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Weihnachtsmann, Nikolaus und Osterhase sind seit jeher die besten Freunde der zwölfjährigen Charlotte. Jedes Jahr zur rechten Zeit bekommt sie Besuch von ihnen, auch wenn ihr das keiner glaubt. Doch in diesem Jahr ist etwas anders. In diesem Jahr kauert nur ein weinender Engel unter ihrem Schreibtisch. Lassen Sie sich die Adventszeit verschönern durch ungewöhnliche Geschichten, in denen ein Senio-renchor so gut singt, wie man es ihm niemals zugetraut hätte, oder sich nervige Großfamilien, au-ßergewöhnliche Weihnachtsmänner und viele mehr tummeln. Vierundzwanzig Weihnachtsge-schichten laden Sie zum Schmökern und Vorlesen ein.
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Seitenzahl: 220
Veröffentlichungsjahr: 2023
Cathrin Block
Der Engel unterm Tisch
24 Adventskalendergeschichten
© 2023 Cathrin Block
Umschlag, Illustration: Juliane Block, Cathrin Block Lektorat, Korrektorat: Cathrin Block
Druck und Distribution im Auftrag der Autorin:
tredition GmbH, Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland
ISBN
Paperback 978-3-384-00047-7
Hardcover 978-3-384-00048-4
e-Book 978-3-384-00049-1
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Für die Inhalte ist die Autorin verantwortlich. Jede Verwertung ohne ihre Zustimmung ist unzulässig. Die Publikation und Verbreitung erfolgen im Auftrag der Autorin, zu erreichen unter: tredition GmbH, Abteilung "Impressumservice", Halenreie 40-44, 22359 Hamburg, Deutschland.
Cover
Titelblatt
Urheberrechte
Über dieses Buch
Vorwort
Das Weihnachtsschwein
Familienfest
Findelkind
Taxi nach Boston
Bethlehems Himmel
Der Engel unterm Tisch
Fröhliche Skype-Nacht
Wie man den Weihnachtsmann castet
Josefs Mantel
Fest der Liebe
Walter
Rosis Baum
Briefe an Papa
Traumhaus
Wie Weihnachtsgnome wachsen
Kling, Glöckchen, klingelingeling.
Traumengel
Die Wunderkrippe
Heimkehr
Die Weihnachtsfrau
Junior
Weihnachtsstreik
Maries Entscheidung
Mrs. Hunswell:
Bessie:
Joe:
Garth:
Vierundzwanzig
Über die Autorin
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Über dieses Buch
Über die Autorin
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Über dieses Buch
Weihnachtsmann, Nikolaus und Osterhase sind seit jeher die besten Freunde der zwölfjährigen Charlotte. Jedes Jahr zur rechten Zeit bekommt sie Besuch von ihnen, auch wenn ihr das keiner glaubt. Doch in diesem Jahr ist etwas anders. In diesem Jahr kauert nur ein weinender Engel unter ihrem Schreibtisch.
Lassen Sie sich die Adventszeit verschönern durch ungewöhnliche Geschichten, in denen ein Seniorenchor so gut singt, wie man es ihm niemals zugetraut hätte, oder sich nervige Großfamilien, außergewöhnliche Weihnachtsmänner und viele mehr tummeln. Vierundzwanzig Weihnachtsgeschichten laden Sie zum Schmökern und Vorlesen ein.
Vorwort
Es begann 1999. Zu der Zeit leitete ich an der Volkshochschule einen Kurs in literarischem Schreiben und kam auf die Idee, das letzte Treffen vor Weihnachten anstatt mit Textarbeit mit selbst geschriebenen Weihnachtsgeschichten zu füllen. So begann eine Tradition. Jedes Jahr im Dezember trafen wir uns bei Kerzenschein, Weihnachtsdekoration, alkoholfreiem Punsch und Plätzchen zu unserer Lesung. Und genossen die vielen unterschiedlichen Geschichten, die jeder beisteuerte. Erst 2016 endete dieses alljährliche Event, weil ich meinen Dozentenjob aufgeben musste.
Doch ich fuhr fort, jedes Jahr im Herbst eine weitere Geschichte zu schreiben und sie an Verwandte, Freunde und Bekannte als Weihnachtsgruß zu verschicken. Vierundzwanzig Texte sind dadurch zusammengekommen, die perfekte Anzahl für ein solches Buch. Wenn Sie ein Türchen an ihrem Adventskalender öffnen, ein Stückchen Schokolade herausholen und sich mit ihm und einer Tasse Tee in Ihren Lieblingssessel kuscheln, ist das genau der richtige Moment für eine der Geschichten. Sie können Sie vorlesen oder selbst darin schmökern. Sie können auch alle hintereinander weg lesen, so wie ich es gemacht habe, als ich dieses Buch zusammenstellte. Was immer Sie auch tun wollen, ich wünsche Ihnen eine besinnliche Weihnachtszeit und viel Spaß beim Entdecken meiner Adventskalendergeschichten.
Das Weihnachtsschwein
Die Metzgerin hatte es nicht leicht. Das wusste jeder in Kleinsüstrow. Erst war es die Frau des Lehrers gewesen, aber die war irgendwann wieder in die Stadt gegangen und hatte den Lehrer und den Metzger zurückgelassen. Dann kam die junge Ärztin, die dort weitermachen wollte, wo der alte Doktor Bullwend aufhören musste. Weil der Rotwein seine Augen trübe machte und seine Hände zittrig. Aber in Kleinsüstrow mochte man junge Frauen nicht, die mit neumodischen Apparaten die Patienten erschreckten. Doktor Bullwend hatte immer noch genug zu tun. Die junge Frau Doktor blieb nicht lange und der Einzige, der ihr hinterher trauerte, war der Metzger.
Der Metzgerin merkte man nichts an. Sie stand tagein, tagaus im Laden. Ihre Arme, dick wie die Oberschenkel des ältesten Brakelsohns, schwangen das Knochenbeil beim Zerteilen der Koteletts, gingen vor und zurück beim Schneiden der Wurst und hielten für einen Augenblick ganz still, bis der Kunde das Gewicht des bestellten Schinkens mit einem Nicken absegnete. Aber jeder wusste, dass sie sich ab und zu hinten im Garten im Schweinekoben ausheulte. Niemand außer dem Schwein sah sie so. Wenn sie aus dem Koben wieder auftauchte, waren ihre Augen trocken, nur ein wenig rot. Aber sie litt, wenn zu Weihnachten das Schwein geschlachtet wurde, da war man sich in Kleinsüstrow sicher.
Es war etwas Besonderes um dieses Schwein. „Das Weihnachtsschwein“, sagte der Metzger. Er fuhr jedes Jahr im Dezember und holte sich ein Ferkel, das das ganze Jahr über gepflegt und gemästet wurde. Am vierten Advent war es dann so weit. Der Metzger nahm das Beil, das eigens zu diesem Zweck über der Tür des Kobens hing, und hieb es mit einem gewaltigen Schlag direkt in den Schädel des armen Tieres. „So muss es nicht leiden, das hält das Fleisch schmackhaft“, sagte er. Er hängte das Schwein an den Hinterbeinen an ein Gestell im Hof und ließ es ausbluten. Da standen schon die ersten Leute mit Bier und Schnaps dabei. Die Metzgerin nahm die Schüssel mit dem Blut fort, daraus wurde eine köstliche Wurst. Die Innereien kamen in eine andere Schüssel. „Darüber freuen sich die Brakels mit ihren zehn halb verhungerten Kindern“, sagte der Metzger und kam sich sehr mildtätig vor. Spätestens jetzt bog der Pfarrer um die Ecke und sprach seinen Segen. Man fachsimpelte über die Qualität des Fleisches und wartete ungeduldig, bis der Metzger das Schwein zerteilt hatte. Der Pfarrer und der Bürgermeister bekamen das Filet, wie es sich gehörte. Die Schinkenbraten waren für die Ratsherren. Und der Lehrer, der den Metzgerssohn unterrichtete, durfte sich den schönsten Kotelettstrang aussuchen. Der Rest ging stückweise an die, die sonst noch herumstanden. Die Metzgerin schaffte die Waage und den Hackklotz aus dem Laden in den Hof und wog und kassierte.
So war es all die Jahre gewesen, doch jetzt war alles anders. Jetzt hatte der Apotheker eine junge Frau.
Im vergangenen Jahr schon, kaum dass sie in das Apothekenhaus gezogen war, hatten die Ratsherren gemurrt, weil ihre Schinkenbraten so viel kleiner ausfielen. Sonst hatte der Apotheker sich immer mit einem Eisbein begnügt, doch plötzlich erhielt er – doch eigentlich seine Frau – das beste Stück. Selbst das Filet für den Pfarrer und den Bürgermeister hätte sie haben können, doch das hatte sie abgelehnt. Ihr genüge der Schinkenbraten, hatte sie gesagt, und in Kleinsüstrow zerriss man sich seither das Maul.
In diesem Jahr bekamen die Gerüchte neue Nahrung. Anfang Dezember, die letzten Blätter fielen noch von den Bäumen, hatte der Metzger seiner Frau erklärt, er wisse von einem wundervollen Ferkelwurf im Bergischen. Zwei Wochen würde es dauern, bis er mit dem Tier zurück sei, und so lange würde sie es ja wohl ohne ihn schaffen. Dann fuhr er fort.
Am Samstag danach kam der Apotheker höchstselbst in den Laden und kaufte nur ein paar Weißwürste. Seine Frau sei ins Bergische zu einer Cousine gefahren, sagte er. Die Frauen im Laden steckten sofort die Köpfe zusammen und manch ein mitleidiger Blick traf die Metzgerin.
Ihre Arme, dick wie der Oberschenkel des Brakelsohns, schwangen wie immer das Knochenbeil beim Zerteilen der Koteletts, gingen vor und zurück beim Schneiden der Wurst und hielten für einen Augenblick ganz still, bis der Apotheker das Gewicht der Weißwürste mit einem Nicken absegnete. Und nur die Witwe Mensing sah den Gewitterblick in ihren Augen und ahnte, dass für die Metzgerin nicht der Kotelettstrang unter dem Beil lag, nicht die Wurst in der Schneidemaschine.
Bald darauf war die Apothekerin zurück. Sie kam allein, ohne den Metzger, gerade am Abend vor dem vierten Advent. Aber niemand hatte etwas anderes erwartet.
Am nächsten Tag fanden sich die Leute wie immer im Hof der Metzgerei ein, um beim Schlachten zuzusehen. Doch sie staunten nicht schlecht. Diesmal lagen die Fleischpakete bereits verpackt auf dem Tisch mit der Waage. Die Metzgerin stand lächelnd daneben.
„Wo ist der Metzger?“, fragte der Bürgermeister.
Die Metzgerin zuckte mit den fleischigen Achseln. „Sein Geschäft im Bergischen hat nicht den erwarteten Abschluss gefunden“, sagte sie. „Er bleibt noch ein Weilchen.“ Dann begann sie mit dem Verteilen der Fleischpakete.
Wer genau achtgab, konnte sehen, dass noch nie ein Weihnachtsschwein so viel Fleisch hergegeben hatte.
Die Metzgerin verteilte großzügig und auch die Brakels mit ihren zehn Kindern bekamen in diesem Jahr ein gutes Stück vom Kotelettstrang. Es war mehr als genug für alle da.
Der Apothekerin mundete an diesem Heiligabend der Metzgersschinken ganz vorzüglich.
Familienfest
Der Wecker klingelt. Ich mache ihn rasch aus, damit nichts bis in Carstens Träume vordringt. Neun Uhr dreißig. Kein Problem. Ich habe Zeit in Hülle und Fülle. Welch ein Luxus.
Ich schlüpfe in Hausschuhe und Morgenmantel. Es ist kalt heute, vielleicht bekommen wir noch Schnee. Carsten dreht sich auf die andere Seite, als ich die Schlafzimmertür öffne.
Die Sonne scheint ins Küchenfenster, das Thermometer zeigt minus fünf Grad. Genau das Richtige zu Heiligabend. Ich schalte das Radio ein. Oh Tannenbaum.
Als ich die Kaffeemaschine in Gang setze, summe ich mit. Welch ein Genuss, am hellen Vormittag in aller Ruhe zu frühstücken. Keine Hektik, weil sich die Schwiegereltern angesagt haben und noch aufgeräumt werden muss. Kein Stress, weil für den Besuch von Carstens Schwester mit Anhang alle Vasen, Meißner Porzellanfigurinen und Keramikkatzen hochgestellt werden müssen. Carstens Familie ist kinderreich, in allen mir bekannten Generationen. Er hat sieben Geschwister, neun Onkel und Tanten mit entsprechenden Heerscharen von Cousinen und Cousins und mindestens sechs Großtanten und Großonkel, die ich zum Glück nur vom Hörensagen kenne. Und alle, alle sind langlebig, gesund und fruchtbar.
Nur ich nicht. Ich bin die geheime Enttäuschung dieser rentenpolitisch wertvollen Sippschaft. Ich kann keine Kinder bekommen – und bin angesichts dieser Geburtenschwemme sogar dankbar dafür. Noch mehr Stress in der Adventszeit könnte ich nicht aushalten.
Mitte November geht es los. Da ruft zum Beispiel Carstens Schwester Gudrun an. „Hallo Beate“, sagt sie dann, „wie geht es dir?“
Als ob sie das nicht genau wüsste. Wir haben uns erst eine Woche zuvor bei Schwiegerpapas Geburtstag getroffen. Die Schwiegereltern mieten regelmäßig zu diesem Anlass den großen Saal der örtlichen Dorfschenke. Anders wäre der Menschenauflauf nicht zu bewältigen und ich glaube, der Wirt hat nur wegen der Familie vor ein paar Jahren angebaut.
„Wie geht es dir“, fragt also Gudrun und ich schlage innerlich die Augen gen Himmel. Jetzt geht es los. „Weil, ich habe mir gedacht“, fährt sie fort, „weil du doch …“, an dieser Stelle wird sie jedes Jahr verlegen, „… na ja, es ist Weihnachtszeit und dazu gehören Kinder …“ Jetzt sehe ich förmlich, wie sie am Hals rote Flecken bekommt. „Na ja“, sagt sie, „wir haben schon gebastelt und die Kinder möchten unbedingt ihre Geschenke selbst überbringen. Also, was hältst du davon, wenn wir nächsten Sonntag kommen.“
Was sie meint, ist: Eine Weihnachtszeit ohne Kinder ist wie Caipirinha ohne Limetten oder, wie Schwiegermama sagen würde, wie Suppe ohne Salz. Gudruns siebenköpfiger Besuch ist eine rein karitative Angelegenheit.
Es ist, als würden sich alle irgendwann im Oktober zusammensetzen und einen Terminplan ausarbeiten: Christoph am Mittwoch nach dem zweiten Advent um sechs Uhr abends, damit seine Ablegerschar etwas davon hat, Regina den Freitag danach so um vier, man macht ja zum Wochenende früher Feierabend, nicht wahr? Für mich bedeutet das, dass ich ab August jede Menge Überstunden machen muss, um so gut wie möglich vorzuarbeiten. Im Dezember ist jede freie Minute mit Einkaufen, Kochen, Backen, Aufräumen, Putzen, Spülen ausgefüllt. Jedes Jahr wünschte ich, ich könnte ab Oktober in die Sonne entfliehen wie meine Eltern oder würde in Australien leben wie meine Schwester. Aber natürlich bekomme ich in dieser Zeit keinen Urlaub – diese Wochen sind für Familien mit Kindern reserviert. Und Saal mieten und alle auf einmal abfrühstücken ist Geburtstagen vorbehalten. Weihnachtsstimmung bekommt man nur im eigenen Heim, das ist so klar wie Kloßbrühe, sagt Schwiegermama.
Irgendwann habe ich es aufgegeben, mich dagegen zu wehren. Carstens Blick, wenn ich versuchte, andere Termine vorzuschieben, konnte ich nicht ertragen. Also habe ich mich dreingeschickt. Ich liefere gehorsam Torten und kalte Platten, nehme liebevoll schief zusammengeklebte Schuhkarton-Panoramen und Weihnachtstransparente in Empfang und beseitige die anschließenden Schlachtfelder.
Und vielleicht, ja wirklich, vielleicht hat der Himmel in diesem Jahr endlich ein Einsehen. In diesem Jahr muss ich zum ersten Mal an Heiligabend keine Gans braten. Die Schwiegereltern überwintern auf Mallorca.
Gott sei Dank.
Weihnachten ohne Gans ist wie Ostern ohne Osterei, sagt Schwiegermama. Gans braten bedeutet eine Küche voller Fettschwaden, ein Backofen, der dringend gereinigt werden muss, Kartoffeln schälen, den ganzen Tag im Dunst stehen und die Gans begießen, die Soße rühren, bis mir der Arm wehtut, Kartoffeln für die Klöße reiben – da ich das nur einmal im Jahr mache, habe ich keine Maschine, die es für mich tut –, Rotkohl hobeln. Und Abwasch, Abwasch, Abwasch.
Doch heute brauche ich das alles nicht. Carsten und ich haben uns auf Spaghetti geeinigt, leicht, schnell, ohne großen Aufwand, in zehn Minuten fertig. Die Schwiegereltern essen Gans auf Mallorca.
Nicht, dass ich die beiden nicht mag. Ganz im Gegenteil. Schwiegermama ist eine herzensgute Frau, immer zur Stelle, wenn man sie braucht, sei es, um dringend den Garten zu jäten, weil Carsten und ich es mit unseren stressigen Jobs nicht schaffen, sei es, um die Blumen zu gießen und unsere Katze zu hüten, wenn wir in Sri Lanka oder auf den Seychellen oder in der Karibik sind. Und ohne Schwiegerpapa würden wir ein Heidengeld den Installateuren und Malern und Tischlern in den Rachen werfen.
Doch es ist unbezahlbar, dass wir heute endlich mal allein sind.
Nachher wollen wir einen langen Spaziergang machen. Nie haben wir Gelegenheit, uns in der Innenstadt die Lichter anzusehen. Immer schenkt uns einer aus der Familie für ein paar Stunden seine Kinder mit den leuchtenden Augen. Aber heute nicht. Heute können wir nach Ladenschluss ausgiebig bummeln. Ungeahnte Freuden. Dann, nach dem Essen, werden wir das Weihnachtsoratorium hören. Und werden Bescherung machen, nur wir zwei. Ich habe für Carsten einen Pullover gestrickt, schon im Sommer, der liegt verpackt unter dem Christbaum. Für mich gibt es dort auch ein Päckchen. Ich bin gespannt, was Carsten sich ausgedacht hat. Dann wollen wir einen Film sehen, den wir uns extra ausgeliehen haben, E-Mail für dich. Ich mag Tom Hanks und Carsten ist ein Fan von Meg Ryan. Und wir werden uns haben, einen ganzen Tag lang, nur wir zwei. Das ist das größte Geschenk von allen.
Der Kaffee ist fertig. Ich fülle ihn in die gute Kanne mit dem Goldrand und stecke den Toast in den Röster. Und, ja genau, ich werde uns Rührei zum Frühstück machen, Cholesterinspiegel hin, Cholesterinspiegel her. Heute ist Heiligabend. Pfeifend stelle ich die Pfanne auf das Ceranfeld.
Es klingelt.
Wahrscheinlich der Postbote, Paket von den Eltern. Die Schwiegereltern haben ihres im November da gelassen. Aber erst an Weihnachten aufmachen, habt ihr gehört? Es liegt bei den anderen Päckchen im Wohnzimmer.
Ich schlappe zur Haustür. Zwei Schatten vor dem Riffelglas. Wer ist denn da beim Postboten?
Ich öffne. Als Erstes schiebt sich ein Riesenpaket in Zeitungspapier in Richtung meines Bauches. Dahinter strahlen die Gesichter von Schwiegermama und Schwiegerpapa.
„Überraschung! Ihr seid doch ganz allein heute. Da haben wir gedacht, wie fliegen schnell hierher. Ist ja so billig im Moment. Und wir sind extra früh gekommen, da können wir die Gans noch braten. Ihr allein hättet euch doch bestimmt diese Mühe nicht gemacht.“
Am liebsten würde ich ihnen die Haustür vor der Nase zuschlagen, aber dann trete ich beiseite und lasse sie herein.
Findelkind
„Roxy, komm da weg!“
Charlotte zog an der Leine, aber ihr Border Collie stand unverrückbar vor einem Tannendickicht am Waldrand und wedelte heftig mit dem Schwanz.
„Was ist los mit dir? Nun komm endlich, es ist kalt“, sagte Charlotte ärgerlich. So kannte sie ihre Hündin gar nicht. Normalerweise folgte Roxy aufs Wort. Und wenn sie ausnahmsweise etwas interessanter fand als Charlottes Befehle, dann bellte sie. Doch diesmal stemmte sie sich stumm mit ihrer ganzen Kraft gegen den Zug der Leine. Ihre Zunge hing weit heraus, ihre Nasenlöcher zuckten und ihre Rute flog so heftig hin und her, dass ihr ganzer Körper mitschwang. Kein Laut drang aus ihrer Kehle, nicht mal ein leises Knurren.
Charlotte hockte sich ächzend neben die Hündin und legte den Arm um sie. „Was hast du denn, Roxy? Das sind junge Bäume, nichts weiter“, sagte sie.
In diesem Moment drang aus dem Dickicht ein Geräusch, das klang, als würde ein kleines Tier jammern. Charlotte spähte in das Dunkel hinter den bereiften Zweigen, aber sie konnte in der frühen Dämmerung nichts erkennen.
Wieder dieses Geräusch.
„Hast du etwa ein Kätzchen gefunden?“ Charlotte wuschelte durch das Fell zwischen Roxys Ohren. Ein Rehkitz konnte es jetzt im Winter ja nicht sein.
Wieder jammerte es leise. Roxy sah Charlotte an und fuhr ihr mit der Zunge über die Wange. Dann wand sie sich aus der Umarmung und wollte zwischen die Tannen schlüpfen. Doch Charlotte hielt sie zurück. „Du bleibst hier. Ich mache das.“ Stöhnend richtete sie sich auf. „Obwohl das nicht gut ist für meine alten Knochen, hörst du? Aber ich will nicht, dass du jemanden verletzt, verstanden?“ Dann drückte sie sich entschlossen durch die Zweige. Wahrscheinlich würde sie es bereuen, wenn sie ein krankes Tier fand, doch jetzt hatte sie die Neugier gepackt.
Aber es war kein Kätzchen, es war ein Kind. „Oh mein Gott!“, murmelte Charlotte.
Das bewusstlose Mädchen lag verkrümmt zwischen den Stämmchen, sein zerfetztes Kleid war viel zu dünn bei diesem Wetter, seine nackten Füße blau gefroren und sein ganzer Körper übersät mit blutigen Kratzern.
Charlotte kniete sich daneben, zog es an die Brust und schlang ihren Mantel um die Kleine. Sie konnte höchstens fünf Jahre alt sein und ihr Körper fühlte sich eisig an. Das Mädchen stöhnte.
„Keine Angst“, murmelte Charlotte beruhigend. Dann machte sie sich, das Kind fest in ihren Armen, auf den mühevollen Rückweg durch die Bäume.
Roxy sprang an ihr hoch, als sie zurückkam. Aber auch diesmal blieb die Hündin stumm. Es schien, als wolle sie die Kleine nicht erschrecken. Sie schnüffelte nur an den Kleiderzipfeln, die aus Charlottes Mantel lugten, und leckte den schlaff herabhängenden Fuß. Und dabei flog ihr Schwanz immer noch hin und her.
„Los, Roxy, wir müssen auf dem schnellsten Weg nach Hause“, sagte Charlotte. Sie bückte sich – das Kind war erstaunlich leicht – und nahm die Hundeleine auf. Dann beeilten sich beide, zu den Häusern am Stadtrand zu kommen.
Für eine Fünfjährige besaß das Mädchen seltsame Proportionen, zu lange Beine, zu lange Arme und alles sehr, sehr zart. Charlotte zog die Kleine als Erstes aus und steckte sie in die warme Badewanne. Sie hatte gelesen, dass man Unterkühlungen damit wirksam bekämpfen konnte. Dann holte sie Jodtinktur und Pflaster und verarztete die zahlreichen Schrammen. Besonders schlimm sahen zwei tiefe Schnitte rechts und links der Wirbelsäule aus. Zum Glück waren sie bereits verschorft, aber Charlotte beschloss, das Mädchen gleich morgen dem Arzt vorzustellen.
Als sie das Kind, eingehüllt in eines von ihren T-Shirts, im Gästezimmer fest in die Bettdecke einpackte, schlug die Kleine endlich die Augen auf, grüne Augen von einer so intensiven Farbe, wie Charlotte sie noch nie gesehen hatte. Zuerst war der Blick des Mädchens noch etwas trübe, doch als er sich klärte, glomm Panik darin auf. Das Kind keuchte und drückte sich so fest in das Kissen, wie es konnte.
„Vorsicht“, sagte Charlotte sanft, „du hast ein paar tiefe Wunden am Rücken. Sie dürfen nicht wieder aufbrechen. Und hab keine Angst, bei mir bist du sicher.“
Aber erst, als Roxy ihre Schnauze auf die Bettkante legte, entspannte sich die Kleine ein wenig.
„Wie heißt du denn“, wollte Charlotte wissen.
Das Mädchen sah Roxy an. Dann schob es seine Hand aus der Decke und berührte die Hundeschnauze. Roxy ließ sich das gefallen, ohne einen Muskel zu bewegen.
„Elaina“, murmelte Charlottes Gast schließlich. Die Stimme, zart, irgendwie zwitschernd und wunderschön, passte zur Erscheinung des Mädchens.
„Das ist aber ein hübscher Name“, sagte Charlotte und stand auf. „Ich habe ein bisschen Suppe heißgemacht. Möchtest du die haben?“
Die Kleine sah wieder die Hündin an, dann nickte sie. Erstaunlicherweise blieb Roxy, wo sie war, als Charlotte den Raum verließ.
Natürlich lag etwas Seltsames um Elaina. Es war nicht nur die Tatsache, dass ihre Wunden rasend schnell verheilten und dass sie nicht einmal einen Schnupfen bekam. Bereits am nächsten Tag gab es nur noch zwei Narben am Rücken. Den Plan mit dem Arzt konnte Charlotte aufgeben, dem Kind ging es wieder gut. Was Charlotte mehr beunruhigte, war die Angst der Kleinen. Es brauchte Tage, bis das Mädchen sie überwand und vermutlich war es Roxy zu verdanken, dass Elaina langsam Vertrauen fasste. Die Hündin wich der Kleinen nicht von der Seite und das Mädchen schien stumm mit ihr zu kommunizieren. Natürlich tauchten bei Charlotte seltsame Gedanken über die Herkunft ihres Gastes auf, aber die tat sie als Hirngespinste ab. Elfen und Kobolde gehörten in Märchengeschichten, nicht ins wirkliche Leben.
Viel wichtiger war, dass Elaina etwas zum Anziehen bekam. Charlotte änderte ein paar Kinderkleider, die sie aufgehoben hatte, falls ihre Tochter irgendwann selbst ein Baby haben würde. Und am dritten Tag beschloss sie, ihren Fund bei der Polizei zu melden. Irgendwo gab es sicher Eltern, die verzweifelt nach ihrem Kind suchten.
Doch kaum, dass sie ihre Absicht verkündet hatte, verkroch sich Elaina im hintersten Winkel der Wohnung. Und Roxy setzte alles daran, dass Charlotte nicht zur Tür hinauskonnte. Sie zwickte ihr sogar ins Bein, als Charlotte sich an ihr vorbeidrängen wollte. Das hatte die Hündin noch nie gemacht! Charlotte war so überrascht, dass sie ihren Mantel wieder auszog. Sie würde ihr Findelkind eben später melden, dann, wenn Elaina genug Vertrauen gefasst hatte und etwas mehr von sich erzählte. Und auf jeden Fall würde sie die Zeitungen nach einem vermissten Mädchen durchsuchen.
Charlottes Entschluss, vorerst nicht zur Polizei zu gehen, schien Elaina endgültig aufzutauen. Sie begann zu singen, wunderschöne Lieder, und Charlotte mit Fragen zu löchern.
„Wo sind deine Kinder?“
„Ich habe nur eine Tochter. Mia lebt in Malaysia.“
„Hast du keinen Mann?“
„Nein, der ist schon seit ein paar Jahren tot.“
„Was ist das da am Fenster?“
„Das ist ein Weihnachtsstern. Der leuchtet, weil es jetzt draußen so dunkel ist. Und bald ist Heiligabend, deshalb schmückt man seine Wohnung mit solchen Sachen.“
Von sich selbst gab die Kleine nichts preis. Und auch in der Zeitung stand nichts über ein verschwundenes Kind.
Charlotte begann, Elainas Gesellschaft zu genießen. Gemeinsam machten sie weite Spaziergänge mit Roxy. Sie kochten zusammen, aßen zusammen, spielten Gesellschaftsspiele und abends schauten sie sich Filme aus Charlottes reichhaltiger Videosammlung an. Am liebsten mochte Elaina Weihnachtsgeschichten. Es war schön, wieder jemanden zu haben, mit dem man reden konnte, auch wenn es nur ein Kind war, allerdings ein sehr verständiges.
„Kommt deine Tochter bald?“, fragte Elaina eines Abends, nachdem sie wieder einen Film angeschaut hatten. Darin war es darum gegangen, dass man Heiligabend mit der Familie feierte.
Charlotte lächelte die Kleine an. „Nein, in diesem Jahr kann Mia leider nicht nach Hause kommen. Man hat ihr diesmal keinen Urlaub bewilligt. Aber das macht nichts, du bist ja jetzt da und mit dir wird es genauso schön. Was meinst du, wollen wir morgen einen Tannenbaum kaufen?“
Elaina sagte nichts, sondern kuschelte sich nur enger an Charlotte.
Zwei Nächte später wachte Charlotte auf, weil jemand an ihrer Schulter rüttelte. Elaina und Roxy standen neben ihrem Bett. Elaina trug Anorak und Schal und hatte die Hand auf Roxys Kopf gelegt.
„Was ist los?“, fragte Charlotte schlaftrunken.
„Ich muss jetzt gehen“, sagte Elaina. „Ich möchte mich verabschieden.“
„Was?“ Ruckartig richtete Charlotte sich auf. „Aber wo willst du denn hin? Weißt du denn überhaupt, wo du hingehörst? Du kannst doch nicht mitten in der Nacht hinaus in die Kälte. Und ganz allein. Du bist noch zu klein für so etwas. Du …“
„Charlotte!“ Auf einmal hörte Elaina sich streng an. „Ich bin dreimal so alt wie du. Hast du das denn nicht längst erraten?“
„Wie bitte?“
Elaina kicherte. „Du hältst mich immer noch für ein Kind? Dann ist Roxy ja klüger als du.“
Charlotte sah das Mädchen an. Nein, das war nicht möglich! Elfen gab es nicht! Niemals! „Du hast keine Flügel“, sagte sie. Genau, das war der Beweis.
