster, drückte auf den Knopf, der das Klingelsignal auslöste, und sprang aus dem Wagen. Die schrille Glocke bohrte sich durch Mark und Bein. Die Kinder am roten Tisch jubelten glücklich auf und kamen wieder angelaufen.

Sie johlten vor Freude, als er die doppelten Hecktüren öffnete und in den Laderaum stieg. Das Klingeln machte ihn nervös. Er musste die Lautstärke so weit drosseln, dass er im Auto stehen konnte, ohne dass seine Ohren wehtaten. Die Kälte und der süße Geruch von Himbeeren und Honig schlugen ihm entgegen. Die Kinder standen draußen und sprangen auf und ab, um in den Wagen blicken zu können. Er hob drei Eiskartons aus dem Kühlregal. Das »Happy Star«-Logo auf den Kartons war blau und rosa gedruckt, auf den Kartons waren gelbe Sternchen verteilt. Er sah nicht nach, welchen Geschmack er erwischt hatte, er presste die Kartons einfach gegen seine Brust und stellte sie auf dem Boden ab. Wenn er daran dachte, was Elna passiert war, lief es ihm eiskalt den Rücken hinunter. Tot, sie war tot. Alles war plötzlich verändert. Er musste lernen, das zu verdrängen. Die alten Augenblicke mussten durch neue ersetzt werden. Er durfte nicht daran denken. Allen Menschen gegenüber war er wie Eisen. Es war, wie im Wasser zu sein. Wie Menschen durch Wasser zu sehen.

Die erwachsene Kundschaft kam jetzt auch, zuerst zwei junge Mütter mit Kinderwagen, dann kleine Gruppen von Jugendlichen auf dem Heimweg aus der Schule, einige kleine Jungen, vier Mädchen und ein einzelner alter Mann mit einem Stock. »Himmel, das ist ja vielleicht heiß«, stöhnte der alte Mann und zog sich den Schlips vom Hals. Wiggo Nyman sprang aus dem Wagen, ging nach vorn und stellte das Klingelsignal ab. Bilder jagten durch sein Gehirn. Er merkte, dass er wütend und reizbar war. Wenn die Kundschaft nur bald fertig wäre, dann würde er die Hecktür zuschlagen und losfahren und den Wagen leeren. Danach würde er sofort zu seiner Mutter und seinem Bruder nach Maridalen fahren und ihnen erzählen, was Elna geschehen war. Er brachte es nicht über sich, es ihnen am Telefon zu sagen. Nach Hause zu Mutter und Bruder zu kommen, war das Einzige, woran er jetzt dachte. Er sah das weiße Haus mit der abblätternden Farbe vor sich, die beiden roten Scheunen und den Katzenzaun, die Küche und die Korbstühle unter der Eiche. Er musste dieses Bild festhalten, um überleben zu können. Er sah vor sich den Waldweg mit dem trockenen Sand und die vielen Wiesenblumen am Wegesrand. Die grünen Felder lagen wie Flickenteppiche hintereinander, voll von gelbem Raps. Und die hohen Ahornbäume dort, wo der Wald anfing. Vor allem aber hätte er sich am liebsten von seinen Gedanken weggeschlafen.

Als eine der jungen Mütter ihn fragte, welche Eissorte er empfehlen könnte, mochte er sich nicht sofort zu einer Antwort herablassen. Wenn die Leute sich nicht entscheiden konnten, war das wirklich nicht sein Problem. Als die Frau die Frage wiederholte, sagte er, das Himbeereis sei lecker, aber die Frau blieb trotzdem stehen und betrachtete die an der Tür befestigten Bilder der Eissorten, ohne sich entscheiden zu können. Er bat die nächste Kundin, vorzutreten.

Kapitel 8

 

Cato Isaksen starrte wütend eine Fliege an, die vor dem Fenster brummend hin und her flog. Die Tür wurde aufgerissen. Es war Roger. »Ellen hat angerufen«, sagte er. »Offenbar war das wirklich Mord, die junge Dame oben in Alnabru.«

Cato Isaksen nickte und bat ihn, hereinzukommen. »Was hältst du eigentlich von ihr«, fing er an.

»Von der Dame in Alnabru?«

»Nein.«

»Von Ellen?«

»Nein, von Marian Dahle natürlich.«

Roger Høibakk grinste und ließ sich in einen Sessel fallen. »Wie schon gesagt, sie ist eine Hormonbombe.« Er lächelte, zog den Kamm aus der Tasche und fuhr sich damit durch die Haare.

»Die anderen mögen sie, Randi und Asle. Ja, Ellen auch, glaube ich.«

»Aber du hast trotzdem recht, Chef, mir kommt sie vor wie eine undefinierbare Störung.«

»Sie hat uns Weiber genannt.« Cato Isaksen ließ den Kugelschreiber fallen, den er in der Hand gehalten hatte, und der kullerte über die Tischplatte. »Sie wird unser ganzes Arbeitsmilieu ruinieren.«

Roger Høibakks Lippen kräuselten sich zu einem Lächeln. »Aber in einem Punkt hat sie wirklich recht, die Mordsektion ist zu einem Weiberrevier geworden. Warte nur ab, bis die Gehälter auf ein anständiges Niveau angehoben werden, dann kommen die Jungs schon zurück. Ich habe übrigens gestern ein Angebot auf eine Wohnung abgegeben, aber ich habe sie nicht bekommen.«

»Die Gehälter werden auf kein anständiges Niveau angehoben.« Cato Isaksen erhob sich. Ein Sonnenstrahl wärmte seine Hand. »Wie viel hast du geboten?«

»Zwei komma zwei Mill.«

Cato Isaksen musterte seinen Kollegen und seufzte. Er öffnete das Fenster und ließ die brummende Fliege frei. »Ich war nur ein paar Wochen weg, und wenn ich zurückkomme, ist hier verdammt nochmal alles verändert, aber ich werde wohl versuchen müssen, Ruhe zu bewahren.«

Roger Høibakk sah ihn an. »Ja, du musst versuchen, Ruhe zu bewahren. Ich habe übrigens vergessen zu sagen, dass wir Gerüchten zufolge noch einen Zuwachs für unser Team bekommen werden.«

»Wer zum Teufel behauptet das?«

»Gerüchte, habe ich doch gesagt.« Roger Høibakk zuckte mit den Schultern. Im selben Moment klingelte sein Telefon. Er drehte sich im Sessel herum und meldete sich.

Er spürte, wie die Frustration sein Rückgrat prickeln ließ. Jetzt musste es wirklich reichen. »Ich begreife nicht, was unsere Chefin sich so denkt«, murmelte er. »Wenn Ingeborg Myklebust mich loswerden will, dann soll sie ihren Willen haben.«

Roger Høibakk schaute ihm verdutzt hinterher, als er aus dem Zimmer und dann über den Gang stürzte.

 

Wollte sie ihn degradieren? Cato Isaksen eilte grußlos an zwei Kollegen vorbei. Jetzt reichte es wirklich. Die Luft auf dem Gang war warm und trocken. Der Übelkeit erregende Geruch nach grüner Seife verschwand nach und nach durch die offenen Fenster. Wenn sie das vorhat, denn gehe ich doch gern, dachte er wütend. Sie kann ihren Willen haben.

Cato Isaksen klopfte kurz an die Glastür der Abteilungsleiterin, riss die Tür dann auf und ging hinein. Ingeborg Myklebust drehte sich mit ihrem Sessel um, strich sich die roten Haare glatt, nahm die Brille ab und blickte ihn fragend an. »Setz dich«, sagte sie, aber Cato Isaksen blieb stehen. »Das ist nicht nötig«, sagte er. »Ich habe nur eine kurze Frage. Angeblich bekommen wir noch jemanden in mein Team, stimmt das?«

Ingeborg Myklebust nickte. »Ja, wir haben eine Stelle bewilligt bekommen.«

»Es stimmt also?«

»Es stimmt. Ich habe es gerade bestätigt bekommen, und es passt doch gut, jetzt, wo Sommerferien sind und überhaupt. Ich wollte eben übrigens zu dir kommen. Wollte mir nur noch vorher einen Fall ansehen. Wir haben drei Kandidaten, und zwei von ihnen können sofort anfangen. Du hast zu entscheiden, Cato.«

Er holte laut Luft. »Also habe neuerdings ich zu entscheiden?« Er musste sich in Acht nehmen, um nicht zu weit zu gehen. Soweit ihm das überhaupt gelang, musste er sich hier professionell zeigen. Er konnte es sich aber nicht verkneifen zu fragen: »Und wen du hast dir diesmal ausgesucht?«

Ingeborg Myklebust ignorierte die Frage. »Du hast zu entscheiden, habe ich doch gesagt. Wir haben die Wahl zwischen zwei Männern und einer Frau. Mir ist es egal, wen du nimmst.«

»Schön«, sagte er. »Wen schlägst du vor?« Er trat dichter an sie heran. »Mit Frauen reicht es jetzt«, sagte er provozierend. »Könnten wir Marian Dahle möglicherweise auswechseln?«

Ingeborg Myklebust musterte ihn nachsichtig. »Nein, natürlich nicht. Mit Marian Dahle musst du einfach leben. Als ich sie eingestellt habe, wusste ich doch nicht, wann du zurückkommen würdest. So ist es nun einfach. Ich weiß, dass sie eine sehr verbale und eigene Person ist, aber sie leistet gute Arbeit.«

»Verbal, so kannst du das auch nennen. Dass sie ihren Hund mit zur Arbeit bringt, das will ich mir ganz einfach nicht bieten lassen.«

»Nein, das kann ich an sich gut verstehen.«

»Du findest also auch, dass wir das nicht erlauben werden?«

»Wenn der Hund ihre Arbeitskapazität mindert, bin ich ganz deiner Ansicht.« Ingeborg Myklebust zog ihre Halskette gerade. »Du musst ihr eben sagen, was Sache ist, Cato. Ihr habt gerade einen neuen Fall bekommen, wenn ich das richtig verstanden habe.«

»Ja, Ellen ist gerade auf dem Rückweg von Wangen.« Cato spürte, dass sein Zorn sich langsam legte. »Eine junge Frau, die oben in Alnabru angefahren worden und dabei ums Leben gekommen ist. Sie hatte offenbar Spuren von Gewaltanwendung am Körper. Also nehmen wir an, dass sie nicht ganz zufällig verunglückt ist.«

»Gut«, sagte sie. »Hier sind die drei Kandidaten.« Sie klickte Bilder auf den Computerschirm.

Cato Isaksens Entschluss war rasch gefasst. Er entschied sich für den achtundzwanzig Jahre alten Tony Hansen. Der war 1,80 groß und hatte blonde Haare und einen Ohrring. Er war durchaus nicht bildschön, sah aber fesch und athletisch aus und kam aus Groruddalen. Nach allem, war über ihn zu lesen stand, nahm er sich nicht wahnsinnig wichtig. Cato Isaksen brauchte nicht noch mehr Leute, die sich wahnsinnig wichtig nahmen. »Hansen ist der richtige Mann für mein Team«, sagte er. Ingeborg Myklebust nickte zustimmend.

 

Cato Isaksen berief eine Eilbesprechung ein. Die taktischen Ermittler versammelten sich in dem warmen Besprechungszimmer. Asle Tengs und Randi Johansen hatten sich schon gesetzt. Roger Høibakk und Cato Isaksen kamen gleichzeitig ins Zimmer, jeder mit einem Pappbecher in der Hand. Marian Dahle war noch im Gericht. Sie warteten auf Ellen Grue, die ihnen den vorläufigen Befund vorlegen würde.

»Wir bekommen übrigens noch jemanden ins Team«, sagte Cato Isaksen als erstes. Er setzte sich ans Tischende und trank einen Schluck heißen Kaffee. »Tony Hansen, er ist gerade bei Myklebust, danach kommt er dann her.«

»Der ist sicher schwul«, sagte Roger Høibakk grinsend. »Dann haben wir alles, Chefin und Adoptivkind. Das Bild wäre komplett, wenn wir dann auch noch so einen hätten.«

Randi Johansen musterte ihn mit leichter Verzweiflung. »Bitte.« Cato Isaksen unterdrückte ein Lächeln. »Was hier kommt, ist ein echter kleiner Polizeiknabe«, meinte er zufrieden.

Tony Hansen war garantiert eine gute Wahl, anders als Marian Dahle, die einen Hund hatte, heimlich rauchte und im schickimickisierten Grünerløkka wohnte. Aufreizende Kombination, hatte Cato Isaksen beschlossen.

Asle Tengs schaltete sich ein. »Das passt doch hervorragend. Ich hoffe, er rechnet nicht damit, in diesem Jahr Urlaub zu bekommen. Ich fahre in zwei Wochen nach Frankreich.«

»Aber der Name«, sagte Roger Høibakk. »Tony Hansen, das klingt doch wie ein Knastbruder.«

»Er hat alle Qualifikationen«, teilte Cato Isaksen mit. »Der wird sich gut hier einpassen. Und das brauchen wir. Er kommt aus der Ordnungsabteilung und hat ganz besondere Qualitäten, er hat ein kleines Kind und seine Freundin arbeitet in einem Kiosk. Ein total normaler Mensch, ganz einfach. Ich kann mich nicht die ganze Zeit mit Dahle streiten. Ihr müsst mir ein wenig helfen«, sagte er und schaute Asle Tengs bittend an.

»Dir helfen, wie denn?«

»Mich unterstützen, meiner Meinung sein. Ihr wisst schon.«

»Deiner Meinung sein.« Asle Tengs atmete durch den Mundwinkel aus. »Dahle war total in Ordnung, bis du zurückgekommen bist.« Er ließ sich auf dem Stuhl zurücksinken.

Cato Isaksen starrte ihn gereizt an. »Ja, aber der Köter, der muss jedenfalls weg.«

»Birka tut niemandem etwas.« Jetzt war Asle Tengs sauer. »Um ehrlich zu sein, finde ich sogar, der Boxer ist gut für unsere Abteilung. Er ist ganz einfach angenehm.«

»Angenehm«, wiederholte Cato Isaksen sarkastisch. »Also echt, Asle.«

Auch Randi Johansen nahm den Hund in Schutz. Cato Isaksen stellte fest, dass Marian Dahle fast mit dem ganzen Team auf einer Wellenlänge war, und das hinterließ einen bitteren Geschmack in seinem Mund. Wenn er nur von Anfang an dabei gewesen wäre, dann wäre alles sicher einfacher gewesen. Jetzt hatte Marian in gewisser Weise einen Vorsprung erhalten, und sie nahm zu viel Platz ein. Auf einmal kam er sich selbst wie ein fremdes Element vor.

Plötzlich stand sie in der Tür. Cato Isaksen riss sich zusammen und lächelte sie an. Denn etwas hatte Marian an sich, sie strahlte Qualität aus. Aber es ist zu früh, dachte er. Sie hat uns noch nicht bewiesen, dass sie etwas kann.

 

Ellen Grue kam ins Zimmer, sie aß eine Banane und befand sich in Begleitung des frischeingestellten Polizeibeamten Tony Hansen. Er wurde überwältigend herzlich empfangen und vom restlichen Team willkommen geheißen. Er lächelte stolz und setzte sich neben Randi Johansen. Er dankte für den Kaffee, den Marian Dahle ihm reichte.

»Jetzt wirst du sofort ins tiefe Wasser geworfen«, sagte Cato Isaksen. »Aber eigentlich ist das doch nur gut. Wir werden jedenfalls so schnell nicht arbeitslos werden, so wie es aussieht. Also, willkommen hier bei uns.«

Der Ermittlungsleiter setzte sich gerade. »Wir haben einen neuen Fall und müssen gleich loslegen. Junge Frau, auf Alnabru tödlich angefahren. Ihre Verletzungen können nicht alle von dem Unfall stammen. Die Polizei wurde gestern Abend, gegen 21:00 Uhr, von einem Sicherheitswärter informiert, der gerade in der Nähe war. Bitte sehr, Ellen, erzähl du weiter.«