Der Elbische Patient - Pia Backmann - E-Book

Der Elbische Patient E-Book

Pia Backmann

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Beschreibung

Es ist Krieg. Unerbittlich reißen die gegnerischen Magier mehr und mehr Teile von Klaras Land an sich, um ihre Feinde, die Menschen, zu vernichten. Gemeinsam mit ihrer Wahlfamilie --Menschen sowie Magiern -- kämpft die behinderte Heilerin für ein Leben jenseits von Vorurteilen und Hass. In einem Gefecht trifft sie auf Kronprinz Iònatan, den Anführer der feindlichen Armee. Er findet in ihr eine so rätselhafte wie unerwartete Gegnerin, denn Klara kontert jeden seiner Zauber. Frustriert sucht der Elb nach einem Druckmittel, um seine Feinde endgültig zu unterwerfen, wird dabei aber von einem Fluch getroffen. Als er im Sterben liegt, kann ihn nur noch eine Person retten: Klara. Ein Drama über zwei Feinde, die sich trotz allem lieben, über Freundschaft, die Vorurteile überwindet, und darüber hinaus ein »Fantasy-Arztroman« mit einer unschlagbaren Frauenquote.

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Seitenzahl: 698

Veröffentlichungsjahr: 2019

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Pia Backmann

Der Elbische Patient

ROMAN

Inhaltsverzeichnis

Cover

Titel

Inhaltsverzeichnis

Impressum

Das Buch

Die Autorin

Widmung

Anmerkung

Landkarte

Prolog

Giftige Dolche

Die Wunden lecken

Von Magiern und Menschen

Blutsteine

Einbruch

Die Bitte

Im Drachenhort

Lebenszeichen

Waffenruhe

Komplikationen

Narben

Das Schöne im Leben

Abschied

Zwischen zwei Welten

Der letzte Blutstein

Umbrüche

Angst

Aomòris Fall

Gewissensbisse

Klaras Geschichte

Epilog

Ankündigung

Danksagung

Hinweise zum Buch

Impressum

 

 

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detailierte bibliografische Daten sind im Internet unter www.dnb.de abrufbar.

 

© 2019 Pia Backmann

ISBN: 9783750456884

www.derelbischepatient.de

Lektorat: Carmilla DeWinter

Cover: Anika Heß

Karte: karlabyrinth.org

gesetzt aus der EB Garamond

erstellt mit SPBuchsatz

Herstellung: BoD - Books on Demand, Norderstedt

4. Auflage

Das Buch

 

Es ist Krieg. Unerbittlich reißen die gegnerischen Magier mehr und mehr Teile von Klaras Land an sich, um ihre Feinde, die Menschen, zu vernichten. Gemeinsam mit ihrer Wahlfamilie – Menschen sowie Magiern – kämpft die behinderte Heilerin für ein Leben jenseits von Vorurteilen und Hass.

In einem Gefecht trifft sie auf Kronprinz Iònatan, den Anführer der feindlichen Armee. Er findet in ihr eine so rätselhafte wie unerwartete Gegnerin, denn Klara kontert jeden seiner Zauber. Frustriert sucht der Elb nach einem Druckmittel, um seine Feinde endgültig zu unterwerfen, wird dabei aber von einem Fluch getroffen. Als er im Sterben liegt, kann ihn nur noch eine Person retten: Klara

 

Ein Drama über zwei Feinde, die sich trotz allem lieben, über Freundschaft, die Vorurteile überwindet, und darüber hinaus ein »Fantasy-Arztroman« mit einer unschlagbaren Frauenquote.

© PicturePeople

 

Pia Backmann wurde 1985 in Dortmund geboren. Nach dem Physikstudium widmete sie sich ihren Leidenschaften: der Ökologie und dem Programmieren. 2017 promovierte sie in Leipzig und arbeitet seitdem als Wissenschaftlerin.

Von Geburt an behindert, musste sie im Laufe ihres Lebens mit Vorurteilen umgehen. Deshalb ist ihr die Darstellung von selbstbestimmten Figuren und Lebensentwürfen jenseits der Norm wichtig.

Pia begeistert sich für Musik, Kampfport und Natur. Sie versucht gar nicht erst, den Kapitalismus zu lieben, und debattiert gern und ausgiebig über Umweltethik, (queer-)Feminismus und Ableismus.

 

Wenn sie mal lachen will, dann liest sie Arztromane.

 

For my sister

and all my beloved ones.

 

 

 

Si on n’aime pas trop,

on n’aime pas assez*

 

 

 

 

*Wer nicht zuviel liebt, liebt zuwenig.

 

Anmerkung

 

Die Autorin bemüht sich um eine gendergerechte Sprache (z.B. ›Elb:innen‹ statt ›Elben‹).

 

Diese soll sowohl männliche, weibliche wie auch nicht-binäre Geschlechtsidentitäten miteinschließen.

 

 

Viel Freude beim Lesen!

Prolog

 

Ich wünschte, ich wäre allein. Fèalyra zwang sich zu einem Lächeln. Sie war umringt von fröhlichen Gesichtern, einzig sie selbst lachte nicht aufrichtig mit. Die Elbin konnte ihr eigenes Fest nicht genießen, zu tief hatten sich die Sorgen in sie gegraben.

Sie feierten auf einer Lichtung, von alten Eichen umgeben. Zwischen den Bäumen hatten sie bunte Bänder gespannt, an denen die Wappen der elbischen Familien leise im Wind schaukelten, das Sonnenlicht brach sich sanft in den maigrünen Wipfeln.

Rechts von ihr stand ein Tisch, an dem viele Elb:innen saßen. Klirrend stießen sie ihre Weinkelche gegeneinander. »Auf die Kapitulation der Menschen!« Links von ihr jubelten einige Magier:innen: »Finistère, Finistère!«

Das hier war ihre große Stunde. Aber eine Unruhe nagte in ihr und wurde langsam immer stärker.

Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und sie zuckte zusammen. Sie drehte sich um und sah in Àlmons warme Augen.

»Na, wie geht es meiner Königin?«

Königin …

»Nenn' mich nicht so«, erwiderte sie. »Das ist ein Menschentitel – wir werden uns andere Worte dafür ausdenken, jetzt wo wir endlich unser eigenes Reich haben.«

Àlmon murmelte etwas Zustimmendes und zog sie an sich heran. Seine Hände wanderten liebevoll über ihren Rücken und kurz gestattete Fèalyra sich, ihre Stirn an seine Schulter zu legen. Sie schloss die Augen und atmete tief ein.

Grölend zog eine Gruppe Magier:innen an ihnen vorbei. Als sie Fèalyra erblickten, verstummten sie und verneigten sich unbeholfen. »Seid gegrüßt, Frau Ryunòr … äh … Majestät?«

Sie löste sich aus der Umarmung und nahm Haltung an.

»Du bist angespannt«, flüsterte Àlmon, als sie außer Sichtweite waren. »Macht dir unser Sieg so große Angst?«

»Nein.« Sie hoffte, dass es zuversichtlicher klang, als sie sich fühlte. Àlmon würde es früh genug erfahren, und heute sollte er glücklich sein. »Ich bin mir sicher, wir werden ein wunderbares Land aufbauen!«

Er lächelte. »Finistère – das Land am Ende der Welt. Was für ein schöner Name für ein Zauberreich! Hier werden unsere Kinder in Freiheit aufwachsen und glücklich sein.«

Fèalyra hatte das Bild ihrer jüngsten Tochter Liràna vor Augen. Wegen des Festes war die Kleine so aufgeregt gewesen, dass sie Àlmon und sie bereits lange vor Sonnenaufgang geweckt hatte. Während der Zeremonie wäre Liràna dann vor Schläfrigkeit fast vom Stuhl gerutscht, wenn Àlmon sie nicht aufgefangen und unter ihrem lautstarken Protest ins Bett getragen hätte.

Was für eine Welt hinterlasse ich ihr? Fèalyra fröstelte und rückte wieder näher an Àlmon.

Gemeinsam blickten sie sich um. Eine wilde Melodie wurde angestimmt, und immer mehr Feiernde fingen an zu tanzen. Bunte Röcke wirbelten, überall wurde getuschelt und gekichert.

Àlmon seufzte. »Ich hätte nicht gedacht, dass wir noch einmal so ausgelassen feiern könnten, nach allem, was die Menschen uns angetan haben.« Er drehte sich zu ihr und musterte sie. »Wieso bist du nur so traurig?«

Fèalyra biss sich auf die Lippe. Ihn konnte sie nicht täuschen, dafür kannte er sie zu gut. Sie hielt ihm ihre Hand hin und sagte leise: »Àlmon, ich möchte dir etwas zeigen. Bitte komm' mit.«

Er ergriff ihre Hand und sie führte ihn auf die Wiese, auf der sie die Pferde gelassen hatten. Mit einer raschen Handbewegung ließ sie ihre beiden Pferde magisch satteln und sie stiegen auf. Àlmon drückte die Fersen in die Flanken seiner Stute und folgte Fèalyra, die ihren Rappen schnell weg von der Musik zu einem Hügel trieb.

Als sie auf der Kuppe ankamen, war die Sonne fast schon untergegangen. Àlmon brachte sein Pferd neben ihr zum Stehen und tätschelte den dampfenden Hals. »Wieso hast du mich hier hingeführt?«

Sie wies auf das Land vor sich. »Was siehst du?«

»Dinstermor.«

Sie nickte. »Und jetzt schau genauer hin.«

Er kniff seine Elbenaugen zusammen und ließ den Blick bis zum Horizont schweifen. Dichte Rauchschwaden verdeckten seine Sicht, deshalb erkannte er nur schemenhaft, was vor ihm lag. Aber das, was er sah, tat seiner Seele weh. Seine ehemalige Heimat hatte sich in ein trostloses Land verwandelt. Kein Grün war sichtbar, dafür viele schwarze, ausgebrannte Flächen, von denen noch Rauch aufstieg. Zerstörte Häuser, verkohlte Baumstümpfe.

Er drehte sich zu Fèalyra. »Die Menschen haben teuer bezahlt, für das, was sie uns angetan haben.«

»Sieh nach links.« Sie presste die Lippen aufeinander.

Er tat wie gebeten und zuckte zusammen. Eine Gruppe Drachen flog über das verödete Land. Sie waren kilometerweit weg, aber auch über diese Distanz wirkten sie einschüchternd, mit ihren riesigen Schwingen und den spitzen Zacken auf dem Rücken.

Er wandte sich wieder ihr zu. »Sie fliegen immer noch? Trotz der Kapitulation?«

Fèalyra nickte langsam. Dann schloss sie die Augen. »Àlmon. Ich … ich kann sie nicht mehr aufhalten.«

»Aber hören sie nicht mehr auf dich?«

Hilflos schüttelte sie den Kopf.

Àlmon war blass geworden und atmete schwer.

Fèalyra schaute zurück nach unten, auf das rauchende Land. »Ich habe Angst, dass sie ganz Dinstermor zerstören.« Ihre Hände krampften sich um die Zügel und sie seufzte tief. »Vielleicht war es falsch, sie zu rufen.«

»Sag' das nicht.« Er löste sanft ihre Hand vom Zügel und drückte sie. »Ohne dich und deine Drachen hätten die Menschen uns alle vernichtet, über kurz oder lang. Es geschieht ihnen nur recht, wenn das hier ihr Verderben ist.«

»Nein, Àlmon. Das, was jetzt passiert, das hat niemand verdient, selbst unsere ärgsten Feind:innen nicht! Ich befürchte, dass dies furchtbare Konsequenzen für uns alle haben wird.«

Schweigend sahen sie dem letzten der vorbeifliegenden Drachen nach, bis er nur noch ein kleines Pünktchen am Horizont war.

Der Himmel färbte sich feuerrot.

Fèalyra ballte ihre Hand zur Faust. »Ich habe vielleicht einen Fehler gemacht. Aber ich werde dafür sorgen, dass so etwas nie wieder passiert!« Entschlossen blickte sie gen Dinstermor, hinein in das Inferno der Drachen.

Am Horizont brannte die Welt.

 

 

 

 

Mehr als achtzig Jahre später …

 

 

Teil I: Aomòri

Giftige Dolche

Die Kämpfe liefen nicht gut in letzter Zeit. Iònatan ließ den Blick über das Schlachtfeld schweifen. Überall waren die roten Banner seiner Armee mit dem feuerspeienden Drachen zu sehen, und nur manchmal blitzte das Gelb der Feind:innen daraus hervor. Trotzdem verloren sie ein Gefecht nach dem anderen und Iònatan begriff nicht warum.

Er hatte die Anderen genau beobachtet. Der Großteil von ihnen wirkte einfache, kraftlose Zauber und kämpfte ungeschickt. Die Aomòri schienen den Krieger:innen, die er über die letzten Jahre hinweg ausgebildet hatte, in den meisten Belangen unterlegen zu sein.

Wir sind in der Überzahl – und sie sind unfähig! Wieso machen sie es uns so schwer?

Iònatan riss sich los und konzentrierte sich wieder auf das aktuelle Geschehen. Er runzelte die Stirn. »Ellington!«, rief er. »So wird das nichts!«

Sir Ellington, der gerade einen vernichtenden Zauber werfen wollte, zuckte zusammen. Iònatan materialisierte sich neben ihm.

»Immer erst kontrollieren, dann zerstören«, sagte er und deutete auf eine Magierin und einen Elben des gegnerischen Lagers. »Sehen Sie: Als Erstes einen Tornado, der sie in der Luft hält« – mit einer gelangweilten Handbewegung ließ er die beiden durch die Luft wirbeln – »und dann einen Zerstörungszauber!« In dem Moment, in dem sie auf dem Boden aufschlugen, setzte er alles in Brand.

Um sich den hässlichen Anblick zu ersparen, schaute er wieder zu Sir Ellington. »Merken Sie sich das!« Kopfschüttelnd materialisierte er sich zurück zu seinem Aussichtspunkt.

Dort nahm er den Helm ab und wuschelte mit einer Hand durch seine verschwitzten Haare. Sein Blick fiel auf die feine Schmiedearbeit – der Helm war einem Drachenkopf nachempfunden, passend zu Iònatans Rüstung, die aus vielen übereinandergelegten Drachenschuppen aus glänzendem Metall bestand. Eine Stelle des Helms rieb gegen die sensiblen Spitzen seiner Elbenohren, was ihn schon den ganzen Morgen irritierte. Seufzend drückte er ihn sich wieder auf den Kopf und zog die Rüstung zurecht. Ich hätte dieses warme, schwere Ding überhaupt nicht anlegen brauchen, so unfähig, wie sie sich alle hier geben.

Aus dem Augenwinkel sah er, wie ein feindlicher Magier sich bückte, eine Muskete mit Bajonett aus den Armen eines Toten klaubte und eine Verbündete damit hinterrücks attackierte. Er lachte fast über die plumpe Attacke. Da sind dir wohl die Ideen ausgegangen, du Stümper!

Schnell warf er den Magier mit einer Schockwelle zu Boden.

»Akàri, Eiszauber!«, rief er.

Miss Akàri tat wie geheißen und nickte ihm dankend zu, als sich das Eis zischend in den Magier grub, aber Iònatan wandte sich wortlos ab. Heute hatte er anderes zu tun, als Zaubertipps zu geben. Heute wollte er eine Stadt einnehmen.

Nuòvi, die Stadt, die sie belagerten, hatte einen hohen Anteil an Menschen, also magie-unbegabten Wesen. Unfähig, Zauber zu wirken, war der Großteil von ihnen für die feindlichen Magier:innen in Schlachten wie dieser keine große Hilfe: Wie Ertrinkende umklammerten sie ihre Musketen, als würden ihre Kugeln eine ernsthafte Gefahr für eine magiedurchwirkte Rüstung darstellen. Spätestens, wenn sie nachladen mussten, waren sie für Iònatans Leute gefundenes Fressen.

In den Kämpfen versuchte Iònatan immer, den Fokus auf die Menschen zu richten, um die Verteidigungsstrategie der Aomòri zu brechen. Aus dem Grund flohen die meisten von ihnen aus Städten und Dörfern, bevor seine Armee überhaupt bis dorthin vordringen konnte.

Dieses Mal jedoch hatten sie die Bewohner:innen überrascht, und die Menschen waren hinter den Stadtmauern eingekesselt.

Iònatan hatte diese Schwachstelle genutzt, und ließ Nuòvi seit Wochen belagern. Die Strategie schien aufzugehen – laut seinen Späher:innen wurden die Nahrungsmittel hinter den Mauern langsam knapp.

Heute früh waren feindliche Truppen aus der Hauptstadt Aomòris über seine Armee hergefallen.

Eine Verzweiflungstat, schätzte Iònatan.

Nach dem langen Einerlei der letzten Wochen war er fast froh über die Abwechslung.

›Einerlei‹ beschrieb sein Leben hier treffend, die meiste Zeit verbrachte er damit, im Zeltlager auszuharren und auf eine Regung der Aomòri zu warten.

Selten kam er raus, aber wenn er es doch tat, vergällte es ihm die Laune: Die karstige Landschaft Aomòris mit ihren felsigen Bergausläufern, über die ununterbrochen Wind und Regen peitschte, war das hässlichste, was er seit Langem zu sehen bekommen hatte. Alles hier war schmutzig-braun und grau und das jetzt, wo der Frühling kurz vor seinem Höhepunkt stand. Wir sollten hier endlich Erfolge feiern, ich habe keine Lust, den halben Frühling in diesem Sumpf festzustecken!

Sein Blick fiel auf Sir Ellington, und was er sah, ließ ihn innerlich aufstöhnen. Begreift dieser Stümper denn rein gar nichts?

»Ellington, was habe ich Ihnen gesagt?«, bellte er.

Sir Ellington hob beide Hände. »Aber Mylord, ich habe genau das befolgt, was –«

Iònatan schnaubte verächtlich. »Ein letztes Mal. Erst einen Tornado!«, wieder vollzog er die gelangweilte Handbewegung. »Und dann …« Er stockte.

Der Tornado hatte Ellingtons Gegnerin nicht erwischt.

Bei allen Drachen! So etwas ist mir seit Jahren nicht passiert.

Er wiederholte die Handbewegung, diesmal mit mehr Konzentration. Immer noch ohne Effekt.

Iònatan konnte es nicht fassen. Schnell probierte er einen anderen Zauber, wieder ohne Erfolg. Er ließ die Arme sinken.

»Genau das meinte ich!«, rief Sir Ellington. »Diese Zauberin ist verdammt resistent!«

Iònatan verdrehte die Augen. Dieser Depp hat ganz schön viel Meinung für so wenig Ahnung.

Gefährlich war die Frau jedenfalls nicht. Sie wirkte überfordert, ihre Zauber plump und kraftlos, ihre Reflexe träge. Es kostete Sir Ellington kaum Mühe, ihre albernen Attacken abzuwehren, und dieser war nicht gerade der begnadetste aller Zaubernden.

Sie ist nicht der Grund … irgendwer muss ihr helfen.

Ein Schrei riss ihn aus seinen Gedanken. »Menschen gesichtet! Sie versuchen zu fliehen!«

Iònatan drehte den Kopf. Deshalb sind die Truppen heute hier! Sie wollen die Menschen retten!

Raven, seine beste Kriegerin, materialisierte sich neben ihm. »Mylord? Sie wollen die Menschen durch einen unterirdischen Gang nach draußen bringen. Kiovàn hat sie entdeckt!«

Ihr wollt uns wohl austricksen. Aber das lasse ich euch nicht durchgehen! Er straffte die Schultern. »Führ' mich dorthin!«

Es würde den Leuten Aomòris den Rest geben, wenn sie die Flüchtenden fangen könnten, waren doch viele Menschen und Magier:innen in diesem Gebiet miteinander liiert.

Bei dem Gedanken daran wurde ihm übel. Haben diese Magier:innen denn alles vergessen?

Alle Ahnen bis hin zu den Großeltern dieser Menschen hatten ihre Hände im Blut tausender Magier:innen gefärbt.

So etwas lässt sich doch nicht verzeihen … wie können sie sich nur zu solchen Kreaturen hingezogen fühlen? Er schauderte.

Er folgte Raven, die schnellen Schrittes vom Schlachtfeld weg auf ein kleines Wäldchen zusteuerte. Selbst die Wälder hier sind trostlos, fuhr es ihm durch den Kopf.

Kiovàn erwartete sie neben einer hohen Tanne. In der diesigen Dunkelheit erkannte Iònatan zunächst nicht viel, aber dann bemerkte er eine Öffnung unter den Brombeersträuchern. »Ist das der Ausgang?«, wandte er sich an Raven.

»Ja, Mylord.« Sie deutete eine Verbeugung an.

Iònatan lachte leise. »Sehr gut! Gute Arbeit, ihr beiden! Ich werde Lady Ryunòr melden, dass ihr eine Beförderung verdient habt! Nehmt die Menschen gefangen – vielleicht taugen sie noch für etwas in den Verhandlungen.«

Mit den Menschen Nuòvis als Gefangene würden sie die Aomòri so erschüttern, dass sie mit etwas Glück freiwillig die Waffen streckten. Sollten diese jedoch versuchen, die Menschen zu verteidigen, dann würde ein großer Teil ihrer Armee die Front dafür aufgeben – und so seinen Truppen den Weg in die Stadt frei machen.

So oder so, für uns ist beides ein Gewinn.

Um kein Risiko einzugehen, überwachte Iònatan die geplante Gefangennahme. Er stellte sich neben den Ausgang und beobachtete, wie Raven und Kiovàn ihre Truppen positionierten, um die Flüchtenden abzufangen. Eine langweilige Prozedur.

Er schloss kurz die Augen und stellte sich vor, wie sich der kristallblaue Fluss Luìngawa durch die satten Auen seiner Heimat, Ryumàr, schlängelte. Im Frühling war es dort besonders schön, die Birken trieben aus und die Sumpfdotterblumen und Ranunkeln bildeten ihre leuchtend gelben und roten Teppiche.

Wenn das hier gelingt, dann bin ich in wenigen Tagen wieder zu Hause, dachte er.

Plötzlich spürte er ein merkwürdiges, magisches Gefühl, das seinen gesamten Körper elektrisierte. Irgendeine schien gerade mächtige Zauber zu wirken und brachte das Energiefeld der gesamten Umgebung zum Vibrieren. Das Gefühl war nicht unangenehm, aber fremdartig, und das konnte nichts Gutes bedeuten. Er überlegte fieberhaft. Weder auf seiner Seite noch von den Feind:innen kannte er wen mit einer so starken magischen Signatur.

Kaèl Hotàru wäre dazu vielleicht in der Lage …

Dieses Energiefeld war jedoch definitiv nicht dem Elben zuzuordnen, dafür kannte er Kaèls Art zu zaubern schon zu lange.

Woher kommt diese magische Präsenz? Er drehte sich, um die Quelle auszumachen. Irgendetwas stimmt hier nicht. Vielleicht ist das sogar der Grund dafür, dass wir unsere Kämpfe verlieren.

Es war an der Zeit, etwas zu tun!

Er schaute zu Raven. »Schafft ihr das hier allein?« Sie nickte und er materialisierte sich zurück zum Schlachtfeld. Dort angelangt schloss er die Augen und navigierte nur mit seinen magischen Sinnen über den Acker, immer der Energie folgend.

Die meisten seiner Gegner:innen gaben ihm widerstandslos den Weg frei. Er spürte eine Attacke. »Jämmerlich!« Mit einer genervten Handbewegung schleuderte er, ohne die Augen zu öffnen, die Angreiferin gegen einen Baum. Sie interessierte ihn nicht, er hatte wichtigere Ziele.

Mittlerweile durchlief das fremdartige Gefühl seinen Körper in Wellen. Wer immer du bist, was immer du tust, bald habe ich dich!

Plötzlich hörte er aus dem Wäldchen einen Schrei – Bei allen Drachen! Diese Narren wollen jetzt die Menschen retten! Er materialisierte sich, ohne zu zögern, zum unterirdischen Durchgang zurück – Raven lag dort reglos auf der Seite.

Verdammt!, dachte er. Nicht sie! Er stellte sich schützend vor sie, die Hände bereit zum Feuern.

Aus dem Halbdunkel glühte ihm ein weißes Augenpaar entgegen. Bevor Iònatan darauf reagieren konnte, trat Kaèl aus dem Durchgang. Seine platinblonden, langen Haare hatte er glatt hinter seine Elbenohren gekämmt und er war in ein offensichtlich sehr, sehr teures, dunkel-purpurnes Kriegsgewand gehüllt. Das passt zu dem Schönling, dachte Iònatan. Kaèl strahlte eine starke magische Energie aus, und seine ganze Körperhaltung drückte Arroganz und Überlegenheit aus.

Iònatan setzte ein Lächeln auf. »Kaèl Hotàru – wie schön, ich hatte gerade an dich gedacht!«

Kaèls Augen verengten sich zu Schlitzen. »Iònatan Ryunòr. Es gibt Kriegsrechte, an die selbst du dich halten solltest! Zivilist:innen zu töten ist ein absolutes Tabu! Wenn du es noch einmal versuchst, werde ich nicht so nett mit ihr umgehen!«

Iònatan schaute zu Raven. Ihr Gesicht war blutüberströmt und ihr rechter Arm stand in einem ungesunden Winkel ab, aber sie atmete. Die Wut stieg in ihm hoch. »Du mieser Verräter wagst es, das Blut einer adeligen Magierin zu vergießen, nur um eine Gruppe Menschen« – er spuckte das Wort beinahe aus – »zu retten? Hat das Exil deinen Verstand ausgelöscht, Hotàru?«

Kaèl funkelte ihn an. »Ganz im Gegenteil, er hat erst wieder eingesetzt, seit ich meine Ruhe von euch degenerierten Mörder:innen habe! Wie feige ihr alle seid – die anzugreifen, die sich am wenigsten wehren können. Du bist ein widerliches Monster, Ryunòr!«

Sollte er Kaèl sofort töten oder ihn nur lähmen und gefangen nehmen lassen? Aber schon fuhr Kaèl fort: »Wenn du mich jetzt entschuldigst – die Stadt sollte evakuiert sein, und meine Aufgabe hier beendet!« Er lächelte. »Auf Nimmerwiedersehen!« Bevor Iònatan reagieren konnte, materialisierte er sich weg.

Iònatan ballte die Fäuste. Er hätte Kaèl töten können. So mächtig dieser Elb auch war, Iònatan hatte sich eingehender mit Zerstörungszaubern beschäftigt, und niemand reichte ihm auf diesem Gebiet das Wasser. Aber er hatte für den Bruchteil einer Sekunde gezögert. Sei es wegen Kaèls Familienabstammung oder ihrer gemeinsamen Vergangenheit – es war eine Schwäche, die er sich in Zukunft nicht mehr erlauben durfte. So konnte er keinen Krieg gewinnen.

Zu allem Überfluss hatte er so auch die Richtung des merkwürdigen Energiefeldes verloren.

Immerhin lebt Raven noch, dachte er. Sie brauchten die fähige Kämpferin in den weiteren Schlachten.

Iònatan schloss die Augen und versuchte, sich auf seine magischen Sinne zu konzentrieren. Langsam drang die nagende Kraft zurück in sein Bewusstsein, vom Kriegsgetümmel fast verdeckt.

Hab' ich dich, triumphierte er.

Mit geschlossenen Augen folgte er den feinen, elektrischen Vibrationen. Er war so konzentriert, dass er, ohne auszuweichen, über die herumliegenden Leichen hinweg stieg. Die Haare auf seinen Unterarmen stellten sich auf. Er musste nahe sein.

Iònatan öffnete die Augen und sah eine Frau, die gerade einen Zauber wirkte. Sie ist die Ursache.

Die Frau war so auf ihren Zauber konzentriert, dass sie Iònatan nicht bemerkte. Sie war klein, zierlich gebaut, hatte leuchtend rote Haare und eine schiefe, große Hexennase. Sie trug ein paar Lederplatten, die ungeschickt zusammengenäht wirkten, nicht wie eine eigens für sie geschneiderte Rüstung.

Dem Aussehen nach also eine vom Fußvolk, dachte er. Wieso strahlt sie dann eine so intensive Energie aus?

Er beobachtete sie genauer. Ihr kantiges Gesicht war vor Anstrengung verzerrt, während sie ihren Zauberspruch wirkte. Was zaubert sie da? Diese Art von Magie war ihm unbekannt.

Sie vollführte eine gezielte, explosive Bewegung und sandte einen grünen Blitz auf einen ihrer Verbündeten. Dieser wurde von zwei von Iònatans besten Leuten attackiert, widerstand aber scheinbar mühelos beiden Angriffen.

Iònatan kniff die Augen zusammen. Wie hat er das überlebt?

Einer der Zauber, mit dem sie ihn verwünscht hatten, war ein Todesfluch, und Iònatan kannte die Handbewegung, die nötig war, um ihn zu parieren. Das hatte der Magier definitiv nicht getan.

Nachdenklich betrachtete er die Zauberin. Ist es möglich, eine Attacke über so große Entfernungen zu kontern?

Iònatan war nichts dergleichen bekannt. Es lag jedoch immer noch ein grünes, kaum sichtbares Glimmen auf dem Soldaten. Grün, genau wie der Zauber, den die Frau gewirkt hatte.

Ein Schutzschild! Iònatan ballte die Faust. Sie war es – sie hat alle meine Zauber blockiert!

In dem Moment drehte sie ihren Kopf, und ihre merkwürdig nicht zueinander passenden Augen erfassten ihn. Sie weiteten sich in der Erkenntnis, wer dort vor ihr stand.

Iònatan schaltete sofort. Wer auch immer sie war, und was auch immer sie tat – er würde sie stoppen. Mit einer ausladenden Handbewegung warf er einen Meteor nach ihr, den sie mit nur einer Hand fernhielt. Mit der anderen schützte sie immer noch ihren Verbündeten.

Er wurde wütend. Wie konnte sie es wagen, ihm, den Kronprinzen von Finistère, so wenig Aufmerksamkeit zu schenken? Du bist jetzt schon tot, Hexe! Er konzentrierte sich auf seine Wut und ließ die Erde vor ihr explodieren.

Sie entkam – knapp – mit einem Satz zur Seite.

Er nutzte ihre Ablenkung, um vor sie zu springen. Im Sprung zückte er seine Klinge und zielte auf ihren Hals.

Auf einmal klirrte Metall auf Metall. »Das lässt du schön bleiben, du Gockel!«

Eine unerwartete Bewegung, und Iònatan hatte die Waffe verloren. Er starrte entsetzt in die purpurnen Augen von Bendix, dem Hexenjäger. Dieser sah furchteinflößend aus, mit seinen beiden violett blitzenden, halbkreisförmigen Klingen. In sein Gesicht hatte er, dazu passend, violette Kriegsbemalung tätowieren lassen, und unter seiner Rüstung lugten die von zahlreichen Kämpfen gestählten Oberarmmuskeln hervor.

Verdammt! Er hatte wie ein Anfänger vor Wut vergessen, auf den Rest seiner Umgebung zu achten. Aber wer hätte gedacht, dass der beste gegnerische Krieger eine so ärmlich ausgerüstete Zauberin verteidigt.

Er materialisierte sich drei Meter nach hinten und erzeugte eine Schockwelle, die den Hexenjäger auf Abstand hielt. »Sei froh, dass du bis jetzt nicht in meinem Fokus warst, du Ratte. Aber das wird sich ab sofort ändern!«

Iònatan warf ein paar Blitze in Bendix' Richtung, die dieser mit seinen leuchtenden Klingen parierte. Beim Drachen, der Kerl ist nicht umsonst auf unserer Feindesliste ganz oben!

Er versuchte es mit einem starken Betäubungszauber, der aber zu seiner Frustration keinerlei Effekt auf den Hexenjäger hatte. Und dabei ist der Kerl nicht einmal ausgewichen! Aber warte nur, diesmal entkommst du mir nicht!

Der Hexenjäger, dieser Mörder, war zu lange ungestraft auf freiem Fuß. Vor einigen Jahren hatte er Iònatans kleinen Cousin, Abraxas, im Kampf erwischt und getötet. Er war das einzige Kind seiner Tante gewesen, sie trug seit diesem Tag nur noch weiß und ließ keine mehr an sich heran.

Iònatan hatte Abraxas gemocht, sie waren in ihrer Jugend öfters zusammen mit Kanu und Zelt unterwegs gewesen, hatten die wilden Flüsse im Süden des Landes erkundet und dabei erste Erfahrungen mit bewusstseinserweiternden Tränken gesammelt.

Nach dem Mord hing das Phantombild des Hexenjägers für viele Wochen mit dem Hinweis auf hohes Kopfgeld in allen öffentlichen Ämtern, aber von dem Widerling fehlte jede Spur.

Und jetzt kämpfte dieser Mörder auf Seiten der Menschenliebhaber aus Aomòri – wie passend!

Die Wut half ihm, seine Kraft zu bündeln. Er ließ die Erde unter Bendix explodieren und es riss einen gewaltigen Krater in den Boden. Aber auch hierauf hatte der Widerling eine Antwort: Er sprang mit einem riesigen Satz zur Seite.

Iònatan kannte diese Technik schon – der Hexenjäger hatte irgendwann gelernt, zu ›blinken‹, eine Bewegungsart, die Iònatan zuvor nie bei einem Menschen gesehen hatte. Dabei überbrückte er instantan erstaunlich weite Distanzen – so wie beim Materialisieren, aber eher einem Sprung ähnlich. Dies nutzte er, um Zaubern auszuweichen oder wie aus dem Nichts vor seinen Feind:innen – also Magier:innen – aufzutauchen, um ihnen mit seinen Klingen die Kehle zu durchschneiden.

Iònatan trat der Schweiß auf die Stirn. Er versuchte eine Reihe von Angriffszaubern, von denen jeder einzelne eine normale Gegner:in – selbst eine meisterhaft ausgebildete Magier:in – zerfetzt hätte. Der Hexenjäger parierte sie alle. Mit einem weiteren Satz blinkte er direkt vor Iònatan, um zum Angriff auszuholen. Schnell materialisierte sich Iònatan gerade so weit weg, dass er außer Reichweite von Bendix' Klingen war.

Beide standen sich jetzt keuchend gegenüber und schauten sich voller Hass an. Iònatan ballte die Faust. Mit Zerstörungszaubern konnte er dem Hexenjäger nicht viel anhaben, alles schien an ihm abzuprallen. Ich muss mir eine andere Taktik ausdenken.

Verdeckt holte er einen giftigen Dolch aus seinem Gürtel und warf ihn auf Bendix' Schulter. Dabei verschleierte er den Wurf mit einem Nebelzauber, einer lange vergessenen Magie, die er vor ein paar Wochen in einem uralten Buch entdeckt hatte. Das kennt er bestimmt nicht, mal sehen, ob er eine Antwort darauf hat!

Erschrocken blickte der Hexenjäger auf, das Gesicht schmerzverzerrt. Dieser Angriff hatte getroffen!

Das Gesicht des Hexenjägers verlor immer mehr an Farbe. Sein rechter Arm – der krampfhaft die violette Klinge hielt – hing schlaff herunter, der Dolch steckte noch. Bendix' Hand ging zur Klinge und riss sie aus seinem Fleisch. Das Blut lief ihm in Strömen den Arm hinunter.

Interessant! Gegen Zauber ist dieser Hexenjäger fast immun, aber Gift scheint ihm etwas auszumachen. Iònatan verzog seine Mundwinkel zu einem angedeuteten Lächeln nach oben.

Hab' ich dich! Das Gift, das in den Dolch gewirkt war, war stark, und Iònatan wusste, dass der Arm des Hexenjägers bald komplett gelähmt sein würde. Er konzentrierte sich kurz, um dann einen Tornado, der alles vor ihm durch die Luft wirbeln ließ, gefolgt von einem Meteor zu zaubern. Das sollte ihm den Rest geben.

Als der Tornado durchgerauscht war, war der Platz vor ihm leer. Verdammt. Er ist entwischt!

Trotzdem war ihre Begegnung ein Gewinn gewesen – zumindest einer an Erkenntnis. Beim nächsten Mal würde er mehr Giftdolche dabei haben.

Er wandte sich um, um zu sehen, ob die Frau noch da war – aber sie war verschwunden, und die seltsame Energie mit ihr.

Die Wunden lecken

 

Nach der Schlacht wollte Iònatan nur noch seine Ruhe. Er konnte die geistlosen Kommentare seiner Strateg:innen nicht mehr ertragen.

›Gewonnen‹, ›in die Flucht geschlagen‹, ›ein durchschlagender Erfolg‹ – Von wegen! Sie hatten gar nicht vor, uns zu besiegen. Ihnen ging es von Anfang an nur um diese verdammten Menschen!

Im Zelt angekommen, schleuderte er seinen Drachenhelm in die Ecke. Die Dienerin, die dort auf ihn wartete, zuckte zusammen, eilte dann zum Helm und stellte ihn vorsichtig auf das dafür vorgesehene Regal.

Iònatan ließ sich auf das Sofa fallen und starrte frustriert an die Decke. »Holen Sie mir die beste Späher:in des Lagers!«

Nach ein paar Minuten hörte er eine samtige Stimme.

»Lord Ryunòr? Sie hatten nach mir gefragt?«

Iònatan richtete sich auf. »Treten Sie ein.«

Miss Sceadow schlüpfte durch den Vorhang und verbeugte sich flüchtig vor ihm. »Es ist mir eine Ehre, Ihnen zu dienen.«

»Ah, Miss Sceadow«, sagte er. »Na dann ist mein Auftrag ja in guten Händen.«

»Wieso haben Sie mich rufen lassen?«

»Ich möchte, dass Sie eine Frau finden. Eine Aomòri. Zauberin, eher klein, rothaarig.«

Amüsiert hob Miss Sceadow eine Braue. »Eine Frau? Das ist ein eher … privater Auftrag, nehme ich an?«

»Sie haben vielleicht Ideen! Geschäftlich natürlich.«

Ihr Ausdruck wurde wieder maskenartig. »Haben Sie mehr Informationen?«

»Sie ist eine Schildmagierin, mit einer Hexennase und asymmetrischen Augen, Farbe grün oder blau. Anfang dreißig, würde ich schätzen. Besonders wohlhabend scheint sie nicht zu sein.«

»Woher kommt sie?«

»Wenn ich das wüsste, hätte ich nicht Sie darauf angesetzt. Zeigen Sie, dass Sie so gut sind wie Ihr Ruf. Suchen Sie sie überall in Aomòri.«

Miss Sceadow nickte langsam.

»Und wenn Sie diese Schildhexe gefunden haben«, fügte Iònatan hinzu und lächelte dunkel, »dann lassen Sie sie nicht aus den Augen, bis ich habe, was ich brauche.«

 

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»Hey, Ferdinand, ich bräuchte hier mal kurz deine Hilfe.«

Ferdinand, der sich gerade über eine Patientin beugte, blickte hoch. »Gleich, gib' mir noch eine Minute!«

Klara streckte ihren Daumen nach oben. »Super, danke!« Sie wandte sich wieder zu Bendix und schaute ihm prüfend ins Gesicht. Muriel, sieht er blass aus!

»Bendix, ich muss deine Wunde ausbrennen. Desinfizieren allein hilft da leider nicht mehr, dafür ist sie zu tief.«

Er versuchte, unter zusammengebissenen Zähnen zu grinsen. »Umso besser. Gutes altes Handwerk und keine Magie!«

Klara seufzte. Ob du das nach der Behandlung immer noch so siehst, wage ich zu bezweifeln … Sie nahm ein langes Metallstäbchen mit einem Holzgriff und hielt es in die Flamme. »Bendix, bitte setz' dich hin, mit dem Rücken gegen den Baumstumpf dort.«

Kaèl blickte sie aus großen Augen an, begleitete Bendix zu dem Baum und half ihm, sich zu setzen. Er nahm Bendix' gesunde Hand in die seine und küsste sie hastig. »Wird das sehr schmerzhaft, Klara?«, fragte er und seine Augen flackerten.

Dazu sagte sie lieber nichts und konzentrierte sich stattdessen auf das Metallstäbchen, das mittlerweile hell-orange glühte.

Kaèl fluchte. »Dieser verdammte Ryunòr!«

Bendix schüttelte den Kopf. »Reg' dich nicht so auf, Schatz. Es wird schon wieder. Ich hab' Schlimmeres überlebt.«

Ferdinand war mittlerweile fertig geworden und trat neben Klara. Gebannt schaute er auf das glühende Metall. »Was soll ich tun?«

»Bendix hat einen giftigen Dolch in die Schulter bekommen. Das Gift habe ich mit den Händen herausgezogen, aber damit die Wunde sich nicht entzündet, muss sie ausgebrannt werden.«

»Oha«, sagte Ferdinand. »Und ich soll den Arm fixieren?«

»Das wäre von Vorteil.«

Ferdinand taxierte Bendix' Oberarmmuskeln. »Ich bezweifle, dass mir das gelingt.«

Klara winkte ab. »Ich denke, Bendix kann sich so weit kontrollieren, dass du nicht allzu stark gegenhalten musst, immerhin meditiert er jeden Tag vier Stunden! Halt seinen Arm einfach in Position. Und steck' ihm vorher bitte ein Lederstückchen zwischen die Zähne.«

Ferdinand tat wie geheißen und umfasste dann Bendix' Arm mit beiden Händen.

Klara nahm das Metallstäbchen aus dem Feuer und trat vor Bendix. Ein letzter prüfender Blick. »Bist du bereit?«

Bendix nickte. Sie wirkte einen Schmerzzauber und stach dann mit dem glühenden Metall in die Wunde. Es zischte, und Bendix sog scharf die Luft ein, aber wie Klara erwartet hatte, hielt er den Arm ruhig.

Muriel, Bendix, manchmal denkt man, du bist aus Stahl! Vielleicht sollte ich auch mehr meditieren …

Langsam fuhr sie mit dem Stäbchen die innere Kontur der Wunde nach, dabei versuchte sie, den Geruch nach verbranntem Fleisch zu ignorieren und eine ruhige Hand zu behalten. Erleichtert zog sie es wieder heraus und sprühte darüber etwas Alkohol aus dem kleinen Fläschchen, das für solche Zwecke immer an ihrem Gürtel baumelte.

»Du hast es geschafft!«

Er spuckte das Lederstück aus dem Mund und atmete auf. »Ich habe doch gesagt, es gibt Schlimmeres.« Dabei schenkte er Kaèl ein schmerzverzogenes Grinsen. »Zum Beispiel, wie der nervöse Herr hier meine Hand zerdrückt!«

Kaèl ließ die Hand los und schaute zu Boden. »Ich wollte dir nur helfen, Schatz.«

Bendix' Lächeln wurde warm. Er griff nach Kaèls Arm und zog ihn enger an sich heran. »Und das tust du auch.«

Weil er immer noch recht blass wirkte, sagte Klara schnell: »Ich weiß, dass du Magie nicht magst, aber das wird dir helfen!« Dabei legte sie ihre Hände dicht neben die Wunde, um ihm die letzten Reste von Gift und Schmerz herauszuziehen.

Nach und nach entspannten sich Bendix' Züge, und die Farbe kehrte in seine Wangen zurück. Klara machte noch ein Weilchen weiter, nahm dann aber die Hände weg, als die Erschöpfung zu groß wurde.

Bendix seufzte auf. »Ach, Klara, an diese Art von Magie kann selbst ich mich gewöhnen. Es tut fast gar nicht mehr weh!«

Sie grinste und zwinkerte ihm zu.

Als sich Kaèl vergewissert hatte, dass sein Geliebter wohlauf war, entspannte er sich sichtlich, und sein übliches, überhebliches Lächeln kehrte zurück.

Der Dolch hatte tief in Bendix' Muskel gesteckt, deshalb musste die Schulter entlastet werden. Ferdinand und sie legten mit geübten Griffen Druckverband und Schlinge an.

Der junge Krankenpfleger konnte zwar in den Schlachten als Mensch nicht viel beisteuern, aber er half Klara jedes Mal danach, die Verletzten zu versorgen. Auch wenn Ferdinand aufgrund seiner Unerfahrenheit manchmal ein wenig hektisch an die Dinge heranging, so waren sie doch mittlerweile ein eingespieltes Team geworden.

Sie positionierte Bendix' Arm in der Schlinge. »So, das war's!« Dann warf sie ihm einen langen Blick zu. »Diesmal hast du Glück gehabt, Bendix. Ein paar Minuten später, und dein Arm hätte sicherlich unheilbare Schäden von dem Gift davongetragen. Du hättest sofort Hilfe suchen sollen!«

»Er hatte eher Glück, dass ich zufällig in seiner Nähe war und mich mit ihm von Ryunòrs Meteor wegmaterialisiert habe«, warf Kaèl ein. »Was würdest du nur ohne meine unvergleichliche Kenntnis der Magie machen, mein armer Mönch?«

Bendix lachte gequält. »Als wäre das mit meinem Arm nicht genug für einen Tag, da muss mich ausgerechnet dieser arrogante Möchtegern-Meister der arkanen Künste retten!«

»Waaas? Was meinst du bitte mit ›Möchtegern‹? Ich bin ein Leuchtfeuer des Wissens, das über ein dunkles Meer der Ignoranz flammt.«

Bendix zog ihn mit seinem unverletzten Arm an sich. »Sag' ich doch. Du bist nicht nur ein Möchtegern, sondern auch noch ein verdammt arroganter.« Dann fing er an zu grinsen. »Aber wenigstens bist du mein Möchtegern.« Er küsste Kaèl leidenschaftlich.

»Jungs, könnt ihr mich erst mal zu Ende arbeiten lassen? Ferdinand und ich haben noch ein paar andere Verletzte zu versorgen. Wir hatten gerade eine Schlacht, ihr erinnert euch vielleicht?« Klara verdrehte die Augen, konnte aber ein Lächeln nicht unterdrücken. Die beiden sind schon sehr niedlich zusammen.

Bendix wurde wieder ernst. »Ich frage mich, wie er das mit dem Giftdolch geschafft hat. Normalerweise sehe ich solche Angriffe kommen, aber da war ich wie im Nebel.«

»Vermutlich hat er eine neue Art von Verhüllungszauber entwickelt«, überlegte Kaèl, »um die Flugbahn des Dolches zu vertuschen. Wir sollten uns dagegen etwas ausdenken, wenn du wieder gesund bist.« Er schauderte. »Ich jedenfalls will so etwas nicht mehr miterleben müssen.«

»Leider dauert das noch zwei Wochen«, schaltete Klara sich ein, »so lange muss dein Arm erst mal in der Schlinge bleiben.«

»Zwei Wochen kein Sparring?«, rief Bendix. »Verdammt!«

Klara räumte die Instrumente in ihren Medizinkoffer. »So, ich muss weiter.« Sie besann sich, drehte sich noch einmal um, und drückte Bendix einen Kuss auf die Wange. »Vielen Dank noch mal, dass du für mich in die Bresche gesprungen bist! Wahrscheinlich hast du mir das Leben gerettet.«

»Ach, Klara, wie oft hast du uns schon mit deinen magischen Schilden das Leben gerettet, du musst dich nicht bedanken.«

Sie lächelte. »Machen wir in zwei Wochen wieder gemeinsames Kampftraining?«

Bendix' Augen blitzten. »In zehn Tagen!«

Dieser Hexenjäger ist einfach unbelehrbar, dachte sie.

Sie schaute zu Ferdinand. »Danke! Machen wir noch einen Rundgang über das Schlachtfeld?«

Als er nickte, nahm sie ihr Medizinköfferchen und meinte zu Bendix: »So, ich bin dann weg. Bitte sei einmal vernünftig und bleib' heute und morgen im Bett, um dich zu schonen!«

Aus den Augenwinkeln sah sie, wie Kaèls Augen bei dem Wort ›Bett‹ aufblitzten, und die beiden, Arm in Arm, Richtung der Sammelstelle der Wagen nach Tukàta gingen. Die Glücklichen, dachte sie, ich würde jetzt auch gern heimfahren.

Sie stapften zusammen durch den Matsch und drehten jeden der reglos auf dem Boden liegenden Körper mit einem Stock um, um niemanden zu übersehen, der noch lebte. Die heutige Schlacht hatte auf beiden Seiten viele Opfer gefordert, die auf dem Acker verstreut lagen, und so kamen sie nur langsam voran.

Die Armee der Ryunòrs hatte Nuòvi seit Wochen belagert, und mittlerweile litten die Bewohner:innen furchtbaren Hunger.

Da sie so nicht mehr lange durchhalten konnten, hatte sich Lady Midòri, die Herrscherin Aomòris, eine neue Taktik ausgedacht: Sie hatte Truppen geschickt, welche die Belager:innen auf offener Flur angriffen. Dies diente aber nur als Ablenkungsmanöver, um so wenigstens die Menschen Nuòvis ungestört ins sichere Tukàta, die Hauptstadt Aomòris, zu bringen.

Denn würde Nuòvi fallen, so sah es für die dort lebenden Menschen schlecht aus: Zwar behandelten ihre Feind:Innen die Magier:Innen, die ihnen in die Hände fielen, fair, aber Menschen töteten sie, ohne mit der Wimper zu zucken.

Die Strategie war erfolgreich gewesen, und jetzt war es an Klara und Ferdinand, die letzten Lebenden einzusammeln. Danach mussten sie Nuòvi endgültig seinem Schicksal überlassen.

»Was ich mich schon länger gefragt habe«, meinte Ferdinand, »die beiden sind zusammen, oder?«

Klara unterdrückte ein Lachen. Ach Ferdinand, du Schnellmerker! Weil es einige homophobe Reaktionen darauf gab, versuchten Bendix und Kaèl zwar, ihre Beziehung nicht allzu publik zu machen, aber so richtig gelang das den beiden Turteltäubchen nicht.

»Ja, die beiden sind ein Paar. Und was für eines.«

»Ein Hexenjäger und ein hochwohlgeborener Magier«, sagte er lachend, »das ist auch mal was Neues!«

›Was Neues‹ passt nicht ganz, immerhin sind die beiden schon fast zehn Jahre zusammen. Auch wenn sie nicht so wirken mit ihrem ewigen Geknutsche und den Neckereien.

Ferdinand warf ihr einen neugierigen Blick zu. »Wie haben sie sich eigentlich kennengelernt? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass Lord Hotàru so einen wie Bendix an sich heranlässt, er wirkt immer so arrogant und unzugänglich.«

Klara nickte bedeutsam. »So wirkt er auf alle, die ihn nicht gut kennen.« Im Geiste fügte sie hinzu: Um ehrlich zu sein, sogar immer noch auf mich.

»Bendix hat vor einigen Jahren versucht, Kaèl zu töten, aber der hat sich ziemlich effektiv gewehrt!«, meinte sie grinsend. »So haben sie sich kennengelernt!«

Ferdinands Gesicht entgleiste. »Waaas? Er wollte ihn töten?«

»Na ja, er wird ja nicht umsonst ›der Hexenjäger‹ genannt. Ein paar Jahre lang hat er richtig Jagd auf Magier:innen gemacht und allen die Kehle aufgeschlitzt, die so unglücklich waren, ihm und seinen Waffen in die Quere zu kommen. Und da gehörte Kaèl eben dazu.«

»Ich hatte davon schon gerüchteweise gehört, aber das nicht geglaubt, er wirkt so nett.«

»Er ist nett!«, erwiderte Klara. »Sonst wäre er nicht mein bester Freund. Aber er hat auch ein paar furchtbare Dinge getan, bevor er mit Kaèl zusammengekommen ist. Allerdings kann ich Bendix' damaliges Verhalten auch – zumindest in begrenztem Maße – verstehen, weil ich seine Geschichte kenne.«

Sie stockte. »Warte mal, Ferdinand!« Da war doch etwas …

Eine Person lag unter der Leiche eines massiven Kriegers, der fast zur Gänze von einem Eiszauber verbrannt worden war. ›Verbrannt‹ traf es gut, diese neue Art von Eiszauber war so kalt, dass er in seiner Wirkung einem Feuerzauber gleichkam.

Klara schaute genauer hin. Hat sich die Person darunter gerade bewegt? Vorsichtig stupste sie der Frau mit dem Stock in die Seite, was ein leises Aufstöhnen zur Folge hatte.

Keuchend zogen sie die Leiche des Kriegers von ihr weg, und Klara kniete sich neben die Magierin. Sie war jung, vielleicht gerade volljährig, und Klara vermutete, dass dies ihre erste Schlacht gewesen war.

»Hallo? Können Sie mich hören?«

Die Kriegerin nickte matt.

»Was ist mit Ihnen?«, fragte Klara.

»Etwas hat mich getroffen«, murmelte die Frau, »ich … ich glaube, ich bin ohnmächtig geworden. Irgendwie erinnere ich mich an nichts … und jetzt tut mein rechter Fuß furchtbar weh.«

Klara lächelte ihr freundlich zu. »Keine Sorge, ich sehe mir Ihren Fuß einmal an.«

Sie zog vorsichtig den Schuh vom Fuß und griff mit der Hand nach dem Socken. Dann zuckte sie zusammen. Oh nein! Das Schwarze dort ist überhaupt kein Socken … es ist die Haut! Der Fuß wirkte wie in Teer getunkt: schwarz, trocken und ledrig.

Anscheinend hatte der Eiszauber, der den Krieger über ihr getötet hatte, auch den Fuß der Magierin erwischt und ihn bis knapp über dem Knöchel verbrannt. Sie würden amputieren müssen. So etwas hat mir gerade noch gefehlt heute.

Klara atmete ein paar Mal tief ein und aus und erhob sich wieder. Um Zeit zu gewinnen, klopfte sie sich den Staub von der Hose. Dann lächelte sie der Kriegerin, die jeder ihrer Bewegungen mit weit aufgerissenen Augen folgte, ein wenig gezwungen zu. »Ich sehe, was das Problem ist! Wir werden uns um Sie kümmern!« Sie bemühte sich, ihre Stimme ruhig klingen zu lassen, aber innerlich war ihr flau im Magen.

Ferdinand schaute sie fragend an und wusste anscheinend nicht, was zu tun war. Hoffentlich sagt er jetzt nichts Unüberlegtes, dachte sie inständig. Zum Glück schien er noch nicht begriffen zu haben, was los war.

Hastig suchte sie nach dem Betäubungsmittel. Mit der Flasche in der Hand beugte sie sich über die junge Frau. »Bitte trinken Sie das, es wird Ihnen helfen«, sagte sie, um einen ausgeglichenen Tonfall bemüht. Die Frau griff nach der Flasche und trank langsam, in kleinen Schlucken, dabei verzog sich ihr Gesicht immer mehr zu einer angeekelten Grimasse. Als sie fertig war, schüttelte sie sich. »Das war widerlich!«

Sie wollte die Flasche Klara zurückreichen, war aber bereits so benommen, dass diese ihr aus der Hand glitt.

»Wie heißen Sie?«, fragte Klara freundlich.

»Kendra … Trevor.«

»Gut, Miss Trevor. Zählen Sie jetzt bitte bis zehn.«

Miss Trevor runzelte die Stirn, fing dann aber an zu zählen: »Eins … zwei … drei … v-vvvvvv.« Und sie war ohnmächtig.

Klara richtete sich auf. »Wir haben jetzt eine halbe Stunde«, rief sie Ferdinand zu. »Bis dahin muss der Fuß amputiert sein und die Wunde ausgebrannt!«

Ferdinand riss die Augen auf. »Was, warum?«

Sie zeigte auf Miss Trevors Fuß. »Siehst du das? Das sind keine Socken. Das ist nekrotisches Fleisch. Der komplette Fuß ist tot!«

Ferdinands Gesicht färbte sich grünlich und er würgte.

Klara seufzte innerlich. Ferdinand, mach' jetzt bitte nicht schlapp, ich brauche dich hier!

Zum Glück fing er sich schnell wieder und nickte ihr zu.

Klara wühlte in ihrer Tasche und trat mit der Säge neben die Frau. »Bist du bereit?«

 

Sie waren schnell. Nach zehn Minuten hatte Ferdinand, immer noch mit leicht grünlichem Gesicht, den Fuß in der Hand und Klara versprühte großzügig Alkohol über dem Stumpf.

Danach wirkte sie noch einen Wundregenerationszauber, denn die Frau würde gesunde Haut für die Prothese brauchen, die sie bald für den Rest ihres Lebens würde tragen müssen. Mehr konnte sie für sie nicht tun, selbst Magie hatte ihre Grenzen und es gab bedauerlicherweise noch keinen Zauber, der ganze Körperteile nachwachsen ließ.

»Keine Sorge, Ferdinand, ich werde Lucie bitten, ihr eine Prothese zu basteln. Natürlich wird sie erst mal üben müssen, aber dann läuft sie damit fast so flink wie vor der Schlacht.«

Ferdinand runzelte die Stirn, sagte aber nichts dazu.

Gemeinsam trugen sie die immer noch ohnmächtige Frau quer über den Acker, zum geräumigen Planwagen, in dem die Verwundeten nach Tukàta gebracht wurden.

Beim Gedanken daran, dass Miss Trevor bald aufwachen und den Stumpf entdecken würde, wurde ihr unwohl. Es war nicht ihre Art, so eine Operation ohne das Einverständnis der Patientin durchzuführen, aber im Krankenhaus ging es nach den Schlachten immer drunter und drüber. Klara wollte nicht riskieren, dass Miss Trevor erst nach mehreren Tagen behandelt wurde, wenn sich bereits weitere Körperteile entzündet hatten. Und um eine Amputation kamen sie auf keinen Fall herum.

Am Wagen angekommen, legten sie die Kriegerin auf ein Feldbett und setzten sich daneben, darauf wartend, dass sie aufwachte. Sie sollte nicht allein sein, wenn sie begreift, was los ist.

Klara merkte, dass Ferdinand immer noch geknickt wirkte und versuchte, ihn mit Erzählungen abzulenken. »Ich hatte dir ja gar nicht die Geschichte von Bendix und Kaèl zu Ende erzählt. Also, wo war ich stehengeblieben. Ach so, wieso Bendix Magier:innen gejagt hat …«

Ferdinand nickte dankbar, und sie erzählte:

»Er kommt aus Dinstermor, und zwar aus einem Dorf nahe der Grenze zu Finistère, nicht gerade eine vom Glück gesegnete Region. Seine Familie war arm, aber Bendix ehrgeizig. Er wollte mehr aus sich machen, als nur ein einfacher Bauer zu werden, und hat sich als Jugendlicher einer Gruppe von Turstarkuri-Mönchen angeschlossen. Dort hat er für sie gekocht, und sie haben ihn dafür in die Künste des Kampfes und der Meditation eingeführt.

Nach ein paar Jahren wurde der Tempel von einer der vielen plündernden und mordenden Horden Magier:innen heimgesucht.«

»Wie ungerecht!«, rief Ferdinand. »Dabei waren die Turstarkuri-Mönche doch im Krieg auf Seiten der magischen Welt!«

Sie seufzte. »Das stimmt. Aber in den Grenzgebieten Finistères ist es für viele Magier:innen fast schon ein Hobby, Menschen zu hetzen, und es scheint ihnen dabei egal zu sein, wen genau sie erwischen.«

Ferdinand schnaubte verächtlich.

»Es kam, wie es kommen musste«, fuhr Klara fort, »die Mönche waren auf solche Angriffe nicht vorbereitet, und die Magier:innen überwältigten sie mühelos. Bendix hatte Glück im Unglück. Er war an dem Tag ausgeschickt worden, um Spenden aus dem Dorf zu sammeln. Als er zurückkam, brannte der Tempel bereits lichterloh, und er konnte nur aus der Ferne zusehen, wie die Mönche einer nach dem anderen abgeschlachtet wurden.«

Die Kriegerin bewegte sich wieder.

Klara stellte sich rasch daneben und beugte sich zu ihr hinunter. »Wie fühlen Sie sich, Miss Trevor?«

Miss Trevors Augen weiteten sich. »Wo bin ich?«, fragte sie mit belegter Stimme. »Was ist passiert?«

»Sie wurden in der Schlacht verwundet, und wir bringen Sie deshalb ins Krankenhaus, nach Tukàta.«

Miss Trevor versuchte, sich aufzurichten, und schaute um sich. Sie stockte, als ihr Blick an ihrem Stumpf hängen blieb. Lange Zeit starrte sie darauf, ohne etwas zu sagen.

Klara drückte sanft ihre Schulter. »Sie wurden von einem Eiszauber am Fuß erwischt, und wir mussten amputieren.«

Die Kriegerin riss die Augen auf.

»Es gibt sehr gute Prothesen«, fügte Klara schnell hinzu, »ich verspreche Ihnen, Sie werden bald wieder laufen.«

Erst jetzt schien Miss Trevor zu begreifen, was los war. Ihre Augen füllten sich mit Tränen. »Nein!«

Klaras Magen zog sich zusammen, aber sie versuchte, weiterhin Ruhe auszustrahlen. Sie drückte Miss Trevors Schulter ein wenig fester. »Es tut mir leid.«

Miss Trevor schlug die Hände vors Gesicht. »Das … ist nicht möglich. Das kann nicht sein!«, und fing laut an zu weinen. Zwischen den Schluchzern sagte sie: »Sie können doch … nicht einfach … so … meinen Fuß …« Ihre Stimme versagte.

Mit einer wütenden Handbewegung wischte sie die Tränen weg und schaute wieder hoch. Sie kniff die Brauen zusammen und funkelte Klara an. »So eine wie Sie hat doch kein Recht, darüber zu entscheiden, was mit meinem Fuß passiert! Was wollen Sie denn bitte für eine Heilerin sein – Sie sind doch selbst nicht mehr als ein Krüppel!«

Klara schluckte. Fieberhaft suchte sie nach einer passenden Antwort, aber Ferdinand zog sie schnell zur Seite. »Klara, ich rede mit ihr, mach mal eine Pause.«

Sie versuchte ein Lächeln und stieg aus dem Wagen.

Draußen setzte sie sich auf einen großen Stein und atmete tief durch. Klara war Ablehnung gewöhnt – seit ihrer Geburt auf einem Auge blind und schielend, auf einem Ohr taub und mit einer auffällig schiefen Nase versehen, wurde sie von klein auf zum Ziel des Gespötts ihrer Mitschüler:innen. Der Spott verfolgte sie über ihre gesamte Jugendzeit und ließ erst nach, als sie anfing als Heilerin zu arbeiten. Die meisten Leute respektierten Heiler:innen und dieser Status gab ihr einen gewissen Schutz. Dennoch kamen unangenehme Situationen wie diese häufiger vor, als ihr recht war.

Ferdinand trat kopfschüttelnd aus dem Wagen. »Ich denke, sie hat sich beruhigt!«

Sie versuchte zu lächeln. »Danke, Ferdinand!«, und sie nahmen ihren Rundgang wieder auf.

»Das war wirklich ungerecht!«, sagte Ferdinand.

Klara zuckte mit den Schultern. »Sie ist sehr jung und hat gerade ihren Fuß verloren. Natürlich ist sie da geschockt. Leider reagieren die Leute in solchen Situationen oft so. Irgendeine muss ja Schuld an ihrer Misere haben.«

»Es tut mir leid, dass dir immer so ein Mist passiert«, sagte er seufzend, »dabei bist du so eine gute Ärztin!«

Klara wischte die Bemerkung mit einer lässigen Geste weg. »Ach, Ferdinand, mittlerweile prallt das an mir ab. Du gewöhnst dich daran.« Für sich dachte sie: Nein, das stimmt leider nicht. Komischerweise schmerzt es immer wieder aufs Neue.

Schweigend stapften sie über den matschigen Acker. Irgendwann war dieser ein Weizenfeld gewesen, denn hier und dort lugten noch ein paar junge Halme aus dem Braun, aber die Pferdehufe und die Füße der vielen hundert Kämpfenden hatten das zarte Grün in einen trostlosen Morast verwandelt.

Mittlerweile sahen viele Regionen im Süden Aomòris so aus, und selbst dort, wo die Schlachten nicht tobten, traute sich kaum eine mehr, ein Feld zu bestellen. Denn wer wusste schon, was morgen sein würde. Die Landschaft passt zu meiner Stimmung, dachte Klara.

Ferdinand hob eine Hand. »Klara, hier lebt einer!«

Nach der unschönen Episode war sie beinahe froh über die Ablenkung. Sie knieten neben dem Krieger nieder und drehten ihn auf den Rücken. Er hatte eine ärmliche Rüstung getragen, die lediglich seinen Torso bedeckte, und war am Arm getroffen worden. Das Blut hatte seinen Ärmel von der Schulter abwärts rot getränkt, dass es triefte. Splitterzauber sind aber auch wirklich fies, dachte sie.

Ferdinand zeigte auf das Drachensymbol auf der Brust des Kriegers. »Es ist einer der anderen. Was machen wir mit ihm?«

Klara tastete prüfend nach der Wunde am Arm. Sie seufzte. Der Zauber hatte den Oberarmknochen des Mannes buchstäblich zerschmettert. Kein Wunder, dass er noch hier liegt. Er ist bestimmt halb wahnsinnig vor Schmerzen. Sie musterte ihn, und er starrte aus großen, glasigen Augen zurück.

»Wir können ihn hier nicht so liegen lassen!«, erklärte sie und schaute zu Ferdinand. Dieser biss sich auf die Lippe.

Klara wirkte einen Schmerzzauber und nahm den zerschmetterten Arm in ihre linke Hand. Mit der rechten zog sie per Telekinese die Knochensplitter zusammen, dass es knirschte.

Der Krieger schrie auf und versuchte instinktiv, von ihr weg zu robben, aber sie hielt dagegen.

»Ich will Ihnen nur helfen! Es ist gleich vorbei.«

Sie drehte sich zu Ferdinand. »Tu doch was, halt ihn fest!«

Widerwillig tat er wie geheißen.

Klara ärgerte sich. Mein Gott, Ferdinand, wegen dem armen Tropf hier verlieren wir den Krieg auch nicht!

Erleichtert seufzte sie auf, als der Knochen endlich wieder an Ort und Stelle war.

Sorgfältig vernähte sie die Wunde und desinfizierte sie mit Alkohol. Zum Abschluss wirkte sie zwei Regenerationszauber, einen für ein rasches Knochenwachstum und dann einen, der die Haut schneller heilen ließ, und legte einen Verband an. Auf diese Weise würde er seinen Arm in wenigen Tagen wieder benutzen können.

Ferdinand warf ihr einen finsteren Blick zu, aber half ihr dann doch, den Mann vom Schlachtfeld wegzutragen.

Sie lächelte dem Krieger freundlich zu. »Ich hoffe, Sie bekommen bald Hilfe, aber wenn alles schief läuft, dann sollten Sie es auch bis morgen früh schaffen, wenn die Truppen zurückkehren. Viel Glück!«

Sie stand auf und wischte sich mit ihrem Taschentuch die blutigen Hände sauber. »Weiter geht's!«

Als sie außer Hörweite des Kriegers waren, trat Ferdinand mit voller Wucht gegen einen Stein, der mit einem lauten ›Klonk‹ an der Rüstung einer toten Kriegerin abprallte. Er blieb stehen und sah zu ihr. »Klara, so einer wie der hat bestimmt viele von uns auf dem Gewissen! Wieso behandelst du ihn?«

»Ferdinand, der arme Kerl dort kann sich nicht mal eine ordentliche Rüstung leisten, der ist sicherlich einer vom Fußvolk. Ich glaube nicht, dass es ihm Spaß macht, hier zu kämpfen.«

Ferdinand verschränkte die Arme vor dem Körper.

»Der versucht auch nur zu überleben, so wie wir«, sagte sie.

Ohne zu antworten, setzte er sich wieder in Bewegung. Eine Zeitlang liefen sie schweigend nebeneinander her. »Weißt du …«, begann Ferdinand zögerlich, »ich habe es so satt mit diesen Angriffen. Unsere Leute sterben, um Aomòri zu verteidigen, aber mit jeder Schlacht reißen diese Menschenmeucheltrupps mehr von unserem Land an sich. Irgendwann stehen sie vor den Toren Tukàtas, und dann ist es aus für meine Familie und mich. Sie werden keine Gnade walten lassen mit uns, weil wir Menschen sind!«

Klara ließ den Kopf hängen. »Ich weiß. Meine besten Freund:innen sind auch Menschen. Glaub' mir, ich tue alles, damit wir hier in Frieden leben können!« Sie richtete sich auf und fügte mit entschlossener Stimme hinzu: »Aber selbst wenn die Drachenarmee irgendwann vor den Toren Tukàtas steht – so leicht machen wir es ihnen nicht! Immerhin haben wir hohe, feste Mauern und einen robusten magischen Schutzwall. Daran kommen sie nicht vorbei.« Hoffentlich …

Ferdinand lächelte matt. »Lass uns über was anderes reden. Erzähl mir lieber noch was von Bendix. Das mit dem Kloster hat sich furchtbar angehört!«

»Gute Idee!«, rief Klara, erleichtert über den Themenwechsel. In Momenten wie diesem lenkten Ferdinand und sie sich immer mit Witzen und Geschichten vom Horror des Schlachtfeldes ab, eine Taktik, die recht gut funktionierte.

»Weil er den Mönchen nicht helfen konnte, hatte Bendix danach jahrelang furchtbare Schuldgefühle. Er hat sogar jetzt noch oft Albträume davon! Deshalb hat er sich damals allein in die Berge zurückgezogen und wie ein Besessener trainiert und meditiert. Und er ist gut geworden, der Beste von allen.«

Ferdinand grinste. »Ich habe ihm in den Schlachten schon oft zugesehen. Er ist eine regelrechte Kampfmaschine!«

»Das ist er!«, meinte Klara lachend. »Ich kann nur mit ihm Sparring machen, weil er nett ist. Wenn er sich wirklich bemühen würde, dann hätte ich keine Chance gegen ihn!«

»Seine Waffen sehen aber auch ganz schön gefährlich aus.«

Klara nickte vielsagend.

Ferdinand dachte kurz nach. »Wie hält er sich eigentlich Zaubersprüche vom Hals?«

»Na ja, entweder er blinkt weg, oder er lässt sie abprallen. Durch die jahrelange Meditation hat er gelernt, einen Schutzschild um sich aufzubauen, der ihn gegen magische Angriffe resistent macht.«

Er pfiff zwischen den Zähnen. »So etwas würde ich auch gern beherrschen! Manchmal fühle ich mich ziemlich unbedarft als Mensch unter den ganzen magischen Leuten.«

»Ach, Ferdinand«, seufzte sie. »Du machst das hier wirklich klasse! Zaubern ist nicht alles!« Als er immer noch kritisch schaute, zwinkerte sie ihm zu. »Ich weiß aus eigener Erfahrung, dass Menschenmedizin in vielen Punkten mindestens genauso effektiv ist wie unsere Tränke und Zauber, auch wenn die magisch Heilenden das nicht so gern hören! Frag' doch mal Lucie, was jetzt schon technisch alles möglich ist – und ihr habt noch eine Menge Potential!«

Ferdinand grinste verlegen. Er wollte niederknien, um einen starr daliegenden Krieger auf Lebenszeichen zu untersuchen, da schien ihm etwas einzufallen. »Klara«, sagte er und schaute zu ihr. »Du hast mir das mit dem Hexenjäger und Lord Hotàru aber noch nicht zu Ende erzählt. Dabei könnte ich eine schnulzig-romantische Geschichte jetzt ganz gut gebrauchen!«

Sie lächelte ihm kurz zu. »In Ordnung. Wo war ich stehengeblieben? Ach ja, Bendix war jetzt ein versierter Krieger … Um die Mönche zu rächen, ist er irgendwann aus seinem Exil zurückgekehrt und hat für ein paar Jahre unbarmherzig alles, was mit Magie zu tun hat, verfolgt und getötet, darunter einige berühmte Adelige. Mit den Jahren machte er sich einen Ruf als gefährlicher Hexenjäger, gehasst und gefürchtet von der magischen Welt.«

Ferdinand kniff die Brauen zusammen. »Ja, das ist romantisch!«

 

Sie fanden einen Krieger, der von einer Schockwelle in eine Fichte geschleudert worden war. Ein Ast hatte sich durch seinen Oberschenkel gebohrt, und er war mittlerweile völlig verängstigt. Er wimmerte leise und Tränen liefen ihm die Wangen hinunter. Wohlweislich ließen sie den Ast an Ort und Stelle und Klara wirkte lediglich ein paar Schmerz- und Beruhigungszauber, um ihn zum Wagen schaffen zu können.

Als Letztes trugen sie eine Elbin zum Wagen, die sie ohnmächtig, mit dem Gesicht nach unten, im Matsch gefunden hatten. Wie durch ein Wunder war sie nicht erstickt, und Klara hoffte, dass sie nur von einem Betäubungszauber lahmgelegt worden war und bald wieder aufwachen würde.

Als sie fertig waren, nickte Klara der Schlachtfeldreinigerin Undine zu, die am Rand auf ihren Einsatz wartete und dabei ungeduldig hin und her wippte. Sie trug einen grünlichen Hut mit einem orangenen Aufnäher, auf den eine durchgestrichene Ratte gestickt war.

Undine nickte zurück und grinste sie dann breit an. »Kann ich endlich loslegen?«

Klara versuchte ein Lächeln. »Äh … ja … genau.«

Undine hielt ihren Daumen hoch. »Super! Verbrennen und Pulverisieren!«

Klara war der burschikosen Frau mit der grasgrünen Latzhose ein paar Mal nach Gefechten begegnet, aber die Schlachtfeldreinigerin blieb ihr immer ein wenig unheimlich. Natürlich war es wichtig, nach einer Schlacht die Leichen zu verbrennen, um Seuchen und Rattenplagen zu verhindern, aber Undine schien sich regelrecht über diese Aufgabe zu freuen. Auch heute summte sie ein fröhliches Lied, während sie ihre Feuerzauber wirkte und alles um sie herum verbrannte.

Die Luft füllte sich mit schwarzem Rauch und dem Geruch nach gegrilltem Fleisch.

Gut, dass ich keine Tiere esse, dachte Klara, sonst müsste ich jedes Mal, wenn ich mir etwas vom Grill hole, daran denken!

Sie schauderte und folgte Ferdinand zum Planwagen. Ob Undine wohl gerne grillt?

 

Es war eine bittere Entscheidung gewesen, Nuòvi endgültig aufzugeben, und die Stimmung im Wagen war entsprechend gedrückt. Keine sagte etwas, die meisten der Verletzten versuchten zu schlafen oder zumindest mit geschlossenen Augen zu dösen.

Klara schaute zu der Kriegerin, der sie den Fuß amputiert hatte, aber diese starrte mit leeren Augen auf die gegenüberliegende Plane und schien sie nicht wahrzunehmen. Erleichtert quetschte sie sich zu Ferdinand auf die harte Holzbank und flüsterte: »Auf der Rückfahrt erzähle ich dir endlich den romantischen Teil der Geschichte.«

Er zwinkerte ihr zu. »Das habe ich mir heute aber auch wirklich verdient!«

Sie lachte. Und ich mir auch, dachte sie. Sie mochte Bendix' und Kaèls Geschichte und fing wieder an zu erzählen:

»Irgendwann traf Bendix den Elben Kaèl, Sohn des angesehenen Magiegeschlechts der Hotàru, den Herrschenden Fukuòkas. Kaèl galt nicht nur als einer der berühmtesten und mächtigsten Magier:innen des Landes, zu allem Überfluss war er wegen seiner hochwohlgeborenen Herkunft auch noch unglaublich arrogant. Selbst die meisten der anderen Adeligen mochten ihn nicht.«

Ferdinand kicherte.

Klara versuchte, sich das Grinsen zu verkneifen, und erzählte weiter: »Natürlich war so einer wie er Bendix ein Dorn im Auge, und er forderte Kaèl zum Zweikampf.

Kaèl hat mir mal erzählt, dass er Bendix sofort so anziehend fand, dass er Mühe hatte, vernünftig zu kämpfen. Außerdem wirkte Bendix auf ihn nicht wie ein grausamer Kämpfer, den es zu vernichten galt, sondern wie ein junger Mensch, der zu viel Schlechtes erlebt hatte – und so jemand hat es nicht verdient zu sterben!

Der erste Kampf endete darin, dass Kaèl sich unsichtbar machte und davonschlich, zur großen Frustration Bendix'.

Allerdings war das nicht das Ende der Geschichte, denn Kaèl liebt es zu provozieren: Es bereitete ihm außerordentlich viel Freude, Bendix immer wieder aufs Neue zu reizen und zu locken. Und Bendix ließ sich außerordentlich gern reizen, vor allem von Kaèl. Sie kämpften von da an regelmäßig. Zuerst hat Bendix die Kämpfe nur aus Hass weitergeführt – zumindest redete er sich das ein – aber irgendwann hatte auch er seinen Spaß daran.«

Sie senkte die Stimme. »Vor allem, als die Kämpfe immer physischer wurden.«

Ferdinand war jetzt ganz Ohr. »Lord Hotàru hat sich zu Nahkampf hinreißen lassen? In seinen edlen Gewändern?«

»Na ja, sagen wir so, er konnte noch nie die Finger von Bendix lassen«, sagte sie, »aber er ist kein Ringkämpfer. Er hat eher mit Tricks wie Illusionen getäuscht, um Bendix abzulenken und ihn dann aus der Unsichtbarkeit heraus angegriffen …« Sie zwinkerte ihm zu. »Und ich glaube nicht, dass Bendix zu diesem Zeitpunkt noch völlig auf das Kämpfen fokussiert war.«

»Wie niedlich! Ein verliebter Hexenjäger!« Ferdinand prustete los und auch Klara konnte sich nicht mehr halten.