Der empathische Stuhl - Lisa Jüh - E-Book

Der empathische Stuhl E-Book

Lisa Jüh

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Beschreibung

Wahrscheinlich waren Sie noch nie auf der offenen Station einer Psychiatrie? Aber vielleicht kennen Sie jemanden mit einer Depression? Mit meiner Geschichte möchte ich diese verborgene Welt des Zwangs, der Manie, des Traumas und der Selbstverletzung erfahrbar machen. Begleiten wir Sarah bei ihrem Kampf gegen die Schrecken ihrer Kindheit. Schauen wir hin, wieso Marina sich so schwer aus ihrer Gewaltbeziehung lösen kann. Erfahren wir, wie Lucy ihren Waschzwang überwindet und Ben seinen Sprechdurchfall besiegt. Erleben Sie mit mir die ganz spezielle Freude, Hoffnung und Freundschaft auf einer offenen Station, aber auch den Schmerz, die Verzweiflung und die Hilflosigkeit einer ungefragt benutzten Sitzgelegenheit. Eine fiktive Geschichte aus authentischen Erfahrungen in komprimierter Form. Für mehr Verständnis, Geduld und Achtsamkeit für eigenartig wirkende Verhaltensweisen und Wahrnehmungen unserer Mitmenschen.

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Danke an alle, die zuhören und die innere Welt von Menschen verstehen wollen.

Inhaltsverzeichnis

Das Wartezimmer

Ich bin ein Stuhl

Visite beim Oberarzt

Hallo

Therapiestunde bei Frau Dehn

Die Göttin des Tanzes

Morgenkreis

Eine neue Patientin

Ein Stuhl mit tödlichen Viren?

Ein Arschloch spricht aus Marina

Ein Anker in der Hölle

Geschlossene

Ich bleibe am Leben

Von Todesangst genesen

Trennung in Blau

Gedanken eines Stuhls

Wieder Visite beim Oberarzt

Schlafentzug

Mal wieder Morgenkreis

Drogen für einen Stuhl

Tanzstunde mit meinen Engeln

Bungee-Jumping ohne Seil

Kann ein Arschloch bereuen?

Flashbacks

Die kleine Sarah

Nachhilfe in Traumatherapie

(K)eine Lösung?

Blaukraut bleibt Blaukraut und Arschloch bleibt Arschloch

Happy End für Helen und Ben

Geschlossene die Zweite

Fünf lange Meter

Nachwort der Autorin

Das Wartezimmer

Mir gegenüber sitzt eine junge schlanke Frau mit verweinten Augen und schaut auf den Boden. Sie heißt Helen. Ihre feinen, dunkelblonden Haare fallen ihr tief ins Gesicht und erinnern mich an eine Trauerweide. Seit zehn Minuten sitzt sie nun fast regungslos auf ihrem Stuhl und starrt auf den leeren Boden. Nichts ist von ihr zu hören. Sie scheint nicht zu atmen. Obwohl keine einzige Träne über ihr Gesicht fließt, bleiben ihre Augen stets gerötet und von tiefer Trauer erfüllt. Wenn ich sie so anschaue, dann möchte ich den ganzen Schmerz ihrer Seele herausschreien. Aber ihr Blick belegt mich mit demselben Bann, mit dem ihre Seele belegt ist, und ich kann nicht. Die Trauer bleibt in mir stecken.

Lautes Schuhgeklapper befreit mich aus dieser Lähmung. Marina läuft mit schnellen, tänzelnden Schritten auf ihren rosafarbenen Stöckelschuhen den Gang entlang. Ich habe sie liebevoll ››Miss Piggy‹‹ getauft. Sie ist eine kleine, fröhliche, etwas pummelige Frau mit einer ausgeprägten Liebe für schrille Farben. Ich glaube, ihr Kleiderschrank kennt keine anderen Farben als Rosa, Lila und Pink. Mit frohen, gewaltigen Schritten hüpft Marina in ihrem rosa-lila-geblümten Sommerkleid zum Stuhl neben Helen und lässt sich darauf plumpsen. Helen reagiert nicht. Einzig und allein ihre traurigen Augen bewegen sich ein kleines Stück in Richtung Marina und ein kurzes Zucken des rechten Mundwinkels deutet eine Begrüßung für Marina an.

››Ist wieder morgens‹‹, bemerkt Marina und ihre sonst eher schrille Stimme ist plötzlich ganz sanft. Einen Augenblick bleibt sie einfach nur ruhig neben Helen sitzen und meint schließlich: ››Das war wunderschön mit dir gestern Abend.‹‹

Helens Mundwinkel versuchen ein kleines Lächeln auf die Lippen zu bringen, aber alles was entsteht, ist ein tief traurig, verweintes Gesicht mit zwei hochgezogenen Mundwinkeln.

Als ich so ein Gespräch zwischen Marina und Helen vor ein paar Tagen das erste Mal mitbekam, glaubte ich, dass beide vollkommen uneinfühlsam miteinander umgehen. Konnte Marina Helen nicht einfach trösten und fragen, was sie so bedrückt und versuchen Lösungen für ihre Probleme zu finden? Konnte Helen nicht zumindest ein bisschen mehr Begeisterung für Marinas nette Worte zeigen? Heute bin ich etwas schlauer und weiß, dass Marina unglaublich einfühlsam ist, indem sie eben nicht versucht, Helen zu trösten. Ich begreife, dass Helen auf Marinas Vorschlag mit einer maximalen Morgen-Begeisterung reagiert hat. Und ich verstehe inzwischen, dass sie wirklich toll miteinander umgehen.

Eine kurze Zeit sitzen beide so nebeneinander. Hellen schaut mit ihrem traurigen Blick auf den Boden und Marina rutsch hibbelig auf ihrem Stuhl hin und her. Dann wird es unruhig. Weitere Personen finden sich im Wartezimmer ein, bis es schließlich komplett gefüllt ist. Eine eigenartige Atmosphäre erfüllt den Raum und ich beginne zu begreifen, dass es ein großer Unterschied ist, ob man sich in der Mensa einer Universität befindet oder im Wartebereich einer Psychiatrie.

Tatsächlich befinde ich mich seit ein paar Tagen in der Psychiatrie und es braucht wohl noch einige Zeit, bis ich mich mit diesem Gedanken wirklich abfinden kann. Alles, was sich hier unter den Menschen abspielt, ist mir fremd und unverständlich. Ich habe mich immer für einfühlsam gehalten, aber hier fühle ich mich wie ein Elefant im Porzellanladen.

Ich verstehe einfach nicht, was in Helen vorgeht. Ich würde sie trösten wollen, aber ich habe gesehen, dass andere, die das versuchten, damit eine Katastrophe bei ihr ausgelöst haben. Ich begreife einfach nicht, was Marina hier macht. Ich habe sie hier noch nie schlecht gelaunt oder traurig gesehen. Warum ist sie hier? Wegen knalligem Farbgeschmack wird doch wohl keiner in die Psychiatrie eingewiesen. Auch Lucy ist mir ein Rätsel. Ständig läuft sie zum Waschbecken und wäscht sich die Hände, bis diese bluten. Und ich ertrag Ben nicht, der ohne Punkt und Komma redet.

Ben redet immer und hört einfach nicht zu. Wenn Sie bis jetzt glaubten, Sie kennen Menschen, die schlecht zuhören, dann kennen Sie Ben nicht. Gerade ist Lucy sein Opfer.

››Ben ich muss jetzt wirklich auf die Toilette. Also bis gleich …‹‹, will sich Lucy verabschieden.

Aber Ben redet unbeirrt weiter: ››Ja, auf der Toilette war ich heute Morgen auch schon. Hat ganz schön gerumst, weil ich gestern so viele Bohnen gegessen habe. Bohnen sind ein tolles Gemüse. In Mexiko werden ständig Bohnen gegessen. Letztes Jahr war ich mit meinem Kumpel in Mexiko, da haben wir eine Rundreise gemacht. Wusstest du das Mexiko weniger Einwohner als Deutschland hat. In Erdkunde war ich nie gut, aber das habe ich behalten. Ich versuche gerade mein Abitur nachzumachen und da….‹‹

Völlig entnervt unterbricht Lucy ihn: ››Weißt du was. Rede doch einfach mit dem Plüschteddy da. Es macht für dich doch überhaupt keinen Unterschied, ob du mit dem redest oder mit mir.‹‹ Lucy steht wütend auf und geht.

Ben sucht sich sofort ein neues Opfer für seinen Sprechdurchfall: ››Sarah, weißt du, dass ich zu Hause auch einen Plüschteddy habe. Den hat mir mal meine Oma geschenkt. Meine Oma hat mir immer viel geschenkt und mir Geld gegeben, wenn meine Mutter mir mal kein Taschengeld geben wollte. Die Psychologen meinen, ich sollte lieber meine EC-Karte abgeben, weil ich neulich für 300 Euro im Schreibwarenladen Kugelschreiber gekauft habe. Ich fand die Kugelschreiber so schön. Magst du Blau? Ich mag Schwarz und Grün. Eigentlich schreibe ich lieber mit Bleistiften, aber….‹‹

In solchen Momenten beneide ich einfach jeden hier im Wartezimmer, der gut abschalten kann. Sarah ist Weltmeister darin. Kurz nach Beginn von Bens Dialog hat sie einfach wieder ihren Tunnelblick eingeschaltet. Sie starrt in die Gegend und ich weiß, dass sie Ben nicht mehr mitbekommt. Während Sarahs ››Ich‹‹ sich irgendwo weit weg ausruht, muss ich mir Bens ganzen Monolog anhören und werde innerhalb von zwei Minuten durch die Welt von Sonnencreme, Schwimmflügeln, Gummibärchen, Zoos, Putzfrauen, Arbeitsmarkt, Konjunktur, Autos und Sitzkissen geführt. Hilfe, ich will hier raus!!!

Ich bin ein Stuhl

Jeder kann hier raus. Wir befinden uns auf einer offenen Station bei der jeder Patient kommen und gehen kann. Aber leider habe ich diese Option nicht, da ich ein Stuhl bin und somit nicht weggehen kann. Ich muss dort stehen, wo man mich hinstellt und gegenwärtig stehe ich in dem Wartezimmer einer Psychiatrie.

Ich weiß, vermutlich glauben Sie mir nicht, dass ich wirklich ein echter Stuhl bin. Vermutlich glauben Sie, ich wäre an Schizophrenie erkrankt und leide an Wahnvorstellungen. Dem ist aber nicht so. Ich bin wirklich ein echter Stuhl, der das Pech hat, seine Zeit im Wartezimmer einer Psychiatrie zu verbringen. Ich weiß, wenn ich Wahnvorstellungen hätte, würde ich wohl auch beteuern, dass ich ein echter Stuhl bin, obwohl ich mir das nur einbilde. Eine wirklich vertrackte Situation.

Wenn ich nicht in einer Psychiatrie wäre, sondern in einem Märchen oder einem Comic, würden Sie mir vermutlich sofort glauben, dass ich ein echter Stuhl bin. Aber so? Vermutlich glauben Sie mir schon, dass ich glaube, ein Stuhl zu sein. Aber Sie glauben mir eben nicht, dass ich einer bin. Wie kann ich Sie da nur überzeugen? Wie können Sie mit der Ungewissheit dieses Buch lesen? Immer sich zu fragen, ob ich nun ein Patient bin, der glaubt ein Stuhl zu sein oder ob ich wirklich ein Stuhl bin, der diese Geschichte erzählt.

Aber ich bin wirklich ein Stuhl und es verletzt mich, wenn Sie mir nicht glauben. Stellen Sie sich mal vor, Sie sind wirklich ein Stuhl in der Psychiatrie und keiner glaubt Ihnen. Alle halten Sie für einen verrückten Patienten. Das ist furchtbar. Sie lesen dann mein Buch ganz anders und hinterfragen ständig meinen Verstand und meine Wahrnehmung. Also, bitte, glauben Sie mir! Ich bin ein Stuhl.

Nach einer interessanten Zeit in der Mensa einer Universität bin ich jetzt seit 5 Tagen im Wartezimmer einer Psychiatrie und hasse es. Ich vermisse die Studierenden, deren Leben ich kannte und verstand, deren Sorgen und Nöte ich mitfühlen und miterleben konnte. Und hier? Hier verstehe ich keinen mehr. Ich fühle mich wie ein unempathischer Holzklotz, vom Leben und Mitfühlen abgeschnitten. Ich fühle mich verlassen und einsam.

In der Mensa war ich mit den Studierenden verbunden und konnte tagtäglich an ihrem Leben teilhaben. Das braucht man als Stuhl, weil man ja nur an einer Stelle steht und selbst nicht viel erleben kann. Hier geht das alles nicht. Jeder von den Patienten scheint, in seiner eigenen Welt zu leben, in der andere Gesetze als in der Mensa gelten. Und die Pfleger, Therapeuten und auch manche der Patienten scheinen die Welt der Anderen oftmals zu verstehen. Ich verstehe sie nicht.

Ich meine, nehmen wir mal Sarah. Beim ersten Anblick war sie mir bereits suspekt. Sie trägt immer nur enge, schwarze Jeans und ein langärmliges, viel zu weites, schwarzes Sweatshirt. Ihre dunkelbraunen, lockigen, langen Haare fallen ihr tief ins Gesicht und werfen eigenartige Schatten. Sie wirkt so finster, dass mir immer ganz anders wird, wenn sie den Raum betritt. Gestern saß sie hier ganz alleine im Wartezimmer und fühlte sich unbeobachtet. Naja, letztlich war sie es ja auch, denn Menschen wissen ja nicht, dass wir Stühle alles mitbekommen. Sie saß mir gegenüber und schob ihren Ärmel nach oben. Ihr Arm war völlig durchnarbt auf eine Art und Weise, wie ich es noch nie gesehen hatte. Jetzt wurde mir klar, warum ich sie auch bei den höchsten Temperaturen immer nur mit langärmligen Shirts gesehen habe. Diesen vernarbten Arm hätte ich auch keinem zeigen wollen. Ich war betroffen und fragte mich, was für ein Unfall wohl zu so einer Narbenbildung geführt haben könnte.

Die Antwort sollte ich sofort erhalten. Sarah blickte auf ihren Unterarm. Sie nahm eine Metallspange aus dem Haar und drückte die Spitze fest in ihren Unterarm. Langsam zog sie die tief in ihr Fleisch gedrückte Spitze durch die Haut. Blut quoll aus der Wunde, die die Spitze der Spange in ihren Unterarm gepflügt hatte. Ich war völlig geschockt und starrte wie paralysiert auf ihren Arm. Ich glaube, dieses Bild werde ich nie vergessen. Da saß Sarah und rammte sich seelenruhig eine Haarspange in ihren Arm. Erleichterung glitt über ihr Gesicht und dann saß sie einfach nur ruhig da und ließ ihren Arm bluten. Ich war total aufgewühlt und angewidert von dem Anblick. Aber sie schaute gelassen und teilnahmslos aus dem Fenster. Mein Ekel verwandelte sich langsam in Wut. Wie konnte sie mir diesen Anblick nur zumuten?

Vielleicht hatte sie etwas von meiner Wut gespürt. Sie holte jedenfalls ein Taschentuch aus ihrer Hosentasche und drückte es auf die Wunde. Ich war erleichtert, das Blut und die Verletzung nicht mehr sehen zu müssen. Meine Fassungslosigkeit gewann wieder die Überhand. Ich fühlte mich wie in einem schlechten Albtraum. Hatte ich das wirklich gerade erlebt?

Nach einiger Zeit nahm sie das Taschentuch von der Wunde, um festzustellen, ob die Blutung aufgehört hatte. Das blutverschmierte Taschentuch steckte sie in die Hosentasche, zog den Ärmel über ihren Unterarm und ging weg.

Völlig verstört ließ sie mich zurück. Ich konnte überhaupt nicht begreifen, was ich da gerade gesehen hatte. Und ich weiß auch nicht, ob ich das je begreifen will. Ich will nicht mitempfinden, wie ein Mensch sich so etwas selbst zufügt. Ich möchte einfach nur zurück in meine Mensa zu den Studierenden!

Visite beim Oberarzt

Das Wartezimmer ist inzwischen randvoll. Mit schnellem Schritt betritt der Oberarzt mit einem Pfleger den Wartebereich und öffnet die Tür zum großen Besprechungsraum. Nach einiger Zeit folgen weitere Therapeuten, ein Stationsarzt und eine Pflegerin. Weitere Zeit verstreicht und schließlich öffnet die Pflegerin die Tür und bittet Ben zum Gespräch herein. Erleichterung macht sich im Wartezimmer breit und ich frage mich, ob er da drinnen auch Dinge von Gummibärchen, Konjunktur, Duschgel und dem Weltfrieden erzählen wird.

Ein Patient nach dem anderen wird aufgerufen und kommt nach etwa zehn Minuten wieder heraus. Manche kommen so heraus wie sie hineingegangen sind, depressiv, überdreht, gleichgültig. Und bei manchen zeigt sich ein dramatischer Stimmungsumschwung.

So zum Beispiel bei Marina: Als Marina von der Pflegerin hineingebeten wird, folgt sie hüpfenden Schrittes in ihrer typisch pink-überdrehten Art der Aufforderung. Zehn Minuten später verlässt sie den Besprechungsraum und ich erkenne sie kaum wieder. Ihr Gesicht ist mit Tränen überströmt und eingefallen. Ihr Elan und ihre Körperspannung sind vollkommen aus ihrem Körper entwichen. Sie erinnert mich an einen rosa Marshmallow, der zu lange in der Sonne gelegen hat.

Was haben die da drinnen nur mit meiner kleinen ››Miss Piggy‹‹ gemacht? Sie scheint, alle Lebensfreude und Energie in diesem Raum gelassen zu haben. Ein rosafarbenes Häufchen Elend entschwindet langsam im tiefen Gang. Von Zeit zu Zeit ist ein leises Schluchzen zu hören, das mit jedem ihrer schluffenden Schritte leiser wird und schließlich verstummt. Ich wäre ihr gerne nachgelaufen und hätte sie in den Arm genommen und getröstet. Aber ich bin ja leider nur ein Stuhl und stehe somit ratlos und ein klein wenig verzweifelt in meiner Ecke und bin traurig.

Schließlich verlässt die letzte Patientin den Besprechungsraum. Ein wenig später folgen die Ärzte, Therapeuten und Pfleger und dann folgt Stille. Ich bin mit mir und meinen Eindrücken wieder alleine.

In der Mensa mochte ich diese Momente sehr. Ich konnte alles noch einmal wirken lassen und genießen, was ich über den Tag an bewegenden und berührenden Eindrücken gesammelt hatte. Aber hier mag ich das gar nicht. Ich will die letzten 5 Tage nicht Revue passieren lassen. Ich mag diese Eindrücke überhaupt nicht. Und an diese Menschen erinnere ich mich auch nicht gerne bis auf vielleicht an meine kleine ››Miss Piggy‹‹. Meine Gedanken an sie sind im Augenblick aber eher von Sorge und Traurigkeit geprägt, so dass ich auch an sie jetzt nicht denken mag.

Hallo

Ich stehe also im Wartezimmer und hadere mit meinem Schicksal, als plötzlich Sarah mit ihrer finsteren Aura alleine den Gang herunterkommt. Sie setzt sich mir gegenüber und starrt auf den Boden. Die Gedanken an ihre Selbstverletzung lassen mich erschauern.

››Nein, bitte nicht wieder diese grausige Nummer von gestern‹‹, hätte ich am liebsten laut herausgeschrien.

Doch da kommt schon meine Rettung. Lucy schlendert ins Wartezimmer und stellt sich neben Sarah. Sie geben gemeinsam ein eigenartiges Bild ab. Auf der einen Seite Sarah in dieser finsterschwarzen Kleidung. Auf der anderen Seite Lucy: ihre blonden, langen Haare sind peinlich genau geschnitten und wirken recht perückenhaft. Sie trägt eine schwarze Stoffhose und ein graues Jackett, unter dem ein weißes T-Shirt hervorschaut. Ihre ganze Erscheinung ist so extrem steif.

››Wir kennen uns noch nicht‹‹, beginnt sie das Gespräch. ››Ich bin Lucy und bin seit gestern hier. Ich hab gehört du bist Sarah. Wie lange bist du schon hier?‹‹

››Viel zu lange‹‹, antwortet Sarah mit trauriger Stimme.

Für einen Moment tritt Stille ein, aber dann gibt sich Sarah einen Ruck und führt das Gespräch weiter: ››Weshalb bist du hier?‹‹

››Zwangsgedanken, Zwangshandlungen, gemischt. Jedenfalls ist das mein offizielles Etikett unter dem ich hier laufe‹‹, antwortet Lucy. ››Naja, ich trau mich einfach nicht mehr irgendetwas anzufassen. Und wenn ich es dann doch mache, habe ich gleich das Gefühl, ich könnte mich mit irgendetwas anstecken. Dann renne ich zum Waschbecken und wasch mir die Hände, so ungefähr tausendmal am Tag.‹‹

››Ist das der Grund, warum du immer noch stehst?‹‹, hakt Sarah interessiert nach.

››Ja, erwischt‹‹, lacht Lucy. ››Die Stühle könnten ja alle mit tödlichen Viren kontaminiert sein‹‹, grinst sie.

Sarah schaut sie betroffen an.